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Full text of "Deutsche Vierteljahrsschrift Für Öffentliche Gesundheitspflege 19.1887 Michigan"

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in Millimetern 



Deutsche Vierteljahrsschrift für 
öffentliche Gesundheitspflege 

Carl Heinrich Reclam, Georg Varrentrapp, Alexander Spiess, Moritz 
Pistor, Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege, ... 



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Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

öffentliche Gesundheitspflege. 


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Deutsche Yierteljahrsschrift 

für : : 

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öffentliche Gesundheitspflege 

Heraasgegeben von 


Prof. Dr. Finkelnburg in Bonn, Dr. Göttisheini in Basel, 
Prof. Dr. August Hirsch in Berlin, Baurath Dr. Hobrecht in 
Berlin, Prof. A. W. Hofmann in Berlin, Prof. H. y. Pettenkofer 
in München, Regierungs- und Geh. Medicinal-Rath Dr. Ml Pistor 
in Berlin, General-Arzt Prof. Dr. Roth in Dresden, Sanitäts-Rath 
Dr. A. Spiess in Frankfurt a. M., Oberbürgermeister 
y. Winter in Danzig. 


Redigirt 

von 

Dr. A. Spiess und Dr. M. Pistor. 

Frankfurt a. M. Berlin. 


Neunzehnter Band. 


Braunschweig, 

Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 

1 8 87 . 


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Inhalt des neunzehnten Bandes. 


Erstes Heft. 

Seite 

Bericht des Aasschusses über die dreizehnte Versammlung des „Deutschen 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“ zu Breslau vom 13. bis 


15. September 1886 . 1 

Erste Sitzung. 

Eröffnung der Versammlung. 1 

Rechenschaftsbericht. 4 

Tagesordnung. ß 

Nr. I. Die Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und 
Genussmittel sowie Gebrauchsgegenstände, deren 

Organisation und Wirkungskreis. 9 

Schlusssätze von Professor Dr. Albert Hilger 

(Erlangen) .. 9 

Referat von Professor Dr. Albert Hilger (Erlangen) 10 

Discussion.*. . 26 

Resolution. 32 

Nr. II. Volks- und Schulbäder. 33 

Referat von Dr, Oscar Lassar (Berlin): Ueber Volks¬ 
bäder; hierzu Tafel IX. 33 

Correferat von Oberbürgermeister Merkel (Göttm- 

gen): Ueber Schulbäder. 46 

Thesen. 54 

Discussion. 55 

Resolutionen. 57 

Zweite Sitzung. 

Aenderung der Satzungen. 58 

Nr. HI. Ueber Rieselanlagen, mit besonderer Berück¬ 
sichtigung von Breslau, und über andere Reini- 
gungsmethoden der städtischen Abwässer ... 60 

Thesen. 60 

Referat von Stadtbaarath Kau manu (Breslau) ... 61 

Correferat von Professor Arnold (Braunschweig); 

hierzu Tafel I — VIII. 73 

Discussion. 95 

Resolutionen.113 

Dritte Sitzung. 

Sechster internationaler Congress für Hygiene und Demographie 

zu Wien, 1887 .. 114 


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VI 


Inhalt des neunzehnten Bandes. 


ftoite 

Nr. IV. Moderne Desinfectionstechnik mit besonderer 
Beziehung auf öffentliche Desin fection s- 

anstal ten. 117 

Referat von Professor Dr. Franz Hofmann (Leipzig) 117 
Correferat von Bezirksphysicus Dr. Jacobi (Breslau) 125 

Thesen.180 

Discussion.130 

Resolutionen.144 

Neuwahl des Ausschusses.145 

Schluss der Versammlung. .. . 145 

Besichtigungen...146 

Die hygienischen Aufgaben des Krankenhausarztes. Ein am 20. September 
18S6 in der hygienischen Section der 59. Naturforscherversammlung in 
Berlin gehaltener Vortrag vom Geh. Medicinalrath Dr. Oscar Schwartz 
(Cöln)..147 

[Kritiken nnd Besprechungen.] 

Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte (Hüppe, Wiesbaden): 

Löffler: Die Aetiologie der Rotzkrankheit.154 

Koch und Gaffky: Versuche über die Desinfection des Kiel- oder 

Bilgeraumes von Schiffen.154 

Schütz: Ueber die Schweineseuche.155 

Würzburg: Ueber die Bevölkerungsvorgänge in deutschen Städten 

mit 15000 und mehr Einwohnern im Jahre 1884 . 156 

Wolffhügel und Riedel: Die Vermehrung der Bactcrien im Wasser 156 
Seil: Ueber Kunstbutter, ihre Herstellung, sanitäre Beurtheilung 

und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter . . . 156 

Seil: Beiträge zur Kenntniss der Milchbutter und der zu ihrem 

Ersätze in Anwendung gebrachten anderen Fette.. . 157 

Wolffhügel: Erfahrungen über den Keimgehalt brauchbarer 

Trink- und Nutzwässer.157 

Bericht über die Allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der 
Hygiene und des RettungsweBens, unter dem Protectorate Ihrer 
Majestät der Kaiserin und Königin, Berlin 1882 bis 1883. III. (Schluss-) 

Band (A. S.). 157 

Seitz, Carl, Dr.: Bacteriologische Studien über Typhusätiologie (L ach - 

mann, Frankfurt a. M.).159 

Ernst Almquist, Hygieniker der Stadt Göteborg: Thätsächliches und 

Kritisches zur Ausbreitungsweise der Cholera (Wernich, Cöslin). 159 

J. Soyka: Zur Assanirung Prags (Wernich, Cöslin).161 

Prof. Dr. v. Langenbeck, Generalarzt I. CI. ä la suite, Dr. v. Coler, 
Generalarzt I. CI. und Dr. Werner, Stabsarzt: Die transportable 

Lazarethbaracke (Wasserfuhr, Berlin).162 

Cazin: Les etablissements hospitaliers ä Berck sur mer (J. Uffel- 

mann, Rostock).165 

Dr. R. Raudnitz: Die Findelpflege (J. Uffelmann, Rostock) .... 167 
J. Valette: La loi Roussel dans le Calvados (J. Uffelmann, Rostock) 168 

R. Krüger: Die Filter für Haus und Gewerbe (Wiebecke, Frank¬ 
furt a. d. 0.).’.169 

H. Oppermann: Die Magnesia im Dienste der Schwammvertilgung, 
Reinigung der Effluvien und Pflanzensäfte, der Desinfection und 
Beseitigung von Pilzbildungen und der Conservirung sowie Heilung 

der Diphtheritis (Wiebecke, Frankfurt a. d. 0.).169 

Th. Kitt: Werth und Unwerth der Schutzpockenimpfungen gegen 

Thierseuchen (Hueppe, Wiesbaden).170 


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Inhalt des neunzehnten Bandes. 


YII 


Seite 

[Hygienische Gesetze und Verordnungen.] 

Königl. Preussischer Ministerial-Erlass vom 24. und 25. September 1886, 

betr. die asiatische Cholera.171 

Königl. Sächsischer Ministerial-Erlass vom 27. September 1886, betr. 

VorbeugungBmaassregeln gegen die Cholera.173 

Königl. Bayerischer Ministerial-Erlass vom 5. October 1886, betr. Maass¬ 
regeln gegen die asiatische Cholera.174 

Schweizerisches Bundesgesetz vom 2. Juli 1886, betr. Maassnahmen 

gegen gemeingefährliche Epidemieen.175 

Königl. Preussischer Ministerial-Erlass vom 28. April 1886, betr. Auf¬ 
gaben für die Prüfungen in der Hygiene.176 

[Kleinere Mittheilungen.] 

Zur Kenntniss der Wärmeökonomie des Infanteristen auf dem Marsche 

und zur Behandlung des Hitzschlags.178 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (37. Verzeich¬ 
niss) .181 


Zweites Heft. 


Ueber Abdecker und Abdeckereien. Von Dr. Richard Wehmer (Frank¬ 
furt a. 0.).197 

Zur Frage der Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröhren. 

Von Dr. Pull mann (Olfenbach a. M.).255 

Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung aus dem Königl. Impf- 

Institute zu Berlin. Von Dr. M. Schulz.276 

Ueber die Vaccination in Russland. Einige Bemerkungen zu dem Aufsatze 

des Dr. Ucke. Von Dr. Reimann in Kiew (Russland) ..237 


Zur Epidemiologie und Klimatologie von Frankfurt a. M. Von Dr. J. Soyka, 

a. ö. Professor der Hygiene an der deutschen Universität in Prag . . . 290 
Mittheilungen über Betriebsergebnisse der ersten öffentlichen Desinfections- 
anstalt der Stadt Berlin und über ein neues Contactthermometer. Von 
H. Merke, Verwaltungsdirector des städtischen Krankenhauses Moabit 


(Berlin).311 

Einige Bemerkungen zu der von dem Königlichen Polizeipräsidium in Berlin 
unter dem 7. Februar d. J. erlassenen Anweisung zum Desinfections- 
verfahren bei Volkskrankheiten. Von M. Pistoij.318 

[Kritiken vnd Besprechungen.] 


Dr. Wiener, Sanitätsrath: Handbuch der Medicinalgesetzgebung des 
Deutschen Reiches und seiner Einzelstaaten (Dr. jur. Silber¬ 
schlag, Oberlandesgerichtsrath, Naumburg a. S.).329 

Dr. med. Gustav Custer: Oeffentliche und private Gesundheitspflege 

in populären Vorträgen und Aufsätzen (Dr. Mittenzweig, Berlin) 330 
Dr. J. Scheinmann in Cöln: Was kann und soll ein Jeder thun, um 
sich und seine Umgebung während einer Epidemie vor der Er¬ 
krankung zu schützen? (Dr. Quittei, Berlin).331 

W. Koch: Milzbrand und Rauschbrand (Dr. Hueppe, Wiesbaden) . . 333 
Dr. M. B. Freund: Die animale Vaccination in ihrer technischen Ent¬ 
wickelung und die Antiseptik der Impfung (Dr. M. Schulz, Berlin) 333 
Dr. Friedrich Presl, k. k. Bezirksarzt: Das Findelwesen in Oester¬ 
reich während der Jahre 1873 bis 1882 (Dr. A. Baginsky, Berlin) 334 
Dr. Friedrich Esmarch, Professor der Chirurgie in Kiel, Vorsitzen¬ 
der des Deutschen Samaritervereins: Samariterbriefe (Dr. Hein¬ 
rich Schmidt, Frankfurt a. M.).336 


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VIII 


Inhalt des neunzehnten Bandes. 


Seite 


Pridgin Teale, M. A. zu Leeds: Lebensgefahr im eigenen Hause 

(Dr. Lustig, Liegnitz).337 

Dr. Anton Heidenhain: Die Anwendung der Paragraphen 10 bis 14 
des Nahrungsmittelgesetzes (Fleischverkehr) im praktischen Leben 

(Dr. Wernich, Cöslin).340 

Dr. med. Gustav Custer: Fort mit dem Gifte der Phosphorzünd¬ 
hölzchen !.340 

[Zur Tagesgeschichte.] 

Die hygienische Section auf der 59. Versammlung deutscher Natur¬ 
forscher und Aerzte zu Berlin. 18. bis 24. September 1886. Von 
Dr. A. Kalischer (Berlin).341 

[Kleinere Mittheilungen.] 

Desinfection von Canalwasser (Dr. L. Becker, Berlin).352 

[Hygienische Gesetze und Verordnungen.] 

firlass des Reichskanzlers vom 12. April 1886, betr. die Einrichtung 

und den Betrieb der Bleifarben- und Bleizuckerfabriken.354 

Polizeiverordnung für Berlin vom 7. Februar 1887, betr. Anweisung 

zum Desinfectionsverfahren bei Volkskrankheiten.356 

Circularerlass des königl. preuss. Ministeriums der geistlichen, Unter¬ 
richts- und Medicinalangelegenheiten vom 19. Januar 1887, betr. 

Anzeigen von epidemischer Genickstarre.357 

Circular des königl. preuss. Ministers des Inneren, betr. die Anfor¬ 
derungen, welche in baulicher und gesundheitlicher Beziehung an 
die Gast- und Schankwirthschaften zu stellen sind, vom 26. August 

1886 . 357 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (38. Verzeich¬ 
niss) .359 


Drittes Heft. 


Die Beschaffung ärztlicher Hülfe zur Nachtzeit und bei Unglücksfallen. 
Sanitätswachen. Von Dr. M. Pi stör, Regierungs- und Geheimer 

Medicinalrath.369 

Der Central-Schlachthof zu Berlin und der Betrieb auf demselben. Vom 

Oberthierarzt Dr. Hertwig .390 

Ueber polizeiliche Milchcontrole! Vortrag in der Deutschen Gesellschaft für 

öffentliche Gesundheitspflege zu Berlin. Von Dr. C. Bischoff (Berlin) 411 
Die Quecksilberspiegelbelegen in der Stadt Fürth. Dr. Wollner, königl. 

Landgerichtsarzt in Fürth.421 

Die Bleierkrankungen durch Leitungswasser in Dessau im Jahre 1886. 

Von Dr. Richter, Medicinalrath und Kreisphysicus in Dessau . . . 442 
Zur Frage der Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. Von Pro¬ 
fessor Arnold (Braunschweig).447 

Das Müller-Nahnsen’sche Reinigungssystem städtischer Abwässer. Auf 
Grund der in Halle a. S. mit demselben vom 1. September 1886 bis 
31. März 1887 gemachten Erfahrungen besprochen von Sanitäts - Rath 

Dr. Hüll mann in Halle a. S.450 

Das Bedürfnis einer Verringerung der Zahl der Schnapsschänken und 
Schnapsverkaufsstelien in Berlin. Von Dr. Wasserfuhr, kais. Mini- 

sterialrath a. D.461 

Ueber die animalen Impfungen in Danzig in den Jahren 1885 und 1886. 

Von Sanitätsrath Dr. Semon und Dr. Poelchen .470 

Die Wasserverhältnisse Stralsunds. Von Dr. G. A. Ziegeler (Stralsund). 477 


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Inhalt des neunzehnten Bahdes. 


ix 


[Kritiken und Besprechungen.] 

Dr. J. Daimer, k. k. Aerztlicher Statthalterei-Concipist und Schrift¬ 
führer des Landes - Sanitätsrath es: Sanitätsbericht über Tyrol und 
Vorarlberg für die Jahre 1883 und 1884 mit Rückblick auf die 

früheren Jahre (Dr. E. Marcus, Frankfurt a. M.). 

Risultati dell’ inchiesta sulle condizioni igieniche e sanitarie nei comuni 

del regno (Dr. Uffelmann, Rostock)... 

\Ad. Guerard, Ingenieur en Chef des Ponte-et-Chaussees, Ingenieur 
en Chef du Port: Observations faites pendant l’epidemie cholerique 

de 1885 (C. K. Aird, Berlin). 

Dr. med. Albert Guttstadt: Krankenhaus-Lexikon für das König¬ 
reich Preu8sen (A. S.).. 

Dr. Abegg: Die Kinderheilstätte in Zoppot (Dr. Uffelmann, Rostock) 
26. Jahresbericht über die Louisen - Heilanstalt für kranke Kinder in 

Heidelberg (Dr. Uffelmann, Rostock). 

Dr. Wernich, Regierungs- und Medicinalrath: Lehrbuch zur Ausbil¬ 
dung von Heilgehülfen mit Berücksichtigung der Wundpflege, 
Krankenaufsicht und Desinfection (Dr. L. Becker, Berlin) . . . . 
Die Wohnungsnoth der ärmeren Classen in deutschen Grossstädten und 

Vorschläge zu deren Abhülfe (Dr. Lustig, Liegnitz). 

Das Trinkwasser der Stadt Kiel auf Grundlage von Analysen aller 

Brunnenwasser Kiels (Dr. C. Bischoff, Berlin). 

Axel Key: Die Gesundheitsverhältnisse in den Schulen Schwedens 

(Dr. Uffelmann, Rostock).'.. . . 

Dr. Leo Burgerstein in Wien: Die Gesundheitspflege in der Mittel¬ 
schule (A. S.). 

Architekt Carl Hin träger: Der Bau und die innere Einrichtung von 
Schulgebäuden für öffentliche Volks- und Bürgerschulen (A. S.) . . 
Dr. Ignaz Ferdinand Tischler: Das ländliche Volksschulhaus (A. S.) 
Baumeister Klette: Der Bau und die Einrichtung der Schulgebäude (A.S.) 
Vierteljahrsschrift über die Fortschritte auf dem Gebiete der Chemie, 
der Nahrungs- und Genussmittel, der Gebrauchsgegenstände, sowie 
der hierher gehörenden Industriezweige (Dr. C. Bischoff, Berlin) 
Hermann Falk, Inspector des städtischen Schlachthauses und Thier¬ 
arzt am Central-Impf-Institute zu Bernburg a. 8.: Die Errichtung 

öffentlicher Schlachthäuser (Dr. Mittenzweig, Berlin). 

Dr. M. Breitung: Ueber neuere Leichenanstalten (Dr. Quittei, Berlin) 
G. Bunge: ord. Prof, der physiol. Chemie an der Universität Basel: 
Die Alkoholfrage. Ein Vortrag (Dr. Baer, Berlin). 


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[Kleinere Mittheilnngen.] 

Ferienkolonien.522 

Schulärzte in der Schweiz.523 

Masern, Scharlach und Diphtherie.524 

Ueber die Wohnungsnoth der ärmeren Classen in deutschen Grossstädten 527 

Bleiröhren zur Wasserleitung (Berichtigung).527 

[Hygienische Gesetze und Verordnungen.] 

Königl. Preussische Verordnung vom 25. Mai 1887, betr. die Errichtung 

einer ärztlichen Standesvertretung.528 

Erlass Königl. Preussischer Regierung zu Stettin vom 21. Februar 1887, 

betr. Maassregeln im Falle des Auftretens der Cholera.531 

Bekanntmachung des Magistrats von Berlin vom 28. März 1887, betr. 
die Untersuchung des von ausserhalb nach Berlin eingeführten 
frischen Fleisches..533 


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X 


Inhalt des neunzehnten Bandes. 


Seite 


Erlass Grossherzogi. Hessischen Ministeriums des Inneren an die Kreis¬ 
ärzte vom 18. Februar 1887, betr. Vorschriften über das Verfahren 

bei epidemischen ansteckenden Krankheiten . . *.538 

Erlass des Königl. Württembergischen Ministeriums des Inneren vom 

12. Mai 1886, betr. polizeiliche Controle des Milchverkehrs . 589 
Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (39. Ver¬ 
zeichniss) ..543 

Viertes Heft. 

Die Wiener impfgegnerische Schule und die Vaccinationsstatistik. Von Jo¬ 
sef Körösi, Director des Budapester communal-statistischen Bureaus. 
(Vortrag, gehalten in der Sitzung am 28. April 1887 des ungarischen 

Landesvereins für Hygiene).553 

Die Canalisation der Stadt Charlottenburg. Vom Königlichen Regierungs- 

baumeister Köhn zu Charlottenburg.577 

Die neue Berliner Baupolizei-Ordnung. Von Prof. R. Baumeister (Karls¬ 
ruhe) .600 

Iät der Genuss einer mit Leberegeln behafteten Fleischwaare geeignet, die 
menschliche Gesundheit zu beschädigen? Vom Medicinal - Assessor 
Dr. Quittei, gerichtlichem Stadtphysicus zu Berlin ......... 609 

Ist der Genuss des Fleisches perlsüchtiger Rinder geeignet, die mensch¬ 
liche Gesundheit zu zerstören? Vom Medicinal-Assessor Dr. Quitte!, 
gerichtlichem Stadtphysicus zu Berlin.612 

[Kritiken nnd Besprechungen.] 

Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte (Hüppe, Wiesbaden): 

M. Hochstetter: Ueber Mikroorganismen im künstlichen Selters¬ 
wasser .615 

Gaffky: Die Cholera in Gonsenheim und Finthen im Herbste 1886 615 

Ergebnisse des Impfgeschäftes im Deutschen Reiche für das Jahr 

1883 . 616 

G. Wolffhügel: Ergebnisse der Prüfung von Wasserproben aus 

Rudolstadt.616 

G. Wolffhügel: Ueber blei- und zinkhaltige Gebrauchsgegen¬ 
stände .616 

A. Würzburg: Die Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche 

während der Jahre 1875 bis 1877 . 617 

Dr. Adolph Schmidt (Mülheim): Der Verkehr mit Fleisch und 
Fleischwaaren und das Nahrungsmittelgesetz vom 14. Mai 1879 

(Dr. Mitten zweig, Berlin).617 

Prof. Dr. J. König in Münster: Die Verunreinigung der Gewässer, 
deren sehädliche Folgen, nebst Mitteln zur Reinigung der Schmutz¬ 
wässer (Dr. L. Becker, Berlin).622 

Bericht über die Vorarbeiten für die systematische Entwässerung und 

Reinigung der Stadt Riga (Dr. Mitten zweig, Berlin).626 

Repertorium der im Laufe des Jahres 1886 in deutschen und ausländischen 
Zeitschriften erschienenen Aufsätze über öffentliche Gesundheitspflege. 
Zusammengestellt von Dr. Alexander Spiess.633 


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Bericht des Ausschusses 

über die 

Dreizehnte Versammlung 

des 

Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

zu Breslau 

vom 13. bis 15. September 1880. 


Erste Sitzung. 

Montag, den 13. September, Vormittags 9 Uhr. 

Oberingenieur F. Andreas Meyer (Hamburg) eröffnet die Ver¬ 
sammlung mit folgenden Worten: 

Meine verehrten Herren! 

„Da der Vorsitzende unseres Vereins, Herr Medicinalrath Dr. Arnsper- 
ger aus Karlsruhe, zu seinem lebhaften Bedauern verhindert ist, in unserer 
Versammlung zu erscheinen, so hat der Vorstand mich beauftragt, in seiner 
Stellvertretung die Versammlung zu eröffnen. Es fällt mir also zum zwei¬ 
ten Male diese Ehre zu, und ich entledige mich dieses Auftrages mit dem Ge¬ 
fühl der Genugthuung, dass auch hier in der Stadt Breslau sich wieder so 
viele unserer Vereinsmitglieder zu frischer Arbeit zusammengefuuden haben. 

„Wenn wir in den letzten Jahren uns wohl einmal die Frage gestellt 
haben, ob nicht vielleicht die Form unseres Vereinslebens eine andere sein 
könnte, ob nicht vielleicht das Gute, das der Verein erstrebt, in anderer 
Weise zur Erscheinung gebracht werden müsse, so muss ich sagen, dass 
nach dem Ausgang der Freiburger Versammlung und nach unseren Arbeiten 
im Ausschuss in diesem Jahre ich persönlich anderer Meinung geworden bin. 
Sie werden ja Alle die von unserem ständigen Herrn Secretär mit grossem 
Fleisse aufgestellte Uebersicht über die Thätigkeit des Vereins in den letzten 
12 Jahren bekommen haben und werden — vielleicht ist es Ihnen ebenso 
ergangen wir mir — mit Erstaunen gesehen haben, auf ein wie reiches 
Gebiet sich unsere Arbeiten erstreckt haben, wie bedeutende Fragen in 
unserem Verein erledigt und zur Lösung gekommen sind. Das ist eine That- 
sache, die uns ja vielleicht verleitet hat, zu sagen: schliesslich ist einmal 
der Stoff erschöpft. Als wir aber in unserer Ausschusssitzung in Frank¬ 
furt a. M. im Februar d. J. die Themen prüften, welche wohl Veranlassung 
geben könnten, den Verein zusammenzuberufen, da fand sich eine solche 
Reichhaltigkeit des Stoffes, dass wir ganz entschieden überzeugt sind: der 
Verein wird noch lange Beschäftigung haben, und trotzdem sehr viel Con- 

VierteljahrsBchrift für Gesnndheitftpflege, 1887. 1 


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2 Bericht des Ausschusses über die dreizehnte Versammlung 

currenz im Vereinsleben anfgetreten ist, haben wir doch erkannt, dass diese 
Concurrenz nicht schädlich, sondern im Gegentheil nützlich ist, da ja das¬ 
selbe Ziel von allen unseren Schwestervereinen angestrebt wird nnd die viel¬ 
seitige Behandlung desselben Stoffes seiner Bearbeitung zu Gute kommt. 
Ich wünsche auch unseren Arbeiten hier gutes Gelingen und eröffne damit 
die Versammlung, indem ich zunächst dem Herrn Oberbürgermeister von 
Breslau, Dr. Friedensburg, das Wort gebe, der uns freundlichst hier 
begrüssen will.“ 

Oberbürgermeister Dr. Frioden8burg (Breslau): 

„Namens der städtischen Behörden Breslaus und gleichzeitig im Auf¬ 
trag des Herrn Oberpräsidenten dieser Provinz, der zu seinem Bedauern 
durch anderweitige Geschäfte verhindert ist, heute in Ihrer Mitte zu er¬ 
scheinen, habe ich die Ehre, Sie, meine Herren vom Deutschen Verein für 
öffentliche Gesundheitspflege zu begrüssen und in unserer Stadt herzlich 
willkommen zu heissen. 

„Breslau hat in den letzten Jahren wiederholt den Vorzug gehabt, dass 
es als Ort der Generalversammlung für manche Vereine und Gesellschaften, 
welche ihre Mitglieder aus ganz Deutschland rekrutiren, gewählt worden 
ist, und wir haben eine solche Wahl jedesmal mit grosser Freude begrüsst, 
weil sie uns die gewünschte* Gelegenheit gab, unseren Landsleuten, nament¬ 
lich aus dem Westen Deutschlands, ad oculos zu demonstriren, dass Breslau, 
wenn es auch in der Nähe der berüchtigten sogenannten polnischen Grenze 
gelegen ist, dennoch eine durch und durch deutsche Stadt ist, und dass, wenn es 
auch in vieler Beziehung der Naturschönheiten und derjenigen Annehmlich¬ 
keiten entbehrt, welche der dauernde Aufenthalt eines Fürstenhauses ge¬ 
währt , dennoch hier durch den Fleiss und die Thätigkeit seiner Einwohner 
und durch die Mühe der städtischen Behörden manches geschaffen ist, um 
das Leben und den Aufenthalt auch in dieser Stadt angenehm zu machen, 
manches auch geschaffen worden ist, was der Besichtigung durch Fremde 
nicht unwerth ist. 

„Aber, meine Herren, wenn irgend ein Verein Anspruch darauf hat, 
hier freudig aufgenommen zu werden, und wenn die Versammlung irgend 
eines Vereins von uns mit Freuden begrüsst worden ist, so ist es die Ihrige, 
denn der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege hat es ja zur 
Aufgabe, die Ziele der öffentlichen Gesundheitspflege praktisch zu fördern. 
Er will und strebt danach, dass die Wohnstätten der Menschen auch Heim¬ 
stätten der Gesundheit und des Wohlseins werden, und es liegt in der 
Natur der Dinge begründet, dass seine Thätigkeit sich wesentlich auf die 
grösseren Städte erstreckt, wo das dichte Zusammensein von grossen Men¬ 
schenmengen einen energischeren Kampf gegen die dadurch bedingten 
Feinde der menschlichen Gesundheit erheischt, als dies auf dem platten 
Lande der Fall ist, wo die Menschen und die Heimstätten derselben weniger 
dicht gedrängt, letztere weniger stark bevölkert sind. 

„Meine Herren! Wir hoffen, aus Ihren Verhandlungen reiche Beleh¬ 
rung und neue Anregung zu finden, fortzuschreiten auf dem Wege der 
öffentlichen Gesundheitspflege in unserer Stadt. Was wir in dieser Be¬ 
ziehung gethan haben, das wollen wir Ihnen vorweisen in Wort und Schrift 


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des Deutschen Vereins’f. öff. Gesundheitspflege zu Breslau. 3 

und in natura. Ich erlaube mir in dieser Beziehung zunächst auf den In¬ 
halt der Festschrift*) Bezug zu nehmen, welche der Magistrat hiesiger Stadt 
mit Unterstützung der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur 
ausgearbeitet und Ihnen gewidmet hat. Sie wollen daraus ersehen, dass 
wir durch Canalisation und Rieselanlagen uns bemüht haben, die animali¬ 
schen und vegetabilischen Abfälle aus den Wohnungen und aus der Stadt 
möglichst schleunig zu entfernen und sie gleichzeitig im Interesse der 
Landwirtschaft nutzbar zu machen. Unsere Wasserwerke haben es er¬ 
reicht, dass allen Einwohnern der hiesigen Stadt auch in die höchsten 
Stockwerke hinauf gutes, reines Trinkwasser zu einem verhältnissmässig 
sehr billigen Preise geliefert wird und durch chemische Untersuchungen 
hat unsere Stadt sich bemüht, der Verfälschung der Nahrungmittel vorzu¬ 
beugen und, wo solche eintritt, sie zu entdecken. 

„Meine Herren! So werden wir gegenseitig lehrend und lernend uns 
unterstützen und fördern in den beiderseitigen Bestrebungen, wir werden, 
hoffe ich, beiderseits aus dieser Versammlung reichen Nutzen ziehen. 

„Zum Schluss gestatten Sie mir, zu erwähnen, dass, damit Ihnen die¬ 
jenige Zeit, welche Sie Ihren Arbeiten nicht widmen, in Breslau nicht zu 
lang werde, ein Localcomite aus Bürgern hiesiger Stadt sich gebildet hat, 
welches sich bemüht hat, für mancherlei Zerstreuungen zu sorgen, und die 
städtischen Behörden Breslaus erlauben sich, Sie zu Mittwoch zu einer 
geselligen Vereinigung auf dem Plateau der Liebichshöhe einzuladen. 

„Und nun nochmals herzlich willkommen, meine Herren, in Breslau.“ 

Vorsitzender Oberingenieur Meyer: 

„Ich spreche den verbindlichsten Dank aus für die freundlichen Worte, 
die uns von Seiten der Stadt Breslau eben durch den Herrn Oberbürger¬ 
meister gewidmet sind. Ich habe schon im vorigen Jahre in der Abgeord¬ 
netenversammlung des Verbandes der Deutschen Architekten und Ingenieure 
Gelegenheit gehabt, die grosse Gastfreundschaft der Stadt Breslau und 
auch die technischen Einrichtungen derselben kennen zu lernen, und da, 
muss ich sagen, war es mir ein Bedürfnis, in unserer Ausschusssitzung mit 
dafür zu sprechen, dass unser Verein seine Versammlung einmal nach dieser 
drittgrössten Stadt Deutschlands verlegen möchte. Die Stadt hat den Ruf, 
wie der Herr Oberbürgermeister es auch andeutete, ganz ausserordentlich 
entfernt zu liegen. Jeder sagt es, er mag noch so nahe wohnen. Uns 
kam es ganz besonders darauf an, diese Stadt, die in Deutschland einen 
so hohen Rang einnimmt, uns und unserem Verein einmal möglichst nahe 
zu bringen, nicht so sehr, um, wie es sonst unsere Aufgabe ist, die 
gesunden Principien der öffentlichen Gesundheitspflege hier zu verbreiten, 
nein, das ist wenigstens nach der Erfahrung, die ich hier gemacht habe, 
eigentlich nicht nöthig, denn die Einrichtungen der hiesigen Stadtverwal¬ 
tung sind in dieser Beziehung so vortrefflich, dass ich glaube, es wird 

l ) Festschrift zur XIII. Versammlung des Deutschen Verein^ für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege, enthaltend Abhandlungen über die Canalisation und Rieselfelder, die Wasserversorgung, 
das chemische Untersuchungsamt der Stadt Breslau. Herausgegeben unter Beihülfe der Schle¬ 
sischen Gesellschaft für vaterländische Cultur vom Magistrat der Königl. Haupt- und Residenz¬ 
stadt Breslau. Breslau 1886. gr. 8. 148 S. mit 4 Tafeln. 

1 * 


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4 Bericht des Ausschusses über die dreizehnte Versammlung 

unsere Aufgabe sein können, aus denselben als einzelne Mitglieder des 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege für alle die Bezirke, in denen wir 
zu Hause thätig sind, zu lernen und daraus Nutzen zu ziehen, und da wir 
das an der Hand der berufensten Vertreter der Stadt, des Herrn Ober¬ 
bürgermeisters und des Herrn Bürgermeisters, unseres Ortsausschusses, in 
dem ja auch werthe Genossen unseres Vereins vertreten sind, erreichen 
können, die uns freundlichst hier führen wollen, so müssen wir besonders 
unseren Dank dafür aussprechen und auch allen denen, die sich sonst 
unserer angenommen haben. Wir sprechen auch den Dank aus für das 
Buch, welches uns durch Hülfe der Schlesischen Gesellschaft für vaterlän¬ 
dische Cultur hier unterbreitet worden ist und für die freundliche Ein¬ 
ladung nach der Liebichshöhe. u 

Der ständigeSecretär, Sanitätsrath Dr. SpleSS (Frankfurt a. M.), 
verliest hierauf den 

Eechensohaftsbericht 

des 

Ausschusses des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege für die 
Zeit von September 1885 — 1886. 


Durch Beschluss der Vereinsversammlung in Freiburg i. B. vom 17. Sep¬ 
tember 1885 wurde der Ausschuss für das Geschäftsjahr 1885 — 1886 
wie folgt zusammengesetzt: 

Medicinalrath Dr. Arnsperger (Karlsruhe), Vorsitzender, 
Oberbürgermeister Becker (Düsseldorf, jetzt Köln), 

Bürgermeister Dr. v. Erhardt (München), 

Medicinalrath Dr. Flinzer (Chemnitz), 

Oberingenieur F, Andreas Meyer (Hamburg), 

Regierungsrath Dr. Wolffhügel (Berlin), • * 

Sanitätsrath Dr. Spiess (Frankfurt a.M.), ständiger Secretär. 

Der Ausschuss trat vollzählig am 13. und 14. Februar 1886 zu einer 
Ausschusssitzung in Frankfurt a. M. zusammen, in der die folgenden Gegen¬ 
stände zur Erledigung kamen: 

1) Als Zeit für die diesjährige Versammlung bestimmte man 
dem Herkommen gemäss die Tage vor Beginn der Naturforscherversammlung, 
den 13. bis 16. September. 

2) Als Ort der Versammlung wählte man, nachdem die Ver¬ 
sammlung zweimal im Westen Deutschlands getagt hatte, und mit Rücksicht 
auf die in Berlin am 18. September zusammentretende Naturforecherversamm- 
lnng, die Stadt Breslau, deren Behörden und wissenschaftliche Corporationen 
auf Anfrage uns in freundlichster Weise willkommen hiessen. 

3) Als Themata für die Verhandlungen wurden aus einer 
grossen Anzahl vorgeschlagener die folgenden ausgewählt, und die Herren 
bestimmt, die um Uebernahme der Referate ersucht werden sollten. Die¬ 
selben haben sämratlich bereitwilligst zugesagt. 


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des Deutschen Vereins £ öff. Gesundheitspflege zu Breslau. 


5 


Tagesordnung: 

I. Die Uutersuchiingsanstalten für Nahrung»- und Genussmittel 
sowie Gebrauchsgegenstände , deren Organisation und Wirkungs¬ 
kreis. 

Referent: Herr Professor Dr. Albert Hilger (Erlangen). 

II. Volks- und Schnlbäder. 

Referenten: Herr Privatdocent Dr. Oscar Lassar (Berlin). 

„ Oberbürgermeister Merkel (Gottingen). 

III. Ueber Rieselanlagen mit besonderer Berücksichtigung von Breslau 
und über andere Reinignngsmethoden der städtischen Abwässer. 

Referenten: Herr Baurath Kaumann (Breslau). 

„ Professor Arnold (Braunschweig). 

IY. Maassregeln zur Verhütung von Kohlenoxydvergiftungen. 

Referent: Herr Professor Dr. Max Gruber (Graz). 

Y. Moderne Desinfectionstechnik mit besonderer Beziehung auf öffent¬ 
liche Desinfectionsanstalten. 

Referenten: Herr Professor Dr. Franz Hofmann (Leipzig). 

„ Bezirksphysicus Dr. Jacobi (Breslau). 

An den Nachmittagen sind Besichtigungen der Canalisations - und 
Kieselanlagen, des städtischen Wasserwerkes, der öffentlichen Desinfec¬ 
tionsanstalten, des chemischen UnterBuchungsamtes etc. und am 16. Sep¬ 
tember ein Ausflug nach Fürstenstein in Aussicht genommen. 

Leider musste Einer der Herren Referenten, Herr Prof. Dr. Max Gru¬ 
ber in Graz, im Sommer seine Zusage zurücknehmen, da die im Süden der 
österreichischen Monarchie ausgebrochene Cholera ihm eine Entfernung aus 
seinem Wohnorte unmöglich machte. 

4) In Ausführung eines Beschlusses des Ausschusses in Freiburg legte 
der ständige Secretär den Entwurf zu einem Bericht über die Thätig- 
keit des Vereins in den ersten zwölf Jahren seines Bestehens, 
1873 bis 1885, vor, dem der Ausschuss beistimmte und dessen Yertheilung 
an 8ämmtliche Mitglieder, die Landes- und Provinzialregierungen, sowie an 
die Magistrate aller grösseren Städte er beschloss, an letztere mit der Auf¬ 
forderung, dem Vereine beizutreten und bei dessen Versammlungen sich 
vertreten zu lassen. Dieser Aufforderung entsprechend sind eine grössere 
Anzahl Städte dem Vereine beigetreten. 

5) Ein von Herrn Dr. Dornblüth geäusserter Wunsch, die Referate 
nicht mehr in der Versammlung zu verlesen, sondern sie vor der Ver¬ 
sammlung gedruckt den Mitgliedern zuzustellen, wurde einer 
sehr eingehenden Discussion unterzogen. Doch musste sich der Ausschuss 
von der Undurchführbarkeit dieses Vorschlages überzeugen und beauftragte 
den ständigen Secretär, in der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche 
Gesundheitspflege, in der jener Vorschlag des Herrn Dr. Dornblüth 
erschienen, die Ansicht des Ausschusses darzulegen. 

6) Herr Oberingenieur Meyer machte darauf aufmerksam, dass es 
sich wiederholt als missstandig erwiesen habe, dass der Vorsitzende der 


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6 Bericht des Ausschusses über die dreizehnte Versammlung 

Versammlung, der zu Anfang der ersten Sitzung gewählt werde, un¬ 
mittelbar darauf den Vorsitz übernehmen und die Verhandlungen leiten 
müsse, ohne Gelegenheit gehabt zu haben, sich mit den Absichten des Aus¬ 
schusses bei Wahl der Themata und den Ansichten sowie der Behandlungs¬ 
art der Referenten vorher bekannt zu machen. Der Ausschuss schloss sich 
dieser Ansicht an und legt desshalb der diesjährigen Versammlung einen 
dahin zielenden Statuten-Abänderungsvorschlag vor. 

7) Die Rechnungsablage für das Jahr 1885 wurde von dem 
Ausschuss geprüft und in der anliegenden Aufstellung genehmigt. Es 
betrug: 

Ca88ensaldo am 1. Januar 1885 . 4302*05 

Jahresbeiträge von 1066 Mitgliedern. 6396*00 


mithin zusammen Einnahmen. 10 698*05 

Dagegen an Ausgaben.. . . 4 719*29 

bleibt ein Cassensaldo für 1886 von. 5 978*76 


Die Mitgliederzahl des Vereins betrug zu Ende des Jahres 1885: 
1066. Von diesen sind im laufenden Jahre ausgetreten 96, davon 22 
durch Tod. Es sind dies die Herren 

Geh. Sanitätsrath Dr. Varrentrapp in Frankfurt a. M., 

Sanitätsrath Dr. Lefson in Berlin, 

Oberstabsarzt Prof. Dr. Starcke in Berlin, 

Dr. med. W. Strassmann in Berlin, 

Ingenieur Gottfried Stumpf in Berlin, 

Oberstabsarzt Dr. Anton Schmidt in Hannover, 

Sanitätsrath Dr. Vogelsang in Hannover, 

Regierungs- und Medicinalrath Dr. Wittichen in Hildesheini, 
Rentier Constanz Wörteler in Höxter, 

Oberbürgermeister Hache in Eßsen, 

Oberbürgermeister Dr. Hermann Becker in Köln, 

Dr. med. Ploss in Leipzig, 

Stadtrath Schleissner in Leipzig, 

Geh. Medicinalrath Prof. Dr. Uhde in Braunschweig, 

Regierungs- und Geh. Medicinalrath Dr. Fränkel in Dessau, 
Medicinalrath Dr. Scheven in Rostock, 

Dr. med. Eduard Lore nt in Bremen, 

Prof. Köhne in Hamburg, 

Prof. Dr. Au spitz in Wien, 

Primararzt Dr. Isidor Hein in Wien, 

Obersanitätsrath Dr. Schneller in Wien, 

Stabsarzt Dr. Haider in Znaim. 

Neu eingetreten sind 120 Mitglieder, so dass der Verein zur 
Zeit 1 ) 1090 Mitglieder zählt, von denen 172 in Breslau anwesend sind. 


0 Die Zahlet! sind die nach Schluss der Versammlung festgestellten. 


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des Deutschen Vereins f. öff. Gesundheitspflege zu Breslau. 7 


Vorsitzender Oberingenieur Meyer: 

„Wie wir jedes Jahr die Trauer haben, einige Mitglieder durch den 
Tod zu verlieren, so habe ich auch heute wieder die schmerzliche Pflicht, 
der Klage um die Todten Ausdruck zu geben. Ich kann aber dabei nicht 
umhin, ganz besonders eines Mannes zu gedenken, dessen Name zuerst ver¬ 
lesen worden ist, unseres Varrentrapp. An ihm hat der Verein einen Mit¬ 
begründer, einen warmen Freund und grossen Förderer gehabt, und der 
VerluBt ist unersetzlich. Er wird auch weit hinaus über die Kreise unseres 
• Vereins empfunden, denn nicht allein unserVerein hat diesen hervorragenden 
Mann verloren, sondern es ist ein Verlust für die ganze Wissenschaft, wel¬ 
cher unser Verein huldigt und der Verlust wird gewiss empfunden werden 
auf der ganzen Erde, denn Varrentrapp war einer von den Wenigen, die 
mit ganzer Hingabe, mit klarem Verständnisse und in selbstloser Auf¬ 
opferung arbeiteten. Es giebt ja sehr viele Andere, die das auch thun, 
aber gewiss ist es sehr schwer, in seiner ganzen Universalität diesen Mann 
zu ersetzen. Alle Mitstrebenden, sie mögen noch so bedeutend sein, sie 
mögen Richtungen huldigen, welchen sie wollen, Alle werden mit uns über- 
einstiramen in dem Schmerze über den Verlust Varrentrapp’s. Ich bitte 
Sie, das Andenken Varrentrapp’s und aller anderen Entschlafenen durch 
Aufstehen von den Sitzen zu ehren. (Die Versammlung erhebt sich.) 

„Statutengemäss habe ich Ihnen jetzt die Wahl eines Vorsitzenden für 
die diesmalige Versammlung vorzuschlagen. Der Ausschuss hat darüber 
berathen und.war der Meinung, dass es richtig sei, bei der Form zu bleiben, 
wie wir sie in der letzten Zeit immer innegehalten haben, indem ein Bürger¬ 
meister oder ein Mitglied der städtischen Verwaltungen, dann ein Arzt und 
ein Techniker mit einander wechseln, wenn dies irgend möglich ist. Wir 
haben nun heute, dieser Form gehorchend, die grosse Freude, ein Mitglied 
hier unter uns zu haben, welches wir mit voller Seele bitten können, den 
Platz einzunehmen. Es ist der Herr Oberbürgermeister von Breslau, 
Dr. Friedensburg, und ich möchte Sie bitten, darüber zu befinden, ob 
der Herr Oberbürgermeister uns die Ehre geben will, die Versammlung zu 
leiten. Ich bitte die Herren, die dafür stimmen, sich zu erheben. (Die 
ganze Versammlung erhebt sich.) 

„Ich bitte den Herrn Oberbürgermeister, diesen Sitz einzunehmen.“ 

Oberbürgermeister Dr. Friedensburg: 

„Meine Herren, ich danke Ihnen für die grosse Ehre, die Sie mir 
dadurch erweisen, dass Sie mich, der ich ja dem grössten Theile von Ihnen 
nicht bekannt bin, zu Ihrem Vorsitzenden für die heutige Versammlung und 
für die Tage, welche dem heutigen folgen werden, gewählt haben. 

„Meine Herren! Nach §. 4 Ihrer Satzungen ernennt der Vorsitzende 
zwei Stellvertreter sowie zwei Schriftführer und stellt die Tagesordnung 
der Sitzungen fest. Ich erlaube mir, als Stellvertreter zu ernennen: Herrn 
Generalarzt Professor Dr. Roth aus Dresden und Herrn Landesrath F u s s 
aus Danzig. Als Secretäre bitte ich die Herren Dr. Spiess (Frankfurt) 
und Bezirksphysicus Dr. Jacobi (Breslau) zu fungiren.“ 


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8 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

Der ständige Secretär Sanitätsrath Dr. SpiGSS theilt hierauf 
mit, dass der Ausschuss ein Schreiben des Organisationscomites des 
VI. internationalen Congresses für Hygiene und Demographie 
zu Wien 1887 erhalten habe. In diesem Schreiben spreche das Comite 
die Ansicht aus, dass der nächste internationale Congress nur durch eine 
rege Antheilnahme der Gelehrten und Fachmänner aller Länder Bedeutung 
gewinnen könne. Hierdurch allein werde es möglich, dass dem Congresse 
der internationale Charakter wiedergegeben werde, den der erste dieser 
Congresse in Brüssel 1876 getragen habe, während die folgenden Congresse 
durch die Abstinenz der deutschen Gelehrten und Fachmänner mehr und 
mehr diesen Charakter eiugebüsst haben und so mit ihrem Namen und ihren 
Tendenzen in Widerspruch gerathen seien. Nun hege das Organisations- 
Comite die Befürchtung, dass ein gleichzeitiges oder nahezu gleichzeitiges 
Tagen zweier Versammlungen, welche nahezu gleichen Zweck verfolgen, zu 
einer Kraftzersplitterung führen und für das Gelingen beider Versammlungen 
von Nachtheil sein könne. Desshalb erlaube sich das Organisations-Comite 
dem Ausschüsse des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege den 
Vorschlag zu machen, im nächsten Jahre eine Versammlung des Deutschen 
Vereins ausfallen zu lassen und dafür die Mitglieder einzuladen, dem inter¬ 
nationalen hygienisch - demographischen Congresse zu Wien möglichst zahl¬ 
reich anzuwohnen. 

Der Ausschuss habe dieses Schreiben des Organisations-Comites des 
Wiener internationalen hygienischen Congresses in seiner gestrigen Sitzung 
eingehend in Berathung gezogen, und, wiewohl nach den Satzungen des 
Vereins ihm allein die Entscheidung über Ort und Zeit der nächsten Ver¬ 
sammlungen zustehe, doch, da es sich hier um eine ganz aussergewöhnliche 
Entscheidung ohne Präcedenzfall handle., sich nicht für befugt gehalten, 
einen Beschluss selbstständig und ohne Befragen des Vereins zu fassen. Der 
Ausschuss ersuche desshalb den Verein, ihm seine Ansicht über diesen Punkt 
bekannt zu geben und schlage zu dem Ende der Versammlung vor, nicht 
heute, sondern erst zu Beginn der dritten Sitzung in Verhandlung über 
diesen Gegenstand einzutreten, damit die Mitglieder dem Vorschläge gegen¬ 
über erst Stellung nehmen und durch Besprechung unter einander sich eine 
bestimmte Ansicht bilden könnten. 

Nachdem der von dem Wiener Organisationscomite zur Vertretung 
und Erläuterung jenes Schreibens eigens nach Breslau gesandte Herr Pro¬ 
fessor Ritter Franz von Gruber in ausführlicher Auseinandersetzung 
weitere Mittheilungen über die beabsichtigte Organisation des internationalen 
Congresses und über die in Aussicht genommenen und grossen Theils schon 
zugesagten Vorträge gegeben hatte, beschloss der Verein dem Vorschläge 
des Ausschusses gemäss, den Gegenstand zu Beginn der dritten Sitzung zur 
Verhandlung zu stellen. 


Es wird hierauf in die Tagesordnung eingetreten. Das erste Thema 
lautet: 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 9 


Die Untersuckungsanstalten für Nahrungs- und 
Genussmittel sowie Gebrauchsgegenstände, deren 
Organisation und Wirkungskreis. 


Es lauten die von dem Referenten, Herrn Professor Dr. Albert Hilger 
(Erlangen) aufgestellten 


Schlusssätze: 

1 . 

Die Errichtung öffentlicherUntersuchungsanstalten zum Zwecke 
der Ausübung der Controle der Nahrungs- und Genusßmittel sowie der Ge- 
brauchsgegenstände ist ein dringendes Bedürfniss. 

Diese Controle muss eine regelmässige, d. h. in bestimmten Zwischen¬ 
räumen stattfindende sein. 

2 . 

Die öffentlichen Untersuchungsanstalten sollen theils staatliche, theils 
städtische sein. Die ersteren sind wo möglich mit Universitäten, technischen 
Hochschulen oder sonstigen höheren technischen Lehranstalten zu vereinigen 
und haben ihre Thätigkeit vor Allem in den kleinen Städten und Landgemeinden 
zu entfalten, während die letzteren zunächst für den betreffenden Stadtbezirk 
errichtet werden. 

Es sollte daher jede Provinz, jeder Kreis (je nach der politischen 
Eintheilung, der Ausdehnung, der Grösse der Bevölkerung) eine oder mehrere 
Staatsanstalten besitzen. 

3. 

Die Untersuchungsanstalten, staatliche wie städtische, sind vom Staate als 
öffentliche Anstalten anzuerkennen. 

4. 

Die Vorstände der öffentlichen Untersuchungsanstalten, nicht minder die 
Mitarbeiter, müssen vollkommen unabhängig und selbstständig gestellt 
sein, damit dieselben ihren Wirkungskreis frei von jedwelcher Beeinflussung 
entfalten können. 

Jede öffentliche Untersuchungsanstalt soll einer^Vorstand und die ent¬ 
sprechende Anzahl Assistenten besitzen, von welch letzteren Einer stets als 
stellvertretender Vorstand zu fungiren hat. Es bedarf kaum der Erwähnung, 
dass das gesammte Personal die entsprechende Ausbildung auf dem Gebiete 
der Naturwissenschaften besitzt, vor Allem Chemie, Physik, Botanik (Waaren- 
kunde), nicht minder Hygiene, Mineralogie, Geologie und Zoologie, wobei die 
Tüchtigkeit in chemisch-analytischen Arbeiten, sowie mikroskopischen und bac- 
teriologischen Untersuchungen ausser Frage steht. 

5 . 

Ein Vertreter derMedicin, am besten ein Medicinalbeamter, ist einer 
jeden öffentlichen Untersuchungsanstalt als Sachverständiger und Berather zur 
Seite zu stellen. 


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10 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpfig. zu Breslau. 

6 . 

Jede öffentliche Untersuchungsanstalt soll neben den zu chemischen Arbeiten 
nothwendigen Räumen getrennte Abtheilungen für optische und spectralana- 
lytische Untersuchungen, Gasanalysen, mikroskopische und bacteriologische 
Arbeiten besitzen. 

7. 

Der Wirkungskreis der Untersuchungsanstalten soll sich nur auf das Gebiet 
der Nahrungs- und Genussmittel, sowie Gebrauchsgegenstände erstrecken, welch 
letztere einschliessen: gefärbte Gegenstände aus Holz, Metall, Kaut¬ 
schuk, Papier, Spiel waaren überhaupt, Buntpapiere, Beizen, 
Leder, Haus- und Küchengeräthe, Umhüllungs-, Verpackungs-, 
Aufbewahrungsmaterialien, Oblaten, Petroleum und Beleuch¬ 
tungsmaterialien, Textilfabrikate, Seifen und Kosmetika, Ge¬ 
heimmittel, Zündmaterialien, Wasser. 

8 . 

Die Qualification zum Eintritte in eine öffentliche Untersuchungsanstalt 
verlangt vor Allem eiue bestandene Staatsprüfung, welche speciell für den 
Dienst an den genannten Anstalten zu organisiren ist. 

9. 

Soll die Thätigkeit der öffentlichen Untersuchungsanstalten, besonders der 
staatlichen, welche ihren Wirkungskreis in kleineren Städten, auf dem Lande 
mehr entfalten sollen, wirklich erfolgreich sein, so ist die sogenannte ambu¬ 
lante Thätigkeit durchzuführen, welche darin besteht, dass die Vertreter der 
Anstalt die Gemeinden besuchen, die Verkaufshallen, Werkstätten etc. in Beglei¬ 
tung eines Polizeibeamten besichtigen, Proben entnehmen, Auskunft ertheilen, 
event. Untersuchungen an Ort und Stelle vornehmen. 

10 . 

Die Erhaltung der Staatsanstalten hat aus Staats mittein, Zuschüssen 
von Seiten der Provinzial- (Kreis-, Districts-) Vertretung zu 
erfolgen. 

11 . 

Es sind für ganz Deutschland gültige, einheitliche Bestim¬ 
mungen über die Ausübung der Controle auf dem Gebiete der Nahrungs- und 
GenuBsmittel sowie Gebrauchsgegenstände in Betreff der Probeentnahme, der 
Betheiligung der Untersuchungsanstalten bei der Ausübung der Lebensmittel¬ 
polizei festzustellen, ebenso muss auf das Energischste angestrebt werden, 
einheitliche Untersuchungs- und Beurtheilungsnormen durch¬ 
zuführen. 


Referent Professor Dr. Albert Hilger (Erlangen): 

„Hochgeehrte Versammlung! 

„Als ich im Jahre 1869 als Docent der Universität Würzburg, mit dem 
Studium der Untersuchungsmethoden der alkoholischen Getränke beschäftigt, 
gleichzeitig als beneidenswerther Besitzer eines Privatlaboratoriums eiue 
Anzahl Biere in der Stadt Würzburg untersuchte und die Resultate der 
Untersuchung veröffentlichte, wurde ich von Seiten der betreffenden Bier¬ 
brauer mit Vorwürfen, ja sogar sehr energischen Grobheiten überhäuft, 
welche zu dem für mich befriedigenden Resultate führten, dass meinerseits 
der Nachweis geführt wurde, dass eine Reihe von Schenkwirthen das ihnen 
von den Brauern gelieferte Bier zu taufen gewohnt war. Dieser erste 
Erfolg brachte mich dem Gebiete der Untersuchung der Nahrungs- und 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 11 

Genussmittel in dieser Zeit näher, dessen weiteres Studium zum Zwecke 
der wissenschaftlichen und organisatorischen Ausbildung bis heute meine 
Aufmerksamkeit im vollsten Maasse in Anspruch nahm, soweit es mein 
Wirkungskreis an der Universität gestattete. Meine Uebersiedelung nach 
Erlangen war der Entwickelung dieser Frage insofern günstig, als sohon 
im Jahre 1874 der damalige Vorstand der Stadt Erlangen auf meine Ver¬ 
anlassung eine regelmässige Lebensmittelcontrole einführte, die, wie voraus¬ 
zusehen, von durchschlagendstem Erfolge begleitet war. 

„Immer mehr trat, wie Sie Alle wissen, nicht bloss in Deutschland und 
in den übrigen europäischen Staaten, sondern auch in aussereuropäischen 
Ländern, das Bedürfniss der Controle der Lebensmittel hervor. Unser 
Reichsnahrungsmittelgesetz gelangte zur Einführung, allerseits begrüsst, 
von den Sachverständigen aber mit einer gewissen Wehmuth aufgenommen, 
fehlten ja doch die Ausführungsbestimmungen, welche man besser zuerst 
überlegt hätte, bevor man überhaupt zu dem Gesetz geschritten wäre! 
Doch was man damals versäumte, waren die Interessenten und die Sach¬ 
verständigen in den letzten Jahren bestrebt, bis zu einer gewissen Grenze 
wenigstens, zu ergänzen, wenn auch manches noch zu thun übrig bleibt. 
Trotzdem hat aber das Nahrungsmittelgesetz in erfreulicher Weise eine 
grössere Zahl von Einrichtungen ins Leben gerufen, dazu bestimmt, die 
Controle der Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände durchzuführen, die 
wissenschaftliche Ausbildung der Untersuchungsmethoden sowie der Beur- 
theilungsnorraen zu fördern. Eine grössere Anzahl von Städten Deutsch¬ 
lands ging bekanntermaassen mit gutem Beispiele voraus. Zahlreiche 
Männer der Wissenschaft nahmen Interesse an diesen Bestrebungen, ja auch 
unsere Staatsregierungen waren vielfach schon mit Erfolg auf diesem Ge¬ 
biete thätig, und dennoch, meine Herren, befinden wir uns augenblicklich 
noch in einem lebhaften Entwickelungsstadium dieser Frage. Das Bedürf¬ 
niss einer einheitlichen Organisation ist mehr als je vorhanden. 

„Mit Freude habe ich es daher begrüsst, als ich vernahm, dass der 
verehrte Ausschuss des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 
die Frage der Organisation und des Wirkungskreises der Untersuchungs¬ 
anstalten für Nabrungs- und Genussmittel zum Gegenstand der diesjährigen 
Verhandlungen gemacht hat. Weniger erfreut war ich allerdings, als 
mir der ehrenvolle Auftrag ertheilt wurde, diese Frage zu behandeln, mit 
Hinblick auf meine allzu sehr zersplitterte Thätigkeit, mit Hinblick auf 
meine sehr in Anspruch genommene Zeit. Und dennoch, meine Herren, 
bin ich heute in Ihre Mitte getreten, um dies Thema näher zu beleuchten. 
Ich glaubte dazu verpflichtet zu sein, da ich, was ich wohl an dieser 
Stätte betonen darf, durch eine Reihe von Jahren mir vielfache Erfahrungen 
auf diesem Gebiete gesammelt habe, deren Resultate Ihnen heute im All¬ 
gemeinen mitzutheilen rtieine Absicht ist. — Vor Allem muss ich voraus¬ 
schicken, dass ich in keiner Weise vorhabe, Sie mit statistischen Notizen 
und Thatsachen hinzuhalten, Ihnen die verschiedenartigen Organisationen 
unserer Untersuchungsanstalten in Deutschland, in ausserdeutschen Ländern, 
die ja in gewisser Vollkommenheit, wie wir Alle zugeben müssen, existiren, im 
Detail vorxuführen. Es soll vielmehr meine Absicht sein, jene Gesichtspunkte 
fcstzustellen und zusammenzufassen, welche für die Entwickelung 


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12 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndbpflg. zu Breslau. 

unserer Untersuchungsanstalten, für deren Organisation 
und Wirkungskreis in Zukunft maassgebend sein sollen. leb 
trete aus diesem Grunde aueb ganz direct in diesem Sinne in die weitere 
Behandlung des Themas ein und verweise Sie vor allen Dingen auf meine 
Schlusssätze, in deren Besitz Sie Alle sind, um an die Mittbeilung derselben 
die entsprechenden Erläuterungen zu knüpfen. 

„Ich habe mir erlaubt, iu den Schlusssätzen zunächst den Satz auf¬ 
zustellen : 

Die Errichtung öffentlicher Untersuchungsanstalten 
zum Zwecke der Ausübung der Controle der Nahrungs- und Ge- 
nussmittel sowie der Gebrauchsgegenstände ist ein dringendes 
Bedürfniss. 

Diese Controle muss eine regelmässige, d. h. in bestimmten 
Zwischenräumen stattfindende sein. 

„Meine Herren, das Bedürfniss der Errichtung solcher Untersuchungs¬ 
anstalten steht wohl ausser Zweifel. Ich werde wohl kaum hier in diesem 
Kreise einen Widerspruch in dieser Richtung erfahren. Eine andere Frage 
aber ist die regelmässige Controle. Dagegen können unter Umständen 
Einwendungen erhoben werden. Von meiner Erfahrung ausgehend, muss 
ich betonen, dass die ganze Controle unserer Nahrungs- und Genussmittel 
und Gebrauchsgegenstände nur dann einen Zweck hat, wenn sie eine 
ununterbrochene ist, wenn sie in bestimmten Zwischenräumen regel¬ 
mässig stattfindet. Man hat vielfach geglaubt, und diese Ansicht ist ja 
auch noch in manchen Kreisen vorhanden, die Untersuchungsanstalten 
könnten leicht von den Einnahmen seitens des Publicums existiren, welches 
die Gegenstände der verschiedensten Art, Gebrauchsgegenstände, wie Lebens¬ 
mittel, untersuchen lässt. Das ist eine ganz irrige Auffassung. Wie können 
wir einem Consumenten, der sich einige Flaschen Wein kauft, zumuthen, 
von diesem Wein eine Flasche wegzunehmen, sie dem Untersuchungsamt 
zur näheren Prüfung zu senden und dafür eine verhältnissmässig hohe Ge¬ 
bühr zu entrichten! Das wird selten stattfinden; das wird nur von Seiten 
des Weinproducenten, des Weinhändlers geschehen. Die Untersuchungs- 
anstalt hat die Aufgabe, das Publicum vor den Verfälschungen, Betrügereien 
zu schützen, und aus diesem Grunde ist es nöthig, und zwar absolut 
erforderlich, eine regelmässige Controle auszuüben. Dieselbe ist 
ohne grosse Anstrengungen von Seiten der Mitglieder der Untersuchungs¬ 
anstalt durchführbar, allerdings selbstverständlich nur mit Unterstützung 
der Polizeiorgane. Die Untersuchungsanstalten werden -ja niemals in der 
Lage sein, und können es nicht sein, die Initiative zu ergreifen; aber sie 
haben die Aufgabe, Hand in Hand mit den Polizeiorganen, mit den Medi- 
cinalbehörden, für die Controle der Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände 
zu sorgen. Es handelt sich also bloss darum, zweckmässige Organisationen 
zu schaffen, um in Gemeinschaft mit den Polizeiorganen, mit den Medicinal- 
behörden, diese regelmässige Controle zur Ausübung zu bringen. 

„Anknüpfend an diese Frage darf ich Sie zunächst auf den §. 9 hin- 
weisen, den ich in meinen Schlusssätzen aufgestellt habe, welcher lautet: 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 13 

Soll die Thätigkeit der öffentlichen Untersuchungsanstalten, 
besonders der staatlichen, welche ihren Wirkungskreis in kleineren 
Städten, auf dem Lande mehr entfalten sollen, wirklich erfolgreich 
sein, so ist die sogenannte ambulante Thätigkeit durchzuführen, 
welche darin besteht, dass die Vertreter der Anstalt die Gemeinden 
besuchen, die Verkaufshallen, Werkstätten etc. in Begleitung eines 
Polizeibeamten besichtigen, Proben entnehmen, Auskunft ertheilen, 
eventuell Untersuchungen an Ort und Stelle vornehmen. 

„Dieser Satz steht in innigem Zusammenhänge mit der Ausübung der 
iegelmäsBigen Controle selbst, und ich glaube, gerade diesen Punkt hier 
etwas eingehender beleuchten zu sollen, da diese von mir sogenannte 
ambulante Thätigkeit bei der Lebensmittelcontrole bis jetzt wohl zu wenig 
im deutschen Reiche zur Durchführung gelangt ist. Meine Herren, ich 
muss zunächst daran erinnern, dass es von der grössten Bedeutung ist, 
dass bei der Ausübung der Lebensmittelcontrole nicht allein die grösseren 
Städte in Betracht gezogen werden, sondern die Landbezirke, die grösseren 
Gemeinden, ja die kleinsten Dörfer. Berücksichtige ich zunächst, um diese 
Frage zu beleuchten, meinen eigenen Wirkungskreis. Nürnberg, eine Stadt 
von über 100000 Einwohnern, besitzt selbstverständlich eine Untersuchungs¬ 
anstalt für die Stadt selbst. In der Umgebung Nürnbergs befindet sich 
eine ziemlich grosse Zahl von Gemeinden mit ein, zwei und mehr Tausend 
Einwohnern. Lange Jahre hindurch wurde in diesen Gemeinden eine 
Controle nicht ausgeübt. Seit zwei Jahren ist seitens der königlichen Unter¬ 
suchungsanstalt Erlangen ein Vertragsverhältniss mit diesen Districts- 
gemeinden ins Leben getreten, und eine Controle in diesen der Stadt nahe 
gelegenen Gemeinden zur Durchführung gebracht worden. Das Resultat 
der ersten Controle war, dass durchschnittlich 40 bis 50 Proc. Verfälschungen 
der Lebensmittel zu Tage traten, ein Beweis dafür, dass doch in der That 
viel Material aus der Stadt auf das Land hinausgeworfen wird, welches 
selbstverständlich der betreffende Lieferant, Fabrikant u. s. w. in der Stadt 
nicht verkaufen kann, weil eben dort eine strenge Controle herrscht. Wir 
sehen also aus dieser Thatsache, dass die Controle der Lebensmittel auf 
dem Lande unbedingt nöthig, ja vielleicht nöthiger ist als in manchen 
Städten selbst, wo einmal eine gewisse Regelmässigkeit und eine gewisse 
Ordnung im Laufe der Zeit geschaffen worden ist. Diese Controle auf dem 
platten Lande, gerade in diesen Gemeinden, soll nach meiner Ansicht von 
den Untersuchungsanstalten, von dem Personal derselben zur Durchführung 
gebracht werden, und zwar in der Weise, dass Vertreter der Anstalt in die 
Gemeinden gesandt werden, in Begleitung eines Vertreters der Polizei die 
betreffenden Verkaufsstellen, Läden u. s. w. besuchen, Proben entnehmen, 
Untersuchungen sogar an Ort und Stelle und soweit möglich mikroskopische 
Untersuchungen zur Durchführung bringen und die erforderlichen Maass- 
regeln ergreifen. Meine Herren, diese Besuche haben ausserordentlich 
grossen Werth. Manche Kaufleute, Fabrikanten, Bierbrauer u. s. w. ver¬ 
langen Rath und Auskunft bei den betreffenden Vertretern. Es ist die 
erfreuliche Thatsache zu beobachten, dass bei diesen Besuchen von allen 
Seiten, sogar von Seiten der Privaten, Anfragen an den betreffenden Ver¬ 
treter der Anstalt gelangen. Durch diese Besuche wird auch weiter er- 


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14 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

reicht, dass das grosse Publicum allmalig den Werth der regelmässigen 
Lebensmittelcontrole und der Controle der Gebrauchsgegenstände kennen 
lernt. — Diese sogenannte ambulante Thätigkeit der Untersuchungs¬ 
anstalten ist auf Grund der bis jetzt gewonnenen Erfahrung einer der 
wichtigsten Zweige ihrer Thätigkeit und von ganz hervorragender 
Bedeutung. 

„Gehen wir nun zur Organisation, zur Einrichtung dieser ambulanten 
Thätigkeit, über, so tritt uns die Frage entgegen: wie ist es möglich, das 
Interesse der Gemeinden zu erregen? Ist überhaupt eine solche Thätigkeit 
durchführbar? Gestatten Sie mir, die Verhältnisse in meiner engeren Hei- 
math zu schildern, den Weg anzudeuten, der hier zum Ziele führt. Zum 
Zweck der Ausübung dieser ambulanten Thätigkeit, der Controle auf dem 
platten Lande, werden auf Anregung der Untersuchungsanstalt in Gemein¬ 
schaft mit den Verwaltungsbehörden, der Districte (Bezirke), vor allen Ver¬ 
träge zwischen den Untersuchungsanstalten und den einzelnen Districten 
(Verwaltungsbezirken) oder auch Districtsgemeinden, abgeschlossen. Die 
Gegenleistungen der Districte (aus einer grösseren Anzahl, 30 bis 60 und mehr 
Gemeinden bestehend) für Ausübung der regelmässigen Controls betragen 
je nach Grösse und Leistungsfähigkeit 150 bis 400 und mehr Mark jähr¬ 
lich, eine geringe Leistung. Eine einzelne Gemeinde zahlt demnach kaum 
oft pro Jahr die Summe von 5 Mark für die werthvolle Einrichtung, welche 
gleichzeitig auch für die Verwaltungsbehörden, für die Medicinalheamten 
von Bedeutung ist, indem die Untersuchungsanstalt bei bestehendem Ver¬ 
trage den betreffenden staatlichen Behörden berathend (ohne weiteren 
Kostenaufwand) zur Seite steht. Von Jahr zu Jahr sieht man, speciell bei 
uns in Bayern, mehr die Wichtigkeit der Lebensmittelcontrole ein, und 
gerade diese ambulante Thätigkeit zum Zweck der Ausübung einer regel¬ 
mässigen Controle gewinnt immer mehr Ausdehnung. 

„Wenden wir uns zu den Sätzen 2. und 3., welche lauten: 

2. Die öffentlichen Untersuchungsanstalten sollen theils staat¬ 
liche, theils städtische sein. Die ersteren sind wo möglich mit 

e Universitäten, technischen Hochschulen oder sonstigen höheren 
technischen Lehranstalten zu vereinigen und haben ihre Thätigkeit 
vor Allem in den kleinen Städten und Landgemeinden zu ent¬ 
falten, während die letzteren zunächst für den betreffenden Stadt¬ 
bezirk errichtet werden. 

Es sollte daher jede Provinz, jeder Kreis (je nach der 
politischen Eintheilung, der Ausdehnung, der Grösse der Bevölke¬ 
rung) eine oder mehrere Staatsanstalten besitzen. 

3. Die Untersuchungsanstalten, staatliche wie städtische, sind 
vom Staate als öffentliche Anstalten anzuerkennen. 

„Ich habe in diesem Satze zwei Classen von Untersuchungsanstalten 
unterschieden, staatliche und städtische Anstalten. Ich glaube, dass 
die staatlichen Anstalten, wie ich sie nennen möchte, die, wie ein anderer 
Schlusssatz sagt, aus Zuschüssen von Seiten des Staates, der Provinzial¬ 
vertretung, Districts- oder Kreis Vertretung u. s. w. erhalten werden sollen, 
hauptsächlich die Aufgabe besitzen müssen, die Thätigkeit, wie ich sie eben 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 15 

entwickelt habe, auf dem Lande auszuüben, dass sie aber von der Aus¬ 
übung der Controle für Privatpersonen mehr oder weniger befreit werden 
sollen, denn durch eine solche Thätigkeit wird selbstverständlich die Arbeits¬ 
last zu gross, auch fehlt es nicht an Sachverständigen, Laboratorien, welche 
den Wünschen des Publicums, des Kaufmanns, Producenten entgegenkommen 
können. Die staatlichen Anstalten sollen in der That nur die regelmässige 
Controle im wahren Sinne des Wortes zur Durchführung bringen. Ich 
glaube ganz bestimmt, dass, wenn die Organisation in der Weise dnrch- 
gefuhrt wird, wie ich es bereits geschildert habe, wenn mit den einzelnen 
Gemeinden, mit den DiBtricten, mit grösseren Gemeindecomplexen u. s. w. 
Verträge abgeschlossen werden, die Zuschüsse von Seiten des Staates sehr 
minimale zu sein brauchen, denn ich kann Ihnen aus meiner Praxis die 
Thatsache vorführen, dass die Untersuchungsanstalt, der ich vorstehe, von dem 
Staate keine Opfer verlangt, und dass durch die Vertragsverhältnisse die Haupt¬ 
ausgaben, die im Laufe des Jahres erwachsen, vollkommen gedeckt werden. 

„Die städtischen Untersuchungsanstalten wünsche ich ausdrücklich für 
den Stadtbezirk, nicht für das Land oder für einen weiteren Wirkungs¬ 
kreis in der nächsten Umgebung bestimmt. Es sollen in der That städtische 
Anstalten sein, da ja bekanntermaassen in einer grösseren Stadt stets eine 
ganze Reihe von Fragen zu erledigen ist, nicht allein auf dem Gebiet der 
NahrungB- und Genussmittel und der Gebrauchsgegenstände, sondern auch 
Fragen, mehr rein technischer Art, über welche ja der Chemiker vielfach 
auch durch Ausführung von Untersuchungen die besten Aufschlüsse zu 
geben im Stande ist. 

„Dass die Untersuchungsanstalten, staatliche wie städtische, öffent¬ 
liche sein müssen, d. h. vom Staate anerkannt als solche (mit Berücksichti¬ 
gung unserer Gesetzgebung), ist ja als selbstverständlich zu betrachten und 
bedarf meiner Ansicht nach hier an dieser Stelle keiner weiteren Begründung. 

„Wir kommen nun zur Organisation der Anstalten selbst, und zwar 
zunächst zur Personalfrage. Die aufgestellten Sätze lauten: 

4. Die Vorstände der öffentlichen Untersuchungsanstalten, nicht 
minder die Mitarbeiter, müssen vollkommen unabhängig und 
selbständig gestellt sein, damit dieselben ihren Wirkungskreis 
frei von jedwelcher Beeinflussung entfalten können. 

Jede öffentliche Untersuchungsanstalt soll einen Vorstand 
und die entsprechende Anzahl Assistenten besitzen, von welch 
letzteren Einer stets als stellvertretender Vorstand zu fungiren 
hat. Es bedarf kaum der Erwähnung, dass das gesammte Personal 
die entsprechende Ausbildung auf dem Gebiete der Naturwissen¬ 
schaften besitzt, vor Allem Chemie, Physik, Botanik (Waaren- 
kunde), nicht minder Hygiene, Mineralogie, Geologie und Zoologie, 
wobei die Tüchtigkeit in chemisch-analytischen Arbeiten, sowie 
mikroskopischen und bacteriologischen Untersuchungen ausser 
Frage steht. 

5. Ein Vertreter der Medicin, am besten ein Medicinal- 
beamter, ist einer jeden öffentlichen Untersuchungsanstalt als 
Sachverständiger und Berather zur Seite zu stellen. 


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IG XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

6. Jede öffentliche Untersuchungsanstalt soll neben den zu 
chemischen Arbeiten nothwendigen Räumen getrennte Abtheilungen 
für optische und spectralanalytische Untersuchungen, Gasanalysen, 
mikroskopische und bacteriologische Arbeiten besitzen. 

„Hier glaube ich betonen zu sollen, dass in erster Linie als wichtigster 
Satz aufgestellt werden muss: das gesammte Personal einer Untersuchungs¬ 
anstalt, mag es eine städtische oder staatliche sein, muss sich in vollkommen 
unabhängiger Stellung befinden, muss vollkommen selbständig sein. 
Die Vorstände wie die Hülfsarbeiter müssen in einer solchen Weise, auch mit 
Berücksichtigung der pecuniären Seite, gestellt sein, dass dieselben der An¬ 
stalt auf längere Zeit erhalten bleiben; ja es ist dringend wünschenswerte 
dass die beiden Vorstände lebenslänglich angestellt werden. Ebenso wäre 
es im Interesse der erfolgreichen Wirksamkeit der Untersuchungsanstalten 
wünschenswerth, dass die Vorstände, namentlich der staatlichen Unter¬ 
suchungsanstalten, pragmatische Rechte besitzen, gewissermaassen als Staats¬ 
diener betrachtet werden. In Bayern werden die Assistenten der Anstalten 
von dem Ministerium ernannt und in eine bestimmte Rangclasse eingereiht. 

„Dass in einer Untersuchungsanstalt das nöthige Personal zur Erledigung 
der Anträge vorhanden sein muss, ist selbstverständlich, und zwar muss 
ich in dieser Beziehung hervorheben, dass natürlich der Vorstand das Ganze 
zu leiten hat, ihm zur Seite aber ein sogenannter stellvertretender Vorstand 
stehen muss, da ja der Vorstand niemals in der Lage ist, seine Thätigkeit 
nach allen Richtungen hin zu entfalten, namentlich auch die Vertretung 
nach aussen, bei gerichtlichen Verhandlungen u. s. w. vielfach den Vorstand 
in einer solchen Weise in Anspruch nehmen kann, dass eine Vertretung 
nöthig wird. Also es muss mit einem Worte ein zweiter Beamter vorhanden 
sein, der in Bezug auf seine Qualification den Vorstand in würdiger Weise 
vertreten kann. Dass die nöthige Ausbildung erforderlich ist, bedarf ja 
hier kaum einer weiteren Erörterung. — Wie muss diese Ausbildung be¬ 
schaffen sein? Meine Herren, in der That eine wichtige, bisher viel zu 
wenig gewürdigte Frage. Das Personal der Untersuchungsanstalten darf 
nicht einseitig naturwissenschaftlich ausgebildet sein, sondern muss gerade 
mit Berücksichtigung des Wirkungskreises der Untersuchungsanstalten eine 
viel weitergehendere und gründlichere naturwissenschaftliche Ausbildung 
besitzen. Mit Bedauern — ich kann es nicht verhehlen — haben wir, 
die wir an unseren Untersuchungsanstalten beschäftigt sind, zu constatiren, 
dass es unter Umständen sehr schwierig ist, eine brauchbare Persönlich¬ 
keit als Mitarbeiter einer Untersuchungsanstalt zu erhalten, und zwar 
aus dem einfachen Grunde, weil das Studium der Naturwissenschaften auf 
unseren Universitäten augenblicklich in vielen Beziehungen ein sehr ein¬ 
seitiges ist. Der sogenannte junge Chemiker, der auf die Universität 
kommt, glaubt vollkommen seine Schuldigkeit gethan zu haben, wenn er 
seine Vorlesungen über Chemie in der eingehendsten Weise hört, höchstens 
sich noch mit Physik beschäftigt, im Laboratorium arbeitet und dann pro- 
movirt. Genügt eine solche Ausbildung? Verdient ein solcher Studien¬ 
gang den Namen naturwissenschaftliche Ausbildung? Wahrlich nicht, 
meine Herren! Junge Leute mit solcher einseitiger Bildung können wir an 
unseren Untersuchungsanstalten nicht gebrauchen. Dieselben werden auch 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Gcnussmittel etc. 17 

in der chemischen Praxis, der Industrie wohl kaum Erfolge erringen. Es wird 
heutzutage gerade von Seiten unserer jungen Chemiker vergessen, dass die 
allgemeine naturwissenschaftliche Ausbildung die Grundlage sein muss. 
Der junge Chemiker sowohl wie der sogenannte Studirende der Natur¬ 
wissenschaften , auch der Philosophie, hat nicht allein Chemie und Physik 
auf unseren Universitäten zu treiben, um sich als tüchtiger Chemiker aus- 
zubilden, sondern sich auf dem Gesammtgebiete der Naturwissenschaften 
urazusehen. Vor allen Dingen ist ein gründliches Studium der Botanik, 
der Mineralogie, ebenso der Zoologie und Geologie nöthig. — Der Vorstand, 
das gesammte Personal einer Untersuchungsanstalt muss nicht bloss tüch¬ 
tig sein in der chemisch-analytischen Praxis, sondern es muss auch vor 
Allem tüchtig sein in der Botanik (Waarenkunde). Vor allen Dingen 
wird Deijenige, der nicht mikroskopiren kann, der sich nicht auf bacte- 
riologischera Gebiete umgesehen hat, nicht zu beobachten versteht, in einer 
Untersuchungsanstalt eine traurige Holle spielen, eben unbrauchbar sein. 
Es kommen aber noch andere Fragen in Betracht. Die Beurtheilung der 
Wässer als Trinkwasser, zum technischen Gebrauche, verlangt Kenntnisse 
in der Geologie, weswegen auch die Ausbildung in dieser Richtung drin¬ 
gend nothwendig ist. Ja, wir sind noch nicht zu Ende, wir haben auch 
vor allen Dingen zu verlangen, dass das Personal einer Untersuchungs¬ 
anstalt mehr oder weniger technisch gebildet ist, d. h. einen Einblick in 
die technische Praxis besitzt. Derjenige Sachverständige, meine Herren, 
der ein Gutachten über Wein oder Bier, Branntwein, abzugebeu hat, muss 
auch die Praxis des Bierbrauens, der Spiritusfabrikation und der Wein¬ 
bereitung kennen, auf dem Gebiete der Gährungsgewerbe orientirt sein. 
Auf den Universitäten wird vielfach auf diese Bedürfnisse gar kein Werth 
gelegt; ja, meine Herren, wir können unter Umständen auf unseren deut¬ 
schen Universitäten vergeblich suchen nach Vorlesungen über chemische 
Technologie oder bestimmte Zweige derselben. Man denkt nicht daran, 
dem Studirenden Rathscbläge in dieser Richtung zu ertheilen, seinen 
Studiengang entsprechend zu leiten. Ich verlange nicht, dass ein Assistent 
einer Untersuchungsanstalt einen Curs in einer Bierbrauerei durchgemacht 
oder sich eine Zeit lang auf dem Weingebiete herumgetrieben und selbst 
Wein bereitet hat. Iqj| verlange aber, dass er ganz genau über die Fabri¬ 
kation orientirt ist und sich einen Einblick in diesen Industriezweig ver¬ 
schafft hat. 

„Leider allerdings, wir dürfen es uns nicht verhehlen, fehlt an den 
meisten deutschen Universitäten die Gelegenheit, sich Kenntnisse in der 
erwähnten Richtung anzueignen. Es fehlen Vorträge über landwirt¬ 
schaftliche Nebengewerbe (Gährungsgewerbe), über die chemische Gross- 
industrie, es fehlen die Sachverständigen, welche die erwähnten Gebiete in 
einer Weise behandeln, dass sie in der Lage sind, dem Studirenden die 
nöthigen Einblicke und Kenntnisse beizubringen. Es muss daher das 
dringende Bedürfniss anerkannt werden, dass auf unseren Hochschulen 
Lehrstühle und Institute entstehen, welche die erwähnte Lücke ausfüllen, 
dem Vertreter der theoretischen Chemie ergänzend zur Seite stehen, Vor¬ 
träge und CurBe über technische Gebiete, Prüfung der Lebensmittel, 
forensische Chemie, Gährungsgewerbe u. s. w. abhalten. 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1887. 2 


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18 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Mit der Frage der Befähigung deß Personals der Uutersnchungs- 
anstalten steht selbstverständlich im innigen Zusammenhänge der Satz 8, 
welcher sagt: 

Die Qualification zum Eintritte in eine öffentliche Unter¬ 
suchungsanstalt verlangt vor Allem eine bestandene Staats¬ 
prüfung, welche speciell für den Dienst an den genannten An¬ 
stalten zu organisiren ist. 

„In diesem Satze wollte ich aussprechen und betonen, wie wichtig es 
ist, dass in der That eine gewisse Qualification für alle jene verlangt wer¬ 
den muss, welche an Untersuchungsanstalten thätig sind, und ich glaube, 
gerade hier darauf hinweisen zu sollen — womit meine verehrten Herren 
Collegen, die hier anwesend sind, ja gewiss übereinstimmen — welch grosse 
Missgriffe vielfach von Seiten sogenaunter Sachverständiger in jener Zeit 
gemacht wurden, als das Reichsnahrungsmittelgesetz zur Einführung ge¬ 
langte. Eine ganze Reihe sogenannter Sachverständiger hat sich mit der 
Untersuchung von Lebensmitteln beschäftigt, welche — ich muss es hier 
unumwunden aussprechen — meiner Ansicht nach nicht das Recht dazu 
hatten. Zur Beurtheilung aller hierher gehörigen Fragen gehört vor allen 
Dingen die nöthige Erfahrung. Diese muss vorhanden sein, und diese Er¬ 
fahrung kann man sich nur in der Praxis aneignen. Wir können die Unter¬ 
suchung der Lebensmittel nicht aus den Büchern lernen, durchaus nicht! 
Die Methoden der Untersuchung sind verhältnissmässig einfach, die Be¬ 
urtheilung der Untersuchungsresultate bleibt aber die Hauptsache, und diese 
ist selbstverständlich nur aus der Praxis zu holen. Die Einführung einer 
Staatsprüfung als Qualificationsnachweis für das Personal der Uutersuchungs- 
anstalten ist daher von der grössten Bedeutung und der erheblichsten Trag¬ 
weite. Es. wird ja schwierig sein, meine Herren, — dessen bin ich mir 
bewusst, — ein allgemeines Reglement für das ganze Reich festzustellen. 
Auch kann es meine Absicht nicht sein, Ihnen hier direct Vorschläge zu 
machen. Ich möchte aber nur in allgemeinen Umrissen hier der Frage 
näher treten und besonders hinsichtlich der Art und der Durchführung 
einer solchen Prüfung meine Ansicht hier zur Geltung bringen. 

„Wir werden, wenn wir diese Frage der Organisirung einer Staatsprü¬ 
fung näher behandeln wollen, zwei Gesichtspunkterfesthalten müssen. In 
erster Linie wird Jemand, der bereits das Studium der Naturwissenschaften 
absolvirt hat, ein Candidat für eine solche Prüfung sein, also ein junger 
Mann, der bereits sein drei- oder vieijahriges Universitätsstudium hinter 
sich hat, der also vielleicht in der philosophischen Facultät oder in einer 
naturwissenschaftlichen Facultät als Doctor der Philosophie promovirt und 
einen gewissen Abschluss erreicht hat. Wir werden andererseits, was ich 
betonen muss, unter Umständen einen absolvirten Mediciner oder wenigstens 
einen Doctor der Medicin als Candidaten kennen lernen, welcher Bich spe¬ 
ciell hygienisch ausgebildet hat, der in dieser Richtung sich weiter fortbilden 
will. Wir werden drittens aber auch einen Lehramtscandidaten verwenden 
können, also einen jungen Mann, der seine Staatsprüfung für den künftigen 
Dienst in unseren Mittelschulen als Vertreter der Naturwissenschaften hinter 
sich hat, und diese Lehramtscandidaten sind in der That t wie ja auch die 
Erfahrung gezeigt hat, brauchbare Persönlichkeiten. Dieselben haben nur 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 19 

eine Schattenseite, die aber mit der ganzen Organisation unserer Prüfung 
zusammenhängt: entweder sind sie Chemiker oder sie sind keine Chemiker, 
sondern mehr Botaniker, haben mehr beschreibende Naturwissenschaften 
getrieben. Das ist eine eigenthümliche Thatsache, aber ein Factum, das in 
Wirklichkeit existirt. Wir haben aber auch eine vierte Classe von Candi- 
daten, wir haben auch — was wir wohl berücksichtigen müssen — Pharina- 
ceuten, welche ihre Staatsprüfung bestanden haben, und sich dieser Branche 
znwenden wollen, und ich betone, die ganze Ausbildung des Pharmaceuten 
ist entschieden geeignet, später in dieser Branche zu wirken, aus dem ein¬ 
fachen Grunde, weil eben der Pharmaceut doch eine gewisse allgemeine 
naturwissenschaftliche Vorbildung auf die Universität bringt, und wenn er 
seine Zeit auf der Universität gut benutzt, sich weiter ausbildet, er sich 
ja gewiss vortrefflich für den Dienst der Untersuchungsanstalten qualiflciren 
wird. Also wir haben nach den vier Richtungen hin, die ich hier entwickelt 
habe, jedenfalls ein Personal, das als ausbildungsfähig für unsere Unter- 
suchuugsanstalten in Betracht zu ziehen ist, und ich wünschte auch, dass 
das gerade bei der Organisation einer Staatsprüfung festgehalten wird. Ist 
also ein Doctor der Philosophie vorhanden, um mich so auszudrücken, ein 
absolvirter Lehramtscandidat, oder ein absolvirter Mediciner, endlich ein 
Pharmaceut, der sein Staatsexamen hinter sich hat, und der sich nun durch 
eine drei- bis vierjährige Universitätszeit auf dem Gebiete der Naturwissen¬ 
schaften ausgebildet hat, so glaube ich, dürfte eine Staatsprüfung für solche 
Candidaten, wie ich sie eben erwähnt habe, darin bestehen, dass der Be¬ 
treffende von vornherein in das Laboratorium der Untersuchungsanstalt ein¬ 
geführt wird, und dass ihm entsprechende Gegenstände zur Bearbeitung 
vorgelegt werden, und zwar so, dass einerseits die chemisch - analytische 
Praxis, resp. die chemisch-analytische Tüchtigkeit, andererseits die Tüchtig¬ 
keit im Mikroskopiren, in bacteriologischen Untersuchungen u. s. w. er¬ 
kannt werden kann. Es ist das Resultat niederzuschreiben, es ist ein Gut¬ 
achten abzugeben, und nachdem dies vorüber ist, reiht sich ein Colloquium 
mit dem Betreffenden an, welches hauptsächlich den Zweck hat, zu erfor¬ 
schen, ob der Candidat über die Hülfsgebiete der Chemie, vor allen Dingen 
also über diejenigen naturwissenschaftlichen Gebiete orientirt ist, deren 
Kenntniss für unser Personal in den Untersuchungsanstalten unumgänglich 
nöthig ist; dieses Colloquium dürfte sich speciell auf das Gebiet der analyti¬ 
schen Chemie, auf das Gebiet der Gährungsgewerbe erstrecken, also jene 
chemisch-technologischen Abschnitte, die den Untersuchungsanstalten direct 
nahe stehen; ferner auf das Gebiet der Botanik, speciell Waarenkunde 
(Pharmacognosie), ausserdem Hygiene, ferner allgemeine Kenntnisse in der 
Geologie. Selbstverständlich kann ich nur die allgemeinen UmrisBe an¬ 
geben, da ja diese Frage hier nicht zur Entscheidung gebracht werden 
kann. Jedoch glaube ich, da ich einmal von der Staatsprüfung spreche, 
hier noch speciell darauf hin weisen zu sollen, dass Jeder, der zur Staats¬ 
prüfung zugelassen wird oder werden soll, mindestens eiuen einjährigen 
Cursus in einer bereits bestehenden Untersuchungsanstalt nachweisen muss, 
eine Anforderung, die wohl als selbstverständlich zu betrachten ist. 

„Wir haben dann endlich noch einen zweiten Fall zu unterscheiden, 
nämlich den, dass sich Candidaten zu einer solchen Staatsprüfung melden, 

2 * 


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20 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpfig. zu Breslau. 

welche weder promoyirt haben, noch Lehramtscandidaten sind, noch die 
pharmaceutische Staatsprüfung bestanden haben. In diesem Falle werden die 
Bedingungen ziemlich allgemein zusammen zu fassen sein. Wir werden hier 
jedenfalls ein zurückgelegtes dreijähriges Universitätsstudium und ein Jahr 
Praxis in einer Untersuchungsanstalt verlangen müssen, und dann wird sich 
selbstverständlich in diesem Falle eine rigorosere Prüfung anzureihen haben, 
nicht bloss ein Colloquium in allen bereits vorhin von mir näher bezeichne- 
ten Hülfsfächern, sondern auch eine Hauptprüfung in der Chemie und Physik. 

„Anknüpfend an diese Frage komme ich nochmals zurück zu Satz 2, 
in welchem es heisst: ,die staatlichen Anstalten sind wo möglich 
mit Universitäten, technischen Hochschulen oder sonstigen 
höheren technischen Lehranstalten zu vereinigen/ Gerade 
die Möglichkeit der Durchführung dieser Idee könnte ja vielleicht einige 
Bedenken bei Ihnen erregen. Wir haben im Auge zu behalten, dass der¬ 
jenige, der sich dem Dienste der Untersuchungsanstalten zuwendet, vor allen 
Dingen verlangt, dass er an der Universität Gelegenheit hat, die entspre¬ 
chenden Curse und Vorlesungen zu hören. Wir haben, wie ilinen wohl 
bekannt, nicht an allen deutschen Universitäten und auch technischen 
Hochschulen Vorlesungen, die geeignet sind, den betreffenden Candidaten 
die nöthigen Kenntnisse zu verschaffen. Vorlesungen über Untersuchung 
der Lebensmittel, ja sogar leider über forensische Chemie u. s. w. existiren 
vielfach an unseren deutschen Universitäten nicht. Es ist aber ein drin¬ 
gendes Bedürfniss, dass diese Vorlesungen gehalten werden, und dass man 
die entsprechenden Einrichtungen auf unseren Universitäten trifft. Werden 
an unseren Universitäten Lehrstühle speciell für angewandte Chemie ge¬ 
schaffen, so sind die Inhaber dieser Lehrstühle meiner Ansicht nach am 
besten qualificirt, die staatliche Untersuchungsanstat aufzunehmen. Ebenso 
sind die Vorstände der hygienischen Institute geeignet, die Untersuchungs¬ 
anstalten als Nebenzweig gewissermaassen, jedoch als selbständige Ab¬ 
theilung aufzunehmen. Nicht minder geeignet zu diesem Zwecke werden 
die pharmaceutischen Institute, entsprechende Laboratorien an technischen 
Hochschulen und höheren Gewerbe- oder Realschulen sein. Die Labora¬ 
torien der Institute sind also jedenfalls vorhanden, darüber ist kein 
Zweifel, und es handelt sich bloss darum, ohne grossen Kostenaufwand in 
einem dieser genannten Institute, sei es in dem chemischen Laboratorium, 
in einem hygienischen Laboratorium eine selbständige Abtheilung zu schaf¬ 
fen, in der die Assistenten der Untersuchungsanstalten thätig sind, wo aber 
gleichzeitig noch etwas Raum gelassen wird, um den Studirenden Gelegen¬ 
heit zu geben, in der Untersuchungsanstalt seihst thätig zu sein. Wir müssen 
dem Studirenden, der nach dieser Richtung hin sich entwickeln will, Gelegen¬ 
heit gehen, die factischen Verhältnisse kennen zu lernen. Es ist eine ganz 
andere Sache, meine Herren, wenn wir einen Wein mit Fuchsinzusatz u. s. w. 
verfälschen oder mit Heidelheersaft vermischen oder irgend eine andere Ver¬ 
fälschungsmanipulation ähnlicher Art ausführen und dann die Untersuchung 
vornehmen lassen, als wenn wir irgend eine Handelswaare vor uns haben, 
an welcher sich auffallende Verhältnisse, Verfälschungen nachweisen lassen. 

„Die Möglichkeit der Durchführung des soeben Entwickelten unter¬ 
liegt keinerlei Schwierigkeit. Man wird den jungen Studirenden nicht als 


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Untersuchungsanstalten fiir Nahrungs- und Genussmittel etc. 21 

Sach verständigen in einer solchen Anstalt benntzen und aus seinen Unter¬ 
suchungen das Resultat ohne jede Controle ziehen, man wird ihm nur das 
Material geben, wenn es vorliegt. 

„Es könnte hier jedoch die Frage aufgeworfen werden: das Institut ist da, 
die specielle Einrichtung ist vorhanden, aber der betreffende Vorstand, dem die 
Leitung der Austalt zu seinen Berufspflichten als Lehrer übertragen wird, wird 
zu sehr mit Arbeiten überbürdet. — Die bis jetzt gemachten Erfahrungen be¬ 
seitigen diese Befürchtung, sobald einmal die Organisation der Anstalt voll¬ 
endet ist, und das nöthige Personal, vor Allem der stellvertretende Vorstand, 
vorhanden ist. Die Erfahrung hat bei uns in Bayern gezeigt, dass die Vorstände 
der Untersuchungsanstalten wohl Beschäftigung haben, aber nicht mit Arbeiten 
überbürdet sind, dass dieselben sehr leicht die Untersuchungsanstalten zu leiten 
im Stande sind, wenn die Organisation einmal besteht. Ich wünschte daher, 
dass die Untersuchungsanstalten, und zwar im Wesentlichen die staatlichen, 
die meines Erachtens mit Untersuchungen für das Publicum nichts za 
schaffen haben sollten, aus dem Grunde mit höheren Lehranstalten vereinigt 
werden, damit der Studirende Gelegenheit findet, sich in zweckentsprechen¬ 
der Weise für den Dienst in der Untersuchungsanstalt selbst auszubilden. 

„Wir kommen zu einem weiteren Gegenstände, den ich in Nummer 5 
zusammenfasse: 

Ein Vertreter der Medicin, am besten ein Medicinalbeam- 
ter, ist einer jeden öffentlichen Untersuchungsanstalt als Sach¬ 
verständiger und Berather zur Seite zu stellen. 

„Wenn ich mir erlaubt habe, diesen Satz aufzustellen, so glaube ich 
einem Bedürfniss im Allgemeinen entsprochen zu haben, welches sich wohl 
in vielen Fällen ergiebt, namentlich dort, wo der Vorsteher der Unter¬ 
suchungsanstalt keine allgemeine medicinische Bildung besitzt. Ist die 
Untersachungsanstalt in den Händen eines Vertreters der Hygiene, so wird 
es ja nicht nöthig sein, dass ihm ein Berather aus medicinischen Kreisen 
zur Seite steht. Dagegen scheint es mir aber doch vo.n grösster Wich¬ 
tigkeit zu sein, dass in solchen Fällen, wo kein medicinischer Sachverstän¬ 
diger direct mit der Untersuchungsanstalt in naher Beziehung steht, eine 
solche Persönlichkeit beigesellt, gewissermaassen als Berather beigegeben 
wird. Man könnte mir ja allerdings entgegenhalten: das ist nicht 
nöthig; bei allen unseren Gerichtsverhandlungen wird ja, wenn auch das 
Untersuchungsresultat des Chemikers vorliegt, vielfach noch ein medici¬ 
nischer Sachverständiger zugezogen, wenn es sich um die Frage handelt, 
ob gesundheitsschädlich oder nicht. Das ist allerdings richtig; trotzdem 
erscheint es mir aber sehr zweckmässig, wenn ein medicinischer Berather 
der Anstalt zur Seite steht, da vielfach doch der chemische Sachverständige 
in die Lage kommt, sich im Allgemeinen zu orientiren. Es ist ja gar nicht 
nöthig, dass der medicinische Sachverständige zum Personal der Unter- 
suchung8anstalt gehört. Das wünsche ich gar nicht. Es soll nur eine 
Persönlichkeit vorhanden sein, uud zwar am besten ein Medicinalbeamter, 
der der Untersuchungsanstalt als Berather gewissermaassen zur Seite steht 
und in dieser Richtung unterstützend eingreifeu kann. 


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22 XIII. Versammlung d. D. Vereius f. off. Gsndbpflg. zu Breslau. 

„Was die Einrichtung der Untersuchungsanstalten betrifft, bo glaube 
ich über dieses Thema hier keine eingehende Controverse eröffnen zu sollen. 
Ich habe hier bloss, den Bedürfnissen entsprechend, den Schlusssatz auf¬ 
genommen, welcher lautet: 

Jede öffentliche Untersuchungsanstalt soll|[neben den zu chemi¬ 
schen Arbeiten nothwendigen Räumen getrennte Abtheilungen für 
optische und spectralanalytische Untersuchungen, Gasanalysen, 
mikroskopische und bacteriologische Arbeiten besitzen. 

„Wir haben zur Zeit in Deutschland vielfach vortrefflich eingerichtete 
Untersuchungsanstalten, namentlich städtische, die schon längere Zeit exi- 
stiren, und die als Muster dienen können, und wir haben ja, glaube ich, 
über diesen Punkt uns hier in keiner Weise eingehend zu unterhalten, da 
ich voraussetzen darf, dass diese Frage der inneren Einrichtung der Unter¬ 
suchungsanstalten eigentlich im Grossen und Ganzen gelöst ist, auch stets 
von Fall zu Fall zu erörtern ist. Ich möchte nur betonen, dass bei Er¬ 
richtung der Untersuchungsanstalten von Seiten der Städte und des Staats 
vor allen Dingen für eine genügende Einrichtung gesorgt werden muss, 
dass nicht, wie das vielfach geschieht, die Untersuchungsanstalten mit 
dürftigen Laboratorien in Verbindung gesetzt werden. Das ist nicht die 
richtige Art des Vorgehens, wie ich mich überhaupt mit den Winkel¬ 
anstalten, die vielfach errichtet worden sind und noch in oft dürftigster Aus¬ 
stattung existiren, sei es unter Leitung eines vielbeschäftigten Vertreters 
der Naturwissenschaften an einer Realschule, eines Apothekers oder son¬ 
stigen Sachverständigen, nicht einverstanden erklären kann. Derartige Ein¬ 
richtungen, die oft nur errichtet werden, damit das Kind den Namen hat, 
sind zu verwerfen, denn sie können den Anforderungen nicht entsprechen, 
die wir an die Thätigkeit einer Untersuchungsanstalt zu stellen haben und 
bringen oft geradezu den Werth der Untersuchungsanstalten in Misscredit. 
Für das Publicum kann der Apotheker sowie jeder Sachverständige an 
unseren Mittelschulen berathende, auf klärende Person sein und erfolg¬ 
reich wirken. Für die Leitung einer öffentlichen Staats- oder städtischen 
Untersuchungsanstalt wird der Apothekenbesitzer, dessen wissenschaft¬ 
liche Qualification ausser Zweifel stehen kann, nicht geeignet sein, da die 
absolute Selbständigkeit und Unabhängigkeit-dem Publicum gegenüber fehlt. 

„Ich gehe nun über zum Wirkungskreise der Untersuchungsanstalten, 
der gerade mit Bezugnahme auf die Gebrauchsgegenstände wohl eine be¬ 
stimmte Begrenzung erfahren muss, und erlaube mir in dieser Richtung 
den Schlusssatz 7. aufzustellen, der lautet: 

Der Wirkungskreis der Untersuchungsanstalten soll sich nur 
auf das Gebiet der Nahrungs- und Genussmittel, sowie Gebrauchs¬ 
gegenstände erstrecken, welch letztere einschliessen: gefärbte Gegen¬ 
stände aus Holz, Metall, Kautschuk, Papier, Spielwaaren überhaupt, 
Buntpapiere, Beizen, Leder, Haus- und Küchengeräthe, Umhül- 
lungs-, Verpackungs-Aufbewahrungsmaterialien, Oblaten, Petroleum 
und Beleuchtungsmateralien, Textilfabrikate, Seifen und Kosmetika, 
Geheimmittel, Zündmaterialien, Wasser. 


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Uutersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 23 

„Meine Herren, das Gesetz wendet den Ausdrnck ,Gebrauchsgegen- 
stände 4 an. Darunter lässt sich vieles verstehen. Es tritt an uns die 
Frage heran: wollen wir nur jene Gegenstände hineinziehen, welche wirk¬ 
lich in den Rahmen des Gesetzes gehören, oder wollen wir etwas weiter 
gehen? An die Untersuchungsanstalten treten, wie die Erfahrung gezeigt 
hat, die verschiedensten Fragen heran. Ein städtisches Untersuchungsamt 
wird vielfach nicht bloss zu Gutachten über Nahrungs- und Genussmittel 
sowie Gebrnuchsgegenstände, sondern auch zu solchen über technische Fra¬ 
gen in Anspruch genommen und mit vollem Recht. Aber trotzdem, meine 
Herren, wünschte ich nicht, dass das, was ich Untersuchungsanstalt 
nenne, ein technisches Auskunftsbureau für das grosse Publicum, für Fabri¬ 
kanten u. s. w. werden soll. Das muss vollkommen getrennt werden. Unsere 
Untersuchungsanstalten können nicht in diesem Sinne technische Auskunfts¬ 
bureaus sein, wie sie in der That zahlreich existiren und mit P>folg unter 
Leitung der tüchtigsten Sachverständigen vielfach als Privatinstitute tliätig 
sind. Die Gebrauchsgegenstände schliessen allerdings eine Menge tech¬ 
nischer Gegenstände ein; ich meine aber, dass der Vorstand der Unter- 
suchungsanBtalt nicht dieser Seite besondere Aufmerksamkeit zuwenden 
soll. Seine erste Aufgabe muss es immer sein, als Vorstand dieser Anstalt 
in erster Linie ausschliesslich den Nahrungs- und Genussmitteln und den 
Gebrauchsgegenständen in einer gewissen Begrenzung seine Aufmerksam¬ 
keit zuzuwenden. Ich habe mir erlaubt, eine Reihe von Gegenständen zu- 
sammenzufassen, allerdings in dem Bewusstsein, dass ich nicht alles in die¬ 
sen Rahmen in detaillirter Fassung eingeschlossen habe, und ich darf 
vielleicht gerade an dieser Stelle die betreffenden Materialien einmal be¬ 
zeichnen, da es mir wichtig erscheint, den Ausdruck „Gebrauchsgegenstände 44 
in irgend einer Weise präcisirt zu wissen. Ich möchte in den Wirkungs¬ 
kreis der UntersuchungBanstalten mit dem Namen Gebrauchsgegenstände 
eingeschlossen wissen: Gefärbte Gegenstände aus Holz, Metall, Kautschuk, 
Papier, Spielwaaren überhaupt. Also ich habe eigentlich hier im Grossen 
und Ganzen zunächst die Spielwaaren im Auge, mit Berücksichtigung der 
verschiedenen Farben, die eben bezüglich ihrer Gesundheitsschädlichkeit ja 
stets näher in Berücksichtigung gezogen werden müssen. Die Buntpapiere 
reihen sich an, die ja allerdings mit den Spielwaaren mehr oder weniger in 
Zusammenhang stehen, dann gehören hierher die Anstrichfarben, die Bei¬ 
zen, Leder, Haus- und Küchengeräthe, Umhüllungs-, Verpackungs-, Auf- 
bewahrungsmaterialien. Oblaten sind auch wohl zu nennen, Petroleum- und 
Beleuchtungsmaterialien, selbstverständlich Leuchtgas mit eingeschlossen. 
Begreiflicher Weise müssen auch die Textilfabrikate hier mit aufgeführt 
werden, unter allen Verhältnissen Seifen und Kosmetika, Geheiinmittel, 
Zündmaterialien, endlich das Wasser als Nahrungsmittel, wie zu technischen 
Zwecken. — Vielleicht dürfen wir hier noch der Conservirungs- und 
Desinfectionsmaterialien gedenken, die ich bis jetzt nicht aufgenom¬ 
men habe, die aber jedenfalls in unseren Untersuchungsanstalten vielfach 
Gegenstand näherer Untersuchung und Prüfung sind. 

„Bei dieser Gelegenheit kommen wir aber zu einer Unterfrage, die 
allerdings nicht streng in dem Rahmen meines Referates liegt, die sich aber 
doch auf die 'Ausdehnung, auf den Wirkungskreis der Uutersuchuugs- 


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24 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

anstalten bezieht. Sie haben vielleicht vermisst, dass ich nicht die forensi¬ 
schen, die sogenannten gerichtlich - chemischen Untersuchungen mit in den 
Wirkungskreis hineingezogen habe, also die Leichenuntersuchungen, Ver¬ 
giftungsfragen u. s. w. Sie sind absichtlich von mir weggelassen wor¬ 
den, allerdings muss ich sagen, aus mehr oder weniger egoistischen Grün¬ 
den. Mir hat nämlich die Organisation vorgeschwebt, die wir bei uns in 
Bayern haben, wo bekanntlich für das ganze Königreich drei Chemiker an¬ 
gestellt Bind, die für sämmtliche Provinzen in gerichtlichen Fällen die 
Untersuchung durchzuführen haben. Wir haben drei Medicinalcomites, 
welche ihren Sitz an den drei Landesuniversitäten haben, und einem jeden 
Medicinalcomite ist ein Chemiker beigegeben, der ausschliesslich diese 
chemischen Untersuchungen von gerichtlichen Fällen, also die forensischen 
Arbeiten, durchzuführen hat. Soviel mir bekannt — ich kann mich ja 
auch irren — existirt diese Organisation allerdings nur in Bayern, wäh¬ 
rend wir in anderen Ländern andere Einrichtungen haben. Ich muss 
offen gestehen, dass ich mich in dieser Frage für nicht ganz competent 
halte. Ob es richtig ist, die rein forensischen Untersuchungen mit den 
Untersuchungsanstalten zu vereinigen, weise ich selbst nicht. Ich für 
meine Person wünsche nicht, dass die rein forensischen Fragen in der 
Untersuchungsanstalt zur Ausführung gelangen und halte die Einrichtungen 
in meinem eugeren Vaterlande für sehr zweckmässig. 

„Wir kommen nun zu dem letzten Satze meiner Schlusssätze, zur Frage 
der Einführung einheitlicher allgemein gültiger Bestimmungen über die Aus¬ 
übung der Controle auf dem Gebiete der Nahrungs- und Genussmittel, 
sowie der Gebrauchsgegenstände in Betreff der Probeentnahme, der Be¬ 
theiligung der Untersuchungsanstalten bei der Ausübung der Lebensmittel¬ 
polizei überhaupt und endlich, was ja immer noch das dringendste Bedürfnis 
ist, wenn auch bereits noch so viel auf diesem Gebiete gearbeitet worden 
ist, der Feststellung einheitlicher Untersuchungs- und Beurtheilungsnormen. 
Dass hier ein Bedürfnis vorliegt, wird Jedermann zugeben müssen, der 
die Thätigkeit der Untersuchungsanstalten auf dem Gebiete der Lebens- 
mittelcontrole kennt. Welche Ungeschicklichkeiten bisher allein bei der Probe¬ 
entnahme von Lebensmitteln geschehen sind, ist gar nicht zu schildern, und 
es ist auch ganz begreiflich, dass der Kaufmann, derjenige, der die Lebens¬ 
mittel verkauft und für die Reinheit eintreten muss, sich bei den Behörden 
über die Ungeschicklichkeit, über die Art und Weise, wie die Probeent¬ 
nahme stattfindet, beschwert. Wenn es factisch vorkommt, dass jetzt noch 
in grösseren Städten die Lebensmittel gekauft und die Proben von Seiten 
des Vertreters der Polizei in der Weise entnommen werden, dass der Polizei¬ 
anwalt oder wie die betreffenden Persönlichkeiten sich nenuen, Kinder in 
Kaufläden schickt, um die Proben zu entnehmen und sie dann der Unter¬ 
suchungsanstalt in einem Korbe offen hinträgt, wenn derartige Ungeschick¬ 
lichkeiten immer noch Vorkommen, so ist ja durch diese einfache Thatsache 
das dringende Bedürfniss unbedingt festgestellt. Es wäre sehr wünschens¬ 
wert, dass hier eine Einheit erzielt wird, dass nicht bloss wieder jedes 
Land für sich seine ganz speciellen Bestimmungen erlässt, sondern dass in 
dieser Richtung wirklich einmal durchgreifend eine Organisation für das 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 25 

ganze Reich geschaffen wird, die diese Frage feststellt. Es wird ja bei¬ 
spielsweise vielfach noch die Frage: „hat der Vertreter der Untersuchungs¬ 
anstalt das Recht, in Gemeinschaft mit einem Polizei Vertreter eine Probe zu 
entnehmen oder hat er es nicht“, verschieden interpretirt. Mir ist es noch 
nicht vollständig klar, ob solches möglich ist, ob nicht der Kaufmann unter 
Umständen das Recht hat, den Betreffenden zur Thür hinaus zu weisen, 
wenn er hintritt und eine Probe verlangt. Ich selbst habe schon die ver¬ 
schiedenartigsten Anschauungen und Aeusserungen hören müssen, die es 
wünschenswerth erscheinen lassen, präcisere Bestimmungen, vor Allem ein¬ 
heitliche Organisationen anzustreben. Es ist auch von der erheblichsten 
Wichtigkeit, dass einmal in dieser Beziehung eine gewisse Vorschrift exi- 
stirt, dass nicht, wie es thatsächlich der Fall ist, in jeder Stadt möchte ich 
sagen, die Probeentnahme eine andere ist, die Art und Weise der Durch¬ 
führung der Lebensmittelcontrole eine andere ist, immer Verschiedenheiten 
zu Tage treten, der eine diese, der andere jene Ansicht hat. Schon aus 
diesem Grunde wäre es wünschenswerth, wenn endlich einmal eine Einheit, 
speciell in Bezug auf die Art und Weise der Probeentnahme und der Be¬ 
theiligung der Untersuchungsanstalten bei der Ausübung der Lebensmittel¬ 
polizei, festgestellt werden könnte. Wie wichtig einheitliche Untersuchungs¬ 
und Beurtheilungsnormen sind, bedarf wohl hier keines weiteren Beweises. 
Wir haben ja leider in dieser Richtung sehr viel Lehrgeld geben müssen, 
eben veranlasst durch die verschiedenartige Auffassung und Beurtheilung 
der Resultate der Untersuchung unserer Lebensmittel, vorzugsweise ge¬ 
wisser Gassen von Lebensmitteln, sei es von Seiten der Sachverständigen, 
sei es von Seiten der Gerichtsbehörden. Dass diese Verhältnisse sich ge¬ 
bessert haben, ist eine erfreuliche Thatsache, und wir können ja auch wohl 
constatiren, dass die Sachverständigen ununterbrochen thätig und bestrebt 
sind, diese Fragen weiter anszubilden, die Untersuchungsmethoden und 
Beurtheilungsnormen einheitlich zu gestalten. Aber trotzdem, meine Herren, 
sind wir noch nicht am Ziele. Wir haben noch keine idealen Zustände 
nach dieser Richtung hin, und werden darum zur Frage gedrängt: Ist es 
nicht wünschenswerth, dass das Reich sich dieser Sache annimmt? Sollten 
nicht von Seiten des Reiches ständige Commissionen, aus Sachverständigen 
zusammengesetzt mit juristischem Beirath, eingerichtet werden, die sich mit 
dieser Frage beschäftigen, die von Jahr zu Jahr über den Stand der Frage 
berichten? Es brauchen ja keine Gesetze hierüber erlassen zu werden, 
sondern es sollen eben für die Untersuchung und für die Beurtheilung 
eines jeden Nahrungs- und Genussmittels vor allen Dingen einheitliche 
Untersuchungsmethoden geschaffen und einheitliche Gesichtspunkte in Be¬ 
zug auf die Beurtheilung festgestellt werden, die von dieser Reichscommis¬ 
sion zur Mittheilung gelangen. Eine solche ständige Commission des Reiches, 
welche sich je nach Bedürfniss durch weitere Sachverständige zu ergänzen 
hat, wird einen segensreichen Wirkungskreis zu entfalten haben, wird aller¬ 
dings manches Geschaffene den Forschungen der Wissenschaft entsprechend 
wieder umstossen und Neuerungen veranlassen. Sicher wird aber nach 
meinem Dafürhalten durch eine solche Maassregel oder ihr verwandte Orga¬ 
nisationen nur allein die vollendete Handhabung des Nahrungsmittel- 
gesetzes im Deutschen Reiche möglich sein. 


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26 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Meine Herren, ich bin zu Ende und glaube, die wesentlichen Punkte 
in speciellere Erwägungen gezogen zu haben, welche mich veranlassten, 
diese 11 Schlusssätze aufzustellen. Ich stehe zu jeder weiteren Auskunft 
bereit und bitte Sie, gerade auch über die Art und Weise der Behandlung 
dieses umfangreichen Themas Ihre Meinung zu äussern. u 

Der Vorsitzende eröffnet hierauf die Discussion und theilt mit, 
dass ein Antrag des Herrn Syndicus Dr. Eras (Breslau) eingegangen 
sei, der den Schlusssätzen des Herrn Referenten noch als Nr. 12 folgenden 
Satz beizufügen wünscht: 

„Man sollte nicht länger zögern, auf Grund des §. 5 des Ge’ 
setzes vom 14. Mai 1879 mittelst besonderer Verordnung fest¬ 
zustellen , welche Arten der Herstellung der gebräuchlicheren 
Nahrungs- und Genussmittel zulässig resp. verboten sind und in 
welchen Maximal- resp. Minimalmengen die hauptsächlich in Betracht 
kommenden chemischen Stoffe darin enthalten sein dürfen, resp. 
vorhanden sein müssen.“ 

Zur Begründung dieses Antrages ertheilte der Vorsitzende zunächst 
dem Antragsteller das Wort 

Syndicus Dr. Eras (Breslau) stimmt der von dem Herrn Referenten 
gethauen Aeusserung bei, dass nicht geleugnet werden könne, dass nament¬ 
lich in der ersten Zeit seitens der Sachverständigen, die sich mit der Hand¬ 
habung des Nahrungsmittelgesetzes zu befassen gehabt haben, verschiedene 
Missgriffe gemacht worden seien. Wenn wohl Niemand bezweifle, dass eine 
Controle über die Beschaffenheit der Nahrungs- und Genussmittel ira öffent¬ 
lichen Interesse, wie im Interesse des Gewerbetreibenden selbst dringend 
geboten erscheine, so könne eine solche Controle, wenn sie sehr streng 
gehandhabt werde, doch unter Umständen Handel und Gewerbe tief schä¬ 
digen. Der Herr Referent scheine der Ansicht, dass möglichst sorgfältige 
Ausbildung der Sachverständigen, zweckmässige Organisation der betreffen¬ 
den Untersuchungsanstalten, die grösste Sorgfalt bei der Entnahme der 
Proben und dergleichen Handel und Verkehr gegen Belästigungen und 
gegen unberechtigte Eingriffe sichere und habe desshalb in seinen Resolu¬ 
tionen gerade diese Punkte besonders betont. Aber alle Praxis der einzel¬ 
nen Sachverständigen, alle Thätigkeit der bestorganisirten Untersuchungs¬ 
ämter werde nicht im Stande sein, weder heute noch künftig, eine Lücke 
auszufüllen, die in dieser Beziehung bestehe. Die Frage, was Bier, was 
Wein sei, welche Beschaffenheit ein Trinkbranntwein haben müsse und der¬ 
gleichen , sei fast so schwer zu beantworten, wie die schon im Alterthum 
aufgeworfene Frage, was Wahrheit sei, und die Ansichten der verschiedenen 
Gelehrten gehen darin oft sehr weit auseinander. So dürfe z. B. eine ge¬ 
wisse Art Tapeten in Preussen nicht hergestellt werden, die in Württem¬ 
berg noch heute fortgesetzt gearbeitet werde, weil man dort der Ansicht 
sei, dass durch das sehr geringe Quantum einer giftigen Farbe die Tapete 
an sich noch nicht zu einem verbotenen Gebrauchsgegenstande werde. Wie 
schwer diese Verschiedenheit der Ausschlag gebenden Ansichten mitunter 


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Untersuchungsanstalten für Nakrungs- und Genussmittel etc. 27 

der Kaufmann8tand empfinde, zeige ein Beispiel, das sich neuerdings in 
Breslau zugetragen habe: Ein Specereihändler habe vor etwa zwei Jahren 
von einem Obstweinfabrikanten in der Provinz ein Fass Apfelwein bezogen, 
der als er angekommen, noch nicht einmal zum Abfüllen reif gewesen sei. 
Von diesem Apfelwein habe ein Polizeibeamter Probe entnommen und die 
chemische Untersuchung habe ergeben, dass der Wein ungefähr 15 Proc. 
Alkohol und ausserdem auch noch etwas Fuselöl enthalte. Daraufhin sei 
dem Kaufmann untersagt worden, den Apfelwein zu verkaufen, dieser habe 
ihn dem Fabrikanten wegen nicht vertragsmässiger Beschaffenheit zur Ver¬ 
fügung gestellt, der Fabrikant aber habe den Kaufmann auf Abnahme ver¬ 
klagt. Das Amtsgericht habe verschiedene Gutachten eingeholt und darauf¬ 
hin erkannt, dass der betreffende Kaufmann zur Abnahme des Obstweins 
verpflichtet sei, weil nach Ansicht der maassgeblichsten Sachverständigen 
ein Alkoholgehalt von 15 Proc. bei Apfelwein keineswegs zu gross sei und 
weil allerdings wohl Spuren von Fuselöl vorhanden seien, aber nach An¬ 
sicht der Medicinalbehörde nicht in solchem Maasse, dass dadurch der 
Apfelwein nicht mehr zum Genuss tauglich sei. Der Kaufmann nun habe 
den Apfelwein und die Processkosten bezahlt und dann bei der Polizei¬ 
behörde den Antrag gestellt, sie möge nunmehr den Apfelwein zum Ver¬ 
kauf frei geben. Der Polizeipräsident aber habe rescribirt: da in dem frag¬ 
lichen Apfelweim nach dem Ergebniss der chemischen Untersuchung fusel¬ 
haltiger Alkohol enthalten und derselbe daher gesundheitsschädlich sei, 
mache sich der Kaufmann durch Verkauf desselben nach §. 12 des Nah- 
rangsmittelgesetzes strafbar! Der Bezirkscommissarius aber — nur als 
Cnriosum sei dies beigefügt —, der dem Kaufmann die betreffende Ver¬ 
fügung überbracht habe, habe ihm den guten Rath gegeben, er möge noch 
etwas Alkohol zu dem Obstwein giessen und ihn dann als Branntwein ver¬ 
kaufen ! 

Wohl Jeder, der bei der Abfassung des Nahrungsmittelgesetzes vom 
14. Mai 1879 mitgearbeitet habe, werde sich bewusst gewesen sein, dass 
bestimmte Ausführungsverordnungen hinzutreten müssen, um die¬ 
ses Gesetz für die Untersuchungsanstalten zu einem wirklich brauchbaren 
und handlichen zu machen und um nicht nur Missgriffen vorzubeugen, 
sondern auch vor allen Dingen, um dem Verkehr eine gewisse Sicherheit zu 
geben. Das Gesetz selbst schreibe in seinem §. 5 vor, dass „zum Schutze 
der Ge8undheit u solche Verordnungen von der kaiserlichen Regierung er¬ 
lassen werden können; richtiger heisse es in dem Gesetz vielleicht: „zum 
Schutz der Gesundheit und zur Sicherung des Verkehrs“. Jedenfalls aber 
müsste eine solche kaiserliche Verordnung erlassen werden, in welcher 
z. B. bestimmt ausgesprochen werde, was Wein sei, welche Bestandteile 
er enthalten müsse und in welchem als Maximum und Minimum zulässigen 
Verhältniss; das Gleiche gelte von Bier, Obstwein, Branntwein. Wenn man 
eine solche Verordnung nicht fordere, weil man sage, dass dies die Praxis 
machen möge, oder dass der Erlass solcher Ausführungsverordnungen den 
Herren im Reichsgesundheitsamt zu viel Schwierigkeiten bereite, so heisse 
dies einfach, die Verlegenheit von den kräftigeren Schultern der hervor¬ 
ragendsten Fachmänner im Reiche auf weniger kräftigere Schultern abwäl- 
zen, es heisse, wenn die grossen Herren in einem heiklen Falle nicht 


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28 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndlipflg. zu Breslau. 

Bescheid wissen, dann mögen die dii minorum gentium sich darüber den 
Kopf zerbrochen. Desshalb habe er den Zusatz zu den Schlusssätzen des 
Herrn Referenten beantragt und ersuche die Versammlung, dem beizu¬ 
stimmen. 

Landesrath FuSS (Danzig) beantragt, nicht in die Discnssion der 
einzelnen Schlusssätze einschliesslich des Antrags des Herrn Dr. Eras ein¬ 
zutreten. So viel ihm bekannt, sei eine solche Ausführungsverordnung 
seitens der Reichsbehörden wesentlich desshalb noch nicht erlassen, weil 
es den Sachverständigen noch nicht gelungen sei, derartige Bestimmungen 
zu finden, mit denen Handel und Gewerbe sich einverstanden erklären 
könne. Wolle der Verein auf dem von Herrn Dr. Eras betretenen Wege 
etwas erreichen, so sei das einzige Mittel dazu, dass der Verein eine Com¬ 
mission erwähle und dieser den Auftrag gebe, ganz bestimmte Vorschläge 
zu machen, die dann seitens des Vereins bei dem Reichsgesundheitsamt zu 
befürworten wären. Einer blossen Beschlussfassung im Sinne der Resolu¬ 
tion des Herrn Dr. Eras scheine es ihm nicht zu bedürfen, da das Er- 
strebenswerthe solcher Ausführungsbestimmungen ganz allgemein aner¬ 
kannt sei. Aehnlich sei es mit den anderen Thesen, die ja manches Vor¬ 
zügliche und Beherzigungswerthe enthielten, aber auch Manches, das 
zweckmässig fortbleibeu würde, so namentlich §. 10, der die pecuniäre 
Seite der Frage berühre, die in den verschiedenen Theilen Deutschlands 
eine sehr verschiedene Behandlung verlange. Im Ganzen stimme er dem 
Herrn Referenten vollständig bei, der darauf hingewiesen habe, dass dem 
Nahrungsmittelgesetz eigentlich noch Fleisch und Blut gegeben werden 
müsse. Wenn es gelinge, lebenskräftige Behörden zu schaffen, die in steter 
Praxis und Fühlung mit Handel und Wandel festere Grundsätze ausfindig 
machen, dann werde es auch möglich werden, wirklich greifbare Bestim¬ 
mungen aufzustellen und im Wege der Verordnung und Praxis Grund¬ 
sätze zu schaffen, die von den renommirten und angesehenen Weinhändlern, 
Bierbrauern und anderen Gewerbetreibenden von vornherein respectirt 
werden. 

Bürgermeister Francke (Stralsund) tritt den Wünschen des Vor¬ 
redners entgegen und bittet die Versammlung, sich mit dem hochwichtigen 
Gegenstand doch eingehender zu beschäftigen und in eine Discussion des¬ 
selben einzutreten. Der Herr Referent habe gewissermaassen einen An¬ 
spruch darauf, dass seine Ansichten hier zur Besprechung gestellt werden, 
und fraglich könne nur allenfalls sein, ob man in die Besprechung jeder 
einzelnen These eintreten solle oder ob sich diese nur auf die allgemeinen 
Grundsätze erstrecken solle. Ihm scheine es verfrüht, schon jetzt in alle 
die Einzelheiten einzugehen, wie die Anstalten einzurichten, welche Leute 
als Mitglieder derselben anzustellen, welche Gegenstände zu prüfen seien, 
ehe man sich darüber klar sei, ob die ganze Einrichtung im Interesse der 
Gesundheitspflege nöthig sei. Das aber scheine ihm vor Allem erforderlich, 
dass sich der Verein über die allgemeine Frage ausspreche, ob dergleichen 
Untersuchungsstationen in den Städten und auch ambulante, wie sie ge¬ 
nannt worden seien, für die ländliche Bevölkerung im Interesse der öffent- 


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Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel etc. 29 

liehen Gesundheitspflege nöthig und auch durchfahrbar seien, namentlich 
auch in Bezug auf die finanziellen Opfer, die dadurch an die Gemeinden 
her an treten. 

Professor Dr. Schwartz (Graz) ist der Ansicht, dass die von Herrn 
Dr. Eras beantragte Zusatzthese schon im §. 11 der Schlusssätze des 
Herrn Referenten enthalten sei, in dem es heisse, dass es auf das Ener¬ 
gischste angestrebt werden müsse, einheitliche Untersuahungs- und Beur- 
theilungsnormen durchzufahren. Die Bestimmung z. B., wie viel Alkohol 
ein durch Spiritus unverfälschter Wein enthalten dürfe, könne durch eine 
Vereinigung von Untersuchungschemikern, von den Vorständen von Uuter- 
suchungsstationen viel leichter und sicherer ausgesprochen werden, als 
wenn dies von oben herab commandirt werde. Gerade die technische Aus¬ 
bildung, die der Herr Referent gefordert habe, werde davor schützen, dass 
man unnöthige Erschwerungen vorschreibe. Darum halte er es für ver¬ 
fehlt, wenn man so vorgehe, dass vom Gesetzgeber etwas ausgesprochen 
werde, bevor man die Sachverständigen gehört habe, ja bevor man über¬ 
haupt Sachverständige herangebildet habe, die gerade für Lebensmittel¬ 
untersuchungen ganz specielle Uebung bedürfen. Desshalb würde er 
empfehlen, dass §. 11 in der Weise erweitert werde, dass durch eine Ver¬ 
einigung der Vorstände der Lebensmitteluntersuchungsanstalten endlich 
einmal grundlegende Normen darüber festgestellt würden, was im Handel 
und Verkehr betreffs der Analysen möglich oder zulässig sei. 

Docent Dr. Hneppo (Wiesbaden) glaubt, dass der Herr Referent 
das reiche, sorgfältig durchgearbeitete Material wohl in erster Linie vor¬ 
geführt habe in der Hoffnung, dass die Wünsche eines grossen Fach Vereins 
die competenten Behörden veranlassen möchten, dem Gegenstände in der 
Praxis näher zu treten. Wolle man das erreichen, sei es wohl richtiger, 
aus den Schlusssätzen alles das wegzulassen, worüber man allgemein gül¬ 
tigen Rath gar nicht geben könne, wie z. B. über die Geldfrage. Dann 
aber sei es auch vielleicht in materieller Hinsicht vortheilhafter, die Schluss¬ 
sätze des Referenten zum. Zweck einer Resolution in drei natürliche Grup¬ 
pen unterzubringen und die Einzelheiten lieber diesen grösseren Gruppen 
unterzuordnen. 

Als erster Hauptwunsch würde dann zweifellos der zu bezeichnen 
sein, dass die Einrichtung von Nahrungsmitteluntersuchungsämtem eine 
unabweisbare NothWendigkeit sei und zwar als staatliche oder städtische 
Anstalten, da sie nur dann, wenn jede industriell» Nebenabsicht sicher aus¬ 
geschlossen sei, dem Publicum jede berechtigte Garantie geben. 

Das zweite wichtige allgemeine Moment betreffe die Ausbildung der 
Beamten jener Untersuchungsämter und hier gehe der Herr Referent wohl 
etwas zu weit. Bei bestem Unterricht und grösstem Fleiss halte er es 
nicht für möglich, dass jeder Nahrungsmittelchemiker alles das vollständig 
leisten könne, was der Herr Referent von ihm verlange. Manches grössere 
Privatlaboratorium mit gut durchgeführter Arbeitsteilung müsse in dieser 
Hinsicht zweifellos mehr leisten können als ein Nahrungsmittelarat mit 
wenigen noch so universell gebildeten, im Einzelnen aber weniger geübten 


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30 XIII. Versammlung d. I). Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

Beamten. Dem Verlangen des Herrn Referenten nach eiuer besseren natur¬ 
wissenschaftlichen Grundlage, als sie bis jetzt üblich sei, stimme er voll 
und ganz bei und ebenso der Ansicht, dass fast noch wichtiger als die 
richtige Ausführung der Untersuchung die hygienische Beurtheilung sei. 
Darum sei diese Seite des Unterrichts, mit der es meist noch sehr traurig 
aussehe, ebenfalls von der grössten Wichtigkeit und liege hierin ein neuer 
Hinweis, wie durchaus nothwendig es sei, dass an den Hochschulen und 
technischen Lehranstalten endlich der Hygiene die ihr gebührende Stelle 
angewiesen werde. Wenn der Herr Referent vielleicht einen besonderen 
Hinweis in dieser Richtung für entbehrlich halte, so beruhe dies darauf, 
dass eben in Bayern für den hygienischen Unterricht schon bedeutend mehr 
gethan sei als in Preussen, wo ausserdem auch noch nicht einmal eine eines 
grossen modernen Staates würdige Sanitätsorganisation bestehe, an die sich 
die Organisation der Nahrungsmittelämter als neues Einzelglied sicher 
und desshalb mit der Hoffnung grösster Leistungsfähigkeit anschliessen 
könne. 

Als dritter Hauptgegenstand sei dann die Abgrenzung des Gebietes 
im Einzelnen, die Gegenstände der Untersuchung, Bestimmungen über Gren¬ 
zen und Maximalzahlen zu bezeichnen. Doch seien diese Fragen wieder 
so umfassend und zum Theil so verschiedener Beurtheilung zugänglich, 
dass zu vielen definitiven Bestimmungen noch die Arbeit von Jahren er¬ 
forderlich sei. Was nach dieser Richtung praktisch durchführbar sei, habe 
die Vereinbarung der bayerischen Chemiker in trefflicher Weise gebracht und 
sie habe dadurch eine vorläufig brauchbare Ausführungsbestimmung ins Leben 
gerufen, von der nur zu wünschen sei, dass ihr reiches Material zusammen 
mit dem im Gesundheitsamt gewonnenen Material bald zu allgemeinen Be¬ 
stimmungen führen möchte, die den Unsicherheiten des gegenwärtigen Zu¬ 
standes ein Ende machen. 

Director Dr. Schmidt (Wiesbaden) erklärt sich auf Grund seiner 
jahrelangen praktischen Erfahrungen mit den Ausführungen und Schluss¬ 
sätzen des Herrn Referenten im Wesentlichen einverstanden, wenn ihm 
auch immerhin Einiges zu Bedenken Anlass gebe. Im Jahre 1884 habe 
dasselbe Thema den Niederrheinischen Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege beschäftigt und der Verein habe damals beschlossen, auf die vom 
Herrn Referenten aufgestellten Einzelthesen nicht einzugehen und folgende 
drei Sätze angenommen: 

Die Versammlung erklärt es für dringend wünschenswerth: 

1. dass in jedem Regierungsbezirk mindestens ein Untersuchungs¬ 
amt für Lebensmittel und für physiologisch-chemische und 
bacteriologisch - hygienische Arbeiten gegründet wird; 

2. dass die zur Leitung und Arbeit an diesen Aemtern berufenen 
Personen in Staatsanstalten (Universitäten, Hochschulen, Acade- 
mieen) vorgebildet und staatlich für qualificirt erklärt werden 
müssen; 

3. dass ausser diesem Bezirksamt möglichst zahlreiche örtliche 
Untersuchungsärater eingerichtet werden. 


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Untersuchungsanstalten fiir Nahrungs- und Genussmittel etc. 31 

Mit diesen drei Sätzen sei im Wesentlichen alles das gesagt, was der 
Herr Referent ausgesprochen habe und wenn es desshalb, wie einzelne 
Herren betont, zu weit fuhren würde, in die Discussion der einzelnen The¬ 
sen einzutreten, so dürfe es sich vielleicht empfehlen zu beschliessen, der 
Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege stehe auf dem Boden der 
vom Niederrheinischen Verein unter dem 8. November 1884 gefassten Be¬ 
schlüsse und erkläre es für dringend wünschenswerth, dass seitens der 
Staats- und Communalbehörden diesen Folge gegeben werde. 

Oberbürgermeister Bötticher (Magdeburg) stimmt dem Antrag 
des Herrn Director Schmidt bei. Es sei ganz unmöglich, dass der Ver¬ 
ein sich hier über jeden einzelnen Paragraphen schlüssig mache, auf den 
Antrag des Herrn Director S c h m id t aber könne sich die Versammlung 
vereinigen und dadurch erklären, dass der Verein für die Einführung sol¬ 
cher Untersuchungsstationen sei, die einzelnen Detailbestimmungen aber 
weiteren Berathungen Vorbehalte. 

Referent ProfCSSOl* Dr. Hilger: „Meine Herren, ich halte mich 
für verpflichtet, im Interesse der Sache, Sie auf die Grundgedanken auf¬ 
merksam zu machen, die mich bei der Bearbeitung des Referates selbst ge¬ 
leitet haben. Als ich von dem verehrten Ausschuss des Vereins für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege den Auftrag erhielt, mich über die Frage der 
Errichtung von Gesundheitsanstalten zu äussern, glaubte ich Alles, was in 
dieser Richtung anzustreben sei, in möglichst gedrängter Form zusammen 
fassen zu sollen. Das ist der Grundgedanke gewesen, der mich bei der 
Ausarbeitung des Referats geleitet hat, und ich habe selbstverständlich 
niemals daran gedacht, dass wir heute an diesem Orte die einzelnen 
Fragen detaillirt berathen würden. Solches hat mir fern gelegen. Ich 
habe nur diese Schlusssätze aufgestellt, um eine möglichst vollkommene 
Uebersicht über das gesammte, wie wir alle wissen, ziemlich umfangreiche 
Gebiet zu geben, und ferner die hier noch zu erfüllenden nothwendigen 
Bedürfnisse zu kennzeichnen. Ich glaube, dass es in der That für die Ent¬ 
wickelung dieser Frage bedeutungsvoll wäre, wenn der Deutsche Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege sich dahin ausspricht, dass er im Wesent¬ 
lichen mit meinen Intentionen in dieser Frage einverstanden ist, ohne 
dass er die einzelnen Paragraphen unterschreibt und sie als unfehlbar 
hinstellt. 

„Mir sind ja die Beschlüsse des Niederrheinischen Vereius für öffentliche 
Gesundheitspflege selbstverständlich bekannt gewesen. An diesen Be¬ 
rathungen war ich sogar insofern auch betheiligt, als ich indirect dem be¬ 
treffenden Herrn Referenten meine Erfahrungen, die ich bereits in Bayern 
gemacht hatte, zur Benutzung mitgetheilt habe. Ich bin ganz damit ein¬ 
verstanden, dass wir uns diesem Beschluss anschliessen. Aber andererseits 
glaube ich, dass es doch zweckmässig wäre, wenn die Versammlung in 
irgend einer Weise ausspricht, dass sie mit meinen 11 Schlusssätzen im 
Grossen und Ganzen einverstanden ist und sie zur Kenntniss genommen 
hat, sich aber demselben Beschluss anschliesst, den schon ein anderer Ver¬ 
ein für öffentliche Gesundheitspflege seinerseits ausgesprochen hat. 


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32 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Meine Herren, ich bemerke dabei, dass ich von vornherein auf den 
§.10 verzichte, auf den ich gar keinen Werth lege. Diesen Paragraphen 
habe ich nur aufgestellt, um anzudeuten, dass es auch in der angedeuteten 
Weise möglich ist, die Mittel zur Erhaltung der Untersuchungsanstalten 
zusammenzuhringen. Aber ich gehe vollkommen zu, dass wir uns hier 
nicht Über solche Fragen aussprechen können. Ebenso bemerke ich, was 
die regelmässigeControle betrifft, dass ich darunter selbstverständlich 
eiue solche verstanden habe, die nicht alle vier Wochen an einem bestimm¬ 
ten Tage stattfindet, sondern ohne Kenntniss der Betheiligten. Ich ersuche 
daher die Versammlung, die von mir aufgestellten Schlusssätze in dem 
von mir soeben entwickelten Sinne zu beurtheilen und einen entsprechen¬ 
den Beschluss zu fassen.“ 

Nach einer kurzen Debatte zur Geschäftsordnung, an der sich die Herren 
Stadtrath Hendel, Sanitätsrath Dr. S p i e s s \ Oberbürgermeister Bötti¬ 
cher, Sanitätsrath Dr. Hüllmann und Landesrath Fuss betheiligen, 
nimmt die Versammlung folgenden von den Herren Professor Dr. Hilger 
und Director Dr. Schmidt redigirten Antrag nahezu einstimmig an: 

„Die Versammlung nimmt mit Befriedigung von den seitens 
des Herrn Referenten aufgestellten Schlusssätzen Kenntniss und 
erklärt sich im Princip mit den bezüglich der Organisation der 
Untersuchungsanstalten, sowie der Qualification des Personals auf¬ 
gestellten Grundsätzen einverstanden. 

„Sie erklärt es desshalb im Anschluss an die vom Niederrhei¬ 
nischen Verein für öffentliche Gesundheitspflege am 10. October 
1S84 gefassten Beschlüsse für dringend wünschenswerth: 

1. dass in jedem Regierungsbezirk mindestens ein Unter¬ 
suchungsamt für Lebensmittel und für physiologisch - chemi¬ 
sche und bacteriologisch - hygienische Arbeiten gegründet 
wird; 

2. dass die zur Leitung und Arbeit an diesen Aemtern berufe¬ 
nen Personen in Staatsanstalten (Universitäten, Hochschulen, 
Akademieen) vorgebildet und staatlich qualificirt erklärt 
werden müssen; 

3. dass ausser diesem Bezirksamt möglichst zahlreiche örtliche 
Untersuchungsämter eingerichtet werden.“ 


12 bis 12 1 /* Uhr Pause. 


Vorsitzender Oberbürgermeister Friedensburg eröffnet die 
Versammlung wieder und es kommt nunmehr der zweite Gegenstand der 
Tagesordnung zur Verhandlung: 


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Volks- und Schulbäder. 


33 


Volks- und Schulbäder. 

Referent Dr. Oscar Lassar (Berlin): Uober Volksbäder. 

„Meine Herren! Wenn ich in Ihrem Kreise — dem ehrenden Aufträge 
unseres Ausschusses Folge leistend — wage, über Volksbäder zu reden, 
so kann dies nicht in der Voraussetzung geschehen, Ihnen selbst die Noth- 
wendigkeit einer Reform auf diesem Gebiete zur Ueberzeugung gestalten 
zu sollen. Ja, es dürfte vielleicht gerade im Verein für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege überflüssig erscheinen, über Badeeinrichtungen überhaupt sich 
zu verbreiten, nachdem erst vor wenigen Jahren in der Stuttgarter Ver¬ 
sammlung die Herren Architekt Robertson und Oberingenieur F. An¬ 
dreas Meyer 1 ) eine classische und nach vielfacher Richtung hin fruchtbar 
gewordene Darstellung des modernen Badewesens gegeben haben. Auch 
ist ja gelegentlich der Hygieneausstellung und durch die Monographie 
von J. Renk in v. Ziemssen’s Handbuch der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege den fachwissenschaftlichen Gesichtspunkten mannigfaltige Rechnung 
getragen worden. In diesem Saale wenigstens braucht Niemandem klar 
gelegt zu werden, wie tiefgreifend die physiologische Förderung 
der Hautthätigkeit, die Ventilation, die Widerstandskraft 
gegen Schädlichkeiten thermischer und organischer Natur durch eine 
rationelle Badegymnastik berührt werden, — aber ich hoffe, nicht irre 
zu gehen, wenn ich einen der bedeutsamsten Schwerpunkte dieses Congresses 
in der Aufdeckung socialgesundheitlicher Missstände und der Anregung zur 
Abhülfe derselben erblicke. Der Wiederhall unserer Verhandlungen findet 
Ohr bei allen raaassgebenden Factoren, und in diesem Sinne bitte ich, meine 
Ausführungen entgegen zu nehmen. 

„Wollen wir nach Mitteln und Wegen zur Abhülfe suchen, so muss vor 
Allem das Vorhandensein und die Grösse des Missstandes bestimmt werden. 
Die Frage lautet: Ist im Deutschen Reiche oder einzelnen Landestheilen 
genügende Gelegenheit vorhanden oder nicht, um einem massigen Bade- 
bedürfniss zu entsprechen? Nun wird man wohl annehmen dürfen, dass 
ein warmes Reinigungsbad per Woche ungefähr das Maass desjenigen dar¬ 
stellt, was wir zur Popularisirung der körperlichen Reinigung erstreben 
dürfen und müssten, ein Gebrauch, welcher bei anderen Nationen — es sei 
nur an Russland und die Türkei erinnert — längst zur Volksgewohnheit 
geworden ist. Damit aber jeder Einwohner eines Bezirkes, beispielsweise 
von 1000 Einwohnern, wöchentlich einmal warm baden könne, müsste aus- 


*) Siehe Deutsche Vicrteljalirsschr. f. üffentl. Gesundheitspfl., XII, 1880, Seite 180. 
Vierteljahrtschrifl för Geaundheitrpflege, 1887. 3 


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34 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

reichende und bequem erreichbare Gelegenheit gegeben sein, um jährlich 
52 000 Bäder zu verabreichen. Diesem Zwecke würde eine (immerhin schon 
grössere) Anstalt von 10 Wannen oder Badeständen genügen können, 
wenn in der ganzen Zeit täglich von früh 6 Uhr bis Abends 8 Uhr und 
Sonntags von 6 bis 1 Uhr ununterbrochen pro Wanne und Stunde ein Bad 
genommen würde. Thatsächlich ist dies bekanntlich nicht durchführbar, 
weil erfahrungsmässig nur in den arbeitsfreien Zeiten mit natürlicher Vor¬ 
liebe für Sonnabend und Sonntag gebadet wird. Selbst bei einer nur halb¬ 
stündigen Badezeit und wenn keine Minute von den gedachten 90 Bade¬ 
stunden der Woche verloren ginge, würden für einen Kreis von 30 000 
Einwohnern immerhin allermindestens 16 bis 17 Anstalten erforderlich sein. 
Da man aber mit imaginären Minimalziffern nicht arbeiten kann, so würde 
eine Durchschnittsannahme nicht fehl gehen, welche für den Zweck eines 
wöchentlichen Durchschnittsbades für je 1000 Einwohner eine irgend¬ 
wie eingerichtete Badeanstalt verlangt. Es würden also bei einer Be¬ 
völkerung deB Deutschen Reiches von etwa 44 bis 45 Millionen, um jedem 
Deutschen einmal wöchentlich ein warmes Bad zu gewähren, im Ganzen 
44 bis 45 000 Anstalten vorhanden sein müssen. 

„Literarische Angaben über die Formen der Bäder, wie dieselben im 
In- und Auslande am zweckdienlichsten eingerichtet sind, bestehen in Menge, 
aber vergeblich sucht man nach Mittheilungen, an Hand derer ein all¬ 
gemeiner Nachweis von Angebot und Nachfrage, eine Uebersicht über 
durchschnittliche Kosten und Frequenz der Bäder zu führen wäre. Für die 
Beurtheilung der thatsächlichen Verhältnisse kann die Grundlage nur eine 
statistische Kenntuiss bilden. Eine solche bestand bislang nicht. Sie musste 
also so weit wie möglich geschaffen werden. 

„Davon ausgehend, dass bei Förderung hygienischer Interessen stets 
und in erster Linie auf das Entgegenkommen der medicinalbeamteten Aerzte 
zu rechnen ist, habe ich mir gestattet, an jeden der 1030 im Börner- 
G u tt m ann ’sehen Calender verzeichneten Herren Physici eine Antwort- 
Postkarte mit der Bitte um Ausfüllung folgender Rubriken zu senden: 

1. Wie viel Warmwasser-Badeanstalten befinden sich in Ihrem Kreise? 

2. Wie viel in Städten über 10 000 Einwohner? 

3. Wie viel in Städten unter 10 000 Einwohner? 

4. Wie viel in Städten unter 3000 Einwohner? 

5. Wie stellen sich i. A. die Preise? 

6. Etwaige weitergehende Bemerkungen über besondere Einrichtungen? 

„Obgleich nun diese Belästigung keine geringe war und für viele der 
Herren Collegen die präcise Beantwortung eine grosse Summe von Zeit und 
Bemühung in Anspruch nahm, ist die Zahl der eingegangenen Antworten J ) 
eine namentlich in Rücksicht auf den privaten Charakter der Enquäte über- 


*) Bemerk, während der Correctur: Seither laufen noch fortwährend Karten ein, so 
dass das Material ül**r Erwarten vollständig zu werden verspricht. 


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Volks- und Schulbäder. 


35 


raachend grosse zu nennen. Bis zum 6. September, wo die Arbeit ab¬ 
geschlossen werden musste, sind 666 Antwortkarten angekommen und damit 
ist über fast genau zwei Drittel der Gesammtbevölkerung Aufschluss ge¬ 
geben. Indem ich den Herren Physici für ihre uneigennützige Mitarbeit an 
dieser Stelle danke, darf es in dem anspornenden Bewusstsein geschehen, 
dass die gute Sache in der That zahlreiche Freunde im Lande besitzt. 

„Die Eingänge beziehen sich auf eine Bevölkerung von 31 250 857 Ein¬ 
wohnern. Für diese 3174 Million Menschen bestehen nachweislich 
im Ganzen nur 1060 oder procentualisch auf etwa 30000 Personen — statt 
dreissig — eine Warmwasser - Badeanstalt. In Wirklichkeit kommen 
nur 1011 Badeanstalten in Betracht, weil von den genannten 25 auf 
Krankenhäuser und 24 auf Cnrbäder entfallen. Diese Art von Bädern, 
ebenso wie die Gelegenheiten zu Fluss- und Seebädern haben einen speciellen 
oder temporären Charakter. Sie sind nur für beschränkte Gesellschafts¬ 
oder Altersclassen in gegebener Jahreszeit verwendbar und entsprechen 
nicht dem Wunsche, für die arbeitende Bevölkerung das ganze Leben hin¬ 
durch eine ausreichende Reinigungsstätte ausfindig zu machen. Auch die 
häuslichen Badeeinrichtungen der bevorzugten Classen kommen für die Be¬ 
rechnung numerisch in Wegfall und werden durch die Tausende von Reisen¬ 
den mehr als ausgeglichen. 

„Aus Preussen sind von 338 Kreisen Nachrichten eingegangen. In 
denselben befinden sich für das grössere Publicum zugängliche Bade¬ 
anstalten 499 (mit den 20 Krankenhaus- und 13 Curbädern 532). Es 
kommt also auf höchstens 38 000 Einwohner eine Badeanstalt. In den 
zwei Dritteln der Monarchie, über welche die Zahlen berichten, bestehen in 
etwa 397 Städten unter dreitausend Einwohnern nur 87 Anstalten, es sind 
also ohne solche in diesen Kreisen 310 kleine Städte geblieben. Etwas 
besser stellt sich das Verhältniss in den betreffenden 340 Städten zwischen 
drei- und zehntausend Einwohnern mit 200 und den etwa 117 über zehn¬ 
tausend Einwohner zählenden Städten mit 212 Bädern. Ganz in den 
Hintergrund tritt das flache Land. So weit dasselbe nicht in den benach¬ 
barten Städten Badegelegenheit findet (und auch sucht), müsste, nach den 
eingegangenen Notizen, in zwei Dritteln des preussischen König¬ 
reichs die gesammte Landbevölkerung sich durchweg ohne 
jedwede öffentliche Warmwasser-Badeanstalt behelfen. Von 
keiner Seite her wenigstens ist über die Existenz einer Badeanstalt auf dem 
Lande Bericht eingegangen. Selbst wenn wir hoffen wollen, dass diese An¬ 
gaben nicht ganz lückenlos sind, auch sich einige der 87 kleinstädtischen 
Anstalten in Dorfschaften befinden mögen, so ist doch kaum zu viel gesagt: 
Der Bauer badet nicht. Damit stimmt, dass von den erwähnten 338 preussi- 
schen Kreisen im Ganzen 96 Kreise, also 30 Proc., thatsächlich ohne Bade¬ 
anstalten sind. 

„An Hand des gegebenen Materials lassen sich verschiedene Erhebungen 
anstellen, von denen einige — vorbehaltlich einer für später in Aussicht 
genommenen, competenteren statistischen Verarbeitung — hier angeführt 
werden mögen. 

3* 


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36 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Die verschiedenen Provinzen Preussens stellen sich folgendermaassen: 
Es kommt eine Badeanstalt in 


Hannover . 

. . auf 

24 000 Personen. 

Pommern. 

• • n 

29 000 


Schlesien .. 

• • n 

31000 


Sachsen . 

• • T» 

33 000 


Schleswig-Holstein . . 

• • n 

34 000 

n 

Brandenburg .... 

• * n 

35 000 

rt 

Westphalen . 

* • n 

36 000 

n 

Posen . 

• • n 

45 000 

T» 

Westpreussen .... 

• • n 

47 000 

1) 

Hessen-Nassau .... 

* * T) 

48 000 


Rheinpreussen .... 

* * » 

53 000 

n 

Ostpreussen . 

• • n 

56 000 

n 


„Der absoluten Zahl angeblich vorhandener Badeanstalten nach grup- 
piren sich die Provinzen mit 

19 in Hessen - Nassau, 

22 „ Westpreussen, 

27 „ Posen, 

28 „ Ostpreussen, 

35 „ Schleswig-Holstein, 

38 „ Westphalen, 

40 „ Brandenburg, 

46 „ Pommern, 

48 „ Rheinpreussen, 

53 „ Sachsen, 

56 „ Hannover, 

87 „ Schlesien. 

„Es bestehen ferner beispielsweise in 


Rheinpreussen.... 

Kreise 

ohne Anstalt gegen 
. ... 22 

Kreise 
mit Anstalt 

23 

Westphalen. 

... 12 

15 

Hannover. 

... 12 

21 

Ostpreussen .... 

... 12 

24 

Hessen-Nassau . . . 

... 10 

12 

Posen. 

... 7 

13 

Westpreussen . . . . , 

. . . . 5 

12 

Schlesien.. 

. . . . 5 

38 

Schleswig-Holstein. . . 

... 4 

19 

Pommern. 

... 3 

23 

Brandenburg . 

... 0 

21 

Sachsen . 

... 0 

27 


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Volks- und Schulbäder. 


37 


„Unter grösseren Stadien finden wir je eine Anstalt in 


Altona. 

auf 

100 000 Einwohner l ), 

Cöln. 

77 

72 000 

77 

Magdeburg .... 

n 

66 000 

77 

Lübeck. 

77 

63 000 

77 

Hamburg. 

77 

62 000 

77 

Frankfurt. 

7» 

50 000 

77 

Barmen ...... 

77 

50 000 

77 

Bremen. 

77 

39 000 

77 

Berlin. 

77 

34 000 

77 

Stettin. 

77 

26 000 

77 

Hannover . 

77 

17 000 

77 

Breslau.. 

77 

14 000 

» ’)• 


„Von 268 Kreisen der deutschen Staaten ausser Preussen liegen Mit¬ 
theilungen vor. Unter ihnen sind 80 Kreise, also das Wohnungsgebiet von 
etwa 2*4 Millionen Menschen, jeder öffentlichen Badeeinrichtung baar. Kom¬ 
men hierzu noch die 96 erwähnten Kreise gleicher Lage in Preussen, so 
sind notorisch in zwei Dritteln des Reiches über fünf Mil¬ 
lionen, also mindestens ein Sechstel der Einwohnerschaft gänz¬ 
lich ausser Stande, jemals ein warmes Reinigungsbad zu 
nehmen. 

„In verschiedenen Einzelstaaten stellt sich das Verhältnis der Kreise 
ohne Anstalten unter den sämmtlichen überhaupt gemeldeten Kreisen 


auf Procente berechnet: 

Baden . . *.10 

Königreich Sachsen.10 

Eisass- Lothringen.15 

Württemberg.18 

Mecklenburg - Schwerin.20 

Sachsen-Weimar.20 

Hessen.27 

Preussen ..30 

Sachsen-Altenburg.33 

Bayern.37 

Sachsen-Meiningen.40 

Braunschweig.47 

Sachsen-Coburg-Gotha.63 


„Die Zahl der Badeanstalten in den verschiedenen Kreisen ist eine 
äusserst verschiedene. Unter 242 preussischen Kreisen, in denen es solche 
giebt, besitzen 111 Kreise je eine, die grössere Anzahl 2, 3 und 4 Anstalten, 
auch mehr. 


J ) Hier wie durchweg sind die Zidern der Volkszählung von 1880 zu Grunde gelegt. 
Da die Angabe der Bäder aus der neuesten Zeit stammt, so stellt sich das Verhältnis» 
eher angünstiger. 

2 ) Im Landkreise Breslau befindet sich keine Anstalt. 


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38 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. off. üsndhpflg. zu Breslau. 


„So enthalten in Preussen 
fünf Badeanstalten die Kreise Krotoschin 1 ) . . . 

mit 69 905 Einwohnern, 


Lublinitz l ) ... . 

n 

42 974 „ 


Merseburg .... 

V 

69 115 


Bonn. 

n 

87 320 


Osnabrück .... 

n 

59 164 „ 


Springe i. II.. . . 

n 

81930 „ 

sechs „ 

» » Kalbe . 

n 

84613 


Obaus i. W. ... 

n 

35 649 


Lübbecke i. W. . 

n 

47 895 


Iserlohn . 

n 

60 956 

sieben „ 

„ „ Adelnau in Posen 

V 

62 827 


Cleve 2 ) . 

n 

50 460 „ 

neun „ 

der Kreis Zellerfeld i. H. . . 

i) 

28 905 „ 

somit kommt in 

diesem Kreise auf 3200 Einwohner 

eine Anstalt. In den 


übrigen deutschen Ländern verfügen über eine grössere Anzahl von Bädern 
namentlich folgende Kreise: In Bayern hat der Amtsbezirk Rosenheim 
mit 48 580 Einwohnern 8 Anstalten, Pass au mit 56 451 Einwohnern 6 
und Weringen mit 18 280 Einwohnern sogar 25 Anstalten, also je eine 
auf 731 Einwohner. In Sachsen haben die Medicinalbezirke Leipzig 
mit 311 027 Einwohnern und Glauchau mit 125 266 Einwohnern je neun, 
Borna mit 69 764 und Freiberg mit 110 211 Einwohnern je acht An¬ 
stalten. In Württemberg sind Stuttgart (117 300 Einwohner) und 
Cannstatt (40 400 Einwohner) mit je 7 Badeanstalten hervorzuheben, 
ebenso in Hessen der Kreis Bensheim, welcher ebenso viele bei 47 600 
Einwohnern aufweist. 

„Diese Daten mögen einstweilen ohne jede weitere Schlussfolgerung 
bleiben. Weitere Nachforschungen und Prüfungen müssen ergeben, in wie 
weit das gewonnene Zahlenmaterial richtig und zum Einblick in die Gesetz¬ 
mässigkeit der Verhältnisse geeignet ist. Denn es liegt auf der Hand, dass 
die Unterschiede in den einzelnen Landestheilen ganz regellose und zu¬ 
fällige zu sein scheinen. Zwar wird man annehmen dürfen, dass da, wo 
bedeutende Wasserläufe wenigstens im Sommer das Baden ermöglichen, das 
Bedürfniss für künstliche Anstalten weniger dringend erscheint. Auch sind 
die Comraunicationsverhältnisse, die Grösse und Beliebtheit einzelner Insti¬ 
tute, Clima, Tradition und Verwaltungscharakter gewiss von maassgebendem 
Einfluss, der sich rein schematisch von weitem nicht erkennen lässt. Wees- 
halb kommt z. B. in Sachsen-Weimar auf 8000 Einwohner und im benachbarten 
Sachsen - Meiningen erst auf 24 000 Einwohner eine, wesshalb in Meckeln- 
burg-Strelitz schon auf 11000 Einwohner, in Meckeinburg - Schwerin nur 
auf 19 000 Einwohner je eine Anstalt? Reuss ältere Linie muss sich für 
34 000 Einwohner mit einem Bade begnügen, während auf den gleich¬ 
namigen Staat jüngerer Linie je 13 000 Einwohner ein solches benutzen 
können. 


*) Darunter je drei rituelle für jüdische Frauen. Die Anstalten werden jedoch auch 
von der übrigen Bevölkerung benutzt. 

s ) Hiervon sind vier Anstalten in Gasthöfen. 


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Volks- und Schulbäder. 


39 


„Wie immer aber man diese Zahlen schieben und deuten will, Eins 
geht ohne Zweifel aus ihnen hervor, dass zwischen dem berechtigten 
Badebedürfnissund der Möglichkeit, dasselbe zu befriedigen, 
ein absolutes Missverhaltniss besteht. Bass demselben nach 
Kräften abzuhelfen sei, darüber sind alle Meinungen einig. Ueber den 
einzuschlagenden Weg bestehen verschiedene Auffassungen. 

„Es scheint desshalb am Platze, auf einige beispielgebende Einrich¬ 
tungen hinzuweisen, die zum Wohle der arbeitenden Classen und ohne 
theoretische Voreingenommenheit eingerichtet sind. 

„Kommen dieselben auch ihrer Zahl nach für die Gesammtheit voll¬ 
kommen ausser Betracht, so geben sie doch ein erfreuliches Zeugniss von 
dem Bestreben leitender Kreise, dem erkannten Bedürfniss nach Vermehrung 
den Arbeiterbäder entgegenzukommen. 

„So besitzt 1 ) die Baumwollspinnerei am Stadtbach zu Augs¬ 
burg eine eigene Badeeinrichtung für Wannenbäder mit Zuleitung von 
heissem und kaltem Wasser. In der Hospelt’schen Bleiweiss- und Farben¬ 
fabrik zu Ehrenfeld befindet sich ein Bad von acht Bassinzellen und vier 
Wannenbädern. Bie Gesammteinrichtung wird auf etwa 3000 Mk. ge¬ 
schätzt. Ba im Ganzen 12 Bäder zur Verfügung stehen, ist die Burch- 
führung einer Vorschrift ermöglicht, nach welcher die Arbeiter der Bleiweiss¬ 
fabrik, circa 80 an der Zahl, jeden Sonnabend baden müssen. Ausserdem ist es 
den übrigen an besonders staubigen Arbeiten beschäftigten Leuten, die nicht 
direct mit der Bleiweissfabrikation zu thun haben, gestattet, häufiger, wenn 
nöthig, täglich zu baden, von welcher Gelegenheit in ausgedehntester Weise 
Gebrauch gemacht wird. Vor dem Baden wird jedem Arbeiter ein reines 
Handtuch und ein Stück Seife, Sonnabends auch ein reiner Arbeitsanzug 
geliefert. Ber Zweck der Anstalt, bei den Arbeitern durch das regelmässige 
Baden den Sinn für Reinlichkeit im Allgemeinen zu heben und auf diese 
Weise auch ihr Wohlbefinden und auf ihre Gesundheit vorteilhaft einzu¬ 
wirken, scheint nach dem Bericht des Herrn Hospelt in sehr befriedigender 
Weise erreicht zu werden. Ausserdem aber liefert auch die seit Benutzung 
dieser Anlage, sowie der sonst zur Absaugung und zum Niederschlagen des 
Staubes getroffenen Maassnahmen ein ge tre tene Abnahm e der Krank¬ 
heitsfälle und namentlich die sehr verminderte Häufigkeit der Bleikoliken 
den Beweis für den Nutzen der Bäder. Im ersten Betriebsjahre 1884 ver¬ 
ringerten sich die Krankheitsfälle um 20 Proc., im Jahre 1885 schien bis 
zum Ende November sich das Verhältniss sogar bis auf 50 Proc. herabzu¬ 
mindern. Wenn also hier nicht andere Zufälle vorliegen, kann man die 
Erfolge der Badeeinrichtung in der That als sehr günstige bezeichnen. 

„Bie Herren Gebrüder Heyl u. Co. in Charlottenburg bei Berlin 
haben dem Muster des in Folge meiner Anregung auf der Hygieneausstellung 
in Betrieb gesetzten Volksbades entsprechend in ihrer Farbstofffabrik ein 
Brausebad von zehn Zellen errichtet. Bie Anstalt zeichnet sich durch Ge- 


*) Da» einschlägige Material verdanke ich der Güte des Herrn Generalsecretär Ditt- 
mar in Mainz, der mich im Namen des rühmlichst bekannten Vereins zur Förderung des 
Wohles der Arbeiter Concordia zur Verfassung eines kleinen Mahnworts an die Arbeiter 
„zu baden“ aufgefordert hat. 


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40 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. tisndhpttg. zu Breslau. 

räaraigkeit und Einfachheit aus. Sie ist einladend und reinlich. Die 
Bäder werden mit Handtuch und Seife unentgeltlich verabreicht und in den 
Abendstunden von den Arbeitern und ihren Kindern, im letzten Sommer 
auch von mehreren Abtheilungen der Moabiter Feriencolonien, also aus 
dem benachbarten Stadtgebiet, auf das Eifrigste benutzt. Dieselben er- 
weisen sich, wie die Firma noch unter dem 6. d. M. gefälliger Weise mit¬ 
theilt, für das Wohl der Arbeiter von grösstem Segen und legen — wie 
der Ausdruck lautet — den Wunsch nahe, dass eine solche Anstalt an 
vielen Orten Nachahmung finden möge. 

„In der Gladbacher Baumwollspinnerei der Herren M. May 
u. Co. wird den Kranken unentgeltlich, den Gesunden gegen 10 Pf. ein 
Wannenbad mit Seife und Handtuch verabfolgt. Das Baden fällt in 
die gewöhnliche Arbeitszeit und die Arbeiter dürfen bis zu 
einer halben Stunde Zeit dazu versäumen. Die Bäder werden im 
Sommer stärker, in den kälteren Monaten wenig benutzt. Die Arbeiter 
baden, wie es scheint, hauptsächlich um das Behagen der Abkühlung an 
heissen Tagen zu gemessen; die Arbeiterinnen baden am wenigsten. 

„Ausgezeichnete Einrichtungen bestehen in der Leipziger Woll¬ 
kämmerei. Die Zugänge sind von den Arbeitssälen aus vollständig getrennt 
in die Männer- und die Frauenabtheilung, deren jeder ein Bademeister und 
eine Badefrau vorsteht. Jeder der Arbeiter und Arbeiterinnen badet 
wöchentlich einmal. Die Reihenfolge der Controle findet derart statt, dass 
jeden Morgen von den Meistern eine bestimmte Anzahl Bademarken verab¬ 
folgt wird. Die Anlage der Bäder ist relativ theuer geworden durch ört¬ 
liche Verhältnisse, indem 766 Mk. pro Wanne haben aufgewandt werden 
müssen. Die täglichen Unterhaltungskosten einer Zelle belaufen sich da¬ 
gegen nur auf 65 Pf. für Dampf- und Wasserverbrauch, Wäsche und Be¬ 
dienung. — Danach wäre bei fünf Badetagen und 12 Wannen ein Etat von 
2500 Mk. zu balanciren. Rechnet man 20 bis 25 Bäder pro Tag und 
Wanne, so stellen sich die Selbstkosten auf wenige Pfennige pro Bad. 

„Entstehen nun wirklich an verschiedenen Plätzen — und wahrscheinlich 
an mehr als bekannt — wohlwollend eingerichtete Arbeiterbäder, so werden 
dieselben doch nicht immer hinreichend benutzt. So bestand seiner Zeit — 
es ist seitdem in Essen ein coromunales Bad eingerichtet — nach dem für 
die Hygieneausstellung ausgearbeiteten Bericht im Kruppschen Etablisse¬ 
ment eine Badeanstalt von sieben Zellen für die 10 000 Arbeiter der ge- 
sammten Gussstahlfabrik. Man sollte annehmen, dass eine derartig geringe 
Zahl von Badewannen nicht entfernt dem Andrange genügen könnte. Zwar 
sind — wie wohl allerorten, wo dies nöthig — für die Kohlenarbeiter der 
Zechen besondere Wasch Vorrichtungen vorhanden; aber wenn jeder der 
zehntausend Arbeiter, von den Frauen und Kindern gar nicht zu reden, 
wöchentlich einmal in Wirklichkeit baden wollte, so müssten mindestens 
500 000 Bäder jährlich zur Verabreichung gelangen oder 100 statt 7 Bade¬ 
wannen vorräthig sein. Dieser Uebelstand aber scheint nie hervorgetreten zu 
sein, denn im Jahre des stärksten Verkehrs ist die Zahl von 4000 Bädern 
nicht überschritten, es sind also pro Tag und Wanne nicht ganz zwei Bäder 
genommen worden. Mit einem Worte, selbst da, wo die Fürsorge der Ar¬ 
beitgeber die Möglichkeit schafft, bedarf es immer noch eines kräftigen 


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Volks- und Schulbäder. 41 

Antriebes für die mit dem Nothwendigsten rechnenden Volksclassen, um 
sich der Wohlthat einer dnrchgeführten Badegewohnheit anznbequemen. 

„Aus diesen Andeutungen, welche in so kurzer Fassung den geehrten 
Herren gewiss genügen werden, gehen mit Nothwendigkeit zwei Haupt¬ 
ergebnisse hervor. Die Anzahl der in Deutschland vorhandenen 
Badeanstalten steht in auffallendem, man darf wohl sagen, 
beschämendem Missverhältniss zu der vorhandenen Ein¬ 
wohnerzahl. Andererseits werden selbst da, wo ausreichende 
Einrichtungen existiren, dieselben nicht im Entferntesten 
ausgenutzt. Diese beiden Factoren stehen in bleibender Wechselwir¬ 
kung. Wirtschaftlich erscheint diese leicht begreiflich, denn Anstalten, 
die nicht genügend besucht werden, verfallen, gehen allmälig ein. 

„Aber die Deutschen sind eine reinliche Nation. Mag es hier und da 
verkommene Kreise der Bevölkerung gehen. Jedermann, dem es vergönnt 
ist, in persönlicher Berührung mit den arbeitenden und selbst den ganz ver¬ 
armten Classen Einsicht in deren alltägliche Lebensgewohnheiten zu nehmen, 
wird zageben müssen, dass die Wahrung der körperlichen Würde, die Sorge 
für Reinlichkeit der Kleider und der Person eine nicht geringe Rolle spielt. 
Und doch badet man nicht, pflegt vielmehr das Bad mit warmem Wasser 
und Seife lediglich als einen für Wohlhabende oder für Kranke bestimmten 
Luxus anzusehen. Demnach sind im Allgemeinen Badeanstalten selten von 
einiger Rentabilität. Wo nicht bereits überkostbare Grundstücke und 
Bauten die Ertragsfahigkeit von vornherein schmälern, kommen grosse 
laufende Unkosten an Bedienung und Material, namentlich Heizung, Wasser 
und Abnutzung in Betracht. Die Coutrole ist unsicher oder unverhältniss- 
mässig kostspielig. Die Reparaturen und Sachbeschädigungen nehmen kein 
Ende. Hierdurch werden die Preise im Verhältniss zur Leistung in die 
Höhe geschraubt. 

„Als Durchschnittspreis eines Bades ohne Seife, meist auch 
ohne Wäsche, geht aus den Mittheilungen der Herren Physici in ganz über¬ 
wiegender Mehrheit der Satz von 50 Pfennigen hervor. Ausnahmen 
allerdings bestehen. In einzelnen grossen gemeinnützigen Anstalten, wie zu 
Barmen und in Cöln, verabreicht man Volksbäder schon zu 10 Pfennigen. 
In Usingen baden die Seminaristen für den gleichen Preis. Im Kreise 
Freystadt i. Schl, kostet das Bad 15 Pfennige, ebenso in Halle; hier 
erhält man im Abonnement acht Marken für 1 Mk. Im Bezirksamt 
Dinkelsbühl in Bayern sind die beiden dortigen Badeanstalten städtisch 
und fordern nur 20 Pfennige für das Bad. Derselbe Preis wird in Chateau- 
Salins (Elsass-Lothringen) verlangt. Diese Anstalt aber ist nur für Bahn- 
bearate und -Arbeiter bestimmt. Die Ausnahmen nach der anderen Rich¬ 
tung sind aber nicht minder reichlich vertheilt. In den Kreisen St. Goar 
und Apenrade schwankt der Preis eines Warmbades zwischen 100 und 
150 Pfennigen, im Amtsbezirk Bayern (Königreich Bayern) zwischen 1*50 
und 2*50 Mk. Es wird aus Ballenstedt in Anhalt speciell angeführt, 
der Preis des Bades ermögliche die Benutzung nur für Wohlhabende. Alles 
in Allem beträgt in 49 Anstalten, 26 derselben liegen in Preussen, der Preip 
eines Einzelbades mehr als eine Mark. 


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'42 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhptlg. zu Breslau. 

„Der Durchschnittspreis von 50 Pfennigen für ein Warmbad muss 
anstandslos als für einen Arbeiter unerschwinglich betrachtet werden, auch 
die Abonnementsermässigungen kommen für ihn in Rücksicht auf die Höhe 
des von ihm zu leistenden Vorschusses ausser Betracht. Und hier liegt 
der Angriffspunkt gegen den bisherigen Zustand. Sind die 
üblichen Bäder nicht so billig herzustellen, dass der Arbeiter ohne unver- 
hältnissmässige Opfer für sich und die Seinen Nutzen ziehen kann, so muss 
die Badeform geändert werden. 

„Die Bestrebungen, unter den althergebrachten Verhältnissen billige 
und sich selbst erhaltende Anstalten zu schaffen, sind nur da geglückt, wo 
vorsichtige Bewirtschaftung Hand in Hand ging mit unablässiger Aufsicht 
und Controle. Ein Beispiel dieser Art giebt die Anstalt des Vereins für 
Volksbäder in der Höchstenstrasse in Berlin. Dieselbe hat es seit einer 
Reihe von Jahren zu Wege gebracht, bei Verabreichung eines Vollbades mit 
Seife für 25 Pf. selbständig unter Tragung aller Betriebsunkosten zu be¬ 
stehen. Allerdings darf dabei nicht verschwiegen werden, dass der Curator 
der Anstalt, Herr Dr. A. Kalischer, eine Summe von Sorglichkeit und Ver- 
waltungsgeschick entfaltet, welche bei etwaiger Nachahmung nicht in letzter 
Linie in Betracht zu ziehen sein wäre. 

„Die Wege, auf denen ein Fortschritt im Bade wesen möglich erscheint, 
sind gewiss verschiedene. In grossen Städten, wo gewaltiges Capital, Legate, 
Schenkungen monumentale Bauten, wie z. B. das HohenBtaufenbad in Cöln, 
ohne directe Rücksicht auf finanzielle Auswerthung entstehen lassen, will 
man sich ungern zu äusserlich bescheidenen Vorrichtungen bequemen. Auch 
in Berlin, wo aus allen Schichten der Bevölkerung der Wunsch unauf¬ 
haltsam an die Oberfläche dringt, die Arbeitermassen mit Volksbädern aus- 
zurüsten, will man sich auf die Zulassung zweckentsprechender aber ein¬ 
facher Badebuden einstweilen nicht recht einlassen, sondern ist auf Grund 
anderer Voraussetzungen in Verhandlung über die Gründung grösserer 
Bädercomplexe begriffen. 

„Jedes Bestreben zur Hebung unserer Bäderarmuth muss mit Freude 
begrüsst werden. Es bandelt sich aber in letzter Linie nicht darum, einige 
besonders bevorzugte Orte mit gefälligen Anstalten zu schmücken. Das 
Postulat lautet: Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad! Und um dem 
zu genügen, muss eine durchgreifende Umwandlung in unseren Einrichtun¬ 
gen und den Anschauungen Platz greifen. 

„Gewiss gilt für viele Fälle und in den Augen der Mehrheit das 
Wannenbad als das vorzüglichste. Aber wollte man dem entsprechend 
Vorgehen, so würden die Mittel des Aufbaues und namentlich des Betriebes 
wohl bald versagen und an der thatsächlichen Undurchführbarkeit auch 
die volksfreundlichsten Bemühungen scheitern wie bisher. 

„Zunächst wenigstens wird nur das denkbar Einfachste zu erreichen 
sein. Als solches muss das lauwarme Brausebad gelten, ln ihm hat man 
die Badeform der Zukunft zu erblicken. 

„Abgesehen von geringem Preis und Platzaufwand besitzt das Brause¬ 
bad ganz allgemein folgende Vorzüge für den Badenden selbst. Die phy¬ 
siologische Einwirkung auf den Organismus ist eine belebende, erfrischende. 
In jeder Jahreszeit ist es angenehm und nie erschlaffend, den eingeseiften 


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Volks- und Schulbäder. 


43 


Körper mit lauem Wasser zu berieseln und hernach eine mässig kühle oder 
ganz kalte Abgiessung vorzunehmen. Die Reinigung ist eine absolut 
gründliche und wird dadurch wesentlich gefördert, dass alles mit dem an¬ 
haftenden Staub und Schmutz vermengte Wasser sogleich abgeschwemmt 
und fortlaufend durch reines ersetzt wird. Im Vollbad aber badet man 
doch schliesslich (namentlich ein Arbeiter, der alle Adhärenzen der ganzen 
Woche in der Wanne zurücklassen will) in schmutzigem Wasser. Auch ist der 
Einzelne im öffentlichen Brausebad mehr als in der Wanne vor Ansteckung 
und intimer Berührung mit den Spuren seines Vorgängers gewahrt und 
kann ohne Mühe die Reinigung der Badestelle durch einfache Abspülung 
selbst besorgen. Dazu kommt, dass das Bad selbst wenig Zeit in Anspruch 
nimmt, persönliche Bedienung des Badenden nicht erfordert und die Mög¬ 
lichkeit* bietet, eine grosse Anzahl von Personen rasch hinter einander ab¬ 
zubaden. Auch darf man annehmen, dass die Erkältungsgefahr jedenfalls 
im Vergleich zu den gefässerschlaffenden warmen Vollbädern eine geringe 
ist, vielmehr die Abhärtung kaum rationeller erlangt werden kann, als 
durch auf einander folgende laue und kühle Abgiessungen. 

„Hat schon das System an sich unbestreitbare Vorzüge, so giebt gewiss 
die Kostenfrage unter allen Umständen den Ausschlag. Laut der uns 
gütigst heute von der Stadt Breslau übergebenen Festschrift stellen sich 
hierorts die Ueberlassungspreise von 1000 Litern Wasser auf 15 Pfennige. 

„Zu einem Brausebad, wenn es geradezu verschwenderisch bemessen 
wird, genügen nach von mir angestellten Versuchen bei richtiger Beschaffen¬ 
heit der Douchenöffnung ad maximum zehn Liter. Man kann jedoch 
schon mit fünf Litern ganz gut auskommen. Das Wasser für ein 
Brausebad kostet demnach höchstens 0 # 0015 Mk. Zu einem Wannenbad 
braucht man 200 Liter = 3 Pf. Auslage für Wasser. Bei einem Wasser¬ 
preise von 15 Pf. pro Cubikmeter erhält man für eine Mark das Was¬ 
ser zu 666 Brausebädern, aber nur für 33 Wannenbäder. 
Der Wasserverbrauch in einem Landkreise von 30 000 Einwohnern, wenn 
diese je wöchentlich ein Bad nähmen, würde bei Brausebädern einen Auf¬ 
wand von 2340 Mk., bei Wannenbädern aber von 46 800 Mk. jährlich er¬ 
fordern. Dies bedeutet auf ganz Deutschland berechnet eine etwaige 
Ersparniss von mehr als 66 Millionen oder 1*48 Mk. pro Kopf und 
Jahr zu Gunsten der Brausebäder. 

„Erachtet man auch vielleicht solche Durchrechnungen als müssig, so 
legen sie gleichwohl dar, dass das Princip grossartig durchgeführter Volks¬ 
bäder nur auf Grundlage weitgehendster Wohlfeilheit als möglich zu denken 
ist. Bedarf es doch keiner weiteren Ausführung, dass bei gesteigertem Wasser¬ 
verbrauch auch alle anderen kostenerregenden Factoren — Heizmaterial, 
Raum, Bau und Bedienung — in geometrischer Progression sich steigern 
müssen. 

„Deshalb ist und bleibt, — wie ich schon Gelegenheit genommen 
habe im Bericht über das Badewesen auf der Hygieneausstellung hervor¬ 
zuheben *) —Postulat, die Herstellung von Reinigungsanstalten, welche 


*) Cl'r. Bericht über die Allg. deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und 
des Rettungswesens. Breslau. Schottländer 1885, S. 340. 


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44 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhptig. zu Breslau. 

unter knappster Form, bequemer Zugänglichkeit und Erreichbarkeit alles 
für die umfassende Körperreinigung Nöthige gegen ein minimales Entgelt, 
aber in würdiger und zugleich einladender Weise zu bieten vermögen. Und 
diese Bäder müssten geradezu auf der Strasse stehen, damit die Vorüber¬ 
gehenden immer und immer wieder darauf hingeführt werden, sie zu be¬ 
nutzen. So ist das auf meine Initiative in der Hygieneausstellung 1883 
eingerichtete Volksbad construirt. Die ganze Anstalt — absichtlich 
auf das Einfachste reducirt — bestand aus einem Wellblechhäuschen von 
etwa 40 Quadratmetern Grundfläche, das in der Mitte längs getheilt eine 
Frauen- und eine Männerabtheilung mit je besonderem Strasseneingang, 
zehn Douchezellen, zwei Wasserclosets, Vorraum, Corridore, Waschküche, 
Trocken- und Heizraum umfasste. Der Entwurf war von Herrn Regierungs- 
baumeister Thür ausgeführt, um die sinnreiche Ausführung und Betriebs¬ 
leitung hat sich Herr David Grove ganz besonders verdient gemacht 1 ). 

„Diese von mehr als 10 000 Personen, an einzelnen Tagen von hunder¬ 
ten mit sichtlichem Vergnügen benutzte Anstalt hat die Möglichkeit dar- 
gethan, weitesten Kreisen der Bevölkerung die Wohlthat einer ausgiebi¬ 
gen körperlichen Reinigung zu verschaffen. Sie erfordert so geringe An¬ 
lage- und Betriebskosten, dass in geschlossener Einzelzelle ein warmes und 
kaltes Regenbad mit Seife und Handtuch für 10 bis 15 Pfennige verabreicht 
werden kann. Auf diese Weise nur vermag zahlreichen Classen der Be¬ 
völkerung, welche einstweilen das warme Bad als unerschwinglichen Luxus 
statt als Lebensbedürfniss betrachten müssen, ein Ersatz bereitet zu wer¬ 
den. Ueberall in Städten und auf dem Lande, auf öffentlichen Plätzen und 
an Knotenpunkten des Verkehrs, an Eisenbahnstationen, in Schulen, Fabri¬ 
ken, Bergwerken, Casernen, Asylen, Gefangenanstalten lassen sich die 
Brausebäder ohne Schwierigkeit in Betrieb halten und werden in der That 
dahin führen, dass für Jedermann das Bad zur Gewohnheit wird. 

„Dass die Art der Körperreinigung in Brausebädern eine ausreichende 
und gesundheitsfördernde ist, haben die vielfach erprobten Erfahrungen 
dargelegt, welche wir dem Vorgehen der militärischen Behörden, nament¬ 
lich der Anregung der Herren Generalarzt Roth und Oberstabsart Mün- 
nich, danken. Dass aber dieselbe wohl geeignet ist, sich rasch in das 
Interesse und die Gewohnheiten des Publicums einzubürgern, hat der Be¬ 
trieb in der Hygieneausstellung bewiesen. Es ist überflüssig, die 
zahlreichen Anerkennungen und Nachfragen, welche dieser einfache Ver¬ 
such hervorgerufen hat, anzuführen. Der Gedanke, grösseren Kreisen eine 
auf das Nothwendige beschränkte, also billige, dabei aber ausreichende und 
einladende Badegelegenheit vorzuführen, ist in der That kein ganz unfrucht¬ 
barer geblieben. Der Umstand, dass es mir an dieser hervorragenden 
Stelle vergönnt war, in diesem Sinne das Wort zu ergreifen, beweist dies. 

„Dürfen wir demnach annehmen, dass die mächtige sociale Hebung, 
welche eine allgemeine Einführung billiger und leicht zugänglicher 
Volksbäder bedeuten würde, in erster Linie durch Brausebäder erzielt wer- 


0 Ein anderes nach meinen Angaben gearbeitetes Modell — die Pläne sind von den 
Herren Börner ai. Co. ent Worten — befindet sich im Besitz des Hygienemuseum in Berlin, 
Klosterstrasse 26. 


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Volks- und Schulbäder. 45 

den kann, so erübrigt es schliesslich, die Art der praktischen Durchführung 
anzudeuten. 

„Staat und Gemeinde haben so viele näherliegende Pflichten, dass mehr 
als eine freundwillige Begünstigung auf diesem Gebiete von ihnen kaum 
erwartet werden darf. Auch werden die Communen nur in ihrer Minder¬ 
zahl überhaupt in der Lage sein, grosse Opfer für das Badewesen zu er¬ 
zwingen. Die Privatwohlthätigkeit endlich dürfte einem so umfassenden 
Werke kaum gewachsen und den eigentlichen Interessenten gewiss nicht 
willkommen sein. Auch kann ein gemeinnütziges Unternehmen sich nur 
dann als gesund erweisen, wenn es auf eigenen Füssen zu stehen vermag. 
Sollen die Volksbäder lebensfähig sein, so müssen sie sich selbst erhalten. 

„Dies wird nur möglich sein, wenn sie durch gemeinnützige Er- 
werbsgesellschaften gehalten werden. Verwaltung und Beaufsichti¬ 
gung mögen unentgeltlich, als eine Art von Ehrenämtern besorgt, Grund 
und Boden, an vielen Orten auch das Wasser von den Gemeinden gestellt 
werden. Das geringe erforderliche Capital*) müsste in Form ganz klei¬ 
ner Antheilsscheine unter Bürgern und Bauern, bei Gutsbesitzern, Fabrik¬ 
inhabern, Handwerksmeistern, kurz allen besitzenden Haushaltungsvorstän¬ 
den aufgebracht werden. Dieselben sollten dann ihre Interessen nicht in 
Form von Zinsen, sondern ih einem etwa gleichwerthig gedachten Be¬ 
nutzungsrechte für sich oder ihre Angehörigen und Angestellten erhalten, 
etwa in der Art, wie man die meisten zoologischen Gärten in das Leben 
gerufen hat. Auch würde die Organisation der grossen, durch das ganze 
Reich verbreiteten Krankencassen hereinzuziehen sein. Zahlreiche Beamten¬ 
kategorien, selbst Militärbehörden, namentlich aber die Verwaltungen von 
Eisenbahn und Post werden solchen Unternehmungen auf die Dauer nicht 
fern bleiben wollen, bei denen es sich nicht um Gewinnüberschüsse zu 
Gunsten von Privaten, sondern um die Ermöglichung einer gesundheit¬ 
lichen Förderung auch ihrer Untergebenen handelt. Auf diese Weise würde 
auch die Hauptschwierigkeit, welche in der zu erwartenden Indifferenz der 
Menge liegt, zwanglos beseitigt. Wenn aus den Familien und Hauswesen 
heraus, von dienstlich Vorgesetzten, von CassenVorständen und Arbeitgebern 
die Anregung immer wieder geweckt wird, nur dann ist Aussicht vorhan¬ 
den, dass die arbeitenden Classen der Neuerung ihre active und unentbehr¬ 
liche Theilnahme allmälig zuwenden. Hierzu muss allerdings kommen, dass 
die Badeanstalten nicht in abgelegenen Winkeln und auf lichtscheuen Höfen 
ein wie bisher unbeachtetes Dasein fristen, sondern dieselben müssen in 
die Mittelpunkte des alltäglichen Verkehrs gestellt werden. Kein Umweg 
und unnützer Zeitverlust darf der mühescheuen Indolenz zu Hülfe kom¬ 
men, sondern Lage und Bauart der Bäder müssen einladen, im Vorüber¬ 
gehen die Gelegenheit zur Kräftigung und Erfrischung wahrzunehmen. 
Dabei bleibt es unbenommen, auch diesem einfachen Häusohen eine tekto¬ 
nisch angenehme Form zu geben, und endlich das Budget der Anstalt 
durch Placate und Annoncen zu entlasten. 

*) Die Herstellung des Volksbades für zehn Personen in der Hygieneausstellung hat 
6300 Mark gekostet. Und dies war ein erster Versuch. Fabrikraässige Beschaffung, Be¬ 
nutzung vorhandener Räumlichkeiten oder Döcker’sche Baracken würden die Kosten er¬ 
heblich vermindern. 


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4G XIII, Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„So viel steht fest, auf dem Felde des öffentlichen Bade wese ns ist 
fast Unendliches zu thun. Was nicht brach liegt, krankt an Theilnahm- 
losigkeit. Und diese zu brechen, ist die nächste Aufgabe. In Flug¬ 
schriften und Vorträgen, in Vereinen und durch Wanderlehrer, nament¬ 
lich aber in beispielgebendem Vorgehen einzelner Vergesellschaftungen 
sollten die maassgebenden Kreise für eines der vornehmsten Interessen 
praktischer Gesundheitspflege gewonnen werden. Dann kann allmälig die 
Zeit herannahen, wo im entlegensten Winkel des Vaterlandes auch der 
Armselige und Beladeno unsere Bestrebungen segnen wird." 


Correferent Oberbürgermeister Merkel (Göttingen): lieber 
Schulbäder. 

„Meine hochgeehrten Herren! 

„Der Herr Vorredner hat über die Befriedigung des Badebedürfnisses 
unseres Volkes durch die neuerdings auf der Tagesordnung stehenden Volks¬ 
bäder gesprochen. 

„Ich habe auf Wunsch des Vorstandes es übernommen, über eine 
neue Specialität auf diesem Gebiete, über die Badeeinrichtungen inner¬ 
halb der Volksschulen der Stadt Göttingen Ihnen Bericht zu erstatten. 

„Zunächst gestatten Sie zur Orientirung in den Göttinger Schul Ver¬ 
hältnissen Ihnen vorzuführen, wie die Stadt — 21 000 Seelen — vor zehn 
Jahren eine gründliche Neuorganisation ihres Schulwesens erfuhr. Danach 
ist die Stadt in zwei gleiche, durch die einigen der Herren wohlbekannte 
Weenderstrasse geschiedene Volks-Schulbezirke getrennt. Der obere, nach 
dem Berge belegene Theil hat ein für 700 Kinder berechnetes neues Schul¬ 
gebäude am Albanithore, der untere Bezirk ein gleiches Gebäude ausserhalb 
des Gronerthores erhalten. Für die ganze Stadt ist eine etwa 1000 Kin¬ 
der fassende gehobene Volksschule oder Mittelschule gebaut und eine 
600 Kinder fassende neue höhere Töchterschule. Das Gymnasium, gleich¬ 
falls in einem neuen Gebäude, ist ein staatliches. 

„So stellt sich im Aeusseren und ich hoffe auch in seinen Leistungen 
unser Schulwesen als ein durchaus befriedigendes dar. 

„In allen Schulgebäuden finden Sie sämmtliche Anforderungen der 
Neuzeit, hohe weite Räume, Centralheizung, Ventilation, Bänke bester 
Construction u. s. w., erfüllt und zwar Dank unserem intelligenten Stadt¬ 
baumeister in tadelloser Weise ausgeführt. „„Ja! was helfen aber alle 
diese hygienischen Einrichtungen — meinte in einem Gespräche der Pro¬ 
fessor Flügge, der unseren Lehrstuhl für Hygiene zu unserem Bedauern 
verlässt —, wenn nun in diese gesunden Räume schmutzige Kinder mit 
allen möglichen Infectionskeimen am Körper hineinkommen ? uu 

„Dieser frappirende Ausruf führte mich auf den Gedanken, ,ob denn 
nicht, wie neuerdings in einzelnen Casernen, auch in den Schulgebäuden 
selbst ähnliche Badeeinrichtungen getroffen werden könnten, durch welche 
den Kindern in Trupps zur Reinigung nahe Gelegenheit geboten würde?* 


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Volks- und Schulbäder. 


47 


„Auf die freudige Bemerkung des Professors, dass das eine famose 
Einrichtung werden dürfte, gab ich ihm die Zusicherung, dass der Versuch 
sofort gemacht werden solle, da alle Bedingungen zu einer leichten Aus¬ 
führung vorlägen — leer stehende hohe Souterrains in den Gebäuden, vor¬ 
handene Wasserleitung und Canalisation, Centralheizung, tüchtige Schul¬ 
wärter u. s. w. 

„In der nächsten gemeinschaftlichen Sitzung fand der Antrag auf 
Bewilligung einer Summe von etwa 1000 Mark, zum Zwecke der Her¬ 
stellung Einer Badeeinrichtung, die einstimmige Genehmigung unseres auf 
die Gesundheit der Universitätsstadt als solcher stets eifrig bedachten 
Stadtverordneten - Collegiums in der Voraussetzung, dass Schulvorstand und 
Lehrercollegium dem Unternehmen geneigt seien. 

„Beides traf zu; namentlich war die Zustimmung des Lehrercollegiums 
eine besonders freudige, und so wurde denn die Einrichtung getroffen in 
der sogenannten Albanischule, wie sie dieselbe hier in Skizze und Modell 
vor sich stehen sehen. Ein halbes Jahr später wurde nach einem etwas 
veränderten Modell auch in der anderen Volksschule die Badeeinrichtung 
ausgeführt. Dies Modell steht im nahen Universitätshofe und wird Ihnen 
im vollen Dampfbetriebe von dem Göttinger Meister selbst, der zufällig 
seine Geschicklichkeit hier in Breslau in achtjähriger Lern- oder Arbeitszeit 
erworben hat (!), nach der Sitzung vorgeführt werden. (Folgt die 
Demonstration der im Versammlungslocale aufgehängten grossen Skizze 
und des Modells.) 

„Ich will Ihnen nun den Vorgang beim Baden einer Classe genau 
vorführen und wähle dazu eine zweite Classe unserer sechsstufigen Schule, 
mit Schülern im 11. und 12. Lebensjahre. Der Lehrer fragt zu Beginn 
der Stunde: „Wer will heute am Baden theilnehmen? u Von 54 Schülern 
der Classe melden sich circa 50. Auf ein Zeichen des Lehrers gehen die 
obersten neun nun still hinaus und begeben sich in das Vorzimmer zum 
Baderaume, wo sie vom Schulwärter erwartet werden. Nach einigen Minuten, 
in welchen sich die vorigen Knaben entkleidet haben können, entlässt der 
Lehrer inderseiben geräuschlosen Weise die neun folgenden Knaben, so dass 
gleichzeitig 18 Knaben in der Classe fehlen. Während die zuletzt ent¬ 
lassenen Knaben sich entkleiden, treten von den ersteren je drei unter eine 
Donche. Der Wärter öffnet die Hähne und die neun Knaben werden gleich¬ 
zeitig überbraust. Sie waschen dann noch in dem in den Zinkwannen 
zusammengeströmten Wasser die Füsse und andere Körpertheile besonders 
ab, während das Brausen fortdauert. Jetzt treten sie zur Seite und reiben 
sich ab. Inzwischen sind die folgenden Knaben bereit, unter die Douchen 
zu treten, und die ersten kleiden sich an. Da nicht alle gleichmässig rasch 
mit dem Ankleiden fertig werden, so ist es gestattet, in Gruppen von vier 
bis fünf in das Classenzimmer zurückzukehren, jedoch nicht einzeln. Sind 
die ersten neun Knaben wieder auf ihren Plätzen, so folgen neun andere 
und so fort. 

„Auf diese Weise sind am 30. November vorigen Jahres in Gegenwart des 
Herrn Stadtschulraths Bertram und des Herrn Stadtverordneten Dr. Stryck 
aus Berlin 51 Knaben in der Zeit von 5 Minuten nach 9 Uhr bis 5 Minuten 
vor 10 Uhr vollständig fertig gebadet. Es ist demnach möglich, eine 


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48 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

Glasse von 50 bis 60 Knaben in einer Stunde zu baden; dagegen dürften 
von den Mädchen und kleineren Kindern im ersten und zweiten Schuljahre 
kaum mehr als 36 in einer Stunde gebadet werden können. 

„Der Schulwörter ist angewiesen, sobald Unzuträglichkeiten im Vor¬ 
zimmer oder Baderaume Vorkommen sollten, die trotz seines Verbotes nicht 
aufhören, durch ein Kind den Lehrer benachrichtigen zu lassen. Aber 
auch ohne dass er gerufen wird, hat der Lehrer Auftrag, sich in der Stunde 
wenigstens einmal zu überzeugen, dass in den genannten Räumen Alles 
ordentlich zugeht. 

„Regel ist sonst: „Der Lehrer ist in der Gasse, der Schulwärter (und 
bei den Mädchen und kleineren Knaben die Fruu des Wärters) besorgt die 
Aufsicht.“ Dabei muss ich gleich hinzufügen, dass der bisherige gute 
Erfolg unserer Einrichtung nicht zum wenigsten dem guten Tacte und dem 
Eifer der Wärter und ihrer Frauen zuzuschreiben ist. 

„In der Auswahl der Wärter ist die Schulverwaltung in Anbetracht 
der Bedienung der hier in allen Schulen vorzüglich bewährten Central¬ 
heizungen besonders vorsichtig und giebt geübten Maschinenheizern den 
Vorzug. Nicht weniger wird auf Tüchtigkeit der Frau gesehen. 

„Sie werden nun fragen, ob nicht doch der Unterricht durch solches 
Baden innerhalb der Schulzeit allzu sehr gestört werde, und da sagt unser 
Schuldirector: „„Es kann nicht geleugnet werden, dass der Erfolg des Unter¬ 
richts während der Badestunde beeinträchtigt wird. Schon das Gehen und 
Kommen der Kinder und die vorübergehende Abwesenheit des Lehrers müssen 
nachtheilig wirken. Aber da die einzelnen Kinder nur etwa 10 Minuten in 
der Gasse fehlen, so braucht man die Stunde doch nicht als durchaus verloren 
für den Unterricht anzusehen. Für die Unterstufe sind Abschreibeübungen 
in Verbindung mit Wiederholung des vorher geübten Lehrstoffes, auf der 
Mittel- und Oberstufe cursorisches Lesen in Verbindung mit orthogra¬ 
phischen und grammatischen Uebungen, welche unter Zugrundelegung des 
LeBestückes angefertigt werden, geeignet, in der Badestunde vorgenommen 
zu werden; auch kann recht zweckmässig in solchen Stunden gerechnet 
werden, wenn man dabei die Erlangung grösserer Fertigkeit in den bereits 
festgelegten Rechenoperationen ins Auge fasst. Da in den Volksschulen 
doch wohl meistens der Gassenunterricht vorherrscht und nicht der Fach¬ 
unterricht, so lässt sich ohne Aenderung des Lectionsplanes leicht eine 
Stunde verschieben, und wo dieses wegen eingeschobener Fachstunden 
Schwierigkeiten haben sollte, kann man die Aufeinanderfolge der zu badenden * 
Classen so ordnen, dass für jede derselben die Badestunde (resp. zwei auf 
einander folgende Stunden) in ein geeignetes Unterrichtsfach fallt. Auf 
diese Weise ist eine Störuug im Lectionsplane zu vermeiden.““ 

„Und wenn nun also, meine Herren, alle 14 Tage in jeder Gasse nur 
eine Stande etwas beeinträchtigt wird, was will das sagen gegenüber dem 
unschätzbaren Segen der Einrichtung nach allen anderen Seiten hin! 

„Diese Badeeinrichtung in den Volksschulen Göttingens wurde von 
der Presse als etwas Neues aufgegriffen und in den weitesten Kreisen ver¬ 
breitet, so dass nun ein solcher Sturm von allen Seiten gerichtet auf nähere 
Mittheilungen sich erhob, dass ich mich genötliigt sah, in einer beschränkten 
Zahl von Druckexemplaren solcher Mittheilungen diese Anfragen zu be- 


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Volks- und Schulbäder. 


49 


friedigen. Den Reigen dieser Anfragen, Anerkennungen und Zustimmungen 
zu der Idee und Anmeldungen zu Besuchen eröffnet in unserer Acte der 
für die körperliche Entwickelung der deutschen Jugend so sehr interessirte 
Herr Cultusminister mit dem folgenden Schreiben: 

„„Ew. Hochwohlgeboren danke ich verbindlichst für die gefällige Ueber- 
sendung der Druckschrift über die Badeeinrichtung innerhalb der Göttinger 
Volksschulen. Bereits von Herrn Professor Flügge hatte ich vor einiger 
Zeit Kenntniss von dieser trefflichen Unternehmung der Stadt Göttingen 
erhalten und ich freue mich nun besonders, aus den mir freundlichst zur 
Verfügung gestellten Materialien die mich sehr interessirendeu Einzelheiten 
kennen zu lernen. Ich werde es mir angelegen sein lassen, diesen Vorgang 
der in gemeinnützigen Angelegenheiten so rüstig vorwärts strebenden Stadt¬ 
gemeinde Göttingen zu verwerthen und ihm die verdiente Anerkennung und 
Nacheiferung in weiteren Kreisen zu verschaffen etc.““ 

„Es folgen dann eine ganze Anzahl von Schreiben, sämmtlich für die 
Idee freudig sich aussprechend, aus ärztlichen, Lehrer-, Beamtenkreisen und 
Behörden der Städte. Aus Städten: von Plauen, Berlin, Stuttgart, 'Würz¬ 
burg, Breslau, Karlsruhe, Magdeburg, Höxter, Iserlohn, Stettin, Wittmund, 
Wernigerode, Frankfurt a. M., Bielefeld, Bochum, Erfurt, Kiel, Herford, 
Hamburg, Weimar, Hagen, Kassel, Hannover, Giessen, aus verschiedenen 
Städten des Auslandes und so fort. Darau schlossen sich zahlreiche Be¬ 
suche unserer Einrichtung aus dem In- und dem Auslande, von denen Keiner 
bedenklich ging, wie er etwa gekommen war, sondern sämmtlich voll von 
Lob über die glückliche Idee und deren gute Ausführung. Zustimmende 
Aufsätze in englischen, amerikanischen, schwedischen, dänischen, fran¬ 
zösischen Blättern kamen, unter Kreuzband uns zugesandt. 

„Eine dieser Anerkennungen wird gerade dieser hochgeehrten Ver¬ 
sammlung von besonderem Werthe sein. Der Geh. Rath Professor Koch 
in Berlin, der behufs Austausches seiner wissenschaftlichen Arbeiten mit 
Professor Rosenbach in Göttingen war und auch unsere Badeeinrichtung 
sich ansah, sprach sich vom hygienischen Standpunkte aus im hohen Grade 
befriedigt aus, und gab namentlich dem rasch abfliessenden Douchewasser 
vor dem stehenden Bassinwasser den Vorzug. 

„Meine Aufgabe wird heute wesentlich noch darin bestehen, diejenigen 
Zweifel und Bedenken, welche gegen die Bäder in den Volksschulen selbst 
erhoben sind und aus dieser Versammlung etwa erhoben werden, zu be¬ 
seitigen. 

„Nur von einer Seite sind solche Bedenken geltend gemacht und zwar 
aus der Stadt der höchsten Intelligenz, unserer Hauptstadt Berlin. Das 
dortige Stadtverordneten-Colleg hat in seiner Sitzung vom 4. März den auf 
Anstellung eines Versuches mit Einrichtung von Bädern in drei Gemeinde¬ 
schulen gerichteten Antrag des Magistrats abgelehnt, sich in seiner Majorität 
von vornherein als „principieller Gegner“ dieser Einrichtung erklärt, ab¬ 
geneigt, auch nur einmal auf eine weitere Prüfung der Sache in einer Com¬ 
mission sich einzulasBen. 

„Dies Resultat war um so auffallender, als mehrere hochgeschätzte 
Mitglieder jener Versammlung, der Schulrath Bertram und Dr. Stryck 
von der Güte der Sache sich persönlich in Göttingen so sehr überzeugt, 

Vtorteljahraschrift Air Gesundheitspflege, 1887. 4 


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50 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

dass sie in der Stadtverordnetenversammlung dieselbe vom pädagogischen 
wie hygienischen Standpunkte aus mit Liebe und grosser Wärme vertraten. 

„Der erste Gegner der Vorlage, Dr. Gerstenberg, begann seine 
Opposition mit der Aufstellung des allgemeinen Satzes: ,Diese Vorlage 
bringt Sachen in die Schule hinein, die nicht in die Schule gehören. Die 
Aufgabe der Schule ist doch eine doppelte, einerseits die Erziehung — das 
wird als Hauptsache betrachtet — und dann der Unterricht, und ich meine, 
eine wirkliche Leistung ist doch kein erziehliches Moment. Der Lehrer 
kann durch Wort und Beispiel einwirken; das ist erziehlich. Aber dadurch, 
dass die Reinigung an den Kindern vollzogen wird, wird nicht auf sie er¬ 
ziehlich eingewirkt/ 

„Darauf ist zu erwidern: Die Schule erzieht nicht nur durch Wort 
und Beispiel, sondern auch durch die That, durch Gewöhnung und durch 
nachhaltige Forderung von Leistungen Seitens der Zöglinge. Wir erinnern z. B. 
an den Turnunterricht. 

„Um solche Erziehung durch Gewöhnung (nämlich an regelmässige 
Reinigung des Körpers) handelt es sich heim Schulbaden. Die Leistung 
wird den Kindern nicht als etwas Fertiges dargereicht, sondern dieselben 
werden angeleitet, die Arbeit des Reinigens an sich selbst in zweckmässiger 
Weise zu vollziehen. Wir sollten meinen, dass wir durch diese Gewöhnung 
an Sauberkeit, Ordnung, Decenz u. s. w. in eminenter Weise erziehlich 
wirken. 

„Dieser Gegner der Vorlage in der Berliner Stadtverordnetenversamm¬ 
lung, wie auch die später nachfolgenden ereiferten sich förmlich in dem 
Gedanken, dass ,Etwas, was absolut der Familie gehöre, zwangsweise in 
die Schule hineingehracht werden solle; dass neben dem Schulzwange jetzt 
auch ein Badezwang eingeführt werden solle 4 ! 

„Ja, meine Herren, von einem solchen Zwange ist in Göttingen keine 
Rede; das Baden ist nicht obligatorisch, sondern völlig den Eltern frei¬ 
gelassen, oh sie ihre Kinder am Baden theilnehmen lassen wollen oder nicht. 

„Das Schlussresultat ist nun, dass die Wenigen, die anfangs dem Bade 
fern blieben, jetzt auch kommen. 

„Aber die falsche Voraussetzung, dass es sich um die Einführung eines 
Badezwanges handle, beherrschte die ganze Stimmung der Opposition 
in jener Stadtverordnetenversammlung von Anfang bis zu Ende. 

„Der Herr Dr. Gerstenberg kommt dann auf die Kosten zu sprechen, 
welche die Ausführung der Badeeinrichtungen in allen Berliner Gemeinde- 
schulen veranlassen würde, falls der vom Magistrate vorgeschlagene Versuch 
in drei Schulen gelingen und als segensreich sich erweisen sollte. Und dieser 
finanzielle Gesichtspunkt ist für eine grosse mit zahlreichen Gemeinde¬ 
oder Volksschulen ausgestattete Commune allerdings von Bedeutung. Wenn 
aber der Herr Dr. Gerstenberg die Gesamratausgahe für sämmtliche 
180 Gemeindeschulen Berlins auf 600 000 Mk. veranschlagt, nachdem der 
Magistrat für drei Schulen 10 000 Mk. verlangt, so muss ich nach meiner 
Erfahrung annehmen, dass jene Summe übertrieben hoch angenommen ist. 

„In Göttingen hat die Herstellung dieser Bäder in der einen Schule 
1300 Mk., in den anderen 900 Mk. Alles in Allem gekostet, nicht 2000 Mk., 
wie der Magistrat zu Berlin in seiner Vorlage annimmt. Der Betrieb aber 


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Volks- und Schulbäder. 

erfordert in Göttingen entfernt nicht die Summe von 1000 Mk. jährlich. 
Angeschlossen an die vorhandene Centralheizung, Wasserleitung und Cana- 
lisation stellen sich in Göttingen die jährlichen Kosten höchstens auf 200 Mk. 

„Aber, wie gesagt, der Kostenpunkt kommt für Berlin und vielleicht 
einzelne andere grosse Städte des Reiches in Betracht und wird, wenn ich 
nicht irre, wesentlich die oppositionelle Haltung der Berliner Stadtvertreter 
bestimmt haben 1 

„Für alle anderen Städte aber spielt der Kostenpunkt gar keine Rolle, wenn 
man sich einmal wie wir in Göttungen und mit uns alle unsere Besucher sich 
überzeugt haben von den immensen directen und indirecten Erfolgen dieser 
so höchst einfachen und bescheidenen Maassregel. Der Dr. Gersten¬ 
berg sagt ferner, dass sehr viele Eltern ihre Kinder in die „Gemeinde¬ 
schulen“ schickten, die sehr wohl in der Lage wären, die Bäder zu bezahlen. 
Ich glaube nicht, dass es sehr viele sein werden; sollte diese Behauptung 
aber richtig sein, so erhebe man doch ein mässiges Badegeld von diesen. 
Jedenfalls darf man aus diesem Umstande nicht folgern, dass man nun 
auch den Aermern die Wohlthat des Badens nicht zukommen lassen dürfe. 

„Endlich meint der Dr. Gerstenberg: ,Das geht absolut nicht, dass 
die Kinder ihre Handtücher mitbringen und allen möglichen Unfug damit 
machen/ Ich bestätige Ihnen aus der Erfahrung, dass es vortrefflich geht. 
Jedes Kind bringt alle 14 Tage zu seinem Bade, sobald es an der Reihe 
ist, sein Handtuch mit und bringt es mit den Büchern wieder zurück nach 
Hause, ohne irgend welchen Unfug damit zu machen. Dasselbe ist von den 
Berliner Kindern doch auch wohl zu erwarten! 

„Nächst dem Dr. Gerstenberg hat wesentlich der Stadtverordnete 
Spinola gegen jeden Versuch mit dem Baden in den Schulen sich principiell 
und in nicht sehr freundlicher Weise erklärt. Er hält die ganze Idee 
verfehlt und nicht für nöthig, dass, wenn man in Göttingen eine verfehlte 
Sache unternommen habe, in Berlin das nachzumachen. 

„In Göttingen hält die ganze Bürgerschaft und Universität, jeder be¬ 
theiligte Vater, jede Mutter, die ganze Lehrerschaft, kurz Jedermann die 
Idee und ihre Ausführung für vollkommen gelungen und zwar nächstjäh¬ 
riger Erfahrung. 

„Die Herren Collegen des Stadtverordneten Spinola, Dr. Stryck und 
Dr. Bertram, sind mit grossem Misstrauen gegen die Idee nach Göttingen 
gekommen und gestehen, dass sie nach der eigenen Anschauung ihre Zweifel 
und Bedenken völlig haben fallen lassen. Ich spreche die feste Ueberzeugung 
aus, dass die Herren Spinola, Dr. Gerstenberg und Andere ihre prin- 
cipielle Opposition aufgeben würden, wenn sie die Einrichtungen und den 
ganzen Badevorgang in Göttingen angesehen hätten. 

„Das Baden, sagt der Stadtverordnete Spinola, ist eine Sache, die 
das Haus und die Familie angeht, nicht der Schule znkommt. Es erfüllt 
nun aber das Haus und die Familie diese Sorge für Ordnung und Reinlich¬ 
keit so wenig und wird auch in absehbarer Zukunft diese Aufgabe so 
schlecht erfüllen, dass man ohne Uebertreibung die Behauptung aufstellen 
kann, dass an den bei Weitem grössten Theil der Jugend, abgesehen von 
Gesicht und Händen, Jahr aus Jahr ein während ihrer Schulzeit kein Tropfen 
Wasser kommt. Auf der anderen Seite aber ist gezeigt, wie die Schule, 

4* 


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52 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Breslau. 

wenn sie sich der Ordnnng und Reinlichkeit ihrer Schüler annehmen will, 
mit Leichtigkeit und Sicherheit jene Aufgaben sofort zu erfüllen im 
Stande ist. 

„Und da sollte man auf die Hülfe der Schule jetzt und für die Zukunft 
verzichten ? 

„Die gegnerischen Stadtverordneten behaupten, ,dass jedenfalls durch 
die Bäder der Schulunterricht gestört und beeinträchtigt werde*. 

„Ja, meine Herren, dies ,jedenfalls* ist in Göttingen auch nicht ein¬ 
getroffen. Wohl sind die gleichen Bedenken auch dort gehegt, durch die 
Erfahrung aber völlig beseitigt. Die Störung des Unterrichtes durch das 
Baden ist, wie ich oben bereits ausgeführt, nicht von Bedeutung, wenn 
die Badezeit in geeignete Unterrichtsfächer verlegt wird, welche, wie das 
Lesen oder Schreiben ein Kommen und Gehen einzelner Schüler wohl ge¬ 
statten . Die Befürchtung, dass die Kinder unmittelbar nach dem Baden 
für den Unterricht nicht disponirt seien, bestätigt sich durchaus nicht; im 
Gegentheil zeigen dieselben eine erheblich grössere Frische als zuvor. 

„ln hygienischer Beziehung sollen nach dem Stadtverordneten Spi- 
nola diese Volksschulbäder Viel zu wünschen übrig lassen. ,Die Kinder 
müssen nachher über die im Winter sehr kalten Flure, Corridore und Höfe 
gehen* und werden sich zumal bei mangelhafter Kleidung und schwächlicher 
Constitution viele Erkältungen zuziehen. 

„Das gerade Gegentheil ist wahr. Deshalb werden ja die Kinder 
gerade innerhalb des Schulgebäudes und in der Schulzeit gebadet, dass 
sie in ihre warmen Classen zurückkehren; über Höfe brauchen die Kinder 
nicht zu gehen, sondern über die Corridore, welche in den Schulen zumal 
mit Centralfeuerungen nicht sehr kalt zu sein pflegen. Es kann in der 
That kaum unter hygienisch günstigeren Umständen gebadet werden als hier. 

„Endlich meint der Stadtverordnete Spinola: ,Die Kinder der armen 
VolksclasBen sind häufig nur äusserlich anständig gekleidet; unter der 
Oberkleidung zerrissene Hemden oder gar keine; nun soll sich ein solches 
armes Kind vor den besser situirten Kindern decouvriren; das verletzt dos 
Schamgefühl* u. s. w. 

„Ja, meine Herren, da dachten wir ganz anders bei Errichtung unserer 
Bäder. Wir dachten, welchen Einfluss muss dies Baden der Kinder in 
den Kreisen der Eltern ausüben, welchen erziehlichen Einfluss auf die 
Familien in Beziehung auf Reinlichkeit und Ordnungssinn in den Häusern. 
Die Eltern schämen sich mit den Kindern, wenn diese zerrissenes, schmutziges 
Zeug decouvrirt haben und gewöhnen sich durch ihre Kinder an mehr 
Reinlichkeit und Ordnung. Diese indirecte Wirkung auf die Familie 
halten wir für fast ebenso bedeutend wie den directcn Segen für 
das Wohl der Kinder! 

„Noch auf einen Vorgang innerhalb dieser Verhandlungen in der 
Berliner Stadtverordnetenversammlung muss ich kommen. Zu verschiedenen 
Malen, wenn der Schulrath Bertram und Dr. Stryck betonten, dass unter 
den Berliner Lebensverhaltnissen eine grosse Anzahl von Familien während 
des Winters keine Gelegenheit habe, für die Reinlichkeit der Kinder ge¬ 
nügend zu sorgen, so dass viele Eltern nicht im Stande seien, für dies 
Lebensbedürfni8s zu sorgen; dass nach durchgemachten Hautkrankheiten 


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Volks- und Schulbäder. 


53 


der Kinder viele Leute in der grössten Verlegenheit um eine Badewanne 
seien u. s. w., bezeugt der stenographische Bericht aus der Versammlung, 
(vermuthlich Seitens der Opposition) ,Wid er Spruch* und »Unruhe*. Es 
scheinen damit die Herren der principiellen Opposition behaupten zu wollen, 
dass die Zustände bezüglich der Reinlichkeit und Ordnung nicht eben 
schlimm, dass also das Bedürfniss nach Badegelegenheiten für die Kinder 
in Berlin so gross nicht sei. 

„Dieser Widerspruch reizt mich, der ich Berlin ganz gut kenne, dazu, 
gerade in Beziehung auf Berlin die Behauptung in etwas drastischer 
Weise dahin zu wagen, dass an den bei Weitem grössten Theil der Berliner 
Jugend, namentlich des weiblichen Theiles, abgesehen von Gesicht und 
Händen, während ihrer Schulzeit kein Tropfen Wasser kommt! 

„Jener Widerspruch Berliner Stadtverordneter veranlasste mich vor eini¬ 
gen Tagen doch einmal, einen Blick in die sogenannten höheren Stande zu wer¬ 
fen. Schon seit längerer Zeit trug ich mich mit dem Gedanken, dies Volksschul¬ 
baden auch in unserer Mittelschule einzuführen, welche also von der Jugend 
des eigentlichen guten Bürgerstandes besucht wird. Ich richtete also an 
den vortrefflichen Director unseres gesammten Volksschulwesens am 9. Sep¬ 
tember die folgende Anfrage: 

„„Es ist mehrfach in Frage gekommen, ob dieselben Badeeinrich¬ 
tungen, wie wir sie in unseren Volksschulen eingeführt haben, nicht auch 
in der gehobenen Schule — Mittelschule sich empfehlen würde. Wenn 
dort auch Seitens der Jugend verhältnissmässig mehr gebadet wird, als in 
den Volksschulen früher, so dürfte doch auch in Beziehung auf die Mittel¬ 
schule anzunehmen sein, dass ein grosser Bruchtheil der Schuljugend, nament¬ 
lich der weibliche Theil, insbesondere Winters entweder gar nicht oder doch 
viel zu selten badet. Selbstverständlich würden die Bäder dort nicht ganz 
unentgeltlich abzugeben sein, sondern nur gegen ein Badegeld von etwa 
10 Pf. Ich würde es gern sehen, wenn ich vor meiner Abreise nach Breslau 
am Sonnabend Nachmittag darüber Ihre und die Ansicht der Lehrercon- 
ferenz hören könnte; und bitte ich um deren Mittheilung hierunter.**** 

„Ich erhielt darauf eben vor meiner Abreise die folgende überraschende 
Antwort: 

„„Nach Eingang obiger Zuschrift habe ich durch das Lehrercollegium 
der gehobenen Volksschule verschiedene Ermittelungen anstellen lassen, 
welche ich hier in Kürze zusammenfasse: 

1. Von den 860 Kindern der gehobenen Volksschule haben im ver¬ 
gangenen Winter in Franz’s Badeanstalt im Ganzen 10 gebadet, 
d. i. 1 Proc. 

2. In Kübeln oder Wannen werden in der Familie gebadet insgesammt 
145 Kinder =17 Proc. Dies sind vorzugsweise die kleineren Kin¬ 
der im Alter von sechs bis neun Jahren. Vom zehnten Lebensjahre 
an hört die Gesammtreinigung des Körpers im Winter fast ganz auf. 

3. 493 Kinder bestellen mir von ihren Eltern, dass sie am Schulbaden 
theilnehmen sollten, wenn die gehobene Volksschule Douchenbäder 
bekäme. 

Bei einem Badegelde von 5 Pf. würden diese circa 500 Kinder 
im Jahre 350 M. aufbringen, eine Summe, welche völlig zur Be- 


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54 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpfig. zu Breslau. 

Boldung des Wärters und zur Verzinsung und Amortisation des 
Anlagecapitals, sowie zu den nöthigen Reparaturen ausreichen würde. 
Ich empfehle deshalb 5 Pf., nicht 10 Pf. zu nehmen. 

4. Obgleich das Baden auch an dieser Schule nur innerhalb der 
Unterrichtszeit mit Erfolg betrieben werden kann, so ist das 
Lehrercollegium einstimmig für die Einrichtung. 

5. Wir haben hier einen ganz vortrefflichen Raum, der sich zu jedem 
der beiden Systeme eignen würde, und in dem Wärter und dessen 
Frau recht geeignete Aufseher. 

„„Nach diesen Ausführungen darf ich hoffen, dass Sie, hochverehrter 
Herr Oberbürgermeister, Ihren gewichtigen Einfluss geltend machen werden, 
damit die neue Schule baldigst an dem Segen Ihrer Schöpfung theil- 
nehmen kann.““ 

„Meine Herren, ganz ähnlich, nur noch viel bedenklicher wie in unserer 
kleinen Universitätsstadt sieht es*in den grossen Städten aus. 

„Meine Herren, ich will damit meine Mittheilungen über die neuen 
Bäder in den Schulen der Stadt Göttiugen schliessen. 

„Eingehendere Nachrichten werden Sie in der von unserem verehrlichen 
Vorstände gütigst besorgten kleinen Druckschrift Anden, welche sogleich 
vertheilt werden wird. Zu ferneren Mittheilungen auf Anfragen auch 
später bin ich jederzeit gern bereit. 

„Ich habe nur noch die Ueberzeugung auszusprechen, dass dem Be¬ 
dürfnisse des Badens der Schuljugend durch Einrichtung von allgemeinen 
Volksbädern in keinem Maasse Rechnung getragen werden kann. Solche 
Bäder sind für Erwachsene, schliessen aber den Besuch von Kindern in 
grösserem Umfange aus naheliegenden Gründen geradezu aus. 

„Darum gebe ich anheim, nehmen Sie sich durch ihre höchst wirkungs¬ 
volle Zustimmung einer hygienischen Maassregel an, von welcher Alle, welche 
dieselbe gesehen, und darunter sind grosse Autoritäten auch aus Ihren 
Kreisen, fest überzeugt sind, dass sie eine grosse Zukunft für das leibliche 
und geistige Wohl unseres deutschen Volkes haben werde.“ 


Es lauten die von den beiden Herren Referenten aufgestellten 

Thesen. 

1. Eine Hauptaufgabe der praktischen Hygiene hat die Populari- 
sirung der körperlichen Reinigung zu bilden. 

2. Zu diesem Zweck muss die systematische Vermehrung der 
Badegelegenheiten Hand in Hand gehen mit durchgreifen¬ 
der Anregung zur Ausnutzung derselben. 

3. Die aussichtsvollste Form der Lösung ist in der Gründung ge¬ 
meinnütziger Erwerbsgesellschaften unter communaler 
Aufsicht und Begünstigung gegeben. 

4. Badeeinrichtungen in den Volksschulen, wie sie in Göttin¬ 
gen seit Jahresfrist in Wirksamkeit sind, verdienen die weiteste 
V erbreitung. 


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Volks- und Schulbäder. 


55 


Professor Dr. Hermann Cohn stimmt den Ausführungen der beiden 
Herren Referenten vollständig bei. Sei es doch eine ausgemachte Sache, 
dass Hygiene und Reinlichkeit zwei sich einander deckende Begriffe 
seien. Für die Göttinger Bestrebungen der Schulbäder, für die er, als er 
davon gehört habe, gleioh begeistert gewesen sei, habe er bei den Lehrern 
bis jetzt noch wenig Zustimmung gefunden. Yon Seiten der Hygieniker 
sei ihm kein Widerspruch bekannt, die Lehrer aber behaupteten wohl, es 
sei nicht Sache der Schule, in dieser Richtung vorzugehen. Dem müsse 
man aber entgegenhalten, dass die Schule überhaupt erziehen solle, und 
dazu gehöre auch die Erziehung zur Reinlichkeit. Nun sei ihm von einem 
Lehrer, dem er auseinandergesetzt habe, wie wünschenswerth die Einrich¬ 
tung der Schulbäder sei, die entgegengesetzte Antwort geworden, wie sie 
Herr Oberbürgermeister Merkel von Professor Flügge erhalten habe; der 
Lehrer habe gesagt: Was nützt mir das schönste Schulbad, wenn die Kinder 
in die staubige und nicht gereinigte Schulstube wieder hineinkommen? Das 
sei leider wahr, die Reinigung der Schulzimmer geschehe in der Regel nicht 
so, wie sie sein sollte, sie geschehe in fast allen Schulen viel zu selten, 
namentlich in Anbetracht der zahlreichen darin verkehrenden Schüler. Wenn 
Schulärzte da wären — und in Breslau sei man eben daran, solche einzu¬ 
führen —, würde das nicht mehr Vorkommen, diese würden dann eben so 
sehr wie auf die Reinlichkeit der Schüler auch auf die Reinlichkeit der 
Schulzimmer zu achten haben. 

Oberingenienr Meyer (Hamburg) spricht sich ebenfalls sehr warm 
für die von den Herren Referenten vorgeschlagenen Einrichtungen aus und 
für den Wortlaut der Thesen — wenn auch mit Abänderung einiger Fremd¬ 
wörter — und wünscht, dass in allen Schulen, nicht nur in den Volks¬ 
schulen, Badeeinrichtungen eingeführt werden, da es nicht darauf ankommen 
könne, alle 14 Tage eine Stunde einem solchen Zwecke zum Opfer zu 
bringen und man alle anderen körperlichen Uebungen doch auch in der 
Schule betreibe. 

Generalarzt Professor Dr. Roth (Dresden) erinnert daran, dass 
das Princip der Brausebäder, die einzige Form, in der man ja an Massen¬ 
reinigung denken könne, in der ganzen Armee in grossem Maassstabe 
existire, dass in sämmtlichen Casernements Brausebäder officiell eingerichtet 
seien, in der sächsischen Armee jetzt bereits über 19 Jahre bestehen, mithin 
ganz genaue Erfahrungen vorliegen. Danach halte er die Forderung von 
10 Liter Wasser für unnöthig gross, mit 8 Liter komme man ganz voll¬ 
ständig aus, ja mit noch weniger, da es ganz erstaunlich sei, welch eine 
ausserordentliche Wassermenge die Zerstäubung des Wassers producire. — 
Was Herr Professor Cohn gesagt habe, dem stimme auch er ganz bei, was 
könne Reinlichkeit des Körpers in unreinen Räumen nützen? Desshalb 
herrsche auoh in den Casernements, die er näher kenne, die peinlichste 
Reinlichkeit in jeder Beziehung. — Wenn man die Nothwendigkeit der 
Reinhaltung der Luft in einem Schulzimmer betone, so. könne nichts Besseres 
geschehen, als die Kinder recht oft abzuwaschen; ein einziger Mensch mit 
SchweissfüsBen sei im Stande, die schönsten VentilationsVorrichtungen 


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56 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

illusorisch zu machen. Die Bedenken der Lehrer schlage er nicht hoch an; 
man könne in der Schule über so viele Dinge hinwegkommen, je nach den 
herrschenden Strömungen, dass sich auch dies machen lassen werde. Wenn 
den Schulkindern damit ein gewisses Interesse an Reinlichkeit anerzogen 
werden könne, so sei damit der häuslichen Erziehung jedenfalls sehr gedient. 
Darum könne er die möglichste Verbreitung der Brausebäder nur auf das 
Wärmste empfehlen. 

Referent Dr. Lassar ist sehr bereit etwaige redactionellen Aende- 
rungen der Thesen ganz dem Belieben des Ausschusses zu überlassen, bittet 
nur das Wort „Brausebäder“ in die Thesen irgendwo aufzunehmen, weil 
die Erfolge, die in den Schulen und in der Armee erreicht worden seien, 
gerade lediglich durch diese Form der Bäder haben erzielt werden können. 
Wenn in erster Linie die Schule die Kinder baden lehre nnd wenn dann 
die zweite grosse Schule, die sie durchzumachen haben, die Armee, sie lehre, 
an dieser Badegewohnheit festzuhalten, so sei es auch Pflicht der Nation, 
das so Gelernte nicht wieder fallen zu lassen. 

Oberbürgermeister Knntze (Plauen) ist nicht mit These 3 einver¬ 
standen, die besage, dass die aussichtsvollste Form der Lösung dieser Frage 
in der Gründung gemeinnütziger Erwerbsgesellschaften unter communaler 
Aufsicht und Begünstigung gegeben sei. Er halte es für eine unabweisbare 
Pflicht aller Gemeinden, auch in dieser Beziehung social-reformatorisch vor¬ 
zugehen, auch für die Reinlichkeitspflege durch Bäder, durch Vermehrung 
von Badeanstalten, wie Arbeiterbäder und Volksbäder, besonders in der von 
Herrn Dr. Lassar vorgeschlagenen Form der Brausebäder, zu sorgen. 
Jedenfalls wolle er sich dagegen verwahren, dass durch eine etwaige An¬ 
nahme der These 3 seitens des Vereins die Gemeinde dadurch der Verpflich¬ 
tung, für Badeeinrichtungen zu sorgen, entbunden erscheine. 

Oberbürgermeister Bötticher (Magdeburg) hält das Bedenken des 
Vorredners gegen These 3 für vollständig begründet, da auch er dem nicht bei¬ 
stimmen könne, dass die aussichtsvollste Form der Lösung in der Gründung 
gemeinnütziger Erwerbsgesellschaften zu suchen sei. Im Gegentheil, seiner 
Ansicht nach werde es sehr schwer halten, gemeinnützige Erwerbsgesell¬ 
schaften zu bilden. Ihm scheine die aussichtsvollste Lösung die zu sein, 
wenn in allen Kreisen möglichst für die Sache gewirkt werde, wenn auch 
von oben herab seitens der Aufsichtsbehörden auf etwaige widerspenstige 
Communen gedrückt werde. Desshalb halte er es für das Geeignetste, den 
§. 3 ganz fallen zu lassen und es jedem einzelnen Kreise anheim zu geben, 
sich selbst die aussichtsvollste Lösung zu suchen. 

Vorsitzender Oberbürgermeister Friedensbarg bemerkt, die 
Commune könne doch nur gezwungen werden, Badeeinrichtungen zu machen, 
wenn es sich um Armenbäder handle, im äussersten Falle um Schulhäder, 
aber zur Beschaffung weiterer Badeeinrichtungen könne eine solche „wider¬ 
spenstige Commune“ durch die höhere Aufsichtsbehörde nicht gezwungen 
werden, weil diese Einrichtungen ausserhalb der durch Gesetz den Communen 
überwiesenen Pflichten liegen. 


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Volks- und Schulbäder. 


57 


Referent Dr. LaSS&r schlägt vor, den Wünschen der beiden Vor¬ 
redner dadurch Rechnung zu tragen, dass man in These 3 die Einschiebung 
mache: „soweit die Gemeinden nicht selbstthätig vorgehen“. 


Hiermit ist die Discussion geschlossen und die von den Referenten vor¬ 
geschlagenen Thesen kommen bei der Abstimmung in folgender Fassung 
zur Annahme: 

Resolutionen: 

1. Eine wichtige Aufgabe der praktischen Hygiene besteht darin, die 
Reinigung des Körpers durch Bäder volksthümlich zu 
machen. 

2. Zu diesem Zwecke muss die systematische Vermehrung der Bade¬ 
gelegenheiten, namentlich in Form von Brausebädern, 
Hand in Hand gehen mit durchgreifender Anregung zur Ausnutzung 
derselben. 

3. Die aussichtsvollste Form der Lösung ist, soweit die Gemeinden 
nicht selbstthätig vorgehen, in der Gründung gemeinnütziger 
Erwerbsgesellschaften unter communaler Aufsicht und Be” 
günstigung gegeben. 

4. Badeeinrichtungen in den Volksschulen, wie sie in Göttingen 
seit Jahresfrist in Wirksamkeit sind, verdienen die weiteste Ver¬ 
breitung. 


Schluss der Sitzung 3 Uhr. 


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58 XIII. Versammlung 4 D. Vereins f. öff. Gsmihpflg. zu Breslau. 


Zweite Sitzung. 

Dienstag, den 14. September, Vormittags 9 Ulir. 

Vorsitzender Generalarzt Professor Dr. Roth (Dresden) er¬ 
öffnet die Sitzung und stellt zunächst den Antrag des Ausschusses auf 

Aenderung der §§. 4 und 7 der Satzungen des Vereins 

zur Verhandlung. 

Es lautete der Antrag des Ausschusses: 

„Der Ausschuss beantragte bei der 13. Versammlung des Deutschen 
Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege, der Verein wolle nachstehender 
Aenderung der §§. 4 und 7 der Satzungen zustimmen. 


Bisherige Fassung: 

§. 4. 

Die Verhandlungen der Versamm¬ 
lungen leitet ein Vorsitzender, der 
in der ersten Sitzung von den anwesen¬ 
den Mitgliedern gewählt wird. Derselbe 
ernennt zwei Stellvertreter, sowie zwei 
Schriftführer und setzt die Tagesord¬ 
nung jeder Sitzung fest. 

Er ist als solcher auch leitender 
Vorsitzender des Ausschusses (§. 7) für 
das Jahr bis zur nächsten Versammlung. 

§• 7 . 

Vor dem Schlüsse einer jeden Ver¬ 
sammlung wird für das nächste Ge¬ 
schäftsjahr ein Ausschuss gebildet; 
derselbe besteht aus: 

1) dem Vorsitzenden der Versamm-- 
Jung (§. 4); 

2) fünf für das Jahr bis zur näch¬ 
sten Versammlung gewählten 
Mitgliedern; 

3) einem stimmberechtigten stän¬ 
digen Secretär, welcher von dem 
Ausschüsse zu wählen und zu 
engagiren ist. 


Abänderungsvorschlag: 

M- 

Die Verhandlungen der yersamm- 
lungen leitet der Vorsitzende des 
Ausschusses (s. §. 7). 

Derselbe ernennt zwei Stellvertreter, 
sowie zwei Schriftführer und setzt die 
Tagesordnung jeder Sitzung fest 


§• 7 . 

Vor dem Schlüsse einer jeden Ver¬ 
sammlung wird für das nächste Ge¬ 
schäftsjahr ein Ausschuss gebildet; 
derselbe besteht aus: 

1) sechs für das Jahr bis zur näch¬ 
sten Versammlung gewählten 
Mitgliedern; 

2) einem stimmberechtigten stän¬ 
digen Secretär, weicher von dem 
Ausschüsse zu wählen und zu 
engagiren ist 


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59 


Aenderung der Satzungen. 


Der Ausschuss mit Ausschluss des 
Vorsitzenden und des ständigen Secre- 
tär8 wird von der Jahresversammlung 
durch schriftliche Abstimmung gewählt 


Der Ausschuss setzt etc. 


Der Ausschuss mit Ausschluss des 
ständigen Secretärs wird von der 
Jahresversammlung durch schriftliche 
Abstimmung gewählt. 

Der Ausschuss wählt nach Schluss 
der Versammlung seinen Vorsitzenden. 

Der Ausschuss setzt etc. 


Motive. 

Es hat sich bisher wiederholt als missständig erwiesen, dass der Vor¬ 
sitzende der Versammlungen des Vereins, der zu Anfang der ersten 
Sitzung gewählt wurde, unmittelbar darauf den Vorsitz übernehmen und nun 
die Verhandlungen leiten musste, ohne Gelegenheit gehabt zu haben, sich mit 
dem betreffenden Gegenstände der Verhandlung, den Absichten des Ausschusses 
bei Wahl des Themas und den Ansichten sowie der Behandlungsart der Refe¬ 
renten vorher bekannt zu machen. Diesem Mi9sstande glaubt der Ausschuss 
dadurch abhelfen zu können, dass der Vorsitzende des Ausschusses, 
der bei Aufstellung der Themata und der Auswahl der Referenten mit thätig 
war und mit der Art, wie der Ausschuss sich die Behandlung des Gegenstandes 
dachte, vollkommen vertraut ist, auch die betreffenden Verhandlungen in der 
Versammlung noch leitet und die Neuwahl des Vorsitzenden für das nächste 
Jahr erBt am Schlüsse der Versammlung und dann aus dem und durch den 
neugewählten Ausschuss geschieht." 


Oberingenienr Andreas Meyer (Hamburg) begründet Namens des 
Ausschusses die vorstehend vorgeschlagene Abänderung der Satzungen, in¬ 
dem er sich wesentlich auf die Darlegung bezieht, wie sie in den dem An¬ 
trag beigegebenen Motiven enthalten sei. Der Verein besitze ja in seiner 
Mitte einige Mitglieder, die dem ganzen Leben des Vereins so nahe stehen, 
dass sie alle Zeit gesattelt seien und bereit, den Vorsitz zu übernehmen. 
Aber so gehe es nicht allen Mitgliedern und er kenne es aus eigener Er¬ 
fahrung, wie schwer es sei, wenn man, ohne vorher eine Ahnung davon ge¬ 
habt zu haben, mit der Ehre des Vorsitzes betraut werde und nun eine 
Verhandlung leiten solle über Thematen, mit denen man sich vorher gar 
nicht beschäftigt habe und die man vielleicht in ihrer Materie noch gar 
nicht einmal übersehe. Darum habe er im Ausschuss diese Aenderung an¬ 
geregt und er halte es für eine wesentliche Besserung, dass man denjeni¬ 
gen, dem man die Leitung der Verhandlungen anvertraue, schon ein Jahr 
vorher wähle, damit er sich bei den Vorbereitungen für die nächste Ver¬ 
sammlung bereits betheiligen könne. 

Sanitätsrath Dr. Notzel (Colberg) beantragt, da der Antrag seitens 
des Ausschusses ausreichend motivirt erscheine und der Ausschuss selbst 
wohl am besten beurtheilen könne, mit welchen Schwierigkeiten er und 
speciell der Vorsitzende in früheren Jahren zu kämpfen gehabt habe, die 
Annahme des Antrags ohne Debatte. 

Der Antrag wird, da sich Niemand weiter zum Wort meldet, ohne 
Discussion angenommen. 


Es kommt hierauf das dritte Thema der Tagesordnung zur Verhandlung: 


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GO XIII. Versammlung d. I). Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 


Ueber Rieselanlagen, mit besonderer Berücksich¬ 
tigung von Breslau, und über andere Beinigungs- 
methoden der städtischen Abwässer. 


Es lauten die von den beiden Referenten, Herrn Baurath Kaumann 
(Breslau) und Herrn Professor Arnold (Braunschweig) aufgestellten 

Thesen: 

1. 

Jede grössere, namentlich mit Wasserleitung versorgte Stadt kann der 
geregelten Entwässerung durch eine unterirdische Canalisation nicht 
entbehren, da die Schmutzwasser so rasch als thunlich aus dem Bereiche der 
Wohnungen entfernt werden müssen. 

2 . 

Die Canäle sollen zur Aufnahme und sicheren Abführung der gesammten 
Schmutzwasser, einschliesslich der Closetabgänge, geeignet sein und je 
nach Lage der Ortsverhältnisse auch das Regen wasser mit abführen können, 
sofern für letzteres keine besondere Ableitung vorzusehen ist. 

3. 

Die städtischen Abwässer dürfen in der Regel erst nach erfolgter 
Reinigung den öffentlichen Flussläufen zugeführt werden, (cf. d. Resolut. 
Pkt. 1, d. IV. Versammlung des Vereins zu Düsseldorf, 1876.) 

4. 

Zur Unschädlichmachung der städtischen Schrautzwasser und zur gleich¬ 
zeitigen Verwerthung der in denselben enthaltenen Dungstoffe ist bis jetzt die 
Berieselung von Feld- und Wiesenflächen das geeignetste Mittel, (cf. die 
Resolut. Pkt. 2, d. IV. Versammlung des Vereins zu Düsseldorf, 1876.) 

5. 

Wo die Berieselung nicht zweckmässig auszuführen geht, muss die mög¬ 
lichste Reinigung der städtischen Abwasser durch Anwendung des com- 
binirten Verfahrens „der chemischen Fällung, der Abklärung 
und Filtration“ erstrebt werden, unter thunlichster Gewinnung der .für die 
Landwirtschaft dungwerthigen Stoffe. 


Die erwähnten beiden Resolutionen der Düsseldorfer Versammlung 
lauten: 

1. Die directe Ableitung des städtischen Canalwassers in 
fliessende Gewässer ist, sei es, dass sämmtliche menschliche 
Excrete in dasselbe gelangen oder nicht, in der Regel aus sanitären 
Gründen bedenklich. 

Wie weit dieselbe nach der Wassermenge, Geschwindigkeit, 
geologischen Beschaffenheit der Flüsse etc. zu gestatten sei, sollte 
baldmöglichst durch exacte, gesetzliche Normen festgestellt werden. 

Zur Vorbereitung der letzteren beantragt der Deutsche Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege beim Reichsgesundheitsamt syste¬ 
matische Untersuchungen an den deutschen Flüssen. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. Gl 

Immer aber ist diese Einleitung als ein volkswirtschaftlicher 
Nachtheil zu kennzeichnen. 

2. Die Berieselung geeigneter mit Culturpflanzen bestandener Län¬ 
dereien ist, eine rationelle Anwendung technisch richtiger Principien 
vorausgesetzt, erfahrungsgemäss das einfachste und durchschlagendste 
Mittel, das Canalwasser sanitär unschädlich zu machen und es gleich¬ 
zeitig zu Gunsten der Interessenten landwirtschaftlich in befriedigen¬ 
dem Maasse auszunntzen. 


Referent St&dtb&ur&th Kauma II n (Breslau): 

„Meine Herren! 

„Die fünf Thesen, die den Gegenstand der heutigen Verhandlung bilden, 
und die Ihnen gedruckt vorliegen, habe ich gemeinschaftlich und in voller 
Ue-bereinstimmung mit dem Herrn Correferenten, Professor Arnold in 
Braunschweig, aufgestellt und dabei in erster Linie die mir zunächst liegen¬ 
den, bei der Canalisation von Breslau gesammelten Erfahrungen benutzt. 

„Ein Bericht über die Canalisation und Rieselanlagen Breslaus ist der 
Festschrift beigefügt, welche Ihnen die Stadt Breslau übergeben hat, und 
ich kann mich, unter Bezugnahme auf diesen Bericht und die ausliegenden 
Pläne, die denselben vervollständigen, sowie namentlich mit Rücksicht dar¬ 
auf, dass eine Besichtigung der Rieselfelder für heute Nachmittag in Aus¬ 
sicht genommen ist, in meinem Referate ziemlich kurz fassen; ja ich muss 
dies thun, um Wiederholungen zu vermeiden, falls Einer oder der Andere 
von Ihnen schon Zeit gefunden haben sollte, einen Blick in jenen Bericht 
zu thun, und will Sie namentlich mit Zahlen verschonen, die nur dann Be¬ 
weise zu liefern im Stande sind, wenn man sie vor sich hat und genügend 
vergleichen und prüfen kann, während das blosse Anhören derselben un¬ 
möglich genügt. 

„Die erste These lautet: 

Jede grössere, namentlich mit Wasserleitung versorgte Stadt kann 
der geregelten Entwässerung durch eine unterirdische Canali¬ 
sation nicht entbehren, da die Schmutzwasser so rasch als thunlich 
aus dem Bereiche der Wohnungen entfernt werden müssen. 

„Ein Rückblick auf die grösseren Städte unseres Vaterlandes, wie sie 
etwa vor einem Viertel-Jahrhundert aussahen, liefert allein schon einen 
schlagenden Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung. 

„Wenn ich zurückdenke an meine Studienzeit in Berlin (1849 bis 1851), 
so treten jene tiefen, übelriechenden Rinnsteine der Leipziger Strasse und 
anderer Hauptstrassen vor meine Augen, und wieder empfinde ich die ganze 
Gräuel, welche die nächtliche Ausfuhr der Dunggruben in den Strassen und 
Häusern verursachte, — 

„wenn ich mich an jene Zeit nach dem Feldzage 1866 erinnere, wo 
ich mit dem 4. Landwehrregiment in Danzig, jener Perle von West- 
prenssen, stand, so drängt sich in dieses sonst so freundliche Bild die 
alte Radaune mit ihren Schrecken, der gänzliche Mangel von Trinkwasser 
in der Stadt, das damals meilenweit (von Pelonken) angefahren werden 


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62 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

musste, und traurig stimmt mich die Erinnerung an manchen Kameraden, 
der dort der Cholera zum Opfer fiel, und den ich zu seiner letzten 
Ruhestätte auf den Danziger Friedhof begleiten musste; — 

„wenn ich mir endlich Breslau vergegenwärtige, wie es vor 20 Jahren, 
als ich hier mein Amt als Stadtbaurath antrat, aussah — so fallen mir 
jene im höchsten Grade verunreinigten, sogenannten Pamsgräben ein, 
die zur Entwässerung der incommunalisirten Ortschaften in Strassen 
der Vorstädte dienten, die, wie die Kaiser Wilhelmstrasse, jetzt zu den 
schönsten unserer Stadt gezählt werden; — 

„dann tritt die ehemalige Ohle wieder vor meine Augen, die die 
eigentliche innere Stadt umfloss und zur Aufnahme aller Schmutzmengen 
diente, die man aus den umliegenden Grundstücken los werden wollte: 
sie zeigte mit ihren Umgebungen: Hinterhäusern, Altanen, Abtritts¬ 
anbauten etc. stellenweise recht malerische Bilder, die lebhaft an die 
unsaubersten Partieen Venedigs erinnerten, aber den Anforderungen der 
Hygiene wenig entsprachen; 

„und dann fällt mir endlich das sogenannte Auskübelgerüst wieder 
ein: eine ganz merkwürdige Einrichtung, die am Oderufer unterhalb 
der Vordermühle von Holzwerk hergestellt war und dazu diente, die 
Schmützkübel einer Menge von Grundstücken, deren geringe räumliche 
Ausdehnung die Anlage von Gemülle- und Abtrittsgruben nicht ge¬ 
stattete, bei nächtlicher Weile in die Oder zu schütten, was bei niedrigem 
Wasser- oder Eisstande einen geradezu Schrecken erregenden Anblick 
gewährte, denn die festeren Bestandteile, die der Schmutzkübel lieferte, 
blieben dann dem Auge sichtbar und den Geruchsnerven fühlbar oft längere 
Zeit auf dem trockenen Vorlande resp. der Eisdecke der Oder liegen. 

„Wie ganz anders sieht es jetzt in diesen Städten aus: die tiefen 
Rinnsteine Berlins sind durch die Canalisation verschwunden, und unbe- 
lästigt von dem widerlichen Gerüche der Kothabfuhr kann man jetzt auch 
zur Nachtzeit die Strassen der herrlichen Kaiserstadt durchwandern; 

„die Bewohner Danzigs sind mit dem schönsten Trinkwasser ver¬ 
sehen, 

„die Radaune und Mottlau dienen nicht mehr zur Aufnahme der 
Schmutzmassen aus den Häusern und Höfen 

„und die Cholera fordert nicht wie früher ihre zahlreichen Opfer; — 
„Breslaus Pamsgräben sind nicht mehr, und mächtig hat sich die 
Bebauung gerade der südlichen Vorstadt entwickelt, welche früher von 
derartigen Gräben durchzogen war; 

„die ehemalige Ohle ist zugeschüttet und in eine angenehme Fuss- 
giingerpassage verwandelt worden, an deren beiden Seiten, an Stelle der 
unsauberen, widerlichen Hofräume mit sehr untergeordneten Baulich¬ 
keiten, hübsche Gebäude mit Läden u. s. w. nufgeführt worden sind; — 
„auch jenes berüchtigte Auskübelgerüst ist verschwunden und mit 
peinlicher Sorgfalt wird jetzt jede Verunreinigung der Oder innerhalb 
der Stadt vermieden, ja sogar die Thätigkeit der Regenauslässe, die nur 
bei starken Regengüssen in Function treten, und dann etwaige Schmutz- 
theile in sehr verdünntem Zustande dem Strome zuführen, wird ängstlich 
überwacht. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 63 

„Es sind gesunde Städte geworden: sie sind es geworden durch die 
Einführung der Wasserleitung und durch die regelrechte Ableitung des 
verbrauchten Wassers durch unterirdische Canäle, die man als eine noth- 
wendige Folge der Wasserversorgung betrachten kann; —und sie verdanken 
diese Veränderung und ihr rasches Emporblühen der Einsicht und Energie 
von Männern, wie Hobrecht, v. Winter, v. Forckenbeck, die das 
Uebel erkannten, es bei der Wurzel fassten und es mit der Wurzel aus¬ 
rotteten. 

„Es erübrigt sich weitere Beispiele anzuführen: Ihnen Allen, meine 
Herren, sind aus eigener Anschauung andere Städte bekannt, die in gleicher 
Weise sich zu ihrem Vortheile verändert haben, — Ihnen Allen sind Männer 
bekannt, deren Namen man den genannten ebenbürtig zur Seite stellen kann! 

„In allen grösseren Städten ist der Entwickelungsgang der Canalisa- 
tion fast genau derselbe gewesen, wie hier in Breslau und wie ich ihn in 
dem Ihnen vorliegenden Berichte zu schildern versucht habe. 

„Mit dem grösseren Wasserconsum wurde das Bedürfniss zu einer 
geregelten Ableitung des verbrauchten Wassers immer dringender, überall 
wurde man zur Anlage von Canälen und zur Vereinigung dieser Canäle in 
ein geregeltes System gedrängt. 

„Auf dem vorliegenden Plane sind die älteren Canäle Breslaus mit 
blauen Linien angedeutet, und diese Linien zeigen recht deutlich an, wie 
mit der fortschreitenden Wasserversorgung die unterirdische Entwässerung 
Schritt gehalten hat, von der jetzt cassirten Ketzelkunst an der Ohle in der 
Nähe des Ketzerberges und der Matthiaskunst bei der Matthiasinsel an, bis 
zur Fertigstellung des noch im Betriebe befindlichen alten Wasserwerkes 
an der Vordermühle und bis zur Inbetriebsetzung und Vervollständigung 
des neuen Wasserwerkes am Weidendamm, welches sein Rohrnetz über die 
ganze Stadt, an beiden Ufern der Oder ausbreitet, während die erst¬ 
genannten Werke nur den am linken Oderufer liegenden Theil Breslaus 
und von diesem auch nur einen Theil, die eigentliche innere Stadt, vor der 
Incommunalisirung der Ortschaften mit Wasser versorgten. 

„So weit die Wasserversorgung reichte, wurden, unabhängig von ein¬ 
ander, Canäle gebaut, die das Schmutzwasser unterirdisch der Oder zu- 
führten. Vor der Einführung einer geregelten Wasserversorgung dienten 
hier, wie überall, offene Gräben zur Aufnahme und Ableitung des Schmutz- 
Wassers. 

„Diese offenen Gräben wurden bald zur Pein und Belästigung der 
Gegend, die sie nicht durchströmten, sondern in der sie stagnirten, und die 
Vorfluth in denselben wurde durch den Einsturz der Grabenböschungen 
sehr oft beeinträchtigt. 

„Man suchte diesem Uebelstande zunächst dadurch zu begegnen, dass 
man massive Wände an Stelle der Erdböschungen setzte; später bedeckte 
oder überwölbte man auch wohl diese Gräben, um sich gegen die Miasmen 
zu schützen, die ihnen entströmten; und endlich befestigte man auch die 
Grabensohle, um eine regelrechte Grabenränmung zu ermöglichen, vielleicht 
auch um den Untergrund vor weiterer Verunreinigung zu schützen. 

„So entstanden die ersten Canäle, die Hobrecht in seinem Werke 
über die Canalisation Berlins mit vollem Rechte schlechte Canäle nennt. 


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G4 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Diese Canäle mussten begehbar sein, um eine Räumung durch 
Handarbeit zuzulassen, und sie führten, dem natürlichen Gefalle folgend, 
nach irgend einem tiefer liegenden Punkte, einem Flusse, Bache oder Teiche, 
und in dieselben mündete nun von beiden Seiten, was eben hineingeführt 
werden konnte: offene Seitengräben, Rinnsteine, Hausröhren u. s. w., die 
Alles hineinbr&chten, was man eben für den Augenblick los werden wollte,— 
aber nur für den Augenblick, denn beim Räumen dieser Canäle und bei 
der unvermeidlichen Abfuhr ihres widerlichen Inhaltes musste man jene 
Schmutzmassen noch einmal Wiedersehen, noch einmal musste man die ihnen 
entströmenden Gase, die an üblem Geruch durch die Fäulniss der dann 
befindlichen organischen Stoffe nur noch zngenommen hatten, mit Mund 
und Nase einathmen. 

„Erst nach Einführung der Wasserleitung wurde die Abfuhr des 
Canalinhaltes entbehrlich, — an Stelle der alten schlechten Canäle baute man 
bessere, die Forderung der Begehbarkeit der Canäle konnte aufgegeben 
werden, man gab den Canälen einen geringeren Querschnitt, und hierdurch 
wuchs die spülende Kraft des Wassers, und der Widerstand, den die Schmutz¬ 
massen derselben entgegensetzten, wurde geringer. 

„Die Schmutzwässer so rasch als thunlich aus dem Bereiche der Woh¬ 
nungen zu entfernen, war von jeher das Bestreben der Menschen, und diese 
Wässer rasch und sicher abzuführen, ist nur durch die Schwemmcanalisation 
möglich, die in keiner mit Wasserleitung versehenen Stadt entbehrt werden 
kann. 

„Die zweite These lautet: 

Die Canäle sollen zur Aufnahme und sicheren Abführung der 
gesummten Schmutzwässer, einschliesslich der Closetabgänge 
geeignet sein und je nach Lage der Ortsverhältnisse auch das Regen¬ 
wasser mit abführen können, sofern für letzteres keine besondere 
Ableitung vorzuBehen ist. 

„Diese These zerfallt in zwei Theile: sie verlangt die unterirdische 
Ableitung der gesammten Schmutzwässer, einschliesslich der Closetabgänge 
und wünscht unter Umständen die Aufnahme des Regenwassers in die Canäle. 

„Dem ersten Theile, meine Herren, werden Sie gewiss Ihre Zustimmung 
nicht versagen, wenn Sie davon überzeugt sind, dass Schmutzwässer so 
rasch wie thunlich aus dem Bereiche menschlicher Wohnungen entfernt 
werden müssen, — denn der Closentinhalt ist wohl das non plus ultra aller 
Schmutzwässer, deren Beseitigung man anstrebt. 

„Ohne Wasserleitung ist die Anlage von Wasserclosets nicht wohl 
möglich, wo aber Wasserleitung vorhanden ist, da ist die Anlage von 
Wasserclosets kaum mehr zu verhindern, denn die Annehmlichkeit und 
Nützlichkeit dieser Closets ist zu gross und so allgemein anerkannt, dass 
Jeder, der einmal eine Wohnung mit Wasserclosets inne hatte, sich nur 
sehr schwer entschliessen wird, diese Wohnung mit einer anderen zu ver¬ 
tauschen, in welcher diese Annehmlichkeit fehlt, —und wird sich nimmermehr 
mit dem Bestehenbleiben der alten Abtrittsgruben einverstanden erklären 
können, deren vollständige Beseitigung ein Hauptziel der Schwemmcana¬ 
lisation ist und seiu muss. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 65 

„Sind aber erst Wasserclosets in Benutzung, und ist der Wasserver¬ 
brauch in denselben ein unbeschränkter, so ist die Abfuhr der durch 
grössere Quantitäten Wasser verdünnten Imunditien, namentlich in grossen 
Städten, nicht mehr möglich: es müssen Canäle angelegt werden, die den 
Closetinhalt gleich bei seiner Entstehung aufnehmen und ihn abführen, ohne 
ihm Zeit zu lassen, in Gährung und Fäulniss überzugehen. 

„Die Aufnahme des Regen wassers in die Canäle ist vielleicht nicht 
so dringend geboten, wie die des Closetinhaltes, — aber im Interesse der 
Salubrität und der Reinhaltung der Canäle, sowie namentlich mit Rücksicht 
auf eine zur. Verwendung des Closetinhaltes als Düngemittel auf Rieselfeldern 
unerlässlich nothwendige Verdünnung der Excremeute, ist sie mindestens 
dringend erwünscht. 

„Die Aufnahme des Regenwassers in die Canäle bietet technische 
Schwierigkeiten, weil überall die zuverlässige Grundlage für eine richtige 
Bemessung der durch die Canäle abzuführenden Regenwassermenge fehlt, 
und sie erhöht das Anlage- und Betriebscapital, weil sie eine entsprechende 
Vergrösserung des Canalquerschnittes fordert, und diese grösseren Canäle 
ein grösseres Wasserquantum zu ihrer Spülung nöthig haben. 

„Auf die Ableitung ganz aussergewöhnlich starker, wolkenbruchartiger 
Regen, die in kurzer Zeit sehr grosse Wassermengen liefern, muss man 
von vornherein verzichten, denn dadurch würde man leicht wieder in den 
alten Fehler der Anlage zu grosser und dadurch schlechter Canäle 
verfallen, die enorme Kosten erfordert, und den Zweck einer guten Cana- 
lisation verfehlt, weil bei ihr die unbedingt noth wendige, gründliche Canal¬ 
spülung mit den für gewöhnlich zur Disposition stehenden Verbrauchs- und 
Regenwassermengen nicht mehr möglich ist. 

„Solche grosse, den grössten Theil des Jahres nicht genügend an¬ 
gefüllte Canäle verschlämmen leicht, verlangen kostspielige, die Bewohner, 
der Stadt belästigende Räumungen und werden leicht ein Lieblingsaufenthalt 
von Ratten und anderem Ungeziefer, so dass die Nachtheile, die sie bringen, 
erheblich grösser werden, als die Unbequemlichkeiten und Störungen, die 
ein starker Regenguss im Gefolge hat, dessen Wassermassen die Canäle 
nicht in derselben kurzen Zeit abzuleiten im Stande sind, in welcher sie 
herabfallen. 

„Gegen derartige Störungen, die doch Verhältnissesässig selten Vor¬ 
kommen, kann man sich durch zweckmässige Anlage der Hausentwässe¬ 
rungen, durch Anbringung von Stauklappen und Regenauslässen allenfalls 
schützen, — gegen die ununterbrochen bestehenden Nachtheile zu grosser 
Canäle giebt es aber keinen Schutz. 

„Es ist unendlich schwer, ja fast unmöglich, bei Abmessung der Canal¬ 
dimensionen für alle Fälle das Richtige zu treffen, weil, wie gesagt, hierzu 
die zuverlässige Grundlage fehlt. 

„Diese Grundlage würde sein: die Kenntniss der heftigsten am Orte 
vorgekommenen Regenfälle, — ihre Dauer, — ihre räumliche Ausdehnung, — 
die Kenntniss der minimalen Verdunstung und der minimalen Versickerung 
zur Zeit der heftigsten Regenfälle, — der Verzögerung im Abflüsse des 
Regen wassers u. s. w. 

Vlorteljahruehrift für Oetnndheitspflege, 1887 . 5 


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GG XIII. Versammlung d. D. Vereins f. oft Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Diese Grundlage kennt man nicht, und es ist auch keine Aussicht 
vorhanden, dass man sie je in zuverlässiger Weise auch nur für irgend 
einen Ort kennen lernen wird. Und wenn man sie kennte, so würde dies 
auch nur einen bedingten Vortheil gewähren, denn auch dann ist eine 
Veränderung der Verhältnisse nicht ausgeschlossen, so namentlich die 
Permeabilität des Bodens z. B. durch dichtere Bebauung, zahlreichere 
Schieferdächer, bessere Pflasterung der Strassen u. s. w. Das gefundeno 
Resultat müsste also wiederum willkürlich geändert werden; kurz man ist 
hierbei lediglich auf Schätzungen und Annahmen angewiesen, die unmöglich 
immer zutreffend sein werden. 

„Trotzdem ist es im allgemeinen Salubritätsinteresse und für die Ver- 
werthung des Canalinhaltes von hohem Werthe, Regenwasser den Canälen 
zuzuführen, auch auf die Gefahr hin, dass die Canäle, trotz ihrer Nothans- 
lässe, nicht unter allen Umständen imStande sein werden, auch die grössten 
Regenmengen in der Zeit, wo sie fallen, aufzunehmen und abzuleiten, weil 
dadurch die Canäle gründlich gespült, der Canalinhalt verdünnt und Unrei¬ 
nigkeiten von den Strassen und Höfen, die der Regen ab wäscht, wie Pferde¬ 
urin etc., nicht direct in den Strom, sondern zunächst in die Canäle gelangen. 

„In Städten, die durch zahlreiche Wasserläufe durchschnitten werden, 
wie Venedig, Amsterdam, vielleicht auch Hamburg etc., fällt diese Rücksicht 
mehr oder weniger fort, weil das Regenwasser rasch jenen grossen, offenen 
Canälen zugeführt werden kann, die auch jederzeit Gelegenheit zu einer 
gründlichen Canalspülung bieten. 

„Man kann auch in Städten, wo diese natürliche Ableitung fehlt, eine 
solche für das Regenwasser künstlich schaffen, und ich habe vor Kurzem 
Gelegenheit gehabt, ein grösseres, von einem Italiener höchst geistreich 
bearbeitetes Project zur Entwässerung von Prag kennen zu lernen, in welchem 
der Verfasser für die Ableitung des Schmutz- und Regenwassers vollständig 
getrennte, und nur nach Bedürfnis zum Zwecke der Canalspülung in Ver¬ 
bindung gebrachte Leitungen angenommen hat. Aber die Durchführung 
eines solchen doppelten Canalisationsprojectes kostet auch fast das Doppelte 
als die einer Schwemmcanalisation, bei welcher Schmutz- und Regen wasser 
durch dieselben Leitungen abfliesst, und bietet trotzdem nicht die Garantie, 
dass bei starken Platzregen eine zeitweise Ueberfluthnng der Strassen unter 
allen Umständen vermieden wird. 

„Ich gehe nun zur dritten These über, die bereits vor zehn Jahren 
bei der vierten Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege in Düsseldorf Gegenstand der Berathung gewesen ist. Sie lautet: 

Die städtischen Abwässer dürfen in der Regel erst nach er- 
folgterReinigung den öffentlichen Flussläufen zugeführt werden, 
und die geehrte Versammlung hat in Düsseldorf folgende Resolution gefasst: 

Die directe Ableitung des städtischen Canalwassers in fliessende 
Gewässer ist, sei es dass sämmtliche menschliche Excrete in dasselbe 
gelangen oder nicht, aus sanitären Gründen bedenklich. 

Wie weit dieselbe nach der Wassermenge, Geschwindigkeit, 
geologischen Beschaffenheit der Flüsse etc. zu gestatten sei, sollte 
baldmöglichst durch exacte gesetzliche Normen festgestellt werden. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 67 

Zur Vorbereitung der letzteren beantragt der Deutsche Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege beim Reichsgesundheitsamte syste¬ 
matische Untersuchungen an den deutschen Flüssen. 

Immer aber ist diese Einleitung als ein volkswirtschaftlicher 
Nachtheil zu kennzeichnen. 

„Ohne auf die damals gepflogenen Verhandlungen näher einzugehen, 
möchte ich hier nur einige kurze Bemerkungen zu dieser These mir er¬ 
lauben. 

„Auf dem vorliegenden Lageplane sehen Sie die Einmündungen der 
alten Canäle Breslaus mitten in der Stadt, direct in die Oder, am Schlacht¬ 
hofe, an der Weissgerberstrasse, an der Königsbrücke, an der Neuen Oder¬ 
strasse und an der Füller Insel, die jetzt in Regenauslässe verwandelt worden 
sind. Der Canalinhalt der früher dort in die Oder floss, wird jetzt in 
der Pumpstation auf dem Zehndelberge zusammengeführt und von dort nach 
den Rieselfeldern befördert. 

„Aehnlich war es vor circa 30 Jahren fast in allen anderen grösseren 
Städten, in denen zur Ableitung des verbrauchten Wassers Canäle angelegt 
waren. Diese Canäle reinigten in der That den Stadttheil, den sie durch¬ 
zogen, verunreinigten aber das Flusswasser innerhalb der Stadt, weil sie 
dem natürlichen Gefalle folgend, direct in den die Stadt durchströmenden 
Fluss mündeten. 

„Der Zustand Londons und die Klagen, welche über die Verunreinigung 
der Themse daselbst laut wurden, geben hiervon ein beredtes Beispiel. 

„Bazalgette war der Erste, der diesen Uebelstand zu beseitigen suchte: 
er erbaute Abfangungscanäle, die meist in paralleler Lage mit dem Strome 
angelegt wurden und den Inhalt der rechtwinkelig in sie einmündenden 
Canäle aufnahmen und ihn unterhalb der Stadt, nach möglichster Abklärung 
in Bassins, erst in den Strom laufen Hessen. 

„Diese Abfangungscanäle (intercepting sewers) sind allerdings im 
Stande, diesen Uebelstand für die Stadt und den Strom innerhalb der 
Stadt zu beseitigen, — aber noch bleibt derselbe ausserhalb der Stadt be¬ 
stehen, und an dem Flusse unterhalb der Stadt wohnen in anderen Städten 
und Dörfern wieder Menschen, und wenn die Entfernungen dieser Ortschaften 
von einander gering, die Flüsse klein und die Städte gross sind, so 
wird die Verunreinigung des Flusses doch ein grosses Uebel, denn die 
chemischen und mikroskopischen Untersuchungen des Flusswassers unter¬ 
halb einer canalisirten Stadt haben, wenigstens in Breslau vor der Inbetrieb¬ 
setzung der Pumpstation, zur Genüge dargethan, dass namentlich bei kleinen 
Wasserständen sich der Canalinhalt im Oderwasser meilenweit bemerkbar 
macht. 

„Mit Recht sind daher die Behörden überall kräftig gegen ein Ver¬ 
fahren eingeschritten, bei welchem durch Einführung des nicht desinficirten 
CanalVassers der Strom verunreinigt und die Gesundheit der unterhalb am 
Strome wohnenden Menschen gefährdet wird. 

„Wunderbar bleibt es, dass auf die Reinhaltung der Flüsse nicht in 
allen Städten mit gleicher Strenge gehalten wird, und dass sogar Badeorte, 
wie das sonst so schöne Bad Kissingen, noch bis heute von derartigen Vor¬ 
schriften verschont geblieben sind. In Kissingen wird noch jetzt das Resultat 

5* 


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68 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

der Wirkung des Rakoczy-Brunnens, ganz in der Nähe der Trinkanstalt, 
munter direct der kleinen fränkischen Saale anvertraut, die zur Fortschaffung 
jener Fäcalmassen höchstens durch ihr starkes Gefälle geeignet erscheint, 
während gerade dieses starke Gefälle die Ausführung einer Canalanlage 
wesentlich erleichtern würde, die zur Aufnahme, Abführung und Verwerthung 
des Closetinhaltes dienen könnte. 

„Wenn unsere These nur in der Regel eine Reinigung der städtischen 
Abwässer vor ihrem Eintritt in den öffentlichen Fluss verlangt und dadurch 
für einzelne Städte Ausnahmen zulässt, so können zu diesen Ausnahmen 
doch nur Städte gezählt werden, die an grösseren Strömen liegen, in 
denen die Schmutzwässer eine solche Verdünnung erleiden, dass sie in der 
nächst unterhalb gelegenen Ortschaft nicht mehr in einer Menge nachzu¬ 
weisen sind, die irgendwie schädlich auf die Gesundheit der Bewohner jener 
Ortschaft einwirken kann. 

„Die Entscheidung darüber, ob hier oder da eine Ausnahme von der 
allgemeinen Regel zu statuiren sei, setzt eine möglichst genaue Kenntniss 
des Flussgebietes und seiner Bevölkerung voraus: man muss wenigstens 
annähernd das Quantum der städtischen Abwässer feststellen können und 
wissen, wie viel Wasser der Strom im ungünstigsten Falle, d. h. beim 
niedrigsten Wasserstande, abführt. 

„Die vierte These, welche ebenfalls der geehrten Versammlung 
schon vor zehn Jahren zur Fassung einer Resolution Veranlassung gegeben 
hat, lautet: 

Zur Unschädlichmachung der städtischen Schmutzwässer und 
zur gleichzeitigen Verwerthung der in denselben enthaltenen Dung¬ 
stoffe ist bis jetzt die Berieselung von Feld- und Wiesenflächen 
das geeignetste Mittel, 

und die 1876 in Düsseldorf gefasste Resolution lautet: 

Die Berieselung geeigneter, mit Culturpflanzen bestandener 
Ländereien ist, eine rationelle Anwendung technisch richtiger Prin- 
cipien vorausgesetzt, erfahrungsgemäss das einfachste und durch¬ 
schlagendste Mittel, das Canalwasser sanitär unschädlich zu machen 
und es gleichzeitig zu Gunsten der Interessenten landwirtschaftlich 
in befriedigendem Maasse auszunutzen. 

„In welcher WeiBe man hier in Breslau bemüht ist, den Canalinhalt 
durch Berieselung von Flächen der Rittergüter Otwitz, Leipe und Rausern 
unschädlich zu machen und zu verwerten, habe ich in dem Ihnen vor¬ 
liegenden Berichte zu beschreiben versucht, und werde noch heute, bei 
Besichtigung der Rieselfelder Gelegenheit haben, diesen Bericht zu ergänzen. 

„Auch bei der Berieselung war England unsere Lehrmeisterin: dort 
hat man zuerst das Canalwasser, das man nicht mehr in den Fluss leiten 
durfte, zum Berieseln von Aeckern verwendet, wodurch es nicht nur in 
vollkommenster Weise gereinigt wird, sondern auch einen nicht unbedeu¬ 
tenden Geldertrag abwirft Beispiele hiervon sind Croydon, Aldershot, Lodge- 
Farra, Craigentenny-Farm u. s. w., — und wenn auch nicht alle diese Anlagen 
gerade zur Nachahmung anreizen, so sind sie doch Alle in hohem Grade 
belehrend, und mindestens konnte man dort die eine Lehre bestimmt 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. G9 

empfangen, dass grosse Flächen sehr durchlässigen Bodens dazu gehören, 
um die Canalwässer recht zweckentsprechend zu verwenden. 

„Diese grossen Flächen anzuschaffen, ist aber gerade in England oft 
sehr schwer, ja in manchen Gegenden fast unmöglich, und daher kam es, 
dass die zur Berieselung bestimmten zu kleinen Flächen zuweilen sehr 
ungünstige Resultate lieferten. 

„Die Native Guano Compagnie legte sich ins Mittel; sie leitete, z. B. in 
Watford die Canalwässer, die man auf den Rieselfeldern nicht mehr unter¬ 
bringen konnte, in Staubassins, führte sie über Stauwerke und geneigte Ebenen, 
die mit Desinfectionsmitteln nach Art des Süvernaschen Verfahrens ver¬ 
sehen waren, in ein Hochbassin, in welchem die Schlussdesinfection stattfand. 

„Wenn auch eine Verpestung der Luft auf diesem Wege nicht voll¬ 
ständig zu vermeiden war, so gelang es doch, das Canalwasser vollständig 
zu desinficiren, und unterhalb des Hochreservoirs wurde durch dasselbe eine 
Fontaine getrieben, in deren Bassin sich Gold- und Silberfische lustig 
tummelten, und in der That hatte das so desinficirte Canalwasser einen 
vollständig reinen Geschmack. Aber der auf diese Weise gewonnene Guano 
kam, bis er zum landwirtschaftlichen Gebrauche geeignet war, viel Zu 
theuer und wurde sehr bald vom Import-Guano verdrängt. 

„Nach den Erfahrungen, die der auch in weiteren Kreisen bekannte 
praktische Landwirth und Culturtechniker v. Lengercke gemacht und in 
einem Berichte über die Danziger Rieselfelder niedergelegt hat, sind pro 
Quadratmeter durchlässigen Bodens, nachdem derselbe einmal satt getränkt 
worden ist, zur ferneren Anfeuchtung 11 Liter Wasser täglich nöthig, dies 
ergiebt pro Tag und Hectar 110cbm. Rechnet man mit Lengercke pro 
Einwohner und Tag 180 Liter Abwässer, so würde ein Hectar Rieselfeld 
zur Aufnahme der Abwässer von circa 600 Einwohnern ausreichen und für 
eine Stadt von 300 000 Einwohnern, wie Breslau, würden nur 500 Hectar 
Rieselfelder erforderlich sein. Was jedoch für so durchlässigen Sand¬ 
boden wie die Dünen bei Danzig gilt, ist für schwerere Bodenarten nicht 
zutreffend, und in Breslau, wo Ende dieses Jahres Rieselfelder im Umfange 
von 659 Hectar fertig gestellt sein werden, sind wir mit unseren Aptirungen 
noch nicht am Ende, sondern werden dieselben nach Bedarf fortsetzen, bis 
jede Besorgniss einer Ueberdüngung der Rieselfelder ausgeschlossen ist. 

„Glücklicher Weise ist, wie der Ihnen vorliegende Uebersichtsplan zeigt, 
hierzu noch Areal am rechten Oderufer in Rausern disponibel, und sollte 
dasselbe nicht ausreichen, so kann noch eine ziemlich umfangreiche Fläche 
von den der Stadt gehörigen Gütern Herrnprotsch und Peiskerwitz am 
linken Oderufer hinzugenommen werden, wenn auch nicht so viel, wie 
Herr Löper in Magdeburg fordern würde, da er nur zwölf Personen pro 
Hectar Rieselfeld rechnet, also für Breslau 25 000 Hectar, d. h. etwa 
100 000 Morgen *)• 


*) Die betreffende Mittheilung des Herrn Löper (Blätter für Handel, Gewerbe und 
sociales Leben, 1886, S. 279) lautet: „Der Landwirth rechnet erfahrungsgemäss 5000kg 
reinen Menschendünger, also das ungefähre Product von 12 Personen pro Jahr (365.12.1 %) 
auf den Hectar, um ausserordentliche Ernten zu erzielen, der Rieselfeldingenieur hingegen 
400 Personen pro Hectar, also ergiebt sich auch hierbei eine ca. 33fache Vergeudung des 
so werthvollen Menschendüngers. * 


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70 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhptig. zu Breslau. 

„ Durch die Berieselung ist die Desinfection der Canalwässer eine bei¬ 
nahe vollständige, denn die Abflussstoffe haben keine Zeit, sich vor ihrer 
Landung auf dem Rieselfelde zu zersetzen, und Analysen des Canalwassers 
haben ergeben, dass nur Spuren von Ammoniak vorhanden und die Stick¬ 
stoff haltigen Substanzen als noch unzersetzte Organismen und hauptsächlich 
als salpetersaure Verbindungen im Canalwasser vertreten sind. 

„Das Rieselfeld soll die Gesundheit der Bewohner canalisirter Städte 
fördern helfen, indem es die ihm gelieferten Canalisationsabflasse immerfort 
absorbirt und zugleich desinficirt, — und es soll auch den Canalinhalt ver- 
werthen, ihn in Waare und Geld verwandeln, damit er die Anlage unter¬ 
halte, verzinse und amortisire. 

„Wenn dies auch nicht so rasch geht, wie man wünscht, so nähert 
man sich diesem Ziele doch von Jahr zu Jahr immer mehr. 

„Die Kosten der Canalisation Breslaus incl. der Aptirung der Riesel¬ 
felder bis zur vollständigen Fertigstellung dieser Anlagen werden die Höhe 
von 6 000 000 Mk. kaum erreichen, das ergiebt pro Einwohner 20 Mk., also 
für 100 Einwohner 2000 Mk., davon 6 Proc. für Verzinsung und Amorti¬ 
sation giebt pro Jahr 120 Mk., dazu die Unterhaltungskosten mit 30 Mk. 
pro 100 Einwohner, erfordert pro 100 Köpfe jährlich für Verzinsung, 
Amortisationen und Betrieb der ganzen Anlage 150 Mk., also für 400 Ein¬ 
wohner, die hier etwa pro Ilectar zu rechnen sind, 600 Mk., wovon schon 
jetzt mindestens 100 Mk. durch die Verpachtung der Rieselfelder gedeckt 
werden, so dass pro Einwohner und Jahr höchstens l 1 ^ Mk. verbleiben für 
alle übrigen Vortheile, die ihm die Schwemmcanalisation bietet. 

„Zur Zeit sind 5811 Grundstücke in Breslau an die Canalisation an¬ 
geschlossen, es entfällt also für die regelrechte Entwässerung eines Grund¬ 
stückes jährlich die Summe von circa 65 Mk.; eine Summe, die- sich von 
Jahr zu Jahr verringern wird, und schon jetzt kaum so hoch ist, wie die 
Kosten der jährlichen regelrechten Abfuhr sämmtlicher Schmutzwässer aus 
dem Grundstücke. 

„Wenn Herr Löper in seinem in Magdeburg im Januar d. J. gehaltenen 
Vortrage über Städtereinigung ein verdammendes Urtheil über die Canal¬ 
wasserberieselungssysteme fällt, für Berlin eine Versumpfung des ganzen 
Terrains und Veijauchung des Grundwassers in sichere Aussicht stellt, und 
es betreffs der Rentabilität erklärlich findet, dass bei solchen Anlagen der 
Pariser Rieselpächter William Hope wie der Danziger Aird in Concnrs 
geriethen, so irrt er sich darin, denn William Hope hat mit der Riesel¬ 
anlage in Paris nie in irgend welcher Verbindung gestanden, und Alexander 
Aird, der nachweislich nicht durch die Rieselfelderpachtung in Danzig und 
Breslau, sondern durch die in Quedlinburg und München von der Firma 
Aird u. Marc übernommenen Verpflichtungen in Concnrs gerathen ist, hat 
die Danziger Rieselfelder auch nach dem Concurse wieder auf eine längere 
Anzahl von Jahren übernommen, und der Magistrat von Danzig ist mit dem 
bestehenden Arrangement durchaus zufrieden l ). 


l ) Die betreffende Mittheilung des Herrn Löper (loco citato) lautete: „Besonders 
der letztere Theil der Klage erscheint auch durchaus nicht ungerechtfertigt; wenn man 
bedenkt, dass Berlin nach Vollendung seiner Ricselfeldanlage ungefähr 3000 ha Rieselland 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 71 

„Lengercke sagt am Schlüsse seines Berichtes über die Danziger 
Rieselfelder: 

Ihr Städte bedenkt, dass Ihr die Canalisation doch haben müsst 
für Eure Regen-, Wasch- und Fabrikwässer, — und säumt nicht, 
Euch mit den nöthigen Flächen zu versehen, oder, wonn Ihr diese 
habt, sie zu nutzen: statt dass Ihr unausbleiblich jedem Poudrette- 
fabrikanten oder Abfahrer erheblich zuzahlen, müsst, werdet Ihr 
sicher bei rationeller Anlage die Zinsen und das Capital bald ver¬ 
dienen resp. wieder verdienen, welches Ihr für gute entsprechende 
Rieselfelder auslegtet, und Eure Zwecke wie auf keinem anderen 
Wege erreichen: Gesundheit der Stadt durch die bequeme und 
sichere Ableitung und Desinfection der Sch mutz wässer, — Hebung 
der Industrie und Eures Vermögens! 

„Wenn Sie, meine Herren, die Sie sich die herrliche Aufgabe gestellt 
haben, die öffentliche Gesundheitspflege zu fördern, dem alten Praktiker 
von Lengercke hierbei nur einigermaassen zustimmen, so werden Sie 
auch nicht zögern, unsere vierte These anzunehmen. 

„Die fünfte und letzte These endlich lautet: 

Wo die Berieselung nicht zweckmässig auszuführen geht, muss 
die möglichste Reinigung der städtischen Abwässer durch An¬ 
wendung des combinirten Verfahrens „der chemischen 
Fällung, der Abklärung und Filtration“ erstrebt werden, 
unter thunlichster Gewinnung der für die Landwirtschaft dung- 
werthigen Stoffe. 

„Meine Herren! Wenn nach These I. und II. die Schmutzwässer und 
namentlich der Closetinhalt so rasch als möglich aus dem Bereiche mensch¬ 
licher Wohnungen entfernt werden muss; — wenn nach These III. die 
städtischen Abwässer erst nach erfolgter Reinigung den öffentlichen Fluss¬ 
läufen zugeführt werden dürfen, — und wenn man endlich keine Gelegen¬ 
heit hat, den Canalinhalt nach These IV. zur Berieselung von Feld- und 
Wiesenflächen zu verwenden, — dann entsteht die wichtige Frage, wie 
man jene Schmutzmassen unschädlich machen, wohin man dieselben bringen 
soll, ohne die Gesundheit der Bewohner von Stadt und Umgegend zu ge¬ 
fährden. 


haben wird, so kommen pro Tag und Hectar bei einer Einwohnerzahl von 1 250 000 Seelen 
und nur pro Kopf und Tag 40 Liter Wasser gerechnet, 16% cbm Jauche. Wenn nun 
auch in den ersten Jahren die Ländereien diese Spülwasser leicht aufsaugen, so wird früher 
oder später eine Versumpfung des ganzen Terrains eintreten und die Verjauchung des 
Grundwassers zur Folge haben. — Es ist ja richtig, dass in den ersten Jahren die land¬ 
wirtschaftlichen Erzeugnisse der Rieselfelder ausserordentlich reichliche waren, alle 
14 Tage bis drei Wochen konnte Gras von 45cm Höhe geschnitten werden, aber schon 
heute will das Vieh weder Gras noch Heu von den Rieselfeldern fressen, ebenso wie die 
angebauten Gemüse wegen mangelnder Güte nicht mehr den gewünschten Abgang finden. 
Alles wuchert üppig in die Höhe, aber es fehlt den Producten der eigentliche Gehalt, die 
Vegetabilien sind mit einem Worte schon heute verwässert. Hierunter leidet natürlich 
auch die Rentabilität dieser so theuren Anlagen und es ist hierdurch wohl erklärlich, dass 
der Pariser Rieselpächter (William Hope) wie der Danziger (Aird) in Concurs gerathen 
mussten. “ 


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72 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Eine Frage, an deren Lösung sich schon Viele den Kopf zerbrochen 
haben, ohne bisher das Richtige zu treffen, — und doch müssen die Schmutz- 
mas8en fortgeschafft werden, doch dürfen dieselben nicht in dem Zustande 
ihrer Entstehung gelassen werden, weil dieser sich von Stande zu Stunde 
durch Gährung und Fäulniss zu seinem Nachtheile verändert, und auch der 
Strom darf nicht verunreinigt werden. 

„Und es giebt in der That Städte, in deren Nähe die Anlage von 
Rieselfeldern absolut unmöglich ist; Städte, die in einem Thalkessel liegen, 
die ringsum von Bergen umgeben sind, auf deren Gipfel oft ein zur Anlage 
von Rieselfeldern ausreichendes Hochplateau mit durchlässigem Boden fehlt, — 
und wenn ein solches vorhanden ist, so würde die Aptirung desselben zu 
Rieselfeldern und namentlich der Transport des Canalwassers auf diese hoch¬ 
gelegenen Felder erhebliche Schwierigkeiten und Kosten verursachen. 

„Ich führe hier nur Prag als ein solches Beispiel an: dort müsste das 
Canalwasser über 100 m gehoben und meilenweit fortgedrückt werden, bevor 
man es zur Desinfection und Verwerthung seiner Dungstoffe auf Rieselfelder 
bringen könnte. 

„Das Liernur’sche System, welches, wie Liernur selbst in der 
Patentbeschreibung sagt, sich auf die Combination aller Mittel zum Sam¬ 
meln, Entfernen und Verwerthen der Fäcalien bezieht, und welches 
sich mit den menschlichen Dejecten von dem Augenblicke ihres Entstehens 
an bis zu dem Momente befasst, wo dieselben dem Boden einverleibt 
werden — nämlich durch Einackern —, könnte uns hier vielleicht aus 
der Verlegenheit helfen;— aber auch dieses Verfahren hat sich nicht bewährt, 
was schon der Umstand beweist, dass die erste grössere Anlage in Amster¬ 
dam auf halbem Wege stehen blieb und sich mit der Bereitung von Com- 
post begnügt, angeblich weil Compost bei Amsterdam leichter verkäuflich 
ist; —es kann sich nicht bewähren, weil die Liernuraschen Berechnungen 
der Entwässerung unter Beihülfe von Injectoren mathematisch unrichtig 
sind. Liernur addirt nämlich die Druckhöhen der Injectoren und meint, 
dass das Zusammenwirken vieler Apparate dieser Gattung wahrhaft wunder¬ 
bare Resultate hervorbringen müsse, — und befindet sich hierbei in einem 
radicalen Irrthume, wie Hajnis in seiner ,Studie über das Liernur- 
System* (Prag 1886) zur Evidenz klar nachgewiesen hat. 

„Ausserdem hat das Liernur’sche Verfahren den grossen Nachtheil, 
dass bei ihm der Wasserverbrauch in den Closets beschränkt werden 
muss, während gerade in dem unbeschränkten Wasserverbrauche ein 
Hauptvorth eil der Wasserclosets liegt. 

„Auch eine geregelte Abfuhr, wie sie der Baudirector Linner in 
Graz in ganz vorzüglicher Weise durchgeführt hat, vermag die Berieselung 
nicht zu ersetzen, wenn auch in Ausnahmefällen in kleinen Städten dieses 
Verfahren einer Grubenentleerung mit Menschenkraft oder auf pneumati¬ 
schem Wege, mit oder ohne Anwendung von Dampf, im Einzelnen oder 
durch eine centrale Pumpstation aus fixen unter dem Strassenpflaster anzu¬ 
legenden Reservoiren, in welche eine ganze Gruppe von Häusern den Closet¬ 
inhalt abgiebt, vorzuziehen ist. 

„Vor etwa 12 Jahren hatte ich Gelegenheit, die Anlagen in Graz zu 
besichtigen: der in kleinen, sehr zweckmässig eingerichteten Fässern auf- 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 73 

gefangene und ohne nennenswertbe Belästigung der Bewohner abgefahrene, 
nur wenig mit Wasser vermischte Closetinhalt sollte zur Poudrettefabrikation 
verwendet werden; — die betreffende Fabrik, ein Privatunternehmen, hatte 
jedoch nach kurzem Bestehen das Schicksal vieler ähnlicher Fabriken 
getheilt und ihre Arbeiten eingestellt, und der Inhalt der Closet-,Fassei 4 
wurde nun munter über ein eigens dazu errichtetes Gerüst — ähnlich dem 
Breslauer Auskübelgerüst — in die Muhr geschüttet, gelangte also auf einem 
kostspieligen Umwege dorthin, wohin er rascher, billiger und besser durch 
die Canäle der Stadt Graz ebenfalls gelangt wäre. — Wie es heute in Graz 
ist, weiss ich nicht. 

„So bleiben also wahrscheinlich nur chemische Mittel übrig, den Closet¬ 
inhalt ohne die Anlage von Rieselfeldern unschädlich zu machen, und wenn 
möglich zu verwerthen. 

„Chemiker und Teckniker sind unermüdlich in der Auffindung der¬ 
artiger Mittel, unter denen die intermittirende Filtration zuweilen, wenn 
es an Terrain zu Rieselfeldern fehlte, namentlich in England, mit Vortheil 
angewendet worden ist. 

„Unendlich viel ist in dieser Beziehung bereits geleistet worden, und 
Herr Professor Arnold wird die Güte haben, näher auf die verschiedenen, 
bereits auch im Grossen zur Anwendung gebrachten Verfahren einzugehen. 
Wenn bei allen diesen Verfahren bis jetzt vielleicht ein vollständiger Ersatz 
für die Rieselfelder noch nicht gefunden worden ist, so zweifle ich doch 
nicht daran, dass in unserem an grossartigen Erfindungen so reichen Jahr¬ 
hundert und bei den enormen Fortschritten, die gerade die Chemie in der 
Neuzeit gemacht hat, auch die Lösung dieses Problems möglich werden 
wird, — dass es gelingen wird, ein Verfahren ausfindig zu machen, das 
den wirthschaftlichen und sanitären Interessen in gleicher und vielleicht 
noch vollkommenerer Weise Rechnung zu tragen im Stande ist, wie die 
Canalisation mit Rieselfeldern. 

„Darum bitte ich Sie, meine Herren, auch unserer fünften These zuzu- 
stimmen, denn nur durch die Unterstützung des Bestrebens, das bisher 
Erprobte zu vervollkommnen und zu verbessern, kann die Lösung dieser 
grossartigen hygienischen Frage gefördert werden.“ 


Correferent Professor Arnold (Braunschweig): 

Geehrte Versammlung! 

„Wenn wir uns heute den Stand der Städtereinigung vor Augen führen, 
so fallen uns zunächst zwei entgegengesetzte Wege auf, deren einer ledig¬ 
lich die Reinhaltung der Städte verfolgt, während der andere hauptsächlich 
die Verwertbung der Fäcalstoffe zum Ziele hat. — Auf der einen Seite ist 
nämlich das Bestreben vorhanden, durch Sohwemmcanäle hinweg Alles in 
den Flus8 zu leiten; man vergisst aber dabei im eigensten Interesse das 
«Wasser 4 als Lebenseleroent alles organischen Seins, und als unentbehrliches 
Bedürfniss für unseren Haushalt, möglichst rein zu erhalten. Das ist also 
ein Extrem, das ausserdem noch die Masse der Dungstoffe, die in den 
Städten producirt wird, vollständig nutzlos dem Flusse übergiebt. Dass 


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74 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

dadurch die Flüsse, vorwiegend durch die grossen Städte, in bedenklicher 
Weise verunreinigt werden, und dass dem Einhalt geboten werden muss, 
ist ja schon wiederholt dargelegt worden, so dass die Gründe dafür hier 
nicht noch besonders zu erörtern sind. Auf der anderen Seite will man 
in erster Linie nur die Fäcalien gewinnen, um deren Dungwerth 
für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Diese Richtung, welche ein 
ordentliches Canalisationssystem in vielen Städten noch zurückhält, dient 
jedoch nur teilweise der Landwirtschaft, ohne die Reinlichkeit in den 
Städten wesentlich zu fördern und ist vom hygienischen Standpunkte voll¬ 
ständig zu verwerfen. Denn Jedermann weiss, dass die Aufspeicherung 
der Abgänge in Senkgruben insofern eine technische Schwierigkeit bietet, 
als wir nicht in der Lage sind, auf die Dauer die Senkgruben dicht zu 
erhalten, also damit eine Verunreinigung des städtischen Untergrundes zu 
verhindern, während ausserdem noch das sonstige Schmutzwasser zumeist 
oberflächlich, also sanitätswidrig, in und aus der Stadt fliesst und dem 
nächsten Wasserlaufe zugeführt wird. 

„Sowohl der eine wie der andere dieser Wege ist demnach nicht geeignet, 
das Ziel zu erreichen, welches wir dem heutigen hygienischen Standpunkte 
entsprechend erstreben müssen. Es wird also auch hier ein Mittelweg zu 
betreten sein, welcher der Reinlichkeit und zugleich der möglichsten Ver- 
werthung der Dungstoffe Rechnung trägt; ein solcher ist bereits durch 
meinen Mitreferenten Herrn Stadtbaurath Kauraann ,in der Canalisation 
und in der Berieselung* zum Ausdruck gebracht, — wobei aber mit her¬ 
vorgehoben wurde, wie schwierig es ist, die Berieselung allenthalben und 
unter allen Umständen zur Ausführung zu bringen! 

„Wenn wir die SchmutzwasBer einer Stadt specialisiren, so sind zu 
unterscheiden: 1. die Closet- und Pissoirabgänge, 2. die Haus- und Küchen¬ 
abwässer, 3. die Hof- und Strassenabwässer, 4. die Gewerbe- und Industrie¬ 
abwässer, und 5. das Regenwasser. — Vom hygienischen Standpunkte muss 
auf eine möglichst rasche Entfernung der gesammten Schmutzwasser und 
aller Abfälle aus dem Bereiche der Wohnungen Bedacht genommen wer¬ 
den; es fragt sich nur: wie und wohin sollen diese fünf verschiedenen 
Gattungen Schmutzwässer mit ihren abschwemm baren Stoffen am zweck- 
mässigsten abgeführt werden? 

„Das ,wie?* ist in Bezug auf die unterirdische Ableitung in 
geschlossenen Rohr- und Canalnetzen heute kein Streitpunkt 
mehr; wir finden es bei der durch meinen Mitreferenten erörterten 
,Schwemmcanali8ation*, welche alle Abwässer zusammen genommen in einem 
und demselben Rohrnetze ableitet, mit aller Entschiedenheit beantwortet. 
Aber auch beim ,Abfuhrsystem ( , das sich lediglich auf den Closetinhalt 
bezieht, wird trotzdem ein grosser Theil der PissoirwäsBer und alles übrige 
Schmutzwasser in einem unterirdischen Canalnetze abzuleiten sein. — 
Selbstverständlich werden die festen nicht abschwemmbaren Abfälle des 
Haushaltes, sowie diejenigen von Strassen und Höfen, selbst bei der ge¬ 
regeltest durchgeführten Canalisation nebenbei stets durch eine besondere 
Art ,Abfuhr 4 entfernt werden müssen; diese Abfuhr gehört jedoch nicht 
zu den brennenden Fragen der Hygiene und kann hier füglich ausser Be¬ 
tracht bleiben. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 75 

„Es drängt sich uns vielmehr die Ueberlegnng auf, ob bei Verwer¬ 
fung des eigentlichen Abfuhrsystems der Landwirtschaft die Closet¬ 
abgänge direct entzogen, und die Schmutzwasser durch den Inhalt der¬ 
selben und vornehmlich durch deren organische Substanzen noch mehr 
verunreinigt werden dürfen? — Wenn man an die Reinigung der Schmutz¬ 
wässer überhaupt und an deren wirtschaftliche Verwerthung durch Be¬ 
rieselung oder durch Wiedergewinnung eines Theils der dungwerthigen 
Stoffe denkt, wird man unbedingt für die Einleitung der Closetabgänge in 
die Canäle stimmen können. Die gesammte Stickstoffmenge eines städti¬ 
schen Schmutzwassers mit eingeleiteten Closetabgängen beträgt ungefähr 
um 20 Proc. mehr, als ohne die Closetabgänge. Die Fäcalien machen nur 
5 Proc. aller städtischen Abfallstoffe aus und belaufen sich durchschnittlich 
pro Kopf und Tag auf etwa 1*3 Liter, wovon rund 0*1 Liter auf feste Theile 
und 1*2 Liter auf flüssige Theile entfallen. Wenn wir dagegen die Haus¬ 
und KüchenabwäsBer in Vergleich ziehen, so hat man pro Kopf und 
Tag rund 50 Liter anzunehmen, so dass sich zwischen beiden ein Ver¬ 
hältnis von 1:40 ergiebt. Werden dazu auch noch die Hof- und 
Strasse nab wasser ins Auge gefasst, so steigert sich die Sch mutz wasser¬ 
menge pro Kopf und Tag auf etwa 75 Liter und das gegenseitige Verhält¬ 
nis auf 1:60. Es hat sich überall erwiesen, dass in den mit Wasser ver¬ 
sorgten Städten keine so grosse WasserverschWendung auf die Dauer statt¬ 
findet, wie man ursprünglich annahm; die Schwierigkeit der Wassergewin¬ 
nung wird auch die Städte mit noch grösserem Verbrauche, bis 100 und 1501, 
dahin führen, dass die Vergeudung durch Einführung von Wassermessern 
oder durch andere Controlraaassregeln gemässigt werden miiss. — Nach die¬ 
sem VerdünnungsVerhältnisse und in Berücksichtigung der Art und Be¬ 
schaffenheit der Verunreinigungen in den Haus- und Küchenabwässern wird 
man die gemeinschaftliche Abführung, also die Einleitung der Closet¬ 
abgänge in die Canäle, wie auch mein Mitreferent aus einander ge¬ 
setzt hat a , unbedingt als das technisch Vorteilhafteste und zugleich auch 
als das hygienisch Richtigste anerkennen müssen. Zudem wird, wie be¬ 
reits hervorgehoben, eine Erhöhung des Werthes des Schlammes, wenn wir 
denselben gewinnen und an sich verwenden, oder aber eine Erhöhung des 
Düngwerthes der Rieseljauche damit erzielt. 

„Die Industrie ab wässer sollten principiell in das städtische Canal¬ 
netz nicht eingeleitet werden dürfen. Besondere Umstäude können die 
Einleitung wohl erheischen und zweckdienlich erscheinen lassen; im All¬ 
gemeinen muss man aber auf dem Standpunkte stehen, dass die Industrie¬ 
abwässer für sich gereinigt werden müssen, weil sie den Dungwerth des 
Schmutzwassers beeinträchtigen und vollständig vernichten können. Ob 
endlich das Regenwasser gemeinschaftlich mit den vorgenannten 
Schmutz wässern in denselben Leitungen abgeführt werden soll oder nicht, 
ob also eine ,summarische oder eine getrennte Canalisation* in 
jedem besonderen Falle das Richtige ist? — diese Frage wollen wir hier 
nicht entscheiden; ßie lässt sich allgemein auch nicht ohne Weiteres 
entscheiden, weil — wie mein Mitreferent besonders betonte — dabei 
noch andere Factoren und namentlich der Kostenpunkt wesentlich mit¬ 
sprechen. 


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76 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„In jedem Falle stehen wir aber immer vor der gewichtigen Frage: 
„wohin?“ — vor dem Verbleib mit den Schmutzwässern — und wenn 
damit nicht berieselt werden kann, so muss un ab weislich auf irgend eine 
andere Weise Rath geschafft werden, um die Flüsse und kleine» 
ren Wasserläufe vor nachtheiligen Verunreinigungen zu 
schützen. — Die ,Berieselung 1 von Feld- und Wiesenflächen ergiebt 
eine natürliche Reinigung der Sch mutz wässer, welche seit Alters her 
geübt, bis heute noch die besten Resultate aufweist und gleichzeitig — 
technisch richtig ausgeführt und behandelt — ein wirtschaftliches Er- 
trägniss liefert. Wenn wir daher zu einem künstlichen Reinigungsver¬ 
fahren unsere Zuflucht nehmen, so fragt es sich: wie muss ein solches 
künstliches Reinigungsverfahren beschaffen sein, damit es wenigstens an¬ 
nähernd diejenige Reinigung erzielt, welche bei der Berieselung tatsäch¬ 
lich erreicht wird? 

„Hier haben wir zwei Analysen über das Ergebniss der Berieselung 
in Berlin und Breslau zusammengestellt, welche von den Herren Sal- 
kowsky beziehungsweise Klopsch ausgeführt sind. Dieselben finden 
sich auch in der vortrefflichen Schrift ,Ueber die Principien und die Gren¬ 
zen der Reinigung von fauligen und fäulnissfähigen Schmutzwassern von 
Professor Dr. J. König in Münster, — Berlin, Julius Springer 1885* — 
abgedruckt. Die Tabellen besagen im Allgemeinen, dass bei der Be¬ 
rieselung durchschnittlich 2 /s des gesammten Stickstoffs entfernt werden, 
das Chlor um etwa Vs reducirt erscheint, die Phosphorsäure dem Drain¬ 
wasser vollends entzogen ist, und auch ungefähr s / 4 des Kalis von den 
Rieselfeldern aufgenommen sind. Diese VergleichBzahlen dürften genügen, 
da es hauptsächlich auf die organischen Stoffe und im Besonderen auf die 
dungwerthigen Stoffe, Phosphor, Stickstoff und Kali, ankommt. 

„Wenn man nun den Vorgang bei der Berieselung näher studirt, so 
findet man, dass erstlich ein Absetzen der suspendirten Stoffe des Schmutz¬ 
wassers, dann aber eine Filtration durch den Boden stattfindet; aasserdem 
hat man das Absorptionsvermögen des Bodens und besonders für die ge¬ 
lösten organischen Substanzen deren Umwandlung oder Oxydation zu be¬ 
achten, welche nach neuerer Anschauung nicht lediglich durch den Sauer¬ 
stoff geschehen, sondern unter Mitwirkung der Mikroorganismen im Boden 
vor sich gehen soll, wie auch die gelösten mineralischen Stoffe oder die 
mineralisirten Verbindungen hauptsächlich durch den Einfluss der Pflanzen¬ 
vegetation, also durch Wurzelaufsaugung, umgebildet werden. Wäre sol¬ 
ches nicht der Fall, so würde alsbald eine Uebersättigung des Bodens und 
wahrscheinlich der Zustand eintreten, der ja von mancher Seite noch den 
Rieselfeldern vorausgesagt wird, wonach der Boden mit der Zeit voll¬ 
ständig verschlammen und unfähig werden soll, später das Wasser in sich 
zu reinigen. Diese letztere Thatsache hat genügt, um die sogenannte 
,intermittirende Bodenfiltration* als unzweckmässig erscheinen zu lassen, 
wenn dieselbe auch in neuester Zeit nach dem ,Report of a Commission 
appointed to consider a general System of drainage for the valleys Mystic, 
Blackstone, and Charles rivers, Massachusetts, U. S. A. — Boston, Wright 
and Potter, 1886* veröffentlicht vom Ingenieur Eliot C. Clarke als 
praktisch, öconomisch und wirksam dargestellt wird. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 77 

„Wenn ein künstliches Reinigungsverfahren an Stelle des natürlichen 
durch die Berieselung treten soll, müssen die,Kriterien der Berieselung* den 
Prüfstein bilden, also: eine mechanische Abklärung und Filtration, eine Oxy¬ 
dation der gelösten organischen Substanzen, ein Ersatz für deren Umwandlung 
durch die Mikroorganismen, sowie für den Einfluss der Pflanzenvegetation auf 
die gelösten Mineralstoffe, verlangt werden. Die Wirkung in letzterer Bezie¬ 
hung ist eine so gewaltige, dass es nicht leicht möglich sein wird, eine so voll¬ 
ständige Reinignng, wie dnrch die Berieselung, auf künstlichem Wege zu 
erzielen, wenn wir den Einfluss der Mikroorganismen und der Pflanzen¬ 
vegetation nicht durch chemische Mittel ersetzen können. Ohne chemische 
Behandlung wird demnach die gewünschte Reinigung der Schmutzw&sser, 
allein auf mechanischem Wege durch Abklärung und Filtration, niemals zu 
erreichen sein. — Wir haben desshalb in unserer fünften These gesagt, dass 
die Reinigung durch das combinirte Verfahren ,der chemischen Fällung, 
der Abklärung und Filtration* erstrebt werden muss. 

„Von den verschiedenen chemischen Zuschlägen, die heutzutage in 
Unzahl auftauchon und wieder verschwinden, spielen zur Zeit die Haupt¬ 
rolle: Kalk, Thonerde- und Magnesiasalze, Kieselsäurehydrat u. s. w. Die 
Chemie macht ja mit jedem Tage neue Fortschritte, wodurch auch die 
zum Theil noch schwache Seite der chemischen Behandlung der Schmutz¬ 
wässer verbessert wird. Auch der Torf wird wegen seiner desinficirenden 
Eigenschaften, die uns in Torfclosets, Pissoirs und Stallungen hinlänglich 
bekannt geworden, in neuester Zeit wieder vielfach bei der Sch mutz wasser- 
reinigung mit Erfolg verwandt. 

„Wenn wir die verschiedenen Bestrebungen zur künstlichen Reinigung 
der Sch mutz wässer besprechen, so sollen alle diejenigen, welche sich lediglich 
auf die Industriewässer beziehen, heute hier ausser Betracht bleiben. Die 
Reinigung der Industrieabwässer ist verhältnissmässig insofern leichter, weil 
man deren constante chemische Zusammensetzung im Wesentlichen kennt, also 
eher in der Lage ist, die richtigen Zuschläge und das richtige Verhältnis 
derselben auszuproben, als dies bei den städtischen Canalwässern möglich 
sein wird, welche entsprechend dem stündlichen Wasserverbrauch und un¬ 
serer Lebensweise ihre Quantität und Qualität in den verschiedenen Tages¬ 
stunden ändern. In dieser stündlich verschiedenen Quantität und der fort¬ 
während wechselnden Qualität der städtischen Schmutz wässer liegt nun 
eine grosse Schwierigkeit, die richtigen chemischen Zuschläge und deren 
jeweilige Zusatzmenge zu Anden. Diese Schwierigkeit greift aber auch auf 
das Ananzielle Gebiet über, denn durch eine übermässige Zuführung von 
Chemikalien werden einerseits die Betriebskosten bedeutend erhöht, und 
andererseits die zu erhoffenden Einnahmen für den Dungwerth des Schlam¬ 
mes vermindert. — Es muss daher bei jedem künstlichen Reinigungsverfahren 
darauf Bedacht genommen werden, nach der stündlichen Verschiedenheit der 
Schmutzwässer die chemischen Zuschläge auch nach Quantität und 
Qualität reguliren zu können. 

„Nachdem nunmehr dargelegt ist, welche Anforderungen an ein künst¬ 
liches Reinigungsverfahren gestellt werden müssen, können wir zur Erörte¬ 
rung deijenigen Systeme übergehen, die bis jetzt im Grossen versucht 


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78 XIIL Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

worden sind. Dass die verschiedenen chemischen Zuschläge an sich kein 
Reinigungssystem bilden, und als ein solches nicht betrachtet werden können, 
ist aus dem vorher Gesagten wohl selbstverständlich, denn dieselben sind 
nur ein Theil des Verfahrens, allerdings ein wichtiger, aber in ihnen liegt 
nicht das System der Reinigung. Die vielen Laboratorienversuche mit städ¬ 
tischer Spüljauche, und die Erfolge, die man mit verschiedenen chemischen 
Fällungsmitteln erzielt hat oder erzielt haben will, sind allein nicht aus¬ 
schlaggebend, sie müssen erst ins Grosse übersetzt in den Städten an den 
stündlich veränderlichen Schmutz wässern ausprobirt werden, und in dieser 
Beziehung zu irgend einem praktisch brauchbaren Ergebniss geführt haben. 
Mit den bezüglichen chemischen Fällungsmethoden kann durchschnittlich 
der gelöste organische Kohlenstoff um etwa 40 Proc., und der gelöste orga¬ 
nische Stickstoff um 50 Proc. reducirt, die Phosphorsäure aber ganz aus 
dem Wasser entfernt werden, was desshalb von Wichtigkeit, weil dieselbe ein 
wesentlicher Nährstoff der Mikroorganismen ist, und wir nach den neueren 
Grundsätzen der Hygiene von den gereinigten Abwässern neben der mecha¬ 
nischen Klarheit nicht allein die erreichbare chemische Reinheit, sondern 
auch die möglichste Reinigung von allen Mikroorganismen fordern müssen. 
Die Herren Mediciner wissen ja, welcher Werth in dieser Beziehung heut¬ 
zutage auf die bacterioskopischen Untersuchungen nach derDr. Koch’schen 
Methode gelegt wird. Die suspendirten Stoffe werden mit allen bislang 
erprobten künstlichen Reinigungsverfahren völlig beseitigt. — Wir sind 
wirklich in der Lage, klares, fast geruchloses und auch bacterienfreies Ab¬ 
wasser herzustellen, welches natürlich noch ,gelöste organische 1 Substanzen 
enthält, da die Chemie diesbezüglich durchgreifend wirksame und praktisch 
anwendbare Fällungsmittel ,bis jetzt nicht besitzt*! — Diese gelösten 
organischen Substanzen widerstehen aber durch die Kalk- und Magnesia Zu¬ 
sätze der fauligen Gährung, bis die in erheblichem Grade gerei¬ 
nigten Abwässerin den Fluss gelangen, woselbst in Vermengung und 
starker Verdünnung mit dem Flusswasser die weitere ,Selbstreinigung* 
durch Oxydation des Restes der noch gelösten schädlichen Stoffe bewirkt 
wird, ohne eine belästigende oder gar nachtheilige Verunreinigung des 
Wasserlaufes befürchten zu müssen. 

„Von den Methoden nun, die in Städten erprobt oder zur Ausführung 
gelangt sind, hat man, der technischen Anordnung zu Folge, im 
Wesentlichen zwei Gruppen zu unterscheiden. Die Grundlage der einen 
Gruppe bilden die Klärbecken, wie die ausgestellten Pläne der in Aus¬ 
führung begriffenen Anlage in Frankfurt a. M. (siehe Tafel I und II) — 
und der bereits im Betriebe befindlichen Reinigungsanlage in Wies¬ 
baden (8. Tafel III) — veranschaulichen. Die zweite Gruppe verwirft 
die Klärbassins und führt dafür die aufsteigende Abklärung ver¬ 
bunden mit Filtration ein; als deren Repräsentanten dienen die aus¬ 
gehängten Pläne von der jüngst in Probebetrieb genommenen Anlage in 
Halle a. S. (siehe Tafel IV) — und von der auf Grund eines vorher ge¬ 
lungenen Probebetriebes nunmehr in Ausführung begriffenen Gesammt- 
anlage in Essen a. d. Ruhr (siehe Tafel V bis VII). Das letztere System 
wird zur Zeit auch in Braunschweig versuchsweise ausgeführt. — An 
diese beiden Gruppen reiht sich neuestens noch ein System, das auf der 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 79 

letzten Zeichnung (siehe Tafel VIII) — dargestellt und der ,Berliner Maschi¬ 
nenbau- Actiengesellschaft, vormals L. Schwartzkopff* eigen ist 

„Bei der ersten Gruppe mit Klärbecken werden die durch Chemikalien . 
versetzten Schmutzwasser in verhältnissmässig grosse und flache Bassins 
oben oder seitlich eingeleitet, gestaut und entweder in Buhe oder bei sehr 
langsamer Zu* und Abströmung geklärt, wobei der Schlamm und die flocki¬ 
gen Niederschläge allmälig zu Boden sinken. Bei der zweiten Gruppe hin¬ 
gegen wird das mit Chemikalien behandelte Schmutzwasser in Tiefbrunnen 
oder in aufrecht stehende Cylinder dicht über dem Boden derselben ein¬ 
geleitet und gezwungen, in aufsteigender Bewegung sich abzuklären 
und dabei die gleichzeitig niedersinkenden, schwereren und flockigen 
SchlammBchichten zu durchfliessen; es wird also in diesem Kampfe der 
entgegengesetzten Bewegungen neben der Abklärung auch noch eine Fil¬ 
tration und eine vortheilhaftere Ausnutzung der Chemikalien erzielt — als 
in den Klärbecken. Für beide Gruppen muss sich die jeweilige technische 
Anordnung der Anlage in ihrer Gesammtheit uud im Einzelnen danach richten, 
ob eine summarische oder eine gterennte Canalisation vorliegt. Bei einer 
summarischen Canalisation kommt verhältnissmässig viel Sand und aller 
Strassen- und Hofschmutz, der keinen oder nur geringen Dungwerth hat, in die 
Canäle; man wird daher in solchen Fällen das Wasser zunächst von diesen 
Stoffen möglichst mechanisch zu befreien suchen, bevor der Zusatz der 
Chemikalien erfolgt, was natürlich bei einer getrennten Canalisation, wobei 
nur die Closet- und PisBoirabgänge mit den Haus- und Küchen ab wässern 
zusammen abgeführt werden, in dem Maasse nicht erforderlich sein wird. 
In jedem Falle muss aber zur Vermeidung unliebsamer Störungen im Be¬ 
triebe der Anlage, sowie der Kostenersparniss wegen, Vorsorge dafür ge¬ 
troffen werden, dass vor dem Zusatz der Chemikalien, also vor Beginn des 
eigentlichen Reinigungsprocesses, die schwimmenden Theilchen — nament¬ 
lich das Papier — aus dem Sch mutz wasser entfernt werden. 

„Nach diesen allgemeinen Erörterungen sind wir nun in den Stand 
gesetzt, die Wirkungsweise der einzelnen Anlagen an der Hand der Zeich¬ 
nungen uns klar zu machen, und den Grad der erreichten Vollkommenheit 
in der künstlichen Reinigung der städtischen Sch mutz wässer zu erkennen. 

„Die Klärbeckenanlage in Frankfurt a. M. ist auf Tafel I und II 
dargestellt. — Das Schmutzwasser gelangt aus dem städtischen Hanptent- 
wäs8erungscanal zunächst in die sogenannte Zuleitungsgallerie. Diese ist 
gleich beim Eintritt dermaassen erweitert, dass das Wasser, welches mit 
durchschnittlich 50 cm Geschwindigkeit aus dem Canale einströmt, momentan 
eine Geschwindigkeitsänderung auf ungefähr 5 cm erleidet, wodurch alle 
schweren Stoffe, wie Sand u. dergl., niederfallen; es besteht also hier ein 
Sandfang, natürlich mit den nöthigen Vorkehrungen ausgerüstet, um die Sink¬ 
stoffe ohne Betriebsstörung ausbaggern und herausheben zu können. Am Ende 
des Sandfanges verwehrt eine die Gallerie quer absperrende Eintauchplatte 
auf etwa 0*4 m Tiefe den Oberflächenabfluss des von den schwersten Stoffen 
befreiten Abwassers, damit hier die schwimmenden Theile sofort aufgefan¬ 
gen und entfernt werden, und nicht in die nun folgende Siebkammer mit 
hinein (Hessen. Diese Kammer ist viertheilig und durch schräggestellte 


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80 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

Siebe abgeschlossen, durch welche die Schmutzw&sser durchgeseiht, und 
die schwebenden Stoffe zurückgehalten werden. Damit sich die Siebe nicht 
verstopfen und nach Bedarf gereinigt werden können, ist jede Abtheilung 
für sich absperrbar eingerichtet, so dass jedes Sieb einzeln gehoben und für 
kurze Zeit ausgeschaltet werden kann, während die anderen in Function 
bleiben. Die derartig gereinigten Schmutzwässer treten nun in dieChemi- 
kalien-Miscbkammer, in der sie mit den zugeführten Chemikalien, als welche 
z. Z. Kalk und schwefelsaure Thonerde vorgesehen sind, durch Mischvor¬ 
richtungen und Rührwerke innig vermengt werden. Dann fliessen die mit 
chemischen Zuschlägen versehenen Wässer in den Zuleitungscanal, durch 
dessen Querschnittsvergrösserung sie abermals eine Geschwindigkeitsvermin¬ 
derung auf etwa 3cm erfahren, also den durch die chemische Fällung er¬ 
zeugten gröberen Schlamm daselbst zum Theil absetzen, der hier mittelst 
Baggerung zeitweilig entfernt wird. Aus diesem Canal tritt das roh ge¬ 
klärte Wasser durch 2*0 m breite und 0*2 m hohe verstellbare Schützen¬ 
öffnungen, 5 cm unter Wasserspiegel, in die eigentlichen Klärbecken von 
je 6 m Breite und 82 m Länge über. Dieselben haben eine gleichmässig 
geneigte Sohle, derart, dass die Wassertiefe am Einlaufe 2 m und am Aus¬ 
laufe 3 m beträgt, und demnach die Durchströmungsgeschwindigkeit sich 
von etwa 5 mm am oberen Ende allmälig bis auf etwa 3 mm am unteren 
Ende des Beckens verlangsamt, und so bemessen ist, dass auch die feineren 
Stoffe sich wirklich niederschlagen und absetzen können. Durch diese 
Querschnittsänderung der Becken und die dadurch bedingte fortwährend 
abnehmende Geschwindigkeit gegen den unteren Ueberlauf zu, wird eine 
ArtSortirung der abgesetzten Schlammstoffe ihrer Schwere nach stattfinden. 
Das am unteren Beckenende nun völlig geklärte Wasser fällt alsdann im 
regelmässigen Betriebe mit nur 3 cm Strahldicke über den festen Rücken 
der Au8flusBwehre in die Ableitungsgallerie und wird aus dieser durch den 
Ablaufcanal dem Main zugeführt, woselbst die Ausmündung in der Strom¬ 
rinne unter dem niedrigsten Wasserstande erfolgt. 

„Jedes Becken ist für die Reinigung von täglich 4500 cbm Schmutz¬ 
wasser bei durchschnittlich sechsstündigem Aufenthalt desselben in der 
Anlage berechnet, so dass die jetzige Grösse mit vier Becken für täglich 
18000 cbm genügt. Die ganze Reinigungsanlage ist als Tiefbau ausge- 
führt und überwölbt, mithin den Einflüssen von Wind und Wetter und 
der Betriebsstörung durch den Frost entzogen. Zur Beseitigung des Schlam¬ 
mes, als Lichtluken und auch zur Ventilation sind in den Gewölben 
Schächte angeordnet, welche bis zur Krone der Ueberschüttung ragen und 
daselbst abgedeckt sind. 

„Es fragt sich nun, wie der Schlamm aus den Becken beseitigt wird? 
Derselbe kann von der grossen Fläche auf keine andere Weise entfernt 
werden, als dass das Becken vom Betriebe ausgeschaltet und das Wasser 
mittelst Schieber schichtenweise abgelassen, beziehungsweise völlig ab- 
gepuropt wird, zu welchem Zwecke unter der Ableitungsgallerie noch ein 
gemauerter Entleerungscanal angelegt ist. Wenn also das Wasser ab- 
gelassen und der dünnflüssige Schlamm am AusfluBsende des Beckens weg- 
gepuropt ist, muss der dickere und feste Schlamm zusammengescharrt, in 
Kübel gefüllt und durch die einzelnen Schachtöffnungen herausgehoben 


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Ueber Reinigungsmetlioden der städtischen Abwässer. 81 

werden, wozu ein Dampfkrahn vorgesehen. Die Kübel werden auf die 
drainirten Schlamm - und Sand-Lagerplätze befördert und daselbst entleert, 
wo alsdann durch Versickerung und Verdunstung des reichlichen Wasser¬ 
gehaltes die erforderliche Stichbarkeit des Schlammes erzielt werden soll. 
Ob dessen Beschaffenheit und die hier leicht mögliche Wasserfracht die 
Verwerthung als Dünger begünstigt, bleibt abzuwarten! 

„Die Klärbeckenanlagen erfordern jedenfalls ein bedeutendes Anlage- 
capital und sind auch im Betriebe nicht billig, indem die Schlammbeseitigung 
unter allen Umständen eine missliche, beschwerliche und auch für die Arbeiter 
keine recht angenehme ist, vielleicht sogar gesundheitsschädlich sein kann. 
Selbstverständlich muss eine solche Anlage auch mit den nöthigen maschi¬ 
nellen Einrichtungen ausgerüstet sein, als da sind: Kraftmaschinen,Wasser- 
und Schlammpumpen, Krähne und Becherwerke, sowie Rührapparate und 
Mahlgänge für die Zubereitung der Chemikalien. Hier mussten auch noch 
besondere Hochwasserpumpen für den Abzug des gereinigten Abwassers bei 
eintretendem Hochwasser des Mains vorgesehen werden, weil dann der Ab¬ 
laufcanal gegen die Abi eitun gsgallerie abgesperrt werden muss, um einen 
unliebsamen Aufstau in den Becken und im städtischen Canalnetze zu ver¬ 
hüten. Das sind jedoch technische Schwierigkeiten, die nach den gegebenen 
Localverbältnissen jeweils gelöst werden müssen. 

„Die Frankfurter Anlage ist bislang noch nicht ganz fertig gestellt. 
Nach der Veröffentlichung des Herrn Stadtbaurath es W. H. Lindley in der 
Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, Bd. XVI, 
Heft 4‘ ist die Betriebseröffnung wohl für dieses Jahr in Aussicht genommen 
gewesen, soweit mir aber mitgetheilt wurde, steht dieselbe erst zum Früh¬ 
jahr 1887 zu erwarten. 

„Dagegen ist die Kläranlage in Wiesbaden — s. Taf. III — seit Mai 
dieses Jahres im Betriebe, wenn auch noch nicht unter den geplanten nor¬ 
malen Verhältnissen. Dieselbe hatte ursprünglich die Frankfurter Anlage 
zum Vorbilde; nachdem aber der günstige Erfolg der aufsteigenden Abklärung, 
verbunden mit Filtration, sich mehr und mehr geltend machte, Hess man 
hier eine Combination der beiden Methoden eintreten, so dass nun die 
Wiesbadener Anlage gewissermaassen in der Mitte zwischen der Frankfurter 
und der Essener, beziehungsweise deijenigen in Halle steht; denn das mit 
Chemikalien vermischte Schmutzwasser tritt hier nicht direct in die Klär¬ 
becken, sondern es wird zuvor durch Vorkammern oder ,Schlammfönge‘ 
geleitet und da gezwungen, in ab- und aufsteigenden Bewegungen unter 
Ausscheidung der schwereren Sinkstoffe sich schon wesentlich abzuklären. 

„Das zugeleitete Wasser muss bei seinem Eintritt in den Zulaufcanal zu¬ 
erst wieder Eintauchplatten und Siebe passiren, welche die schwimmenden 
Gegenstände auffangen und die schwebenden Stoffe zurückhalten, und von 
diesen durch Herausheben und Umkippen leicht gereinigt werden können. 
Dann fliesst dasselbe über einen Sandfang, wo die gröbsten Stoffe nieder¬ 
sinken, und gelangt durch Vertheilungsschützen regulirt, in Zweigcanäle, 
welche nach je einem Mischraum führen, in dem die Chemikalien zugesetzt 
und durch ein, Luftgebläse 1 mit dem Schmutzwasser tüchtig vermengt werden. 
Vorläufig wird nur Kalkmilch allein verwendet, weil es sich z. Z. lediglich 

V ierteljahrsschrift für Gesundheitspflege 1887. (J 


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82 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

nur um eine Klärung bandelt, und von einer weiteren chemischen Reinigung 
zunächst Abstand genommen wurde, bis über die Verwerthung der Schlamm¬ 
rückstände eine sicherere Beurtheilung möglich. Man hat hier aber die 
Idee zum Ausdruck gebracht, atmosphärische Luft zuzublasen, wodurch 
beim Aufbrausen eine bessere Oxydation der gelösten organischen Sub¬ 
stanzen stattfindet. Dieses derartig mit Chemikalien durchmischte und mit 
Luft gesättigte Wasser tritt nun in die brunnenartigen Vorkammern, in 
welchen das Wasser durch eine Scheidewand gezwungen wird, in der ersten 
Abtheilung nach unten zu fallen, durch enge Oeffnungen in die zweite Ab¬ 
theilung überzufliessen und in dieser auf etwa 4 m * wieder emporzusteigen, 
um dasselbe Spiel nochmals zu wiederholen. Beim Durchströmen der engen 
Oeffnungen in der Scheidewand wird zunächst eine weitere Vermischung 
zwischen Schmutzwasser und Chemikalien erzielt und ein rascheres Fällen 
der Sinkstoffe begünstigt, während das Wasser, sich abklärend, nach oben 
steigt, — also durch den niedersinkenden Schlamm hindurch filtrirt. Das 
dermaassen abgeklärte Wasser fliesst über die obere Brunnenkante durch 
verstellbare, unter Wasser liegende, flache Schützenöffnungen den Klär¬ 
becken zu. Die Sohle dieser 10 m breiten, 30 m langen und 2*5 m tiefen 
Bassins ist nach dem Auslaufe um 0*5 m ansteigend, während die Durch¬ 
flussgeschwindigkeit des Wassers nur etwa 2 mm bis 4 mm beträgt, so dass 
die Abscheidung und Ablagerung der feinen Schlammstoffe in fast voll¬ 
ständiger Weise vor sich geht. Aus den Becken tritt dann das gereinigte 
Wasser über Ueberfalle in den Ableitungscanal und fliesst weiter dem 
dortigen Mühlbach zu. 

„Die Entfernung des Schlammes ist hier eine verschiedene, je nach¬ 
dem dieselbe aus den Klärbecken oder aus den Vorkammern erfolgen 
soll. Letztere haben in den Schlammfangabtheilungen einen nach der 
Mitte zu geneigten Boden, sowohl in der Länge als in der Quere, so 
dass man daselbst im Stande ist, eine Schlammpumpe oder ein Baggerwerk 
einzusetzen und den Schlamm ohne Unterbrechung des Betriebes, also ohne 
Ablassung des Wassers, herauszuschaffen. Der Schlamm, welcher sich in 
den Klärbecken niederschlägt, muss aber auf dieselbe Weise entfernt werden, 
wie in Frankfurt, wesshalb in der Ueberfallmaucr zwischen den Vorkammern 
und den Bassins, zum allmäligen Ablassen des Wassers durch einen Damm¬ 
balkenauslass, ein tiefliegender Canal mit Schiebern angelegt ist. Nach den 
mir gewordenen Mittheilungen bleibt der Schlamm vorläufig so lange in 
den Bassins liegen, bis das häufigere Aufsteigen von Blasen in dem Wasser 
den Beginnreiner Gährung desselben anzeigt. — Durch das Aufquellen der 
Gährungsgase wird das in den Becken befindliche gereinigte Wasser zum 
Theil aber wieder verunreinigt, und das ist ein hygienischer Grund, der 
mit gegen die Klärbecken spricht! 

„Der gewonnene Schlamm wird in besondere Schlammbassins befördert 
und da äurch Filtereinrichtungen von der Hauptmasse des Wassers befreit. 
Ueber dessen Verwendung ist noch keine Entscheidung getroffen, welche z. Z. 
des dortigen zu geringen Dungwerthes wegen auch sehr schwer zu treffen 
sein dürfte. Doch darüber, wie über den hygienischen Erfolg der Reini¬ 
gung, welche ein klares, gelblich gefärbtes Abwasser liefert, kann erst nach 
den betreffenden chemischen und bacteriologischen Untersuchungen geur- 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 83 

tbeilt werden. — Leider können, der noch abnormalen Betriebsverhältnisse 
wegen, z. Z. auch keine maassgeblichen Kostenangaben gemacht werden. 

„Die ganze Kläranlage besteht ans drei offenen Becken mit je zwei 
Schlammfangen und ist für die Reinigung von täglich 6500 cbm bestimmt, 
wobei der Aufenthalt des Abwassers in der Anlage etwa 5 Stunden be¬ 
tragen soll. Für die Unterkunft der maschinellen Einrichtungen zum Be¬ 
triebe der Pumpen und Bagger, der Kalkmilch-Rührwerke und Luftgebläse 
wurde eine ehemalige Mühle ausgebaut. 

„Die Reinigungsanlage in Halle a. d. S., welche auf Tafel IV darge¬ 
stellt ist, gehört schon ganz der erläuterten zweiten Gruppe an, indem zur 
mechanischen Abklärung ausschliesslich Tiefbrunnen benutzt werden. Sie 
ist nach dem System Müller-Nahnsen (Schönebeck) ausgeführt, und erst 
jüngst — am 1. September — in Betrieb genommen worden. Der techni¬ 
schen Anordnung liegt, wie in Frankfurt und in Wiesbaden, eine sum¬ 
marische Canalisation zu Grunde, die auch Fabrikwässer mit aufnimmt. Die 
Leistungsfähigkeit ist auf täglich 3000 cbm vorgesehen, wird aber z. Z. nur 
bis etwa 900 cbm ausgenutzt. — Das zufliessende Canalwasser passirt zu¬ 
nächst einen Sandfang, der durch ein eingebautes U eberfall wehr zugleich 
mit einem ,Nothauslass* zur Umfluthung der Reinigungsanlage verbunden 
ist. Dann treten die Abwässer durch den Zuführungscanal in das Maschinen¬ 
haus, wo sie, in zwei Arme getheilt und durch Schützen regulirt, in be¬ 
sonderen Rinnen abfliessen. 

„Während wir bei den vorher besprochenen Anlagen keine Regulirung 
für den Zusatz der Chemikalien vorgesehen fanden — meines Wissens solche 
auch nicht ausgeführt Bind —, tritt uns hier und in Essen, eine der¬ 
artige Vorrichtung vor Augen. Die Aufgabe kann ja auf verschiedene 
Weise gelöst werden; hier ist das Princip des oberschlächtigen Wasserrades 
benutzt. Die Menge des aus den Rinnen zuströmenden Schmutzwassers 
dreht diese Räder bald rascher, bald langsamer und damit die auf derselben 
Welle sitzenden Schöpfbecher für die Chemikalien, deren Anzahl und Grösse 
jeweils ausprobirt werden muss, und welche sich nach dem Gange der Räder, 
also entsprechend dem zugeflossenen Wasserquantum, entleeren. — Ein 
ähnlicher Apparat ist bei der Reinigungsanlage für die Arbeitercolonie 
»Cronenberg* von Fried. Krupp in Essen »bereits im vorigen Jahre* zur 
Ausführung gekommen, aber in einer etwas anderen Form, indem dort wirk¬ 
liche Wasserräder und hier Schöpfkästen verwandt sind. — Das Schmutz¬ 
wasser läuft zuerst in einen Kasten, deren vier an einem Kreuze angebracht 
sind, und wenn der Kasten voll ist, kippt er das Drehkreuz durch sein 
Uebergewicht selbstthätig um, und in demselben Momente schlägt ein 
anderer vor den Rinnenausfluss. Ein solcher Kasten fasst 150 Liter; an 
der Achse ist ein Zählwerk befestigt, das die Wellenumdrehungen, also 
(4 X 150) Liter, angiebt, wodurch man im Stande ist, genau festzustellen, 
wie viel Schmutzwasser überhaupt aus der canalisirten Zone zufliesst. Mit 
jeder Kastcnkippung wird gleichzeitig aus den von den darüberstehenden 
Rührwerken gespeisten Schöpfbassins je ein Becher Kalk und ein Becher 
der übrigen Chemikalien geschöpft und seitlich in Rinnen ausgegossen, dem 
Wasser aber getrennt zugesetzt. Zuerst fliesst der Kalk in den Ausguss- 

6 * 


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84 XI1L Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

canal der Kästen, dann fällt das Wasser über eine Mauerkante in einen 
tieferliegenden Canal, woselbst durch die zweite verlängerte Rinne der Zu¬ 
satz der übrigen Chemikalien bewirkt wird. 

„Nun fliesst das mit Chemikalien vermengte Wasser weiter in den Mittel¬ 
canal, welchen zwei hinter einander angeordnete Siebe in Form von Dreh¬ 
gittern abschliessen, um die schwimmenden und schwebenden gröberen 
Theile aufzufangen und zu beseitigen, was durch einfache Drehung ohne 
Ausschaltung geschehen kann. Die Entfernung dieser Theile erfolgt — im 
Gegensatz zu den anderen Anlagen! — hier also erst nach dem Chemikalien¬ 
zusatz. Hinter den Sieben tritt das Wasser über zwei durchbrochene, 
breite Ueberfallbleche, deren Anordnung so getroffen ist, dass es möglichst 
zertheilt eine schlängelnde Bewegung zu machen gezwungen wird, damit 
ein inuiges Vermengen stattfindet und die atmosphärische Luft reichlich zu- 
treteu kann. Das dermaassen vermischte Schmutzwasser fällt alsdann in 
einem Mauerschlitze hinab und fliesst durch einen 4'5 m breiten und 0*5 m 
hohen Spalt in den Klärbrunnen, wo es, wie in den Wiesbadener Vorkam¬ 
mern, communicirend und durch den Ueberdruck des Zuflusses 3 m auf¬ 
steigt, während die Schlammmassen zu Boden sinken. Derselbe Vorgang 
wiederholt sich hier in dem zweiten Brunnen, in dem die feineren Nieder¬ 
schläge sich noch absetzen sollen und aus dem schliesslich das abgeklärte 
Wasser in die Saale geleitet und — wie in Frankfurt — durch einen 
Bohrstrang bis in die Stromrinne geführt wird. 

„Das Wesen der Abklärung der in Brunnen über der Sohle eingeleiteten 
Schmutzwasser wurde eingangs erklärt. Da hier das Wasser unten an der 
Seite eintritt und oben über die entgegengesetzte Hälfte des Brunnenrandes 
abströmt, so wird in dem Brunnen eine schräge Strömungsrichtung sich 
geltend machen und keine völlig gleichmässige Aufsteigegeschwindigkeit 
im Querschnitte stattflnden. Selbstverständlich würde man den zweiten 
Brunnen ersparen können, und gewiss auch einen besseren Erfolg des Ab¬ 
klärens erzielen, wenn der erste Brunnen mit grösserer Tiefe hergestellt wird. 

„Es liegen bei der kurzen Zeit des Betriebes noch keine Kosten¬ 
ergebnisse und auch keine chemischen und bacteriologischen Untersuchungen 
vor, die irgend welchen Anspruch auf eine verlässliche Beurtheilung der hygie¬ 
nischen Reinheit des Wassers machen könnten 1 ). Dem Augenscheine nach 
sind die Wässer ziemlich rein, haben aber einen Stich ins Gelbliche und 
riechen noch etwas nach ihrem Ursprünge. Das sind jedoch Umstände, die 
wahrscheinlich beseitigt werden können; denn es kommt wesentlich darauf 
an, dass bei einer gewissen Praxis in der Behandlung der Abwässer die 
erprobten Zusatz Verhältnisse gewissenhaft angewandt werden. Die im 
Maschinenhause durch den offenen Einlauf der Canalwässer auftretenden 
Gase werden durch Ventilationsrohre abgeführt, so dass weder im Gebäude 
noch draussen, über den mit Bohlen abgedeckten Brunnen und Canälen, be¬ 
lästigende Gerüche wahrzunehmen sind. 

*) Während des Druckes ist ein Bericht des Stadtbauamtes in Halle erschienen, der 
über die muthmaasslichen Betriebskosten der Anlage Mittheilungen enthält; desgleichen 
sind die seitens der Braunschweiger Commission (s. S. 85) am 16. October ver- 
anlassten chemischen und bacteriologischen Untersuchungen zum Abschluss gelangt. 

Der Referent. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 85 

„Die abgeschiedenen Schlammmassen werden ans dem unteren, trichter¬ 
förmigen Theile des Brunnens mittelst einer durch einen Gasmotor ge¬ 
triebenen Pumpe, ohne den Betrieb zu unterbrechen, abgesaugt, in gewöhn¬ 
liche Filterpressen, wie sie bei Zuckerfabriken gebräuchlich sind, gedrückt 
und in 1 qm grosse, 2*5cm dicke Kuchen abgepresst, deren Abwasser in 
den Zulaufcanal geleitet, den Reinigungsprocess wieder durchmacht, wäh¬ 
rend die Schlammkuchen an der Luft abtrocknen und wenig Raum ein¬ 
nehmend leicht verfrachtet werden können. 

„Die ganze Anlage ist nett und sauber ausgeführt; es fragt sich nur, 
ob .die mechanische Verarbeitung des Schlammes sich lohnt, und ob es 
nicht bedenklich erscheint, ohne den Dungwerth des Schlammes zu kennen, 
dergleichen Kosten dafür aufzuwenden? Das ist natürlich eine Frage, die 
sich jede Stadtverwaltung selbst beantworten muss! Vom technischen und 
hygienischen Standpunkte verdient diese Verarbeitung aber unbedingte Zu¬ 
stimmung, weil der Schlamm auf rasche Weise weggeschafft, seines über¬ 
mässigen Wassergehaltes entledigt und in eine sehr compendiöse Form ge¬ 
bracht wird. 

„Die Reinigungsanlage für die Stadt Essen a. d. R., wie sie zurZeit 
nach dem System Röckner-Rothe (Bernburg) im Ausbau begriffen, ist 
auf Taf. V bis VII dargestellt.— Wie schon erwähnt, ist diese Gesammtanlage 
auf Grund einer provisorischen Versuchsanlage, welche Ende Juli 1885 in 
Betrieb genommen wurde und den vierten Theil der städtischen Canalwässer 
durch mehrere Monate zur Zufriedenheit der städtischen und königlichen 
Behörden gereinigt hat, vom Stadtverordnetencollegium beschlossen wor¬ 
den! — Es ist dies bislang der einzige Versuch im Grossen, nach dessen 
Ergebnissen in vollständiger Weise über die Betriebskosten und über die 
hygienische Reinheit der Wässer verlässliche Veröffentlichungen gemacht 
sind. In dieser Beziehung muss in erster Linie auf die Mittheilungen des 
Herrn Stadtbaumeister Wiebe in Essen hingewiesen werden, welche auf 
der Generalversammlung des Niederrheinischen Vereins für öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege, abgehalten zu Essen am 21. October 1885, vorgetragen, — 
und im ,Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege, V. Jahrgang 4 unter 
der Ueberschrift ,die Reinigung städtischer Abwässer zu Essen 4 ab¬ 
gedruckt sind. Ferner ist der ,Bericht über das Röckn er -Roth e’sche 
Reinigungsverfahren der städtischen Abwässer in Essen a. d. Ruhr, — er¬ 
stattet am 21. Januar 1886 von der seitens der Stadt Braunschweig 
entsendeten Commission 4 zu erwähnen, welcher mit allen Beilagen in 
dem vom ,Verein für öffentliche Gesundheitspflege im Herzogthum Braun- 
schweig 4 herausgegebenen ,Monatsblatt, 1886, Nr. 3 und 5 4 zum Abdruck 
gelangt ist. 

„Dieses System zählt der Grundidee nach zur zweiten Gruppe, ist aber 
dadurch, dass es früher zur praktischen Ausführung gelangt ist und auch 
schon vorher bei verschiedenen industriellen Wässern angewandt und er¬ 
probt wurde, in technischer Beziehung — nach meinem Dafürhalten — mehr 
ausgebildet, als die anderen Systeme, die ja erst kurze Zeit im Betriebe sind. 

„Dem Röckner-Rothe 1 sehen Systeme eigenthümlich ist der für die 
aufsteigende Abklärung angewandte ,Heberke8sel 4 , der aus einem Tiefbrun- 


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86 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndkpflg. zu Breslau. 

nen das Schmutzwasser ansaugt, wodurch neben anderen Vortheilen zu¬ 
nächst der erforderliche höhere Aufstieg des Wassers erzielt wird. 

„lieber dem etwa 5 m tiefen Brunnen ist ein Heber aufgestellt, dessen auf¬ 
steigender Ast, als ein 7 bis 8 m hoher Cyliuder construirt, mit seinem unteren 
offenen Rande in das Schmutzwasser eintaucht, während der abfallende Ast als 
Rohr an dessen oberem geschlossenen Rande abzweigt und mit seinem Aus¬ 
gusse unter dem Wasserspiegel eines kleinen Auslaufbassins mundet. Wer¬ 
den nun die Wasserstände im Brunnen durch den Zufluss des Schmutz- 
wassers und im Auslaufbassin durch den Abfluss des gereinigten Wassers 
auf einer bestimmten Niveaudifferenz gehalten, so wirkt der angesogene 
Heber selbstthätig. Es wird hierbei also der Druck der Atmosphäre aus¬ 
genutzt, und zwar in der Weise, dass oben auf dem Cylinder ein Aufsatz¬ 
rohr angebracht ist, in welchem etwa lim über dem Wasserspiegel das 
Saugrohr einer kleinen Luftpumpe endigt, damit beim Ingangsetzen des 
Hebers, selbst bei völliger Luftleere im Cylinder, das Wasser nicht in das 
Luftrohr gelangen und den Betrieb der Luftpumpe störeu kann. 

„Wenn nun eine Luftverdünnung im Heberkessel erzeugt wird, so steigt 
das Schmutzwasser aus dem Brunnen durch den äusseren Druck der atmosphä¬ 
rischen Luft allmälig in die Höhe, bis es das Abfallrohr erreicht hat, und 
fliesst dann in Folge der vorhandenen Wasserstandsdifferenz im Brunneu 
und Auslaufbassin weiter selbstthätig und gereinigt ab. — Die Aufsteige¬ 
geschwindigkeit im Cylinder kann durch das Verhältniss der Querschnitte 
zwischen Cylinder und Abfallrohr, dem zu leistenden Quantum und der 
Qualität des Wassers entsprechend, bestimmt, und durch einen im Abfall¬ 
rohre vorgesehenen Schieber regulirt werden, darf aber nach den ge¬ 
wonnenen Erfahrungen nur 2 bis höchstens 9 mm betragen, um ein völlig 
geklärtes Wasser zu Tage zu fördern. 

„Wie einfach dieses Princip ist, so hat es doch in seiner praktischen 
Durchbildung verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, welche 
hauptsächlich in der Erzielung und Sicherung einer ruhigen und gleich- 
mässigen Bewegung des Wassers im ganzen Cylinderquerschnitte bestanden. 
Zu diesem Zwecke tritt das Schmutzwasser durch ein Rohr über der Sohle 
des Brunnens unter einem sogenannten Stromvertheiler aus, der sich im gan¬ 
zen Brunnenquerschnitt trichterförmig über die Ausmündung erhebt und 
aus schräg gelegten Lattenstäben mit jalousieartiger Vertäfelung besteht, 
wodurch ein Zertheilen und Vertheilen des aufsteigenden Wassers statt¬ 
findet; ausserdem ist im oberen Theile desCylinders über den ganzen Quer¬ 
schnitt eine eigenartige Ueberlaufconstruction eingebaut, welche die vom 
unteren Stromvertheiler eingeleitete gleichmässige Bewegung auf die ganze 
Aufsteigehöhe gewährleistet, und die nachtheiligen Wirbel und Strömungen, 
welche der Zulauf und Abfall des Wassers verursachen, nicht zur Wirkung 
kommen lässt. Es ist dies jedenfalls eine entschiedene Verbesserung 
gegenüber den einfachen Brunnen in Halle, mit im Wesentlichen einseitiger 
Ein- und Abströmung. 

„Der Verlauf der Reinigung ist nun folgender: Das aus dem städti¬ 
schen Canalnetz zufliessende Schmutzwasser wird zunächst durch schräge 
Siebe geleitet, welche den Querschnitt des Zulaufcanals verstellen, um 
alle schwimmenden und die groben schwebenden Theile aufzufangen. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 87 

Dann gelangt es in den Sandfangbrunnen, der durch eine Scheidewand 
bis nahe über die trichterförmige Sohle abgetheilt ist, um mit ver¬ 
langsamter Geschwindigkeit in der einen Hälfte hinabzusinken und nach 
Ablagerung der schwersten Stoffe in der zweiten Hälfte wieder empor 
zu steigen. — Der Sand und gröbere Schlamm wird durch ein Becher¬ 
werk heransgehoben, ohne dass der Brunnen geleert oder der Betrieb ge¬ 
stört zu werden braucht, und durch eine Rinne in das seitlich gelegene 
Ablagerungsbassin geleitet — Das in der zweiten Brunnenhälfte aufsteigende 
Wasser tritt nun in den Mischcanal über, wo zuerst die Kalkmilch und dann die 
Chemikalien selbstthätig regulirt zufliessen. In diesen Mischcanal sind im 
Zickzack gestellte Hindernisse eingebaut, so dass durch die erzwungenen 
schlängelnden Bewegungen ein inniges Vermengen des Schmutzwassers mit 
den chemischen Zuschlägen erreicht und auch der atmosphärischen Luft 
genügender Zutritt geboten wird. Das auf diese Weise vorbereitete Schmutz¬ 
wasser gelangt dann in die Zuflusscanälo zu den Heberbrunnen und durch 
die Mündungsrohre in jeden einzelnen Brunnen. Natürlich kann jeder Zu¬ 
fluss für sich durch Schützen abgestellt werden, damit einzelne Cylinder 
vom Betriebe ausgeschieden werden können. Mit dem Eintritt des Wassers 
in den Brunnen sinken die schwersten Stoffe gleich zu Boden, während bei 
dem langsamen ruhigen Aufsteigen im Cylinder ein allmäliges Absetzen 
und Niedersinken der speciflsch schwereren Verunreinigungen und der 
durch den Zusatz der Chemikalien bewirkten Ausscheidungen stattfiudet, 
so dass sowohl im Brunnen als auch im unteren Theile des Cylinders 
Schlammschichten entstehen, die für das nachfolgende aufströmende Wasser 
einen Filter bilden, der sich fortwährend selbst erneuert, wiewohl die com- 
pacteren Schlammmassen sich niederschlagen. In diesem beständigen 
Kampfe des aufsteigenden Schmutzwassers und der niedersinkenden zum 
Theil noch mit Chemikalien vermengten Schlammschichten wird auch eine 
vortheilhafte Ausnutzung der Chemikalien stattfinden. Der Schlamm logt 
sich zunächt auf den Stromvertheiler; indem das nachströmende Schmutz¬ 
wasser durch die jalousieartigen Ritzen desselben durchzieht, wird hier be¬ 
reits der Filtrationsprocess eingeleitet, der nach oben sich fortsetzend eine 
vorzügliche Abklärung des Schmutzwassers erzeugt. 

„Wenn die Schlammmassen auf dem Stromvertheiler zu mächtig werden, 
rutschen sie von den schrägen Flächen ab und gelangen auf die Brunnensohle, 
von wo sie ohne jede Störung des Reinigungsbetriebes durch eine Schlamm¬ 
pumpe aufgesaugt, in Rinnen gedrückt und nach den Ablagerungsbassins ge¬ 
leitet werden. Da der Dungwerth des Schlammes bei der summarischen 
Canalisation ein verhältnissmässig geringer ist, und man ihn zur Zeit noch 
nicht recht unterzubringen, oder für die Landwirtschaft begehrenswert zu 
machen weiss, hat man hier vorläufig nur drainirte Becken — wie in 
Frankfurt a. M. — vorgesehen, aus welchen das absickernde Schmutzwasser 
wieder in den Zulaufcanal fliesst und den Reinigungsprocess erneut durch¬ 
macht. — Die gefüllten Becken müssen natürlich, nachdem der Schlamm 
abgelagert und stichfest geworden ist, ausgeleert werden, und da tritt 
uns die Frage der Schlammverwerthung als wichtiger Factor für 
die Lösung der künstlichen Reinigung der Schmutzwässer so recht vor 
Augen! 


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88 XIII, Versammlung d. D. Vereins f. oft Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Es war bislang bei dem Zusatz der Chemikalien noch nicht Rücksicht 
darauf genommen worden, dass deren Mengenverhältnisse entsprechend der 
Quantität und Qualität des Schmutzwassers zu reguliren sind. Wir finden 
die hier getroffenen Vorrichtungen auf Tafel VII dargestellt. — Während in 
Halle nur eine Regulirung nach der Quantität erfolgt, ist für die Essener 
Anlage auch eine Regulirung nach der Qualität des Wassers vorgesehen. 
An jedem Rührwerke ist ein Heber angeordnet, der mit der Luftpumpe in 
Verbindung in Thätigkeit gesetzt wird. Der aufsteigende Arm saugt aus 
dem Rührbottich das Gemenge in ein tiefer stehendes Gefäss, ,den Regulator*, 
dessen Niveauhöhe durch einen Schwimmer beeinflusst wird, der an dem 
abfallenden Heberarm sich auf- und abwärts bewegen kann. Dieser Schwim¬ 
mer hat den Zweck, das Regulatorgefäss bis zu einer bestimmten Höhe ge¬ 
füllt zu erhalten, damit die Druckhöhe für den Ausfluss der Chemikalien 
immer dieselbe bleibt. Wenn der Heber in Thätigkeit gesetzt ist, wird 
der Schwimmer gehoben, bis die daran befindliche Gummiplatte die untere 
Oeffnung des Hebers verschliesst, in welchem Augenblicke der Zufluss aus dem 
Rührwerke auf hört und damit die Grenze der Niveauhöhe markirt ist. Sobald 
dann ein Chemikalienabfluss nach dem Schmutzwasser erfolgt, sinkt der 
Schwimmer, die Gummiplatte desselben giebt die untere Heberöffnung wieder 
frei und der Heber saugt den Verlust aus dem Rührwerke über. *— Ferner 
befindet sich im Zulaufcanal des Sch mutz wassere abermals ein Schwimmer, der 
eine über Rollen geführte Kettenleitung nach einem aufgehängten Gegen¬ 
gewichte hat, das am längeren Ende eines doppelarmigen Hebels sitzt, wäh¬ 
rend am kürzeren die Zugstange des RegulatorBchiebers befestigt ist. Fliesst 
z. B. mehr Wasser zu, so steigt dessen Stand im Zulaufcanal, der Schwim¬ 
mer wird gehoben und die Kette dadurch nachgelassen, das Gegengewicht 
drückt auf den Hebelarm, und die Schieberöffnung wird mehr aufgezogen, 
also grösser gemacht. Im entgegengesetzten Falle, wenn der Schwimmer 
sinkt, wird die Kette angezogen, das Gegengewicht mit in die Höbe ge¬ 
hoben, und der Schieber entsprechend geschlossen. Auf diese Weise ist 
also die quantitative Regulirung gelöst und selbstthätig wirkend. Wie in 
Halle die Grösse der Schöpfbecher, so muss hier die Grösse der Schieber¬ 
öffnung im Regulator sacbgemäss ermittelt und zweckentsprechend aus- 
probirt werden. 

„Wie schon mehrfach erwähnt, haben die Schmutzwässer in den ver¬ 
schiedenen Tageszeiten eine verschiedene Beschaffenheit, was mit unseren 
Lebensgewohnheiten zusammenhängt. So haben die beim Probebetrieb in 
Essen an gestellten Untersuchungen erwiesen, dass das Canal wasser von 
Mitternacht bis 4 Uhr Morgens wesentlich reiner als tagsüber und von 
4 bis 6 Uhr Morgens fast rein war. Danach müssen nun auch die Chemi¬ 
kalien regulirt werden, wenn man keine Verschwendung eintreten lassen 
will. Zu dem Zwecke ist an der Schieberöffnnng des Regulators noch eine 
Schraube angebracht, durch welche ein Horizontalschieber auf jede beliebige 
Weite der Oeffnung eingestellt werden kann, und zwar mit Hand, weil 
diese Einstellung ja nur einige Male zu bestimmten Stunden zu geschehen 
braucht und dadurch der Wärter veranlasst wird, sich von der richtigen 
Functionirung des Chemikalienregulators öfters zu überzeugen. — Wie wir 
eine Tages-Verbrauchscurve für die Wasserversorgung besitzen, so wird sich 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 89 

bei einiger Beobachtung wohl bald auch eine brauchbare Curve für die 
stündliche Qualität der städtischen Abwässer ergeben. Es wird also dem 
Wärter eine Stunden tabeile einzuhändigen und vorzuschreiben sein, danach 
den Horizontalschieber auf der Scala an der Oeffnung zu verstellen. So 
kann ohne Schwierigkeit das Verhältnis der Weite für die Ausflussöffnung 
der Chemikalien, entsprechend der Qualität des Schmutzwassers, bestimmt 
werden, während die Höhe der Oeffnung lediglich vom Wasserquantura ab¬ 
hängend sich selbst regulirt. — Bezüglich der Wasserqualität ist noch zu 
bemerken, dass die leichteren fettigen Bestandtheile, welche sich auf der 
Wasseroberfläche im Cylinder ansammeln, durch ein in Höhe der Ueber- 
laufconstruction abzweigendeB kleines Rohr mit Hahnverschluss zeitweilig 
in ein besonderes Becken abgelassen werden können. 

„Hygienisch betrachtet hat die Essener Anlage manche Vorzüge, welche 
einerseits im Absetzen und Abklären im geschlossenen Raume mit verhält- 
nissmässig kleiner Fläche andererseits in der aufsteigenden Filtration ins 
Vacuum und dabei zugleich im Entgasen der Schmutzwässer bestehen, in¬ 
dem durch die beständige Luft Verdünnung im Cylinder das. Aufquellen der 
Blasen erleichtert wird, und die im Aufsatzrohr sich sammelnden übelrie¬ 
chenden Gase durch die Luftpumpe mit abgesogen und durch Einleitung 
in die Feuerung der Maschinen unschädlich gemacht werden. Thatsächlich 
ist die überraschende Geruchlosigkeit im Bereiche der wiederholt besuchten 
Reinigungsanlage, da weder aus den mit Bohlen überdeckten Zulaufcanälen 
und Brunnen, noch aus dem geschlossenen Cylinder merkbar üble Gase ent¬ 
weichen, und auch die offenliegenden Schlammbecken keine irgendwie widri¬ 
gen oder belästigenden Ausdünstungen verursachen. 

„Die Versuchsanlage in Essen war mit einem Brunnen von 5 a 8m 
Weite und einem Heberkessel von 4*2 m Weite, sowie mit einem provi¬ 
sorischen Maschinenhänschen für eine Locomobile, die Luftpumpe und 
die Rührwerke ausgestattet, und für eine Tagesleistung von 4500cbm 
vorgesehen. Thatsächlich kamen durchschnittlich 2600 cbm und im Maxi¬ 
mum 3100 cbm zur Reinigung, wobei der Aufenthalt des Sch mutz wassers 
im Heberkessel rund 60 bis 45 Minuten betrug. Für die Gesammtanlage 
sind — wie aus Tafel V ersichtlich — vier solcher Heberapparate mit dem 
erforderlichen Zubehör und mit einer Gesammtleistung von 18 000 cbm pro 
Tag in Ausführung begriffen. 

„Genaue Angaben über die erzielte chemische und bacteriologische 
Reinigung des Schmutzwassers enthalten die vorgenannten Veröffentlichungen 
des Stadtbaumeisters Wiebe und der Braunschweiger Commission. 
Daraus geht hervor: dass das trübe, reichliche Pilzfaden enthaltende, in 
stinkender Fäulniss begriffene saure Schmutzwasser — in einen klaren, 
fast farblosen, schwach alkalischen und sich makroskopisch nicht verändern¬ 
den Zustand übergeführt wird; dass alle suspendirten Substanzen anorga¬ 
nischer und organischer Natur entfernt, und die gelösten anorganischen 
pho8phorsäurehaltigen Salze ,unter völliger Ausscheidung der Phosphor¬ 
säure* durch die zugesetzten Chemikalien in unschädlicher Weise vermehrt 
werden, dass die gelösten flüchtigen und nicht flüchtigen organischen Sub¬ 
stanzen um ein Geringes zugenommen haben, durch den Kalkzusatz aber 
in einen stabilen, der fauligen Gährung widerstehenden Zustand übergeführt 


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90 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. off. Gsndhpflg. zu Breslau. 

sind; dass der reichliche Schwefelwasserstoff ganz entzogen und das Chlor 
in den Verbindungen vermindert ist, dass dagegen die an sich unschädliche 
salpetrige Säure und Salpetersäure etwas zugenommen hat, durch Oxydation 
des auf die Hälfte gesunkenen Ammoniakgehaltes; dass der in den suspen- 
dirten organischen Substanzen enthaltene Stickstoff mit diesen ganz, und 
der in Gestalt organischer Verbindungen vorhandene Stickstoff auf die 
Hälfte entfernt wurde; — und dass auch eine beinahe vollkommene Reini¬ 
gung von allen Mikroorganismen erzielt ist. 

„Die mechanische und bacterioskopische Reinheit entspricht hiernach den 
gestellten Anforderungen vollständig, während die chemische Reinheit an die 
Grenze des heutzutage wissenschaftlich und praktisch Möglichen reichen 
dürfte! — „In letzterer Beziehung dürfte es sich vielleicht empfehlen, noch auf 
eine Vermehrung der Oxydation dadurch hinzu wirken, dass sowohl der Zu¬ 
laufcanal des Schmutzwassers als auch der Abflusscanal des gereinigten 
Wassers mit mehrmals abgetreppter Sohle hergestellt, oder wenn nicht ge¬ 
nügend Gefälle vorräthig, einfach Strauchwerk in die Canäle gelegt würde, 
damit beim Abfall und Durchwinden des Wassers eine reichlichere Ver¬ 
mengung mit atmosphärischer Luft stattfindet. Wenn ferner die Erfah¬ 
rungen mit Torffiltern sich bewähren, so könnte ein solcher ganz leicht und 
ohne nennenswerthe Kosten in den Abflusscanal noch eingeschaltet werden, 
so dass das an sich schon gereinigte Wasser beim Durchgang durch den¬ 
selben nochmals flltrirt und nach der behaupteten Wirkung des Torfes 
auf die organischen Stoffe vielleicht chemisch reiner werden würde. 

„Der Essener Versuch hat uns auch einen Anhalt oder vielmehr Auf¬ 
schluss über die Kosten dieser künstlichen Abwässerreinigung gegeben. Sie 
sondern sich wesentlich in die Ausgaben für die Chemikalien und für den 
maschinellen Betrieb einschliesslich Kohlen, Schmiermaterial und Löhne und 
haben durchschnittlich für 1 cbm gereinigten Wassers (1*0 + 0’7) = 1*7 Pfg. 
betragen. Diese Zahlen dürfen jedoch nicht ohne Weiteres auf die Gesammt- 
anlage übertragen werden. Bei der vier- bis sechsfachen Wassermasse in conti- 
nuirlichem Tag- und Nachtbetriebe, und vorzugsweise durch die sorgfältige 
Regulirung des Chemikalienzusatzes nach der Quantität und Qualität des 
Schmutz wassers wird sich gewiss eine merkliche Ersparniss an Chemikalien 
einstellen, welche eine Herabminderung der bezüglichen Kosten bis auf etwa 
0*75 Pfg. erwarten lässt. — Nach den gemachten Erfahrungen musste für einen 
Heberkessel die Luftpumpe täglich Vs Stunde und das Baggerwerk 3 Stunden 
arbeiten. Die maschinelle Anlage für vier Heberapparate kann demnach un¬ 
streitig besser ausgenutzt werden, weil mit einer guten Maschine von nur 
wenig grösserer Kraft als die Locomobile, die Luft- und Schlammpumpen ab¬ 
wechselnd neben den Rührwerken zu betreiben sein werden, so dass in An¬ 
betracht der vier- bis sechsfachen Wassermasse die Kosten des maschinellen 
Betriebes für 1 cbm sich ganz bedeutend günstiger gestalten müssen und 
schätzungsweise bis auf ungefähr 0*25 Pfg. sinken dürften. — Es kann also 
für die Gesamratanlage vorausgesetzt werden, dass sich die Betriebskosten 
bis auf etwa (0*75 -f- 0*25) = 1*0 Pfg. für lcbm gereinigten Wassers ver¬ 
mindern werden. Unter dieser Annahme und mit Berücksichtigung der 
Verzinsung und Amortisation des Anlagecapitals von 240 000 Mark stellen 
sich für die Essener Entwässerungs- und Einwohnerverhältnisse nach der 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 91 

Berechnung des Stadtbaumeisters Wiebe — ,ohne Verwerthung des 
Schlammes 1 — die jährlichen Kosten pro Kopf der Bevölkerung auf nahezu 
1*00 Mark. — Wenn wir diesen Betrag mit den Angaben Zusammenhalten, 
welche mein Mitreferent gemacht hat, so scheint der Kostenpunkt besondere 
Schwierigkeiten der Berieselung gegenüber nicht zu ergeben, denn wir 
haben gehört, dass auch dort die bezügliche Belastung 1*00 Mark, ja 
1*50 Mark betragen kann. 

„Das künstliche Reinigungsverfahren ist mithin so weit gediehen, 
dass es den Stadtsackei nicht in einer allzu bedeutenden Weise bean¬ 
sprucht und mit der Berieselung unter Umständen wohl concurriren 
kann, besonders wenn der Schlamm sich entsprechend verwerthen lässt! 

„Das ist nun noch, wie schon betont, der wunde Punkt bei der 
künstlichen Reinigung der städtischen Schmutzwässer. — Nach den mit- 
getheilten authentischen Veröffentlichungen ergab 1 cbm Essener Schmutz¬ 
wasser 2*5 bis 3*0 Liter stichfesten Schlamm von rund 70 Procent Feuch¬ 
tigkeitsgehalt. Derselbe enthielt bei 100° C. getrocknet: 75 Procent 
anorganische Substanzen, darunter 37 Procent Thon und Sand, und 25 Pro¬ 
cent organische Substanzen, darunter 5 Procent stickstoffhaltige. — Die 
bedeutende Masse von anorganischen Substanzen lässt sich dadurch erklären, 
dass damals noch kein Sandfangbrunnen angelegt war. Bei anderen che¬ 
mischen Untersuchungen haben sich die organischen Substanzen bis 30 
und 33 Proo. ergeben; natürlich tritt mit der Vermehrung der organischen 
Substanzen auch ein grösserer Dungwerth ein. Die dungwerthige Phosphor¬ 
säure ist mit 0*84 bis 1*45 Proc. und der dungwerthige Stickstoff mit 0*71 
bis 0*94 Proc. ermittelt worden. Diese schwankenden Zahlen sind durch 
die zu verschiedenen Tageszeiten, je nach der Verunreinigung des Wassers, 
verschiedene Beschaffenheit des Schlammes zu erklären, so dass eine einzelne 
Analyse keineswegs als Durchschnittswerth gelten kann. 

„Die Braunschweiger Commission berechnete für den Gehalt von 
0*84 Proc. Phosphorsäure und 0*71 Proc. Stickstoff in der Trockensubstanz, 
mit Zugrundelegung der Preise dieser Dungstoffe im unverarbeiteten Schlamm 
zu 0*75 Mark für 1 kg Stickstoff und 0*30 Mark für 1 kg Phosphorsäure, den 
Dungwerth des für die Verwendung geeigneten lufttrockenen 4 Schlammes, 
mit etwa 50 Proc. Wassergehalt, auf rund 5*00 Mark pro Cubikmeter, zu 
welchem Resultate auchStadtbaumeister Wiebe ungefähr gekommen ist.— 
Das sind natürlich vorläufige Annahmen und theoretische Zahlen, denn 
man kann den Schlamm jetzt nicht an den Mann bringen, weil die Land- 
wirthe noch nicht das nöthige Vertrauen dazu gewonnen haben, wesshalb 
in Essen auf städtische Veranlassung der Dungerfolg praktisch erprobt 
wird 1 ). 

„Bezüglich des Gehaltes an dungwerthigen Stoffen bleibt noch hervor- 
zuhehen, dass das untersuchte städtische Schmutzwasser in Essen nur ver¬ 
botwidrig einen Theil Fäcalien enthielt-, und dass mit der allgemeinen 
Einleitung der gesammten Fäcalien in die Canäle der Dungwerth des 


*) Nach der Sitzung ist aus Essen ein Telegramm cingegangen, dass das auf dem 
Dungfelde gezogene Gemüse prämiirt wurde. 

Der Referent. 


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U2 XIIL Versammlung, d. D. Vereins f. oft Gsndhpflg. zu Breslau. 

Schlammes nicht unbeträchtlich steigen wird, so dass dann in dem ge¬ 
wonnenen Schlamme der Landwirthschaft ihr Theil gereicht wird. Wir 
sehen also, dass die Schlamm-Frage entschieden noch verbesserungsfi&hig 
und — wie die chemische — auch noch verbesserungsbedürftig ist. 

„Nach diesen Darlegungen und Ergebnissen des heutigen Standes der 
künstlichen Abwasserreinigung glaube ich, in Uebereinstimmnng mit meinem 
Mitreferenten, berechtigt zu sein, in der 5. These auszusprechen: dass dort, 
wo nicht berieselt werden kann, das combinirte Verfahren ,der che¬ 
mischen Fällung, der Abklärung und Filtration 1 zur Anwendung zu kommen 
habe. 


„In der letzten Zeit hat noch eine Anlage, deren System auf Tafel VIII 
schematisch klargelegt ist, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, 
vorsonderlich durch den unliebsamen Streit, der über die Entwässerung der 
Stadt Ehrenfeld hei Cöln in den Blättern geführt wurde. Hierbei ist 
nämlich ausgesprochen worden, dass man das Jauchenwasser derart zu be¬ 
handeln vermöge, dass das gereinigte Wasser beinahe dem Trink wasser gleiche. 
Das war hygienisch wohl etwas zu weit gegangen; denn wenn das gewonnene 
Wasser auch sehr schön klar aussieht, wird man doch nach dessen Ursprung 
und Kreislauf wissen, dass wir mit den heutigen Hülfsmitteln der Chemie 
die gelösten organischen Substanzen nicht vollständig ausfällen können. 
Im Interesse des Fortschrittes auf dem Gebiete der Reinigung städtischer 
Schmutzwä8ser habe ich es mir daher angelegen sein lassen, auch dieses 
System kennen zu lernen und durch Erläuterung desselben in dieser Ver¬ 
sammlung möglichste Klarheit darüber zu verbreiten. 

„Zunächst muss hervorgehoben werden, dass die Anlage, welche ich 
selbst eingehend zu besichtigen Gelegenheit hatte, der Berliner Maschinen- 
bau-Actien ge Seilschaft, vormals L. Schwartzkopff, durchaus eigen 
und keineswegs das ,LiernurSystem* ist, wie es in der Literatur irrthümlich 
angenommen wird; sie schliesst sich folgerichtig an die erörterten künst¬ 
lichen Systeme an, allerdings mit dem Unterschiede, dass principiell die 
getrennte Canalisation vorausgesetzt, also nur die Closet- und Pissoir¬ 
abgänge, sowie die Küchen- und Hausabwässer gereinigt werden sollen. — 
Nach den Mittheilungen, die mir daselbst geworden sind, hat man vorläufig 
das Hauptaugenmerk bloss auf die Closet- und Pissoirabgänge gerichtet 
und desswegen den praktischen Versuch auf der eigenen Maschinenbauans^alt 
für 1200 Arbeiter ausgeführt, weil, wenn deren Reinigung in der gehörigen 
Weise gelingt, dies um so mehr mit den verdünnten Küchen- und Haus¬ 
abwässern wird geschehen können. 

„Zur allgemeinen Orientirung ist vorweg zu bemerken, dass das Heran¬ 
holen der Fäcaljauche aus den Abortsenkgruben nach den Reinigungsappa¬ 
raten durch pneumatische Ansaugung in eisernen Rohrsträngen, also nach 
L i e r n u r ’ s Verfahren, geschieht und eigentliche Sch mutz wassercanäle nicht 
angelegt werden. Der Heberkessel von Röckner-Rothe wirkt auch 
pneumatisch, aber er lässt die Schmutzwässer durch die Canalisation bis 
zur Reinigungsstelle zufliessen und saugt sie erst dann hoch; da liegt eben 
ein principieller Unterschied in der Art des Transportes der Jauche. Die 
chemischen Zuschläge sind sowohl ihrer Quantität als ihrer Qualität nach 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 

von Professor Dr. Petri ermittelt und angegeben worden. — Die Methode 
der Reinigung und die ganze maschinelle Anordnung ist aber lediglich 
von der Firma selbst erdacht, durchgebildet und ausgeführt. 

„Die technischen Einrichtungen, sowie der Verlauf und die Art 
der Reinigung gehen aus den folgenden Erläuterungen hervor: Die 
Abgänge und Schmutzwässer gelangen aus den Closet- und Küchen¬ 
leitungen in eiserne Cisternen oder Senkgruben, welche durch Rohrstränge 
in directer Verbindung mit einem als Erapfangsreservoir bezeichneten 
horizontalen Kessel stehen, der, luftleer gemacht, die Jauche ansaugt. — 
Der Querschnitt der Rohre wird hier nach den Zeitintervallen des Ansaugens 
und nach der Jauchenmenge zu bemessen sein, also immer verhältnissmässig 
klein ausfallen, was den Gefälle-Canälen gegenüber in vieler Beziehung be- 
achtenswerth ist. Während man also mit dieser Anlage die Closet-, Pis¬ 
soir- und Küchenabwässer wegsaugt, müssen die Hof- und Strassenschmutz- 
wässer und das Regenwasser durch eine besondere Canalisation abgeführt 
werden. 

„Zum Zwecke des Ansaugens ist der Kessel mit einer Luftpumpe 
verbunden, so dass nach Oeffnung des Hahnes der bezüglichen Rohrleitung 
der Kessel in kurzer Zeit luftleer gemacht ist. Dann wird der sogenannte 
Fäcalabsperrhahn geöffnet und hierdurch die Jauche aus den Senkgruben 
sofort angesogen, bis der Kessel gefüllt ist, was an einem angebrachten 
Standrohr ersichtlich. Nach Verschluss der Hähne erfolgt durch das im Kessel 
befindliche Rührwerk ein tüchtiges Durcheinanderarbeiten der Jauche zu 
einer möglichst gleichmässigen Masse, welche, mittelst eines Schiebers aus 
dem Kessel in das Abflussrohr geleitet, einen eingeschalteten ,Zerreisser‘ 
passiren muss, wo die noch gröberen Theile und namentlich das Papier ge¬ 
hörig zerkleinert werden. — Es wird also hier keine Rücksicht darauf ge¬ 
nommen, die schwimmenden und schwebenden Stoffe vorher zu entfernen, 
sondern es gelangt alles, wie es in der Ci st er ne ist, mit in den Kessel. — Der 
Ausfluss der breiartig durchgerührten Jauche erfolgt unter verschiedenem 
Drucke, je nachdem der Kessel voll oder weniger voll ist. Damit nun in 
Folge dessen die Quantität der mit verschiedener Geschwindigkeit aus- 
strömenden Jauche mit der Quantität der Chemikalien im Einklänge steht, 
sind hier beiderseits Schwinghähne angeordnet, wodurch die Quantitäten 
einander zugemessen werden, indem jeder Schwinghahn jedes Mal nur eine 
bestimmte Menge ausströmen lässt. — Da die Fäcaljauche im Wesentlichen 
gleiche Beschaffenheit hat, braucht auf eine wechselnde Qualität keine Rück¬ 
sicht genommen zu werden, was jedoch beim Einleiten der Küchen ab Wässer 
erforderlich sein wird. — Die dermaassen gemessene Jauche durebfliesst nun 
der Reihe nach die vier kleinen, vertical stehenden Chemikalienrührwerke, 
denen gleichfalls durch Schwinghähne die aus den darüberstehenden Kästen 
zufliessenden Chemikalien gesondert zugesetzt werden, wodurch die Jauche 
zunächst mit dem Kalk und dann allroälig übersteigend mit den anderen 
Chemikalien ordnungsmässig vermengt wird. — Nach den Veröffentlichungen 
über die Versuche von Dr. Petri in Marienfelde mit Berliner Riesel¬ 
jauche scheinen im Wesentlichen Kalk, Magnesiumsulfat und Phosphate ver¬ 
wandt zu werden. — Während die Jauche bislang stets in verschlossenen 
Röhren und Gefössen sich bewegte — was hygienisch hervorgehoben wer- 


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94 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

den muss! — gelangt jetzt die mit Chemikalien vermischte und desinficirte 
Jauche aus den Rührwerken in eine offene Rinne. Dieselbe ist offen, damit 
man etwaige Störungen gleich sehen kann, und weil der weitere Verschluss 
auch nicht mehr erforderlich ist, da das Gemenge keinen irgendwie belästi¬ 
genden Geruch hat. In dieser offenen Rinne sind drei einfache Schieber 
angebracht, und unter denselben befinden sich drei Klärkästen, welche so 
bemessen sind, dass jeder von ihnen Vio der ganzen Tages production auf¬ 
nehmen kann. Es wird nun abwechselnd ein Kasten nach dem anderen 
gefüllt. Darin setzt sich der Schlamm langsam nieder, und das Wasser 
klärt sich in der gewöhnlichen Weise ,in Ruhe* ab, wozu nach den dortigen 
Erfahrungen ungefähr eine Stunde erforderlich ist. In den Klärkästen sind 
über einander einige Ablasshähne angebracht, so dass das Wasser von oben 
schichtenweise seiner Reinheit entsprechend abgelassen werden kann. Das 
Ablassen muss schon der Controle wegen mit der Hand geschehen und das 
kann der Wärter auch leicht besorgen. Das abgelassene Wasser fliesst 
dann hier auf einen Torffilter, der mit einem Lattenwerk versehen ist und 
dessen Grösse ausprobirt werden muss, wenn die Filtration ihren Zweck 
wirklich erfüllen soll. Diesen Torffilter passirend fliesst hier thatsächlich 
ein ganz geruchloses, ebenso vollkommen klares Wasser ab, das dem Aus¬ 
sehen nach vom Leitungstrinkwasser nicht zu unterscheiden ist. 

„Das gereinigte Abwasser hat also nicht mehr den gelblichen Stich, 
wie bei den vorhin besprochenen Systemen und desswegen erwähnte ich, 
dass dieselben durch einen eingeschalteten Torffilter, welcher die im Wasser 
noch vorhandenen Eiweissstoffe ausziehen soll, vielleicht wesentlich ver¬ 
bessert werden könnten. — Auf diese Weise ist also aus den Closetabgängen 
das Wasser, welches im Harn und in den Fäcalien enthalten war, ganz 
klar wieder gewonnen; um so mehr muss es nach meiner Ansicht möglich 
sein, wenn dieselben durch die Kücbenabwässer und die häuslichen Schmutz¬ 
wässer noch sehr verdünnt werden. 

„Der in den Klärkästen verbliebene Schlamm wird durch einen Hahn 
in ein weiteres Gefass abgelassen, das für die erwähnten 1200 Per¬ 
sonen etwa 1 cbm gross ist, und den Namen ,Nachtkasten* führt; in 
diesem bleibt der Schlamm von der ganzen Tagesproduction die Nacht 
über stehen und hat hier Gelegenheit, sich vollständig niederzuschlagen 
und consistenter abzusetzen, also noch einen Theil des Wassers abzu¬ 
klären. Dieses abgeklärte Wässer wird jeden Morgen in derselben Weise wie 
aus den Klärkästen auf den Torffilter geleitet, während der Schlamm in 
den darunter stehenden Schlammkasten abfliesst. Dieser Schlamm, der 
zwar schon ziemlich consistent ist, aber immerhin, wie der aus den Röck- 
ner-Rothe’schen oder Müller-Nahnsen’scben Brunnen gewonnene, un¬ 
gefähr 85 bis 90 Proc. Wassergehalt besitzt, muss natürlich noch weiter 
abgetrocknet werden. — Zu diesem Zwecke wird er nochmals pneumatisch 
in einen höherstehenden Behälter gehoben, damit man wieder einen abstei¬ 
genden Weg gewinnt, und aus diesem dann in die darunter befindlichen 
Trocken-Kippkästen eingelassen. Diese flachen Trockenkästen haben einen 
durchlöcherten oder aus Gitterwerk hergestellten Boden und sind mit Seih¬ 
oder Filtertüchern ausgelegt; darunter ist eine Platte schrägliegend gegen 
eine Rinne angebracht, so dass das absickernde Wasser über die Platte und 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 95 

durch die Rinne wieder auf den Torffilter geleitet wird. — In den Trocken¬ 
kästen verbleibt der Schlamm ungefähr 24 Stunden, bis er durch den Wasser¬ 
verlust zu einer lehmartigen Masse geworden, worauf die Kästen um ihre 
Achse gekippt und entleert werden. Diese Schlammmasse, welche vollstän¬ 
dig geruchfrei ist, wird nun mit dem Torffiltermaterial zusammengemengt, 
also damit eine Art Compost gebildet, dann von Hand zu ziegelähnlichen 
Platten ausgeformt, und an der Luft einfach trocknen gelassen; wenigstens 
hat man z. Z. keine besondere Vowrich tun gen dazu. 

„Dass dieser Schlamm, der jetzt bloss aus Closetabgängen und später 
auch aus den Küchenabwässern gewonnen wird, natürlicher Weise einen viel 
bedeutenderen Dnngwerth haben muss, als bei der summarischen Canalisation, 
wo aller Strassen- und Qofschmutz mit hineinkommt, ist ja selbstverständlich! 
Chemische und bacterioskopische Untersuchungen sind aber meines Wissens 
von unbetheiligter Seite noch nicht angestellt worden, so dass verlässliche 
Angaben, sowohl über die Reinheit des Wassers, als auch in Bezug auf den 
Dungwerth des Schlammes, heute nicht gemacht werden können. — Nach 
meinen Wahrnehmungen ist das gereinigte Abwasser ganz geruchlos und 
wirklich wasserhell, also klarer als bei den übrigen Systemen, und der 
Schlamm sowie die Compostmasse vollständig geruchfrei. 

„Aus dem Gesagten dürfte klar geworden sein, dass man über das 
,System Schwartzkopff 1 in seiner ganzen Anordnung nicht so ohne 
Weiteres zur Tagesordnung übergehen kann, wie das bislang zum Theil 
geschehen ist, weil Niemand dessen Grundidee und technische Durchbil¬ 
dung kannte. Die Anlage hat entschieden etwas für sich und entspricht 
den im Eingänge meines Vortrages aufgestellten Bedingungen, welche von 
einem rationell durchgebildeten künstlichen Reinigungsverfahren erfüllt 
werden müssen; denn wir haben auch hier nichts anderes, als ,eine che¬ 
mische Fällung, eine Abklärung undFiltration 1 kennen gelernt. 


Der Vorsitzende eröffnet nunmehr die Generaldiscussion und 
ertheilt das Wort zunächst Herrn 


Sanität8rath Dr. Hfillmann (Halle a. d. S.). Derselbe legt im 
Ansohlass an die Mittheilungen des Herrn Correferenten über das Müller- 
Nahnsen’sche System Proben derProducte der seit Anfang September d. J. 
nach diesem System betriebenen Reinigungsanstalt in Halle vor, und zwar 
eine Probe des ungereinigten und eine des gereinigten Canalwassers und 
Stücke der Kuchen aus der Filterpresse. Nach der von dem Chemiker 
Herrn Dr. Drenkmann vorgenommenen Analyse, die bei dem kurzen 
Bestehen der ganzen Anlage zunächst nur als eine provisorische anzusehen 
sei, ergebe sich, dass in 100 g Schlamm 0*55 g Stickstoff und 1*49 g Phos¬ 
phorsäure, in dem ungereinigten Wasser 0*13 g Stickstoff per Liter, im 
gereinigten etwa halb so viel enthalten sei. Das Abflusswasser sehe klar 


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96 X11L Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

aus, sei frei von suspendirten Stoffen und von Phosphorsfture und reagire 
alkalisch, dürfe somit als desinficirt zu betrachten sein. — Ueber weitere 
Erfahrungen mit dem Reinigungsverfahren lasse sich zur Zeit noch nicht 
viel mittheilen; von den Anwohnern der Anstalt werde über Gestank ge¬ 
klagt, welcher durch das Aufrühren der Schlammmassen und das Hinein¬ 
führen in die Klärbecken hervorgebracht werde; auch habe das ganz klar 
abfliessende Wasser einen stechenden Geruch, nach Urin oder verdünntem 
Menschenkoth. — Die Anlage in Halle sei für ein Achtel bis ein Zehntel 
der Bewohner der Stadt gemacht, für die ganze Stadt würden noch 4 bis 
5 solcher Anstalten erforderlich sein. Der Bau der jetzigen Anstalt habe 
30Ö00 Mark betragen, über die Höhe der Betriebskosten lasse sich zur 
Zeit natürlich noch gar nichts sagen. 

Docent Dr. Hueppe (Wiesbaden) entnimmt den Mittheilungen des 
Herrn Referenten, dass man erfreulicher Weise über die Berieselungsfrage 
insofern etwas kühler zu denken anfange, als man zugebe, dass in Deutsch¬ 
land, besonders im Süden und Westen desselben, zahlreiche Städte bestehen, bei 
denen eine Rieselanlage von vornherein ausgeschlossen sei und an die dess- 
halb die Frage nach Kläranlagen herantrete. Zu diesen Städten gehöre 
auch Wiesbaden, wo, wie erwähnt, der von der Regierung verlangten Klär¬ 
beckenanlage die aufsteigende Filtration nach dem Röckner-Rothe’sehen 
System zugefügt worden sei. Die Wiesbadener Anlage unterscheide sich 
von der Frankfurter Klärbeckenanlage wesentlich dadurch, dass dort die 
mechanisch geklärten Wasser einem grossen Flusse zugeführt werden, der 
das noch Fehlende durch „Selbstreinigung tt zu Ende führen könne, wäh¬ 
rend in Wiesbaden die Abflusswässer der Kläranlagen in einen kleinen 
Bach gelangen, der nicht im Stande sei, durch „Selbstreinigung“ etwas 
Nennenswerthes zu leisten. Hier müsse desshalb versucht werden, durch 
chemische Zusätze neben der mechanischen Reinigung noch etwas mehr zu 
erreichen, nämlich durch die Lebensthätigkeit von Mikroorganismen die 
organischen Substanzen, wie dies die Flüsse oder bei Rieselanlagen der 
Erdboden thue, in ihre Endresultate überzuführen, sie zu „mineralisiren“. 
Der Aetzkalk, die Grundlage aller chemischen Methoden, aller Patente und 
Geheimmittel, bewirke neben der Klärung eine entschiedene Verminderung 
der Bacterien und damit zunächst eine günstige chemische Beeinflussung. 
Sehr bald aber ändere sich das Bild, es beginne eine Zersetzung unter 
rascher Vermehrung der Bacterien. Anders sei dies mit der Magnesia, die 
gleichfalls mechanisch klärend, daneben aber auch antiseptisch, zersetzungs¬ 
hemmend wirke, wodurch die mit Magnesia geklärten Wasserproben lange 
Zeit nicht in Zersetzung übergehen. So sei man also wohl im Stande, durch 
die Anwendung von Magnesia statt von Kalk die Zersetzung der geklärten 
Abwässer in einem kleinen Bach, der, wie dies bei Wiesbaden der Fall sei, 
bald in den Rhein münde, so lange aufzuhalten, bis das Wasser dem grossen 
Fluss zugeleitet sei, der nun durch Selbstreinigung das Weitere besorge. 
Kalk und Magnesia habe er nur als Beispiele verschiedener Wirkung er¬ 
wähnt, nicht etwa als die einzig brauchbaren Klärmittel, die je nach der 
Art der Abwässer ja ganz verschieden sein müssten. Jedenfalls aber sei 
die Forderung eine berechtigte, dass inan neben der schon so hoch ent- 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 97 

wickelten mechanischen Seite auch die chemische Seite der Klärfrage unter 
Berücksichtigung der allgemeinen hygienischen Gesichtspunkte studire und 
in Betracht ziehe. Der entscheidende Anhaltspunkt, der allein auf die 
Dauer befriedigende Zustände erwarten lasse, bleibe aber auch für die 
Kläranlagen, wie für die meisten hygienischen Einrichtungen, die sorgfältige 
Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse. 

Stadtrath Marggraff (Berlin) wendet sich gegen die Angabe des 
Herrn Prof. Arnold, dass die Kosten bei den mechanischen, resp. chemi¬ 
schen Reinigungsmethoden sich pro Kopf und Jahr auf 1 Mark beziffern, 
während diejenigen für die Rieselfelder 1*20 Mark betragen. Solche Be¬ 
rechnungen seien sehr schwierig, da vor Allem erforderlich sei, dass die 
beiden Vergleichsobjecte vollständig gleichgestellt seien, dass also, wie für 
die mechanische und chemische Klärung die Canalisation einer Stadt mit 
ihren Röhren und maschinellen Einrichtungen gänzlich ausscheide, auf 
der anderen Seite auch nur die Rieselfelder, als Object der Reinigung, und 
natürlich das Capital der Landerwerbung, Aptirung etc., in Betracht kom¬ 
men. Danach nun stelle sich die Sache für Berlin, was die Rieselfelder 
anbetreffe, yorausgesetzt, dass dieselben gar nichts einbringen, pro Kopf 
und Jahr auf 60 Pfg., also um 40 Pfg. geringer als bei der künstlichen 
Reinigung. Dazu komme aber noch Manches, was den Vergleich für die 
Rieselfelder noch günstiger mache: Bei den Berechnungen über die Klär¬ 
anlagen sei die Fortschaffung des Schlammes noch ganz ausser Rechnung 
gelassen and es sei einer Zukunftsrechnung Vorbehalten, was etwa der 
Werth des Schlammes ergebe. Vorläufig seien die Resultate überall so 
gewesen, dass der Schlamm nicht nur keinen Werth ergeben habe, sondern 
eigentlich die Hauptschwierigkeit für alle Reinigungsmethoden gewesen 
sei, weil er die colossalsten Kosten und Umstände verursacht habe, wäh¬ 
rend, weun jetzt bei den Rieselfeldern gar keine Einnahmen gerechnet wür¬ 
den, in Zukunft wohl viel eher die dort gewonnenen Producte einen Werth 
repräsentiren würden. Factisch sei in den letzten Jahren die Sache schon 
so gewesen, dass ein kleiner Ueberschuss von 30-, 40-, 50 000 Mark, die 
von diesen 60 Pfg. pro Kopf abgehen würden, erzielt worden sei. Endlich 
komme ein dritter Factor hinzu, der für das Reinigungsverfahren sehr un¬ 
günstig and für die Rieselfelder, wo sie anwendbar seien, günstig spreche. 
In der Berechnung von 1 Mark, resp. 60 Pfg., seien die Zinsen für die 
Werthe enthalten, die dort geschaffen seien. In dem einen Falle seien Werthe 
geschaffen in Mauern, Bassins, maschinellen Einrichtungen; auf der ande¬ 
ren Seite seien Werthe geschaffen in Landerwerb und Grundbesitz. Mathe¬ 
matisch genau werden nach einer Reihe von Jahren dieses Mauerwerk, 
diese maschinellen Einrichtungen, grossartige Reparaturen erfordern, sie 
werden nach längerer Zeit werthlos sein, und es würde sogar sehr bedeu¬ 
tende Kosteu erfordern, um sie wieder fortzuschaffen, und sollten neue 
Methoden erfunden werden, so würde die Zeit vielleicht sehr bald kommen, 
wo die ganzen angewandten Capitalien nutzlos geworden seien, während in 
den Rieselfeldern, falls neue Methoden erfunden werden oder falls auch 
keine erfunden werden, jedenfalls ein Werthobject den Gemeinden erhalten 
sei, dass nicht nur nach einer Reihe von Jahren den heutigen Werth reprä- 

Viertelj&hrsschrift für Gesundheitspflege, 1887. 7 


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98 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. üsndhpflg. zu Breslau. 

sentire, sondern einen bedeutend grösseren. Desshalb sei es nöthig, wenn 
man solche Vergleiche ziehe, erstens ganz richtige Zahlen zu Grunde zu 
legen und zweitens alle Factoren zu berücksichtigen, die zum Vergleich 
dienen können. 

Correferent Professor Arnold bemerk^ hierzu, dass er gar nicht be¬ 
absichtigt habe, einen Vergleich zwischen den Kosten der verschiedenen 
Reinigungsmethoden zu ziehen. Er habe die von Herrn Stadtbaumeister 
Wiebe berechneten Kosten nur mitgetheilt, damit man nicht*von den un¬ 
erschwinglichen Kosten für den Betrieb solcher maschinellen Anlagen spreche 
und dabei habe er nur erwähnt, dass nach Angabe des Herrn Stadtbaurath 
Kau mann sich die Kosten der Berieselung in Breslau, wie angegeben, 
stellen. 

Dr. Lissaner (Danzig) stimmt den von den Referenten aufgestellten 
Thesen im Allgemeinen vollständig zu, gestützt auf eine 14jährige Erfah¬ 
rung, die man mit Canalisation und Berieselung in Danzig gewonnen habe, 
wo man glücklich über den Besitz dieser Anlagen und stolz darauf sei, den 
anderen deutschen Städten mit gutem Beispiel vorangegangen zu sein. 
Die Rieselfelder habe man anfangs nur als eine Versuchsstation angesehen, 
weil weder die theoretischen noch die praktischen Landwirthe Erfahrungen 
über die Behandlung solcher Anlagen besessen haben; nunmehr aber habe 
sich eine bestimmte Praxis der Behandlung herausgebildet, die wohl auch 
für die Zukunft als Norm bleiben dürfte. Es seien nämlich von den 560 
Morgen in Betrieb befindlichen Riesellandes 400 Morgen Wiesenland an Ein¬ 
wohner der benachbarten Dörfer Weichsel münde und Heubude in Pacht 
gegeben. Diese Leute seien früher die heftigsten Gegner der Farm ge¬ 
wesen, sie haben der Canalisation durch Einwendungen und Verdächtigun¬ 
gen aller Art die grössten Schwierigkeiten bereitet und jetzt seien sie die 
grössten Freunde der Anlage, sie bitten förmlich um Ueberlassung dieser 
Wiesen und es sei eine Freude zu sehen, wie sowohl der Wohlstand in die¬ 
sen armen Dörfern sich gehoben und die Gesundheitsverhältnisse in ihnen 
sich gebessert haben. — Ausser zu Wiesencultur seien 60 Morgen der 
gärtnerischen Cultur übergeben und diese seien an Handelsgärtner von Fach 
verpachtet, die theils Gemüse für die Stadt bauen, theils Blumen, welche 
als Strohblumen vielfach nach Paris und Amerika verschickt werden und 
einen wichtigen Handelsartikel für Heubude bilden. Von diesen Leuten 
werde stets mehr Land zur gärtnerischen Cultur verlangt, was aber die 
städtische Verwaltung in richtiger Erkenntniss, dass der Wiesenbau als 
die für städtische RieselanlAgen zweckmässigste Cultur gefördert werden 
müsse, abgelehnt habe. — Die verbleibenden 100 Morgen habe die Verwal¬ 
tung in eigene Regie genommen und gleichsam als Versuchsstation behan¬ 
delt und baue hier abwechselnd Getreide, Rüben, Tabak etc. Hier bringe 
der Boden, der vor der Berieselung ein Pachterträgniss von 0*75 Mark per 
Morgen ergeben habe, nunmehr 4*50 Mark jährlich. 

Was nun die übrigen Verhältnisse der Rieselanlagen betreffe, so seien 
alle Besorgnisse, die man früher wohl gehegt habe, verschwunden. Das 
Abwasser der Rieselfelder sei zu wiederholten Malen von dem Chemiker 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 99 

Herrn 0. Helm untersucht, zuletzt im Jahre 1883, und so rein befunden, 
dass man es ohne Bedenken in die Weichsel fliessen lassen könne. Es ent¬ 
halte nur noch Spuren von organisch gebundenem Stickstoff, nur Spuren 
von Phosphorsäure, wenig Ammoniak, dagegen viel Chlor, Kali und Salpeter¬ 
säure. Während in den ersten Jahren das Abflusswasser sehr viel Ammo¬ 
niak und sehr wenig Salpetersäure enthalten habe, sei es jetzt umgekehrt. 
Das sei ein Beweis dafür, dass sich die Verhältnisse in dem reinen Sand¬ 
boden durch die Berieselung günstig geändert haben. Wenn man das 
Wasser längere Zeit in einem verschlossenen Gefässe stehen lasse, so gehe 
es nicht in Fäulniss über, sondern bleibe geruchlos. 

Was nun ferner die Gesundheitsverhältnisse der Bewohner der beiden 
an die Rieselfarm angrenzenden Ortschaften betreffe, über die ja auch so 
viel Verdächtigungen ausgesprengt worden seien, so sei auch hierüber nach 
den amtlichen Listen *) nur Günstiges zu berichten. In Weichselmünde, wo 
die Sterblichkeit früher im Durchschnitt 3 a 06 betragen habe, sei sie in den 
letzten 11 Jahren 3*05 gewesen; in Heubude aber, wo die Sterblichkeit 
früher 4*89 betragen habe, sei sie jetzt im Durchschnitt der letzten elf 
Jahre auf 3*52 gesunken, Dies sei wohl nicht auf die Anlage der Riesel¬ 
farm zu schieben, sondern darauf, dass gerade die Bewohner von Heubude 
durch die Beschäftigung auf den Rieselanlagen sehr viel Geld verdienen 
und die Mädchen und Frauen dort den ganzen Tag auf den Feldern beim 
Wiesenbau oder in der gärtnerischen Cultur arbeiten. 

Was endlich den Punkt betreffe, der die Hygiene besonders interessire, 
das Bedenken, es könne im Winter nicht berieselt werden, so sei diese Be- 
sorgniss vollständig geschwunden nach den Erfahrungen von 14 zum Theil 
sehr kalten Wintern. Selbst im letzten Winter, in welchem anhaltend sehr 
hohe Kälte geherrscht habe, so zwischen dem 23. Febr. und 4. März 2 ) an¬ 
haltend zwischen — 5° und — 20° R., sei das Canalwasser mit einer Tem- 


*) Die folgenden Zahlen sind aus den amtlichen Zählungslisten des Standesamtes be¬ 
rechnet : 


Mortalitätsziffer: 










B 




Durchschnitt 
der 11 Jahre 

Weichselmünde . 

3-64 

2*96 

2*32 

2*45 

3*08 

3*70 

2*74 

3*76 

2*86 

2*80 

3*23 

3*05 

Heubude .... 

4*53 

3*97 

2*93 

3*69 

3*76 

4*43 

2*59 

3*40 

3*88 

2*65 

2*95 

S*52 


Ueber die Mortalität vor dem Jahre 1875 siehe diese Vierteljahrsschrift für ötfentliche 
Gesundheitspflege 1875, S. 738 und folgende. 


2 ) Ich gebe hier die Temperatur dieser Tage genauer: 


1886 


Temperatur 

Februar 

März 

23. 

24. 

25. 

26. 

27. 

28. 

1. 

2. | 

3. 

4. 

der Luft. 

des Canalwassers . . . 

— 6 
+ 65 

o t- 

T+ 

— 12 
+ 7 

— 12 
+ 7 

— 14 
+ 7 

o t- 

T+ 

+ 11*5 
— 7 

— 20 
+ 5 

— 7-5 
+ 6 

— 5 
+ 7 


7* 


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100 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

peratur von 5° bis -|-7 0 R. im Hauptcanal angekommen und sei ohne 
Hinderniss auf die Fläche geflossen. Eine früher hergestellte Ausmündung 
des Zuführungscanals direct in die Ostsee, durch die Düne hindurch angelegt, 
um für den Fall, dass es nicht möglich wäre, im Winter zu rieseln, das Canal¬ 
wasser sicher los zu werden, sei jetzt vollständig geschlossen, weil davon 
nie Gebrauch gemacht worden sei, ausser im ersten Jahre auf einige Wochen, 
wo die Anlage überhaupt noch nicht aptirt gewesen sei. Seit der Zeit aber 
sei trotz der grössten Kälte davon niemals Gebrauch gemacht worden. 

So bestätige also die Danziger Erfahrung, welche nun 14 Jahre alt 
sei, vollständig, was die Herren Referenten ausgesprochen haben, und zeige 
besonders, dass die Berieselung von Feld- und Wiesenflächen als die vor¬ 
züglichste und, wo es irgend angehe, einzig richtige Methode der Reinigung 
der städtischen Abwässer zu betrachten sei, während die anderen Methoden 
nur als Nothbehelf anzusehen seien. 

Oberbürgermeister Becker (Köln): Das vollkommene und klare 
Bild, das der Herr Correferent über die in einzelnen Orten mit den ver¬ 
schiedenen Systemen der Abwässerreinigung gemachten Erfahrungen gegeben 
habe und andererseits die Mittheilungen über Rieselanlagen, haben doch 
gezeigt, dass bei allen Reinigungsverfahren, namentlich allerdings bei den 
Systemen der künstlichen Klärung, die Sache trotz herrlicher Principien 
und trotz mancherlei Vorzüge noch ihr grosses „Aber“ habe. Wie die 
Berieselung, selbst in Berlin, noch zahlreiche Gegner habe, so seien auch 
über die verschiedenen Klärmethoden, für deren Mehrzahl heutzutage noch 
jede praktische Erfahrung fehle, die Ansichten noch sehr getheilt. Ausser¬ 
dem sei bei den künstlichen Klärmethoden die Fortschaffung des Schlammes, 
dessen etwaiger Werth noch ein ganz unbekannter sei, und dessen Ver- 
werthung aller Orten die grössten Schwierigkeiten biete, eine zur Zeit 
noch gänzlich ungelöste Frage. Kurz, man befinde sich noch vollständig 
auf dem Gebiete des Versuches, eines noch in keiner Weise bewährten Ver¬ 
suches; selbst in England, wo schon seit einer grossen Reihe von Jahren 
die verschiedensten Versnche gemacht werden, seien die Erfahrungen noch 
keineswegs abgeschlossen, überall experimentire man und noch keines der 
zahlreichen Systeme habe sich dauernd als richtig und empfehlenswerth 
erwiesen. Hierzu komme, dass, welches System der Abwässerreinigung man 
auch wähle, dies in der ersten Anlage und der Durchführung Kosten erfor¬ 
dere, die ganz unverhältnissmässig das übersteigen, was alle Städte mittlerer 
Grösse sonst für die grössten communalen Anlagen auf anderen Gebieten 
aufzuwenden gewohnt seien und aufwenden können. Zur Zeit liege die 
Sache also so: auf der einen Seite noch nicht abgeschlossene Erfahrungen, 
auf der anderen Seite ungewöhnlich hohe Kosten, die, wie Herr Marggraff 
richtig betont habe, bei den künstlichen Klärsystemen weit bedenklicher 
seien, als bei Rieselfeldern, bei denen ein in der Nähe aufblühender Städte 
an Werth stets steigender Grund und Boden bleibe, das Capital also jeden¬ 
falls gut angelegt sei, während nicht die geringste Bürgschaft dafür bestehe, 
dass nicht alle diese Eintagsfliegen von Systemen zur künstlichen Klärung 
vielleicht sehr bald zu den überlebten, veralteten Einrichtungen gehören 
und die ganzen Anlagekosten einfach weggeworfen seien. 


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Ueber ßeinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 101 

Für den praktischen Yerwaltungsbeamten erwachse hieraus die Ver¬ 
pflichtung, mit der grössten Vorsicht vorzugehen, nicht zu sagen, wie es 
die These 3 Vorschläge, es müsse in der Regel geklärt werden, sondern 
zu sagen, bei dem jetzigen Standpunkte der Technik, bei den grossen Geld¬ 
mitteln, die jedes System erfordere, solle man die Sache von Fall zu Fall 
behandeln und zur Zeit eine Klärung nur in denjenigen Fällen verlangen, 
in denen sie durch die örtlichen Verhältnisse geboten sei. Wenn eine Stadt 
in der glücklichen Lage sei, an einem grossen Flusse zu liegen, wenn die 
Einwohnerzahl der Stadt im Verhältniss zur Wasser menge und Geschwin¬ 
digkeit des Flusses keine Bedenken errege, wenn bisher nicht die gering¬ 
sten Schwierigkeiten Vorgelegen haben, warum solle man jetzt mit einem 
Male diese Stadt bei dem gegenwärtigen Stande der Technik zwingen, irgend 
eine Klärvorrichtung anzulegen? Diese Forderung müsse auf die Fälle be¬ 
schränkt werden, wo entweder nachweisbare gesundheitliche Mängel sich 
herausgestellt haben oder sonst erhebliche Missstände vorliegen, ln solcher 
Zwangslage allein könne man es rechtfertigen, wenn eine Stadt zu Ver¬ 
suchen übergehe, die noch nicht in ihrer Erfahrung abgeschlossen seien; 
dann müsse sie eben zu einem der jetzt bekannten, wenn auch unvollkom¬ 
menen und noch nicht bewährten Systeme greifen, um grössere vorhandene 
Missstände zu beseitigen. Aber in den vielen Fällen, wo die Sache jetzt 
nicht so ungünstig liege, da solle man zuvor mit wachsamem Auge die Vor¬ 
gänge in der Wissenschaft und Technik auf diesem Gebiete und die Erfah¬ 
rungen, die in anderen Städten gemacht werden, verfolgen, aber nicht schou 
ein generellesPrincip aufstellen und sagen, es müsse in der Regel geklärt 
oder gereinigt werden. So handle man auch im Interesse der Bestrebungen 
dieses Vereines. Die grossen Geldmittel, die ohne zwingenden Grund in die 
Klärbassins gesteckt werden, gehen für andere sanitäre Zwecke verloren, 
und man habe in verschiedenen Städten viel dringendere sanitäre Aufgaben 
zu lösen, die alle dann hinter diese Frage zurücktreten müssen. 

Ein anderer Punkt noch sei der: Die Städte müssen doch vor Allem 
die Schmutzwässer und Fäcalien aus ihrem Gebiete schnell los werden; das 
sei doch das erste Erforderniss! Wenn die Städte aber zugleich auch ge¬ 
zwungen werden sollen, diese Abwässer zu klären, dann koste es das doppelte 
Geld, und das schwierige sei gerade das Klären, das weniger schwierige 
das Fortschaffen. Wenn man Beides verlange, hindere man die meisten 
Städte, überhaupt etwas zu thun. Man hindere also durch diese For¬ 
derung gerade das, was man erreichen wolle, nämlich eine Besserung der 
sanitären Verhältnisse, man verhindere, das Erprobte, oft mit geringeren 
Mitteln Erreichbare einzuführen, zu Gunsten einer zweiten Aufgabe, deren 
praktische Lösung noch in keiner Weise durch eine langjährige Erfahrung 
sicher gestellt sei. 

Aus diesen Gesichtspunkten habe er nach zwei Richtungen Bedenken 
gegen die von den Herren Referenten vorgeschlagenen Resolutionen, zu¬ 
nächst gegen die Resolution 5, wo gleich apodictisch gesagt werde, dass, 
wenn künstliche Klärung eintrete, dies durch chemische Fällung, Abklärung 
und Filtration geschehen müsse. Diese Resolution gehe viel zu sehr ins 
Einzelne, er halte die ganze Resolution 5 bei dem jetzigen Standpunkte 
der Technik für unberechtigt, und glaube, man könne es dem Einzelnen 


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102 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

überlassen, die Frage, wie geklärt werden solle, nach seinen örtlichen Ver¬ 
hältnissen und nach seinem Ermessen zu lösen; die nöthigen Erläuterungen 
seien ja heute gegeben, die könne man sich auch aus Büchern u. s. w. ver¬ 
schaffen. Aber man sei heute sicherlich nicht in der Lage, für die Zukunft 
Directiven zu geben, die durch neue Erfahrungen vielleicht schnell überholt 
werden können. 

Sodann entspreche die Fassung, dass die städtischen Abwässer „in 
der Regel“ geklärt werden sollen, nicht dem, was er für die Praxis an¬ 
nehmbar halte. Im Gegentheil müsse man betonen, dass sich bei dem 
jetzigen Standpunkte der Technik und bei den grossen Rosten die Behand¬ 
lung der Frage von Fall zu Fall und die Forderung der Klärung nur in 
denjenigen Fällen empfiehlt, wo sich gesundheitliche oder praktische Miss- 
stäüde heraussteilen. 

Dr. Hulwa (Breslau) theilt mit, dass in Breslau auf »Grund von 
chemischen und mikroskopischen Untersuchungen, welche seitens des Magi¬ 
strates dieser Stadt in den Jahren 1877 bis 1881 veranlasst worden seien, 
um den Einfluss kennen zu lernen, den die Canalwasser Breslaus auf die 
Oder ausüben, sich ein Abwasser-Reinigungsverfahren herausgebildet habe, 
welches zwar noch in keiner Stadt im Grossen durchgeführt sei, wohl aber 
bereits seit einigen Jahren in einer ganzen Anzahl von Industrien, so in 
Zuckerfabriken, Brauereien, Färbereien, Krankenanstalten, in dauerndem 
Betriebe zur Anwendung gekommen sei. Das Verfahren habe sich in allen 
Fällen sehr zufriedenstellend bewährt und sowohl seitens der Verwaltungs¬ 
und Sanitätsbehörden, als auch bei den Interessenten volle Anerkennung 
gefunden. Auf eine nähere Mittheilung über die Methode wolle er der 
Kürze der Zeit halber verzichten und erlaube sich, eine solche gedruckt den 
Mitgliedern zu vertheilen x ). 

Oberingenieur Meyer (Hamburg) spricht als Techniker zunächst 
Herrn Professor Arnold seine Anerkennung aus für seine ausgezeichnete 
und belehrende Darstellung von dem jetzigen Stande der Klärungsmethoden. 
Herr Stadtbaurath Kau mann, der durch seinen Vortrag den Verein so 
trefflich über die Breslauer Rieselanlagen unterrichtet habe, habe nebenbei 
einige Principien über die Anordnung der Schwemmcanäle ausgesprochen, 
die er als Techniker nicht unwidersprochen lassen könne, so namentlich die 
Bemerkung, dass die Miteinführung der Regenwasser in die Canäle deren 
Querschnitte so vergrössere, dass hierdurch zu sehr grossen Ausgaben im 
Betriebe Veranlassung gegeben werde, indem sich dann in trockenen Zeiten 
der Schlamm anhäufe, Ratten hineingingen und dergleichen. Hier liege 
doch wohl eine Verwechselung der grösseren Sammelcanäle des modernen 
Sielsystemes mit den allerdings grundschlechten Canälen vor, wie sie fast 
jede Stadt aus alten patriarchalischen Zeiten überliefert erhalte, von recht¬ 
eckigem, unreinem Querschnitte, von ganz schlechtem und hin- und her- 
springendem Gefälle, willkürlich entstanden und ohne System und Flächen* 


J ) Das Dr. Hui wa’ sehe Abwasser-Reinigungs-Verfahren. Breslau, Druck von 
Gabsmann. 4. 8 S. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 103 

berechnung ineiuandergefögt, wo sich das Alles so verhalte, wie Herr 
K a u m a n n gesagt habe. Ein gut aufgestelltes Schwemmcanalisationsproject, 
ein gutes Sielnetz, könne, wenn es so mächtig gemacht würde, dass es auch 
das Regenwasser aufnehme, so ausgeführt werden, dass diese Bedenken des 
Herrn Kau mann durchaus nicht zutreffen. Die Canalisation in Hamburg, 
die schon an 300 km lang sei, sei allerdings nach etwas schwerfälligen Prin- 
cipien angelegt, sie sei jetzt in Feinheit der Detailconstructionen überholt, 
aber die geschilderten Missstände seien trotz der sehr grossen Querschnitte 
keineswegs vorhanden, und Jeder, der sie einmal gesehen habe, werde 
bezeugen, wie ausserordentlich rein und schön die Canäle seien und wie 
sie mit wenig Menschen in Stand gehalten werden können, obgleich sie das 
Regenwasser aufnehmen. Es gebe ja natürlich locale Verhältnisse, die zu 
einem Fernhalten des Regenwassers führen können, wie z. B. in bergigen 
Städten, oder in solchen, wie Kaiserslautern, wo das Quellwasser massenhaft 
an die Oberfläche trete; doch das seien Ausuahmeverhältnisse. Wenn man 
das Regen wasser ausscheide, scheide man damit eiuen grossen Theil des 
Sch mutz wassers aus, denn das Regenwasser, wie es auf die Strassen der 
Städte falle, werde in ganz beträchtlicher Masse zu Schmutzwasser, und da 
komme wieder die Verunreinigung in die Stadt durch das oberflächlich ab- 
fliegsende Regen wasser, während im Canal das Regenwasser die allergün- 
stigste Wirkung schaffe. Selbstverständlich müsse man dafür sorgen, dass 
Sturzregen durch Nothauslässe abgelassen werden. Eine Stadt, die dazu 
keine Möglichkeit habe, solle lieber überhaupt gar keine Canalisation ein¬ 
führen. Wenn man aber sage, wie der geehrte College Kaumann, es 
wäre besser, einen kleinen Querschnitt zu haben tfnd lieber einmal dabei 
eine Heberschwemmung mit in den Kauf zu nehmen, so sei dies ein grosser 
Fehler. Wer einmal das Unglück erlebt habe, dass die Fäcalien in die 
Keller zurückstauen, der würde sagen, dass dies das Allerschlimmste sei, 
was man den Städten anthun könne. Die Construction müsse derartig sein, 
dass ein solcher Rückstau thunlichst vermieden würde und die Städte, die 
ihre Siele zu klein gemacht haben, sollten sie jetzt noch vergrössern. 

Im Uebrigen glaube er, dass man sehr wohl die Thesen, die hier vor¬ 
geschlagen seien, in ihrem ganzen Gedankengange annehmen könne, dass 
man sich aber in Acht nehmen müsse, die Versuche, die jetzt von ver¬ 
schiedenen Seiten aus mit diesen Klärungen gemacht werden, schon als 
wirklich geklärte Sachen in die Welt zu schicken. Die Versuche seien in 
der That noch lange nicht abgeschlossen. Die treffliche Darstellung des 
Herrn Correferenten habe immer die Frage offen gelassen: wo die Schlamm¬ 
massen bleiben. Jetzt bei der modernen Reinigung der städtischen Strassen, 
wie sie z. B. in Hamburg und in Frankfurt nach Berliner Muster eingeführt 
sei, bestehe schon die Schwierigkeit, wo den Kehricht lassen, denn die 
Landleute holen ihn nicht ab, die Städte müssen ihn los sein, sie bezahlen 
also Millionen jährlich, um ihn abzufahren. Trotzdem sie ihn umsonst auf 
das Feld hinausbringen, nehmen die Landleute ihn nicht, weil sie ihn nur 
zu einer bestimmten Jahreszeit brauchen können. Es müssen also bestimmte 
Flächen als Stapelplatz für den Kehricht angewiesen werden und das sei 
oft sehr schwer. Denn wo man damit hingehe, folge einem das drohende 
Auge der Sanitätsbehörde; die Bewohner der anliegenden Stadttheile be- 


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104 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

klagen sich; man sei verrathen und verkauft, man wisse nicht, wo man den 
Schmutz hinthun solle. Dies sei aber noch weit schlimmer, wenn auch noch 
die festen Stoffe eines städtischen Schwemmnetzes aufgestapelt werden 
müssen und man werde dann sehr leicht dazu kommen, diese unleidlichen 
Anhäufungen mittelst Wagenabfuhr wieder in den Fluss oder sonst wohin 
wegzufahren oder man stelle daraus in Poudrette- oder anderen Fabriken 
FormBteine her, wie dies vorhin in Bezug auf Halle als eine unschädliche 
oder gar angenehme Decoration für die Umgebung bezeichnet worden sei, 
während er nur constatiren könne, dass die vorhin herumgereichten Com- 
postplatten aus Halle einen so Übeln, widerlichen Geruch verbreitet hätten, 
dass man sie habe aus dem Saale schaffen müssen Das könne man doch 
nicht für eine befriedigende Lösung der Frage ansehen und desshalb möge 
die Versammlung sich doch ja in Acht nehmen, heute schon etwas vertreten 
zu wollen, was noch nicht als vollständig klar gestellt bezeichnet werden 
könne. 

Begiernngs- und Stadtbaumeister Heuser (Aachen) glaubt, dass 
erst nach einer Reihe von Jahren in Deutschland mit den verschiedenen 
Reinigungsmethoden genügende Erfahrungen gesammelt sein würden, um 
ein endgültiges Urtheil über dieselben zu ermöglichen. Aus diesem Grunde 
habe er im vorigen Jahre im Aufträge der Stadt Aachen England bereist, 
um die dortigen Anlagen zu besichtigen, die schon viel längere Zeit bestehen, 
Rieselanlagen sowohl wie künstliche Klärungsverfahren. In letzterer Be¬ 
ziehung sei in England ausserordentlich viel experimentirt worden und die 
Zahl von Patenten, welche auf Systeme und Chemikalien genommen worden 
seien, betrage wohl 500 bis 600. Davon sei aber wenig übrig geblieben, 
das meiste sei nach kürzerer oder längerer Zeit so zu sagen ins Wasser 
gefallen. Man habe dann auch verschiedene Anlagen combinirt; man habe 
häufig künstlich geklärt und das aus den Klärungsanlagen ablaufende Wasser 
durch weitere Filtration durch Erde oder durch Filtration durch andere 
Stoffe weiter gereinigt, man habe z. B. die chemische Klärung mit Riesel¬ 
anlagen verbunden und dergleichen. Eine Stadt, die das neuerdings aus¬ 
geführt habe, sei Birmingham. Diese Stadt habe seit längerer Zeit eine 
Klärungsanlage, die recht gut functionirt habe. Man habe sich aber trotz¬ 
dem entschlossen, ausserdem Rieselanlagen zu machen. Dem gegenüber 
stehe als anderes Beispiel Sheffield, welches eine sehr grosse Kläranlage vor 
einigen Monaten in Betrieb genommen habe. Sie sei nach dem Muster der¬ 
jenigen von Bradford erbaut, die schon seit längeren Jahren in Betrieb sei 
und sich ganz gut bewährt habe. Ohne auf alle Einzelheiten, die er dort 
gesehen habe, einzugehen, möchte er nur als Schlussresultat seiner dortigen 
Beobachtungen mittheilen, dass die durchgehende Meinung der gesaramten 
englischen Techniker — abgesehen von einzelnen Ausnahmen — dahin 
gehe, dass das Verfahren, welches am besten geeignet sei, die städtischen 
Abwässer zu reinigen, immer noch die Berieselung bleibe, dass aber dieses 
Verfahren in weit weniger Fällen anwendbar sei, als man früher voraus¬ 
gesetzt habe. Es erfordere erstens geeignete Bodenbeschaffenheit, geeignete 
grosse Landflächen, es erfordere, dass das Hinschaffen des Wassers bis zu 
diesen Landflächen nicht allzu theuer werde, dass das Aptiren der Land- 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 105 

fläche für die Berieselung nicht allzu grosse Kosten verursache und dass 
das Land zu Preisen gekauft werden könne, wie etwa der gewöhnliche prak¬ 
tische Landwirth, der von seinem Acker leben wolle, es auch kaufen würde. 
Wenn aber, wie das häufig in der Nähe der grossen Städte der Fall sei, der 
Preis von Grund und Boden plötzlich in die Höhe schnelle, namentlich 
wenn ruchbar werde, dass die Stadt kaufen wolle oder müsse, dann werde 
der Preis leicht so hoch, dass dadurch allein häufig die Anlage von Riesel¬ 
feldern unmöglich gemacht werde. Dann habe, sich ferner gezeigt, dass die 
Reinigung der Abwässer durch die Rieselanlagen in der Praxis meistens 
nicht in dem Grade erfolge, wie es wohl möglich sein würde. Es stehen 
sich da eben zwei Interessen gegenüber. Das eine Interesse verlange, dass 
das Wasser möglichst gut gereinigt werde; das Interesse des landwirt¬ 
schaftlichen Betriebes der Rieselfeldanlagen, welches in diesem Punkte 
durchaus mit dem Interesse der städtischen Verwaltung zusammengehe, 
laufe aber darauf hinaus, aus der Rieselanlage möglichst hohe Erträge zu 
erzielen. Wenn man das wolle, könne man es in sehr vielen Fällen und zu 
sehr vielen Zeiten nur dadurch, dass man die möglichste Reinigung des 
Wassers vernachlässige. Er habe tatsächlich auf seiner Reise bei mehreren 
Rieselanlagen, wohin er unerwartet gekommen sei, gesehen, dass das Wasser, 
welches von denselben abfliesse, nach dem Augenschein beurteilt, nicht 
klar, sondern in einzelnen Fällen sogar trüber gewesen sei, als dasjenige 
Wasser, welches aus chemischen Anlagen abgelassen worden sei. 

Es komme also nicht bloss darauf an, was man erreichen könnet son¬ 
dern was in der täglichen Praxis tatsächlich erreicht werde, und in dieser 
Beziehung könne man sagen, dass die Rieselfeldanlagen und auch manche 
chemische Klärungsanl&gen eine Reinigung des Wassers erzielen, mit der 
man sich in der Praxis wohl zufrieden geben könne, wenngleich sie nicht 
vollkommen sei. 

In chemischer Beziehung sei sehr viel versucht worden, und es seien 
auoh die Combinationen, die von Herrn Prof. Arnold als hier ausgeführt 
erwähnt worden seien, in England längst probirt worden. Beispielsweise 
bestehe in Bradford eine Klärungsanlage, bei welcher der Niederschlag des 
Schlammes durch Kalk erfolge, worauf eine aufsteigende, und zwar eine 
doppelte Filtrirung gegenwärtig durch Coaks stattfinde; das Wasser, wel¬ 
ches abfliesse, sei sehr rein. Andere Städte haben Kies als Filtermaterial 
verwandt. In Bradford habe man eine Zeit lang Torf benutzt, sei aber davon 
ftbgegangen — aus welchen Gründen, habe er nicht erfahren können, da 
dies schon vor längeren Jahren stattgefunden habe. In Frankfurt, dessen 
Kläranlage nach englischen Mustern erfolgt sei, folge auf die Niederschlagung 
des Schlammes keine Filtration; in Frankfurt scheine man dieselbe vorläufig 
nicht für nöthig zu halten. Es werde sich ja zeigen, ob die Erfahrung das 
bestätige. 

Ein weiterer wichtiger Punkt sei der Kostenpunkt, und da zeige sich, 
dass die Betriebskosten sehr variiren. Bei den Anlagen, die er besucht 
habe, stellen sich, soweit er habe erfahren können, diese Kosten pro Kopf 
der Bevölkerung auf etwa V* bis 2 und 3 Mk. jährlich, je nach den ört¬ 
lichen Verhältnissen und je nach der Grösse und Zweckmässigkeit der An¬ 
lage und des Betriebes. Diese Kosten seien so enorm hoch, dass er glaube, 


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106 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

dass man doch sehr überlegen müsse, ehe man einer Stadt zumuthe, jährlich 
so viel Geld für solche Zwecke auszngeben, namentlich wenn etwa nicht 
behauptet werden könne, dass durch die Einleitung der ungereinigten Ab¬ 
wässer wirkliche Uebelstände entstanden seien. Man könne die Reinigung, 
namentlich bei dem chemischen Verfahren, sehr weit treiben, und könne 
sich auch mit einem geringen Grade der Reinigung zufrieden geben. Je 
weiter man die Reinigung treibe, desto grösser seien die Kosten, und aus 
diesen praktischen Gründen glaube er, dass man die Forderungen nicht 
allzu schroff stellen sollte. Die englischen Städte seien im Allgemeinen 
finanziell sehr viel leistungsfähiger als die deutschen Städte, man sähe das 
dort an allen städtischen Anlagen, und spiele der Kostenpunkt in Deutsch¬ 
land noch eine viel wichtigere Rolle als in England. 

Weiter noch sei zu erwähnen, dass die Meinung der englischen 
Ingenieure im Allgemeinen jetzt dahin gehe, dass man überhaupt nicht eine 
bestimmte Reinigungseinrichtung, sei es eine einfache oder eine combinirte, 
als die beste empfehlen könne, sondern dass, man je nach der Lage der 
örtlichen Verhältnisse eine genaue Prüfung eintreten lassen und sich da¬ 
nach entscheiden müsse, was für diesen gegebenen Fall das beste sei, und 
das könne je nach Umständen sowohl eine Berieselungsanlage als eine che* 
mische Klärung sein. Jedenfalls aber solle man sich mit demjenigen Grade 
der Reinigung zufrieden geben, der durch die örtlichen Umstände zur Ver¬ 
meidung wirklicher Uebelstände bedingt werde. 

Stadtrath Trampe (Danzig) schliesst sich mit voller Ueberzeugung 
dem von den beiden Herren Referenten in Betreff der Rieselfelder Gesagten 
an, die sich für die Stadt Danzig in so segenbringender Weise bewährt 
hätten und denen in Verbindung mit der Ganalisation die Stadt Danzig es 
wohl in erster Linie zu verdanken habe, dass bei den letzten Choleraepidemieen 
der Jahre 1871 bis 1873, während die Krankheit in der nächsten Umgebung 
Danzigs furchtbar gewüthet habe, die Stadt selbst fast ganz verschont 
geblieben und wesentlich nur in den Theilen ergriffen worden sei, die noch 
nicht an die Canalisation angeschlossen gewesen seien. Diese Thatsache 
stehe fest und es sei wohl möglich, dass neben der Canalisation auch die 
Rieselfelder ihren Antheil daran haben, indem die in den Fäcalien Cholera¬ 
kranker enthaltenen und mit den letzteren nach den Rieselfeldern hinaus- 
gescbwemmten Bacillen dort durch schnelles Verdunsten und Versickern des 
Wassers trocken gelegt und vernichtet worden seien. Jedenfalls scheine 
durch den überaus günstigen Verlauf, welchen die letzten Choleraepidemieen 
im Gegensatz zu früheren Jahren in Danzig genommen haben, der Beweis 
erbracht zu sein, dass das Canalisations- und Rieselsystem nicht, wie von 
Gegnern desselben behauptet sei, zur Verbreitung der Cholera beigetragen 
habe, sondern dass dasselbe im Gegentheil in hervorragendem Maasse geeignet 
sei, diese Krankheit durch schleunige Beseitigung und Vernichtung der 
Ansteckungskeime mit Erfolg zu bekämpfen. 

Da sich zur Generaldiscussion Niemand mehr zum Worte gemeldet hat, 
wird dieselbe geschlossen und in die Specialdiscussion der einzelnen 
Thesen eingetreten. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 107 


These 1 : 

„Jede grössere, namentlich mit Wasserleitung versorgte Stadt 
kann der geregelten Entwässerung durch eine unterirdische 
Canalisation nicht entbehren, da die Schmutzwasser so rasch als 
thunlich aus dem Bereiche der Wohnungen entfernt werden müssen u , 

wird ohne Discussion angenommen. 

These 2: 

„Die Canäle sollen zur Aufnahme und sicheren Abführung der 
gesammten Schmutzwasser, einschliesslich der Closetab¬ 
gänge, geeignet sein und je nach Lage der Ortsverhältnisse auch 
das Regenwasser mit abführen können, sofern für letzteres 
keine besondere Ableitung vorzusehen ist.“ 

Stadtbaumeister Stflbben (Köln) wendet sich gegen die Form der 
These 2, weil diese die Vermuthung aufkommen lassen könne, als wolle die 
Versammlung beschliessen, grundsätzlich sei eine getrennte Canalisation an- 
zuBtreben, grundsätzlich sei das Regenwasser aus den Canälen fern zu halten 
und nur „je nach der Lage der Ortsverhältnisse“, also gewissermaassen aus¬ 
nahmsweise, diesen zuzuführen. Damit bezeichne man alle bis jetzt in 
Deutschland ausgeführten Canalisationsanlagen als fehlerhaft, was gewiss 
nicht beabsichtigt sei. Wohl aber stehe er auf dem Standpunkte, dass man, 
wenn man ein Canalisationsproject bearbeite, zunächt suchen solle, sich 
derjenigen Regenwässer zu entledigen, die man, sei es oberirdisch, sei es 
durch vorhandene Canäle, oder sei es durch kurze Stichcanäle, dem Flusse 
zuführen könne, ohne dass man sie in die allgemeine Canalisation aufnehme. 
Meist seien es aber verhältnissmässig geringe Regenwassermengen, die man 
von dem Canal fern halten könne, wenn man nicht finanziell hohe Opfer 
bringen wolle. Von einem vollständig getrennt durchgeführten Canalnetz 
oder, um die Sache besser zu bezeichnen, zwei getrennten Canalisations- 
netzen in der Stadt habe uns doch Herr Kaumann an dem Beispiele von 
Prag gezeigt, dass das ungefähr die doppelten Kosten verursachen würde. 
Das liege daran, dass in den meisten städtischen Strassen bei richtiger 
Anlage der Schwemmcanalisation nur Rohrcanäle zu liegen kommen, die 
also bei einheitlichem Schwemm System einfach, bei der Abtrennung des 
Regen wassere doppelt erforderlich seien. 

Die QuerschnittBersparniss, die man bei Ausschluss des Regenwassers 
in diesen Schwemmcanalrohren gewinne, schlage gar nicht durch, da die 
Kosten von Rohrcanälen sich im Grossen und Ganzen sehr wenig nach dem 
Querschnitte richten, sondern weit mehr nach der Arbeit der Verlegung. 
Ausserdem sei es technisch doch gewiss bedenklich, in Städte, die so 
ausserordentlich von Rohrleitungen aller Art durchzogen seien, ohne Noth 
nun nochmals ein besonderes Canalnetz hineinzubringen. Köln habe Strassen, 
wo 7 bis 8 Rohrleitungen sich den Platz streitig machen und wo es einem 
schon ausserordentlich schwierig werde, nachträglich einen einzigen Canal 
auszuführen. Hier nun einem Princip zu Liebe, das man übrigens auch 


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108 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

gesundheitlich anfechten könne, noch einen zweiten Canal anzubringen mit 
fast verdoppelten Kosten, sei nicht richtig. 

Die sanitären Bedenken, die gegen diese getrennte Abführung des 
Regenwassers unter Umständen vorliegen, seien die, dass der Schmutz der 
Strassen, der Schmutz der Höfe fast eben so sehr sanitären Bedenken unter¬ 
liege und unter Umständen ebenso der Reinigung bedürfen werde wie die 
anderen Stoffe; auch sei das Regenwasser als Spülwasser für die Schmutz¬ 
canäle von erheblicher Bedeutung. Desswegen schlage er in Gemeinschaft 
mit Herrn Oberingenieur Meyer vor, diese These 2 wie folgt zu fassen: 

„Die Canäle sollen zur Aufnahme und sicheren Abführung der 
gesammten Schmutzwasser, einschliesslich der Closetabgänge und 
des Regen Wassers, geeignet sein, in so weit nicht die örtlichen 
Verhältnisse die besondere Ableitung des Regenwassers als zweck¬ 
mässig erscheinen lassen. tt 

Nachdem die Herren Referenten sich mit dieser veränderten Fassung 
der These 2 einverstanden erklärt haben, wird dieselbe bei der Abstimmung 
nach dem Antrag des Herrn Stadtbaumeister Stübben angenommen. 


T h e 8 e 3. 

„Die städtischen Abwässer dürfen in der Regel erst nach 
erfolgter Reinigung den öffentlichen Flussläufen zugeführt 
werden.“ (cf. d. Resolut. Pkt. 1, d. IV. Versammlung des Vereins 
zu Düsseldorf, 1876.) 

Oberbürgermeister Becker (Köln) beantragt im Anschluss an das 
von ihm bei der Generaldiscussion Mitgetheilte au Stelle der von den 
Referenten vor geschlagenen These 3 die folgende These zu setzen: 

„Die Reinigung der städtischen Abwässer vor ihrer Zuführung 
in die Flussläufe bleibt vor wie nach anzustreben. Bei dem jetzi¬ 
gen Stande der Technik und den erheblichen, mit jeder Reinigung 
verbundenen Kosten empfiehlt es sich jedoch, die Forderung der 
Reinigung nur in denjenigen Fällen zu erheben, wo gesundheitliche 
Missstände zu befürchten sind oder sonstige erhebliche Uebelstände 
sich fühlbar machen und nur in einem solchen Umfange, als zur 
Beseitigung dieser Uebelstände geboten ist.“ 

Durch den voran gestellten Satz werde die Continuität der heutigen These 
mit der Düsseldorfer Resolution gewahrt und das Princip, das der Verein 
erstreben wolle und müsse, aufrecht erhalten. Dagegen entspreche es dem 
praktischen Bedürfnis, den im zweiten Satz ausgesprochenen Vorbehalt zu 
machen, einen Vorbehalt, der in ähnlicher Weise auch in der Düsseldorfer 
Resolution enthalten sei, durch die Forderung, der Staat solle mit Rücksicht 
auf die Grösse des Wasserlaufs, die Geschwindigkeit desselben etc. die 
Normen gesetzlich feststellen, unter denen die Klärung geboten erscheine. 
Diese gesetzliche Fixirung sei bis jetzt von keinem Staate versucht worden 
und werde sich wohl auch so leicht nicht machen lassen. Da liege es viel 
näher, vpn Fall zu Fall eine Püfung eintreten zu lassen, wie dies die oben 
vorgeschlagene These ausspreche. 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 109 

8tadtrath Marggraff (Berlin) findet, dass der zweite Satz des 
Becker*sehen Antrages, namentlich der Schluss desselben, der die Forde¬ 
rung der Reinigung nur insoweit verlange, als zur Beseitigung von Uebel- 
ständen geboten sei, über das hinausgehe, was der Verein .sich zur Aufgabe 
gestellt habe und ihn von dem Ziel wieder zurücktreibe, das er schon er¬ 
reicht habe. Der Verein müsse doch einen etwas idealeren Standpunkt fest- 
halten und nicht so weit gehen, hei der Canalisation ausschliesslich an die 
Geldfrage anzuknüpfen. Er halte These 3, wie sie die Herren Referenten 
vorgeschlagen hätten, durchaus nicht für bedenklich, könne allenfalls auch 
einer Resolution zustiromen, die erkläre, der Verein stehe nach wie vor auf 
dem Standpunkte der Düsseldorfer Resolution, nicht aber könne er den 
Becker*sehen Antrag unterstützen. 

Oberingenieur Andreas Meyer (Hamburg) erinnert daran, dass der 
Standpunkt auf der Düsseldorfer Versammlung der gewesen sei, dass der 
Verein erklärt habe, es komme auf das Verhältnis der Schmutzwassermenge 
einer Stadt zu der Wassermenge des vorbeifliessenden Stromes während der 
trockenen Jahreszeit an und dieses Verhältnis müsse so günstig sein, dass 
kein sanitärer Nachtheil durch das Einlassen des Schmutzwassers der Stadt 
in den Strom nachgewiesen werden könne. Zu dem Zwecke habe damals 
der Verein beim Reichskanzleramt beantragt, Untersuchungen hierüber in 
den deutschen Flüssen vornehmen zu lassen und habe diesen Wunsch später 
auf dem Berliner Gongress erneuert und den früheren Standpunkt der Be- 
urtheilung von Fall zu Fall wieder betont, gegenüber der These des Herrn 
Virchow, dass jede Stadt von 100 000 Einwohnern und mehr in Betreff 
ihrer Abwässer vom Flusse abgesperrt werden müsse, einer These, der der 
wesentlich aus praktischen Hygienikern bestehende Verein nicht habe bei¬ 
stimmen können, da durch solch willkührliches Verdict den Städten un¬ 
geheurer Schaden zugefügt werde. Ganz allgemein die Einleitung unreiner 
städtischer Abwässer in die Flüsse zu verbieten, sei unzweckraässig und 
gesundheitsschädlich und er trete vollständig dem Anträge des Herrn Ober¬ 
bürgermeister Becker bei, der betone, dass es wünschenswerth sei, da, wo 
ein Missverhältnis von Stadt und Fluss bestehe, einzugreifen, der aber nicht 
weiter gehe. Das könne man vielleicht in einigen Jahren schon thun, so¬ 
bald sich ein für grössere städtische Schmutzwassermengen wirklich durch¬ 
führbares Klärverfahren erprobt habe; vielleicht seien bis dahin auch die 
Untersuchungen über Grenzwerthe angestellt. Für heute aber halte er 
es nicht für rathsam, weiter zu gehen und spreche er sich desshalb ent¬ 
schieden für die Annahme des Antrag Becker aus. 

Bflrgermeister Frnncke (Stralsund) betont, dass damit gar nichts 
gesagt sei, es sei schädlich, Abwässer in Flüsse zu leiten, es komme eben 
Alles darauf an, wie gross die Flüsse und wie gross die in sie entwässernden 
Städte und die Menge der Abwässer und sonstigen schmutzigen Flüssig¬ 
keiten, die in den Fluss gelangen, seien. Da bisher von den Gegnern der 
Schwemmcanalisation die Thatsache beharrlich todtgeschwiegen werde, dass 
in vielen Fällen, in denen Abwässer von Schwemmcanälen in den Fluss 
gehen, sich durchaus kein Missstand ergeben habe, wie beispielsweise in 


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110 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

Hamburg-Altona, in Magdeburg, [in Lübeck, in Düsseldorf etc., so sei es 
Sache des Vereins, dieser Frage praktisch näher zu treten. Nun habe ja 
der Verein beim Gesundheitsamte beantragt, man möge auf Grund der 
thatsächlich vorliegenden Verhältnisse ermitteln, wie es mit den Flüssen 
stehe. Da das vom Gesundheitsamte nicht geschehen sei, sei es nunmehr 
Sache des Vereins, diese Untersuchungen selbst vornehmen zu lassen und 
stelle er desshalb folgenden Antrag: 

Der Verein beschliesst, chemische Untersuchungen der Elbe 
unterhalb Magdeburgs und Altonas, des Rheins unterhalb Düssel¬ 
dorfs und der Trave und der Wakenitz unterhalb Lübecks in Be¬ 
zug auf das Einfliessen der Schmutzwässer der betreffenden Städte 
zu veranstalten und beauftragt einen Vorstand mit der Ausführung 
dieses Beschlusses — 

eventuell, den auf derartige Untersuchungen gerichteten 
Antrag des Vereins an das Reichsgesundheitsamt zu wiederholen. 

Correferent Profe 880 r Arnold wendet sich gegen den Becker’- 
sehen Antrag, weil hier im Verein nicht Verwaltungsmaassregeln oder der 
Geldsäckel als Basis der Berathungen betrachten werden müssten, sondern 
lediglich der sanitäre Standpunkt Er könne desshalb nur dem ersten Theil 
des Antrages zustimmen, der besage, in Uebereinstimmung mit den Düssel¬ 
dorfer Beschlüssen sei der Verein der Ansicht, dass nach wie vor eine 
Reinigung der Abwässer zu erstreben sei. Der zweite Theil des Antrages 
Becker aber muthe dem Verein zu, nachdem er 10 Jahre für eine Sache 
gekämpft habe, nun die Flinte ins Korn zu werfen. 

Stadtbaumeister Stübben (Köln) bittet aus praktisch sanitären 
Gründen, nicht bloss wegen allgemeiner Verwaltungsrücksichten dem Anträge 
Becker zuzustimmen. An der Donau wie am Rhein gebe es manch eine 
Stadt von 10- bis 15000 Einwohnern, die bisher ihre Jauche oberirdisch 
in den Fluss laufen lasse und es habe keiner gerügt, dass dies in sanitärer 
Beziehung nachtheilig sei; noch weniger sei ein praktischer Beweis erbracht 
worden. Er halte es daher für etwas gewagt, wenn man sage, das Einlaufen 
eines solchen Wassers sei in der Regel sanitär bedenklich. Dadurch, dass 
dieser Ausspruch gethan worden sei, sei bis jetzt nichts im gesundheitlichen 
Interesse erzielt worden, sondern es habe sich im Gegentheil manche gesund¬ 
heitliche Maassnahme verzögert. Wenn man diese Stadt am Rhein von 
lO-bis 15000 Einwohnern schliesslich dahin bringe, dass sie die Canalisation 
ausführe — es sei das schon sehr schwer, sie müsse vielleicht 300- bis 
400 000 Mk. dafür ausgeben — und nun wolle man sie auch noch nöthigen, 
eine Klärung derjenigen Wasser vor dem Einlaufen in den Fluss vorzu¬ 
nehmen, welche bisher oberirdisch unbeanstandet dem Flusse zugeführt 
worden seien, so verlange man von der Stadt, damit sie die Canalisation 
vornehme, annähernd die doppelte Ausgabe und erziele damit in der Regel, 
dass die Ausführung ganz unterbleibe. Daraus folge, dass es aus praktisch 
sanitären Gründen nicht zweckmässig sei, dabei stehen zu bleiben, dass man 
sage, man verlange die Klärung, denn damit verzichte man in der Regel 
auf die sanitäre Besserung überhaupt. Nichts könne den Verein als sanitäre 


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liebe* Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 111 

Körperschaft zwingen, in der Regel von allen diesen Städten eine Reinigung 
zu verlangen, wenn man sehe, wie diese Flüsse, welche die Ableitungen 
ungeheuer grosser Entwässerungsbezirke bilden, bisher oberirdisch die Ab¬ 
wässer der Städte und der Ländereien aufgenommen haben, ohne dass irgend 
ein nachweislich gesundheitlicher Nachtheil erzeugt worden sei. 

Wenn man bei Rolandseck auf dem Rheine im Kahne lustfahre, und 
Lieder singe vom schönen Rhein und von Wein und Liebe — denke Nie- 
man daran, dass von St. Gotthard in der Schweiz bis dahin alle Abwässer 
in den Rhein gegangen seien, wenn man sehe, wie klar und schön das 
Wasser sei, weil eben der Vater Rhein es verstanden habe, auch die länd¬ 
lichen und städtischen Schmutzwasser zu reinigen, weil eben der Vater 
Rhein für die Massen, die ihm zugeflossen seien, die allerbeste Canalwasser¬ 
reinigungsanstalt gewesen sei, die man überhaupt erfinden könne. DesBhalb 
stehe er doch durchaus nicht auf dem Standpunkte, dass man die Schmutz- 
wässer überhaupt nicht reinigen solle, wohl aber glaube er, dass es verkehrt 
sei, zu sagen, es müsse in der Regel gereinigt werden, ohne Rücksicht 
auf Quantität und Qualität des Schmutzwassers einerseits, des Flusswassers 
andererseits. Darauf komme es in erster Linie an. Er bitte daher sehr, 
das Verlangen, zu reinigen, erst dann auszusprechen, wenn wirklich prak¬ 
tische Veranlassungen, gesundheitliche Befürchtungen und örtlich begründete 
Bedenken vorliegen. 

Sanitätsr&th Dr. Hüll mann (Halle a. S.) bittet, den Umstand, dass 
der Verein vor zehn Jahren in Düsseldorf auf einem anderen Standpunkte 
gestanden habe als heute, nicht alB maassgebend für die heutigen Ent- 
schliessungen ansehen zu wollen. Damals habe man eben noch nicht so 
wie heut zu Tage gewusst, dass das Wasser selbst das beste Reinigungsmittel 
sei. Darum spreche er sich für den Beck er* sehen Antrag aus. Wenn 
die Aufsichtsbehörden auf ihren bisherigen Anschauungen beharren und alle 
Städte zwingen sollten, ihre Abwässer nur in vollkommen gereinigtem Zu¬ 
stande in die Flüsse einzuleiten, so würde dieB den Städten so hohe Kosten 
verursachen, dass viele von ihnen durch dieselben ihrem wirthschaftlichen 
Ruin nahe gebracht werden möchten. 

Geh. Medicinalrath Dr. Günther (Dresden) bemerkt zu dem An¬ 
träge des Herrn Bürgermeister Fr an ck e, der Verein solle selbst Fluss- 
untersuchungen vornehmen lassen, dass in Sachsen in vier kleinen Flüssen 
derartige Untersuchungen in verhältnissmässig kleinem Maassstabe vor¬ 
genommen worden seien, die Kosten dafür aber ganz bedeutende gewesen 
seien und man trotzdem nicht im Stande gewesen sei, aus den Beobach¬ 
tungen sanitäre Rückschlüsse abzuleiten. 

Oberingenieur Andreas Meyer (Hamburg) spricht ebenfalls gegen 
die Ausführungen solcher Untersuchungen durch den Verein, der weder die 
Kosten dafür ausgeben könne, noch auch die Stellung einnehme, welche ihn 
zu der selbstständigen Durchführung einer so weit verzweigten, in das Ressort 
der Staatsverwaltungen so tief eingreifenden Arbeit befähige. Ohne Zu¬ 
ziehung der Strombauverwaltungen sei dieselbe undurchführbar und diese 


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112 XUL Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

werden nur in die Arbeit eintreten können, wenn sie von ihren Regierungen 
dazu beauftragt und mit den entsprechenden Geldmitteln versehen werden. 
Es bedürfe also für das Gebiet des Deutschen Reiches der Initiative und Füh¬ 
rung der Reichsregierung, der Verein werde damit nicht zu Stande kommen. 

Hiermit ist die Discussion über These 3 geschlossen. Bei der Ab¬ 
stimmung wird der Antrag Becker mit grosser Majorität angenommen, 
der Antrag Francke hingegen in seinen beiden Theilen ahgelehnt. 


T h e 8 e 4. 

Zur Unschädlichmachung der städtischen Schmutzwasser und 
zur gleichzeitigen Verwerthung der in denselben enthaltenen Dung- 
stoffe ist bis jetzt die Berieselung von Feld- und Wiesenflächen 
das* geeignetste Mittel, (cf. d. Resolut. Pkt. 2 der IV. Versammlung 
des Vereins zu Düsseldorf, 1876.) 

Correferent Prof©8SOr Arnold: Nachdem Punkt 3 der Thesen, 
im Sinne des Herrn Oberbürgermeisters Becker abgeändert, angenommen 
und darin im Vordersätze ausgesprochen worden sei, „dass nach wie 
vor die Reinigung der Abwässer vor dem Einlaufen in die 
Flüsse zu erstreben sei“, so glaube er in Uebereinstimmung mit dem 
Herrn Referenten Kau mann, dass der Verein in die „technische Frage“ 
weiter nicht eintreten solle, sie ziehen in Folge dessen die Thesen 4 und 5 
zurück — und überlassen es den einzelnen Communen und den Behörden, 
nach dem Stande der Wissenschaft und Technik in jedem Falle zu ent¬ 
scheiden, ob sie die Berieselung oder die künstliche Reinigung 
vorziehen. 

Geh. Oberregierungsrath Goltz (Berlin) glaubt, auch nachdem die 
Herren Referenten die These 4 zurückgezogen haben, zu seiner wie vielleicht 
auch zur Belehrung Anderer eine Frage betreffs der Breslauer Berieselung 
an Herrn Stadtbaurath Kau mann stellen zu sollen. Der Herr Referent 
habe wiederholt die Ziffern von 400 Einwohnern auf den Hektar Riesel¬ 
fläche als die in Breslau maassgebende und bewährte angegeben. Diese 
Ziffer, glaube er, müsse doch wohl zunächst dahin richtig gestellt werden, 
dass es sich um aptirte Rieselflächen handle. Wenn das aber auch von 
Herrn Baurath Kau mann gemeint sei, dass die Ziffer 400 auf den Hektar 
nur auf aptirte und drainirte Flächen sich beziehe, so sei die Ziffer doch 
für ihn noch immer einigermaassen überraschend gewesen. Die Commission, 
welche die Ressortminister zur Beaufsichtigung der städtischen Rieselgüter 
in Berlin eingesetzt haben, und der er die Ehre habe anzugehören, sei nach 
langen Debatten und vielfachen örtlichen Untersuchungen zu dem Ergebniss 
gekommen, dass für die Umgebung Berlins die Ziffer von 250 Einwohnern 
auf den aptirten Hectar als Normalziffer anzusehen sei, und daraufhin seien 
auch alle die Anforderungen basirt, die von Seiten der Minister an die Stadt 
Berlin in Bezug auf die Ausdehnung und den weiteren Erwerb von Riesel¬ 
feldern gestellt worden seien. Wenn nun in Breslau, wo in Bezug auf die 
Boden beschaffenbeit doch ziemlich ähnliche Verhältnisse vorliegen wie in 


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Ueber Reinigungsmethoden der städtischen Abwässer. 113 

Berlin, wirklich mit 400 Einwohnern auf den Hektar gerechnet werden 
könne, dann würde es doch von Erheblichkeit sein, zu wissen, ob diese 
Ziffer wirklich ermittelt und bewährt sei, denn dann würden sich ja die 
Anforderungen an die Städte, welche sich für Schwemmcanalisation mit 
nachfolgender Berieselung entschieden, erheblich billiger stellen. 

Referent St&dtbaumelster Kau mann erwidert, er habe die Ziffer 
von 400 pro Hektar nur als eine ungefähre hingestellt, habe aber besonders 
dabei ausgesprochen, oder wenigstens aussprechen wollen, dass man in 
Breslau mit der Aptirung ungeachtet jener Ziffern weiter gehen werde, so 
lange noch irgendwie die Besorguiss der Ueberdüngung der disponiblen 
Flächen vorliege. Auch könne er sich sehr leicht denken, dasB 250 Per¬ 
sonen schon genügen, um eine hinreichende Düngung für einen Hektar Riesel¬ 
feld zu liefern, obschon bis jetzt die Erfahrung auf den Breslauer Rieselfeldern 
die sei, dass die Pächter sagen, man möge ja nicht mehr aptiren, sie 
selber bekämen ja jetzt schon nicht mehr genug Canalwasser und zwar 
jetzt, wo erst 659 ha Rieselfelder vorhanden seien. Uebrigens habe er mit 
der Ziffer durchaus nichts Feststehendes, durchaus keine Norm geben wollen. 


Hiermit ist die Discussion geschlossen und der Gegenstand erledigt. 

Es lauten nunmehr die vom Verein angenommenen 

Resolutionen: 

1. 

„Jede grössere, namentlich mit Wasserleitung versorgte Stadt kann 
der geregelten Entwässerung durch eine unterirdische Cana- 
lisation nicht entbehren, da die Schmutzwasser so rasch als 
thunlich aus dem Bereiche der Wohnungen entfernt werden müssen. 

2 . 

„Die Canäle sollen zur Aufnahme und sicheren Abführung der 
gesammten Schmutzwasser, einschliesslich der Closet- 
abgä ngeund des Regen wassers, geeignet sein, insoweit nicht 
die örtlichen Verhältnisse die besondere Ableitung des Regen wassers 
als zweckmässig erscheinen lassen. 

3. 

„Die Reinigung der städtischen Abwässer vor ihrer 
Zuführung in die Flussläufe bleibt vor wie nach anzustreben. Bei 
dem jetzigen Stande der Technik und den erheblichen, mit jeder 
Reinigung verbundenen Kosten empfiehlt es sich jedoch, die For¬ 
derung der Reinigung nur in denjenigen Fällen zu erheben, wo 
gesundheitliche Missstände zu befürchten sind oder sonstige erheb¬ 
liche Uebelstande sich fühlbar machen und nur in einem solchen 
Umfange, als zur Beseitigung dieser Uebelstände geboten ist.“ 


Schluss der Sitzung 1 / 2 2 Uhr. 


Vierteli*hrsschrift f(i r Gesundheitspflege, 1887. 


8 


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114 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 


Dritte Sitzung. 

Mittwoch, den 15. September, Vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender Oberbürgermeister Friedensburg eröffnet die 
Sitzung mit der Mittheilung, dass zwei der geladenen Ehrengäste, Se. Ex- 
cellenz der Herr Oberpräsident der Provinz v. Seydewitz und Se. Excellenz 
der Herr Stadt-Coinmandant General-Lieutenant v. Grote der Sitzung bei¬ 
wohnten und begrüsste Namens des Vereins die beiden Herren unter dem 
Ausdrucke der grossen Genugthuung und Freude, dass dieselben dem Ver¬ 
ein die Ehre ihres Besuches haben zu Theil werden lassen. 

Oberpräsident V. Seydewitz, Exc.: „Meine Herren! Ich habe um 
Nachsicht zu bitten, dass ich nicht früher in Ihrer Mitte erschienen bin, 
wie es meine Absicht gewesen ist. Es ist Ihnen wohl bekannt, dass ich 
anderweitige amtliche Abhaltung gehabt habe, die es mir zu meinem Be¬ 
dauern unmöglich machten, früher bei Ihnen zu sein. Ich bitte, dass Sie 
meine bisherige Abwesenheit nicht als Mangel an Theilnahme für diejenigen 
Interessen, die Sie vertreten, ansehen wollen. Ich habe ein volles und 
offenes Herz für die Angelegenheiten, die Sie vertreten, und wünsche, dass 
Ihre Berathungen zu einem glücklichen, unserem theuren Vaterlande nütz¬ 
lichen Erfolge führen.“ 

Vorsitzender Oberbürgermeister Friedensburg stellt nun¬ 
mehr den 

Antrag des Comites des VI. internationalen Congresses für 
Hygiene und Demographie zu Wien 1887, 

zur Verhandlung, der, wie in der ersten Sitzung mitgetheilt, dem Aus¬ 
schuss den Wunsch ausspreche, im Jahre 1887 eine Versammlung des Deut¬ 
schen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege ausfallen zu lassen und da¬ 
für die Mitglieder einzuladen, dem internationalen hygienischen Congresse 
in Wien im September 1887 beizuwohnen. 

Der Ausschuss hatte diesen Wunsch des Wiener Comites dem Verein 
mitgetheilt, um dessen Ansicht darüber zu hören (s. oben S. 8) und hatte 
bereits in der ersten Sitzung der seitens des Wiener Comites zu diesem 
Zwecke eigens nach Breslau gesandte Delegirte 

Professor Ritter Franz V. Gruber in längerer Auseinandersetzung 
dem Vereine die Gründe dargelegt, die das Wiener Comite bestimmt haben, 
dem Vereine die Bitte vorzulegen, im Jahre 1887 seine Jahresversammlung 


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Sechster internationaler hygienischer Congress. 115 

Ausfallen zu lassen. Veranlassung hierzu habe in erster Linie der Wunsch 
gegeben, dass dem bevorstehenden Wiener Congresse der den letzten hygie¬ 
nischen Congressen mangelnde Charakter des „internationalen u wiedergegeben 
werde und zwar wesentlich durch eine möglichst rege Betheiligung des 
bisher stets sehr schwach vertretenen deutschen Elementes; ferner habe 
der Gedanke, dass ein nahezu gleichzeitiges Tagen zweier hygienischer 
Congresse, des „Deutschen“ und des „Internationalen“, beiden Versamm¬ 
lungen schaden könne und schliesslich die Mittheilung des ständigen Secre- 
tärs des Deutschen Vereins in der Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege, dass der Ausschuss bereits einmal einen zweijährigen Turnus 
der Vereinsversammlungen besprochen habe, das Comite veranlasst, die 
vorerwähnte Bitte an den Verein zu richten. Redner schloss hieran ein¬ 
gehende Mittheilungen über die geplante Organisation des ganzen Congresses, 
die Thätigkeit der einzelnen Sectionen, die getroffene Auswahl der Themata 
und die dafür bereits gewonnenen oder aufgeforderten Referenten. 

Es entspann sich über den Gegenstand eine sehr eingehende Dis- 
cussion, an der sich die Herren Oberbürgermeister Bötticher (Magde¬ 
burg), Stadtrath Hendel (Dresden), Professor Hermann Cohn (Breslau), 
Generalarzt Prof. Dr.‘ Roth (Dresden), Oberingenieur Andreas Meyer 
(Hamburg), Professor Ritter v. Gruber (Wien), Dr. Eduard Schiff 
(Wien), Sanitätsrath Dr. Noetzel (Colberg) und der ständige Secretär, 
Sanitätsrath Dr. Spiess, betheiligten und in deren Verlauf folgende An¬ 
träge eingebracht wurden: 

Antrag von Stadtrath Hendel: „Die heutige Versammlung 
des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege empfiehlt 
zwar seinen Mitgliedern die thunlichst zahlreiche Betheiligung an 
dem nächstjährigen internationalen Congresse, erachtet jedoch für 
zweckmässig, dass auch im nächsten Jahre der Deutsche Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege in der bisher üblichen Weise 
zuBammentrete.“ 

Antrag von Oberingenieur Andreas Meyer: „Der 
Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege hält die von dem 
Ausschüsse des internationalen Congresses erbetene Theilnahme des 
Vereins an dem nächstjährigen internationalen Hygiene-Congresse 
in Wien unter Absehung von einer anderswo stattfindenden Jahres¬ 
versammlung mit den Zielen des Vereins vereinbar, überläsBt aber 
die Frage, ob und in welcher Form ein solches Zusammengehen mög¬ 
lich und zweckmässig sei, der Entscheidung seines Ausschusses.“ 

Antrag von Sanitätsrath Dr. Nötzel: „DieVersammlung 
ersucht den Ausschuss, sämmtliche Mitglieder des Deutschen Vereins 
über die Annahme der Einladung zu befragen.“ 

Bei der DiscusBion fand die Einladung des Wiener Comites allseitig 
sympathische Aufnahme, man hielt es für sehr wünschenswerth, wenn das 

8 * 


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116 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

deutsche Element auf dem Wiener Congresse mehr, als es auf den bisherigen 
internationalen hygienischen Congressen der Fall war, vertreten werde und 
der internationale Congress einen möglichst günstigen Verlauf nehme; man 
war auch der Ansicht, dass das gleichzeitige oder fast gleichzeitige Tagen zweier 
Congresse, die nahezu dieselben Zwecke verfolgen, beiden Congressen schaden 
könne, man hob den Nutzen der persönlichen Bekanntschaft mit gleichstre¬ 
benden Männern anderer Länder hervor, — aber man war doch auch allsei¬ 
tig der Ansicht, dass es schwer sei, schon jetzt einen definitiven Beschluss zu 
fassen, da wohl erst genau geprüft werden müsse, in wie weit ein solches 
Aussetzen der Vereinsversammlungen nach den Satzungen zulässig sei und 
da sich jetzt noch gar nicht übersehen lasse, ob nicht im nächsten Jahre 
wichtige Gründe vorliegen, die Vereinsversammlung abzuhalten. Wurden 
doch auch von manchen Seiten schwerwiegende Gründe gegen den Wiener 
Antrag vorgebracht, z. B. dass wichtige hygienische Fragen, die für unsere 
vaterländischen Verhandlungen von grosser Bedeutung seien, sich auf inter¬ 
nationalen Congressen nicht verhandeln lassen, dass auf diesen die Sprachen¬ 
frage ein nahezu unübersteigbares Hinderniss für eine fruchtbringende 
Verhandlung bilde, dass es nöthig sei, die Continuität in unseren Versamm¬ 
lungen zu erhalten, solle nicht das Interesse der Mitglieder an den Arbeiten 
des Vereins abnehmen und dieser dadurch an Bedeutung verlieren, — dass 
auch bisher stets mancherlei verwandte Vereine im selben Jahre getagt 
haben, beispielsweise die hygienische Section der Naturforscherversammlung 
ganz gut neben dem hygienischen Congresse hergehe und dass man die 
Jahresversammlungen nicht aussetzen solle, wenn nicht die allerzwingend¬ 
sten Gründe (wie s. Z. der Brand der Hygieneausstellung) dies forderten. 
Allgemein fand der Wiener internationale Congress warme Sympathie und 
wurde der Wunsch einer möglichst zahlreichen Betheiligung seitens der 
deutschen Hygieniker ausgesprochen, aber es wurde mit Recht auch die 
Frage aufgeworfen: wer von den Mitgliedern des Deutschen Vereins steht 
dem internationalen Congresse nicht nur sympathisch gegenüber, sondern 
wer beabsichtigt auch hinzugehen, und liegt hierin genügender Grund, die 
Vereins Versammlung im nächsten Jahre auszusetzen? 

9 

Bei der Abstimmung wurde der Antrag des Herrn Oberingenieur 
Meyer mit grosser Mehrheit angenommen, die beiden anderen Anträge 
gelangten daraufhin nicht zur Abstimmung. 

Zum Schluss sprach Herr Dr. Schiff (Wien) den Wuusch aus, dass, 
wenn der Ausschuss beschliessen solle, dass der Verein als solcher nicht 
nach Wien gehe, er sich doch mindestens durch officielle Delegirte bei dem 
internationalen Congresse möge vertreten lassen. 


Die Versammlung tritt hierauf in die Behandlung des letzten Gegen¬ 
standes der Tagesordnung ein: 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 117 


Moderne Desinfectionsteclinik mit besonderer 
Beziehung auf öffentliche Desinfectionsanstalten. 


Referent: Professor Dr. Franz Hofmann (Leipzig): 

„Meine hochgeehrten Herren! 

„Der Ausschuss des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege hat Herrn 
Bezirksphysicus Jacoby und mich beauftragt, hier ein Referat über die 
moderne Desinfectionstechnik mit besonderer Beziehung auf öffentliche Des- 
iufectionsanstalten zu geben. Ich freue mich, dass das Thema in* dieser 
Weise eng begrenzt worden ist, und zwar darum, weil es dann nicht mehr 
nöthig ist, auf die ganze Unzahl von verschiedenen Desinfectionsverfahren, 
Desinfectionsobjecten und Desinfectionsmitteln einzugehen, die die Gegen¬ 
wart erfunden hat und anpreist. Der Schwerpunkt unserer Verhandlung 
ruht also nur auf dem Verfahren der Desinfection in den öffentlichenDes- 
infectionsanstalten. Sie wissen, dass in den jüngsten Jahren, namentlich 
seit dem Ausbruch der Cholera in Südfrankreich und in Italien, eine Reihe 
von Städten, auch in Deutschland, bereits jetzt Desinfectionsanstalten, 
sowohl für specielle Zwecke, für Hospitäler, als auch für allgemeine öffentliche 
Zwecke errichtet hat. Es besteht kein Zweifel, dass eine grosse Anzahl 
von Städten auch gegenwärtig gewissermaassen ganz nahe daran ist, solche 
Einrichtungen zu treffen, und ich wünsche nur, dass die heutige Versamm¬ 
lung recht klare und präcise Ziele nach dieser Richtung hin ergiebt. 

„Die Thesen, die Ihnen hier vorliegen, stammen zum Theil von mir, 
zum Theil von meinem Herrn Correferenten, und dies ist der Grund, wess- 
halb sie sich in der einen oder anderen Fassung dem Sinne nach nahezu 
decken. 

„Die erste der Thesen von mir lautet: 

Anlagen wirksamer Desinfectionseinrichtungen erscheinen als 
Pflicht der Gemeinden im öffentlichen Interesse. 

„Ich darf einschalten, dass ich hier die Gemeinden als Gesensatz von 
Privatunternehmungen auffasse, und es gänzlich dahin gestellt sein lasse, 
ob die Gemeinden allein oder mit Hülfe des Staats die Desinfectionsanstalten 
etabliren. Sie können gerade so gut den ersten Theil der zweiten These 
an nehmen, in welchem es heisst: 

Jede grössere Stadt bedarf einer oder mehrerer stationärer 
öffentlicher Desinfectionsanstalten. 

„Diese erBte These oder den ersten Satz der zweiten These möchte 
ijh in folgender Weise begründen. Bekanntlich besteht eine Reihe von 
Infectionskrankheiten, welche direct vom Körper des Erkrankten auf den 
Körper des Gesunden Übergehen können, welche aber gleichzeitig, und 


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118 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

zwar in noch viel höherem Grade, dadurch Verbreitung finden, dass die 
Krankheitskeime von dem erkrankten Körper auf Gebrauchsgegenstände 
übergehen, dass sie an den Gebrauchsgegenständen haften bleiben, dieselben 
inficiren und so nun, nicht direct vom Körper ausgehend, sondern indirect 
durch die GebrauchBgegenstände des Kranken weiter verbreitet werden. 
Ich hatte bereits in einem früheren Vortrage, soweit ich mich erinnere in 
Stuttgart, darauf hingewiesen, warum gerade Kleider, Wäsche und Betten 
bo ausgiebig geeignet sind, Krankheitskeime in ihrem porenreichen und 
weitmaschigen Gewebe aufzunehmen, zu conserviren und so zu reichbeladenen 
Infectionsträgern zu werden. Es ist klar, dass kein Gebrauchsgegenstand 
des Menschen in so innige Berührung mit dem Körper kommt und so leicht 
die Krankheitskeime, sofern sie vom menschlichen Körper ausgehen, auf¬ 
nehmen kann, wie Kleider, Wäsche und Betten, und ferner liegt es in der 
Natur dieser Objecte, dass sie mehr wie jeder andere Gebrauchsgegenstand 
von einer Hand in die andere wandern, so dass die Keime wirklich gerade 
durch diese Objecte die weiteste Verbreitung in der Bevölkerung erfahren. 
Es hängt dann nur von der Art und dem Zustande der Krankheitskeime 
ab, wie lange sie z. B. im lufttrockenen Zustande lebensfähig und desshalb 
übertragbar bleiben, ob solche Wäsche entweder auf die Dauer von Wochen 
oder, wie z. B. bei Tuberculose, auf die Dauer von einigen Monaten, oder, 
wie z. B. bei Milzbrand, bei Blattern, auf die Dauer von ein, zwei, drei 
Jahren infectionsfabig wirkt; kurz, der Verkehr mit solcher inficirten 
Wäsche erscheint in bestimmter Breite gleich werthig mit der Verbreitung 
von Gift oder von explosiblen Körpern. 

„Nun fragt es sich: Von wem soll die Unschädlichmachung dieser 
Gifte vermittelt werden ? Der nächste Gedanke würde der sein, dass hierfür 
jenes Individuum verantwortlich zu machen ist, welches die inficirten Ob¬ 
jecte besitzt, jene Familie, in welcher ein solcher Krankheitsfall vorkommt, 
durch welchen Gebrauchsobjecte inficirt werden. Die Ausführung einer 
wirklichen Desinfection durch solche Privatpersonen unterliegt aber den 
allergrössten Schwierigkeiten, ja wir können sagen, sie ist nahezu ganz 
unmöglich. Nehmen wir z. B. an, ein oder zwei Mitglieder einer Familie 
wären an einer ansteckenden Krankheit, z. B. Blattern oder Scharlach, 
erkrankt, das Familienhaupt hätte die Einsicht — welche nicht überall vor¬ 
handen ist —, hätte ferner den ernstlichen Willen, durch eine wirksame 
Desinfection die Gefahr von den Seinigen und von weiteren Kreisen abzu¬ 
halten, so fehlen nun trotzdem alle Mittel und Einrichtungen, um wirklich 
helfend einschreiten zu können. Es fehlen ferner auch alle Kenntnisse und 
Erfahrungen, eine wirksame Desinfection von Seiten des Laien an seinen 
eigenen Objecten durchznführen. Niemand, meine Herren, vermag die un¬ 
überwindlichen Schwierigkeiten, welche einer Desinfection in Privathäusern 
entgegenstehen, besser zu beurtheilen, als der Arzt, wenn er sieht, wie die 
einfachsten Vorschläge in den besten Familien an hundert kleinen Wider¬ 
ständen scheitern. Ganz unmöglich aber ist die Ausführung einer erfolg¬ 
reichen Desinfection in den Wohnungen der Armen, da, wo Massenquartiere 
bestehen, wo ganze Familien, Gesunde und Kranke, auf einen einzigen 
kleinen Raum zusammengedrängt wohnen müssen. Eine vollkommene Des¬ 
infection ist also nur da zu erwarten, wo allgemein zugängliche 


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Moderne Desinfectionstecknik und Desinfectionanstalten. 119 

Desinfectionsanstalten bestehen, welche zweckmässige Einrichtangen 
besitzen, welche ein gewissenhaftes, geschultes Bedienungspersonal haben 
und unter steter sachgemäseer Controle stehen. Solche Desinfectionsanstal- 
ten. die also ständig organisirt sind, die den Zweck als solchen verfolgen, 
können im Besitz und unter Leitung von Privatpersonen stehen, welche 
sie uun natürlich analog anderen geschäftlichen Unternehmungen betreiben. 
Wir müssen somit unterscheiden, ob in einer Stadt Privatdesinfectionsanstal- 
ten oder öffentliche Desinfectionsanstalten einzurichten sind. Bezüglich der 
privaten Desinfectionsanstalten muss ich hervorheben, dass eine Privat- 
desiufectionsanstalt naturgemäss von dem Gesichtspunkte des Geschäfts aus 
geleitet und betrieben werden muss, es hat also die Einnahme sowohl die 
Betriebs- wie die Unterhaltungskosten zu decken, und der Unternehmer 
darf selbstverständlich auch nicht dabei verhungern. Nun halte ich nichts 
für gefährlicher, als wenn eine solche private Desinfectionsanstalt Noth 
leidet nnd ein kümmerliches, beschränktes Dasein fristet, oder sich noch 
mit anderen Unternehmungen befasst. Es ist klar, dass in Folge des 
nothleidenden Zustandes eines solchen Etablissements eine unsichere Arbeits¬ 
entwickelung sehr leicht eintreten wird, und damit wird nun sofort im 
Anbeginn das Wirken der ganzen Anstalt zweifelhaft. Sie wissen, dass die 
Handhabung der Desinfection vor Allem eine Vertrauenssache ist, insbesondere, 
wenn sie von fremden Händen ausgeführt und geleitet werden soll. Wir sind 
durch eine einfache Besichtigung der Objecte, welche der Desinfection unter¬ 
worfen wurden, nicht im Stande, zu constatiren, ob sie nun wirklich desinficirt 
sind. Nur in seltenen Fällen wäre es auf Grund umständlicher Versuche mög¬ 
lich, nachzuweisen, ob die Keime wirklich getödtet sind. In sehr vielen Fällen 
ist das überhaupt nicht möglich, so zwar, dass wir nur dann eine Gewiss¬ 
heit haben, dass die Desinfection erreicht ist, wenn alle Voraussetzungen 
einer sachgemässen Behandlung erfüllt sind. Ein Privatunternehmen wird 
sich nun nicht selten auf längere Beschränkungen in den Einnahmen gefasst 
machen müssen. Die Statistik der Infectionskrankheiten zeigt, dass die¬ 
selben nicht etwa gleichmässig verthoilt auf das ganze Jahr Vorkommen. 
Wir finden, dass solche Infectionskrankheiten in bestimmten Fristen fast 
ganz verschwinden, dann wieder massenhaft auftreten. Es ist also klar, 
dass ein Privatunternehmen unter Umständen vielleicht Wochen, Monate 
lang gar nichts zu thun hat, und dann kommen wieder Perioden, wo 
sehr starker Andrang stattfindet, und die Anstalt nur ein ungeübtes Perso¬ 
nal oder nicht vollkommen ausgerüstete Einrichtungen zur Verfügung 
hat. Gerade diese Unsicherheit im Geschäfltsumfange bringt es meiner Ueber- 
zeugung nach auch mit sich, dass die Desinfectionsanstalten in den Händen 
von Privatunternehmern so ausserordentlich schwer reussiren und vielfach 
nach einer bestimmten Frist erlahmen und eingehen. 

„Theiltman also die Ueberzeugung, dass die weitgehende Benutzung von 
Desinfectionsanstalten wirklich Nutzen zu stiften vermag, dass der Gebrauch 
dieser Desinfectionsanstalten im Öffentlichen Interesse liegt und zum Schutze 
der Ortsangehörigen aus allen Ständen dienen soll, dann kann es nur die Ge¬ 
meinde sein, die solche Einrichtungen besitzt und zum Vortheil der Gemeinde¬ 
mitglieder auch unterhält. Die Gemeinde hat nach meiner Meinung, so weit 
sie es finanziell zu leisten vermag, die Verpflichtung, da Schutz und Hülfe 


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120 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

zu gewähren, wo der Einzelne nicht mehr im Stande ist, sie auszuführen. 
Die öffentlichen Desinfectionsanstalten gehören in bestimmtem Grade zur 
öffentlichen Krankenpflege. Keine Stadt trägt Bedenken, für den Unter¬ 
halt und für den Betrieb der Hospitäler grosse Summen aus Gemeinde¬ 
mitteln zu entnehmen. Die auf die Hospitäler verwandten Unkosten dienen 
dazu, den dortselbst behandelten Personen die Gesundheit zu geben. Die 
auf die Anlage und den Betrieb von Desinfectionsanstalten verwandten 
Unkosten verfolgen aber ein gleiches oder ein ähnliches Ziel; sie sind be¬ 
stimmt, die Gesundheit der Gesunden zu erhalten und zu verhüten, dass die¬ 
selben in die Krankenhäuser anfgenommen und daselbst wieder gesund ge¬ 
macht werden müssen. Eine öffentliche Desinfectionsanstalt ist also in 
der That nichts Anderes als ein Vorstadium der öffentlichen Kranken¬ 
pflege, an Gesunden vorgenommen. Wenn wir einen Beweis von den 
humanen Bestrebungen der Neuzeit erbringen sollen, so dürfen wir 
auf unsere ausgedehnten Krankenhäuser und auf die ungemein liberale 
Benutzung derselben hinweisen. Unsere Krankenhäuser sind thatsächlich 
der Zufluchtsort der schworst Erkrankten, sie sind ferner jene Plätze, an 
welchen diejenigen untergebracht werden, die sonst eine gedeihliche Pflege 
nicht erhalten können, und die Plätze, wo die von ansteckenden Krank¬ 
heiten Befallenen zusammengebracht werden, um die eigene Umgebung 
nicht weiter zu gefährden. Es ist in hohem Maasse beachtenswert!), 
welche bedeutende Anzahl von Infectionskranken sich aus dem weiten 
Gebiete einer Stadt auf dem kleinen Raume des Krankenhauses sammeln. 
Wir finden, dass unsere modernen Hospitäler hierdurch wirklich einem 
eminent öffentlichen Interesse dienen. Zahlreiche Infectionskranke werden 
von denselben gewissermaassen aufgenommen, concentrirt, so dass jetzt der 
Vortheil nicht bloss darin besteht, dass die einzelnen Patienten persönlich 
der Spitalbehandlung unterliegen, sondern dass auch verhütet wird, dass die 
Patienten andere Kreise gefährden. In einer starken Anhäufung von ver¬ 
schiedenen Infectionskranken an einem Platze, im Hospital, liegt nun aber 
auch eine Steigerung der Gefahr für die Hospitalbediensteten und für die 
übrigen Patienten, die in der Anstalt untergebracht sind. Es sind desshalb 
auch ganz besondere Schutzmaassregeln speciell in den grösseren Hospi¬ 
tälern erforderlich; und es erscheint als ein fast unabweisliches Bedürfniss, 
dass die grösseren Hospitäler sich mit Desinfectionsanstalten ausrüsten. Ich 
glaube, dass kein einziges unserer Hospitäler, welches gegenwärtig solche 
Desinfectionseinrichtungen besitzt, auf die fast tägliche Benutzung derselben 
verzichten möchte. 

„Die in den Hospitälern functionirenden communalen Desinfections¬ 
anstalten geben nun auch den Beweis, wie einfach und sicher der Betrieb 
durch ein geschultes Personal auszuführen ist. 

„In den meisten Fällen werden die Desinfectionseinrichtungen des 
Hospitals von dem inneren Dienst, wie er durch das Spital selbst bedingt 
ist, nicht voll in Anspruch genommen. Wenn eine Stadt in ihrem Hospital 
eine Desinfectionsanlage besitzt, so entspricht es nach meiner Auffassung 
vollständig dem Princip einer richtigen wirthschaftlichen Verwaltung, die 
einmal bestehende Einrichtung nunmehr auch im öffentlichen Interesse aus- 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 121 


zunutzen und die Desinfectionseinrichtung des Hospitals, so weit es der Be¬ 
trieb gestattet, dem Publicum zugänglich zu machen. 

„Weitere Stätten, wo die Anwendung der Desinfection sich als ein 
wirkliches Bedürfnis darstellt, sind die Gefängnisse der Polizei, die Arbeits¬ 
häuser, die Asyle für Obdachslose und ähnliche Anstalten. Man hält es 
nicht für möglich, in welch verwahrlostem Zustande jene Unglück¬ 
lichen sich befinden, die, sei es aus eigener Schuld oder durch Noth ge¬ 
trieben, von einem Orte zum anderen wandern und in den elendesten 
Quartieren flüchtigen Aufenthalt nehmen. Bei ihnen ist nicht nur die Des- 
infection, sondern auch die Reinigung zu erstreben. Sie wissen, dass in 
früherer Zeit als Reinigungsmethoden gegen das Ungeziefer solcher Per¬ 
sonen die trockene Hitze angewandt wurde, oder die Schwefelkammer, 
in welcher bestimmte Mengen von Schwefel zur Verbrennung kamen. Gegen¬ 
über diesem Verfahren hat aber die Behandlung mit heissem Wasser¬ 
dampf entschieden grosse Vorzüge, nicht bloss den Vortheil einer raschen 
Abtödtung des Ungeziefers, sondern zu gleicher Zeit auch die sichere Mög¬ 
lichkeit, hochgradig beschmutzte Kleidung zweifellos zu desinficiren. 

„Es entsteht die Frage: soll eine Gemeinde für die Benutzung des 
von ihr aufgestellten und in Betrieb erhaltenen Desinfectionsapparates 
Entschädigung verlangen, oder boII die Benutzung dem Publicum ganz 
unentgeltlich freistehen. Ich möchte mich ganz entschieden für den letzteren 
Modus aussprechen, jedoch unter der Voraussetzung, dass die Benutzung 
des Apparates nur auf Grund einer ärztlichen Bescheinigung verlangt 
wird. Die Aufstellung eines Tarifs unterliegt ziemlich grossen Schwierig¬ 
keiten. Es ist kaum möglich, die Gebühr nach dem Gewichte der ein¬ 
gelieferten Objecte zu bemessen, denn Leibwäsche oder Matratzen kön¬ 
nen wegen des ungleichen Volumens nicht nach demselben Einheitssätze 
berechnet werden. Man verfahrt nun vielfach in der Weise, dass man für 
den ganzen auf einmal zu erhitzenden Cubikraum eines Apparates eine be¬ 
stimmte Benutzungsgebühr aufstellt, welche von demjenigen voll bezahlt 
werden muss, der so viel Objecte schickt, dass der ganze Raum in Anspruch 
genommen wird. Kleinere Zusendungen, wie Kleider, Säcke, Decken u. s.w., 
bezahlen dann eine entsprechende Theilgebühr. In Leipzig, wo wir zur 
Zeit zwei öffentliche Desinfectionsanstalten besitzen, sehen wir, dass nach 
dem Volumen der eingesandten Objecte ein Betrag von 1 bis 5 Mark und 
zwar letzterer Betrag bei vollständiger Füllung des Apparates gefordert 
wird. Es scheint nun an sich begreiflich, dass die Verwaltung für Dienst¬ 
leistungen, welche sie dritten Personen aus dem Publicum gewährt, auch 
eine Entschädigung verlangt. Der Zweck aber dieser öffentlichen Des- 
infectionsanstalten beruht nie und nimmer darauf, dass die Gemeinde eine 
Einnahme erzielt. Die Anlagen sind gemeinnützige Unternehmungen, ebenso 
wie die Strassenbeleuchtung, wie die Herstellung der Wege und Trottoirs, 
oder wie die Feuerwehr, welche sämmtlich nur dann einen wahren durch¬ 
greifenden Vortheil schaffen, wenn sie in ganz liberaler, unbeschränkter 
Weise benutzt werden können. Eine öffentliche Desinfectionsanstalt, die 
ihren Betrieb in der Art einrichten möchte, dass sie z. B. der armen Be¬ 
völkerung die Benutzung des Apparates, zwar gegen Bescheinigung von 
Seiten der Armenpflege, umsonst gewährt, ausserdem aber Gebühren er* 


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122 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

hebt, erreicht nur einen ganz beschränkten, einen höchst unvollkommenen 
Erfolg. Wir können sagen, dass eine solche Einrichtung, die gegen Be¬ 
zahlung arbeitet, auch nur zum kleinen Theil wirklich in dem Umfange 
aufgesucht wird, wie es die hygienischen Anforderungen verlangen. Wie 
in so vielen anderen Fällen hängt der Erfolg einer Maassregel wie der¬ 
jenigen der Desiufection, welche in die weiten Schichten der Bevölkerung, 
in die Verhältnisse der Privatpersonen hineingreifen soll, davon ab, ob sie 
rasch und möglichst in jedem erreichbaren Fall zur Anwendung kommt. Es 
ist nun ganz falsch, anzunehmen, dass die Gebührenerhebung, wenn sie auch 
keinen hohen Satz erreicht, die allgemeine Benutzung der öffentlichen Des- 
infectionsanstalten nicht wesentlich beschränken würde. Wenn für eine 
Desinfection auch nur ein Betrag von 2 bis 3 Mark verlangt wird, so steht 
diese Summe vielfach nicht im Verhältniss zu d$m Werthe des Objectes, das 
desinficirt werden soll, ja wir sehen, dass gerade die werthlosen, recht 
schmutzigen, unbrauchbaren Objecte vom hygienischen Standpunkte aus 
vielfach eine um so peinlichere Beachtung erfordern, als dieselben 
am allermeisten verschleudert und nun von Haus zu Haus gebracht 
werden. 

„Eine jede Gebührenerhebung nöthigt, wie ich selbst von vielfachen 
Seiten weiss, unwillkürlich zu der Abschätzung, ob die ausgeführte Des- 
infectiou so viel Gewinn erwarten lässt, als dafür bezahlt werden muss. 
Der Anfang des Zögerns ist in der Regel auch der erste Schritt zur voll¬ 
ständigen Unterlassung. Der Mensch hat einen ganz merkwürdigen fata¬ 
listischen Zug, eine Gefahr, die er nicht direct sieht, oder die zur Hälfte 
schon vorüber ist, nicht zu beachten, zumal eine häufige Erfahrung lehrt, 
dass auch die inficirten Objecte durchaus nicht immer zu einer Ansteckung 
Veranlassung geben. Es besteht also eine grosse Menge von subjectiven 
Gründen, welche dazu dienen, schliesslich sich selbst einzureden, die 
Desinfection ist nicht so viel werth, dass man 2, 3 oder 5 Mark bezahlt, 
abgesehen von den Unbequemlichkeiten, die mit dem Transport der Gegen¬ 
stände verbunden sind. Alle Erschwerungen, die durch die Gebührenerhebung 
selbst bedingt werden, laufen nach der Richtung hin, dass die Desinfection 
unterlassen wird. Nun ist aber klar, dass eine Desinfectionsanstalt nur in 
dem Maasse wirklich segensreich für eine Bevölkerung wirkt, als sie mög¬ 
lichst umfangreich in jedem Falle der Ansteckungsgefahr in Anspruch ge¬ 
nommen wird. Die mangelnde Körperdisposition erklärt, wesshalb die 
directe Uebertragung der Krankheit auf die Umgebung des Patienten häufig 
nicht stattfindet, oder wesshalb nur einzelne, wenige Personen der Familie 
ergriffen werden. Eine Familie, in welcher z. B. ein Kranker derart dar- 
niederliegt, hat gewissermaassen die Feuerprobe der Ansteckungsgefahr 
bereits bestanden, während fremde Personen durch Objecte, die aus dieser 
Familie stammen, häufig und leichter angesteckt werden können. Sie sehen 
also hieraus, dass die Desinfection der inficirten Objecte nicht etwa so 
sehr im Interesse der eigenen Familie liegt, die schon durchseucht ist, als 
wie im Interesse von dritten, vielleicht ganz fremden Personen, und hier¬ 
aus leite ich einen weiteren Grund für die Forderung ab, dass die Des¬ 
infectionsanstalt in der That unentgeltlich zur Benutzung stehen soll, weil 
ihre Aufgabe auch darin liegt, fern stehende Dritte zu schützen. 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 123 

„Gegen die unentgeltliche Benutzung der Desinfectionseinrichtungen 
wird man namentlich den Einwand erheben, dass hierdurch ein maassloser 
Zudrang und eine Arbeitsüberhäufung dieser Anstalten zu erwarten steht. 

„Wenn eine Gemeinde aber wirklich beabsichtigt, durch Errichtung 
einer solchen Anstalt der Ausbreitung von Infectionskrankheiten ent- 
gegenzutreten, so wird ja eben das gute Ziel gerade dadurch erreicht, dass 
ein solcher Zudrang stattfindet, d. h. eine Häufung in dem Umfange, 
dass möglichst wenig Fälle entgehen. Die Benutzung der Desinfections¬ 
anstalten des Zudranges, der Ueberarbeitung wegen zu erschweren, würde 
eben so verkehrt sein, als wenn eine Gemeinde, um die Arbeitsüberhäufung 
der Feuerwehr zu verhüten, bestimmen wollte, die Feuerwehr darf jährlich 
nur bei einer bestimmten Anzahl von Bränden ausrücken. 

„Ein Missbrauch der Desinfectionseinrichtungen kann allerdings statt¬ 
finden, und zwar dann, wenn Objecte in die Anstalt gebracht werden, welche 
nicht desinficirt zu werden brauchen, welche gar nicht inficirt sind. Solche 
Fälle treten, wie die Erfahrungen an den beiden Anstalten in Leipzig zeigen, 
nicht selten ein. Durch die Behandlung mit heissen Wasserdämpfen er¬ 
halten nämlich manche recht schlechte und schmutzige Kleidungsstücke 
ein viel besseres, reineres und schöneres Aussehen. Offenbar werden durch 
die Einwirkung der heissen Dämpfe die Fettmassen, die auf der Oberfläche 
der Kleider liegen, geschmolzen und dringen so in das Innere der Capillaren 
des Gewebes, so dass der Schmutz sich von der Oberfläche in die Tiefe 
des Gewebes vertheilt, und nun das Kleid in der That reinlicher er¬ 
scheint. Ganz besonders vortheilhaft aber wirken heisse Wasserdämpfe 
auf Bettfedern. Die Bettfedern machen in dem Apparate eine bedeutende 
Schwankung in ihrem hygroskopischen Zustande durch, ohne dass sie 
direct benetzt werden, und erlangen hierdurch wieder ihre frühere elastische 
Form. Es werden so z. B. harte, plattgedrückte Federkissen wieder zu 
vollen geschwellten Kissen. Die Benutzung der Desinfectionseinrichtungen 
an Stelle von Bettfedernreinigungsanstalten ist bei uns häufig versucht 
worden. 

„Alle solche Missbrauche lassen sich aber sofort leicht und ohne Schwie¬ 
rigkeiten vermeiden, wenn die unentgeltliche Desinfection in den öffent¬ 
lichen Anstalten nur auf Grund einer ärztlichen Bescheinigung erfolgt. Auf 
die Beigabe einer ärztlichen Bescheinigung, wie sie auf gedruckt vor¬ 
gelegten Formularen leicht auszufüllen ist, möchte ich ein grosses Gewicht 
legen. 

„Dieselbe ermöglicht nämlich, dass auf den Formularen auch die 
Bezeichnung der Krankheitsform Platz findet, welche zur Vornahme der Des¬ 
infection Veranlassung giebt. Indem die Desinfectionsanstalten dem allge¬ 
meinen öffentlichen Interesse dienen sollen, ist es bei so neuen, sich erst 
einbürgernden Einrichtungen sehr wichtig, Aufschlüsse über die Motive 
ihrer Benutzung zu erlangen. 

„Es hat wahrlich recht wenig Interesse, meine Herren, nur die Zahl der 
Füllungen und die Art der Objecte, wie die Stüokzahl der Wäschesäcke, die 
Stückzahl der Betten, Matratzen u. s. w. aufzuzeichnen und gar nicht zu 
wissen, für welche Krankheitsgruppen denn die Desinfectionsanstalten in 
der That in Thätigkeit getreten sind. 


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124 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Ich habe bisher nur von der unentgeltlichen Benutzung der com- 
munalen Desinfectionsanstalten gesprochen. Ich weiss, dass eine Reihe von 
Privatanstalten, die eine strenge und vollständige Organisation besitzen, 
z. B. Wohlthätigkeitsanstalten, Militäranstalten, gleichfalls solche Desinfec- 
tionseinrichtungen besitzen, dieselben aber nur entsprechend dem eigenen 
Bedürfnisse einrichten werden. 

„Darüber nun, meine Herren, welche Methode der Desinfection 
anzußtreben sei, nach welchem Verfahren die Objecte sterilisirt werden 
sollen, habe ich bisher nicht gesprochen. Es kann kein Zweifel bestehen, 
dass die Art und Beschaffenheit der Objecte, welche an eine öffentliche 
Desinfectionsanstalt abgeliefert werden, die Anwendung von chemisch wir¬ 
kenden Desinfectionsimtteln überhaupt gänzlich ausschliesst, und dass die 
Desinfection mit heissen Wasserdämpfen 1) wegen der leichten Handhabung, 
2) wegen der sicheren Wirkungsweise, 3) wegen der Anwendbarkeit in 
grossen wie in kleinen Verhältnissen und 4) wegen der billigen Beschaffung 
jedes andere Verfahren weit übertrifft. 

„Zahlreiche Experimente mit den verschiedenen niederen Organismen 
und den widerstandsfähigsten Formen und Arten derselben beweisen, dass 
ein kurzes, etwa 15 bis 20 Minuten fortdauerndes Erhitztsein der Objecte 
mit heissem Wasserdampf das Leben in denselben vollständig vernichtet. 
Sie verstehen also, dass nicht der Desinfectionsapparat, sondern nur der 
heisse Wasserdampf das Wirksame hierbei ist. Alle Apparate und alle 
Einrichtungen dienen nur dazu, resp. sollen nur dazu dienen, dass die Ob¬ 
jecte der vollkommen andauernden Wirkung der heissen Wasserdämpfe 
unterliegen. Jeder Apparat hat also folgende Anforderungen zu erfüllen: 
1) er muss eine ausreichend grosse Wasserdampfmenge liefern, er muss so 
viel Dampf zu entwickeln vermögen, dass der Innenraum stets in allen 
seinen Theilen mit dem heissen Dampf erfüllt ist; 2) müssen die Objecte 
so gelagert und so beschaffen sein, dass der heisse Wasserdampf sicher 
und rasch bis in das Innere derselben einzudringen vermag. 

„Besonders ungünstig wirkt nun jede stärkere Durchnässung der Ob¬ 
jecte, z. B. der Betten, der Matratzen. Der Erfolg wird hierdurch ausser¬ 
ordentlich unsicher, weil die Hitze in die nassen Objecte nur sehr langsam 
und allmälig eindringt, und somit gar nicht im Voraus zu bestimmen ist, 
in welcher Frist nun wirklich die Hitze und die heissen Wasserdämpfe 
bis in das Innere des nassen Objectes eingedrungen sind. Darum ist es 
ein grosser Fehler, wenn die Apparate selbst Spritzwasser oder Condens- 
wasser bilden, das von oben herunterträufelt oder von unten in die Höhe 
spritzt und dadurch die Objecte so durchnässt, dass eine sichere Berechnung 
des Desinfectionserfolge8 nicht mehr möglich ist. 

„In These 4 ist als Desinficiens der strömende gespannte Wasser¬ 
dampf empfohlen. Nach Rücksprache mit dem Herrn Correferenten, Kreis- 
physicus Dr. Jacoby bitten wir, das Wort „gespannte“ in Wegfall zu 
bringen. Für die Zwecke der Desinfection ist gespannter Dampf, d. h. 
Dampf, der eine höhere Temperatur besitzt, als der Siedetemperatur des 
Wassers bei normalem Luftdruck entspricht, nicht nöthig. Die Apparate, 
welche ausreichend Wasserdampf von einer frei kochenden Wasserfläche 
nehmen, wirken ebenso günstig, ebenso sicher. 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 125 

„Es giebt mehrfache Constructionen und Grössen von solchen Appa¬ 
raten, welche mit heissem Wasserdampf, gespannt und nicht gespannt, arbeiten. 
Sie sind zum Theil auch patentirt. Hierzu gehören die zuerst in die Praxis 
ein geführten Apparate von Schimmel u. Comp, in Chemnitz, die sehr treff¬ 
lich ausgeführten Apparate von Henneberg, die Apparate von Käuffer. 
Die Anwendung von gespanntem Wasserdampf zwingt, complicirtere und 
dann auch kostspieligere Constructionen zu wählen, als sie bei dem ge¬ 
wöhnlichen heissen Wasserdampf erforderlich sind. Im Interesse einer 
möglichst allseitigen Einführung der Desinfectionsapparate liegt es aber, 
dass die Preise derselben nicht zu erheblich werden, und in derThat sehen 
wir, dass die Techniker bereits eifrig bemüht sind, durch Vereinfachung 
der Construction auch billigere Apparate herzustellen. Hierbei brauchen 
wir nicht zu befürchten, dass die neuen Apparate weniger zuverlässig 
sind, nach dem Motto, billig und schlecht, denn nicht der Apparat, sondern 
der Wasserdampf, der recht billig zu beschaffen ist, ist es, welcher desinficirt. 

„Es ist in einem jeden Falle sehr leicht, einen fertig gelieferten 
Apparat auf seine Leistungsfähigkeit zu prüfen, und wir müssen desshalb 
gerade als Vorbedingung aussprechen, dass bei einem jeden Apparate vorerst 
durch geeignete Prüfungsobjecte in ganz exacter Weise bestimmt wird, in 
welcher Zeit eine absolut sichere Desinficirung, eine Vernichtung der Keime 
erreicht wird, um hieraus die Vorschriften für die Bedienung des Apparates 
geben zu können. 

„Mein verehrter Herr Correferent beabsichtigt nun, über die Controle, 
über den Betrieb und über die Aufstellung solcher Anlagen in den Gemeinden 
weitere Mittheilungen zu geben. 

„Ich möchte zum Schluss nur betonen, dass auch die besten Desin¬ 
fectionsapparate durchaus nicht etwa Universalmittel gegen das Auftreten 
von Epidemieen oder Infectionskrankheiten sind. Der Erfolg wächst aber, 
je mehr deren Benutzung erleichtert wird, und je häufiger und umfassender 
sie bei geeigneten Krankheiten auch in Anwendung gezogen werden. 


Correferent: Bezirksphysicus Dr. Jacob! (Breslau): 

„Meine hochgeehrten Herren! Es ist eine brennende Frage, welche 
wir zu behandeln haben. Ich als Sanitätsbeamter weiss, in welcher Ver¬ 
legenheit wir uns befinden, nachdem die bisher meist üblichen Methoden 
der Desinfection ebenso wie die bisher meistens gebrauchten Desinfections¬ 
apparate durch die wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten sechs 
Jahre als ausserordentlich unsicher und theilweise ganz unwirksam erkannt 
worden sind. Es ist nun nicht bloss eine unnütze Belastung und Belästi¬ 
gung, eine unnütze Erhöhung der Kosten, nicht bloss ein Einwiegen in 
falsche Sicherheit mit solchen unsicheren Apparaten und Verfahren ver¬ 
bunden, sondern es besteht auch die directe Gefahr einer Infection, wenn 
ein unsicherer Desinfectionsapparat vom Publicum benutzt wird, wenn also 
z. B. Jemand, der wegen Tuberculose Effecten desinficiren lassen will, durch 
einen Apparat, der nicht genügend desinficirt, andere KrankheitsBtoffe mit 
in sein Haus bekommt. 


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126 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

„Ich möchte mir doch erlauben, noch mit einigen Worten zu begründen, 
warum besondere Desinfectionsanstalten nöthigsind; denn man könnte 
ja sagen, am besten und bequemsten wäre es, innerhalb der Krankenräume 
selbst zu desinficiren. Am einfachsten wäre es zweifellos, innerhalb des 
Zimmers selbst Mittel anzuwenden, welche den Raum und die Effecten 
innerhalb desselben gleichzeitig derartig beeinflussen, dass alle vorfindlichen 
Krankheitsstoffe zerstört werden. Nun, meine Herren, das hat sich leider 
als nicht möglich herausgestellt. Die früher viel gebrauchte schweflige 
Säure ist in ihrer Unwirksamkeit, selbst bei stärksten Graden der Anwen¬ 
dung, längst erkannt. Viel besser wirkt Chlor; aber wenn wir selbst 
Fenster und Thüren vollkommen dichten und das Chlor in der Quantität 
anwenden, dass bereits die Stoffe, die im Zimmer vorhanden sind, ausser¬ 
ordentlich geschädigt werden, ist die Wirksamkeit immer noch eine unge¬ 
nügende. Ein mittelgrosBes Zimmer von etwa 50 cbm Rauminhalt würde 
mindestens beanspruchen, dass wir 12 kg Chlorkalk verwenden und 17 1 / 3 hg 
Salzsäure darauf giessen, was, nebenbei bemerkt, etwa 7 l /-j Mark kostet. 
Hierdurch werden die Sachen schon in hohem Grade angegriffen. Die 
Desinfectoren müssen sich beeilen, das Zimmer zu verlassen, um nicht selbst 
an ihrer Gesundheit Schaden zu erleiden, und die Einwirkung ist trotzdem 
nicht eine derartige, dass die Krankheitskeime im Staube, in den Fugen 
des Fussbodens, in den Falten der Tapeten oder gar innerhalb der Matratzen, 
der Kleider, der Betten und WäBche von dem Mittel getroffen werden. 
Neuerdings ist von Prof. König in Göttingen eine Sublimaträucherung der 
Krankenzimmer empfohlen worden, allein bald nachher wurde in verschie¬ 
denen Laboratorien in Göttingen und Berlin nachgewiesen, dass selbst die 
Sublimatdämpfe nicht im Stande sind, ein Krankenzimmer mit den darin 
befindlichen Effecten vollständig zu desinficiren. Man hat dann noch eine 
Art von Dampfspray, gemischt mit desinficiren den Flüssigkeiten, empfohlen, 
einen Dampfspray, den man in die Fugen, Winkel u. s. w. hineinleiten 
kann, aber es ist nicht erwiesen und recht zweifelhaft, ob auf diese Weise 
eine sichere Desinfection ermöglicht wird. Es erscheint überhaupt nach Allem, 
was bisher bekannt ist, nicht möglich, einen Raum mit seinen Effeoten zu 
desinficiren. Wenn ein Zimmer zum Krankheitsheerde geworden ist, wenn 
eine Reihe von schweren infectiösen Krankheitsfällen in einem solchen Zim¬ 
mer aufgetreten ist, so wird man in manchen Fällen, wenn man sicher des¬ 
inficiren will, wohl dazu schreiten müssen, den Fussboden aufzureissen, den 
Fehlboden vollständig zu entfernen, die Tapeten abzunehmen, frisch zu 
tünchen u. s. w., weil Tapeten, Fehlböden, Fussböden anders gar nicht zu 
desinficiren sind. 

„Nun aber die Effecten, Wäsche, Betten, die im Zimmer vorhanden 
sind! Man könnte da sagen, — und das ist bei manchen Krankheitsfor¬ 
men wahrscheinlich ausreichend — : man bringe die Wäsche in gewisse 
desinficirende Flüssigkeiten. Es ist besonders Sublimatlösung und Carbol- 
lösung dazu empfohlen. Nun, zweifellos ist SublimatlöBung ein ausser¬ 
ordentlich kräftiges Desinficiens. Aber man sollte doch Bedenken tragen, 
dies schwere Gift dem Publicum so frei zu empfehlen. Ich halte es für 
unmöglich, die Sublimatdesinfection ohne strenge Controle, ohne sachver¬ 
ständige fortwährende Aufsicht vorzunehmen. Die Carbollösung ist in ihrer 


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Moderne Desinfectionstechuik und Desinfectionsanstalten. 127 

Wirksamkeit noch immer weit überschätzt. Es genügt, darauf hinzuweisen, 
dass eine 48stündige Einwirkung einer fünfprocentigen Lösung dazu ge¬ 
hört, um die Sporen, also die widerstandsfähigeren Krankheitskeime, wirk¬ 
lich zu zerstören. Es ist demnach auch mit diesen flüssigen Desinfections- 
mitteln nicht möglich, genügend im Krankenraume zu desinflciren — mit 
wenigen Ausnahmen —, und immer bleiben noch einige Effecten zurück, 
wie Kleider, Matratzen, Betten und Polstermöbel, welche auf diese Weise 
gar nicht in Angriff genommen werden können. 

„Daraus resultirt die absolute Nothwendigkeit, für Apparate zu sorgen, 
in welchen die Desinfection Bicher und wirksam ausgeführt werden kann, 
und es ist bereits hervorgehoben worden, dass die heissen Wasserdärapfe 
von 100° C. und darüber als einzig sicheres Desinficiens in diesen Apparaten 
zu betrachten sind. Die Erfahrungen, die aller Orten gesammelt worden 
sind, bestätigen, dass die Stoffe mit Ausnahme der Ledersachen durch 
diese heissen Wasserdämpfe an sich nicht geschädigt werden. Hier und 
da werden empfindliche Farben etwas verwaschen; Pelze und andere 
Ledersachen werden allerdings in derartigen Apparaten nicht desinficirt 
werden können, weil sie darin schrumpfen, aber in den alten mit trockener 
heisser Luft desinficirenden Apparaten war die Desinfection dieser Dinge 
ebenfalls nicht möglich. Wie wirksam derartige Apparate mit heissem 
Wasserdampf sind, dafür kann ich Ihnen eine Beobachtung aus Schlesien 
mittheilen, welche vor einigen Jahren gemacht worden ist. Es bestand 
hier in einer kleinen Stadt eine Rosshaarspinnerei, in welcher auch die 
Haare von Rindern und Schweineborsten zur Verarbeitung gelangten. Von 
1874 bis 1881 kamen nun bei dem kleinen Arbeiterbestande von etwa 
50 Mann alljährlich mindestens drei schwere Milzbrandinfectionen vor. 
Die Fabrikanten gaben sich alle mögliche Mühe, dieser Infection vorzu¬ 
beugen, es wurde mit Chlor, mit heisser Luft, mit Carbolsäure, mit 
allem Möglichen versucht — vergeblich. Da erschienen die bahnbrechen¬ 
den Untersuchungen des Reichsgesundheitsamts im Jahre 1881, und so¬ 
fort wurde ein Dampf kästen aufgestellt, welchen man von heissem Wasser- 
dampf durchströmen liess. Von diesem Augenblick an sind diese schweren 
Infectionen verschwunden. Nur im Jahre 1883 traten noch zwei leichte 
Fälle auf, und es liess sich bestimmt nachweisen, dass diese entstanden 
waren, weil die Arbeiter, durch die grosse Sicherheit eingewiegt, einmal 
vernachlässigt hatten, die vorgeschriebene Zeit der Einwirkung der Des¬ 
infection festzuhalten. Aber noch ein Charakteristicum will ich hinzu¬ 
fügen. Die Fabrikanten waren doch gezwungen, davon abzugehen, und, da 
sie die Desinfection nicht aufgeben wollten, eine andere Art der Fabrika¬ 
tion einzuführen, denn durch die Einwirkung des heiBsen Wasserdampfes 
verloren die Haare und Borsten bedeutend an Gewicht, und da die Dampf- 
desinfection nicht im ganzen Reich von den Rosshaarspinnereien verlangt 
wird, so konnten diese Fabrikanten ihrer Concurrenz wegen des Gewichts¬ 
verlustes nicht mehr Stich halten. 

„Es erscheint bereits als Naturgesetz — so sicher sind die grundlegenden 
Untersuchungen—, dass durch heissen strömenden Wasserdampf von 100° C. 
nach verhältnissmäsqjg kurzer Einwirkung auch die widerstandsfähigsten 
Krankheitskeime zerstört werden. Es ist nur noch von Bedeutung, genau 


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128 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

zu wissen und anzugeben, wie lange diese heissen Dämpfe einwirken sollen, 
und auch dafür liegt eine grosse Zahl von Untersuchungen vor, nach wel¬ 
chen es feststeht, dass für zusammengerollte Objecte und Packete, die 
trocken sind, mindestens eine Stunde, für voluminöse und für nasse Objecte 
mindestens zwei Stunden nöthig sind, damit die heissen Wasserdäropfe die 
Objecte vollständig durchdringen und bis in den Mittelpunkt hinein sämmt- 
liche Sporen vernichten. 

„Es ist neuerdings noch eine Combination der Einwirkung heisser Wasser¬ 
dämpfe mit trockener Hitze empfohlen worden. Es ist gesagt worden: In diesen 
DampfkäBten, welche von heissem Wasserdampf durchströmt werden, werden 
die Objecte verhältnissmässig zu nass, weisse Leinwand und andere weisse 
Stoffe bekommen gelbe Flecken u. dergl. Wir haben in Breslau seit 1883 
ebenfalls einen Daropfdesinfectionsapparat im Polizeigefängniss, und in diesem 
haben wir eine solche Combination mit heisser Luft nicht. Man kann diese 
starke Durchnässung der Objecte und das Fleckigwerden verhindern, wenn 
man das Condenswasser, welches von der Decke herabflicsst, durch eine Schicht 
von dickem Filz, zusammengelegten wollenen Tüchern oder Aehnlichero, 
welche oberhalb der zu desinficirenden Objecte sich befinden, zurückhält. 

„Was nun die Prüfung und die Controle dieser Desinfections- 
apparate betrifft, so ist dieselbe ganz unerlässlich. Ich habe mir bereits 
erlaubt, darauf hinzuweisen, dass die Zeitdauer der Einwirkung von der 
grössten Bedeutung ist. Man muss genau wissen, in welcher Zeit die Tem¬ 
peratur von 100°C. im ganzen Desinfectionsraume vorhanden ist; die Apparate 
verhalten sich bezüglich der Schnelligkeit, mit welcher diese Temperatur 
erreicht wird, eben verschieden, selbst gleichartig construirte, denn sie sind 
mit der Präcision nicht herzustellen, dass man von vornherein sagen könnte, 
hier ist in fünf Minuten eine Temperatuur von 100° C. überall vorhanden, 
und es genügt also, die Objecte eine resp. zwei Stunden darin zu belassen. 
Das ist dem Techniker unmöglich, und daher muss jedesmal bei der Ab¬ 
nahme des Apparates geprüft werden, was jeder einzelne Apparat in dieser 
Beziehung zu leisten vermag. Eine dauernde Controle ferner ist desshalb 
nothwendig, weil erfahrungsgemäss die Bediensteten leicht lässig werden 
und in ihrem grossen Vertrauen auf die Kraft des desinficirenden Dampfes 
die Abmessung der Zeit weniger streng festhalten. Ganz besonders wichtig 
ist diese genaue Beobachtung bei Apparaten, bei denen die Combination 
mit trockener Erwärmung stattfindet. 

„Die Controle, meine Herren, kann nun nicht immer derartig vorge¬ 
nommen werden, wie es im wissenschaftlichen Laboratorium geschieht, 
dass eine grosse Zahl von Krankheitsstoffen, Milzbrandsporen, Sporen von 
Gartenerde u. dergl., in verschiedene Decken eingehülit, in den Apparat 
gebracht werden, und dass dann gesehen wird, ob nach der Einwirkung 
des Dampfes die Sporen ihre Entwickelungsfähigkeit bewahrt haben oder 
nicht. Das ist für den praktischen Gebrauch unmöglich. Der praktische 
Gebrauch bedarf zur Controle einfacher physikalischer Apparate, die sicher, 
schnell und leicht beurtheilt werden können, und dazu empfehlen sich 
zur Zeit nur Thermometer und Manometer. 

„Von der grössten Bedeutung ist es bei den öffentlichen Desinfections- 
anstalten, dass man verhindert, dass die Effecten des Einen von denen deB 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 129 

Anderen inficirt werden. Es ist vor allen Dingen nöthig, eine strenge 
Isolirung der zu desinficirenden von den bereits desinficirten Stoffen ein- 
treten zn lassen, da ja sonst die Sicherheit für das Publicum auf hört, bei 
der Benutzung des Apparats nicht Krankheitsstoffe neu zu bekommen. Es 
ist daher nöthig, dass, wenn derartige Anstalten zur DeBinfection für das 
Publicum mit Polizeigefängnissen, mit Krankenhäusern u. dergl. verbunden 
sind, die Anstalten für die Desinfection der Effecten des Publicums erstens 
eine genügende Absonderung vom Krankenhause, vom Polizeigefangniss etc. 
haben, und dass zweitens verschiedene Ein- und Ausgänge für den Trans¬ 
port der zu desinficirenden und bereits desinficirten Objecte vorhanden 
sind. Es müssen bestimmte, getrennte Aufbewahrungsräume vorgesehen, 
es muss ferner dafür gesorgt sein, dass in bestimmten und verschiedenen 
Transportgeräthschaften die desinficirten und die zu desinficirenden Objecte 
transportirt werden. 

„Es ist dann noch in These 6 gesagt: ,Es ist zweckmässig, mit der Des- 
infectionsanstalt eine Einrichtung für Wannenbäder zu verbinden. 1 Das, 
meine Herren, empfiehlt sich desshalb, weil zunächst die Desinfectoren selbst 
die Gelegenheit haben müssen, sich nach der Desinfection baden zu können, 
weil ferner Fälle Vorkommen, wo nach Evacuation eines inficirten Raumes 
nicht bloss die Effecten, sondern auch die Personen gereinigt werden sollen, 
und weil es da das einfachste ist, neben der Desinfection der Effecten in 
einem Dampf kasten gleichzeitig die zu desinficirenden Personen in Wannen¬ 
bädern, möglichst sorgfältig sich reinigen zu lassen. Die Desinfectoren 
sind übrigens nicht unbedeutenden Gefahren ausgesetzt, wie wir es hier in 
Breslau kennen gelernt haben. Bei einer kleinen Epidemie von Flecktyphus 
im Jahre 1883 waren die ersten beiden Opfer der Epidemie gerade die 
beiden Desinfectoren, welche unseren Apparat bedienten, und wir haben 
seitdem die Einrichtung getroffen, dass diese Leute besondere AnstaltBklei- 
dung, und zwar Leinwandkittel, während der Desinfection tragen, dass sie 
sich die Hände nach der Desinfection mit Sublimat waschen, und dass sie 
während der Desinfection selbst Watterespiratoren vor dem Munde haben, 
die leicht erneuert werden können. 

„Wir haben einen Apparat bei uns, der mit gespanntem Dampf von 
110°C. beschickt wird. Ein solcher würde sich überall dort empfehlen, 
wo bereits eine Dampfmaschine vorhanden ist. Unser Apparat ist einfach 
und verhältnissmässig billig. Derselbe Dampfkessel, welcher den Dampf 
für den Desinfectionsapparat liefert, dient gleichzeitig dazu, in wenigen 
Minuten das Wasser für die Wannenbäder zu erwärmen. Ueberall also, 
wo überhaupt ein Dampfkessel vorhanden ist, glaube ich, wird die Anlage 
derartiger Einrichtungen mit gespanntem Dampf vorzuziehen sein. 

„Zum.Schluss möchte ich mir erlauben, darauf hinzuweisen, dass in 
der vorliegenden wie in der gesammten Desinfectionsfrage die Einwirkung 
der praktischen Aerzte von der allergrössten Bedeutung ist. Während die 
Sanitätspolizei erst spät herantritt und nur beschränkte Wirksamkeit hat, 
können die behandelnden Aerzte sofort eine richtige Isolirung, Ventilation 
und Reinlichkeit veranlassen und dafür sorgen, dass das geschieht, was jede 
Desinfection in vielen Fällen unnöthig macht, dass nämlich sämmtliche un¬ 
reinen Abgänge der Erkrankten möglichst schnell aus der Nähe der Men- 

Vi«rt«lj*hntchrift ftlr Gesundheitspflege, 1887. y 


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130 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

sehen beseitigt werden, dass der Auswurf nicht auf denFussboden oder auf 
Möbel etc. gelangt, dass die schmutzige Wäsche nicht trocken aufbewahrt 
wird, dass vielmehr die Wäsche und die Abgänge der Kranken sofort unter 
Wasser gebracht und so bis zum Durchkochen oder bis zur definitiven 
Desinfection oder Beseitigung unschädlich gemacht werden. Ausser dieser 
hochwichtigen Aufgabe aber können die praktischen Aerzte vor Allen auch 
darauf hin wirken, dass die öffentlichen Desinfectionsanstalten im Publicum 
Vertrauen finden und zur möglichst ausgedehnten Anwendung und richti¬ 
gen Verwerthung gelangen.“ 

Es lauten die von den beiden Referenten gemeinschaftlich vorge¬ 
schlagenen 

Thesen: 

1. 

Anlagen wirksamer Desinfectionseinrichtungen erscheinen als Pflicht 
der Gemeinden im öffentlichen Interesse. 

2 . 

Jede grössere Stadt bedarf einer oder mehrerer stationärer öffent¬ 
licher Desinfections-Anstalten. Der Anschluss einer solchen an 
eine andere communale Anstalt ist zulässig. Für kleine Ortschaften und 
ländliche Gemeinden ist seitens der Kreisbehörde die Beschaffung eines 
transportablen Desinfections-Apparates vorzusehen. 

3. 

Die Benutzung der öffentlichen Desinfections-Anstalten ist auf Grund 
ärztlicher Bescheinigung unentgeltlich zu gestatten. 

4. 

Als Desinficiens ist in den öffentlichen Desinfections - Anstalten der 
strömende gespannte Wasserdampf zu verwenden. Diese Anstalten 
müssen auf ihre Leistungsfähigkeit geprüft sein und unter sachverständiger 
Controle bleiben. Die desinficirten Gegenstände sind von den zu desinfi- 
cirenden genügend zu sondern. Die Desinfectoren haben sich durch besondere 
Kleidung, Respiratoren und Waschungen vor Ansteckung zu schützen. 

6 . 

Wahl der Apparate und technischen Einrichtungen hängen von 
örtlichen Verhältnissen ab. 

6 . 

Es ist zweckmässig mit der Desinfections-Anstalt eine Einrichtung für 
Wannenbäder zu verbinden. 


Der Vorsitzende eröffnet die Discussion und ertheilt das Wort 
zunächst Herrn 

Dr. Ferdinand Hneppe (Wiesbaden). Derselbe schliesst sich in Bezug 
auf das Verlangen der Aufstellung öffentlicher Desinfections-Anstalten den 
Referenten vollständig an. Dazu aber sei es nöthig, den Städten, um ihnen 
unnöthige kostspielige Versuche zu ersparen, einen Rath an die Hand zu 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 131 

geben, welches Princip sie anwenden sollen. Dass die Desinfection mittelst 
Dampf zu geschehen habe, darüber bestehe kein Zweifel, wohl aber seien 
die Meinungen noch auseinander gehend, in welcher Form man den Dampf 
an wenden solle, in gespannter oder strömender Form. Gespannter Dampf 
sei bei kleineren Apparaten wohl anzuwenden, vortheilhafter aber sei für 
eine sichere Desinfection und für die Integrität der Gegenstände der strö¬ 
mende Dampf von ca. 100° C. und sei desshalb für neue Anlagen dies 
Princip in den Vordergrund zu stellen. Die einfachste Art, so hoch tem- 
perirten strömenden Wasserdampf zu erhalten, beruhe in der Dampfent¬ 
wickelung von einer grösseren Wasserfläche und für kleinere Apparate, 
sowie zum Improvisiren von Apparaten, z. B. für Militärzwecke, reiche man 
mit dieser Form wohl aus. Für grössere Apparate aber genüge dies 
nicht und hier müsse man zu einem combinirten Verfahren greifen, indem 
man den Dampf einfach strömen lasse und durch gleichzeitige Anwendung 
heisser Luft erhitze. Herrn Director Merke gebühre das grosse Verdienst, 
in Verfolgung der diesbezüglichen Untersuchungen im Gesundheitsamts dies 
Princip der Combination von strömendem Dampfe in heisser Luft in die 
Praxis eingeführt zu haben. • Die heisse Luft, resp. die Ueberhitzung des 
Dampfes bringe den sonst nicht genügend temperirten Dampf nicht nur 
auf die erforderliche Temperatur von 100° C., sondern sie verleihe dem 
Dampfe auch, so zu sagen, eine grössere Geschwindigkeit, welche für das 
energische und schnelle Eindringen und Durchdringen der zu desinflcirenden 
Gegenstände von grösster Bedeutung sei. Ausserdem aber biete ein solcher 
Apparat noch die weiteren Vortheile, einmal, dass man die Gegenstände 
trocken vorwärmen könne, was nachweislich für die folgende Desinfection 
mit Dampf von grossem Vortheil sei und dann, dass man die desinflcirten 
Gegenstände nach Abstellen des Dampfes schnell wieder trocknen könne, 
wodurch ihre Brauchbarkeit wesentlich gesichert und ausserdem erreicht 
werde, dass die Gegenstände sofort verpackt und verschickt werden können. 
Um aller dieser Vortheile willen sei für stabile Apparate grösserer Gemein¬ 
wesen dies combinirte System am meisten zu empfehlen. 

Kreisphysicns Dl\ Freymuth (Danzig) behauptet entgegen den 
Ansichten des Herrn Dr. Hu epp e, dass nach seinen Versuchen der einfache 
strömende Dampf, oder richtiger ausgedrückt, die einfache feuchte erhitzte 
Luft genüge, um eine ausreichende Desinfection zu bewirken. Es sei sehr 
wichtig dies festzustellen, da nicht jede Stadt in der Lage sei, so kostbare 
Apparate aufzustellen, wie dies Berlin eben gethan habe, wo die Desinfec- 
tionsanstalt in der Reichenbergerstrasse rot. 130000 Mark gekostet habe. 
Wenn auch eine kleinere Stadt einen so grossen Apparat nicht brauche, 
so werde doch auch für sie ein entsprechender Apparat in kleineren Ver¬ 
hältnissen noch immerhin sehr theuer kommen. Nun habe er früher im 
Barrackenlazareth Moabit, ehe der Schimmel’sehe Apparat dort aufgestcllt 
worden sei, einen Desinfectionsapparat gesehen, in den Dampf ein-, aber 
keiner ausgeströmt sei, in dem also von strömendem Dampf nicht die Rede 
gewesen sei, sondern nur von heisser Luft, die mit Dampf nahezu gesättigt 
gewesen sei; und dieser Apparat mit feuchter heisser Luft habe besser des- 
inficirt als ein solcher mit trockener heisser Luft. 

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132 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

Von diesem Gedanken ausgehend habe er mit dem Director der Danziger 
Gasanstalt, Herrn Kunath, einen Apparat construirt, der aus einer Kammer 
bestehe, an der als Appendix ein kleiner Dampfkessel sich befinde, welcher 
eine Spannung von 2 bis 2 l / % Atmosphären zulasse. Er habe also ge¬ 
spannten Dampf und zwar lediglich desswegen, weil dieser eine höhere 
Temperatur als 100° C. annehme, auf diese Weise die Kammer rascher er¬ 
hitze und dadurch das Tropfwasser auf ein Minimum beschränke (Redner 
demonstrirt den Apparat im Einzelnen). 

Zahlreiche Versuche mit dem Apparat, allerdings nur im Kleinen, haben 
ergeben, dass eine sichere Desinfection mit demselben sehr wohl gelinge, 
wenn auch in etwas längerer Zeit als mit anderen Apparaten, d. h. nicht in 
einer, sondern in l 1 /? Stunde. Dem stehen aber als Vortheile gegenüber, 
dass der Apparat noch nicht ein Viertel so viel koste als die anderen Apparate, 
dass er leicht handlich und in entsprechenden Dimensionen auch transportabel 
sei und dass an Arbeitskraft und ebenso an Raum viel erspart werde. 

Oberbürgermeister Merkel (Göttingen) giebt eine durch Zeich¬ 
nungen erläuterte Beschreibung eines sehr einfachen Desinfectionsapparates, 
der sich seit Jahresfrist in Göttingen sehr gut und zur allgemeinsten Zu¬ 
friedenheit bewährt habe. Derselbe sei unter zu Grundelegung der Er¬ 
fahrungen, die man mit dem Koch’sehen Apparat in Berlin gemacht habe, 
construirt und koste in kleinem Format 190 Mark, in grossem 360 Mark. 
In mehreren Exemplaren und in grösseren Dimensionen ausgeführt, eigne 
sich dieser Apparat auch für grössere Städte, zumal es zweckmässig sei, die 
Desinfection in diesen nicht zu centralisiren, sondern solche Apparate in 
verschiedenen Stadttheilen aufzustellen. Ein solcher Apparat*) grösserer 
Construction bestehe aus drei Theilen: unten ein grosser runder, kupferner, 
durch ein Zuleitungsrohr an die Wasserleitung angeschlossener Wasser¬ 
kessel, der circa 80 Liter halte und durch zwölf Wobbe’sche Gasbrenner 
Nr. 3 geheizt werde. Heber diesem Kessel befinde sich ein 1*40 m hoher 
und 80 cm weiter Cylinder von 3 mm starkem verzinktem Eisenblech, 
welcher zur Aufnahme der zu desinficirenden Gegenstände diene; geschlossen 
werde er dann nach oben, durch einen ebenfalls aus verzinktem Eisenblech 
hergestellten spitzen Hut. Diese drei Theile seien lose auf einander gestellt 
der Art, dass der untere Rand des einen Theiles in die mit Wasser gefüllte 
Rinne am oberen Ende des darunter befindlichen Theiles eintauche; sämmt- 
liehe drei Theile seien zur Vermeidung von Wärmeverlust mit einem 1 cm 
starken Ueberzuge von Kieselguhr-Composition versehen, welche durch eine 
Drahtgazeumhüllung festgehalten werde. Die zu desinficirenden Gegen¬ 
stände werden nun in einen cylindrischen, 95 cm hohen, aus verzinktem 
Eisendraht hergestellten Korb gethan, dessen innere Mantelfläche mit Wachs¬ 
leinewand belegt sei, und dieser Korb werde dann von oben, nach Abnahme 
des Hutes mittelst eines einfachen Flaschenzuges in den Desinfectionscylinder 
eingesetzt. Ein schmaler, zwischen dem Korbe und dem Mantel des Cy- 


*) Eine genaue, mit Abbildungen versehene Beschreibung der ganzen Einrichtung 
„Desinfectionsanstalt der Stadt Göttingen“ wird auf Anfrage von Herrn Oberbürger¬ 
meister Merkel gern zugesandt. 


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1 Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 133 

lindere verbleibender Zwischenraum gestatte das Hinabrieseln des im Hute 
condensirten Wasserdampfes, ohne dass dadurch die zu desinficirenden 
Gegenstände nass werden. 

Die Wirkung des Apparates nun geschehe in der Weise, dass der 
Dampf aus dem geheizten Kessel aufsteigend, nicht unter Spannung und 
Druck, durch die zu desinficirenden Gegenstände durchdringe und oben am 
Hute durch ein schmales Ableitungsrohr ausströme. Die Einsenkung des 
Korbes mit den zu desinficirenden Gegenständen geschehe, sobald ein im 
Hute angebrachtes Thermometer 100° C. zeige, und erfordere die vollständige 
Sterilisirung der Gegenstände etwa drei Viertel Stunde. Nach den von 
Herrn Prof. Flügge angeBtellten Versuchen mit den verschiedensten Arten 
Bacterien und Infectionskeimen sei eine sichere Tödtung der Keime in der 
angegebenen Zeit stets erfolgt. 

Ein solcher Apparat sei in Gottingen in einem Raume neben dem 
Hospital aufgestellt und werde von zwei Leuten bedient. Die Benutzung 
für das Publicum sei aber nicht, wie es der Herr Referent verlange, unent¬ 
geltlich, sondern gegen Bezahlung nach einem bestimmten Tarif, der beim 
Publicum auf keinerlei Widerspruch gestossen sei. Wer Typhus, Diph¬ 
therie, Tuberculose im Hause gehabt habe, sei glücklich, für 5 bis 20 Mark 
die inficirten Betten, Wäsche etc. desinficirt zu erhalten. Selbstverständlich 
geschehe die Desinfection unentgeltlich für alle Armen gegen physcats- 
ärztliche Bescheinigung. Aber bei wohlhabenden, bei reichen Leuten die 
Desinfection unentgeltlich vorzunehmen, dafür liege doch wahrlich kein 
Grund vor, zumal die Ausgaben, namentlich bei einer grösseren Gemeinde 
und einer doch zu erstrebenden möglichst reichlichen Benutzung sehr be¬ 
deutende seien. Desshalb werde er auch gegen die in den Thesen auf¬ 
gestellte Forderung der „unentgeltlichen“ Benutzung stimmen, so sehr er 
sonst auch mit den Thesen übereinstimme. 

Professor Dr. Hermann Cohn (Breslau) findet, dass die Herren 
Referenten nur auf Betten, Wäsche u. dergl. Rücksicht genommen, dabei 
aber einen wichtigen Uebertrager von Infectionskrankheiten noch unerwähnt 
gelassen haben, das Papier. Es sei bekannt, dass die Masern durch einen 
einzigen Brief auf die Fidjiinseln gebracht worden seien und bei den dor¬ 
tigen Eingeborenen, zu denen bis dahin niemals Masern gekommen seien, 
gewaltige Verheerungen angerichtet haben. Ebenso seien Fälle festgestellt, 
wo Personen an Scharlach und Diphterie erkrankt seien, die Esswaaren 
genossen, die in Papier eingepackt gewesen seien, das in einer Scharlach- 
stube gelegen habe. Aus diesen Gründen sei das Bestreben gerechtfertigt, 
auch die Schulbücher möglichst zu desinficiren. Dies habe bisher 
mancherlei Schwierigkeiten gehabt. Nachdem aber jetzt der Herr Correferent 
mitgetheilt habe, dass bei der Behandlung mit heissen Dämpfen Bücher 
ebenfalls vollkommen unversehrt und gut desinficirt aus dem Kasten heraus¬ 
genommen werden, sei es Pflicht, die Schulbücher und Effecten der an 
Scharlach erkrankten Kinder, die gewiss Ueberträger der Krankheit sein 
können, stets desinficiren zu lassen. 

Referent Professor Dr. Franz Hofmann erwähnt, dass die von 
Herrn Dr. Hueppe hervorgehobenen Schwierigkeiten und Unsicherheiten der 


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134 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

Desinfection mit gespanntem Wasserdampf sowohl wie mit heissem Wasser¬ 
dampf ohne Spannung und die darauf gegründete Forderung des combi- 
nirten Systems, in gewissem Widerspruch zu stehen scheinen mit seinen 
und des Herrn Correferenten Mittheilungen. Und doch bestehe zwischen 
den Thesen und den Ausführungen des Herrn Hueppe gar kein Widerspruch, 
eine Klarstellung aber scheine ihm erforderlich. 

In These 4 werde direct ausgesprochen und betont, dass die sichere 
Desinfectionswirkung, wie auch vom Herrn Geheimrath Dr. Koch früher 
berichtet worden sei, durch den strömenden Wasserdampf vermittelt werde. 
Es sei klar, wenn man in einen geschlossenen Apparat gespannten oder 
nicht gespannten Wasserdampf einleite» ohne dass er entsprechend ent¬ 
weichen und ausströmen könne, dass dann in diesem Falle eine allseitige 
Durchhitzung des Raumes, eine vollständige Vertheilung der Wärme im 
Raume und in den eingehängten Objecten mit grossem Zeitaufwande, mit 
Schwierigkeiten und Zufälligkeiten verbunden sei. Eine ungleichmässige 
und oftmals ungenügende Hitze vertheilung trete hierbei je nach den Um¬ 
hüllungen, den Dimensionen und dem Kältegrad des Apparates, je nach der 
Natur der Objecte, ganz ähnlich auf, wie z. B. in diesem Versammlungs¬ 
räume, in welchem wegen der geschlossenen Fenster sich die Temperatur, 
der Wasserreichthum in den oberen und unteren Schichten des Raumes 
höchst ungleich verhalte. Auf dieser ungleichen Wärme vertheilung im 
Desinfectionsraume des Herrn Dr. Freimuth scheinen auch die unsicheren 
DeBinfectionsresultate s?u beruhen, bei welchen trotz Anwendung gespannten 
Wasserdampfes die Milzbrandsporen erst nach 5 / 4 und l 1 /* Stunden ab- 
getödtet worden seien. Der Apparat besitze offenbar nicht die Construktion, 
dass eine genügende Strömung des Wasserdampfes und eine sichere und 
rasche Durchwärmung der Objecte eintrete, der Apparat leide an dem Fehler 
der Dampfstagnation. 

Erste Bedingung eines wirksamen Desinfectionsapparates sei, dass der 
Constructeur denselben so ausarbeite, dass in ihm eine reichliche Menge 
Wasserdampf in allen Theilen und Buchten sich bewege. Unter dieser 
Voraussetzung sei es denn für den Erfolg der Desinfection gleichgültig, ob 
der Wasserdampf in gespanntem oder nicht gespanntem Zustande in den 
Apparat eintrete. Es beruhen z. B. die von Henneberg in jüngster Zeit 
durch Beschreibung und Preiscourant bekannt gemachten Desinfections- 
apparate darauf, dass sich aus kochendem Wasser nicht gespannter Wasser¬ 
dampf entwickele. Herr Regierungsrath Dr. Wolffhügel habe mit diesen 
Apparaten Versuche ausgeführt, und ganz sichere und zuverlässige Des¬ 
infection erzielt. 

Der Desinfectionsapparat des Herrn Oberbürgermeister Merkel aus 
Göttingen zeige nach der gegebenen Zeichnung und Beschreibung grosse 
Aehnlichkeit, ja Uebereinstimmung mit demjenigen Apparate, mit welchem 
Herr Geheimrath Dr. Koch, Dr. Gaffky und Dr. Löffler 1 ) die ent¬ 
scheidenden Desinfectionsversuche mit heissen Wasserdäropfen ausgeführt 
haben, bei welchen gleichfalls jede Spannung gefehlt habe. Er sei der 
sogenannte Koch’sche Sterilisirungsapparat, mit welchem die zahlreichen 


*) Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte, I. Bd, 1881, S. 322. 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 135 

Desinfectionen in den Laboratorien seit Langem vorgenommen werden, nur 
in grösseren Dimensionen angefertigt. 

Herr Oberbürgermeistef Merkel spreche sich nun direct dagegen aus, 
dass man in öffentlichen Desinfectionsanstalten die Desinfection principiell 
unentgeltlich gestatte. Er weise darauf hin, dass z. B. einzelne Familien, 
die ein oder mehrere Familienmitglieder an Infectionskrankheiten, Diph¬ 
therie u. s. w. verloren haben, gerne bereit seien, 10 oder 20 Mark für die 
Yornahme der Desinfection zu bezahlen. Das werde gewiss in Göttingen 
wie in jeder Stadt Vorkommen, aber der Zweck der öffentlichen und städti¬ 
schen Desinfectionsanstalten liege doch nicht darin, der Gemeinde Einnahme 
zu schaffen, sondern eine möglichst allgemeine und vielseitige Verwendung 
und Benutzung zu finden. Der Herr Oberbürgermeister gebe selbst zu, 
dass die Anschaffungs- wie Verzinsungskosten der Apparate relativ uner¬ 
heblich seien, auch die Anforderungen bezüglich des Bedienungspersonales 
seien nicht grosse. In Leipzig reiche man in den beiden öffentlichen An¬ 
stalten mit je einem Manne aus, welcher ausserdem anderweitig beschäftigt 
werde, da die Apparate in dem Hospitale und in der Gefangenenanstalt auf¬ 
gestellt worden seien. Aber das vom hygienischen Interesse getragene 
Bestreben, wie auch das Bestreben jeder Verwaltung müsse dahin gehen, 
dass die Bevölkerung eines Ortes nicht etwa aus financiellen Bedenken, aus 
erschwerenden, umständlichen Benutzungsformalitäten, aus Nachlässigkeit 
oder Gleichgültigkeit abgehalten werde, die zu desinficirenden Objecte in 
die einmal errichteten Anstalten zu senden. Nicht etwa nur die wirklich 
Armen, denen vielfach freie ärztliche Behandlung, Medicamente und Unter¬ 
stützung zu Gebote stehe, sondern viel weitere Bevölkerungskreise seien in 
Zeiten der Krankheit auf Sparsamkeit angewiesen. Desinfectionseinrich- 
tungen und Apparate, welche aus den Mitteln der Gemeinden angekauft 
worden seien, welche einem öffentlichen Zwecke dienen sollen, nämlich der 
Verbreitung von Krankheiten in der Bevölkerung entgegenzuwirken, seien 
entschieden als gemeinnützige Unternehmen aufzufassen, ebenso wie die 
Gasbeleuchtung auf den Strassen, an deren Kosten sich jeder nach seiner 
Steuerkraft betheilige, gleichviel, ob er Abends auf die Strasse gehe oder 
nicht. Eine Gemeinde, die so arm sei oder zu sein glaube, dass sie die 
Betriebskosten der aus den öffentlichen Mitteln errichteten Desinfections- 
einrichtung nicht mehr zu bestreiten vermöge, solle dann in anderer Weise 
sparen, z. B. die Gaslaternen eine Stunde früher auslöschen oder bei anderen 
minder wichtigen Gelegenheiten eine Mehrausgabe vermeiden. Die Ein¬ 
richtung von Desinfectionsanstalten könne nur dann einem öffentlichen 
Interesse dienen, wenn sie möglichst allgemein benutzt werde und wer sich 
daran betheilige, durch Vernichtung des Contagiums die Verbreitung der 
Krankheiten auf weitere Kreise zu verhüten, verdiene hierfür eher noch 
eine Prämie. 

Kranbenhansdirector Merke l ) (Berlin). „Meine Herren. Es ist 
nicht meine Absicht, mich für oder wider die Zweckmässigkeit der hier 

1 ) Herr Director Merke hat auf Wunsch der Versammlung die Güte gehabt 
seine wegen Kürze der Zeit wesentlich beschränkten Mittheilungen ausführlich für den 
Bericht auszuarbeiten. 


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136 XIII. Versammlung d. D. Vereins r. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

bekannt gewordenen Desinfectionsapparate auszulassen; ich will Ihnen nur 
meine Ansichten mittheilea über die Anforderungen, welche man an die 
Leistungsfähigkeit eines Desinfectionsapparatea oder vielmehr einer Des- 
infectionsanstalt stellen soll und welche Bedingungen man den Lieferanten 
von Desinfectionsapparaten zu stellen hat. 

„Bevor ich hierauf näher eingehe, wende ich mich gegen eine Aus¬ 
führung des Herrn Freymuth, nach welcher, wenn ich ihn recht verstan¬ 
den habe, es ihm nicht möglich erscheint, dass bei den von Guttmann 
und mir in der Berliner DesinfectionsanBtalt vorgenommenen Desinfections- 
versuchen die neben dem elektrischen Thermometer liegenden Maximal¬ 
thermometer erst 90° zeigten, während das erstere, das auf 100° eingestellt 
war, bereits diesen Temperaturgrad erreicht hatte. Ich beziehe mich dem 
gegenüber auf die bezüglichen ausführlichen Mittheilungen in meiner Publi- 
cation über ,Die erste öffentliche Desinfectionsanstaltder Stadt Berlin 1 und halte 
an dem darin ausgesprochenen Satze fest: dass bei der Prüfung eines Des- 
infectionsapparates das Läuten eines elektrischen Thermometers nicht immer 
ein sicherer Beweis dafür ist, dass auch in der unmittelbaren Umgebung 
des Thermometers der gemeldete Temperaturgrad schon erreicht ist. 

„Herrn Professor Hoffmann, welcher für die unentgeltliche Be¬ 
nutzung der öffentlichen Desinfectionsanstalten plaidirt hat, will ich ent¬ 
gegenhalten, dass mit der Errichtung von Desinfectionsanstalten, deren 
unentgeltliche Benutzung im Belieben des Publicuros steht, allein nicht 
alles das erreicht werden kann, was Herr Professor Hoffmann, wie ich 
glaube, dabei verlangt: nämlich dass das betheiligte Publicum auch wirklich 
die Gelegenheit zu der Desinfection von inficirten Sachen in jedem Falle 
benutzen wird. Soll der Verschleppung von ansteckenden Krankheiten und 
namentlich in Epidemiezeiten durch Desinfection erfolgreich entgegen¬ 
getreten werden, dann giebt es nur einen Weg: das ist der Zwang zur 
Benutzung der Desinfectionsgelegenheit. So hart eine solche Maassregel 
auch erscheinen mag, ebenso nützlich würde sie in ihrer Wirkung sein. 

„Was nun die Anforderungen, welche man an die Leistungsfähigkeit 
einer öffentlichen Desinfectionsanstalt stellen soll, anbetrifft, so möchte ich 
darauf aufmerksam machen, dass die Leistungen einer solchen Anstalt ab¬ 
hängig sind von der Zahl der Einwohner, für welche die Desinfections¬ 
gelegenheit geschaffen werden soll, vor Allem aber von der Anzahl deijenigen 
Erkrankungsfälle, bei denen die Desinfectionsanstalt in Benutzung gezogen 
werden muss; z. B. bei einer Choleraepidemie. Die Zahl der Erkrankten 
gewährt den Anhaltepunkt für eine Berechnung über die Grösse etc. der 
einzurichtenden Anstalt. Nach den Beobachtungen, welche ich in meiner 
Stellung vielfach zu machen Gelegenheit hatte, kommen auf den einzelnen 
Erkrankungsfall im Durchschnitt etwa 3 cbm Raumbedarf für zu des- 
inficirende Gegenstände — auf dem platten Lande wird es wohl weniger, 
etwa zwei Raummeter sein. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die über¬ 
wiegende Zahl der zur Desinfection gelangenden Gegenstände entweder 
cubisch geformt ist, oder, wie Federbetten z. B., eine horizontale Lagerung 
in der Desinfectionskammer bedingen; hieraus ergiebt sich die Forderung, 
dass Apparate für öffentliche Desinfectionsanstalten eine cubische Form 
haben müssen. 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 137 

„Wenn nun in einer Stadt, z. B. Berlin, öffentliche Desinfections¬ 
anstalten errichtet werden sollen, deren Thätigkeit nicht bloss für gewöhn¬ 
liche, sondern auch für Epidemiezeiten in Betracht gezogen werden soll, 
so würde sich eine ungefähre Berechnung für die Grösse und Zahl der Des- 
infectionsapparate wie folgt stellen: 

„Berlin zählte im Jahre 1866 658071 Einwohner. Die damals in den 
Monaten Juni bis November herrschende Choleraepidemie wüthete am hef¬ 
tigsten im Juli. Es erkrankten in diesem einen Monat 4819 Personen, 
durchschnittlich täglich also 160. Die höchste Zahl der an einem Tage 
Erkrankten schwankte zwischen 190 und 219. Da man der Vorsicht wegen 
stets die höchste Zahl für Berechnungen wie die folgende anzunehmen hat, 
so würde sich das Exempel wie folgt stellen: 

219 Erkrankungsfalle X 3 cbm = 654 cbm Desinfectionsraum. 

„Da Berlin inzwischen um das Doppelte an Einwohnerzahl zugenommen 
hat, so würden die an einem Tage zu desinffcirenden Gegenstände einen 
Raum von rund 1300 cbm beanspruchen, das sind, wenn ich Ihnen diese 
Zahl in Möbelfuhren umrechne — ich habe dabei die wohl überall bekann¬ 
ten grossen Möbelwagen im Auge — 50 Fuhren Sachen! 

„Hieraus wollen Sie entnehmen, dass eine Anstalt gar nicht ausrei¬ 
chen würde, solchen Anforderungen zu genügen, man wird deren mehrere 
etabliren müssen. Nun folgt die Frage: wie viel Apparate beziehungsweise 
in welcher Grösse sind erforderlich, um ein solches Quantum Sachen an 
einem Tage reinigen zu können. Da die Stadt Berlin bereits eine grosse 
öffentliche Desinfectionsanstalt errichtet hat, so fallt es mir nicht schwer, 
das Exempel zu Ende zu führen. 1300 cbm Raumbedarf auf 24 Stunden 
vertheilt, ergiebt pro Stunde rot. 55 cbm. Die Berliner Apparate haben ein 
jeder 4*5 cbm benutzbaren Raum. Die Desinfection ist einschliesslich Ein- 
und Ausladen der Effecten in 50 Minuten bewirkt. Da e i n Apparat in der 
angegebenen Zeit 4*5 cbm Raum gewährt, so würden bei 55 cbm pro Stunde 
zwölf solcher Apparate in Betrieb zu halten sein. 

„Man wird, meine ich, nicht fehl greifen, wenn man die vorstehende 
Berechnung bei etwaiger Einrichtung von öffentlichen Desinfectionsanstalten 
für Landgemeinden in Betracht zieht. Nehmen wir an, es handelt sich um 
die Errichtung einer öffentlichen Desinfectionsanstalt für einen Kreis mit 
100 000 Einwohnern. Für diese Zahl würde ein Desinfectionsapparat von 
drei Raummetern schon genügen; freilich müsste, meiner Meinung nach, 
dieser Apparat ein transportabler und die Leistungsfähigkeit desselben mit 
einer Stunde pro Charge Bedingung sein. Eine solche Leistungsfähigkeit 
ist aber, wie ich glaube, nur zu erzielen, wenn, bei gehöriger Vorwärmung 
des Apparates, als Desinüciens gespannte strömende Wasserdämpfe 
zur Anwendung kommen, welche vermöge ihrer ausserordentlichen Geschwin¬ 
digkeit, mit der sie den Apparat durchströmen, sowie der verhältnissmässig 
hohen Temperatur, mit der sie einBtrömen, die eintretenden grossen 
Wärme Verluste in ausserordentlich kurzer Zeit zu decken 
vermögen. 

„Bei einer solchen Einrichtung würden auch die Kosten für öffentliche 
Desinfectionsanstalten relativ geringe werden. Ich nehme an, dass eine 
Einrichtung, wie die vorher genannte, für einen Kreis, der bei 100 000 Ein- 


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138 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

wohnern etwa 60 Dörfer und kleine Städte hat, 12 000 Mark kosten wird. 
Dies macht bei 60 Gemeinden, auf die einzelne Gemeinde 200 Mark, 
120 Mark pro tausend Einwohner. 

„Solche Einrichtungen würden, wie ich glaube und wie ich dies schon 
an anderer Stelle ausgesprochen habe, über das ganze Land verbreitet, 
nicht bloss in Epidemiezeiten, sondern zu allen Zeiten ihre segensreichen 
Früchte tragen. 

„Es würde zu weit führen, wenn ich mich über Einrichtung, Organi¬ 
sation und Verwaltung solcher Anstalten ausliesse, ich bemerke nur, dass 
ich an anderer Stelle mich darüber einmal äussern werde. 

„Ich komme nun zu den Bedingungen, welche man den Lieferanten 
von Desinfectionsapparaten auferlegen sollte. Ich würde dieselben so for- 
muliren: 

„Jeder Apparat muss einen verfügbaren Raum von mindestens 3 cbm 
haben und muss, sofern es sich um eine stationäre Einrichtung handelt, von 
einer Seite be- von der anderen entladen werden können. 

„Das erste Anheizen des Apparates (Vorwärmung bis zu 60° C.) darf 
nicht länger als eine halbe Stunde Zeit beanspruchen. 

„Der Desinfectionsprocess, einschliesslich Anheizen, Be- und Entladen 
der Desinfectionsobjecte, muss jedesmal binnen einer Stunde bewirkt werden 
und die Desinfection a tempo fortgesetzt werden können. 

„Der vollbeladene Apparat beziehungsweise die in ihm unter¬ 
gebrachten Effecten müssen bei der Desinfection in allen ihren Theilen auf 
eine Temperatur von mindestens 100°, nicht über 110°C. gebracht worden 
sein. Die höchste Temperatur im Apparate selbst darf 120°C. 
(diejenige höchste Temperatur, welcher Stoffe, Wäsche etc., ohne Werth¬ 
beschädigung zu verursachen, ausgesetzt werden können) nicht übersteigen. 

„Der Apparat muss mit einem Manometer versehen sein, welcher den 
Druck biszu 1 / i0 Atmosphäre anzeigt. Der höchste Druck im Apparate darf 
während des Betriebes nicht unter l / i0 und nicht über Vio Atmosphäre 
= 100 beziehungsweise 200 g Belastung für den Quadratcentimeter be¬ 
tragen. 

„Für Erfüllung dieser Vorschriften istCaution zu stellen und Garantie 
für die Leistungsfähigkeit des Apparates auf zwei Jahre zu übernehmen. 

„Ueber die Bedeutung des Manometers für Apparate mit gespannten 
strömenden Dämpfen theile ich noch Folgendes mit: 

„Das Manometer hat den Zweck, anzuzeigen, dass im Apparate eine 
gleichmässige Dampfvertheilung stattgefunden hat; bei gleichmässiger 
Dampfvertheilung ist, wenn das Manometer einen Druck von Vao Atmo¬ 
sphäre zeigt, die Sicherheit gegeben, dass im Apparate überall eine 
Temperatur von mehr als 100° C. vorhanden ist. 

„Durch die Anwendung des Manometers wird ferner der Dampfver¬ 
schwendung vorgebeugt; die letztere kann eintreten, wenn die Abzugsklappe 
des Apparates zu weit geöffnet bleibt, wodurch nicht nur ein ungehindertes 
Ausströmen des Dampfes zu Stande kommt, sondern auch die Dampfver¬ 
theilung im Apparate auf einzelne Theile beschränkt bleibt, so dass an ver¬ 
schiedenen Stellen die erforderlichen Temperaturgrade nicht erreicht werden. 
Sind aber die erforderlichen Temperaturgrade im Apparate nicht überall 


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Moderne Desinfectionsteclinik und Desinfectionsanstalten. 139 


vorhanden, so steht der Zeiger des Manometers auf Null; ein Blick auf den 
letzteren genügt also, um zu erkennen, oh der Gang der Desinfection ein 
vorschriftsmässiger ist oder nicht. u 

Regienwgsrath Dr. Wolffhügel (Berlin) ist der Ansicht, dass der 
Begriff „gespannter“ und „nicht gespannter“ Wasserdampf noch 
nicht übereinstimmend klar gestellt sei und dass bloss ein Theil der Herren, 
welche an der speciellen Bezeichnung „gespannter strömender Wasser¬ 
dampf“ Anstand nehmen, die Auffassung habe, dass damit nur die mit 
Spannung im Apparate, d. h. im Desinfectionsraume befindlichen Dämpfe, 
gemeint sein sollten. Aber es sei eben so gut möglich, dass man darunter 
Wasserdämpfe verstehe, welche mit Spannung aus einer Rohrleitung, von 
einem isolirt stehenden Dampfentwickler kommend, ausströmen, die also in 
einem geschlossenen Dampfentwickler in Spannung gehalten seien, ln der 
Desinfectionstechnik dürfte man aber überhaupt seit den im Jahre 1881 
veröffentlichten Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte vollständig 
davon abgekommen sein, es als eine unerlässliche Bedingung zu erachten, 
in dem Apparate, im Desinfectionsraume selbst, eine Dampfspannung und 
eine höhere Temperatur als die Siedewärme des Wassers zu verlangen. 
Desshalb sei es wohl besser, in den Thesen von der näheren Bezeichnung 
„gespannte“ ganz abzusehen, weil man eben an diesen Begriff „gespannte 
Wasserdämpfe“ die Idee zu knüpfen leicht geneigt sei, dass im Apparat, 
in der Desinfectionskammer selbst, eine Spannung sein müsse. Es solle * 
also nur von den strömenden Dampf benutzenden Apparaten die Rede sein, 
gleichgültig ob dieselben einen isolirten oder mit dem Apparat ein Ganzes 
bildenden geschlossenen Dampfentwickler haben, beziehungsweise im An¬ 
schluss an eine vorhandene Centraldampfheizanlage aufgestellt seien, oder 
ob in denselben der Dampf in einem Kessel von einer frei siedenden Wasser¬ 
fläche aus entwickelt werde, welcher Kessel in unmittelbarem Zusammen¬ 
hänge mit der Desinfectionskammer stehe. Mit Apparaten der letzteren 
Art könne man eben so gut desinficiren, ja man könne sich ein zur Des- 
infection geeignetes Geräthe in der mannigfachsten Manier aus den ge¬ 
ringsten Mitteln improvisiren und damit einen guten Erfolg erzielen, wenn 
man nur mit Geduld die Beendigung des Desinfectionsprocesses abwarte 
und überhaupt in Hinsicht der Anordnung und Ausführung des Versuches 
richtig und mit Verständniss für die Sache verfahre. 

Es sei ihm wiederholt in seiner Praxis vorgekommen, dass über Apparate, 
deren Construction anerkannt gut sei, geklagt worden sei, dass sie nichts 
taugen, indem nach einer längeren Desinfectionsdauer selbst grösseres Un¬ 
geziefer (Flöhe und Läuse) der Dampfeinwirkung nicht erlegen, vielmehr 
in gewohnter Munterkeit und Fröhlichkeit mit den Desinfectionsgegenständen 
wieder aus den Desinfectionskammern hervorgegangen sei. Bei näherer 
Prüfung der Frage sei er, wie auch die beiden Herren Referenten, zu der 
Ueberzeugung gekommen, dass jeder Apparat seine Besonderheiten habe, 
und dass es eben so wenig möglich sei, einen Desinfectionsapparat nach 
bekanntem Modell mit bekannter Leistungsgeschwindigkeit zu bauen, d. h. 
einen Apparat, der genau in der gleichen Zeit das Nämliche leiste. Es sei 
ähnlich wie beim Schiffsbau. Man sei beim Schiffsbau nicht gut im Stande, 


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140 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

nach einem gegebenen Muster ein Schiff zu bauen, bei dem man bestimmt 
Voraussagen könne, dass es die gleiche Geschwindigkeit wi$ das Vorbild habe, 
wenigstens werde eine solche Nachbildung nur in seltenen Fällen gelingen. 

Um nun einen Anhaltspunkt dafür zu gewinnen, innerhalb welcher 
Zeitdauer ein Apparat desinficire, habe er es für nöthig gehalten, zu¬ 
nächst zu untersuchen i wie lange es dauere, bis die Hitze in die mitten 
in dem Apparat befindlichen Gegenstände bei beträchtlicher Anfüllung 
desselben eindringe und die Siedetemperatur des Wassers erreiche. Er 
halte es also nicht für maassgebend, dass die Temperatur in dem Des- 
rafectionsraume auf diese Höhe gestiegen sei, sondern es müsse erwiesen 
werden, dass die Hitze auch wirklich bis in das Innere des Gegenstandes 
eingedrungen sei. Unter Mitwirkung der Herren Doctoren J. Leist, 
R. Heyroth und 0. Riedel, mit welchen er die erwähnten Untersuchungen 
über die Leistungen verschiedener Desinfectionsvorrichtungen ausgeführt 
habe, habe er an einer grossen Reihe von Infectionserregern die Des- 
infectionsdauer bestimmt, also festgestellt, wie lange man die Hitze auf die 
Krankheitskeime an und für sich behufs Erzielung einer vollkommenen 
Desinfection einwirken lassen müsse. In Anbetracht, dass die eigentliche 
Hitzedesinfection aus zwei Vorgängen sich zusammensetze, aus dem Ein¬ 
dringen der Hitze in das Innere der Gegenstände bis zum Sitze der Krank¬ 
heitskeime und aus dem Abtödten der letzteren, werde man die für die 
beiden Vorgänge ermittelten Werthe bei Ermittelung der Einwirkungsdauer 
addiren, also dem Befunde an dem mit Gegenständen beschickten Apparate 
noch einen entsprechenden Zuschlag für die Krankheitserreger an und für 
sich geben müssen. 

Um die- Zeit für den ersten Vorgang zu bestimmen, habe er vor zwei 
Jahren, oder schon mehr, das elektrische Gontactthermometer, das so ver¬ 
schiedene Beurtheilung erfahren habe, in die Untersuchungstechnik ein¬ 
geführt. Die Idee, wie er sie dabei gehabt habe und noch habe, sei noch 
nicht in weitere Kreise durchgedrungen, aus dem Grunde, weil die be¬ 
züglichen Arbeiten noch nicht veröffentlicht worden seien; wie bei allen 
derartigen Instrumenten ergebe allerdings die experimentelle Erfahrung, 
dass das elektrische Thermometer vorher sorgsam ausgewählt und vor der 
Ingebrauchnahme erst gut justirt sein, und dass man in dieser Hinsicht erst 
Lehrgeld bezahlen müsse. Wer aber den Unterricht in der hygienischen 
Untersuchungstechnik erhalten habe, wisse, dass es die erste Vorbedingung 
für das Arbeiten sei, das Handwerkszeug, das Geschirr, gehörig in Ordnung 
zu bringen und sich selbst ordentlich darauf einzuüben. DaBs man mit 
einem elektrischen Thermometer übele Erfahrungen, wie Herr Merke, 
machen könne, glaube er gern, denn es sei dies ein Instrument, das weder 
leicht herzustellen noch leicht zu handhaben sei. Aber dafür brauche man 
keine grossen Erklärungsversuche, z. B. die Annahme einer Wärmeleitung 
durch Vermittelung der Drähte nach dem Quecksilber, noch weniger die 
Behauptung principieller Mängel der Methode an sich. Es wäre viel prak¬ 
tischer gewesen, wenn Herr Merke einmal zur Aufklärung des Sachver¬ 
haltes Versuche gemacht, wenn er probirt hätte, ob überhaupt die Drähte 
unter den ungünstigsten Bedingungen, z. B. beim Glühen, nach dem Thermo¬ 
meter Wärme leiten. Vielleicht würde dieser Control versuch zu einer 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 141 


anderen Erklärung geführt haben. Es wäre z. 6. ganz gut denkbar, dass 
Herr Merke es nicht für nötbig gehalten hätte, seine Drähte mit Gummi¬ 
röhren und dergleichen noch besonders zu isoliren, und dass die dicht 
neben einander liegenden Drähte durch Wärmeausdehnung sich einander 
genähert und in Folge ungenügender Isolirung den Contact ergeben hätten. 
Aber Herr Merke selbst weise auf eine nicht ein wandsfreie Yorsichtsanord- 
nung, auf die Anwendung eines Holzfutterals, hin. Er wolle damit aber 
nur gesagt haben, dass man damit noch nicht berechtigt sei, ein Verfahren, 
das vorläufig nur als Nothbehelf diene, desswegen über Bord zu werfen, 
weil der Eine oder der Andere damit nicht zurecht gekommen sei. Trotz¬ 
dem wäre es recht dankbar, wenn eine andere Methode angegeben werde, 
die Desinfectionsdauer zu bestimmen. Nach seiner Ueberzeugung drehe 
sich um diesen Punkt ausserordentlich viel in der ganzen Frage der Hitze- 
desinfection. Er habe schon angedeutet, dass selbst Apparate der besten 
Construction den Eindruck machen könnten, als ob sie absolut nichts taugen, 
indem sie nicht einmal die unschuldigen Flöhe und Kleiderläuse umbringen. 
An einem solchen Apparat habe er später mit Hülfe der angedeuteten 
Methode gearbeitet, und schon nach ein oder zwei Versuchen mit Bestimmt¬ 
heit die Desinfectionsdauer fixireu können; seitdem thue der Apparat seine 
Schuldigkeit. Und solche Fälle seien nichts Seltenes. Immerhin sei es wün- 
schenswerth, eine bessere Methode als die mit dem Contactthermometer zu 
finden und auch er sei stets so vorsichtig gewesen, immer noch neben dem 
elektrischen Thermometer ein Maximumthermometer mit einzulegen. 

Hiermit ist die Generaldiscussion geschlossen und es wird in die 
Specialdi8cussion, und zwar auf Vorschlag des Herrn Vorsitzenden, der 
Thesen 1 und 2 gemeinsam eingetreten. 

Referent Professor Franz Hofmann beantragt, These 1, die in 
These 2 eigentlich mit enthalten sei, ganz zu streichen und ebenso in 
These 4 das Wort „gespannte“ wegfallen zu lassen. 

Landesrath Fnss (Danzig) beantragt in These 2 den letzten Satz, 
wie folgt, zu fassen: 

„Zur gemeinsamen Benutzung für kleine Ortschaften, insbesondere 
für ländliche Gemeinden, ist die Beschaffung transportabler Des- 
infectionsapparate vorzusehen. tt 

Bei der nun folgenden Abstimmung wird These 1, dem Anträge 
des Herrn Referenten entsprechend, gestrichen und These 2 mit dem von 
Herrn Landesrath Fuss beantragten Amendement angenommen. 

Zu These 3 ergreift das Wort 

Oberbftrgermeister Merkel (Göttingen), der nochmals betont, dass 
zwar auch er die allgemein unentgeltliche Desinfection für wünschenswerth 
halte, dass es aber Aufgabe des praktischen Verwaltungsbeamten sei, finan¬ 
ziell vorsichtig vorzugehen. Wenn die Erfahrung lehre, dass es vollständig 


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142 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

unbedenklich sei, eine mässige Gebühr von den Wohlhabenden zu erheben, 
so erscheine es ihm doch zweckmässiger, diese Gebühr zu erheben, als die 
Communallasten zu vergrössern. Ob es richtiger sei, diese Gebühr auf 
3 bis 5 Mark zu bemessen oder bis auf 20 Mark zu steigen, wie in Göt¬ 
tingen, wenn nämlich grosse Zimmerreinigung und Desinfection damit ver¬ 
bunden sei, was in Leipzig gar nicht geschehe, das könne man den ein¬ 
zelnen Communen Überlassen. Verwahren aber müsse er sich gegen die 
etwaige Annahme, dass man in Göttingen in Bezug auf die Armen und die 
weniger Bemittelten nicht mit der nötbigen Liberalität verfahre; trage 
doch vielleicht in der Hälfte aller Fälle schon jetzt die Gemeinde die Kosten 
der Desinfection! 

Oberbürgermeister Bötticher (Magdeburg) stimmt dem Herrn 
Referenten bei, dass es wünschenswerth sei, dahin zu streben, dass die Be¬ 
nutzung der öffentlichen Desinfectionsapparate unentgeltlich werde. Doch 
könne es Vorkommen, dass dies ausgeschlossen sei, beispielsweise, wenn 
nicht eine Gemeinde oder ein Kreis, sondern irgend ein Dritter, vielleicht 
eine Gesellschaft, ein solches Institut gründe, die darauf angewiesen sei, 
eine kleine Einnahme damit zu erzielen. Darum lasse sich vielleicht eine 
Uebereinstimmung der beiderseitigen Anschauungen erreichen, wenn man 
vor das Wort „unentgeltlich“ das Wort „möglichst“ einfüge. 

Oberbürgermeister Merkel (Göttingen) und Landesrath Fuss 
(Danzig) erklären sich mit diesem Zusatz einverstanden, letzterer mit dem 
Wunsche, statt „möglichst“ lieber etwas präciser zu sagen „wenn irgend 
möglich“. 

Referent Professor Franz Hofmann ist bereit, sich allenfalls 
mit diesem Amendement einverstanden zu erklären, richtet aber an die 
Herren Gemeindevertreter die dringende Bitte, nicht zu glauben, dass es 
nicht möglich sei. Herr Oberbürgermeister Merkel habe erwähnt, dass 
man bei der Benutzung der Desinfectionseinrichtung in Göttingen sehr 
liberal verfahre. Die reichen Leute lasse man bezahlen, den übrigen, deren 
Vermögensverhältnisse weniger genau bekannt seien, werde der Betrag 
mehr oder weniger erlassen; die Armen benutzen den Apparat unentgeltlich. 
Gerade dieses System der Abschätzung müsse er als recht verderblich und 
hinderlich bekämpfen. Es führe zu Consequenzen, zu Protectionen, die 
den Zwecken der Anstalt nicht mehr förderlich seien. Die Absicht, Objecte 
zum eigenen und allgemeinen Besten desinficiren zu lassen, habe also zur 
Folge, dass der Vermögensstand der Familie jedesmal abgeschätzt werden 
müsse. Wer solle dies vornehmen und controliren! Die bei der Desinfections- 
anstalt Bediensteten vermögen es nicht. Niemand sei im Stande den Ver¬ 
mögensstand einer Familie, in welcher schwere Krankheiten herrschen, die 
Ausgaben stiegen, die Einnahmen fielen, irgend richtig zu taxiren. Die Aerzte 
seien es vor Allem, welche die weitgehendere Benutzung der öffentlichen 
Desinfectionseinrichtungen in den Familien zu fordern und zu befürworten 
haben. Wie hinderlich aber wirke es, wenn sie zugleich aussprechen 
müssen, die Benutzung der öffentlichen Einrichtung werde der Familie 


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Moderne Desinfectionstechnik und Desinfectionsanstalten. 143 

vielleicht 2 Mark oder 5 Mark oder 10 Mark kosten, je nachdem man sie 
für mehr oder weniger wohlhabend schätze! Bei solcher Einrichtung werde 
der Apparat wenig empfohlen und noch häufiger ganz gemieden werden. 

In Leipzig seien seit etwa zwei Jahren zwei Apparate gegen ein sehr 
geringes Entgelt zur allgemeinen Verfügung gestellt. Die Erfahrung lehre, 
dass das Geschäft trotzdem lange nicht so gehe, wie die Aerzte es wünschen 
müssten. Man könne in den Apparaten die 20- und 30 fache Menge von 
Objecten desinficiren; die Sterbelisten zeigen, dass in der Stadt genügend 
Objecte, von Infectionskranken gebraucht, vorhanden wären; — die Des- 
infectionsapparate und der durch sie zu bewirkende Vortheil sei noch lange 
nicht Gemeingut geworden. 

Sanitätsrath Dr. Goepel (Frankfurt a. 0.) spricht ebenfalls für 
die unbedingte Unentgeltlichkeit der Benutzung der öffentlichen Desinfec¬ 
tionsanstalten. Als practischer Arzt kenne er nur zu gut die Schwierigkeiten, 
die es habe, das Publicum zur Benutzung der Desinfectionsanstalten zu 
bringen, zumal wenn es dafür etwas bezahlen solle, um so mehr, als es auch 
noch die Angst habe, dass die Gegenstände dabei verdorben gehen. Je mehr 
man also die Hindernisse hinwegräurae — und ein solches sei die Be¬ 
zahlung eines bestimmten Tarifs — je besser mache man die Sache der 
allgemeinen Wohlfahrt zugänglich. Ein Analogon in Frankfurt habe ihm 
dies bestätigt. Dort habe man eine sehr schöne neue Leichenhalle gebaut 
und gehofft, dass namentlich aus den engen Wohnungen der Unbemittelten 
die Leichen möglichst rasch auf dem Friedhofe beigesetzt werden würden. 
Dies sei aber fast gar nicht der Fall gewesen bis zu dem Augenblicke, dass 
die städtische Behörde die Gebühr für die Aufbewahrung der Leichen in 
der Leichenhalle in Wegfall gebracht habe. Von dem Augenblicke an aber 
habe ohne jede polizeiliche Zwangsmaassregel, ohne irgend eine Ermahnung 
in der Presse und dergleichen die Benutzung der Leichenhalle in ganz 
ausserordentlichem Maasse zugenommen. Desshalb sei er auch hier gegen 
jede Ab8chwächung und für einfaches Belassen des Wortes „ unentgeltlich “• 

Bei der Abstimmung wird hierauf These 3, unter Verwerfung des 
Amendements auf Einschiebung der Worte „wenn irgend möglich“, in der 
ursprünglichen Fassung der Referenten angenommen. 

Zu These 4 nimmt zuerst das Wort 

Oberbürgermeister Merkel (Göttingen) der in der These eine 
Hauptsache, nämlich die Desinfection der Räumlichkeiten, vermisst. Man 
werde doch nicht die desinficirten Gegenstände, Betten, Wäsche etc. wieder 
in die inficirten Räume zurückbringen wollen! Diesen Punkt solle man in 
der These doch wenigstens erwähnen, etwa in Form einer Empfehlung der 
Desinficirung auch der Wohnungen. 

Referent Professor Dr. Franz Hofmann erwidert, dass die Refe¬ 
renten die Frage der Zimmer- und Hausdesinfection absichtlich nicht mit in 
Betracht gezogen haben, da dies nicht in dem Rahmen des ihnen ertheilten 


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144 Bericht des Ausschusses über die dreizehnte Versammluug 

Auftrages liege. Ein Zimmer könne man nicht mit sterilisirenden Wasser¬ 
dämpfen desinficiren. Hier seien Maassregeln erforderlich, welche der 
Familienarzt oder der Kreisphysicus von Fall zu Fall zu entscheiden habe. 

Dr. Hueppe (Wiesbaden) hält die weise Beschränkung der Herren 
Referenten für durchaus gerechtfertigt. Die Desinfection der Zimmer sei 
eine Frage für sich, hier handle es sich um die öffentlichen Desinfections- 
anstalten und es sei zu fürchten, dass ein erreichbares Ziel vielleicht verfehlt 
werde, wenn zu viele Nebenpunkte als gleichberechtigt mit berücksichtigt 
würden. Er bitte desshalb, nicht weiter zu gehen, als es die Herren Refe¬ 
renten vorgeschlagen haben. 

Bei der Abstimmung wird These 4 in der Fassung der Referenten, 
aber mit Hinweglassung des Wortes „gespannte“, angenommen. 

These 5 gelangt ohne Debatte zur Annahme. 

Zu These 6 ergreift das Wort 

Oüh. Medicinalrath Dr. Günther (Dresden) und beantragt, statt 
des Wortes „Einrichtung für Warmbäder“ Zusagen: „Badeeinrichtungen“, 
da mit ersterer Fassung gerade Brausebäder, die sich entschieden leichter 
einrichten lassen als Wannenbäder, ausgeschlossen seien. 

Nachdem die beiden Herren Referenten sich mit dieser Aenderung 
einverstanden erklärt hatten, gelangt die These 6 so zur Annahme. 


Hiermit ist die Verhandlung Über die Desinfectionsanstalten ge¬ 
schlossen und es lauten nunmehr die von der Versammlung angenommenen 

Resolutionen: 

1. 

Jede grössere Stadt bedarf einer oder mehrerer stationärer öffent¬ 
licher Desinfectionsanstalten. Der Anschluss einer solchen an eine 
andere communale Anstalt ist zulässig. Zur gemeinsamen Benutzung für 
kleine Ortschaften, insbesondere für ländliche Gemeinden, ist die Beschaffung 
transportabler Desinfectionsapparate vorzusehen. 

2 . 

Die Benutzung der öffentlichen Desinfectionsanstalten ist auf Grund 
ärztlicher Bescheinigung unentgeltlich zu gestatten. 

3. 

Als Desinficiens ist in den öffentlichen Desinfectionsanstalten der 
strömende Wasserdampf zu verwenden. Diese Anstalten müssen auf 
ihre Leistungsfähigkeit geprüft sein und unter sachverständiger Controle 
bleiben. Die desinficirten Gegenstände sind von den zu desinficirenden 
genügend zu sondern. Die Desinfectoren haben sich durch besondere 
Kleidung, Respiratoren und Waschungen vor Ansteckung zu schützen. 


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des Deutschen Vereins f. öff. Gesundheitspflege zu Breslau. 145 

4. 

Wahl der Apparate und technischen Einrichtungen hängen von 
örtlichen Verhältnissen ab. 

5. 

Ee ist zweckmässig, mit der Desinfectionsanstalt eine Badeeinrichtung 
zu verbinden. 


Es folgte hierauf die Neuwahl des Ausschusses und bei der Ab¬ 
stimmung in geheimer Wahl erhielten die meisten Stimmen die Herren 

Oberbürgermeister Becker (Köln), 

Bürgermeister Dr. v. Erhardt (München), 

Medicinalrath Dr. Flinzer (Chemnitz), 

Landesrath Fuss (Danzig), 

Oberingenieur Andreas Meyer (Hamburg), 

Regierungsrath Dr. Wolffhügel (Berlin), 
die in Gemeinschaft mit dem ständigen Secretär 

Sanitätsrath Dr. Spiess (Frankfurt a. M.) 
den Ausschuss für das Geschäftsjahr 1886 bis 1887 bilden. 

(Unmittelbar nach Schluss der Versammlung trat der Ausschuss zu 
einer Sitzung zusammen und erwählte nach §. 7 al. 3 der nunmehr ver¬ 
änderten Satzungen Herrn Bürgermeister Dr v. Erhardt zum Vorsitzenden 
für das nächste Jahr.) 


Oberbürgermeister Bötticher: „Meine hochgeehrten Herren! Wir 
stehen am Schlüsse wichtiger und hoch interessanter Verhandlungen. Dass 
dieselben einen so befriedigenden Verlauf genommen haben, danken wir 
unserem hochverehrten Präsidium, namentlich unserem ersten Präsidenten, 
Herrn Oberbürgermeister Dr. Friedens bürg, und den Herren Referenten, 
die mit grossem Fleiss und Eifer so interessante Referate erstattet haben. 
Ich meine, wir können nicht aus einander gehen, ohne diesen Herren unseren 
aller verbindlichsten, aufrichtigsten und herzlichsten Dank zu sagen. 
Stimmen Sie, wie ich nicht bezweifle, darin mit mir überein, so rufen Sie 
mit mir: Diese Herren, sie leben hoch! u 

Die Versammlung erhebt sich und stimmt dreimal in das Hoch ein. 

Vorsitzender Oberbürgermeister Friedensburg: „Meine Herren! 
Namens des Präsidiums, und ich darf wohl auch sagen, Namens der Herren 
Referenten, sage ich Ihnen unseren verbindlichsten Dank. In der Thätigkeit 
der Herren Referenten liegt ja im Wesentlichen die Wirksamkeit und der 
Einfluss des Vereins, seine Bedeutung wurzelt in der glücklichen Zusammen¬ 
setzung seiner Mitglieder. Wenn er, wie es jetzt der Fall ist, wesentlich 
besteht aus höheren Verwaltungsbeamten, aus Bautechnikern und aus Män¬ 
nern der hygienischen Wissenschaft, und wenn diese Männer zusammen- 
treten und Berathungen und Besprechungen pflegen, welche nicht bloss in 
ihrem Gesichtskreise liegen, sondern eigentlich einen Theil ihrer Bcrufs- 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1887. ]Q 


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146 XIII. Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndhpflg. zu Breslau. 

thätigkeit ausmachen, so muss mau von vornherein überzeugt sein, dass die 
Worte, die hier gesprochen worden sind, nicht in den Wind gesprochen 
sind, sondern dass sie dem Samen gleichen, der auf fruchtbaren Boden fallt 
und reiche Früchte bringt. 

„Meine Herren, wir haben aus den Verhandlungen des Vereins Alle 
reiche Belehrung und wichtige Anregungen erhalten, und jeder von uns 
wird nunmehr in dem kleinen Kreise, in dem er zu wirken bestimmt ist, 
diese Anregungen, diese Belehrung, ich möchte sagen, in sich oder im Kreise 
seiner communalen Arbeitsgenossen, Berufsgenossen, freudig verarbeiten, 
und ich zweifle nicht, dass daraus ein grosser Segen für viele Kreise unseres 
deutschen Vaterlandes erwachsen wird. Ich schliesse die XIII. Versammlung 
des Vereins mit der festen Ueberzeugung, dass die hier geführten Verhand¬ 
lungen Anklang Anden werden weit über die Grenzen des Saales hinaus 
und dass sie dazu beitragen werden, dem Verein neue Freunde und neue 
Mitglieder zuzuführen. u 


Schluss der Sitzung 12 Uhr. 


Besichtigungen: 

Montag, den 13. September: 

Die chemische Untersuchungsstation der Stadt; 
das städtische Elementarschulgebäude der Lohestrasse; 
das Allerheiligenhospital; 
die Desinfectionsanstalt. 

Dienstag, den 14. September: 

Das Modell einer Göttinger Schulbadeeinrichtung im Betriebe; 
die Canalisation und die Pumpstation; 
die Rieselfelder. 

Mittwoch, den 15. September: 

Das neue städtische Wasserwerk am Weidendamme; 
die städtische Hauptfeuerwache im Exercitium. 


Zu dem Vorträge des Herrn Dr. Lassar über Volksbäder gehört die am 
Schlüsse folgende Tafel IX. 


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Dr. 0. Schwartz, Hygienische Aufgaben des Krankenhausarztes. 147 


Die hygienischen Aufgaben des Krankenhausarztes. 

Ein am 20. September 1886 in der hygienischen Section der 59. Naturforscher- 
Versammlung in Berlin gehaltener Vortrag 

vom 

Geh. Medicinalrath Dr. Oscar Schwartz in Cölo. 


Bei der vorletzten Naturforscherversammlung in Magdeburg, woselbst 
mir Gelegenheit gegeben wurde, in der ersten dort stattgefundenen 
allgemeinen Sitzung die Stellung der neueren Hygiene zur praktischen 
Heilkunde zu besprechen, musste ich mit Rücksicht auf den umfassenden 
Charakter des vorliegenden Themas und das für die Vorträge in den all¬ 
gemeinen Sitzungen von der damaligen Geschäftsführung bewilligte knappe 
Zeitmaass mich auf die blosse Andeutung beschränken, dass die jüngeren 
nach der neuen deutschen Prüfungsordnung hygienisch besonders geschulten 
und geprüften Aerzte auch mehr, wie bisher, befähigt sein würden, in ihren 
verschiedenen praktischen Lebensstellungen, namentlich als Kranken¬ 
haus-, Armen- oder Krankencassenärzte den nothwendigen Anforderungen 
der neueren Hygiene Geltung zu verschaffen. Diese Aufgabe wenigstens 
bezüglich der Krankenhausärzte eingehender zu besprechen, erschien 
mir für die hygienische Section angemessener, wie für eine der ver¬ 
schiedenen medicinischen Sectionen, weil gerade die Krankenhäuser in 
unserer Zeit eine besonders wichtige hygienische Bedeutung gewonnen 
haben. 

Sehen wir doch bei unseren heutigen socialen Zuständen und Ver- 
kehrsVerhältnissen in allen Ständen sich die Zahl derjenigen fortschreitend 
vermehren, welche bei Mangel oder nicht ausreichender häuslicher Pflege 
auf die Hospitalpflege angewiesen sind und sind namentlich die öffent¬ 
lichen Krankenhäuser auch diejenigen Anstalten geworden, welche gegen 
die Verbreitung ansteckender Krankheiten den wirksamsten Schutz uns 
bieten können. 

Die Aufgabe der Sanitätspolizei ist in dieser Beziehung ja eine weit 
schwierigere, wie die der Veterinärpolizei. Letztere kann das inficirte 
Thiermaterial mit Geld abschätzen, möglichst schnell durch die Schlacht¬ 
keule tödten und sammt allen Ansteckungskeimen im Brennofen oder einer 
chemischen Fabrik vernichten lassen, während es sich bei Handhabung der 
Sanitätspolizei und öffentlichen Gesundheitspflege nicht um abschätzbares 
Material, sondern um Menschen handelt, die am Leben erhalten, wo 
möglich geheilt und doch während ihrer Erkrankung für Andere unschäd- 

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148 


Dr. Oscar Schwartz, 

lieh gemacht werden sollen, was in den meisten Fällen nur durch mög¬ 
lichst schnellen Transport des inficirten Kranken in ein geeignetes Kranken¬ 
haus möglich ist. 

Oeffentliche Krankenhäuser werden desshalb heutigen Tages nicht nur 
▼on der armen, obdachlosen, yagabondirenden Bevölkerung, sondern thatsäch- 
lich von Kranken aller Stände in Anspruch genommen. — Erkrankt ein Gast 
und wäre es auch der reichste und vornehmste, in einem modernen, oft für 
die Unterbringung von nahezu tausend Gästen hergestellten Grand Hotel 
an einer schweren, übertragbaren Krankheit, so kann nur schleunigster 
Transport in ein geeignetes Krankenhaus einer Epidemie Vorbeugen. Ich 
kann es aus eigener mehrfacher Erfahrung bestätigen, dass Pocken, Schar¬ 
lach, Ruhr, Typhus und Diphtherie durch Gäste aus den entlegensten Län¬ 
dern in diesseitige Gasthöfe ersten Ranges eingeBchleppt worden sind. 

Nun wird aber Jeder, welcher den Betrieb eines öffentlichen Kranken¬ 
hauses praktisch kennen zu lernen Gelegenheit hatte, sich davon überzeugt 
haben, dass die Aufgabe dieser ganzen Einrichtung, kranke Menschen aller 
Stände und Lebensalter zu heilen, gesundheitsgemäss zu pflegen und wo 
möglich der Ausbreitung weiterer Erkrankungen vorzubeugen, nur erreicht 
werden kann durch zweckmässig geordnetes Zusammenwirken verschiedener 
Berufsstände und besonderer Einrichtungen, ohne welches harmonisches Zu¬ 
sammenwirken jedes Krankenhaus statt eines gemeinnützigen und segens¬ 
reichen ein gemeingefährliches Institut werden, ja gerade das Gegentheil 
von demjenigen bewirken kann, was es bewirken soll: statt der Gesundheit 
neue Krankheit, statt der Genesung den Tod. 

Abgesehen von den mannigfachen Gesundheitsbeschädigungen, welche 
durch unnöthig verzögerte Aufnahme und Entlassung aus Hospitälern, un¬ 
geeignete Placirung und mangelhafte Trennung der Kranken entstehen 
können, haben bekanntlich viele lebensgefährliche Krankheitsprocesse gerade 
davon ihren Namen, dass sie in mangelhaft eingerichteten und betriebenen 
Hospitälern zu entstehen pflegen; ich erinnere an den Hospitalismus, die 
verschiedenen Hospitalinfectionen, die Lazarethfieber, Hospitalbrand u. s. w. 

Mit Rücksicht auf diese grossen Gefahren mangelhaft eingerichteter und 
betriebener Krankenhäuser, auf welche schon vor mehreren Jahren in Eng¬ 
land vorzugsweise von Prof. Simpson, in Deutschland bei Gelegenheit 
eines Chirurgencongresses von Prof. v. Volkmann aufmerksam gemacht 
wurde, sowie mit Rücksicht auf die Fortschritte, welche die Neuzeit 
gerade in der Hospitalhygiene gemacht hat, erscheint es um so auf¬ 
fallender und beklagenswerter, dass trotzdem noch immer Krankenhäuser 
in Stadt und Land ohne jede sachkundig - ärztliche Mitwirkung errichtet 
und auch ohne Anstellung eines leitenden Arztes in Betrieb gesetzt werden. 

In einer unterm 5. August 1873 an das Kaiserl. Deutsche Reichskanzler¬ 
amt Seitens des Vorstandes des psychiatrischen Vereins der Rheinprovinz, 
welchem eine grössere Zahl von Klinikern, Universitätslehrern und praktischen 
Krankenhausärzten angehört, gerichteten Vorstellung wurde in dieser Be¬ 
ziehung inhaltlich Nachstehendes ausgefübrt: „Die von allen nothwendigen 


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149 


Hygienische Aufgaben des Krankenhausarztes. 

Requisiten zum Betriebe yon Krankenanstalten gänzlich Abstand nehmende 
ConcessionsgeWährung wird zur nächsten Folge haben, dass Krankenhäuser 
entstehen, die ungünstig gelegen, mangelhaft gebaut und eingerichtet sind 
und worin die Stelle des Arztes eine untergeordnete ist; zur weiteren 
Folge aber, dass mit der Zeit der eigentliche Zweck der Krankenhäuser, die 
Förderung des öffentlichen Gesundheitswohls, ins gerade Gegen* 
theil verkehrt wird. Es ist Thatsache, dass bereits die Mehrzahl der in 
den letzten Jahren entstandenen P r i v a tkrankenanstalten, worunter sich 
umfängliche befinden, in den Händen und unter Leitung von Nichtärzten 
sind und dass die Zuziehung der ärztlichen Behandlung von aussen her in 
denselben eine willkürliche, ungenügende und in Hinsicht auf allgemeine 
Yerwerthung des Beobachtungsmaterials für Praxis und Wissenschaft eine 
gänzlich unfruchtbare ist. Auch fehlen nachweisbar manchen dieser An¬ 
stalten in Bezug auf Territorium, Baulichkeiten und innere Einrichtungen 
diejenigen Qualitäten, ohne welche der Name einer Krankenanstalt nicht ge¬ 
rechtfertigt ist. Der Nachweis, dass durch bedingungslose Concessionirung 
yon Krankenanstalten eine Gefahr für das Wohl vieler Staatsangehöriger, 
die sich derselben bedienen, entstehen kann, dürfte nicht schwer zu führen 
sein. Es ist bekannt genug, wie von der Lage, Luftmenge, Heizung, Venti¬ 
lation, den Latrinen- und Entwässerungsanlagen die gesunde Beschaffenheit 
eines Krankenhauses im Allgemeinen abhängt, wie verkehrte innere Ein- 
theilung oder Ueberfüllung der Räume, versäumte Trennung ansteckender 
Krankheiten, mangelhafte Verpflegung und ungenügende ärztliche Behand¬ 
lung die Quelle mannigfacher Gesundheitsbeschädigungen werden und zur 
Entwickelung eigener lebensgefährlicher Krankheitsprocesse führen kann. 
Eine regelmässige staatliche Beaufsichtigung der Krankenhäuser findet nur 
in unvollkommenster Weise statt, weil die Kreismedicinalbeamten das 
Revisionsgeschäft nur gelegentlich besorgen dürfen und beispielsweise ein 
Kreisphysicus Jahre lang fungiren kann, ohne die Krankenhäuser seines 
Bezirks revidirt zu haben." 

Der Antrag der vorgenannten, hauptsächlich auf Ergänzung des §. 30 
der deutschen Gewerbeordnung gerichteten Eingabe ging schliesslich dahin, 
dass für alle Krankenanstalten die Vorlage eines genauen Situations- und 
Bauplans, sowie eines ausführlichen Betriebsprogramms zu fordern sei; für 
diejenigen Krankenanstalten, welche zur unfreiwilligen Aufnahme von Per¬ 
sonen bestimmt sind, namentlich von Geisteskranken oder von ansteckenden 
Kranken, auch der Nachweis der ärztlichen Leitung resp. Vorlage eines 
mit dem leitenden Arzte abzuschliessenden Contracts, der ohne Vorwissen 
der staatlichen Aufsichtsbehörde nicht gelöst werden dürfe, verlangt wer¬ 
den müsse. 

Der vorgenannte Antrag, welcher damals zur gutachtlichen Aeusserung 
bezüglich des dort vorliegenden thatsächlichen Materials an die Landes¬ 
regierungen giDg, hatte insofern den gewünschten Erfolg, als der §. 30 der 
deutschen Gewerbeordnung von 1869, nach welchem eigentlich Jeder¬ 
mann, der mit der Ortspolizeibehörde nicht thatsächlich in Confiict ge- 
rathen war, ohne Weiteres eine Krankenanstalt betreiben durfte, in der 
Gewerbeordnung vom 1. Juli 1883 dahin ergänzt wurde, dass die Concession 


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150 


Dr. Oscar Scliwartz, 

für Privatkrankenanstalten zu versagen ist, wenn nach den vom Unter¬ 
nehmer einzureichenden Beschreibungen und Plänen die baulichen und 
sonstigen technischen Einrichtungen der Anstalt den gesund heitspolizei- 
lichen Anforderungen nicht entsprechen. 

Die höhere Verwaltungsbehörde ist also jetzt gesetzlich verpflichtet, 
für die Errichtung aller P r i v a t krankenanstalten die in hygienischer 
Beziehung erforderlichen Einrichtungen, namentlich auch die technische 
Leitung, durch einen zuverlässigen approbirten Arzt vorzuschreiben, falls 
diese Leitung als eine zu den gesundheitspolizeilichen Anforderungen ge¬ 
hörige betrachtet wird. 

Dagegen bestehen aber die vorhin geschilderten Uebelstände wenigstens 
nach meiner persönlichen bis in die jüngste Zeit reichenden Erfahrung bei 
Errichtung der öffentlichen nicht unter die Bestimmungen der Gewerbe¬ 
ordnung fallenden Krankenanstalten noch unverändert fort, wesshalb 
auch ein besonderes, die unbedingt nothwendigen gesundheitspolizeilichen 
Einrichtungen für den Betrieb aller Krankenanstalten speciell vorschrei¬ 
bendes Gesetz meines Erachtens auf die Dauer in keinem Culturstaate ent¬ 
behrt werden kann. 

In Preussen, wo das allgemeine Landrecht alle Krankenhäuser unter 
staatlichen Schutz stellt, bestehen nur die für Nothhospitäler bei Gelegen¬ 
heit von Epidemieen erlassenen gesetzlichen Vorschriften des §. 16 des 
Sanitätsregulativs vom 8. August 1835, welche aber weder dem Stand¬ 
punkte der neueren Hygiene, noch der sonstigen neueren Gesetzgebung ent¬ 
sprechen. 

Es liegt aber meines Erachtens nicht nur im Interesse der öffentlichen 
Gesundheitspflege, sondern auch aller Hospital Verwaltungen, dass die für 
den gesundheitlichen Hospitalbetrieb als nothwendig befundenen Einrich¬ 
tungen gesetzlich vorgeschrieben werden, weil in allen geordneten 
Staaten irgend eine sanitätspolizeiliche Beaufsichtigung der Krankenanstal¬ 
ten stattfindet und jede Hospitalverwaltung durch gesetzliche, nur auf 
das Nothwendige beschränkte Vorschriften vor übertriebenen, sachlich unbe¬ 
gründeten Anforderungen staatlicher Aufsichtsorgane am besten geschützt 
werden kann. 

Ich erlaube mir hier an Anstalten zu erinnern, die ebenso, wie die 
Hospitäler, im innigsten Zusammenhänge mit dem öffentlichen Gesundheits¬ 
wohl stehen, nämlich die Apotheken. Ich habe noch nie einen deutschen 
Apotheker kennen gelernt, welcher die Nothwendigkeit gesetzlicher Vor¬ 
schriften für die Errichtung, den Betrieb und die Beaufsichtigung der 
Apotheken in Abrede gestellt hätte. Alle Apotheker wollen aber gesetz¬ 
liche Vorschriften, die dem Standpunkte der Wissenschaft und den Bedürf¬ 
nissen des praktischen Lebens entsprechen und von sachkundigen Aufsichts¬ 
organen gerecht gehandhabt werden. 

Dieselben Wünsche haben aber auch die Krankenhaus- und Irren¬ 
anstaltsärzte, welche die obige Petition unterschrieben: nicht Aufhebung, 
sondern Verbesserung und Ergänzung der den Hospitalbetrieb regelnden 
Vorschriften. 


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Hygienische Aufgaben des Krankenhausarztes. 151 

Weil nun aber jedes Krankenhaus seiner Bestimmung gemfiss in erster 
Linie eine Anstalt zur Heilung und Pflege von Kranken ist, diese Heilung 
aber nur unter denselben Bedingungen zu erfolgen pflegt, welche auch zur 
Erhaltung des gesunden Lebens und Beseitigung der Krankheitsursachen 
wirksam sind, so folgt daraus, dass die Leitung durch einen sachverstän¬ 
digen approbirten Arzt für jede unter Aufsicht des Staates gestellte Kranken¬ 
anstalt vorgeschrieben werden muss. 

Diese sachkundige ärztliche Leitung ist wichtiger als die kostspieligsten 
anderweitigen Einrichtungen, weil erfabrungsgemäss die Heilerfolge eines 
jeden Krankenhauses vorzugsweise abhängig sind von der Tüchtigkeit des 
für dasselbe angestellten Arztes und von dem Einfluss, welchen derselbe 
auf die ganze Anstalt auszuüben befugt ist. 

Nach meiner Erfahrung schliesst die hygienische Leitung eines Kran¬ 
kenhauses durch einen Arzt die gleichzeitige selbständige curative Kranken¬ 
beb an diu ng durch andere Aerzte nicht aus; ein collegialisches Zusammen¬ 
wirken m e h r e r e r Aerzte bezüglich der Krankenbehandlung ist sogar 
auch für die kleineren Hospitäler erwünscht und oft nothwendig. Ebenso 
wenig braucht die einheitliche ärztliche hygienische Leitung störend einzu¬ 
wirken auf die selbständige Wirksamkeit der anderen für den Hospitalbetrieb 
notbwendigen Berufsstände, der Geistlichen, Oekonomen und Bautechniker in 
ihren verschiedenen speciellen Berufsgebieten, wenn nur der dirigirende Arzt 
nach Bedürfniss unter Hinzuziehung von Assistenzärzten auf die Erfüllung 
nachstehender Berufsaufgaben verantwortlich verdichtet wird: 1) Aufnahme 
und Entlassung aller Kranken nach den bezüglichen Vorschriften; 2) Placi- 
rung der Kranken nach Art ihrer Krankheit, also freie Verfügung über 
sämmtliche der Krankenbebandlung dienende Räume und Einrichtungen; 

3) Führung der Krankenjournale, Krankenstatistik und Krankheitsberichte; 

4) Beaufsichtigung der lediglich den Bedürfnissen des Krankendienstes ent¬ 
sprechenden Hausordnung und des gesammten im Krankendienst thätigen 
Pflegepersonals; 5) Beaufsichtigung aller speciell der Krankenheilung und 
Gesundheitspflege dienenden Einrichtungen: der Hausapotheke und des 
Instrumentariums, der Küche, Speise- und Vorrathsräume, der Trinkwasser-, 
Wasch-, Bade- und Desinfectionseinrichtungen, der Ventilations-, Heiz-, 
Beleucbtungs-, Entwässerungs-, Garten- und Latrinenanlagen. Endlich 
6) stimmberechtigte Vertretung aller auf die Krankenbehandlung bezüglichen 
Angelegenheiten in den Sitzungen der Hospitalverwaltungscommissionen. 

In sehr grossen Krankenhäusern wird die Erfüllung vorgenannter Berufs¬ 
aufgaben Zeit und Kraft eines Arztes oder ärztlichen Directors vollständig 
in Anspruch nehmen und die eigentliche Krankenbehandlung dirigirenden 
Abtheilungsärzten und Hülfsärzten zu übertragen sein. Aber auch im klein¬ 
sten Landbospital, für welches ein einziger Arzt genügend ist, wiederholen 
sich dieselben vorgenannten hygienischen Aufgaben im kleineren Maassstabe 
und müssen ebensogut erfüllt werden, wenn die Interessen der Kranken¬ 
bebandlung gesichert sein sollen. 

Uebernimmt der Krankenhausarzt nicht die technische Leitung, wird 
überhaupt von der Hospitalverwaltung ein besonderer Arzt nicht angestellt, 


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152 


Dr. Oscar Schwartz, 

oder wird der Arzt nur benutzt zum Verschreiben von Recepten und Aus¬ 
führung chirurgischer Operationen, so müssen dann auch die dem obersten 
Heilzweck dienenden hygienischen Interessen der Anstalt in den Hintergrund 
treten und durch andere finanzielle, ökonomische, politische oder confessio- 
nelle Bestrebungen verdrängt werden. 

Die inneren Conflicte, welche bekanntlich nicht selten in Kranken¬ 
häusern entstehen und zeitweise auch nach aussen zu explodiren pflegen, 
beruhen meist auf unzweckmässiger Organisation des ganzen Hospital- 
dienstes, auf ungeeigneter Abgrenzung der verschiedenen auf friedliches 
Zusammenwirken angewiesenen Berufsstände. 

Der in früheren Jahren bei Errichtung von Krankenanstalten, nament¬ 
lich Irren- und Entbindungsanstalten, so häufig gehörte Einwand, dass zur 
Leitung derselben qualificirte Aerzte überhaupt schwer zu finden seien, ist 
heute thatsächlich widerlegt, da bekanntlich eine grosse Anzahl von Kranken¬ 
anstalten mit vorzugsweise gutem Erfolge durch Aerzte geleitet worden sind 
und auch die seit nahezu 20 Jahren unter selbständige Führung von Chef¬ 
ärzten gestellten deutschen Militärhospitäler im Kriege und Frieden sich 
bewährt und in den letzten Kriegen ihre Feuerprobe bestanden haben. 

Die Besetzung aller Hospitalarztstellen mit geeigneten Persönlichkeiten 
kann deshalb heutigen Tages in Stadt und Land keine grossen Schwierig¬ 
keiten mehr bieten, wenn die richtige Einsicht für die Bedeutung dieser 
Stellen vorhanden ist, da ein grosser Theil der Aerzte durch den obligato¬ 
risch gewordenen hygienischen Unterricht und die bestandene Physicats- 
prüfung für die im Hospitalbetriebe besonders wichtigen Verhältnisse: 
Beurtheilung von Grund und Boden, Trinkwasser- und Lebensmittelunter- 
suchung, Entwässerungs- und Latrinenanlagen, Desinfection, Ventilation, 
Heizung, Beurtheilung des Baumaterials und der baulichen Einrichtungen 
besonders vorgebildet ist, ausserdem sich auch eine grosse Anzahl von 
Aerzten als Assistenzärzte in grösseren Civil- oder Militärhospitälern, Irren- 
und Entbindungsanstalten mit dem praktischen Hospitaldienst vertraut ge¬ 
macht hat. . 

Es kann desshalb jeder zur Errichtung einer Krankenanstalt ent¬ 
schlossenen Corporation nur dringendst empfohlen werden, zuerst die 
Hauptsache zu besorgen, beziehentlich einen für die Leitung der Anstalt 
geeigneten und bereitwilligen Arzt zu wählen und dann unter dessen und 
eines Bautechnikers sachkundiger Mitwirkung mit Berücksichtigung der 
zur Verfügung stehenden Geldmittel den Bauplatz zu bestimmen, Bauplan 
und Betriebsprogramm entwerfen zu lassen. Es wird auf diese Art am 
sichersten vermieden werden, was leider noch häufig vorkommt, dass 
Krankenanstalten mit glänzenden Fayaden, imponirendem Mauerwerk und 
luxuriösen kostspieligen modernen Einrichtungen gebaut werden, die trotz¬ 
dem den hygienischen Anforderungen nicht entsprechen und sich auch im 
praktischen Betriebe nicht bewähren. 

„Exempla sunt odiosa u und ich möchte heute keine einzelne Hospi- 
talverwaltuug durch specielle bezügliche Ausführungen verletzen; es stehen 
mir aber aus eigener Erfahrung viele Beispiele zur Verfügung. Auch wird 


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153 


Hygienische Aufgaben des Krankenhausarztes. 

in dem erst 1884 pubHcirten Generalsanitätsbericht über den Regierungs¬ 
bezirk Arnsberg nach vollständiger Anerkennung der neueren Leistungen 
auf dem Gebiete des Hospitalwesens im Allgemeinen doch ausdrücklich 
angeführt, dass eine grössere Anzahl städtischer Krankenhäuser in ihrer 
Anlage vollständig verfehlt und mit anderen communalen Einrich¬ 
tungen in unzweckmässiger Weise combinirt sei. Besondere Contagien- 
häuser für Isolirung von Pocken, Flecktyphus und anderen intensiv an¬ 
steckenden Krankheiten seien nur wenige im ganzen Regierungsbezirke 
vorhanden, auch für mehrere Krankenhäuser Überhaupt kein Arzt an¬ 
gestellt. 

Gewiss würde auch eine Aenderung des §. 30 der Gewerbeordnung 
nach deren damals erst elfjähriger Geltung nicht erfolgt sein, wenn nicht 
tbatsächlich begründete Uebelstände im Krankenhauswesen nachgewiesen 
worden. 

Hoffen wir desshalb, und damit erlaube ich mir meine heutige Be¬ 
sprechung zu schliessen, dass es gelingen werde, den Betrieb und die 
Beaufsichtigung nicht nur der Privatkrankenanstalten, sondern unserer 
sämmtlichen deutschen Krankenanstalten durch reichsgesetzliche, ledig¬ 
lich gesundheitspolizeiliche Vorschriften zu regeln, im Uebrigen aber 
auf diesem Gebiete dem Wohlthätigkeitssinne aller Confessionen und Parteien, 
sowie dem gemeinnützigen Erfindungsgeiste möglichst freie Bewegung zu 
gestatten. 

Es würde durch ein, namentlich den hygienisch-ärztlichen Dienst und 
die sonst nothwendigen hygienischen Einrichtungen der Hospitäler regeln¬ 
des Reichsgesetz nach meiner Ueberzeugung nicht nur zahllosen Kranken, 
welche im Kriege und Frieden, in Stadt und Land auf die Hospitalpflege 
angewiesen sind, sondern auch der öffentlichen Gesundheitspflege 
im Allgemeinen, sowie der ärztlichen Wissenschaft, deren Fortschritte 
hauptsächlich von den in gut organisirten Krankenanstalten gesammelten 
Erfahrungen abhängig sind, der grösste Dienst geleistet werden. 


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154 


Kritiken und Besprechungen. 


Kritiken und Besprechungen. 


Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte I, 3. bis 
5. Heft. Berlin, Springer, 1886. gr. 8. S. 141 bis 566 mit sechs 
Tafeln. 20 Mark. 

Die vorliegenden Schlusshefte des I. Bandes der „Arbeiten“ realisiren 
bereits einen Theil der Wünsche, welche ich bei der Besprechung der ersten 
Hefte als besonders dringende hingestellt hatte. Diese Hefte enthalten 
folgende Arbeiten: 

Löffler: Die Aetiologie der Botzkrankheit; hierzu zwei 
colorirte Tafeln. 

Diese Untersuchung bringt eine eingehende historische und experimen¬ 
telle Kritik der ganzen Frage und eine solche Fülle werthvoller Einzelheiten, 
dass ich nur einzelne Punkte herausgreifen kann. Von den leichter zu be¬ 
schaffenden Thieren erwiesen sich Meerschweinchen und Feldmäuse als die 
empfindlichsten, so dass bei Schwierigkeiten in der Dififerentialdiagnose 
Uebertragungen auf diese Thiere als entscheidendes Experiment anzusehen 
sind. Die Hausmaus ist dagegen ganz immun gegen Rotz. 

Die von Löffler und Schütz entdeckten Rotzbacillen wachsen nicht 
unter 22°, üppig erst bei Brüttemperatur. Besonders charakteristisch ist 
das Wachsthum auf Kartoffeln, aber auf diesem Substrat tritt immer bei 
einige Zeit fortgesetzter Züchtung Abnahme und schliesslich Verlust der 
Virulenz ein. Bildung von endogenen Sporen wurde nicht beobachtet. 

ln der Mehrzahl der Fälle ging die Virulenz beim Eintrocknen in den 
ersten Wochen schon verloren und länger als drei Monate waren die ein¬ 
getrockneten Bacterien niemals entwickelungsfahig. Aber auch die feucht 
gehaltenen Bacterien waren nicht resistenter. 

Zur Desinfection in der Praxis genügen kochendes Wasser, 3 bis 5 Proc. 
Carbol und 1 pro Mille Sublimatlösung. 

Nach Löffler’s Ansicht sind zur Infection wohl immer Defecte der 
Haut oder Schleimhaut erforderlich. Wie weit vom Verdauungscanal und 
den Lungen her eine Infection eintreten kann, muss aber noch sorgfältiger 
ermittelt werden. Dass unter Umständen Vererbung der Krankheit auf 
den Fötus stattfinden kann, hält Verfasser nach Ermittelung eines solchen 
Falles bei Meerschweinchen für sicher. 

Koch und Gaffky: Versuche über die Desinfection des 
Kiel- oder Bilgeraumes von Schiffen. 

Diese Arbeit berichtet über die im Anschlüsse an einige Vorversuche 
an zwei Schiffen der Kriegsmarine, einem Holzschiffe und einem Eisenschiffe, 


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Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte. 155 

ausgeführten Desinfectionsversuche, welche der „Instruction zur Desinfection 
von Seeschiffen etc. vom 11. Juli 1883“ zu Grunde gelegt wurden. 

Dem Kielwasser waren sporenhaltige Erdproben zugefügt worden, um 
die Verhältnisse möglichst schwierig zu gestalten. Als Desinfectionsmittel 
erwies sich Sublimat als verwendbar und zwar wurde eine heiss gesättigte 
Lösung, circa 6 bis 7 Proc. entsprechend, hinzugefügt und durch Pumpen 
so vertheilt, dass eine gleichmässige Mischung eintrat. Um die Menge 
des Sublimats zu bestimmen, wurde blank geputztes Kupferblech verwendet, 
nachdem ermittelt war, dass bei der eben noch sicheren Concentration von 
1 : 5000 Sublimat das Kupferblech innerhalb einer halben Stunde eine 
deutlich blaugraue Färbung annahm, während bei noch stärkerer Verdün¬ 
nung diese Reaction undeutlich und damit unbrauchbar wurde. 

Durch die Sublimatdesinfection leidet das Schiffs material nicht, wenn 
die Vorschriften befolgt werden, und nur die zum Mischen der Sublimat¬ 
lösung mit dem Kielwasser dienenden Pumpen sind stärkerer Beschädigung 
ausgesetzt, so dass sich fiir Hafenorte die Anschaffung eines besonderen 
Pumpwerkes für diese Desinfection empfiehlt. 

Ergebnisse der Morbiditätsstatistik in den Heilanstalten 
des Deutschen Beiches für das Jahr 1882. 

Diese Arbeit ist zu einem kurzen Auszuge nicht geeignet. 


Schütz: Ueber die Schweineseuche. Hierzu eine Tafel. 

Verfasser knüpfte an die bereits mitgetheilte Untersuchung von Löff¬ 
ler über Schweinerothlauf an, in welcher der letztere Kriterien mitgetheilt 
hatte, welche zur definitiven Trennung der Schweineseuche vom Schweine¬ 
rothlauf führten. Schütz giebt eine eingehende Schilderung der Bacterien 
der Schweineseuche. Die Uebertragungsversuche durch Hautimpfung er¬ 
gaben das von Löffler bereits als spontanes Vorkommen geschilderte Bild 
einer septikämischen Erkrankung mit gleichzeitigem Oedem und erysipelatö- 
ser Röthung der Haut. 

Zu dieser Form lehrte Schütz noch eine zweite kennen, welche unter 
dem Bilde einer multiplen, mortificirenden Pneumonie verläuft. Diese Form 
wurde sowohl spontan bei epidemischem Auftreten beobachtet als auch experi¬ 
mentell hervorgerufen. Im Anschluss an diese nicht immer acut verlaufende 
Form bildete sich bisweilen auch eine chronische Form aus mit käsigen 
Zuständen der Lunge, Lymphdrüsen etc., welche klinisch - anatomisch fast 
unter dem Bilde einer reinen käsigen Tuberculose verlief. Auch einige 
chronische käsige Processe des Darmes bei Schweinen glaubt Verfasser mit 
dieser Infectionskrankheit und wohl mit Recht in Verbindung bringen zu 
können. 

Die Arbeit ist besonders durch die eingehende Behandlung der pneu¬ 
monischen Form von Wichtigkeit. Verfasser ist sogar der Meinung, dass 
die Schweineseuche gar keine echte Septikämie, sondern eigentlich nur eine 
infectiöse Pneumonie sei. 


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156 


Kritiken und Besprechungen. 


Würzburg: Ueber die Be völkerungs Vorgänge in deut¬ 
schen Städten mit 15000 und mehr Einwohnern im 
Jahre 1884. 

Die Sterblichkeit dieser Städte schwankte zwischen 160*8 und 446*4 
auf je 10 000 Einwohner. Die Grossstädte zeigten im Allgemeinen mitt¬ 
lere Verhältnisse. Die Extreme fanden sich mehr hei den kleinen Städten. 
Von Städten über 40000 Einwohner waren Rostock, Darmstadt, Wiesbaden, 
Cassel die günstigsten. 

Zwischen Geburts- und Sterbeziffer bestand in der Regel ein gewisser 
Parallelismus. Die westlich einer von Stralsund über Weimar nach Ulm 
gehenden Linie liegenden Städte hatten eine geringere Gesammtsterblichkeit 
als die östlich dieser Linie gelegenen. Die Todesfälle an Diphtherie und 
Croup gehen der Gesammtsterblichkeit am meisten parallel, ziemlich ähnlich 
steht es mit Scharlach und Typhoid. Eine grössere Ruhrepidemie wurde 
in Reutlingen beobachtet. Pocken und Flecktyphus waren fast nur auB 
östlichen und westlichen Grenzstädten zu notiren, so dass die Vermuthung 
einer Einschleppung aus dem Auslande nahe lag. 

Wolffhügel und Riedel: Die Vermehrung der Bacterien 
im Wasser. 

Verfasser ermittelten ebenso wie in gleichzeitigen und zum Theil auch 
fast zur seihen Zeit puhlicirten Untersuchungen aus den Laboratorien von 
Flügge und Referent, dass die Ruhe in erster Linie auf Wasserorganismen 
keinen sedimentirenden und klärenden Einfluss ausüht, sondern dass unter 
allen Umständen eine Vermehrung einer ganzen Reihe von Bakterien sich 
geltend macht. 

Die Experimente mit pathogenen Bakterien ergaben, dass unter Um¬ 
ständen schon ganz geringfügige organische Beimengungen genügen, um 
einzelne pathogene Bakterienarten nicht nur etwa lebensfähig zu erhalten, 
sondern auch zur Vermehrung zu bringen. Dies wurde ermittelt für Milz¬ 
brandbacillen, welche in Bezug auf Nährmaterial sogar zu den wählerischeren 
Arten gehören. Vor Allem aber für die Bakterien des Typhoid und der 
Cholera asiatica. Die näheren Umstände, unter denen diese Vermehrung ein¬ 
trat, sind im Original einzusehen. Die Resultate stehen ebenfalls im Grossen 
und Ganzen mit der Erfahrung von Flügge und mir in Einklang. 

Seil: Ueber Kunstbutter, ihre Herstellung, sanitäre Be- 
urtheilung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von 
Milchbutter. 

Bei der enormen nationalöconomischen Bedeutung des Gegenstandes 
ist die vorliegende gründliche Untersuchung von grösster Bedeutung, um 
so mehr, als eine eingehende Darstellung bei uns bis jetzt ganz fehlte. 
Verfasser berücksichtigt diese öconomische Seite der Frage ausreichend. 
Der colossale Umsatz war aber auch die Ursache zu einer ganzen Reihe 


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Bericht über die Allgemeine Deutsche hygienische Ausstellung. 157 

betrügerischer Manipulationen, welche das höchste Misstrauen gegen alle 
Knnstbatter hervorriefen. 

Die Darlegung der Principien der verschiedenen Patente, die analyti¬ 
schen Verfahren zur Erkennung der Milch butter und der diversen Surro¬ 
gate werden eingehend behandelt, ohne dass ich aber auf diese Einzel¬ 
heiten hier eingehen kann. 

Auch die folgende Abhandlung: 

Seil: Beiträge zur Kenntniss der Milchbutter und der 
zu ihrem Ersätze in Anwendung gebrachten anderen 
Fette 

giebt eine Reihe weiterer gründlicher Versuche zur Aufhellung dieses 
schwierigen Capitels der Nahrungsmittelchemie. 

Wolffhügel: Erfahrungen über den Keimgehalt brauch¬ 
barer Trink- und Nutzwässer. 

Unterstützt von vielen Beobachtern bringt Verfasser eine Anzahl 
von Mittheilungen über den Gehalt von guten und schlechten Trink- und 
Nutzwässern, welche isolirt kaum einen rechten Werth hätten, aber in die¬ 
ser Zusammenfassung den Beginn einer systematischen Bearbeitung liefern. 

Wenn ich auch einem mir ausgesprochenen Wunsche folgend, diesen 
2. Theil der „Arbeiten“ kürzer besprochen habe, so dürfte aber das eine 
wohl ersichtlich sein, dass dieser Theil dem ersten in keiner Weise nachsteht 
und dass der 1. Band dieser „Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheits¬ 
amte“ eine ganze Reihe werthvoller Arbeiten für die Hygiene bringt. 

Hueppe (Wiesbaden). 


Bericht über die Allgemeine Deutsohe Ausstellung auf 
dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens, 
unter dem Protectorate Ihrer Majestät der Kaiserin 
und Königin, Berlin 1882 bis 1883. Mit Unterstützung des 
königl. preussischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- urfd 
Medicinalangelegenheiten, herausgegeben von Dr. Paul Börner 
und nach dessen Tode vollendet von H. Albrecht. III. (Schloss-) 
Band. Breslau, Schottländer, 1886. gr. 8. 695 S. mit 80 Text- 

Illustrationen. Cplt. 35 Mark. 

Von dem hochverdienstlichen Werke, das der dahingeschiedene 
Dr. Börner, begonnen hat, leider aber nicht mehr vollenden konnte und 
über dessen beide ersten Bände wir seiner Zeit eingehend berichtet haben x ), 
ist nun der Schlussband erschienen, der unter der sachkundigen Redaction 

0 Siehe diese Vierteljahrsschrift Bd. XVII, S. 437, und Bd. XVIII, S. 152. 


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158 


Kritiken und Besprechungen. 

des Herrn Ingenieur Albrecht in Plan und Ausführung in voller Uebe r ein- 
8timmung mit den beiden ersten Bänden sich diesen würdig anreibt. Das 
Werk, das anfangs nur auf den Umfang zweier Bände berechnet war, 
umfasst nunmehr drei stattliche Bände, denen fast 400 meist trefflich aus¬ 
geführte Illustrationen beigegeben sind, ohne dass durch den gegen den 
ursprünglichen Plan nahezu doppelten Umfang des Werkes der anfangs für 
den Bericht festgesetzte Preis seitens der Verlagshandlung eine Erhöhung 
erfahren hätte. 

Dem dritten Bande hat der Herausgeber eine kurze Lebensskizze 
Born er 7 s vorausgeschickt, in der er dessen Lebensgang, seine ungewöhnliche 
Arbeitskraft und seine vielseitige agitatorische und wissenschaftliche Thätig- 
keit in warmen Worten schildert, dem Dahingeschiedenen „ein Gedenkblatt 
treuer Liebe und Verehrung“ widmend. 

So ist das unter den schwierigsten Verhältnissen begonnene und nur 
durch die zähe Ausdauer seines Begründers und die überaus thätige Mit¬ 
hülfe zahlreicher Corporationen und Freunde der Hygiene durchgeführte 
Werk glücklich zu Ende gebracht, ein Werk von bleibendem Werth, ein 
unentbehrliches Nachschlagebuch für Jeden, der sich mit den betreffenden 
Gegenständen beschäftigt, ein dauerndes Erinnerungsblatt an die erste 
Grossthat der deutschen Hygiene. A. S. 


Seitz, Carl, Dr.: Baoteriologische Studien über Typhus- 
ätiologle. München, Finsterlin, 1886. 8. 68 S. 2*40 Mark. 

Verfasser hat sich seit zwei Jahren in ausgedehnter Weise mit der Er¬ 
forschung der Ursachen des Typhus abdominalis auf bacteriologischem Ge¬ 
biete beschäftigt und wenn auch viele Resultate Seitz’s durch inzwischen 
veröffentlichte Publicationen anderer Forscher schon bekannt geworden 
sind, verliert die Arbeit trotzdem ihren Werth nicht; in unserem ent¬ 
deckungsfrohen und schnell arbeitenden Jahrzehnt ist eine vielfache Bestäti¬ 
gung neuer Thatsachen nicht unerwünscht. — In einem Schlusswort fasst 
Verfasser seine Resultate zusammen. Seitz hat in den meisten Typhus¬ 
leichen, besonders in der Milz, die charakteristischen Bacillenhaufen gefun¬ 
den , aus denen er mit Leichtigkeit Reinculturen erzielen konnte; seltener 
gelang die Isolation aus den Dejectionen, nur in zwei Fällen aus dem 
Urin; Seitz bestätigt hierbei die Ansicht von Wyssokowitsch, dass 
nur in den Fällen, in denen es zu Entzündungserscheinungen in den Nieren 
und dabei zu wenn auch minimalen Hämorrhagien komme, Bacillen im 
Urin auftreten. Aus Blut hat Seitz niemals Bacillen züchten können 
{11 Fälle mit 13 Blutuntersuchungen); die Hoffnung von Neuhaus, dass 
gerade der Befund der Bacillen im Blut von differentiell diagnostischer 
Bedeutung sein könnte, kann Seitz nicht theilen. Die Eigenschaften, die 
den Typhusbacillus ganz besonders charakterisiren, sind lebhafte Beweg¬ 
lichkeit, grosse Resistenz gegen Austrocknen und Kälte, GährWirkung auf 
Kohlehydrate und ganz besonders das Wachsthum auf Kartoffeln. Was 


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Almquist, Thatsächliches u. Kritisches zur Ausbreitung d. Cholera. 159 

seine Specifität für den Typhus betrifft, so kann man ihn für verschiedene 
Thierarten als pathogen betrachten. Der Dünndarm, speciell dessen Drü¬ 
sen, reagiren bei lnfection per os und per Blutbahn mit typhusähnlichen 
Veränderungen. Es ist am Wahrscheinlichsten anzunehmen, dass der Darm 
die Eingangspforte darstellt. Die Lunge ebenfalls als Eingangsöffnung an¬ 
zunehmen, hat wenig Plausibles für sich. — Der in vielen Fällen geringe 
Bacillenbefund trotz sehr ausgeprägter deletärer Typhussymptome erklärt 
sich am besten mit der Annahme einer toxischen Wirkung, nachdem 
Brieger die Stoffwechselproducte der Bacillen genauer studirt hat. — 
Nicht mehr zu bezweifeln ist die Möglichkeit der Propagation des Typhus 
durch Wasser und Milch. Lachmann (Frankfurt a. M.). 


Ernst Almquist, Hygieniker der Stadt Göteborg: Th&tSäcMiolies 
und Kritisches zur Ausbreitungswelse der Cholera. 

Göteborg, Wettergren & Kerber, 1886. 8. 60 S. 2 Mark. 

Auf 11 Gholerajahre (im Zeitraum von 1834 bis 1873) und anderer¬ 
seits auf 62 unter den 90 schwedischen Städten vertheilten sich 124 
Choleraepidemieen resp. 25 081 Choleratodte. Plattlandbewohner erlagen' 
gleichzeitig 12 453 der Seuche. Die 11 Cholerajahre gruppiren sich zu 
fünf Perioden, deren Anfänge durch die Jahreszahlen 1834, 1850, 1853, 
1866, 1873 (unter denen alle — ausser 1853 — gleichzeitig auch End¬ 
jahre waren) bezeichnet werden. Unter den 62 befallenen Städten hatten 
33 eine Epidemie zu überstehen, 14 deren 2, 8: 3, — je eine Stadt 
wurde 9 Mal (Stockholm) resp. 8 Mal (Göteborg) ergriffen. Fast ohne 
Ausnahme wurden alle diejenigen schwedischen Städte von Cholera heim¬ 
gesucht, welche an den centralen Wasserwegen liegen. Die Städte 
des Binnenlandes dagegen blieben — und unter ihnen wiederum die kleinen 
und kleinsten überwiegend — in der Mehrzahl exempt. Göteborg und 
Stockholm (welche die Zielpunkte der centralen Wasserwege darstellen) 
ausgenommen, blieben auch die Städte und Städtchen der Meeresküsten 
in hervorragender Weise verschont. Von den 28 cholerafrei gebliebe¬ 
nen städtischen Ortschaften liegt die Hälfte am Meere, die Hälfte im 
Binnenlande, — sämmtliche aber entbehren gänzlich jeder Wasser- 
communication, sei es mit dem Meere, sei es mit Canal- oder Flussgebieten. 
Ausserdem sieht Almquist für festgestellt an, dass die Cholera nirgends 
Neigung gezeigt hat, sich längs einem nicht schiffbaren Flussgebiete aus¬ 
zubreiten. 

Die speciellen Belege für diese Thatsachen der Choleravertheilung, 
welche den Kern und Haupttheil der Schrift bilden, sind überall so durch¬ 
sichtig und ohne Künstelei dargelegt, dass man dem Verfasser nur bei¬ 
pflichten kann, wenn er zu der Ueberzeugung gelangt: n Schweden hat vor 
Allem Recht, auf dem Gebiet der Epidemiologie mitzusprechen, da unser 
statistisches Material viel vollständiger und benutzbarer ist als das der 
meisten Länder, und da sowohl unsere Lage wie die Beschaffenheit des 


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160 Kritiken und Besprechungen. 

Landes für solche Stationen besonders vortheilhaft sind. Von Indien muss 
mit grösster Vorsicht Material genommen werden, da die Statistik dort 
schon unvollständig ist, und man die subjective Auffassung der Beobachter 
schwerlich los werden kann. Besonders gefährlich scheint es mir, Beispiele 
zum Analysiren von dort zu nehmen. u 

Aber auch dem in Schweden gesammelten Material gegenüber macht 
Almquist seine vorsichtigen Reservationen. Dort sind zwar seit 130 
Jahren alle Todesfälle mit genauen Angaben über Ortschaft, Datum und 
Person in den Kirchenbüchern aufgeführt, — nur die Krankheitsdiagnosen 
sind vor 1860 nach Hörensagen verzeichnet und manchmal ohne ärztliche 
Beihülfe gestellt. Dieser Mangel thut jedoch dem Werth jener Verzeich¬ 
nisse nur geringen Abbruch bei einer Krankheit, die — wie die Cholera — 
im ganzen Lande Jahre lang ganz ausgeblieben ist, plötzlich massenhaft 
zum Vorschein kommt, dabei in kurzer Zeit eine beträchtliche Anzahl von 
Todesfällen verursacht und nachher wieder plötzlich verschwindet Die 
von einer solchen Epidemie in der vorerwähnten Weise gebuchten Daten 
haben mindestens den gleichen Werth, wie das Material der Meteorologie. 

An der Hand der ihm zu Gebote stehenden so gestalteten Thatsachen 
geht nun Almquist die sechs von anderen Seiten bis jetzt aufgestellten 
Punkte der Choleraätiologie, welche sich mit der örtlichen und zeitlichen 
Disposition decken sollen, kritisch durch: 

1. Lockerer Boden sei für die Entwickelung der Cholera günstig. — 
In Göteborg und Umgegend, dem Schauplatz furchtbarer Choleraepidemieen, 
liegt unter den durchseuchten Häusern auf dem Granit oder Lehm eine 
kaum mikroskopisch nach zu weisende Schicht lockerer Erde. Hätte man 
die Verhältnisse Schwedens (und auch anderer Länder) berücksichtigt, so 
wäre jene These, so wie der fernere Satz, dass für Wasser undurchdring¬ 
licher Boden seuchenfrei sei, niemals aufgekommen. Auch das Auftreten 
der Cholera längs der schiffbaren Flüsse hat mau auf den lockeren Boden 
der Ufer zurückführen wollen: mit Unrecht, da die Ufer der nicht schiff¬ 
baren Flüsse verschont bleiben. 

2. Gewisse Jahreszeiten seien der Choleraentwickelung besonders 
günstig. — Dies trifft, was den Spätsommer und Herbst anlangt, auch für 
Schweden zu, wenn auch für eine vollständige Bestätigung des Verhältnis¬ 
ses noch genauere Studien über die Lebensweise des Cholerakeims dringend 
erforderlich Bind. 

3. Beim Sinken des Grundwassers erhöhe sich die Disposition für 
Cholera. — Der Verfasser hält das Dominiren gerade dieser Hypothese für 
die Choleraforschung direct gefährlich. Sie kann möglicher Weise etwas 
Richtiges enthalten, — „jedoch“, fährt Almquist fort, „diesen hypotheti¬ 
schen Factor als ein Hauptmoment der zeitlichen Disposition der Cholera 
hinzustellen, ist mindestens unvorsichtig“ .... „Ich kenne keine bestäti¬ 
genden Untersuchungen dieser Hypothese.“ 

4. Gewisse sanitäre Arbeiten und Verhältnisse vermindern die Neigung 
für Cholera. — Nicht anzuzweifoln. 

5. Durchseuchung einer Stadt oder Localität vermindere sie eben¬ 
falls. — Die Durchseuchung der Localität mit dieser Consequenz, ja direct 
die Durchseuchung der Häuser als solcher hält Verfasser für viel besser 


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1G1 


Soyka, Zur Assanirung Prags. 

bewiesen, als die Durchseuchung der Menschen, wie Koch sie neuerdings 
als Grund einer späteren relativen Immunität behauptet hat. Diese Hypo¬ 
these wird für ebenso willkürlich erklärt wie die gleichfalls von Koch ver¬ 
teidigte, dass das Choleragift den Cholerakranken heim Krankenbett ähn¬ 
lich fertig verlasse, wie etwa das Pockengift. — Dem gegenüber werden 
für das Durchseucht wer den von Städten und Local itäten mit daran sich 
knüpfender Verminderung der Disposition neben den schwedischen auch die 
mehrfachen Beobachtungen aus anderen Ländern angeführt, nach denen 
die Immunität selbst in solchen durchseuchten Häusern sich äusserte, deren 
Bewohner bis zur nächsten Epidemie völlig gewechselt hatten. 

6. Bei noch herrschender Epidemie kann dagegen eine neu anziehende 
Bevölkerung in einer bereits durchseuchten Localität die Krankheit wieder 
beleben. — Gerade wegen dieses von ihm acceptirten letzten Punktes hält 
Almquist es für dringend nöthig, den Factor der grösseren oder geringe¬ 
ren persönlichen Disposition („mehr oder weniger ausgesetzt tt ) ganz getrennt, 
als eine unbekannte Grösse, von der einer Ortschaft innewohnenden Dis¬ 
position zu trennen. In Schweden weist zwar die Erfahrung ganz bestimmt 
hierbei auf die maassgebende Wichtigkeit des Verkehrs hin, — allein auch 
für diesen Zusammenhang liegt, so klar er sein mag, die Verlockung nahe, 
aus Beispielen allgemein gültige Schlüsse zu ziehen. 

Wernich (Cöslin). 


J. Soyka: Zur AssanlPUIlg Prags. Sep.-Abdr. a. d. Prag. med. 

Wochenschr. Prag 1886. 

Soyka bespricht im ersten Theile seines Vortrages die noch immer 
recht ungünstigen Sterbeverhältnisse der Stadt Prag. Die Mortalitäts¬ 
statistik wird dort in der Weise aufgestellt, dass alle auf ortsfremde Per¬ 
sonen entfallenden Todesfälle eliminirt werden. Trotzdem betrug der 
Sterhecoefficient (die Vororte mit ein geschlossen) 1881: 30*75, — 1882: 
28*14, — 1883: 31*80, — 1884: 30*52 pro Mille. Vier Gruppen von Todes¬ 
ursachen, die Verfasser im Einzelnen bespricht, sind die wesentlichsten An- 
theilnehmer an dieser immerhin hohen Sterblichkeitsziffer: die Kindersterb¬ 
lichkeit, — die acuten Exantheme (voran die Pocken), — der Abdominal¬ 
typhus — und die Tuberculose. Speciell was den Typhus anlangt, hat sich 
Prag — im Vergleich mit vielen früher davon durchseuchten Grossstädten — 
noch immer auf einer sonst ungewöhnlich hohen Stufe der Sterblichkeit ge¬ 
halten. 

Eine der vornehmsten prophylaktischen Sorgen, die für reines Trink¬ 
wasser, ist in Prag bereits seit vielen Jahren zum Ausdruck gelangt. Seit 
1871 bereits ist der Beschluss zur Errichtung eines neuen grossen Wasser¬ 
werkes gefasst. Allein nur für Koch- und für Trinkwasser wurde durch 
die Ausführung dieses Plans gesorgt; hinsichtlich des Gehrauchswassers 
blieb die Stadt auf die Brunnen angewiesen, die zum grösseren Theil stets 
als sehr unreines Wasser führend angesehen worden sind. Das Ergebniss 
der hierüber angestellten Untersuchungen würde eigentlich in der Sperrung 
sämmtlicher Brunnen gipfeln müssen. 

Viertelj&hrftchrift für Geanndheitspflege, 1887. U 


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162 


Kritiken und Besprechungen. 

Die Verunreinigung des Prager Brunnenwassers ist aber gleichzeitig 
als Maassstab für die sehr erhebliche Verunreinigung des städtischen 
Untergrundes anzusehen. Die Hauscanäle sind schlecht, Ablagerungs¬ 
stätten für sich zersetzende Unrathmassen, undurchlässig und nicht im 
Stande, den Boden rein zu halten. Ein Theil des städtischen Unraths läuft 
ausserhalb des Canalisationsnetzes der Moldau zu, im Uebrigen birgt 
die Stadt Dunggruben und zwar solche von immenser Grösse: bis zu 
256 000 Liter Inhalt, — und darunter manche, die gar nicht mehr gerei¬ 
nigt, sondern gefüllt vermauert wurden. 

Die Regulirung dieser Verhältnisse wäre nur durch eine allgemeine 
Canalisation mit Anschluss aller Häuser auf Grund einer neuen Bauordnung 
und in Verbindung mit einer Neupflasterung der Strassen zu bewirken. 

Aber auch im Hinblick auf die Verbreitung der ansteckenden Kinder¬ 
krankheiten stellen sich neue Schutz maassrege In als unvermeidlich und 
unaufschiebbar heraus: hier in erster Reihe die Aenderung der Wohnungs¬ 
verhältnisse in der Josephstadt und zwar in Bezug auf die Schlafstellen¬ 
quartiere und die Kellerwohnungen. Bezüglich der letzteren wäre die in 
Aussicht genommene Banpolizeiordnung viel schärfer zu präcisiren, nicht 
weniger auch da, wo dieselbe von den Deckenconstructionen handelt und 
als Zwischendeckfüllung Schutt anzuwenden gestattet, ohne an die 
Beschaffenheit des Schuttes bestimmte Anforderungen zu stellen. 

Ein schliessliches dringendes Bedürfnis im Assanirungsplan Prags ist 
dann noch die Errichtung eines Centralleichenbauses ausserhalb der 
Stadt, da die vorhandenen Leichenkammern nicht ausreichen und inmitten 
sehr bevölkerter Stadttheile belegen sind. 

Wernich (Cöslin). 


Prof. Dr. v. Langenbeck, Generalarzt I. CI. ä la suite, Dr. v. Coler, 
Generalarzt I. CI. und Dr. Werner, Stabsarzt: Die transportable 
Lazarethbaracke mit besonderer Berücksichtigung der von 
Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Augusta hervorgerufenen 
Barackenausstellung in Antwerpen im September 1885. Berlin, 
A. Hirschwald, 1886. gr. 8. 47 S. mit 24 lithographischen Tafeln 
und mehreren Holzschnitten im Texte. 

Der 1884 in Genf tagenden dritten internationalen Zusammenkunft 
der Gesellschaften vom Rothen Kreuz war von Ihrer Majestät der Kaiserin 
ein namhafter Preis für eine hervorragende Leistung auf dem Gebiete des 
Feldsanitätswesens zur Verfügung gestellt worden. Man entschied sich, 
denselben für das beste Muster einer versendbaren Lazarethbaracke 
auszusetzen, und der Ausschuss des Rothen Kreuzes in Genf übernahm die 
Einleitung und Durchführung des Preisbewerbes, welcher mit Unterstützung 
der belgischen Behörden 1885 in Antwerpen stattfand. Dem aus Ver¬ 
tretern verschiedener Nationen gebildeten Preisgericht gehörten deutscher¬ 
seits die Herren Verfasser des obigen Werkes an. Die Betheilignng an der 
Ausstellung war sehr erheblich. 13 Baracken in natürlicher Grösse, 
36 Barackenmodelle in kleinerem Maassstabe, sowie 11 Pläne und Zeich- 


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v. Langenbeck, v. Coler u. Werner, Transportable Lazarethbaracke. 1G3 

nungen von Baracken ohne Beigabe von Modellen waren eingesandt, and 
so entstand der Gedanke, die in den Ansstellangsgegenständen vertretenen 
mannigfaltigen Ideen darzolegen und kritisch zu würdigen. 

Das vorliegende Werk, welches sich diesen Aufgaben unterzogen hat, 
vereinigt — wie alle von der Medicinalabtheilung unseres Kriegsministeriums 
ausgehenden Veröffentlichungen — gründliche Beherrschung des Stoffes mit 
sorgfältiger Darstellung und praktischem Urtheil. Das behandelte Gebiet 
ist allerdings ein ziemlich eng begrenztes. Indessen reicht die Bedeutung 
der versendbaren Lazarethbaracke doch über das Bedürfnis kriegführender 
Heere hinaus und kommt — worauf die Herren Verfasser mit Recht hin- 
weisen — auch für die Civil - Medicinalverwaltungen, besonders mit Rück¬ 
sicht auf Epidemieen, in Betracht. 

Der erste Abschnitt giebt einen geschichtlichen Abriss der traurigen 
Kriegserfahrungen, aus welchen die unbewegliche Lazarethbaracke sich 
entwickelt hat, sowie der Art, in welcher dieselbe bisher Verwendung fand. 
Hierbei wird zugleich die weit verbreitete Meinung widerlegt, als ob jene 
Baracke erst ein Kind der Neuzeit sei; ihr Ursprung reicht vielmehr nach 
Theorie und Praxis bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück. 

Im zweiten Abschnitte, welcher die Ueberschrift: „Die Theorie 
der transportablen Baracke“ trägt, wird ausgeführt und mit'Tbat- 
sachen aus den letzten Kriegen belegt, dass die bisherige Benutzung von 
Lazarethbaracken für Kriegszwecke noch nicht die wünschenswerthe Höhe 
erreicht habe. Selbst der Ueberfluss eines Culturstaates wie Frankreich an 
öffentlichen und Privatgebäuden jeder Art habe 1870/71 nicht vermocht, 
der Masse der Hülfsbedürftigen gegenüber, den heutigen Ansprüchen an 
passende Unterkunftsräume für Verwundete und Kranke zu genügen. 
Andererseits hätten weder die jeweiligen materiellen Hülfsmittel, noch die 
an den Orten des Bedarfes vorhandenen Arbeitskräfte ausgereicht, um 
jenem Mangel durch Improvisationen von Barackenlazarethen abzuhelfen. 
Aus solchen Erfahrungen sei der Gedanke entstanden, den in vereinzelten 
Fällen bereits vorgenommenen Transport fertig gestellter zerlegbarer 
Baracken zu einem System zu machen. Was Esmarch (1869), Pirogoff 
(1877/78) und das österreichische Kriegsministe'rium (1878/79 in 
Bosnien) in dieser Richtung geleistet haben, wird dem Leser vorgeführt. 
In dem bosnischen Feldzuge, in welchem die transportable Baracke zuerst 
systematisch in Gebrauch genommen wurde, habe dieselbe sich wohl be¬ 
währt. Die Hoffnung, dass sie kriegführenden Heeren in Zukunft noch 
umfangreichere Dienste leisten werde, sei desshalb wohl berechtigt. Anderer¬ 
seits treten die Herren Verfasser mit vollem Rechte der Illusion entgegen, 
als ob je die gesammte Krankenbehandlung auf dem Kriegsschauplätze in 
Barackenhospitäler verlegt oder durch letztere das zu hoher Entwickelung 
gelangte Princip der Evacuation beeinträchtigt werden könne. Die trans¬ 
portable Baracke solle nur behülflich sein, die Evacuation nicht um jeden 
Preis und nicht unter Gefährdung des Zustandes der Verwundeten und 
Kranken vornehmen zu lassen, und die nicht transportablen Schwerver- 
wnndeten in Hospitalverhältnisse zu bringen, wie deren Behandlung nach 
unseren heutigen Anschauungen sie erfordert. Zugleich biete jene Baracke 
ein ausgezeichnetes Mittel, um durch rechtzeitige Isolirung an passenden 

11 * 


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1C4 


Kritiken und Besprechungen. 

Orten der Ausbreitung von Infectionskrankheiten unter den Feldtruppen 
wie unter der Civilbevölkerung an den Orten der heimischen Reserve- 
lazarethe entgegenzutreten. Es sei aber die Ausbildung dieses Systems 
bereits in Friedenszeiten erforderlich, lind hierzu erscheine das Militär- 
und das Civilhospitalwesen gleich sehr geeignet und berufen. Die Fälle 
aussergewohnlichen Bedarfes an Krankenunterkunftsräumen bei Epidemieen 
böten hierzu Gelegenheit, sei es, dass Massenunterkünfte erforderlich würden, 
welche über die in den disponibeln Hospitälern vorhandene Bettenzahl 
hinausgingen, sei es, dass die Art der Krankheit eine völlige räumliche und 
administrative Trennung der Erkrankten von einer vorhandenen perma¬ 
nenten Krankenhausanlage erfordert. In letzterem Falle komme es auf 
Isolirung der ersten Fälle an; hierzu fehle es besonders in kleineren Ge¬ 
meinden in der Regel an passenden Räumlichkeiten. Das Vorräthigsein 
von transportablen Lazarethbaracken vermöge Ersatz zu schaffen. Auch 
für manche kleine Badeorte könne deren Beschaffung in Frage kommen. 
Andererseits werde für die Militärverwaltung ein Vorrath derselben theils 
bei vorübergehendem Mehrbedarf an Unterkunftsräumen in einzelnen 
Garnisonlazarethen, theils bei den zahlreichen grossen Truppenzusammen- 
ziehungen im Frieden, theils zur Verwendung in den Aufmarschlinien und 
bei den ersten Actionen im Kriege zweckmässig sein. Nothwendige Be¬ 
dingungen aber für ihre Einführung in die Praxis seien Billigkeit, 
Möglichkeit schneller Herstellung und Fähigkeit leichten 
Transportes — eine Ansicht, welche ohne Zweifel von allen sachver¬ 
ständigen Aerzten getheilt werden wird. 

Nachdem die Herren Verfasser so die allgemeinen Gesichtspunkte 
erschöpfend behandelt haben, welche zu Gunsten versendbarer Lazareth¬ 
baracken geltend gemacht werden können, fällen sie über die Antwerpener 
Ausstellung das Urtheil: Dieselbe habe ein so reiches Material an 
Constructionsarten geliefert, dass hierdurch eine Klärung der bisher noch 
wenig gelichteten Ideen über die zweckmässigste Gestaltung des Systems 
transportabler Baracken gesichert und auf dem Wege zur praktischen und 
dauernden Einführung derselben ein wichtiger Fortschritt erzielt worden sei. 

Hieran schliesst sich im dritten Abschnitte eine ausführliche kritische 
Schilderung des Ergebnisses unter Berücksichtigung der Einzelleistungen. 
Voraufgeschickt wird das vortrefflich abgefasste Programm, welches das 
Preisgericht bei Ausschreibung der Preisbewerbung bezüglich der Con- 
struction versendbarer Baracken veröffentlicht hatte. Die Gründe, aus 
welchen die Minimalbetten zahl auf 12 und der Luftraum für jedes Bett auf 
nur 12 cbm festgesetzt worden waren, sind vollkommen stichhaltig. Hier¬ 
auf werden die für den Zweck in Betracht kommenden Eigenschaften der 
ausgestellten Baracken nach einander erörtert, nämlich Anlage des Unter¬ 
baues, Zerlegbarkeit der Wand- und Dachtheile, Material (Holz, Eisen, 
Pappe u. dergl., einzeln und combinirt), Feuersicherheit, Zeltbekleidung, 
Form (Rechteck, Kreuzform, Tollet’sche Bogenform, Kreisform), Ventilation, 
Heizung, Kosten, Gewicht und Transportart. 

Ein von zahlreichen Abbildungen begleiteter Anhang, in welchem 39 
sehr mannigfaltige Ausstellungsobjecte einzeln beschrieben werden, be- 
schliesst die Arbeit. Möge die von den Herren Verfassern gegebene dankens- 


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Cazin, Les etablissements hospitaliers ä Berck sur mer. 165 

werihe Anregung recht bald zu praktischen Versuchen mit den besten 
ausgestellten Mustern führen! Den Gesellschaften vom Rothen Kreuze, 
welchen es an Gelegenheiten zu internationalen Hülfsleistungen für Ver¬ 
wundete und Kranke leider nicht zu fehlen pflegt, und den Militärver¬ 
waltungen der europäischen Culturstaaten dürften solche Versuche am 
nächsten liegen. Wasserfuhr (Berlin). 


Cazin: Les ötablissements hospitaliers ä Berok sur mer. 

Paris, Asselin et Houzeau, 1885. 

Schon lange war es von allen denjenigen, welchen das Gedeihen der 
Heilanstalten für scrophulöse Kinder am Herzen liegt, aufs Lebhafteste be¬ 
klagt worden, dass nähere Angaben über die Resultate eines der ältesten 
und grössten Seehospize, nämlich desjenigen von Berck sur mer, seit dem 
Jahre 1868 gänzlich fehlten. Mit um so aufrichtigerer Freude werden sie 
das Erscheinen der vorliegenden Schrift Cazin’s begrüssen, welche diese 
Lücke in der trefflichsten Weise auBfüllt. 

Dieselbe beginnt mit einer kurzen Einleitung über die Heilwirkung 
des Seewassers gegen Scrophulose und über die Geschichte der 
Seehospize in England, Italien, Frankreich und anderen Ländern. Es 
folgt sodann die Beschreibung der Heilstätten, welche zu Berck sur mer 
für scrophulöse Kinder gegründet worden sind, zunächst des kleinen 
und des grossen Hospizes, die von der Pariser Generalarmen Verwal¬ 
tung gegründet und für die kränklichen, einer Seebadecur bedürftigen 
armen Kinder bestimmt wurden, sodann der anderen dort eingerichteten 
Anstalten. Zum leichteren Verständniss gab der Verfasser einen Situations¬ 
plan und mehrere Grundrisse bei. 

Das kleine und das grosse Hospiz werden gemeinsam beschrie¬ 
ben als „höpitäl maritime Cazin schildert die ersten bescheidenen Ein¬ 
richtungen, welche Ende der fünfziger Jahre für die scrophulösen Kinder 
am Gestade von Berck getroffen waren, schildert die Gründung des provi¬ 
sorischen Hospizes daselbst im Jahre 1861, eine Anstalt mit 100 Betten, 
und beschreibt darauf das umfangreiche Hospiz, welches am 18. Juli 1869 
eröffnet wurde, in allen Einzelheiten an der Hand mehrerer Pläne. Diese 
Heilstätte hat jetzt nicht weniger als 880 Betten, von denen 734 lediglich 
für kranke Kinder bestimmt sind. Sie gehört, wie schon angedeutet wurde, 
der Generalarmen Verwaltung von Paris und nimmt der Regel nach nur 
Kranke auf aus dem Departement der Seine, wie aus demjenigen der Seine 
und Oise. Die meisten sind arme Kinder, doch können auch einzelne 
zahlungsfähige Aufnahme finden. Als Curmittel dienen Seebäder, Wannen¬ 
bäder mit Seewasser, Aufenthalt beziehungsweise Bewegung in dfir Luft an 
der Seeküste und eine rationelle Ernährung. Die letztere bietet Weissbrot, 
Milch, Fleisch, Eier, Reis, Gemüse, Kartoffeln, Obst, Bier und Chocolade. 
Das tägliche Brotquantum beträgt 320 g beziehungsweise 360 g, das tägliche 
Fleischquantum circa 140 g (Braten), das tägliche Bierquantum 480 ccm. 

Verpflegt wurden von 1869 incl. bis 1882 incl. = 5847 im Alter von 
2 bis 16 Jahren stehende Kinder, von welchen 4692 scrophulös waren, die 


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166 Kritiken und Besprechungen. 

übrigen an Rhachitis oder Paralysis infantilis litten. Von den 4692 Scro- 
pkulö8en wurden 

geheilt. 3321 oder 70*7 Proc. 

gebessert. 148 „ 3*2 „ 

nicht gebessert. 127 „ 2*7 „ 

starben. 339 „ 7*2 „ 

fortgenommen. 757 „ 16*1 „ 

Wer die Resultate unserer deutschen und auch der italienischen See¬ 
hospize mit den hier notirten vergleicht, wird die Frage aufwerfen, wo¬ 
durch Berck sur mer bedeutsamere Erfolge erzielen konnte. Die Ant¬ 
wort lautet dahin, dass dies französische Hospiz die Pfleglinge nicht bereits 
nach vier oder sechs Wochen wieder entlässt, sondern so lange behält, wie 
der Arzt es für nöthig erklärt, so dass jedes Kind im Durchschnitte nicht 
weniger als 423 Tage in der Anstalt verbleibt. 

Es waren alle Formen der Scrophulose vertreten. Von ihnen heilten 
am besten der Tumor albus (zu fast 85 Proc.), nächstdem die Hautaffectio- 
nen, dann die Augenaffectionen (zu 78 Proc.), die Drüsenschwellungen (zu 
75 Proc.), die Periostitis und Ostitis, sowie die Otorrhoe (zu etwa 73 Proc.), 
viel weniger gut die Ozaena, die eiterige Coxitis und das Malum Pottii 
mit Abscess. Der Tod erfolgte bei 50 Kindern durch Meningitis, bei 16 
durch Phthisis, bei 23 durch tuberculöse Bronchitis und bei 47 durch Albu¬ 
minurie, bei 15 durch Pneumonie, bei 10 durch Wirbelcaries, bei 16 durch 
Atrophie, bei 23 durch Diphtherie. 

Es folgt nun die Beschreibung der beiden Institute P. Cornu, welche 
nordöstlich von dem Haupthospize ebenfalls ganz nahe dem Strande liegen. 
Sie stellen, gewissermaassen Dependenzen des höpital maritime vor und 
sind dazu bestimmt, diejenigen Patienten aufzunehmen, welche in letzterem 
keinen Platz mehr finden. Die Zahl der Betten beträgt jetzt gegen 300. 
Nahe den Instituten befinden sich Wiesen und Ackerländereien; hier werden 
die Kinder, so weit es das Alter und der Kräftezustand derselben gestatten, 
mit ländlichen Arbeiten beschäftigt. Während der Jahre 1871 bis 1882 
fanden in den beiden Anstalten, von denen die eine übrigens damals noch 
zu GroflierB sich befand und von einer Frau de Paris geleitet wurde, 
ira Ganzen 211 Scrophulose Aufnahme. Von ihnen wurden 

geheilt.. . 180 


gebessert. 17 

starben. 14 


Die Dauer des Aufenthalts betrug im Durchschnitt = 576 Tage. Am 
besten waren auch hier die Erfolge bei Tumor albus und bei Periostitis. 

Das Hospiz Nathaniel Rothschild’ s liegt nördlich von dem Haupt¬ 
hospiz unmittelbar am Strande, ist am 24. Mai 1872 eröffnet und hat 
60 Betten. Es nimmt vorwiegend, doch nicht ausschliesslich, scrophulose 
und schwächliche Kinder israelitischer Confession auf, verpflegt sie in 
der Regel nicht länger als 90 Tage und entlässt die überwiegende Mehr¬ 
zahl der kleinen Patienten für die Dauer des Winters. In den Jahren 1872 
bis 1882 fanden Aufnahme = 229 Kinder, grösstentheils scrophulose. Von 
ihnen wurden 


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Raudnitz, Findelpflege. 167 

geheilt. 229 oder 72*7 Proc. 

gebessert.70 „ 22*2 „ 

nicht gebessert.15 „ 4*8 „ 

es starb. 1 „ 0*3 „ 

Den besten Erfolg hatte die Cur bei allgemeiner Schwäche und scrophu- 
löser Diathese (Heilung in 94 Proc.), und bei chronischer Entzündung des 
Knie- resp. Ellenbogengelenks, nächstdem bei Otorrhoe und bei Periostitis. 

Dies ist ein kurzer Auszug des Wichtigsten aus der lesenswerthen 
Schrift Cazin’s, welche zu den besten der über Seehospize erschienenen 
gerechnet werden darf. Möge sie bei uns fleissig studirt werden, dann 
wird ihr reicher Inhalt auch den scrophulösen Kindern unseres Vaterlandes 
zu Gute kommen. J. Uffelmann (Rostock). 


Dr. R. Raudnitz: Die Fiüdelpflege. Erweiterter Sonderabdruck 
aus der zweiten Auflage der Realencyclopädie der gesammten Heil¬ 
kunde. Wien, Urban und Schwarzenberg, 1886. 8. 48 S. 2 Mk. 

Diese, dem bekannten Dr. Th. Roussel, Urheber des französischen Kin- 
derschutzgesetzes, gewidmete Schrift bespricht zunächst die Findelpflege im 
Allgemeinen; der Autor versteht aber unter „Findelpflege“ die Pflege aller 
des öffentlichen Schutzes bedürfenden Kinder, also der verlassenen, der 
verwaisten, der sittlich verwahrlosten, der Ziehkinder, der Kinder in Krip¬ 
pen und Bewahranstalten. Es ist danach der Ausdruck „Findelpflege“ 
nicht gut gewählt. Wir erfahren sodann das Wesentliche der verschiede¬ 
nen Systeme, des Drehladesystems, des romanischen, des germanischen und 
des Josephinischen Systems der Pflege, erfahren Näheres über die Zahl der 
Pfleglinge, die Sterblichkeit derselben, die Kosten der Pflege und finden 
weiterhin zahlreiche Anmerkungen beziehungsweise Zusätze zu dem Vor¬ 
getragenen. Es werden dabei statistische Mittheilungen über die Findel¬ 
pflege in Spanien, Griechenland, Italien, Frankreich, Portugal, Russland, 
Belgien, Deutschland, Grossbritannien und Irland, Nordamerika und Oester¬ 
reich-Ungarn gebracht. Schliesslich finden wir die Angelegenheit der com- 
munalen und privaten Findelpflege und die Krippenfrage erörtert. 

Die Abhandlung ist reich an werthvollen Daten und wird desshalb Allen 
willkommen sein, welche sich für die Kinderpflege interessiren; namentlich 
giebt sie eine treffliche Uebersicht über die Verhältnisse der italienischen 
und österreichischen Findelhäuser. Nicht ausreichend erscheint aber das 
über die Kinderpflege in Deutschland Gesagte, so dass diejenigen, welche 
einen Vergleich des sogenannten romanischen und germanischen Systems 
anstellen wollen, bezüglich des letzteren zu wenig Anhaltspunkte erhalten. 
Insbesondere vermisse ich einen Hinweis auf die treffliche Kostkindercon- 
trole im Grossherzogthum Hessen und die durch dieselbe erzielten Resul¬ 
tate, über welche bekanntlich jedes Jahr ausfürlich Bericht erstattet wird. 
Dieselben hätten eine Erwähnung um so mehr verdient, als die betreffende 
Controle sich auf alle in fremder Pflege untergebrachten 0- bis 6jährigen 
Kinder des Grossherzogthums bezieht. Auch wäre es wohl am Platze ge- 


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168 


Kritiken und Besprechungen. 

wesen, die Resultate der in Frankreich auf Grund des Kinderschutzgesetzes 
gehandhabten Controle dem Leser, wenn auch nur in Kürze, vorzuführen. 
Der Autor citirt zwar die dies behandelnde Dissertation J. Valette’s, 
ohne jedoch aus ihr Notizen zu bringen. 

J. Uffelmann (Rostock). 


J. Valette: La loi ROUSSel dans le Calvados. These. Paris 1884. 

Das französische Kinderschutzgesetz, gewöhnlich Loi Roussel ge¬ 
nannt, welches am 28. December 1874 publicirt wurde, aber erst 1877 mit 
dem Erlass der betreffenden Ausführungsverordnung in Kraft trat, hat sich 
seitdem aufs Trefflichste und jedenfalls ungleich besser bewährt, als man 
anfänglich, zumal bei uns in Deutschland, glaubte voraussetzen zu dürfen. 
Es hat ja unverkennbare Mängel-, dieselben werden jedoch durch grosse 
Vorzüge weit überwogen. Letztere bestehen darin, dass das Gesetz eine 
sehr scharfe Controle der in fremder Pflege untergebrachten Kinder anord¬ 
net, dass es neben den officiellen Inspectionsärzten auch Frauen zur Ueber- 
wachung beruft, und dass es endlich die Obliegenheiten sämmtlicher Auf¬ 
sichtspersonen auf das Genaueste festsetzt. Allerdings würde der blosse 
Erlass dieser Bestimmungen für sich nicht genügt haben; es musste das 
Gesetz auch mit Strenge ausgeführt werden. Dies ist nun, ob in ganz 
Frankreich, lässt sich noch nicht sagen, aber doch in einer Reihe von 
Departements thatsächlich geschehen. Einen Beleg dafür liefert die Disser¬ 
tation Valette’s. In dem Departement Calvados starben früher, d. h. 
bevor das Gesetz von 1874 zur Ausführung gelangte, nicht weniger als 
78 Proc. aller in fremder Pflege dort untergebrachten Säuglinge, während 
doch nur etwa 11 Proc. der von den Müttern selbst gestillten Kinder im 
ersten Jahre zu Grunde gingen. Dies änderte sich mit einem Schlage, als 
in Ausführung jenes Gesetzes Aufsichtscomites bestellt und in Thätigkeit 
getreten waren. Vom 1. Januar 1880 bis zum Schlüsse des Jahres 1882, 
also während eines Zeitraumes von drei Jahren, befanden sich in jenem 
Departement 8021 Kinder von 0 bis 2 Jahren in Pflege. Von denselben 
starben nicht mehr als 484, oder 6*1 Proc. Im Jahre 1880 betrug die 
Mortalität noch 7*2 Proc., 1881 nur noch 5*84 Proc., und 1882 gar nur 
5*4 Proc., verringerte sich also stetig. Von den 0- bis 1jährigen Kindern 
wurden im Durchschnitt der bezeichneten drei Jahre nur noch 12*5 Proc. 
dahin gerafft, so dass ihre Sterblichkeit nunmehr um Vieles niedriger als 
die Säuglingssterblichkeit überhaupt in Frankreich sich stellte, wo diejenige 
der legitimen Kinder 15*53 Proc. beträgt. Unser Autor führt dies un- 
gemein günstige Resultat, welches nach Lage der Dinge kein zufälliges sein 
kann, auf die ungemein sorgsame Auswahl geeigneter und gewissenhafter 
Pflegerinnen, auf die scharfe Ueberwachung der letzteren durch die Aerzte 
und Aufsichtsdamen, sowie auf die Zusicherung von Prämien für gute 
Pflege zurück und hat hierin allem Anschein nach Recht. 

J. Uffelmann (Rostock). 


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Krüger, Filter, und Oppermann, Magnesium. 1G9 

R. Krüger: Die Filter für Haus und Gewerbe. Wien, Hart¬ 
leben, 1886. 8. 236 S. mit 72 Abbildungen. 3.25 Mark. 

Das Werkeben bildet den 139. Band der bekannten „Hartieben’s che¬ 
misch-technischen Bibliothek“. Die betreffenden Artikel aus Dingler’s polyt. 
Journal und einiger bezeichneten technischen Bücher bilden die Grundlage 
der verschiedenen Capital, in welchen Sand-, Kohlen-, Papier-, Gewebefilter 
und die Filter aus natürlichen und künstlichen Steinen, Thon, Porcellan, 
Eisen, Glas, Schwämmen u. s. w. besprochen werden nach einer voraus¬ 
geschickten Einleitung über Zweck und Wirkung der Filtration und einem 
Capitel über Beschaffenheit, Klärung und Reinigung des Wassers. Die 
Filter, welche in der Neuzeit eine bedeutende Rolle spielen, z. B. die 
Chamberland-Pasteur’schen Porcellanfilter, die Bischof sehen Eisen¬ 
ach wammfilter, die Piefke*sehen Schnell-(Asbest-) und Cellulosefilter, die 
Breyer’schen Mikromembran-(Asbest- und Cellulose-)Filter, die verschie¬ 
denen Kohlenfilter etc. werden beschrieben und der Werth derselben fest¬ 
zustellen gesucht. Wenn nun auch in dieser Beziehung, soweit hierüber 
Dingler's Journal Auskunft giebt, hier und da die nicht günstigen Resul¬ 
tate der mit verschiedenartigen Filtern angestellten Versuche mitgetheilt 
werden, so glaubt der Verfasser doch, dass zahlreiche Filtrirstoffe das Trink¬ 
wasser von den gesundheitsschädlichen Beimengungen, speciell von den 
Mikroorganismen und Keimen befreien können, obwohl doch auch von ihnen 
a priori anzunehmen und durch Experimente festgestellt ist, dass sie den 
Mikroorganismen nicht auf lange Zeit den Durchgang verwehren. Auch 
bei der Sandfiltration ist die Auswahl der technischen Literatur etwas zu 
einseitig gewesen, das Journal für Wasserversorgung ist anscheinend nicht 
berücksichtigt. 

Das Werkchen verdient aber Beachtung, weil bislang keines existirt, 
was in gleicher Weise das einschlägige Material gesammelt und durch zahl¬ 
reiche Abbildungen erläutert hat. 

Dr. Wiebecke (Frankfurt a. d. 0.). 


Oppermann, H.: Die Magnesia im Dienste der Schwamm- 
vertilgung, Reinigung der Effluvien und Pflanzensäfte, 
der Desinfeotion und Beseitigung von Pilzbildungen 
und der Oonservirung sowie Heilung der Diphtheritis. 
Bernburg und Leipzig, Bacmeister, 1886. 8. 63 S. 1*50 Mark. 

Gelegentlich des von Bohlig angegebenen Verfahrens zur Reinigung 
des Kesselspeisewassers wurde seit 1876 von verschiedenen Seiten auf die 
klärenden und reinigenden Eigenschaften des sich hierbei bildenden Mag¬ 
nesiahydrats aufmerksam gemacht. In gleicher Weise wies schon früher 
Scheibler nach, dass die Anwendung der Magnesia als Klärungs- und 
Neutralisationsmittel bei der Verarbeitung des Zuckerrübensaftes belang¬ 
reiche Vortheile bietet und die sich abscheidende Magnesia grosse Mengen 
organischer Verunreinigungen des Saftes mit niederreisst, nachdem früher 


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170 


Kritiken und Besprechungen. 

Marschall, Morgenstern, Wandel und Frank verschiedene Magnesia- 
salze in Vorschlag gebracht hatten. Auch die Wirkung des Süvernaschen 
Desinfectionsmittels wurde nach dieser Richtung hin von Einzelnen zu er¬ 
klären versucht. 

Zur Conservirung von Nahrungsmitteln, Desinfection von Wohn räumen, 
Heilung der Diphtheritis gebraucht Oppermann borsaure Magnesia. Bis 
jetzt hat nur Marpmann mit den angepriesenen Lösungen experimentirt 
und „gegen höhere und niedere Pilze recht gute Resultate zu verzeichnen". 
„Pilzrasen von Merulius und Polyperus wurden mit der Lösung befeuchtet, 
nach zwei Tagen waren die befeuchteten Stellen verfärbt und trockneten 
ab. Frische Milch mit 1 pro Mille Lösung gemischt hielt sich vier Tage, 
nahm dann jedoch einen unangenehmen Beigeschmack an. Verschimmelter 
Käse wurde in ein Tuch gewickelt, welches mit der concentrirten Lösung 
angefeuchtet war und zwei Tage im Keller liegen gelassen. Nach dieser 
Zeit hatten sich die Pilzrasen verflüssigt, jedoch waren an einigen Stellen 
frische Colonieen von weisser Hefe neu entstanden." Es sind daher die 
angewandten Methoden wohl noch mehrseitigen Prüfungen zu unterwerfen. 

Dr. Wiebecke (Frankfurt a. d. 0.). 


Th. Kitt: Werth und Unwerth der Schutzpookenimpfungen 
gegen Thierseuchen. Berlin, Parey, 1886. 8. 248 S. mit 14 Holz¬ 
schnitten. 6 Mark. 

Der Verfasser hat in der vorliegenden Arbeit den Versuch gemacht, 
unsere bisherigen Erfahrungen über Schutzimpfungen bei Thieren mono¬ 
graphisch zu bearbeiten. Um das Werk allen sich für diese Fragen Interes- 
sirenden zugänglich zu machen, wählte Verfasser eine mehr allgemein ver¬ 
ständliche Form. Die eigenen Versuche des Verfassers und eine eingehende 
Berücksichtigung der Literatur haben aber dafür gesorgt, dass das Werk 
über diesen Rahmen hinaus zu einem ganz unentbehrlichen Handbuche auch 
für die Forscher auf diesem Gebiete wurde. 

In scharfer Kritik zeigt Verfasser, dass meist prophylactische Maass¬ 
nahmen einer gut organisirten Veterinärpolizei mehr geleistet haben als 
Schutzimpfungen. Aus diesem Grunde verhält er sich der praktischen Ein¬ 
führung der Schutzimpfungen gegenüber meist ablehnend. Manche Erfah¬ 
rungen über Erfolge bei Schutzimpfungen, z. B. bei Milzbrand, Schweine¬ 
rothlauf, Lungenseuche, zeigen aber doch, dass wohl hier ein etwas weni¬ 
ger schroffes Urtheil für manche Fälle berechtigt ist. Bei so schwierigen, 
noch in der vollen Entwickelung begriffenen Untersuchungen ist aber Kritik 
sehr nothwendig und auch eine scharfe Kritik weniger schädlich als über¬ 
grosser Eifer, der keine Rücksicht auf die übrigen Factoren bei der Be¬ 
kämpfung der Infectionskrankheiten nimmt. 

Hueppe (Wiesbaden). 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


171 


Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


Königl. Preußischer Hinisterial-Erlass vom 24. und 25. September 1886, 
betr. die asiatische Cholera« 

Da die Cholera, wie Ew. Hoch wohlgeboren auf ausseramtlichem Wege be¬ 
kannt geworden sein wird, seit mehreren Monaten in Italien aufgetreten ist und 
sich mehr und mehr vornehmlich in verschiedenen Provinzen Ober-Italiens aus¬ 
gebreitet hat, so dass die Seuche unmittelbar an die schweizerische Grenze 
bezw. an die Linie der Gotthardtbahn herangeruckt ist, auch in den öster¬ 
reichischen Küstengebieten, namentlich Ende Juni in den Städten Triest und 
Fiume, in vereinzelten Fällen in Krain und der Herzegowina, neuerdings auch 
in Budapest aufgetreten ist, nehme ich Veranlassung, Ew. Hoch wohlgeboren meine 
Erlasse vom 14. Juli 1884 — M. 5251 —, betreffend Maassregeln gegen die Ein¬ 
schleppung der Cholera, und vom 25. April 1879 — Nr. 892 und 2547 M. —, 
betreffend die Anzeigen über das Auftreten der Cholera, ergebenst in Erinnerung 
zu bringen. Der sich anscheinend mehr den östlichen Provinzen zuwendende 
Gang der Seuche erheischt es, wiewohl eine directe Bedrohung derselben zur 
Zeit nicht als vorhanden anzunehmen ist, nunmehr ungesäumt diejenigen vor¬ 
bereitenden Maassnahmen zu treffen, welche es sicher stellen, dass die Bestim¬ 
mungen in Absatz 3, 4 und 5 des ersterwähnten Erlasses, welche sich auf die 
Ueberwachung des Eisenbahn- und des Flussschifffahrt-Verkehrs beziehen, 
erforderlichen Falles sofort zur Ausführung gebracht werden können. 

Zunächst sehe ich thunlichst beschleunigtem Berichte darüber entgegen, an 
welchen Grenzbahnhöfen des doPtigen Bezirks Einrichtungen zur Revision der 
mit der Eisenbahn aus dem benachbarten Auslande kommenden Reisenden zu 
treffen sind und welche Flüsse oder Canäle eine Ueberwachung des Schifffahrt- 
Verkehrs auf denselben nach Art und Ausdehnung desselben erforderlich machen 
würden, sowie an welchen Orten der Grenze letztere am besten ausführbar wäre. 
Hierzu bemerke ich, dass es erforderlich sein wird, wegen Bereitstellung des 
zur vorläufigen Unterbringung bei der Revision etwa cholerakrank oder cholera¬ 
verdächtig befundener Reisender bis zur Ueberführung in eine Krankenanstalt 
erforderlichen Raumes auf dem Bahnhofe mit der betreffenden Königl. Eisen- 
bahndirection in Verbindung zu treten. Im Nothfalle lässt sich übrigens ein auf 
einen Nebenstrang gefahrener Güterwagen zur vorläufigen Aufnahme der in Rede 
stehenden Personen leicht herrichten. 

Den Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten habe ich ersucht, die Eisen- 
bahndirectionen mit den erforderlichen Anweisungen zu versehen. Der Aufent¬ 
halt der Kranken an der vorläufigen Aufnahmestelle würde jedoch stets nur ein 
kurzer Bein dürfen und die Ueberführung derselben in eine Krankenanstalt des 
Grenzortes zur weiteren Verpflegung und ärztlichen Behandlung thunlichst zu 
beschleunigen sein. Es istdesshalb auch die Frage der definitiven Unterbringung 
der Kranken am Orte der für die Revision in Aussicht zu nehmenden Grenz- 
Eisenbahnstationen sofort mit ins Auge zu fassen. 

Das Auftreten der Cholera in Budapest macht es nothwendig, den mit der 
aus Ungarn kommenden Bahn anlangenden Reisenden sofort die erforderliche 
Beachtung zuzuwenden. Soweit hier bekannt, ist weder in dem preussischen 
Vorwerk Oderberg noch in Annaberg, wo überdies die Eilzüge kaum halten 
dürften, ein Arzt ansässig und bis auf Weiteres müsste man sich alsdann darauf 
beschränken, in Ratibor einen oder mehrere sich abwechselnde Aerzte zu 


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172 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

engagiren, welche sich zur Zeit der Ankunft der betreffenden Zuge auf dem 
Bahnhof einzufinden hätten, um sich durch Erkundigung bei den Zugführern 
(falls diese nicht in Oderberg wechseln), sowie durch eigene Beobachtung des 
Verhaltens der Reisenden über den Gesundheitszustand derselben so weit zu 
unterrichten, als es ohne eine systematische und auffällige Untersuchung der 
Insassen der Wagen - Abtheilungen geschehen kann. Die Unterbringung eines 
cholerakrank oder choleraverdächtig sich erweisenden Reisenden würde in der 
Stadt bis auf Weiteres in derselben Art zu erfolgen haben, wie es im Falle der 
Erkrankung eines Einwohners derselben an Cholera geschehen würde, der in 
seiner Wohnung nicht verbleiben könnte. 

Was die Untersuchungsstationen zur Ueberwachung des Schifffahrt-Verkehrs 
auf Flüssen und Canälen betrifft, so wird deren Einrichtung unter Umständen 
darin eine grössere Schwierigkeit finden, dass sie zweckmässiger WeiBe mög¬ 
lichst unmittelbar an der Grenze anzulegen sind, wo sich mitunter eine Ortschaft 
nicht befindet. In diesem Falle würde der Bau einer Baracke und passende 
Ausrüstung derselben nothwendig werden. Dem möglichst zu beschleunigenden 
gefälligen Berichte Ew. Hochgeboren sehe ich demnächst ergebenst entgegen. 

Berlin, den 24. September 1886. 

Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal an gelegen heiten. 

An sämmtliche 

Königlichen Regierungs-Präsidenten. 


Wie Ew. Hochwohlgeboren bereits ausseramtlich zur Kenntniss gekommen 
sein wird, ist seit mehreren Monaten die Cholera in Italien aufgetreten und hat 
sich allmälig daselbst, weiter verbreitet, auch sind in mehreren der italienischen 
Hafenstädte Cholera-Erkrankungen in grösserer oder geringerer Zahl vor¬ 
gekommen; dessgleichen ist die Cholera seit Ende Juni d. J. in den österreichischen 
Küstengebieten, insbesondere in den Städten Triest und Fiume, ausgebrochen. 

Obgleich bisher die Häfen Italiens und Oesterreich-Ungarns mit Bezug auf 
die Verordnung vom 5. Juli 1883 §. 1 Nr. 2 Min. f. Han. Nr. 3309 I. Ang. 
und 8002, M. d. g. A. Nr. 4508 M. — für choleraverdächtig noch nicht erklärt 
worden sind, weil in keinem derselben die Seuche einen solchen Umfang an¬ 
genommen hat, dass die Gefahr einer Einschleppung nach Deutschland auf dem 
Seewege besonders nahe liegt, so erscheint es doch erforderlich, dem Gesund¬ 
heitszustand auf den aus den italienischen und österreichischen Häfen ankom- 
menden Schiffen eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden und dieselben einer 
Ueberwachung im Sinne der in der vorerwähnten Verordnung ergangenen Be¬ 
stimmungen zu unterziehen. Diese Ueberwachung wird darin zu bestehen haben, 
dass für jedes einen preussischen Hafen anlaufende Schiff, welches aus einem 
italienischen oder österreichischen Hafen herkommt, unter Zuziehung eines 
Arztes festgestellt wird, ob auf demselben ein den Verdacht der Cholera er¬ 
regender Krankheitsfall während seiner Reise vorgekommen ist und ob sich auf 
demselben Personen befinden, welche an Cholera oder einem den Verdacht der 
Cholera erregenden Krankheitszustande leiden. 

Trifft auch nur eine dieser Voraussetzungen zu, so wird das Schiff in jeder 
Beziehung nach den Bestimmungen der Verordnung vom 5. Juli 1883 zu behan¬ 
deln sein, anderenfalls aber ist der freie Verkehr desselben nicht zu beschränken. 

Ew. Hochwohlgeboren ersuchen wir ergebenst, hiernach sofort die erforder¬ 
lichen Anordnungen gefälligst zu treffen. 

Rerlin, den 25. September 1886. 

Der Minister Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und 

für Handel u. Gewerbe. Medicinalangelegenheiten. 

An die Königlichen Ober-Präsidenten 
der See?Provinzcn. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

Kftnlgl. Sächsischer Ministerial - Erlass vom 27. September 1886, betr. Tor- 
bengungsmaassregeln gegen die Cholera. 

Den eingegangenen Nachrichten zufolge hat die Cholera vom Süden Europas 
sich noch in neuerer Zeit in nördlicher Richtung verbreitet und es erscheint 
daher angezeigt, Vorbeugungsmaassregeln gegen die Einschleppung der Seuche 
derart vorzubereiten, dass dieselben in Wirksamkeit treten können, sobald in 
benachbarten Landesgebieten, als welche Böhmen, Mähren und das Erzherzog¬ 
thum Oesterreich in Betracht kommen, die gedachte Krankheit ausbrechen und 
das Inland hierdurch bedroht erscheinen sollte. 

Das Ministerium des Innern nimmt Bezug auf den Inhalt der an die Kreis¬ 
hauptmannschaften unter dem 16. Juli 1884 erlassenen Verordnung und des 
dazu gehörigen Inserats und befindet, dass schon jetzt der Reinhaltung der 
Strassen und Plätze, ingleichen der Desinfection der Aborte, insbesondere der 
zum öffentlichen Gebrauche dienenden und derjenigen, welche sonst von einer 
grösseren Zahl Menschen benutzt werden, besondere Aufmerksamkeit zuzu- 
wenden ist. 

Nächstdem verordnet das Ministerium, dass, sobald ein Todesfall an Cholera 
oder einer derselben ähnlichen oder den Verdacht auf diese Krankheit begrün¬ 
denden Erkrankung im Königreiche Sachsen sich ereignen sollte, alsbald von 
dem betreffenden Bezirksarzte telegraphische Anzeige anher zu erstatten, hier- 
nächst die Leiche sofort aus dem Sterbehause zu entfernen und in der Leichen¬ 
halle unterzubringen, die Beerdigung aber bis auf Anordnung von hier aus zu 
beanstanden ist. 

Wenn der obengedachte Fall näherer Bedrohung einträte, würde demnächts, 
in Gemässheit einer auf Beschluss der im Jahre 1884 berufenen Choleracommis¬ 
sion beruhenden Anregung des Herrn Reichskanzlers, eine ärztliche Ueber- 
wachung des Verkehrs hinsichtlich der aus Oesterreich über die Grenze nach 
Sachsen mit der Eisenbahn und auf Dampfschiffen eintretenden Reisenden 
wenigstens auf den Hauptlinien einzutreten haben. 

Dieselbe soll darin bestehen, dass der revidirende Arzt — ohne dass die 
Passagiere den Zug, beziehentlich das Schiff verlassen — durch Einblick in die 
Coupees und auf dem Schiff im Durchgehen durch die Passagierräume sich von 
dem Nichtvorhandensein auffallender Krankheitserscheinungen überzeugt. So¬ 
bald dagegen eiue verdächtige Erkrankung sich hierbei zeigt, würde der be¬ 
treffende Kranke aus dem Zuge (Schiffe) zu entfernen und in einem möglichst 
nahe an der Revisionsstation gelegenen Raume unterzubringen und daselbst in 
ärztliche Behandlung zu nehmen sein. Wegen Leerstellung und nach Befinden 
Desinfection des von dem Kranken benutzten Coupees, resp. des bezüglichen 
Raumes auf dem Schiffe, nach Befinden auch Ausschaltung des betreffenden 
Eisenbahnwagens aus dem Zuge, würde nächstdem das Nöthige anzuordnen sein. 

Als Revisionsstationen würden für den Eisenbahnverkehr Zittau, Krippen 
(für den Eingang über Voitersreuth), Brambach, für den Schiffsverkehr aber 
Schandau in Betracht kommen, und es handelt sich — wozu schon jetzt — und 
unerwartet des Eintritts des oben erwähnten Falles, Einleitung zu treffen ist — 
zunächst darum, Aerzte zu ermitteln, welchen das Revisionsgeschäft übertragen 
werden kann und deren Bereitwilligkeit, sowie die Bedingungen, unter denen 
sie dazu erbötig sind, festznstellen. Demnächst bedarf es der Ermittelung, 
welche Locale zur Unterbringung Kranker in der Nähe der Revisionsstation 
verfügbar sind oder wie solche beschafft werden können. 

Die Kreishauptmannschaft zu.wolle nach Vorstehendem sich achten, 

soweit nöthig und soweit ihr Bezirk in Frage kommt, das Erforderliche ver¬ 
fügen und besorgen und das Ergebniss sobald als thunlich anher anzeigen. 

Dresden, am 27. September 1886. 

Ministerium des Innern. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


Königl. Bayerischer Ministerial - Erlass vom 5. October 1886, betr. Maass- 
regeln gegen die asiatische Cholera« 

Der vor Kurzem erfolgte Ausbruch der Cholera in Pest und in R&ab lässt 
es veranlasst erscheinen, für den Fall einer weiteren Annäherung der Seuche 
vorbeugende Maassnahmen in Erwägung zu ziehen. 

Nach dem gegenwärtigen Stande der Cholera ist für Bayern zunächst der 
Schutz der östlichen Landesgrenze geboten und zu dem Ende eine Ueber- 
wachung des Personenverkehrs auf den Eisenbahnlinien Wien-Passau, Wien- 
Simbach und Wien-Salzburg in der gleichen Weise ins Auge zu fassen, wie sie 
anlässlich der Choleragefahr im Jahre 1884 vermöge der Eutschliessung vom 
12. Juli 1884, Nr. 8191 II. angeordnet worden ist. Als zur Ueberwachung geeig¬ 
nete Uebergang8orte werden zunächst Passau, Simbach und Salzburg ins Auge 
zu fassen, im Weiteren wird aber eine Ueberwachung des Personenverkehrs 
auch in München einzurichten sein, theils mit Rücksicht auf die besondere Be¬ 
deutung dieses Central- und Knotenpunktes, theils weil die Conducteure an den 
Uebergangsorten, nachdem sie die Zugführung eben erst übernommen haben, 
in der Regel nicht in der Lage sein werden, über den Gesundheitszustand der 
Reisenden Aufschluss zu geben, wogegen sie während der Fahrt nach München 
recht wohl die erforderlichen Beobachtungen anstellen können. 

Für den Fall der Annäherung der Seuche von Süden her wird eine Ueber¬ 
wachung des Personenverkehrs in Kufstein (hinsichtlich der Brennerbahn) und 
in Lindau (hinsichtlich der Arlbergbahn und der Schweizer Bahnen) in Aussicht 
zu nehmen sein. 

Nachdem eine unmittelbare Gefahr der Verschleppung der Seuche nach 
Deutschland zur Zeit noch nicht besteht, kann zwar von der Verwirklichung 
dieser Ueberwachung vorerst noch Umgang genommen werden und wird die 
Generaldirection der königlichen Staatseisenbahnen im Falle einer bedrohlichen 
Annäherung der Cholera noch weitere Entschliessung erhalten. Inzwischen 
empfiehlt es sich jedoch, diejenigen vorbereitenden Anordnungen zu treffen, 
welche nöthig erscheinen, um veranlassten Falles die erwähnte Ueberwachung 
ohne Verzug eintreten lassen zu können. Die königliche Generaldirection wird 
hiernach angewiesen, in dieser Beziehung vorerst das Erforderliche zu veran¬ 
lassen und insbesondere an die Bahnärzte an den in Betracht kommenden 
Stationen eine entsprechende vorläufige Anweisung ergehen zu lassen. Hierbei 
kann denselben für die von ihnen aufzuwendende ausserordentliche Thätigkeit, 
sofern sich dieselbe über einen längeren Zeitraum zu erstrecken haben würde,* 
wiederum eine besondere Remuneration nach dem hierfür im Jahre 1884 an¬ 
genommenen Maassstabe in Aussicht gestellt werden. Das königliche Staats¬ 
ministerium des Innern hat sich bereits damit einverstanden erklärt, dass die 
hierdurch eventuell erwachsenden Kosten in erster Linie auf die einschlägige 
Etatsposition desselben übernommen werden; sofern auf Cap. II, §. 11, Titel 1 
der Eisenbahnbetriebsrechnung jedoch Erübrigungen erzielt werden sollten, kann 
auch ein entsprechender Zuschuss aus Eisenbahngefallen in Aussicht genommen 
werden. 

Ueber den Vollzug gegenwärtiger Entschliessung ist Anzeige zu erstatten. 

Königl. Bayer. Staatsministerium 
des Königl. Hauses u. des Aeussern. 

München, den 5. October 1886. 

An 

die Generaldirection der königlichen 

Staatseisenbahnen. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


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Schweizerisches Bandesgesetz vom 2. Juli 1886, betr. Mazssnahmen gegen 
gemeingefährliche Epidemieen. 

Die Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, nach Ein¬ 
sicht einer Botschaft und eines bezüglichen Gesetzentwurfes des Bundesrathes 
vom 1. Juni 1886, in Vollziehung von Art. 69 der Bundesverfassung, beschliesst: 

Art. 1. Die „gemeingefährlichen Epidemieen“ (Art 69 der Bundesverfassung), 
gegen welche das Gesetz zur Anwendung kommt, sind: Pocken, asiatische Cho¬ 
lera, Fleckfieber (Kriegs-, Hungertyphus u. s. w.), Pest. 

Art. 2. Beim Herannahen einer gemeingefährlichen Epidemie haben die 
Cantone für die Controle des Trink wassere, der Lebensmittel und der Wohnun¬ 
gen, für Bereithaltung von angemessenen Absonderungslocalen und Transport¬ 
mitteln, sowie für die nothigen Aufnahmslocale für Gesunde zu sorgen. 

Art. 3. Von jedem in Art. 1 genannten Krankheitsfalle hat der Inhaber der 
Wohnung, in welcher sich der Kranke befindet, der Ortsbehörde unverzüglich 
Anzeige zu machen. Ist der Inhaber der Wohnung selber betroffen, so liegt 
die Pflicht jedem volljährigen Hausgenossen ob. Diese Anzeigepflicht liegt über¬ 
dies auch dem behandelnden Arzte ob, welcher neben der Ortsbehörde auch die 
Gesundheitsbehörde zu benachrichtigen hat. 

Die Orts-, bezw. die Gesundheitsbehörde übermittelt die Anzeige nach ärzt¬ 
licher Feststellung des Falles unverweilt der Cantonsregierung. 

Art. 4. Der Kranke ist mit den zu seiner Pflege bestimmten Personen in 
seiner Wohnung möglichst zu isoliren. Die übrigen Bewohner des Hauses, so¬ 
wie solche Personen, die mit dem Kranken in Berührung gekommen sind, kön¬ 
nen, so fern die Umstände dies nöthig erscheinen lassen, zeitweise ärztlicher 
Ueberwachung unterstellt werden. 

Der Kranke kann in seiner Wohnung verbleiben, insofern die Anordnungen, 
betreffend die Isolirung, gehörig durchführbar sind und auch durchgeführt werden. 
Wo die Durchführung dieser Maassregeln ohne Gefahr für die öffentliche Sicher¬ 
heit nicht möglich ist oder nicht befolgt wird, soll von den competenten Behör¬ 
den für die Unterbringung der Kranken in einem passenden Krankenasyl oder 
für Auslogirung der Gesunden in zweckentsprechende Locale gesorgt werden. 

Art. 5. Kranke, sowie Gesunde, welche ohne eigenes Verschulden den im 
vorigen Artikel in Aussicht genommenen Maassnahmen unterworfen werden, 
haben im Bedürfnissfalle Anspruch auf unentgeltliche Verpflegung und ärztliche 
Behandlung, ohne desswegen armengenössig oder rückerstattungspflichtig zu 
werden. Gesunde, welche auslogirt oder intemirt werden, haben ausserdem, 
wenn sie bedürftig sind, für den in Ausführung des Gesetzes in ihrem Erwerbe 
erlittenen Verlust eine den Verhältnissen entsprechende billige Entschädigung 
zu beanspruchen, worüber die zuständigen cantonalen Verwaltungsbehörden 
entscheiden. Eine nach Art. 4, Absatz 1 allfällig angeordnete ärztliche Ueber¬ 
wachung hat auf öffentliche Kosten zu geschehen. 

Art. 6. Bezüglich der Desinfection trifft der Bundesrath je nach den für 
die betreffende Epidemie geltenden Regeln die erforderlichen Anordnungen. 

Art. 7. Derselbe erlässt auch die nothigen Vorschriften bezüglich des 
Kranken- und Leichentransportes, sowie des Verkehrs mit ansteckenden Waaren. 
Er setzt diejenigen Maassregeln fest, welche die öffentlichen Verkehrsanstalten 
zum Schutze gegen die Epidemie zu treffen haben. Er kann in Beziehung auf 
den internationalen Grenzverkehr und dessen sanitarische Ueberwachung be¬ 
sondere Maassregeln anordnen. Absperrungen einzelner Ortschaften und Lan- 
destheile gegen einander sind unzulässig. 

Art. 8. Der Bund ersetzt den Cantonen bei den in Art. 1 genannten Krank¬ 
heiten die Hälfte der Auslagen, die sie und die Gemeinden nachweisbar für die 
Durchführung der in den Art. 5, 6 und 7, Al. 3 vorgeschriebenen Maassregeln, 
einschliesslich der wegen Erwerbsverlustes entrichteten Entschädigungen ge- 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

macht haben. Die in diesem Artikel vorgesehenen Vergütungen stellt der Bun¬ 
desrath nach den Bestimmungen eines von ihm zu erlassenden Reglements fest. 

Die Frage, ob und in welchem Maasse die Kosten, welche den Cantonen 
aus der Vollziehung des gegenwärtigen Gesetzes erwachsen, von den Gemeinden 
getragen werden sollen, bleibt der cantonalen Gesetzgebung Vorbehalten. 

Art. 9. Nichtbeachtung oder Umgehung der in dem Gesetze oder durch 
specielle Anordnungen der zuständigen Behörden vorgeschriebenen Maassregeln 
wird mit einer Busse von 10 bis 500 Franken bestraft. 

In schweren Fällen, insbesondere bei absichtlicher Umgehung sanitätspoli¬ 
zeilicher Anordnungen, kann die Geldbusse bis auf 1000 Franken erhöht werden, 
sofern nicht die cantonalen Strafgesetze zur Anwendung kommen. 1 

Alliällige Entschädigungsansprüche bleiben Vorbehalten. Die Untersuchung 
und Beurtheilung der in diesem Artikel vorgesehenen Vergehen ist Sache der 
cantonalen Amts- und Getichtsstellen. 

Die ausgefällten Geldstrafen fallen den Cantonen zu. Unerhältliche Geld- 
bussen werden nach dem Maassstabe von 5 Franken per Tag in Gefangnissstrafe 
umgewandelt. 

Art. 10. Die Cantone haben für den Vollzug dieses Gesetzes zu sorgen 
und die bezüglichen Erlasse dem Bundesrathe zur Genehmigung einzureichen. 

Der Bundesrath überwacht die Vollziehung des Gesetzes und trifft die hier¬ 
für erforderlichen Maassregeln. 

Art. 11. Der Bundesrath ist beauftragt, auf Grundlage der Bestimmungen 
des Bundesgesetzes vom 17. Brachmonat 1874, betreffend die Volksabstimmung 
über Bundesgesetze und Bundesbeschlüsse, die Bekanntmachung dieses Bundes¬ 
gesetzes zu veranstalten und den Beginn der Wirksamkeit desselben festzusetzen. 

Also beschlossen vom Ständerathe, 

Bern, den 2. Juli 1886. Der Präsident: Alph. Bory. 

Also beschlossen vom Nationalrathe, 

Bern, den 2. Juli 1886. Der Präsident: Morel. 


König!* Preußischer Mlnlsterial-Erlass vom 28* April 1886, T>etr. Aufgaben 
für die Prüfungen in der Hygiene. 

Die mir in Folge des Erlasses vom 25. August 1885 — M. 5293 — ein¬ 
gesandten Aufgabensammlungen für die hygienische Prüfung, welche bei den 
einzelnen Prüfungscommissionen für die ärztliche Prüfung in Gebrauch stehen, 
zeigen unter einander sehr grosse Abweichungen, denen eine besondere Bedeu¬ 
tung desswegen beigelegt werden muss, weil sich daraus eine erhebliche Ver- 
schiedenartigkeit der Auffassung über die Forderungen erkennen lässt, welche 
bei dieser Prüfung an die Candidaten zu stellen sind. 

Um in dieser Beziehung die wünschenswerthe U eberein Stimmung unter den 
einzelnen Prüfungscommissionen, soweit sich das auf diesem Wege erreichen 
lässt, herbeizuführen, ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst, in geeigneter 
Weise darauf hinzuwirken, dass vom nächsten Prüfungsjahre ab die anliegende 
Aufgabensammlung für den hygienischen Abschnitt der ärztlichen Prüfung bei 
der dortigen Prüfungscommissionen zur Annahme gelangt: 

1. Klima — Begriffsbestimmung und Beziehungen desselben zur Hygiene. 
Acclimatisation. 

2. Luft (chemisch-physikalisch beurtheilt, Verderbniss derselben, Mittel zur 
Verhütung und Beseitigung der Luftverderbniss) und Wärme (Quellen 
derselben, abnorme Temperaturen und Temperaturwechsel als Krankheits¬ 
ursachen, Schutz gegen dieselben). 

3. Boden — vom physikalischen und chemischen Standpunkt in seiner Be¬ 
deutung für die Hygiene beurtheilt, Bodenbeschaffenheit und Bodenverun¬ 
reinigung als pathologische Momente. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

4. Wasser — Bezugsquellen desselben, physikalisch-chemische Eigenschaften, 
Verunreinigung, Nachweis letzterer, Mittel zur Reinigung des Wassers. 

5. Nahrungs- und Genussmittel vom Standpunkt des Nahrungsbedürf¬ 
nisses und der Ernährungsweise beurtheilt. 

6. Fleisch — Nährwerth desselben, Aufbewahrung desselben, Fleischver- 
derbniss, Fleisch kranker Thiere, Schlachthäuser. 

7. Milch, Butter und Käse — chemische Eigenschaften derselben, Werth 
als Nahrungsmittel, Aufbewahrungsmethoden, Milchverfalschung, Milch¬ 
untersuchung, Milch kranker Thiere; künstliche Butter, Butterverfalschung, 
Käseverderbniss. 

8. Getreide und Producte aus demselben, giftige Eigenschaften des Korns, 
Mehlverfölschung, Mehlverderbniss. 

9. Wein, Bier und Branntwein — Bereitung und chemische Beschaffen¬ 
heit derselben. Künstliche Behandlung des Weins (Gallisiren und Petioti- 
siren), Weinverfalschung. — Werth des Bieres und Branntweins als Ge¬ 
nussmittel, pathogenetische Einflüsse derselben. 

10. Wohnungshygiene. 

11. Locale und centrale Heizungsarten, Ventilation und Be¬ 
leuchtung. 

12. Krankenhäuser. 

13. Kleidung, Hautpflege, Bäder. 

14. Hygiene der Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen und 
Neugeborenen. 

15. Hygiene der Kinder in den ersten Lebensjahren. 

16. Schulhygiene. 

17. Gewerbehygiene; Arbeitsräume, Arbeitszeit, Frauen- und Kinderarbeit, 
schädliche Einflüsse in Fabriken und Bergwerken, Schutzmaassregeln. 
Schädliche Einflüsse gewisser Metalle (Blei u. a.) auf die mit denselben 
beschäftigten Arbeiter. 

18. Volkskrankheiten, allgemeine Ursachen derselben. Die wichtigsten 
Infectionskrankheiten nach Vorkommen und Verbreitung vom hygienischen 
Standpunkte beurtheilt. 

19. Thierische und pflanzliche Parasiten, über ihr Vorkommen beim 
Menschen und ihre Bedeutung für die Hygiene. 

20. Die acut-exanthematischen Krankheiten vom ätiologischen und 
hygienischen Standpunkte beurtheilt. 

21. Die Malariakrankheiten vom ätiologischen Standpunkte beurtheilt. 

22. Abdominaltyphus, Auischlagstyphus und Rückfallfieber vom ätiolo¬ 
gischen Standpunkte beurtheilt. 

23. Cholera vom ätiologischen Standpunkte beurtheilt. 

24. Wundinfectionskrankheiten (Kindbettfieber) vom ätiologischen Stand¬ 
punkte beurtheilt. 

25. Die venerischen Krankheiten vom hygienischen Standpunkte beur¬ 
theilt. Prostitution. 

26. Schutzmaassregeln gegen die Verbreitung übertragbarer 
Krankheiten im Allgemeinen, Sperren und Quarantänen. 

27. DeBinfection und Desinfectionsmittel zur Verhütung oder Be¬ 
schränkung übertragbarer Krankheiten. 

28. Präventive Impfung zur Verhütung der Verbreitung übertragbarer 
Krankheiten. 

29. Die übertragbaren Thierkrankheiten: Lyssa, Rotz, Milzbrand, Perl¬ 
sucht — hygienisch beurtheilt. 

30. Leichenwesen, Leichenschau, Leichenhallen, Leichen trän sport, Leichen¬ 
bestattung, Kirchhöfe. 


Vierte^*hrsschrift für Gesundheitspflege, 1887. 


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Kleinere Mittheilungen. 


Kleinere Mittheilnngen. 


Stabsarzt Hill er in Breslau hat seine Beobachtungen und Versuche zor 
Kenntnis der W&rmedkonomie des Infanteristen anf dem Marsche nnd znr 
Behandlung des Hitxschlags, über welche wir früher berichtet haben, fort¬ 
gesetzt und erweitert, und veröffentlicht dieselben in der Deutschen militärärzt- 
lichen Zeitschrift, Heft 7, 8 und 9 dieses Jahrgangs (1886), S. 315 bis 351, 370 
bis 386, 416 bis 434. 

In Bezug auf das Verhalten der Eigenwärme des Infanteristen auf dem 
Marsche berechnet Hill er, dass, während die Wärmeeinnahme des ruhenden 
Menschen für die Dauer einer Stunde (nach Hirn) durchschnittlich 155Calorien 
“beträgt, dieselbe sich während eines einstündigen Marsches im Sommer zur 
Mittagszeit in feldmarschmässiger Ausrüstung auf rund 385 Calorien, das 2 Y 2 fache 
der in der Ruhe gebildeten Wärme, steigert. Ohne gleichzeitig gesteigerte 
Wärmeabgabe würde dadurch die Körpertemperatur um 28° C., d. h. bis auf 
40-3°C. sich erhöhen. Durch den Wärmeregulirungsapparat der Haut, welche 
4 /g der abzugebenden Wärmemengen ausscheidet, erfolgt aber gesteigerte Wärme¬ 
abgabe in der Weise, dass bei nacktem Körper die geringste Luftbewegung, 
ebenso die Marschbewegung, auch unter den ungünstigsten Umständen, bei 
30° C. und mit Wasserdampf gesättigter Luft, zur Ausgleichung genügen würde. 
Der Grund dafür, dass dies häufig nicht geschieht, liegt in der Kleidung, und 
zwar der Art der Kleidung des Infanteristen. 

Zur genaueren Feststellung des Einflusses der Kleidung nahm Hill er im 
Manöver und in der Garnison, vor und nach Marschübungen von bestimmter 
Dauer und bei verschiedenartigem Wetter, Messungen der Temperatur im After 
vor. Die Beobachtungen im Manöver, bei feldmarschmässiger Ausrüstung, er¬ 
gaben, dass selbst bei niedrigerer Lufttemperatur (10° biB 15° R.), aber schwach 
bewegter und stark mit Feuchtigkeit gesättigter Luft, durch eine ein- bis zwei¬ 
stündige Marschleistung die Körpertemperatur bis auf 39*5°C. im Mittel ansteigt. 
Bei 22° Lufttemperatur und strahlender Mittagssonne erreichte die Körper¬ 
temperatur selbst bei frischem Wind und geringer Luftfeuchtigkeit eine Höhe 
bis 40*2° C. nach Inständigem Marsch. 

Die Beobachtungen in der Garnison fanden bei Mannschaften mit ver¬ 
schiedener Ausrüstung und Bekleidung statt, die Erleichterung in der Bekleidung 
bestand im Tragen von Litefke (blusenartiger ungefütterter Waffenrock) mit 
Drillichhose und leinenem Hemd, oder Drillichrock, Drillichhose mit wollenem 
Hemd. 

Diese mannigfach modificirten und sehr genau beobachteten Versuche er¬ 
gaben, zusammen mit den Manöverbeobachtungen, nachstehende Schlussfolge¬ 
rungen: 

Zunächst bestätigte sich der sehr wesentliche Einfluss des W r indes auf die 
Abkühlung des durch die Marschleistung erhitzten Körpers des Infanteristen, 
zumal bei schwitzender Oberfläche. Bei einem W r ind von 7 bis lim Geschwin¬ 
digkeit kann es trotz hoher Lufttemperatur (24° bis 25° R.) und unausgesetzter 
Bestrahlung durch die Mittagssonne nicht wohl zum Auftreten von Hitzschlag 
kommen, so lange der Organismus nicht an Wasser verarmt, und nicht die 
Fähigkeit verliert, Schweiss zu secerniren. Dagegen wurden bei schwachen 
Winden (1 bis 4 m), auch bei relativ niedriger Lufttemperatur (20° R.), nach 


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Kleinere Mittheilungen. 179 

l%8tündigem Marsch, bei höherer Temperatur nach kürzerer Zeit, regelmässig 
Körpertemperaturen von über 39° C. (39*1° bis 40*7° C.) erreicht. 

Auch die directe Bestrahlung durch die Sonne erscheint nur bei Windstille 
oder schwachem Winde von wesentlichem Einfluss. 

Der Einfluss der Luftfeuchtigkeit macht sich erst bei einem Sättigungsgrad 
von über 50 Proc. geltend, und auch da nur bei schwachem Winde. 

Dagegen ergiebt die Beobachtung der Marschdauer, resp. Weglänge, wichtige 
Resultate. Es zeigte sich die auffallende Erscheinung, dass unter fast genau 
gleichen meteorologischen Bedingungen die Körpertemperatur nach einem 
iy a ständigen Marsch noch nicht um einen Zehntel Grad höher gefunden wird, 
als nach einem s / 4 ständigen Marsch, mit anderen Worten, dass die nach Zurück¬ 
legung von 4 km erreichte Körpertemperatur bei Zurücklegung von weiteren 
4 km, bei gleicher Belastung und Kleidung, unverändert dieselbe bleibt. Es 
scheint hieraus hervorzugehen, dass, nachdem sich die Wärraeeinnahme gleich 
von Anfang an wesentlich erhöht, die vermehrte Wärmeabgabe erst langsam 
und allmälig die entsprechende Höhe erreicht, d. h. dass ein gewisser Zeitraum 
erforderlich ist, bis sich die Wärmeregulirung des Körpers auf einen höheren 
Grad eingestellt hat. Ist dieser Punkt erreicht, sind Wärmeeiunahmen und 
Ausgaben gleich geworden, so bleibt die erreichte höhere Körpertemperatur 
vorerst constant. Wie hoch aber diese Temperatur steigt, hängt von dem Zeit¬ 
raum zwischen Beginn des Marsches und dem Eintritt vollkommener NVärine- 
bilance ab. Wird letztere, bei kühlerem Wetter und stärkerem Wind, schneller 
erreicht, so ist die Körperwärme nur wenig gestiegen, während es, wenn die 
Bedingungen für die Steigerung der Wärmeabgabe der Haut ungünstig sind, 
also bei warmer Lufttemperatur, Windstille und hohem Feuchtigkeitsgrade, er¬ 
heblich länger dauert, bis Wörmebilance erreicht ist; die Körpertemperatur ist 
daher mittlerweile beträchtlich höher gestiegen. 

So lange nun die Bedingungen für die Wärmeabgabe auf dem Marsche die¬ 
selben bleiben, erhält sich die Körpertemperatur auf der erreichten gleichen 
Höhe. Aendern sich dieselben aber, durch die Intensität der Bestrahlung durch 
die Sonne, oder durch Verringerung der Schweisssecretion in Folge Verarmung 
des Organismus an Wasser, so tritt eine neue Phase der Störung der Wärme- 
bilance ein, uud damit beginnt erst die eigentliche Gefahr für den Organismus, 
weil auf eine erneute Ausgleichung bei Fortdauer dieser Momente nicht mehr 
zu rechnen ist. Die Körpertemperatur steigt dann coutinuirlich in die Höhe. 
Wird nicht der Marsch rechtzeitig beendet oder unterbrochen, so ist der In¬ 
fanterist unrettbar verloren und dem Hitzschlage verfallen. Bei Unterbrechung 
des Marsches, so lange die Temperatur 42° noch nicht überschritten hat, und 
dadurch erzieltem Auf hören der gesteigerten Wärmeproduction des Körpers, 
kann noch vollkommene Erholung eintreten. 

Von Einfluss sind ferner individuelle Verschiedenheiten, sowie die An¬ 
passung und Gewöhnung an höhere Leistungen des Wärmeregulirungsmechauis- 
mus bei länger dienenden Mannschaften. 

Der Einfluss der leichteren Bekleidung machte sich dahin geltend, dass bei 
den leichter bekleideten Soldaten die Temperatursteigerung durchschnittlich um 
die Hälfte geringer war, als bei den feldmarschmässig gekleideten. 

Die Wirkungen der erhöhten Temperatur betreffen, neben durch Gewichts¬ 
abnahme nachzuweisenden Störungen der Ernährung, hauptsächlich das Central¬ 
nervensystem des Infanteristen, wobei sich drei Grade unterscheiden lassen. 

\\ährend sich beim ersten Grade (Körpertemperatur zwischen 38 und 39° C.) 
bei noch vollkommen klarem Bewusstsein Verstimmung, Wortkargheit, Ab- 
geschlagenheit zeigt, ist beim zweiten Grade (39*0 bis 40'5° C.) schon eine gewisse 
Benommenheit mit mühsam schleppendem Gang, Theilnamlosigkeit, dunkel 
geröthetem Gesicht, starker Schweisssecretion, beschleunigter oft hörbarer 
Athmung zu bemerken, eiu Zustand, welcher bei Vielen mit völliger Erschöpfung 
und „Schlappwerden“ endigt, wodurch sie dem drohenden Hitzschlage entgehen. 

12 * 


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180 Kleinere Mittheilungen. 

Letzterer tritt als dritter Grad ein, wenn die Körpertemperatur 41°C. erreicht 
hat, und noch weiter in die Höhe steigt. Das Bewusstsein schwindet nach und 
nach, es tritt Schwindel, Schwanken, Auf hören der Sinneswahrnehmungen 
bei frequenter oberflächlicher Athmung, kleinem fliegendem Puls, trockener 
cyanotischer Haut, endlich bewusstloses Zusammenstürzen, oft mit Convulsionen 
und Delirien, ein. 

Dieses Stadium ist bekanntlich immer in hohem Grade lebensgefährlich. 
Zur Rettung muss die Gefahr bei Zeiten erkannt, der Mann alsbald aus Reih 
und Glied gebracht, und möglichst schnell auf eine niedrigere Körpertemperatur 
abgekühlt werden. Zu diesem Zwecke empfiehlt Hi 11er sein früher beschrie¬ 
benes Abkühlungsverfahren (Entkleidung, Besprengung mit Wasser und Zu¬ 
führung bewegter Luft). 

Hiller hat die einschlägigen Versuche erneuert und erweitert, namentlich 
auch mit der Wirkungsweise abkühlender Wannenbäder verglichen. Es zeigte 
sich, dass die Abkühlung durch Wasserverdunstung in bewegter Luft von 
-j-16°R. und 4 m Geschwindigkeit ungefähr der Wirkung eines wenig bewegten 
Wannenbades von +24°R. gleichzusetzen ist. 

Bei praktischen Versuchen mit seiner Abkühlungsmethode bei Typhus¬ 
kranken erzielte er einen Wärmeabfall von circa 3° in der Achselhöhle, 0*5° im 
After unmittelbar nach Anwendung der Methode, während eine halbe Stunde 
später die Achselhöhlentemperatur zwar wieder stieg, die Aftertemperatur aber 
um 1° bis 2° weiter gesunken war. „Soviel leuchtet jedenfalls aus allen hierüber 
angestellten Versuchen ein, dass die Abkühlung des hitzschlagkranken Soldaten 
auf dem Marsche durch die Anwendung jenes Verfahrens, das keinerlei be¬ 
sondere Vorbereitungen erfordert und überall ausführbar ist, ganz beträchtlich 
beschleunigt werden kann. Nicht zu unterschätzen ist dabei die gleichzeitige 
intensiv reizende Einwirkung des Verfahrens auf die sensibeln Nerven der Haut 
und damit auf das ganze Centralnervensystem, welche die Anwendung aller 
anderen bisher gebräuchlichen medicamentösen Mittel entbehrlich macht“ 

In einem Schlussabscbnitt plaidirt Hiller für Umänderungen in der Klei¬ 
dung des Infanteristen auf Märschen im Sommer, und schlägt bei wollenem 
Hemd und wollenen Strümpfen einen waschbaren Waffenrock aus blauem 
Drillich mit aufgenähten Abzeichen vor; dabei würde sich der häufigere Ge¬ 
brauch des Mantels, welcher wasserdicht zu imprägniren wäre, als noth- 
wendig erweisen. 

Dr. Zimmern (Frankfurt a. M.). 


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Neu erschienene Schriften. 


181 


Neu erschienene Schriften über öffentliche 
Gesundheitspflege. 

(37. Verzeichniss.) 


1. Allgemeines. 

Au8tralian Health Sooiety. Health Lectures for the people. First series. 
Melbourne, Robertson, 1886. 12. 141 p. 

Bericht über die Allgemeine Deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene 
und des Rettungswesens unter dem Protectorate Ihrer Majestät der Kaiserin 
und Königin. Berlin, 1882/83. Herausgegeben von Dr. Paul Börner und 
nach dessen Tode vollendet von H. Alb recht. III. (Schluss-)Band. Breslau, 
Schottländer, 1886. gr. 8. XXVI—695 S. mit 80 Text - Illustrationen, 
compl. 36 M. 

Brömond, Felix, Dr., L’exposition d’hygiene urbaine ä Paris. Bruxelles, 
A. Manceaux, 1886. 8. 32 p. avec gravures dans le texte et 1 planche. 

Custor, Gustav, Dr., Oeffentliche und private Gesundheitspflege in populären 
Vorträgen und Aufsätzen. Zürich und Stuttgart, Schröter & Meyer, 1887. 
gr. 8. 318 S. 4 M. 

Edinburgh Health Sooiety. Health Lectures for the people. Sixth series. 
Edinburgh, Macniven & Wallace, 1886. 12. 152 p. 

Tan Ermengem, E., Dr., Le laboratoire d'hygiene et de bacteriologie de l’Uni- 
versite de Gand. Bruxelles, A. Manceaux, 1886. 8. 15 p. 

Festschrift zur XIII. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege, enthaltend Abhandlungen über die Canalisation und Riesel¬ 
felder, die Wasserversorgung und das chemische Untersuchungsamt der 
Stadt Breslau. Herausgegeben vom Magistrat der Stadt Breslau. Breslau, 
Druck von Grap, Barth <ft Co., 1886. gr. 8. 148 S. mit 4 Tafeln. 

Fox, Cornelius B., Sanitary examinations of water, air and food; a Vade-Mecum 
for the Medical Offlcer of health. Second edition. London, Churchill, 1886. 
8. With 110 illustrations. 

Führer durch das medicinische Berlin. Berlin, Fischer, 1886. 8. X — 208 S. 
mit 7 Grundrissen und 1 Plan. 2 M. 

Guttstadt, Albert, Dr., Prof., Die naturwissenschaftlichen und medicinischen 
Staatsanstalten Berlins. Festschrift für die 59. Versammlung deutscher 
Naturforscher und Aerzte. Im Aufträge Sr. Exc. des Ministers der geist¬ 
lichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten, Herrn Dr. v. Gossler, 
bearbeitet. Berlin, Hirschwald, 1886. VII — 670 und XXV S. 14 M. 

Hewett, C. N., Minnesota State Board of Health. Public Health, a monthly 
joumal of state, municipal, family, and personal hygieoe, and of veterinary 
sanitary Science. Voi. I. Red Wing, 1886. 8. 100 p. 

Kaiserliche Gesundheitsamt, Das —. Rückblick auf den Ursprung sowie auf 
die Entwickelung und Thätigkeit des Amtes in den ersten zehn Jahren 
Beines Bestehens. Zusammengestellt im Kaiserlichen Gesundheitsamte. Berlin, 
Springer, 1886. gr. 8. 99 S. 3 M. 

Lemoigne, A., L’igiene dei contadini considerati nei loro rapporti col bcstiame. 
Milano, Dumolard, 1886. 12. 271 p. 


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182 Neu erschienene Schriften. 

Manual of hygiene for schools and Colleges. Prepared by the Provincial Board 
of Health. Toronto, Briggs, 1886. 8. 293 p. 

Nivet, V., Memoire critique sur la legislation relative aux conseils d’bygiene 
et de salubrite et aux etablissements insalubres. Clermont-Ferrand, imp. 
Mont-Louis, 1886. 8. 32 p. 

Pöcaut, E., Petit cours d’hygiene en dix le^ons. 2. edition. Paris, Hachette, 
1886. 12. IV —92 p. 0*75 Frcs. 

Reeves, James E., The value of sanitation in its national aspect, as compared 
with other public interests. Concord, N. H., 1886. 8. 26 p. 

Smart, Charles, ön some points of intereßt connected with the Wank ly method 
of ßanitary analysis particularly on the detection of recent sewage, and the 
determination of the nature of the organic matter. Red Wing, Minn., 1886, 

8. 8 p. 

UfFelmann, J., Prof. Dr., Dritter Jahresbericht über die Fortschritte und Lei¬ 
stungen auf dem Gebiete der Hygiene. Supplement der Deutschen Viertel- 
jahrsßchrift für öffentliche Gesundheitspflege. Braunschweig, Vieweg, 1886. 
gr. 8. VIII —296 S. 5 50 M. 

Virchow, Rudolph, Dr., Geh. Med.-Rath und Prof. Dr. Albert Guttstadt, Die 
Anstalten der Stadt Berlin für die öffentliche Gesundheitspflege und für den 
naturwissenschaftlichen Unterricht. Berlin, Stuhr, 1886. gr. 8. 400 S. mit 
Holzschnitten, 3 graphischen Tabellen, i geognostischcn Karte, 1 Karte der 
Rieselfelder und 1 Plan der Stadt Berlin. 10 M. 

Wernich, A., Dr., Reg.- und Medicinalrath, Zusammenstellung der gültigen 
Medicinalgesctze Preussens. Mit besonderer Rücksicht auf die Reichsgesetz¬ 
gebung bearbeitet. Berlin, Hirschwald, 1887. 8. XL1X — 530 S. 3 M. 

Wiemer, Dr., Handbuch der Medicinalgesetzgebung des Deutschen Reiches und 
seiner Einzelstaaten. Mit Commentar. Für Medicinalbeamte, Aerzte und 
Apotheker. II. Band, 2. Theil. Die Medicinalgesetzgebung der Königreiche 
Bayern und Sachsen. Stuttgart, Enke, 1886. gr. 8. VIII — 580 S. 12 M. 

Wight, O., W., Maxims of public Health. New York, Appleton, 1886. 16. 

176 p. 75 Cents. 

2. Statistik und Jahresberichte. 

Apella, J., Dr., Zur medicinischen Statistik. Berlin, Hermann, 1886. gr. 8. 
36 S. 0*60 M. 

Arnould, J., Dr., Rapport sur les travaux du conseil central de salubrite et du 
conseil d’arrondissement du departement du Nord pendant Fannee 1885. 
Lille, imp. Danel, 1886. 8. LII — 419 p. 

Belval, Th., Compte rendu des travaux du comite de salubrite publique de 
Saint-Josse-ten-Noode pendant Fannee 1885. Saint-Josse-ten-Noode, imp. 
Batat, 1886. gr. 8. 21 p. 

Daimer, J., Dr., Sanitätsbericht über Tirol und Vorarlberg, für die Jahre 1883 
und 1884, mit Rückblicken auf die früheren Jahre. Innsbruck, Druck von 
Wagner, 1886. gr. 4. IV—263 S. 

Daviea, David, Report of the Medical Officer of Health on the sanitary con¬ 
dition of the City and County *of Bristol and for the Port of Bristol with a 
tabular return of mortality for the year 1885. Bristol, Boister print., 1886. 
8. 33 p. 

Erben, Joseph, Director, Statistisches Handbuch der königlichen Hauptstadt 
Prag für die Jahre 1883/84. Hcrausgegeben von der statistischen Com¬ 
mission der königlichen Hauptstadt Prag. Neue Folge, 3. Jahrgang, l.bisS. 
Heft. Prag, Rionaö, 1886. gr. 8. 291 S. Das Heft 2 M. 

Gautrelet, Dr., Compte rendu des travaux des conseils d’hygiene publique 
et de salubrite du departement de Cotc-d’Or accomplis pendant Fannee 1885. 
Dijon, imp. Darantiere, 1886. 8. 207 p. 


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Neu erschienene Schriften. 


183 


Jablonski, Jean, Dr., Recueil des travaux du Conseil central d’hygiene et de 
salubrite du departement de la Vienne (Proces - verbaux et rapportB de 
l’annee 1885), et Rapport general sur sa Constitution raedicale et sur les 
epideraies de l’arrondissement de Poitiers pendant l’annee 1885. Paris, imp. 
Marcireau, 1886. 8. 180 p. 

Jahresbericht über die Verwaltung des Medicinalwesens, die Krankenanstalten 
und die öffentlichen Gesundheitsverhältnisse der Stadt Frankfurt a. M. 
Herausgegeben vom Aerztlichen Verein. XXIX. Jahrgang. Frankfurt a. M., 
Sauerländer, 1886. gr. 8. 272 S. 3*60 M. 

Jahresbericht, Medicinisch-statistischer — über die Stadt Stuttgart vom 
Jahre 1885. Dreizehnter Jahrgang. Herausgegeben vom Stuttgarter ärzt¬ 
lichen Verein, redigirt von Dr. Adolf Reuse. Stuttgart, Metzler, 1886. 
8. 96 S. 

Janssens, Ernest, Dr., Annuaire demographique et tableaux statistiques des 
causes de deces. Bruxelles, Baerlsoen, 1886. 8. 37 p. 1 chart. 2 pl. 

Mauricet, Alph., Dr., Compte rendu des epidemies et des travaux des couseils 
d’hygiene du Morbihan en 1885. Vannes, imp. Galles, 1886. 4. 68 p. avec 
tableaux. 

Rampal, Louis, Dr., et Dr. J. S. Roux, Compte rendu des travaux des Con¬ 
seils d’hygiene et de salubrite du departement des Bouches-du -Rhone. 
Tome XV. Marseille, imp. Cayer, 1886. 8. 410 p. avec tableaux. 

Rauchberg, Heinrich, Dr., Die Erkrankungs- und Sterblichkeitsverhältnisse bei* 
der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Invalidencasse in Wien. Wien, 
Holder, 1886. gr. 8. 37 S. 1*40 M. 

Recueil des travaux du comite consultatif d’hygieue publique de France et des 
actes officiels de Padministration sanitaire. Tome XV, annee 1885. Paris, 
J. B. Bailliere & fils, 1886. 8. XIV — 587 p. 

Reiter, J. Gg., Morbiditätsstatistik von Niederbayern für 1884. München, königl. 
bayer. stat. Bureau, 1886. gr. 8. 21 S. mit 8 Karten und 12 Diagrammen. 

Report, Annual — of the health of Liverpool, by the medical officer of 
health for the year 1885. Liverpool, Russell, Son & Bayley, 1886. 8. 75 p. 

1 map. 1 tab. 

Report, Annual — of the Charleston health department, 1885. Charleston, 
News & Courrier office, 1886. 8. 41 p. 1 tab. 

Report of the department of health of the city of Chicago, for the year 1885. 
Chicago, 1886. 8. 

Report, Annual — of the health department of the city of Cincinnati for the 
year 1885. Cincinnati, Wilstach, Baldwin & Co., 1886. 8. 129 p. 

Report, Annual — of the Connecticut State Board of Health for 1884/5. Hart¬ 
ford, Tuttle, Morehouse & Taylor, 1886. 8. 172 p. 

Report, Biennial — of the Louisiana Board of Health, for the years 1884 and 
1885. Baton Rouge, Sastremski, 1886. 8. 157 p. 

Report, Seventh Annual — of the State Board of Health, Lunacy and Charity 
of Massachusetts. Boston, Wright <fc Potter, 1886. gr. 8. XXVIII and 
357 p. 

Report, Annual — of the Richmond board of health, 1885. Richmond, Va., 
Walthall & Bowles, 1886. 8. 75 p. 

Report, Annual — of the health commissioner of St. Louis, for the year 
1885 — 1886. St. Louis, 1886. 8. 

Resultati delP inchiesta sulle condizioni igieniche et sanitarie nei communi 
del regno. 2 parte. Roma, tip. neil’ ospizio di S. Michele, 1886. gr. 8. 
179 & 503 p. 

Bchleisner, P. A., Dr., Aarsberetning angaaende Sundhedstilstanden i Kjöben- 
havn for 1885. Kjöbenhavn, 1886. 8. 

Sehleisner, P. A., Ugentlige Oversigter over Sygdomme, Dödsfald og Födster 
i Kjöbenhavn, 1885. Kjöbenhavn, Schiellerups, 1886. 8. 104 p. 


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184 Neu erschienene Schriften. 

Snow, Edwin M., Dr., Thirty-first animal report upon the births, marriages, 
and deaths in the city of Providence for the year 1886. Providence, 1886. 

8. 102 p. 

Statistik, Oesterreich ische —. Heraus ge geben von der k. k. statistischen Central¬ 
commission. XII. Bd., 2. Heft, enth.: Bewegung der Bevölkerung der im 
Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder im Jahre 1884. Wien, 
Gerold, 1886. 4. XXI —137 8. 4*80 M. 

Statitik, Oesterreichische —. Herausgegeben von der k. k. statistischen Central¬ 
commission. XII. Bd. } 4. Heft, enth.: Statistik des Sanitätswesens der im 
Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder für das Jahr 1884. Wien, 
Gerold, 1886. 4. XLVIII — 231 S. 9*40 M. 

Statistisch overzicht der bij het Nederlandsche leger in het jaar 1885 be- 
handelde ziehen, ’s Gravenhage, van Doorn & Zoon, 1886. 8. 140 p. 

2 diag. 

Travaux du conseil d’hygiene publique et de salubrite du departement de la 
Gironde pendant l’annee 1885. Tome XXVII. Bordeaux, imp. Lauefranque, 
1886. 8. XXIX —475 p. 

Travaux du conseil central d’hygiene publique et de salubrite du departement 
de la Seine-Inferieure pendant Pannee 1885. Rouen, imp. Cagniard, 
1886. 8. 379 p. 

Travaux des conseils d’hygiene publique et de salubrite du departement des 
Vosges en 1885. Epinal, imp. Busy, 1886. 8. 199 p. avec tableaux. 

Verslag aan den Koning van de bevindingen en handelingen van bet genees- 
kundig Staatstoezieht in het jaar 1885. ’s Gravenhagen, van Weelden & Min- 
gelen, 1886. 4. 

3. Wasserversorgung, Entwässerung und Abfuhr. 

Celli, Angelo, Dr., Relazione della analisi bacteriologica delle acque del sotto- 
suolo di Roma. Eseguita per incarico del municipio. Roma, tip. d. r. accad. 
dei licei, 1886. gr. 8. 27 p. con 3 tavole. 

Döfosse, Ingenieur, Purification et eraploi economique des eaux d’egout, Systeme 
Defosse. Paris, Dupont, 1886. 8. 40 p. 

Dobel, E., Regierungs-Baumeister, Canalisation. Anlage und Bau städtischer 
Abzugscanäle und Hausentwässerungen. Ein Handbuch für Ingenieure und 
Architekten, Werkmeister und Bautechniker, Aerzte und Gemeindevertre¬ 
ter etc., sowie zum Gebrauche an technischen Schulen. Stuttgart, Kohl¬ 
hammer, 1886. gr. 8. VII—149 S. mit 15 Tafeln Pläne und Detailzeich¬ 
nungen. 4. 80 M. 

Gaillet, Paul, Ing., Epuration des eaux de vindange des fabriques avec utili- 
sation des residus. Lille, imp. Danel, 1886. 8. 111 p. avec tableaux et 
figure. 

Gnindwa8serbeobachtungen auf dem Rieselfelde Osdorf von 1882 bis 1886, nebst 
graphischer Darstellung des Grundwasserspiegels sowie der täglich dorthin 
geförderten Wassermengen und der atmosphärischen Niederschläge. Berlin, 
Druck von Gisevius, 1886. 5 S. mit 2 Tafeln. 

Guccia, G. B., Sulla conduttura delle acque potabili. Due iettere. Palermo, 
Cristnia, 1886. 8. 

Humblot, Ingenieur, Les Egouts de Paris ä la fin de 1885. Paris, Cheux, 1886. 
4. 113 p. avec figures et plans. 

Lauri&no, Nicolo, Progetto per togliere le cattive esalazioni provenienti dalla 
cala ed acquedotti nelia citta di Palermo. Palermo, 1886. 16. 14 p. 

Lepidi-Chioti, Guilio, Sülle acque potabili di Palermo. Richerche batteriosco- 
piche. Palermo, Lao, 1885. 8. 32 p. 

Lepeius, B., Dr., Ueber das Wasser in seiner Bedeutung für die Versorgung 
der Städte mit Trink- und Nutzwasser j unter Berücksichtigung der neuen 


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Neu erschienene Schriften. 185 

Grundwasserleitung in Frankfurt a. M. Vortrag. Frankfurt a. M., Druck 
von Naumann, 1886. gr. 8. 21 S. 

Menzel, Paul Otto Joseph, Dr., Die Unschädlichmachung der städtischen Cloaken- 
aus würfe durch den Erdboden. Versuche, die in den Jahren 1881/83 an der 
land- und forstwirthschaftlichen Akademie Petrowsky bei Moskau von 
Anatol Fadejeff ausgefuhrt wurden. Aus dem Russischen übersetzt und 
mit einigen Bemerkungen sowie Zeichnungen versehen. Leipzig, Scholtze, 
1886. 8. 144 S. mit in den Text eingedruckten Abbildungen. 4*50 M. 

Kencki, L., et P. Rakowski, Alteration de l’air par les gaz des fosses d’ai- 
sance. Le Mans, imp. Drouin, 1886. 8. 6 p. 

Prion, Henri, Les Eaux potables de Compiegne; etude* d’hygicne publique 
Compiegne, imp. Mennecier, 1886. 8. 50 p. et planche. 

Rsehak, A., Prof., Ergebnisse der mikroskopischen Untersuchung des Trink¬ 
wassers der Stadt Brünn. Brünn, Knauthe, 1886. gr. 8. 28 S. mit 1 Tafel. 
O 60 M. 

v. Sellien, Dr., Ueber die Grundwasserverhältnisse der Stadt Hannover und 
ihre Beziehungen zu den Infectionskrankheiten. Eine hygienische Studie. 
Hannover, Schmorl & v. Seefeld, 1886. gr. 8. 60 S. mit 3 Tafeln. 1 50 M. 

Trinlrwasser der Stadt Kiel, Das — auf Grundlage von Analysen aller 
Brunnenwasser Kiels ausgeführt im Herbst 1883 im Aufträge der städtischen 
Gesundheitscommission durch das agriculturchemische Laboratorium der 
laudwirthschaftlichen Versuchsstation zu Kiel. Kiel, Lipsius & Tischer, 
1886. 4. 34 S. 2 M. 

4. Bau-, Strassen- und Wohnungshygiene. 

Bufalini, P., Dei regolamenti edilizi con speciale riguardo all’ allineamento se- 
condo la dottrina, la legislazione e la giurisprudenza italiana, francese e 
beige, col testo della legislazione relativa e dei regolomenti edizili delle 
principali citte italiane. Roma, tip. Unione. 1886. 8. 676 p. 

Celovia, Giovanni, La polvere delP atmosfera. Milano, Sonzogno, 1886. 12. 
31 p. 

Delaire, A., Les Logements d’ouvriers et le devoir des classes dirigeantes. 
Lyon, Vitte & Perrussel. 1886. 8. 35 p. 

Diestelkamp, L., Prediger, Die Wohnungsverhältnisse unserer ärmeren Classen. 
Berlin, George & Fiedler, 1886. gr. 8. VII — 59 S. 1 M. 

Perrini, Rinaldo, Scaldaraento e ventilazione degli ambienti abitati. Milano, 
Hoepli, 1886. 16. 33 p. 

Hasse, Ernst, Dr., Die Wohnungsverhältnisse der ärmeren Volksclassen in 
Leipzig. Leipzig, Duncker & Humblot. gr. 8. 100 S. 2 M. 

Jourdan, G., Legislation sur les logements insalubres. 3. edition. Paris, Berger- 
Levrault, 1886. 8. VI — 525 p. 6 Frcs. 

Plunkett, H. M., Women, plumbers and doctors; or household sanitation. New 
York, Appleton. 12. 248 p. illustr. 1*25 Doll. 

Posadsky, S., Praktische Modification der Pettenkofer-Nagorsky 1 sehen 
Methode zur Bestimmung des Kohlensäuregehaltes der Luft. St. Petersburg, 
Lebedoff, 1886. 8. 41 S. 150 M. 

Henk, Friedrich, Dr., Die Luft. Erster Theil, 2. Abth., 2. Heft von: Handbuch 
der Hygiene und Gewerbekrankheiten, herausgegeben von Pettenkofer 
und Ziemssen. Leipzig, Vogel, 1886. gr. 8. 242 S. 6 M. 

Report, First — from the select committee on the Ventilation of the House, 
April 13, 1886. London, Harrison, 1886. fol. 3 p. 

Schaffer, Ludwig, Dr., Die Theerimprägnirung im Massenquartiere. Wien, 
Braumüller, 1886. gr. 8. 32 S. 0*80 M. 

Tracy, R. S., Hand-book of sanitary information for householders. New York, 

• Appleton, 1886. 16. 50 Cents. 


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1S6 Neu erschienene Schriften. 

Vaughan, V. C., Healthy homes and foods for the working classes. Concord, 

1886. 8. 62 p. 

Wo hnun ggnoth der firmeren Classen, Die — in deutschen Grossstädten und 
Vorschläge zu deren Abhülfe. Gutachten und Berichte herausgegeben im 
Aufträge des Vereins für Socialpolitik. II. Band. Leipzig, Duncker & Hum- 
blot, 1886. gr. 8. VIII —380 S. mit 8 Steintafeln. 9*60 M. 

5. Schulhygiene. 

Bach, J., et A. Boutrois, L’hygiene ä l’ecole ä l’usage des ecoles normales, des 
instituteurs, des delegues cantonaux, des maires et des autoritös scolaires etc. 
Paris, Picard-Bernheim, 1886. 12. 72 p. 1 Frc. 

Bericht und Rechnung über die Ferienkolonien erholungsbedürftiger Schul¬ 
kinder aus Zürich 1885. Zürich, Zürcher & Furrer, 1886. 8. 27 S. 

Code of rules for the prevention of infectious and contagious diseases io 
Schools. 2. edition. London, Churchill, 1886. 8. 31 p. 1 sh. 

Cohn, Hermann, Dr. Prof., Ueber die Nothwendigkeit der Einführung von Schul¬ 
ärzten. Leipzig, Veit, 1886. gr. 8. 54 S. 120 M. 

Cohn, Hermann, Dr. Prof., Tafel zur Prüfung der Sehschärfe der Schulkinder, 
Soldaten und Bahnbeamten. Nach Snellen’s Princip entworfen. Breslau, 
Priebatsch, 1886. 4. 0,40 M. 

Cohn, Herman, Dr., The hygiene of the eye in chools. An english translation, 
edited by W. P. Turnbull. London, Sirapkin & Marshall, 1886. 8. 

Hering, Dr. Prof., Die Ueberbürdungsfrage und eine einheitliche höhere Schule. 
Ein populärer Vortrag. Leipzig, Reissner, 1886. gr. 8. 86 S. 1 M. 

Klette, R., Baumeister, Der Bau und die Einrichtung der Schulgebäude. Karls¬ 
ruhe, Bielefeld, 1886. gr. 8. III —123 S. mit 52 Abbildungen. 2*90 M. 

Lincoln, D. F., The sanitary condition» and necessities of school-houses and 
school-life. Concord, 1886. 8. 36 p. 

Löwenthal, W., Dr. Prof., Grundzüge einer Hygiene des Unterrichts. Wies¬ 
baden, Bergmann, 1887. gr. 8. VIII —162 S. 2 40 M. 

Nauss, Rudolf, Dr., Ansteckende Krankheiten in der Schule. Aerztliche Winke 
zum Erkennen derselben. Für Lehrer und Väter. In 15 Vorlesungen. Wien, 
Pichler, 1886. 12. IV —207 S. 160 M. 

Sanitation in our public Bchools. A Code of rules for the prevention of 
infectious and contagious diseases in schools; being a series of resolutions 
passed by the Medical officers of schools. Second edition. London, Chur¬ 
chill, 1886. 8. 1 sh. 

6. Hospitäler und Krankenpflege. 

DafFner, Franz, Dr., Stabsarzt, Ueber die erste Hilfeleistung bei mechanischen * 
Verletzungen und über den Hitzschlag. Wien, Braumüller, 1886. 8. 

III —47 S. IM. 

Du Mesniel, 0., E. Cheysson, et Dr. A. Fovüle, L’hospice rural, sa necessite, 
sa depense, ses voies et moyens. Paris, J. B. Bailliere & fils, 1886. 8. 
48 p. 

Esmarch, Frdr., Dr. Prof., Samariterbriefe. Kiel, Lipsius & Tischer, 1886. 
Lex.-8. 46 S. mit 44 Abbildungen. 120 M. 

Faure, H., Notes et documents sur les archivcs des hospices et sur les resultats 
comparcs de l’assistance hospitaliere ä Narbonne et dans une partie de 
^l’Europe. Tome II. Narbonne, imp. Caillard, 1886. 8. XI—394 p. 

Hopit&ux ä Constantinople, Les —. Paris, Masson, 1886. 8. 30 p. 

v. Langenbeck, B., v. Coler und Werner, Die transportable Lazarethbaracke. 
Mit besonderer Berücksichtigung der von Ihrer Maj. der Kaiserin und 
Königin Augusta hervorgerufenen Barackenausstellung in Antwerpen im 


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Neu erschienene Schriften. 187 

September 1885. Berlin, Hirschwald, 1886. gr. 8. XIII — 147 S. mit 
24 Tafeln. 14 M. 

Lut&ud, A. et W. D. Hogg, Etüde sur les hopitaux d’isolement en Angleterre. 
Paris, Bailliere, 1886. gr. 8. 234 p. 12 Frcs. 

Martin, John M. H., Dr., Arabulance Lectnres, to which is added a Nursing 
Lecture, given under the auspices of the St. John Ambulance Association. 
London, Churchill, 1886. 8. With 53 engravings. 2 sh. 

Neuman, Rachel T., Home-nursing. London, Chambers, 1886. 24. 120 p. 

Regnard, A. f De la mortalite dans les hopitaux de province et de la necessite 
d’une reforme radicale de l’assistance publique. Paris, Delahaye & Le- 
crosnier, 1886. 8. 32 p. 

Scheimpflug, Max, Dr., Die Heilstätten für scrophulöse Kinder. Wien, Urban 
& Schwarzenberg, 1887. gr. 8. VII — 87 S. mit 16 Illustr. 1*60 M. 

7. Militärhygiene. 

Diemer, Dr., Stabsarzt, Die Selbsthülfe bei Verwundung im Kriege. Einige 
Winke für den deutschen Soldaten. Leipzig, Wartig, 1886. gr. 16. 31 S. 
mit* 10 Abbildungen. 0*25 M. 

Ehratt, G. J. H., On the Organisation and duties of the bearer Company of the 
medical corps in war. London, Bellantye, Hason & Co., 1886. 8. 116 p. 

1 plan. 

Report, Annual — of the Sanitary Commissoner with the government of India, 
with appendices and returns of sickness and mortality among European 
troops, native troops, and prisoners, in India. Calcutta, 1836. fol. 174 p. 

Roth, Wilhelm, Dr., Generalarzt, Jahresbericht über die Leistungen und Fort¬ 
schritte auf dem Gebiete des Militärsanitätswesens. XI. Jahrgang, Bericht 
für das Jahr 1885. Berlin, Mittler, 1886. gr. 8. XII — 205 S. 4*80 M. 

Salquin, H., Frau, Anleitung zur Anfertigung von Strümpfen und Socken in 
rationeller Form. Mit Nachtrag nebst lithographischer Zeichnung zu „Die 
militärische Fussbekleidung“ von Major S. A. Salquin. Bern, 1886. 8. 
16 S. 0 50 Frc. 

8. Infectionskrankheiten und Desinfection. 

IMF" Alle Choleraschriften siehe am Schlüsse dieses Abschnitts unter 8 a. 

Aillaud, F., Dr., Note sur le pneurao-mycosis. Lyon, imp. Plan, 1886. 8. 8 p. 
et planche. 

Albanese, E., Rapporto sulle stufe ad alta temperatura come mczzo di disin- 
fezione. Palermo, tip. Virzi, 1886. 8. 14 p. 

Anrep, V., Prof., L’Intoxication par les ptomaines. Le Mans, imp. Drouin, 
1886. 8. 15 p. 

Arloing, S., Influence de la lumiere blanche et de ses rayons Constituante sur le 
developpement et les proprietes du bacillus anthracis. Lyon, imp. Pitrat, 
1886. 8. 35 p. 

Baumgarten, P., Dr. Prof., Lehrbuch der pathologischen Mykologie. Vor¬ 
lesungen für Aerzte und Studirende. 1. Hälfte: Allgemeiner Theil. Braun¬ 
schweig, Bruhn, 1886. gr. 8. IX — 220 S. mit 25 Abbildungen. 5 M. 

Beehamp, A., Prof., Microzymas et microb^s. Theorie generale de la nutri- 
tion et origine des ferments, ä propos de la discussion sur les ptomainfes, 
les leucomaines et leur röle pathogeuique. Paris, imp. Bourloton, 1886. 8. 
123 p. 

Bertoye, Contribution ä l’etude des microbes de l’osteomyelite infectieuse. 
Lyon, imp. Plan, 1886. 8. 42 p. 

Boens, H., La vie universelle et la rage. Charleroi, imp. Hubert, 18S6. 8. 32 p. 


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188 Neu erschienene Schriften. 

Bonamy, Eugene, Dr., Une epidemie au siede dernier, d’apres les notes de 
Frangois Bonamy, docteur-regent en medecine. Nantes, imp. Mellinet, 

1886. 8. 16 p. 

Bosse, Jules, l£tude comparative du beriberi et du scorbut surtout au point de 
vue de la pathologie exotique. Lyon, imp. nouvelle, 1886. 4. 82 p. 

Brieger , L., Dr., Untersuchungen über Ptomaine. 3. Theil. Berlin, Hirsch¬ 
wald, 1886. 8. 119 S. 2-80 M. 

Brieger, L., Dr., Microbes, ptomaines et maladies. Traduit de Fallemand et 
annote par le docteur Roussy et J. Winter. Preeede d’une introduction 
par M. G. Ilayem. Paris, Doin, 1885. 18. XII — 239 p. 3*50 Frcs. 

Carito, D., Del metodo curativo della idrofobia secondo le esperienze del dot. 
Pasteur. Napoli, tip. Ferrante, 1886. gr. 8. 22 p. 

Cheyne, W. Watson, Recent Essays by various authors on bacteria in relatiou 
to disease. London, New Sydenham Soc., 1886. 8. 666 p. 8 pl. 

Cordillo-Lozano, El problema de la rabia. Madrid, imp. Maroto y nermano, 
' 1886. 8. 58 p. 

Crookshauk, Edgar M., Manuel pratique de Bacteriologie, basee sur la methodo 
de Koch. Traduit de l’anglais par M. Bergeaud. Paris, Carre, 1886. 
8. 300 p. avec 44 gravures et 32 planches. 24 Frcs. 

Delore, Dr., Des microbes au point de vue de la maladie et de l’hygifcne. Lyon, 
imp. Plan, 1886. 8. 37 p. 

Dobrovits, M., Dr. und Dr. G. Pävay, Wie soll man desinficiren? Ueber Auf¬ 
trag des Sanitätsausschusses der kgl. Freistadt Pressburg zusammengestellt. 
Pressburg, Stampfei, 1886. gr. 8. 24 S. 0*40 M. 

Dubreuilh, William, Des immunites morbides. Paris, Steinheil, 1886. 8. 

202 p. 

Du Moulin, G. van de Velde et H. Kuborn, Rapports sur la prophylaxie 
des maladies pestilentiellcs exotiques, au congres national scientifique tenu 
ä AnverB 26 au 31 aoüt 1885. Bruxelles, Hayez, 1886. 8. 365 p. 1 plan. 

Duprö, V., Ancora una parola sulla cura della rabbia canina. Genova, tip. 
Schemone, 1886. gr. 8. 24 p. 

Ehrlich, Dr. Prof., Beiträge zur Theorie der Bacillenfarbung. Berlin, Hirsch¬ 
wald, 1886. gr. 8. 17 S. 0*40 M. 

Fedeli, C., Della simultanes esistenza di piü infezioni acute nell* organismo. 
Pisa, Mariotti, 1886. 8. 

Feldbauseh, P., Ueber die Nothwendigkeit und die Ausführbarkeit einer Prä¬ 
ventivtherapie der Infectionskrankheiten und technische Beiträge zur Ver¬ 
hütung respiratorischer Infectionen und Catarrhe. Strassburg, Heinrich, 
1886. gr. 8. VIII — 126 S. 2 M. 

Ferrän, J., Fundaraentors racionales del metodo Pasteuriano contra la rabia 
y explicacion de los fracasos occurrido. Catalana, 1886. gr. 8. 8 p. 

Firket, Ch., Dr., L’actinomycose de l’horame et des animaux. Paris, Alcan, 
1886. 8. 50 p. 

Gibbes, H., Photographie illustrations of normal and morbid histology and 
bacteriology; 25 subjects. London, Churchill, 1886. 1 Bh. 6 d. 

Giglioni, J., Fermenti e microbi, saggio di igiene antimicrobica. Napoli, Ric- 
cardo, Marghieri di Gius, 1887. 8. 682 p. con 20 fig. 6 L. 

Gr aas well, D. A., Report to the Local Government Board on diphtheria at 
the Royal Female Orphan Asylum, Beddington, April 2, 1886. London, 
1886. Fol. 8 p. 

Gürtler, Wilhelm, Mortalitätsstatistik der Breslauer geburtshülflichen Klinik 
vor und nach Einführung der antiseptischen Behandlung. Inaugural- 
Dissertation. Breslau, Köhler, 1886. gr. 8. 32 S. mit 1 Curventafel. 1 M. 

Guttmann, Paul, Dr., Dir. und Dir. H. Merke, Die erste öffentliche Des- 
infectionsanstalt der Stadt Berlin. Berlin, Hirschwald, 1886. gr. 8. 34 S. 
0*80 M. 


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Neu erschienene Schriften. 189 

Hambleton, G. W., The scientific preventiou of Consumption. London, Chur¬ 
chill, 1886. 8. with 10 illustrations. 6 d. 

Harris, Vincent D., On the presence of the tubercle bacillns in old specimens 
of diseased lung. London, Bale & Sons, 1886. 8. 7 p. 

Helme, Francois, Dr., Contribution ä l’etude des pneumonies infectieuses (epi- 
demiologie, bacteriologie, clinique). Paris, Ollier-Henry, 1886. 4. 135 p. 

Hergott, Alphonse, Dr., Une Epidemie de furoncles ä la Maternite de Nancy. 
Paris, imp. Davy, 1886. 8. 7 p. 

Hertz, H., Prof. Dr., Malaria-Infectionen und v. Liebermeister, C., Prof. Dr., 
Typhus abdominalis, Pest, Gelbfieber. II. Band, 1. Theil des Handbuchs der 
speciellen Pathologie und Therapie von Ziemssen. Dritte, völlig um¬ 
gearbeitete Auflage. Leipzig, Vogel, 1886. gr. 8. 6 80 M. 

Hoffe, Albert, Dr., Privatdocent, Die Natur des Milzbrandgiftes. Wiesbaden, 
Bergmann, 1886. gr. 8. VII — 52 S. 160 M. 

Holt, Joseph, The proposed yellow fever Commission and the National Board 
of Health. Atlanta, 1886. 8. 6 p. 

Huber, Karl, Dr. und Dr. Arno Becker, Die pathologisch-histologischen und 
bacteriologischen Untersuchungsmethoden mit einer Darstellung der wich¬ 
tigsten Bacterien. Leipzig, Vogel, 1886. gr. 8. 122 S. mit 13 Abbildungen 

und 2 farbigen Tafeln. 4 M. 

James, Constantin, Dr., La Rage, avahtage de sou traitement par la metbode 
de Pasteur; necessite de cauterisation prealables. Paris, Lahure, 1886. 8. 
128 p. avec gravures. 

Jaubert, Leon, Dr., Du parasitisme microbien latent. Paris, Ollier-Henry, 1886. 
4. 241 p. 

Kingsford, A., Dr., Pasteur, seine Methode und seine Erfolge. Frei über¬ 
setzt von Dr. Th. Bruckner. 7. Heft der Zeit - und Streitfragen, heraus¬ 
gegeben von Alfr. Brennwald. Thalweit, Brennwald, 1886 . 8. 32 S. 0*50 M. 

Kitt, Th., Werth und Unwerth der Schutzimpfungen gegen Thierseuchen. Zu¬ 
meist nach eigenen Controlversuchen dargestellt. Berlin, Parey., 1886. 
gr. 8. VIII—248 S. mit 14 Abbildungen. 6 M. 

Klein, E., Dr., Microbes et maladies, guide pratique pour l’etude des micro- 
organismes. Traduit de l’anglais d’apres la 2e edition par Fabre- 
Domergue. 2e edition fran^aise. Paris, Tignol, 1887. 16. XXVI — 296 p. 
avec 116 figures 

Künstler, J., De la position systematique des bacteriens. Avignon, imp. Seguin, 
1886. 8. 24 p. 

Lange, J., Prof., Contribution a l’etude de la rage (communication prealable). 
Le Mans, imp. Drouin, 1886. 8. ö p. 

Leffm&nn, Henry, Typhoid fever in Philadelphia. Philadelphia, 1885. 8. 

Lehmann, Bidrag tili Kundskab om Lungesvindsotens Forekomst i Danmark, 
saerligt i Byerne. Kjöbenhavn, Lehmann & Hage, 1886. 8. 

Leprosy in Hawaii. Extracts frora reports of presidents of the board of 
health government pliisicians and others, and from official records, in re- 
gard to leprosy, before and after the passage of the „Act to prevent the 
spread of leprosy“ approved Jan. 3, 1865. The Law and regulatious in re- 
gard to leprosy in the Hawaiian kingdom. Honolulu, 1886. 8. 192 p. 

Leprosy in Honolulu. Report of the president of the board of health, to the 
legislative assembly of 1886, on leprosy. Honolulu, 1886. 8. 47 p. — 

Appendix 156 p. 

Leprosy in India. Summary of reports furnished by the Government of 
British India to his Hawaiian Majesty’s Government, as to the prevalence 
of leprosy in India; and the measures adopted for the social and medical 
treatment of persons afflicted with the disease. Honolulu, 1886. 8. 247 p. 

Marfan, A., De l’immunite confere par la guerison d’une tuberculose locale 
pour la phthisie pulmonaire. Paris, Asselin & Houzeau, 1886. 8. 31 p. 


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190 Neu erschienene Schriften. 

Lion, Charles, Dr., Rapport sur une mission ä Paris pour etudier au presp 
M. Pasteur les inoculations preventives de la rage. Marseille, imp. Bar- 
latier-Feissat, 1896. 8. 30 p. 

Lübbert, Anton, Dr., Biologische Spaltpilz-Untersuchung. Der Staphytococcu 
pyogenes aureus und der Osteomyelitis - Coccus. Wiirzburg, Stahel, 1886. 
gr. 8. 112 S. mit 2 Tafeln. 8*50 M. 

Michel, Dr. Prof., Ueber den Mikroorganismus bei der sogenannten ägyptischen 
Augenentzündung (Trachom). Würzburg, Stahel, 1886. gr. 8. 3 S. 0'20 M. 

Molliöre, Humbert, Dr., iStude d’histoire medicale: Un precurseur lyonnais 
des theories microbiennes, J. B. Goiffon et la nature animee de la peste. 
Lyon, Georg, 1886. 8. 156 p. avec figure et jetons conBulaires de la ville 
de Lyon. 

Hougin, L., Les Epidemies dans la ville de Vitry-le-Francois et dans son 
arrondissement. Vitry-le-Fran$ois, imp. Tavernier, 1886. 8. II — 80 p. 

Nidpce, Dr., De la contagion et de la transmissibilite de la tuberculose. Gre¬ 
noble, imp. Breynat, 1886. 8. 83 p. 

Nunez de Villavioenoio and J. Holt, Yellow fever microbes. New Orleans, 
1886. 1 sheet. 

Obrzut, A., Dr., Contribution ä la morphologie des bacilles tuberculeux et ä la 
tuberculose dite „zoogleique“. Le Mans, imp. Drouin, 1886. 8. 8 p. 

Ollivier, La puissance de la volonte dans les maladies et an cours des epide¬ 
mies. Toulon, 1886. 8. 

Pasteur, L., Le Traitement de la rage, communication faite ä PAcademie des 
Sciences, le 25 fevrier 1884. Paris, Marpon & Flaramarion, 1886. 8. 48 p. 
1 Frc. 

Perroncito, E., Azione delP alcool assoluto sulle spore del bacillus anthracis. 
Milano, 1886. 8. 

Persh, B., Photomicrographs of Bacillus subtilis. Frankford Arsenal, Philad., 
1886. 18. 16 pl. 

Peter8en, Ernst, Ein Beitrag zur Statistik des Typhus abdominalis in Kiel. 
Inaugural-Dissertation. Kiel, Lipsius & Tischer, 1886. gr. 8. 29 S. mit 
1 graph. Steintafel. 1 M. 

Pilat, Dr., Rapport general du conseil central de salubrite du departement du 
Nord sur les epidemies qui ont regne dans ledit departement pendant 
Pannee 1885. Lille, imp. Danel, 1885. 8. 31 p. 

Pollet, Rapport sur les maladies contagieuses et epizootiques parues dans le 
Departement du Nord pendant Pannee 1885. Lille, imp. Danel, 1886. 8. 
68 p. avec tableaux. 

Portanier, La Rage: Biographie et travaux de Pasteur. Notions generales 
sur la rage cousideree chez Phomme et chez differentes especes animales. 
Legislation et police sanitaire. Nice, imp. Yiterbo, 1886. 12. 244 p. 

Proust, A., Second rapport adresse ä M. le ministre du commerce sur la pro- 
phylaxie sanitaire maritime de maladie pestilentielles exotiques. Paris, 1886. 8. 

Rätaud, Louis, Dr., Relation d’une epidemie de grippe ä Rochefort pendant 
Phiver en 1886. Rochefort, imp. Theze, 1886. 4. 44 p. 

Rilinger, Franz, Prophylaxis des Puerperalfiebers. Inaugural-Dissertation. 
Greifswald, Abel, 1886. 8. 25 S. 

Roux, Fernand, Traite pratique des maladies des pays chauds: maladie infec- 
tieuses. Paris, Steinbeil, 1886. 8. XV — 543 p. avec 2 tabl. 10 Frcs. 

Scheinmann, J., Dr., Was kann und soll ein Jeder thuu, um sich und seine 
Umgebung während einer Epidemie vor der Erkrankung zu schützen? 
Ein Versuch, den Einzelnen, besonders die Frauen, mit heranzuziehen zur 
Bekämpfung einer beginnenden Epidemie. Hagen, Risel, 1886. 8. 40 S. 
0*50 M. 

Schmitt, J., Microbes et maladies. Paris, Bailiiere, 1886. 18. X — 299 p. avec 
figures. 3’50 Frcs. 


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191 


Neu erschienene Schriften. 

Schoondermark , J., Bacterien, de vorzaak van infectiezikten. Naar liet 
Duitsch van Mittenzweig. Amsterdam, van Klaveren, 1886. gr. 8. 
X —111p. 

Seitz, Carl, Dr., Bacteriologische Studien zur Typhusätiologie. München, Fin- 
sterliu, 1886. 8. 68 S. 2*40 M. 

Sevestre, Dr., Sur la duree de Pincubation et sur la contagion de la rougeole. 
Paris, Steinheil, 1886. 8. 16 p. 

Silberberg, Nathan, Die Incubation u. Verbreitungsweise der Masern mit Rück¬ 
sicht auf eine selbsterlebte Epidemie. Inaugural-Dissertation. Breslau, 
(Köhler) 1885. gr. 8. 82 S. 1 M. 

Siredey, Dr., Rapport general ä M. le Ministre du commerce et de l’industrie 
sur les epidemies pendant l’annee 1884, fait an nom de la Commission per¬ 
manente des epidemies de PAcademie de medecine. Paris, Masson, 1886. 
4. 100 p. 

Stamm, August, Dr., Krankheiten-Vernichtungslehre, Nosophtherie. Hygienische 
Lehre der Entstehung, Verhütung und der Wege zur Ausrottung vieler der 
furchtbarsten Krankheiten. Für alle wahren Hygieniker, Volks-, Gymnasial-, 
Realschul- und Universitäts-Lehrer, Staats- und Communalbeamte. 3. Aufl. 
Stuttgart, Dietz, 1886. 8. XIX — 621 S. 4 50 M. 

Sternberg, G. M., Desinfection and individual prophylaxis against infectious 
diseases. Concord, 1886. 8. 37 p. 

Thayer, W. H., History of malarial fever in Brooklyn. New York, 1886. 12. 
15 p. 

Tricomi, Ernesto, Microorganismi della suppurazione. Ricerche esperimenti. 
Azione degli antisettici sal micrococco piogeno. Napoli, Detken, 1886. 8. 
108 p. 3 pl. * 

Trouessart, E. L., Microbes, Ferments and Moulds. London, Regan, Paul, 
French.& Co., 1886. 8. 320 p. with 107 engravings. 6 sh. 

dl Ve8tea, A., Pasteur et la microbiologia (dalle fermentazioni alle profilassi 
della rabbia). Napoli, Pasquale, 1886. 16. 2 L. 

Vlllette, T. J. L. M., Dr., Contribution ä Petude du bäriberi d’apres l’epidemie 
de Poulo-Condor en 1883 —1884. Lille, imp. Danel, 1886. 4. 104 p. 

Warlonfent, Dr., Sur la prophylaxie de la rage. Communication faite ä PAca¬ 
demie royale de medecine. Bruxelles, A. Manceaux, 1886. 8. 14 p. 

Woodhead, G. Sims, M. D., and Arthur W. Hare, Pathological Mycology, an 
inquiry into the etiology of infective diseases. Section I. Methode. Edin¬ 
burgh, Young J. Pentland, 1886. 8. with original illustrations. 8 sh. 6 d. 

v. Ziemssen, Dr., Prof., Ueber Volkskrankheiten mit besonderer Berücksich¬ 
tigung der sanitären Verhältnisse Münchens. Vortrag. München, Rieger, 
1886. 8. 23 S. mit 4 Tafel. 0*50 M. 

8 a. Cholera. 

Almqvist, E., Om koleran enligt svensk erfarenliet. Göteborg, 1886. 8. 28 p. 
1*50 M. 

Argento, G., Sulla profilassi del colera. Palermo, 1886. 4. 

Belehrung über die aus Anlass der Choleragefahr, beziehungsweise bei dem 
Ausbruche der epidemischen Cholera zu beobachtenden Verhaltungsmaass¬ 
regeln. Wien, Hof- und Staatsdruckerei, 1886. gr. 4. 7 S. 0*10 M. 

Burckhardt, W., Verbreitung der Choleraseuche und ihre Ursachen. Leipzig, 
Gressner & Schramm, 1886. 8. 0*80 M. 

Celli, Angelo, Dr., La profilassi razionale del colera. Roma, tip. Armanni, 1886. 

8. 11 p. 

Cholera-Instruction, Verfasst über Veranlassung des k. k. Ministeriums des 
Innern durch die obersten Sanitätsbehörden. Wien, Hof- und Staatsdruckerei, 
1886. Fol. 12 S. 0*20 M. 


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192 Neu erschienene Schriften. 

Colera in Italia, II — negli anni 1884 — 85. Ministero dell* Interno. Roma, 
18S6. 8. XII — 243 p. 3 L. 

Colera in Valencia en 1885. Memoria acerico de los trabajos realizados du- 
rante la epidemia. Presentada por la Alcaldia al Excmo. Ayuntamiento 
en nombre de la junta municipal de saoidad. Valencia, imp. Alufre. 1886. 
4. 180 p. 

van Ermen gern, E. f Dr., Neue Untersuchungen über die Cholera-Microben. 
Officieller Bericht an das Belgische Ministerium des Innern. Mit Autorisa¬ 
tion des Verfassers frei bearbeitet von Dr. Richard Kukula. Wien, Brau¬ 
müller, 1886. 8. 105 S. mit 6 Tafeln. 4 M. 

Fazio, E., Eziologia del colera secondo gli odierni studi. Napoli, 1886. 8. 1 L. 
Ferr&n, J., La inoculatiön preventiva contra el cölera morbo assiätico. Va- 
lenzia, Ortega, 1886. gr. 8. 337 p. 

Guerard, A., Observations faites pendant Pepidemie cholerique de 1885. Mar¬ 
seille, typ. Barlatier-Feissat, 1886. gr. 4. 13 p. 5 pl. 

Intrusion! sulle precauzioni a prendere in caso di cholera. Palermo, Virzi, 
1886. 8. 

Koeh, R., Dr., San.-Rath, Die Cholera auf ihrem neuesten Standpunkte. 28. Band 
der „Medicinischen Hausbücher“. Berlin, Hampel, 1886. gr. 8. IV—42 S. 
0*50 M. 

Longo, P., Conferenze populari sul colera. Mostara, 1886. 16. VI — 196 p. 
2 M. 

Michel, H., Dr., Une epidemie de cholera dans les Basses-Alpes. Moutiers, 
Ducloz, 1886. 8. 20 p. 

Nieati, W. et M. Rietsch, Recherches sur le cholera. Paris, Alcan, 1886. gr. 8. 
VIII—172 p. 2 pl. 5 Frcs. 

Norchi, P., II colera asiatico secondo la dottrina di F. Pacini. Roma, 1886. 
8. 132 p. 3 L. 

Oliveri, Vincenzo, Sulle pretese ptomaiue del colera. Palermo, Amenta, 1886. 
4. 8 p. 

Poujade, P. R., Notes ä propos du cholera. Montauban, imp. Montalbanaise, 

1886. 8. 28 p. 

Resumen general de la invasiones y defunciones por causa de colera ^>ccuridas 
en Eapana durante el ano de 1885. Madrid, 1886. Fol. 

Rossbach, M. J., Cholera indica und Cholera nostras. Leipzig, Vogel, 1886. 

gr. 8. VIII — 238 S. mit 8 Abbildungen. 5 M. 

Thoinot, L. H., Dr., Histoire de Pepidemie cholerique de 1884; origine, marche, 
etiologie generale. Paris, Steinheil, 1886. 8. 357 p. et 12 planches 

10 Frcs. 

Thoinot, L. H., Dr., Les eaux potables et le cholera en 1884. These. Paris, 
1886. 4. 70 p. 

Vaesallo, D., Sul cholera. Le precauzioni del Prof. Brunetti. La centinodia 
del Prof. Falcone. L’anticolerico del Dr. Reforgiato. Ragusa 1888. 
16. 109 p. 1 L. 

Viaud-Grand-Marais, Dr., Analyse d ! un travail du P. Delpech sur une epi¬ 
demie de cholera ayant eu lieu ä Vadakencoulam (Madure) en decembre 
1877, et le valeur des graines du Strychnos potatorum L. (Tettan - Cotte) 
pour la clarification et la puiification des eaux. Nantes, imp. Mellinet, 

1886. 8. 16 p. 

Viaud-Grand-Marais, Dr., Simple note sur Pepidemie cholerique de Bretagne 
de la tin d’octobre 1885 aux premiert jours de mars 1886. Nantes, imp. 
Mellinet, 1886. 8. 4 p. 

Vineentii8, E., Appunti sul colera. Taranto, Latronico, 1886. 8. 

Weatenberg en Ruysch, Rapport der Gedelegeerden ter Internationale Sani- 
taire Conferentie, gehouden te Rome in het jaar 1885. ’s Gravenliagen, 
gedr. ter algemeene Landsdruckerij, 1886. 4. 25 p. 


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Neu erschienene Schriften. 


193 


9. Hygiene des Kindes und Kindersterblichkeit. 

Aubert, L., Dr. f Etiologie et prophylaxie de la scrofule dans la premiere en- 
fance. Paris, Steinheil, 1886. 8. 35 p. 

Baginski, A., Dr., Die Kost- und Haltekinderpflege in Berlin. Braunschweig, 
Vieweg, 1886. gr. 8. 67 S. IM. * 

Coni, E. R., Cause® de la morbidite et de la mortalite de la premiere enfance 
ä Buenos-Aires. Buenos-Aires, imp. Coni. 1886. 8. 228 p. 

Bsoherioh, Theodor, Dr., Die Darmbacterien des Säuglings und ihre Bezie¬ 
hungen zur Physiologie der Verdauung. Stuttgart, Enke, 1886. gr. 8. 
IX —180 S. mit 2 Tafeln und 3 Holzschnitten. 6 M. 

Gelabert^ Enrique, La creche o caso-enna; noticia historico-critica de su ori¬ 
gen, desenvolvimiento e importancia social en los grandes centros manufac- 
tureros. Barcelona, Ramirez, 1886. 8. 80 p. 

Hankel, Die Kindersterblichkeit der Stadt Glauchau. Glauchau, Peschke, 1886. 
8. 20 S. 0*80 M. 

Magnus, Hugo, Dr. Prof., Die Jugend-Blindheit. Klinisch-statistische Studien 
über die in den ersten 20 Lebensjahren auftretenden Blindheitsformen. 
Wiesbaden, Bergmann, 1880. gr. 8. X —148 S. mit 12 Tafeln und 10 Ab¬ 
bildungen im Text. 6*40 M. 

Sänke, J. Fr., Dir., Die Gründung, Unterhaltung und Leitung von Krippen, 
Bewahranstalten und Kleinkinderschulen. 7. ganz uragearbeitete und be¬ 
deutend erweiterte Auflage des 3. Theiles der Erziehung und Beschäftigung 
kleiner Kinder. Elberfeld, Bädeker, 1887. 8. IV — 187 S. 2*40 M. 

Raudnitz, Robert W., Dr., Die Findelpflege. Wien, Urban & Schwarzenberg, 
1886. gr. 8. 48 S. 2 M. 

Redmond, C. Stennett, Plain facts about infant feeding and management. Po¬ 
pulär treatise. London, Scott, 1886. 12. 82 p. 

R ei mann , Max, Dr., Zur Belehrung über die Ernährung der Säuglinge. 
153. Auflage. Kiel, Lipsius & Tischer, 1886. Placat, Fol. 0*20 M. 

Rota, M., Scuola-asilo rachitici in Bergamo; relazione sanitaria. Bergamo, 
Bohio, 1886. 8. 

10. Variola und Vaccination. 

Badaloni, G., La vaccinazione autunnale del 1885 nel circondario di Frosinone. 
Fano, Sonciniana, 1886. 4. 

Freund, M. B., Dr., Die animale Vaccination in ihrer technischen Entwickelung 
und die Antiseptik der Impfung. Breslau, Morgenstern, 1887. gr. 8. 
120 S. 2 M* 

Layet, A., Dr., Prof., Le service municipal de la preservation de la variole 
ä Bordeaux. Paris, Masson, 1886. 8. 15 p. 

Lemaistre, Prosper, Dr., Variole et vaecine, leur aotion, leur force; con- 
tribution ä l’etude de l’inooulation en France. Limoges, imp. Ducourtieux, 
1886. 8. 27 p. 

Leonard, C. H., The original Jennerian vaccine virus as preserved and used 
in the public vaccinations in tho city of Providence, Rhode Island. Pro- 
vidence, 1886. 8. 11 p. 

Lewachew, S. W., Recherche® sur la production de la lymphe. Le Mans, imp. 
Drouin, 1886. 8. 13 p. 

Porquier, P., Methode d’attenuation du virus de la variole ovine. Montpellier, 
1886, 8. 

Stamm, August, Dr., Die Aasrottungsmöglichkeit der Pocken ohne jedes Impfen. 
Stuttgart, Dietz, 1886. gr. 8. 88 S. 1 M. 

Väillfvrd, L., Manuel pratique de la vaccination animale : Technique, procedes 
de Conservation du vaccin* Paris, Doin, 1886. 18. 83 p. avec fig. et 2 pl. 
en couleur. 

Vierteljahr* Schrift für Gesundheitspflege, 1887. 13 


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194 


Neu erschienene Schriften. 


11. Prostitution und Syphilis. 

Bumm, Ernst, Dr., Der Micro-Organismus der gonorrhoischen Sohleimhaut- 
erkrankungen, „Gonococcus Neisser“. Zweite ergänzte und vermehrte Aus¬ 
gabe. Wiesbaden, Bergmann, 1887. gr. 8. VII—166 S. mit 5 lithogr. 
Tafeln. 6 M. 

Otis, F. N., On the limitation of the contagious state of Syphilis, especially in 
its relations to marriage. New York, Wood, 1886. 8. 16 p. 

Schrank, J., Dr., Die Prostitution in Wien in historischer, administrativer und 
hygienischer Beziehung. 2 Bde. Wien, Töplitz & Deuticke, 1886. gr. 8. 
VIII —434 S., VII —345 S. 6 fl. 

Stamm, A., Dr., Die Verhütung der geschlechtlichen Ansteckung. 2. verb. Aufl. 
Zürich, Schmidt, 1866. 8. 96 S. 1 M. 

Thiry, Dr., Hygiene sociale. De la Prostitution, communication faite ä PAca- 
demie royale de medecine, le 31 juillet 1886. Bruxelles, A. Manceaux, 
1886. 8. 134 p. 


12. Gewerbe- und Berufshygiene. 

Custer, Gustav, Dr., Fort mit dem Gift der Phosphorzündhölzchen. Populäre 
Beleuchtung. Zürich, Schröter & Meyer, 1886. 8. 

Disinfecting rags, Summary of the health ofßcer’s report to the Chamber of 
Commerce on the importance of —. Albany, 1886. 4. 2 1. 

Gordon, C. A., New Theory and old Practice in relation to medioine and cer- 
tain indostries; being ar^ analysis of current literature of these subjects. 
London, Williams & Norgate, 1886. 8. 151 p. 

Heinzerling, Ch., Dr., Die Gefahren und Krankheiten in der chemischen In¬ 
dustrie und die Mittel zu ihrer Verhütung und Beseitigung. 8. und 9. Heft. 
Halle, Knapp, 1886. gr. 8. 61 S. und 104 S. mit 25 Holzschniten. 4*20 M. 
Jahresberichte der königl. sächsischen Gewerbe- und Berg-Inspectoren für 
1885. Zusammen gestellt im königl. sächsischen Ministerium des Innern. 
Dresden, Lommatz, 1886. gr. 8. VII — 247 S. 3 M. 

Ireland, G. H., The preventable cause of disease, injury, and death in Ameri¬ 
can manufactories and workshops, and the best means and appliances for 
preventing and avoiding them. Concord, 1886. 8. 17 p. 

Lehmann, K. B., Dr., Experimentelle Stadien über den Einfluss technisch und 
hygienisch wichtiger Gase und Dämpfe auf den Organismus. I. Ammoniak. 
II. Salzsäuregas. München, Oldenbourg, 1886. 8. 126 S. 

Napiae, Henri, Dr., Enquete sur les modiflcations ä apporter aux lois des 9 sep- 
tembre 1848 et 19 mai 1674 sur le travail dans Pindustrie. Paris, Berger- 
Levrault, 1886. 8. 13 p. 

Report of a special committee of the Chamber of Commerce of the State of 
New York on the rules and regulations of the health offleer of the port of 
New York relative to the disinfection of imported rags. New York, 1886* 

8. 10 p. 

13. Nahrungsmittel. 

Baillet, La Statistique et Pinspection des viandes de boucherie. Paris, imp. 
Renou & Manlde, 1886. 8. 25 p. 

Cauvet, D., Procedes pratiques pour Pessai des farines; caracteres, alterations 
falsifications. Paris, Bailliere, 1886. 8. 97 p. avec 74 fig. 8 Frcs. 
Cazeneuve, Paul, Prof., La Coloration des vins par les couleurs de 1a houille. 
Methodes analytiques et marche systematique pour reconnaitre la nature de 
la coloration. Paris, J. B. Bailiiere & Als, 1886. 8. 324 p. avec 1 planche. 
8 # 60 Frcs. 


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Neu erschienene Schriften. 


195 


Dämmer, Otto, Dr., Illustrirtes Lexicon der Verfälschungen und Verunreinigungen 
der Nahrungs- und Genussmitte], der Colonialwaaren und M&nufacte, der 
Droguen, Chemikalien und Farbwaarcn, gewerblichen und landwirtschaft¬ 
lichen Producte, Documente und Werthzeichen. Mit Berücksichtigung des 
Gesetzes vom 14. Mai 1S79, betr. den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genuss¬ 
mitteln und Gebrauchsgegenständen, sowie aller Verordnungen und Verein¬ 
barungen. 5. und 6. (Schluss-) Lieferung. Leipzig, Weber, 1886. gr. 8. 
VIII — 641 bis 1028 S. 5 M. Cplt. geb. 35 M. 

Dege, Hermann, Leipziger Blätter für Nahrungsmittel-Hygiene. Populär-wissen¬ 
schaftliche Wochenschrift für öffentliche und private Gesundheitspflege. 
1. Jahrgang, October 1886 — September 1887. 52 Nrn. Leipzig, Dürselen, 
1886. gr. 4. Viertelj. 1*50 M. 

Depaire, J. B., Prof., La question du cuivre dass les substances alimentaires. 
Recueil des discours prononces devant l’Academie royale de medecine de 
Belgique. Bruxelles, A. Manceaux, 1886. 8. 285 p. 

Dubrisay, Dr., Rapport sur le salicylage des substances alimentaires presente 
au comite consultatif d’hygiene publique de France. Paris, imp. nationale, 

1886. 8. 22 p. 

Dujardin-Beaumetz, Dr., L’hygiene alimentaire. Paris, Doin, 1886. 8. VI—237 p. 
avec fig. et planche. 6 Frcs. 

Palk, Hermann, Die Errichtung öffentlicher Schlachthäuser; mit Anhang: Die 
Schlachthausgesetze sowie Schlachthaus Verordnungen und Situationspläne. 
Osterwieck, Zickfeldt, 1886. gr. 8. 56 S. mit 7 Tafeln. 120 M. 

Hertwig, Dr., Ober-Thierarzt, Bericht über die städtische Fleischschau, 1. April 
1885—1886. Berlin, Druck von Grunert, 1886. 8. 19 S. 

Hersog | C., Kurzgefasster Leitfaden für den Selbstunterricht in der mikro¬ 
skopischen Fleischbeschau. Stettin, Schädel, 1886. 12. 0*50 M. 

Kalb, G., Lehrer, Die Nahrungs- und Genussmittel und ihr Einfluss auf die 
körperliche und geistige Entwickelung des Menschen. Znr Belehrung für 
das Volk geschrieben. Mit 1 lith. Tafel zur Veranschaulichung des Nähr¬ 
stoffgehaltes der wichtigsten Nahrungs- und Genussmittel. Gera, Burow, 
1886. gr. 8. 27 S. 0*30 M. 

Leng, R., Dr., Sanitätsrath, Die Trichine. Eine Anleitung zur Fleiscbschau. 
Berlin, Enslin, 1886. 8. IV — 31 S. mit 20 Abbildungen. 1 M. 

Mauriae, E., Dr., La Question des morues rouges; etude d’hygiene alimentaire. 
Bordeaux, imp. Gounoilhou, 1886. 8. 62 p. 1*50 Frcs. 

Möbius, Die Milchfehler, ihre Verhütung und Abstellung. Plauen, Neupert, 
1886. 8. 0*50 M. 

Munk, J., Dr. und Prof. Dr. UfFelmann, Die Ernährung des gesunden und 
kranken Menschen. Handbuch der Diätetik für Aerzte, Verwaltungsbeamte 
und Vorsteher von Heil- und Pflegeanstalten. Wien, Urban & Schwarzen¬ 
berg, 1887. 8. 596 S. mit 1 Tafel. 14 M. 

Report to the New York State Board of Health on the examination of beers. 
Albany, 1886. 8. 35 p. 

Richard, Dr., Rapport sur le plätrage des vins, presente au comite consultatif 
d’hygiene publique de France. Paris, imp. nationale, 1886. 8. 11 p. 

Rossel, A., Dr., Prof., Gesetzliche Bestimmungen über den Verkauf von Kunst- 
weinen in der Schweiz. Der natürliche Wein, das Chaptalisiren, das Galli- 
siren, das Petiotisiren und der Hefe wein. Vortrag. Frauenfeld, Huber, 
1885. gr. 8. 19 S. 0*40 M. 

Rüffert, F. W., Fleischbeschauer, Mikroskopische Fleischbeschau. 2. verb. und 
stark vermehrte Auflage. Leipzig, Weber, 1887. 8. XII — 87 S. 1*20 M. 

Seil, Eugen, Dr. Prof., Ueber Kunstbutter, ihre Herstellung, sanitäre Beurthei- 
lung und die Mittel zu ihrer Unterscheidung von Milchbutter. Beiträge zur 
Kenntniss der Milchbutter und der zu deren Ersatz in Anwendung gebrachten 
anderen Fette. Berlin, Springer, 1886. 4. 67 S. mit eingedr. Figuren. 3 M. 


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196 Neu erschienene Schriften. 

ötftl m r Dr., Kreiswundarzt, Anleitung für Fleischbeschauer, nebst einem Anhang, 
die wichtigsten Gesetze und Verfügungen für die Fleisehbeschauer der Pro¬ 
lin* Brandenburg enthaltend. Berlin, Nicolai, 1886. 8. 81 S. mit 4 Holz¬ 
schnitten. 1 M, 

Viertel^ahssÄiehriffc über die Fortschritte auf dem Gebiete der Chemie der 
Nahrungs- und Genusamitfcel, der Gebrauchsgegenstände, sowie der hierher 
gehörenden Industriezweige, üerausgegeben von DDr. A. Hilger, R. Kay- 
ser, J. König und E. Seil. Erster Jahrgang, ersteß und zweites Heft. 
Berlin, Springer, 1886. gr. 8. 5 M. 

14. Leichenverbrennung und Leichenbestafctung. 

B r eita agy Max, Dr., Ueber neuere Leichenaustalten. Eine hygienische Studie. 
Berlin, Grosser, 1866. 8. 68 S. 1 M. 

Cremamone, La — e la salute publica. Bologna, Mareggiani, 1686; 16. 

Hamilton, Frank HL, Cremation of human bodies not a necessary sanitäry mea- 
sure. New York, 1886. 4. 11 p. 

de Hornstein, E., Dr., La Cremation devant l’histoire, la Science et le chris- 
tianisme. Paris, Dentn, 1885; 8. 461 p. 6 Frcs. 

Martin, T., Sanitary Systems showing how the dead should by disposed of by 
nations who study the health and commercial interests of their peoples. 
Guernsey, Guerin, 1886, 8. 28 p» 

15. "Verschiedenes. 

Ctteber, Gustav, Dr., Hundert und ein Winke und Wünsche für Gesundheit. 
Zweite verbesserte und stark vermehrte Auflage. Zürich und Stuttgart, 
Schröter & Meyer. 1887. 8. 47 S. 0*85 M. 

Lefebre, Rapport sur le Service sanitaire veterinaire en France, oe qu’il est, ce 
qu’il devrait etre. Angers, 1886. 

Osthoff, Georg, Stadtbaurath, Die Badeanstalten, Badehäuser und Badestuben 
der Neuzeit. Mit specieller Berücksichtigung der Volksbäder, Schwimm¬ 
bassins, Douohe-, Schwitz* und Wannenbäder. Anlage, Einrichtung, Aus¬ 
führung und Betrieb. Umfassend Fluss-, Quell* und Wasserleitungsbäder etc. 
Leipzig, Schölte, 1887. 8. 8 M. 

. Richter, Heinr., Civ.-Ing., The ater maschin ist, Die Feuersicherheit der Theater 
und die gegen Feuersgefahr getroffenen Sicherbeitsmaassregeln. Vorträge im 
polytechnischen Central verein zu Würzburg. Würzburg, Stüber, gr. 8. 26 S. 
0*80 M. 

R o u i l lard, A., Dr., Effets du tebac sur l’intelligenoe et en particulier sur la 
memoire. Paris, J. B. Bailliere & Als, 1886. 8. 28 p. 

Treves, F., The influence of clothing on bealth. London, Casell & Co., 1886. 
8. 2 sh. 


Anhang: Alkoholismus. 

Colajanni, N. f L’alcoolismo, sue consequenze morali e sue cause. Parte 1. e 2. 
Catania, Tropea, 1886. 8. 204 p. 3 L. 

Kienholz, E., Der Branntwein und das Volks wohl. Berlin, Feldmann, 1886. 
gr. 8. 15 S. 0*30 M. 

Tourdot, A. L. A., Dr., De l’alcoolisme dans la Seine-Inferieure. Paris, Ollier- 
Henry, 1886. 4. 126 p. 


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Dr. Richard Wehmer, Ueber Abdecker und Abdeckereien. 197 


Ueber Abdecker und Abdeckereien. 

Von Dr. Richard Wehmer in Frankfurt a. 0. 


Historisches und Etymologisches. 

Während der Scharfrichter oder Henker bereits dem classischen Alter- 
thume, besonders den Römern, bekannt war und auch von Rom aus zusammen 
mit dem „Römischen Rechte“ erst relativ spät zu uns importirt wurde, ist sein 
naher Verwandter, der Abdecker, ein einheimisches Product des Mittelalters ! ), 
sowohl in Deutschland, wie in Frankreich. Zu jener frühen Zeit, als noch in 
Deutschland vielfach die Vollstreckung der richterlichen Bluturtheile durch¬ 
aus ehrlichen, ja allgemein geachteten und angesehenen Leuten anheim fiel, 
wie z. B. dem jüngsten Rathsherrn, oder auch gelegentlich dein jüngst- 
verheiratheten Bürger der Stadt u. dergl., lag der Abdecker schon als all¬ 
gemein für unehrlich angesehene Person seinem unästhetischen und doch 
für die öffentliche Gesundheit so wichtigen Gewerbe ob. Wie schon sein 
Name besagt, war seine wichtigste Beschäftigung, von anderer dem Begriffe 
jener frühen Zeit nach gleich verächtlichen Thätigkeit, wie Reinigung der 
öffentlichen Canäle, Controle der öffentlichen Dirnen etc. etc., denen sich 
später das Einfangen toller Hunde zugesellte, abgesehen, wesentlich die, die 
gefallenen Thiere abzudecken, d. h. ihnen die Decke, die Haut, abzunehmen 
lat. detegere 3 ), sie zu schinden, lat. excoriare , franz. icorcher , daher der 
Name „Schinder“, excoriator , ecorcheur . — Gleiches bedeutet auch das viel¬ 
fach gebrauchte Wort „Kafiller“, das allerdings erst später im 17. Jahr¬ 
hundert auftaucht 3 ). 

Das Wort, welches nach Weigand 3 ) auch wohl Kafeller oder Kafaller ge¬ 
sprochen wurde, lehnt an das niederdeutsche viller oder feiler, filier, wie das 
Wort in Aachen lautete 4 ), = Schinder (Hautabzieher), vielleicht auch an das 
bayerische Wort „das Gefill“ = Recht des Abdeckers auf das gefallene Vieh, an. — 
Seiner Entstehung nach ist indessen Kafiller oder Kafeller auf das rothwälsche 
Wort Caveller, Cafaller, Kafaller = Schinder, excoriator, zurückzu führen B ) und 
abzuleiten vom Talmudischen kefal, welches im Syrischen „abziehen“ be¬ 
deutet und diese Bedeutung auch in seiner Paelform btij? kappe! wahrt. 


*) Dr. Benecke, „Von unehrlichen Leuten“. Hamburg, Besser & Hauke, 1863, 
S. 120 ff. 

а ) Jac. u. Willi. Grimm, Deutsches Wörterbuch. Leipzig, Salomon Hirzel, 1854, 
sub. „Abdecker“. 

3 ) Weigand, Deutsches Wörterbuch, 2. Aufl. Giessen 1873. J. Ricker’sclie Buch¬ 
handlung. 1. Bd. S. 749. 

4 ) Lex er, Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Leipzig, Salomon Hirzel, 1876. 

б ) Moscherosch, Gesichte Philander von Sittewald’s II, 635 u. 649. 

Viertetyahrsschrift für Gesundheitspflege, 1887. 13* 


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198 


Dr. Richard Wehmer, 

Der Abdecker hatte seine Wohnung vor der Stadt, manchmal, wie 
z. B. in Frankfurt a. 0., auch gegenüber dem Judenviertel, Ghetto, dessen 
Thore er schliessen musste 1 ). Sonst wohnte er an einem freien unbebauten 
Lande, dem „Schindanger“ oder „Schandanger“, ein Name, der ohne Weiteres 
zu verstehen ist, da eben auf ihm der Abdecker das gefallene Vieh abzog, 
schindete. Die abgezogenen Cadaver oder Aeser wurden dort — ebenso 
wie übrigens auch die Selbstmörder — verscharrt. Doch war dies relativ 
selten. Meist blieben sie liegen, bis sich die raub- und aasfressenden Thiere, 
ferner unzählige Maden und die niederen Organismen ihrer bemächtigten, 
von denen in Paris die Maden, asticote , als Hühnermastfutter einen geschätz¬ 
ten Handelsartikel bildeten s ). 

Oder der Abdecker verfütterte die Aeser auch wohl an seine Schweine 
und Hunde, ein Umstand, der bekanntlich mehrfach die Ursache für Tri- 
chinenepidemieen geworden ist. 

Dass übrigens diese Schindanger oder „Aeserplätze“ s ), wie man sie 
wegen der dort angehäuften faulenden Aeser meist in Oesterreich nannte, 
oder „Luderstellen“ die Umgegend weithin verpesteten, bedarf keiner be¬ 
sonderen Ausmalung. 

Mit den Worten Aas, Cadaver, steht übrigens ein anderer, jetzt in seiner 
Bedeutung total umgeänderter Ausdruck in Beziehung, nämlich „Schelm“, 
wie man den Abdecker gelegentlich nannte, ein Wort, das besonders oft 
auch in der Zusammensetzung von „Schelmensippen“ gebraucht wurde. 

Dies Wort kommt her von schelme, schelm, schälm, schalm auch schölm 
und bedeutet (einmal Seuche, sodann aber): todter Körper, Aas, Cadaver 4 ), in 
welcher Bedeutung es z. B. die alte Strassburger Städtechronik braucht, wo es 
heisst 6 ): „do hlibent die erdrunken tiere und Schölmen üf dem felde ligen 
und stunkent sere.“ 

Adelung 6 ) sagt: „schelm ist ein im Hochdeutschen völlig unbekanntes 
Wort und bedeutet eigentlich ein abgezogenes todtes Vieh, in welchem Ver¬ 
stände es noch in Niedersachsen hin und wieder gangbar ist, wo „sein Pferd 
zum Schelmen machen lassen u so viel ist, als es abdecken lassen.“ — Bei Hans 
Sachs ist z. B. „ein Schelmengeschmack“ so viel als ein Aasgeruch. 

Die in Süddeutschland manchmal gebrauchten Worte „Fallmeister“ 
„Fallmeister ei“ erklären sich leicht von selbst; das Wort bedeutet die mit 
gefallenem Vieh sich abgebende Person und Einrichtung. 

Im Oberdeutschen werden der „Schindanger“ und „Schinder“ sehr oft 
„Wasen “ und „Wasenmeister“, die Abdeckerei auch „Wasenmeisterei“ 
genannt. * 


1 ) Ueberlieferung der jüdischen Gemeinde daselbst; auf dem Rogenannten Judenviertel 
wurde später (1506) die Universität, auf der Wohnstätte des Abdeckers vor wenigen 
Decennien die Prcrrinzial-Gewerbeschule gebaut. 

*) Reel am, Die Beseitigung der Thierleichen ohne hygieinische Nachtheile und zum 
Vortheile der Gemeindecasse. — Gesundheit, 1. Jahrg. (1876), S. 113. 

8 ) Nowak, Lehrbuch der Hygiene. Wien 1883, S. 793. 

4 ) Leier, Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Leipzig, Salomon Hirzel, 1876, Bd. II, 
S. 694. 

6 ) Strassburger Städtechronik, 528, 13 (im 14. u. 15. Jahrh.). Leipzig 1862. (Leier, 1. c.) 

6 ) Adelung, Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der 
hochdeutschen Mundart. Leipzig, Joh. Gottl. Jram. Breitkopf, 1786, Fol. 22. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 199 

Das in diesen Ausdrücken enthaltene Wort „Wasen“ hängt keineswegs, wie 
wohl gelegentlich fälschlich angenommen wird, mit „Aas“ zusammen, sondern 
kommt von dem mittelhochdeutschen Worte „wasen“ 1 ), althochdeutsch waso, 
wallonisch toazon 2 ), französisch gazon , mittellateinisch guaso , hängt zweifellos mit 
„wachsen“ zusammen und bedeutet so viel wie cespes , locus graminosus/ Rasen 3 ). 

Tsohudi 4 ) unterscheidet noch ausdrücklich „Wyse“, d. h. „ein rechtes Stück, 
das man mähen kann, pratum“, von „Wasen“, „einem Winkel oderStreiff, so mit 
Gras bewachsen“. 

Auch das Wort „verwasen“ = „mit Rasen, Gras bedecken, verwachsen“ 
hängt mit „wasen“ zusammen, nicht aber das sehr ähnlich klingende verwäzen 
= verwesen, verderben, zu Grunde gehen, was von wäz = Wehen, Sturm, 
Athem etc. herkommt 5 ). 

In späteren mittelalterlichen Zeiten, als das Römische Recht und mit 
ihm der Scharfrichter nach Deutschland gekommen war, wurden sehr häufig 
beide Aemter derselben Person übertragen, oder aber der Abdecker war der 
Gehülfe, der erste Knecht des Scharfrichters 6 ). 

So ist im „Arheil. Cent. Weisthum“ 7 8 ) §. 4 vorgeschrieben, „wann von 
nöthen ist Galgen, Leiter oder Räder aufzurichten, so soll der Nachrichter 
am ersten, nach ihme der Wasenmeister angreifen“. 

Aus der Vereinigung der beiden Aemter resultiren dann wieder einige 
Namen und Bezeichnungen für den Abdecker, welche eigentlich nur dem 
Scharfrichter zukommen. 

Hierher gehört die in Hamburg übliche Bezeichnung Frohn 6 ), corrum- 
pirt aus „Frohnboten“, einer Bezeichnung, welche ursprünglich dem durch¬ 
aus ehrlichen und angesehenen Gerichtsboten, dem vröne bote 9 ), früher bote 
vrone = heiligen und unverletzlichen Boten (vrön, althochdeutsch frön, ist 
Adjectivum) zukamen. Da dieser aber, ohne dadurch seiner Ehrlichkeit 
und seinem Ansehen zu schaden, in früheren Zeiten, wie anderwärts die 
jüngsten Rathsherren, worauf zu Anfang bereits hingedeutet wurde, die 
Verpflichtung des Aufhängens und sonstigen Justificirens hatte, so ging 
später nicht nur das Amt, Bondern auch der Name an den — seinerseits nun 
aber unehrlichen — Scharfrichter über. — Noch jetzt hat der Hamburger 
Frohn ausser der Abdeckerei die Hinrichtungen mittelst des Fallbeils zu 
besorgen 10 ). 

Scharfrichter und Schinder wurden, um sie in gewissem Grade für ihre 
Unehrlichkeit zu entschädigen, mit mancherlei Privilegien ausgerüstet; sie 

1 ) Adelung, 1. c. Bd. V, 1. Hälfte, sub. „wasen“. 

2 ) E. Litt re, [Prof. d. Medicin], Dictionnaire de la langue fran 9 aise, Paris 1878, 
Librairie de L. Hachette. 

8 ) Joh. Leonh. Frisch, Teutsch-Lateinisches Wörterbuch. Berlin, Chr. G. Nikolai 
1741, Fol. 425. Ferner: Christiani Gottlob Haitaus, Glossarium germanicum medii 
aevi, Lipsiae 1758, Joh. Ferd. Gledisch. — Adelung, 1. c. Bd. V. — Math. Lezer, 
1. c. Bd. Hl, S. 702. 

4 ) Tschudi, T. II, p. 161, citirt von Frisch, 1. c. Fol. 425. 

ß ) Lexer, 1. c. Bd. UI, S. 297. 

Ä ) Dr. Beneke, Von unehrl. Leuten. 

7 ) In D. Ge Lud. Boehmeri Exerc. de Contena Sublimi, App. p. UI, citirt bei Hai¬ 
taus 1. c. 

8 ) Conf. Dr. Beneke, 1. c. S. 126, 127. 

9 ) Weigand, Deutsches Wörterbuch. Giessen 1873. J. Ricker’sche Buchh. S. 497 u. 498. 

10 ) Esser in Eulenberg’s öffentl. Gesundheitswesen. Berlin 1881, Bd. I, S. 55. 


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200 


Dr. Richard Wehm er, 

waren von Abgaben befreit, daher der Name „Frei mann“; der Abdecker 
hatte ferner in seinem Bezirke das sogenannte Bannreoht auf jedes ge¬ 
fallene Stück Vieh, das ihm gehörte, er hatte ferner das Privilegium des 
ausschliesslichen Gewerbebetriebes. 

Ja, zu dem privilegirten Heilpersonale der niedrigsten Ordnung 
gehörte der Scharfrichter - Abdecker Jahrhunderte lang 1 ). Nach Haeser 
erklärt sich dies wohl daher, dass er sich der durch die Tortur Gemarter¬ 
ten annahm, ihre ausgerenkten Glieder einrichtete, andererseits aber daher, 
dass die einmal in den Händen des Scharfrichters befindlich gewesene 
Person „unehrlich“ wurde und somit auf die Hülfe desselben immer ange¬ 
wiesen war. 

So hatten die Scharfrichter in Holland schon im 7. Jahrhundert das 
Recht, Fracturen und Luxationen einzurichten. 

In Deutschland war es nicht viel anders; ja selbst die Wundärzte 
hatten mit ihnen zu kämpfen und mussten es erleben, daBS in Berlin König 
Friedrich I. sogar den Scharfrichter Coblenz zu seinem Hof- und Leib- 
medicus ernannte *). 

Dass das Volk aber auch sonst noch trotz der Unehrlichkeit des Ab¬ 
deckers oft und viel seine ärztliche Hülfe in Anspruch nahm, kann nicht 
Wunder nehmen. Musste nicht eine dem Mysticismus in so hohem Maasse 
ergebene Zeit, wie das Mittelalter, besonders bei sog. „verzauberten“ Schäden, 
diesen Leuten „die Kenntniss geheimer Künste beilegen, welche ihnen aus 
dem Verkehre mit gefolterten Hexen zuflossen“ 8 ) und sie desshalb gerne 
consultiren ? 

Umgekehrt wurde aber auch streng darauf gehalten, dass der Abdecker 
sich Nichts anmaasste, was ihm nicht zukam. So warnte sie z. B. König 
Friedrich Wilhelm I. in Preussen davor, zu hohe Taxen zu erheben, 
und erliess 4 ), als einmal einige Abdecker sich hatten beikommen lassen, 
alte blaue Militärröcke zu tragen, unter dem 15. Juli 1727 eine „Ordre 
an alle Scharfrichter und Abdecker in den Königlichen Landen, 
dass sie von nun an keine andere als dunkelgraue Kleidung und keine 
Degen tragen sollten“. 

Um so fester hielten sie dafür aber ihre Privilegien. Selbstredend wurden 
häufig Versuche gemacht, dem Abdecker seine Rechte zu schmä¬ 
lern. In früheren Zeiten pflegte in Fällen, wo Jemand dem Abdecker ein 
gefallenes Stück Vieh nicht ausgeliefert hatte, der letztere dem Defrau¬ 
danten sein langes Messer in den Hausthürpfosten zu stechen, wo jener es 
nicht selbst entfernen konnte, um nicht ebenfalls unehrlich zu werden. 
Vielmehr blieb ihm meist Nichts übrig, als durch Geld und Bitten den Ab¬ 
decker zur Entfernung des ihn der öffentlichen Lächerlichkeit aussetzenden 
Messers zu bewegen 5 ). 


1 ) Haeser, Geschichte der Medicin. Jena, Hermann 1875, Bd. I, S. 845. 

*) G. Fischer, Chirurgie vor 100 Jahren. Leipzig 1876. 8. S. 61 ff. (Citirt bei 

Haeser, Gesch. der Medicin Bd. II. Jena, Gust. Fischer, 1881, S. 433.) 

8 ) Haeser, 1. c. 

4 ) Mylius, Corpus constitutionum Marchicarum, Berlin und Halle, 1740, V. Bd. 
S. 116. 

5 ) Beneke, „Von unehrlichen Leuten“. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


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Später pflegte er dann den Schutz der Behörden für sich in Anspruch zu 
nehmen. So wurden in Preussen *) am 18. Mai 1667, den 23. Mai 1662, 
den 22. April 1689, den 11. Februar 1704, den 12. November 1707, den 
30. Juni 1721 und den 29. April 1772 derartige Edicte erlassen. Das 
letzte derselben, welches noch bis in unser Jahrhundert hinein Gültigkeit 
hatte, bestimmte u. A. 

„Jedermann ist schuldig, das ausser der Viehseuche abgestandene, auch 
beim Schlachten unrein gefundene Vieh (Schafe ausgenommen) dem Scharf¬ 
richter oder Abdecker des Districts sofort gegen Erlegung des festgesetzten 
Trinkgeldes, für die Meile ä 2 Groschen, an den Boten anzusagen; wie denn 
auch erweislich rotzige und ganz incurable Pferde nicht verkaufet, ver¬ 
tauschet oder versohenket, in Gleichen die zur ferneren Arbeit gänzlich 
untüchtig gewordenen Pferde nicht an fremde Scharfrichter verhandelt, 
sondern an den Scharfrichter und Abdecker des Districtes abgeliefert werden 
müssen. 41 — Weiter: „übrigens sollen die Scharfrichter und Abdecker . . . . 
von Einquartirung, Servis, Contribution, Anlagen und anderen Oneribus 
publicis , auch der Mahlzinse, ferner befreit bleiben.“ 

Als beiläufige Bemerkung sei übrigens hier erwähnt, dass nach Parent- 
Duch&telet und Payen die Abdecker, ebenso wie die Fleischhauer 
und überhaupt diejenigen Arbeiter, welche mit der Behandlung thierischer 
Substanzen beschäftigt wären, dem Auftreten epidemischer Krank¬ 
heiten gegenüber sich einer gewissen Immunität zu erfreuen 
hätten. Lay et, der diese Bemerkung bringt 9 ), sagt mit Recht, dass diese 
Beobachtung noch sehr weiterer Bestätigung bedürfe. 

Unser gegenwärtiges Jahrhundert hat auch in den Abdeckerei- 
Verhältnissen vielfache Aenderungen vorgenommen. Dieselben sind aber, 
wie schon hier angedeutet werden mag, keineswegs ausreichend gewesen, 
vielmehr ist leider Manches noch in einem wahrhaft erschreckenden mittel¬ 
alterlichen Zustande. 

Ein drastisches Bild in dieser Beziehung von dem Zustande allerdings 
nicht einer deutschen Abdeckerei, sondern einer unserer Nachbaren jenseits 
des Rheines, entwirft Reclam 3 ). Freilich muss dabei bedacht werden, dass 
die Franzosen sowohl wie die Italiener in derartigen Dingen nicht sehr fein¬ 
fühlig sind. Man denke nur an die skandalösen Aborteinrichtungen, wie 
sie sich oft in den elegantesten Hotels und feinsten Restaurants finden, eine 
schreck volle Erinnerung für jeden deutschen Reisenden, der je dort gewesen! 

Reclam schildert den Pariser Schindanger von Montfaucon, wie er bis 
1849 gewesen, wo er erst in Folge der Cholera aufgehoben wurde, folgender- 
maassen: 

„Die Arbeit des Ablederns führt unvermeidbare Verunreinigungen herbei, deren 
Beseitigung die hohe Lage des Ortes und der hierdurch hervorgerufene Wasser¬ 
mangel fast unmöglich machte. Dazu kam, dass man die Eingeweide derThiere 
absichtlich in freier Luft liegen liess, um durch deren Fäulniss eine kleine 
Industrie auszuführen“ (Verkauf der Fliegenlarven, asticots ; s. o. S. 198). „Die 


*) Horn, Das preussische Veterinär-Medicinalwesen. Berlin 1858, S. 177. 

2 ) Allg. und specielle Gewerbepathologie und Gewerbehygiene von Dr. Alexander 
Layet; deutsch von Dr. Friedr. Meinel. Erlangen, Ed. Besold, 1877, S. 135. 

*) Reclam, 1. c. Gesundheit I, S. 113. 


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Dr. Richard Wehmer, 

grossen Hänfen von Eingeweiden verbreiteten auf weite Entfernung einen 
schauerlichen Pestgeruch. Da auch die Därme aus den Schlachtereien von Paris 
in besondere flache Gruben abgeladen wurden, so bestand neben dem geschil¬ 
derten ein zweiter Fäulnissherd, dessen Gestank jede Vorstellung übersteigt und 
jeder Beschreibung spottet. — Die neu ankommenden Fuhrwerke vermochten 
des üblen Geruches wegen, welcher sogar die Pferde scheuen und aufbäumen 
machte, nicht nahe herbeizufahren, und man war gezwungen, die neuen Ladun¬ 
gen so entfernt als möglich von den alten abzuladen, wodurch die offene Riesen- 
kloake immer grösser wurde. — Unendlich ekelhaft und widerlich war der Ort 
für die Abdeckerei der Pferde; Gerippe mit dem Fleische und Stücke der Ein¬ 
geweide lagen zerstreut auf dem Boden umher. Man beerdigte sie nicht. 
Wöchentlich einmal wurden die Pferdecadaver, etwa 150 an der Zahl, zu einem 
grossen Haufen geschichtet und verbrannt, wobei die bereits getrockneten oder 
vom letzten Male halb verbrannten als Brennmaterial dienten. Wenn regnerisches 
Wetter war, Hess sich diese Verbrennung nicht ausführen; die enthäuteten 
Cadaver und Gerippe sammelten sich zu grösserer Menge an. Als ich im Jahro 
1847 die Gräuelstätte besuchte, lagen nicht weniger als gegen 500 über und neben 
einander. Nach Tardieu’s Erzählung fand man früher sogar 20 Jahre alte 
halb verbrannte Gerippe. Man schichtete deren etwa 800 zu einem ungeheuren 
Scheiterhaufen, in welchem das Feuer länger als vierzehn Tage Nahrung fand.“ 

Derartig mittelalterliche Zustände bestanden also noch vor wenig Jahr¬ 
zehnten in Paris. — Ob es in unserem deutschen Vaterlande nirgends 
ähnliche Verhältnisse, wenn auch in entsprechend geringerem Umfange, 
gegeben haben mag? Ich wage es zu bezweifeln. 

Der Cantonalthierarzt Lentz sagt sogar noch im Jahre 1873/1874 in seinem 
amtlichen Berichte: „In Saar-Union selbst wird kein crepirtes Thier eingegraben; 
man findet auf einen Kilometer'vom Wasenplatze ganze Köpfe von Pferden und 
anderen Thieren, welche auf dem Felde liegen.“ — „Das crepirte Vieh bleibt 
auf dem Felde liegen, bis die Raben und Wölfe es ganz aufgezehrt haben.“ 
(Zündel, Generalbericht über die Hausthiere in Elsass-Lothringen pro 1873/1874, 
S. 34.) 

An Bemühungen der Behörden, Aehnliches zu verhüten, hat es nicht 
gefehlt; das beweisen z. B. in Prenssen die mannigfachen desshalb in 
unserem Jahrhundert erlassenen Verfügungen, so die Circularverfügung 
vom 26. Februar 1817, in welcher u. A. sowohl Abdecker, wie Einwohner, 
die selbst ihr Vieh abledern, zur Befolgung der bezüglichen polizeilichen 
Vorschriften angehalten werden, ferner ein am 13. Juli 1846 von der Regie¬ 
rung zu Coblenz erlassenes Abdeckerei-Reglement u. A. 

Die wichtigste Aenderung unseres Jahrhunderts in Betreff der 
Person des Abdeckers ist die Aufhebung der Unehrlichkeit des Abdeckers 
und seines Gewerbes. Freilich fielen dafür auch mancherlei Privilegien, so 
die Berechtigung, wundärztliche Functionen auszuüben, ferner an vielen 
Orten die Zwangs- und Bannrechte, in jüngster Zeit kam durch das Gesetz 
vom 17. März 1868 die Aufhebung ihrer ausschliesslichen Gewerbeberechtigung, 
Ausfälle, für die sie allerdings dann pecuniär entschädigt wurden. (Das 
letztgenannte Gesetz ist noch nicht überall durchgeführt.) 

Dagegen bemühte man sich, den nicht mehr unehrlichen Abdecker 
moralisch zu heben und ihm ein grösseres Ansehen zu geben, um gleich¬ 
zeitig dabei sich der Möglichkeit einer gewissen Auswahl unter den Persön¬ 
lichkeiten, welche das Abdeckereigewerbe betrieben, zu versichern. — So 
wurde in Preussen durch die Allgemeine Gewerbeordnung vom 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 

17. Januar 1845 *) nicht nur die Nothwendigkeit einer polizeilichen Ge¬ 
nehmigung für Betreibung des Abdeckereigewerbes, sondern im §. 45 sogar 
die Beibringung eines besonderen Bef&higungszeugnisses vorge¬ 
schrieben. 

Letzteres erhielt der Abdecker, wenn er sich der Prüfung nach dem Regle¬ 
ment vom 29. September 1846 unterzog und vor einer aus dem Departements¬ 
thierarzte oder einem Kreisthierarzte und dem Landrathe oder einem von diesem 
zu ernennenden Stellvertreter seine Fertigkeiten und Kenntnisse darlegte. — 
Entere musste er durch Obduction eines Thiercadavers beweisen, letztere soll¬ 
ten in der Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, und in einer allgemeinen 
Kenntniss der normalen und pathologischen Thieranatomie mit besonderer Be¬ 
ziehung auf die Thierseuchen, fernerhin auch in einer Kenntniss der einschläg- 
lichen gesetzlichen Bestimmungen bestehen. 

Die Einführung der allgemeinen Gewerbefreiheit hat auch die Notli- 
wendigkeit und die Bedeutung dieses Examens aufgehoben, auch ist seit 
dieser Zeit das Abdeckereigewerbe nicht mehr steuerfrei. 

Fassen wir nun die gegenwärtige Stellung des Abdeckers in das 
Auge, so sehen wir, wie derselbe zunächst seiner scharfrichterlichen Func¬ 
tion seit Abschaffung der Tortur und der complicirten Todesstrafen allmälig 
fast überall verlustig gegangen ist. Auch in der allerjüngsten .Vergangenheit, 
in welcher nach Einführung des neuen allgemeinen Reichsstrafgesetzbuches 
in Deutschland wieder die Todesstrafen etwas häufiger geworden, sind es nur 
einzelne als besondere Virtuosen dieses speciellen Zweiges zu bezeichnende 
Personen, welche sich mit der Vollstreckung der Todesstrafen befassen. Der 
Abdecker hat jetzt im Wesentlichen nur die Thiere abzuziehen und ihre 
Cadaver zu beseitigen. 

Dagegen ist demselben eine andere umfangreiche Thätigkeit von grosser 
Wichtigkeit geworden: *Die Aufnahme von seuchekranken oder 
seucheverdächtigen Thieren in den von ihm zu unterhaltenden 
sogenannten Contumazställen zum Zwecke der thierärztlichen Beobachtung. 
Unter ihnen nehmen einen hervorragenden Platz die Hunde ein. Ihr 
Einfangen hält, besonders da, wo Steuermarke und Maulkorb- oder Hals¬ 
bandzwang oder das Führen an der Leine vorgeschrieben sind, die Leute 
des Abdeckers in steter Thätigkeit. Diese Beschäftigung aber hat dem Ab¬ 
decker, wenigstens von Seiten des hundebesitzenden und hundeliebenden 
Publicums, ein Odium eingetragen, welches dem ihm früher in Folge seiner 
Unehrlichkeit anhaftenden an Intensität wenig nachgeben dürfte. 

Dies Odium hat aber auch seine guten Seiten. Denn in Folge dessen 
ist der Hundefang des Abdeckers einer steten Controle des Publicums, 
ganz abgesehen von den Thierschutzvereinen, und in Folge dessen auch 
von Seiten der Aufsichtsbehörden ausgesetzt. Freilich geschehen trotzdem 
mancherlei Unregelmässigkeiten. — So musste z. B. der Landrath und 
Polizeidirector zu Frankfurt a. 0. im Jahre 1820 eine besondere Verfügung 
erlassen, nachdem er wegen Ausbruch der Tollwuth das Anlegen der 


a ) Horn, Das preussische Veterinär-Medicinalwesen. Berlin 1858, Ang. Hirschwald, 
S. 176 u. 177. 


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Dr. Richard Wehmer, 

Hunde an die Kette und du Führen derselben an der Leine einerseits, 
andererseits aber du Wegfangen und Tödten der frei herumlaufenden Hunde 
bestimmt hatte. Denn der Frankfurter Scharfrichter hatte für sich und 
seine Knechte einen sehr ergiebigen Erwerbszweig dadurch sich bereitet, 
dass er dem Publicum bestimmte Hundehalsbänder verkaufte und die mit 
diesen versehenen Hunde nicht wegfing. — Uebrigens wollen wir aber auf 
die ganze Hundefrage specieller hier nicht eingehen, da sie ausserhalb des 
Bereiches unseres eigentlichen Themu liegt. 

Um so wichtiger ist aber die andere, recht eigentliche Thätigkeit des Ab¬ 
deckers, die Beseitigung der gefallenen oder wegen Krank¬ 
heiten bezw. aus anderen Gründen, nicht im Interesse der 
Schlächterei getödteten Thiere. 

Das Abdeckereigewerbe ist mithin ein sehr wichtiges Glied in der Frage 
von der Beseitigung der öffentlichen Abfälle im weitesten Sinne des Wortes, 
indem es zwischen dem Leichenbestattungswesen einerseits und der Besei¬ 
tigung der menschlichen und gewerblichen Abfallstoffe andererseits — Ab¬ 
fuhr, Canalisation — das verbindende Mittelglied darstellt, während es 
ausserdem in vielen Dingen dem Gebiete der Fleischschau sich nähert. 


Literatur. 

Je mehr man die eben angeführte Wichtigkeit und Vielseitigkeit der 
Abdeckereiangelegenheit betrachtet, um so mehr muss die principielle Ver¬ 
nachlässigung auffallen, welche von Seiten der öffentlichen Gesundheitspflege 
diesem Gegenstände im Allgemeinen in der Literatur zu Theil geworden 
ist. — Sehr viele Lehrbücher der öffentlichen Gesundheitspflege behandeln 
den Gegenstand gar nicht, so z. B. auch das grosse Handbuch der Hygiene 
von der Ziemssen’sehen Sammlung. 

Ebenso arm ist die sonstige sowohl medicinalpolizeiliche und hygienische, 
wie veterinärärztliche Literatur an Publicationen, welche diesen Gegenstand 
behandeln. 

Erst in allerneuester Zeit hat man angefangen, demselben etwas näher 
zu treten, veranlasst durch den damit zusammenhängenden Erlass des Reichs¬ 
viehseuchengesetzes vom 23. Juni 1880, und ganz besonders hat sich mit 
der Frage der Regelung des Abdeckereiwesens einmal der Deutsche 
Veterinärrath in seiner am 3. und 4. August 1878 zu Hannover statt¬ 
gehabten vierten Versammlung (Bericht darüber in Augsburg 1876 bei 
W.Lüderitz erschienen), sodann aber der Deutsche Landwirthschafts- 
rath in seiner Sitzung vom 18. Januar 1881 befasst. (Bericht hierüber 
im Archiv des Landwirthschaftsrathes. Berlin, Paul Parey. V. Jahrg. 
1881, Heft Nr. 6.) 

Diese Berichte bieten denn auch ein besonders werthvolles Material für 
unsere Frage, während in zweiter Linie von neueren Arbeiten über den 
Gegenstand noch zu nennen wären: 

1. Der Artikel über Abdeckereiwesen von Prof. Dr. Esser (Göt¬ 
tingen) inEulenberg’s Handbuch des öffentlichen Gesundheitswesens. 
Berlin 1881, Aug. Hirschwald, Bd. I, S. 48 bis 68. Ferner: 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 

2. Der Artikel über „Abdeckerei oder Beseitigung der Thier- 
cadaver“ in Eulenberg’s Handbuch der Gewerbehygiene. 
Berlin, Aug. Hirschwald, 1876, S. 590 bis 592. 

3. Der Artikel über „Abdeckereien in Nowak* s Lehrbuch der 
Hygiene“. Wien, Toeplitz & Deuticke, S. 793 bis 796. 

4. Die bereits mehrfach citirte Arbeit Prof. Carl Reclam’s „Die Be¬ 
seitigung der Thierleichen ohne hygieinische Nachtheile 
und zum Vortheile der Gemeindecasse“. — Gesundheit I. Bd, 
Nr. 8 u. 12. 

5. Der Artikel über „Abdeckereien von Prof. Dr. Soyka (Prag)“ in 
Eulenburg’s Realencyklopädie der gesammten Heilkunde. Wien u. Leipzig, 
Urban & Schwarzenberg, 1885, Bd. I, S. 10 bis 18. 

Weiterhin enthalten werthvolles Material die: 

6. Generalberichte Zündel’s über den Gesundheitszustand 
der Hausthiere, welche derselbe von 1872 ab jährlich veröffentlicht, 
und die bis zum Jahre 1877 das Unter-Elsass (gedruckt in Strassburg 
bei 0. Fischbach), von da ab Elsass-Lothringen betreffen (gedruckt in 
Strassburg bei R. Schultz & Co. bis 1881, 1882 wieder bei 0. Fischbach). 

Endlich ist von Wichtigkeit die Thätigkeit des Deutschen Vereins 
für öffentliche Gesundheitspflege, indem derselbe in seiner IV. Ver¬ 
sammlung zu Düsseldorf am 30. Juni 1876 verhandelte über „die Gefah¬ 
ren, welche der Gesundheit des Menschen von kranken Haus¬ 
sieren drohen, und über die zu ihrer Bekämpfung gebotenen 
Mittel u . — Das diesbezügliche Referat von Prof. 0. Bollinger findet 
sich in der „Deutschen Zeitschrift für Thiermedicin und vergl. Pathologie“, 
Bd. III, Heft 1 u. 2, 1876. 


Gesetzliohe und rechtliche Verhältnisse. 

Wegen der verschiedenen Materien, in welche das Abdeckereiwesen 
eingreift einerseits, und wegen des Alters und der anscheinenden Unantast¬ 
barkeit der vielen Einzelrechte und Privilegien andererseits ist es eine 
grosse Anzahl sowohl von Gesetzesparagraphen, als auch von anderweitigen 
rechtlichen Bestimmungen, welche hier in Frage kommen. 

Handelt es sich doch nicht allein um die Gewerbeberechtigung und 
den Gewerbebetrieb, sondern auch um die sehr wichtige Frage der Vieh¬ 
seuchentilgung und der Nahrungsmittelfiberwachung. Alles dies sind Dinge, 
welche zwar anscheinend in Deutschland, auf das die nachstehenden Aus¬ 
lassungen sich allein beziehen sollen, durch Reichsgesetze einheitlich 
geregelt sind, deren speciellere Ausführung in den einzelnen Bundesstaaten 
aber trotzdem noch sehr verschieden ist. Wir können im Nachstehenden 
des beschränkten Raumes dieser Zeitschrift wegen nur auf die Reichsgesetze 
und allenfalls die preussischen Bestimmungen näher eingehen, während 
rücksichtlich der übrigen Staaten nur die wichtigeren hiervon abweichenden 
Bestimmungen erwähnt oder etwas specieller besprochen sind. — Aber auch 
rücksichtlich Preussens ist es unmöglich, jede Regierungsverfügung, jede 
Polizeiverordnung anzuführen, um so mehr, als dieselben häufig nur Er¬ 
läuterungen von Reichs- oder Landesgesetzen darstellen. 

13** 


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Dr. Richard Wehmer, 

Deutsches Reich. 

1. Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich. 

§. 328. Wer die Absperrungs- oder Aufsichtsmaassregeln oder Einfuhrver¬ 
bote, welche von der zuständigen Behörde zur Verhütung des Einführens oder 
Verbreitens von Viehseuchen angeordnet worden sind, wissentlich verletzt, wird 
mit Gefängniss bis zu einem Jahre bestraft. 

§. 367. Mit Geldstrafe bis zu einhundertfünfzig Mark oder mit Haft wird 
bestraft: 

7) wer verfälschte oder verdorbene Getränke oder Esswaaren, insbesondere 
trichinenhaltiges Fleisch feilhält oder verkauft. 

2. Gesetz vom 17. März 1868 (für den Norddeutschen Bund), betreffend 
die Aufhebung und Ablösung bisher bestehender ausschliess¬ 
licher Gewerbeberechtigungen. 

(Das später auch auf das ganze Deutsche Reich ausgedehnte Gesetz hat 
aber bisher nur auf eine verhältnissmässig kleine Anzahl von Abdeckereien, 
deren Privilegien und Rechte in Gemässheit desselben abgelöst worden sind, 
Anwendung gefunden.) 

3. Reichsgewerbeordnung vom 21. Juni 1869. 

§. 16. Zur Errichtung von Anlagen, welche durch die örtliche Lage oder 
Beschaffenheit der Betriebsstätte für die Besitzer oder Bewohner der benach¬ 
barten Grundstücke oder für das Publicum überhaupt erhebliche Nachtheile, 
Gefahren oder Belästigungen herbeiführen können, ist die Genehmigung der 
nach den Landesgesetzen zuständigen Behörde erforderlich. 

Es gehören dahin:.chemische Fabriken aller Art, . . . Leim-, 

Thran- und Seifensiedereien, Knochenbrennereien, Knochendarren, Knochen- 
kochereien und Knochenbleichen, Zubereitungsanstalten für Thierhaare, . . . 
Abdeckereien, . . . Pudrette- und Düngpulverfabriken. 

Ferner sind von Wichtigkeit die §§. 17, 18, 24* und 25, dessen Schlusspassus 
lautet: 

Diese Bestimmungen finden auch auf gewerbliche Anlagen (§§. 16 und 24) 
Anwendung, welche bereits vor Erlass dieses Gesetzes bestanden haben. 

4. Reichsgesetz, Maassregeln gegen die Rinderpest betreffend, 
vom 7. April 1869 (auf Bayern und Württemberg am 2. November 1871, 
auf Eisass-Lothringen am 11. December 1871 ausgedehnt 1 ), nebst revidirter 
Instruction zu demselben vom 9. Juni 1873. 

Ges. §. 1. (Competenzen der Behörden.) 

§. 2. (Maassregeln gegen die Seuche.) 

§. 3. (Entschädigung für da9 gefallene und getödtete Vieh.) 

§. 4. (Anzeigepflicht.) 

§. 5. (Verpflichtung der Einwohner an den Seucheorten zur Ausführung 
der polizeilichen Maassregeln.) 

Instruction §. 8. Wird in den . . . Fällen (sc. des Auftretens der Rinder¬ 
pest in der Nähe eines deutschen Ortes) die angeordnete Sperre durchbrochen, 
so sind die der Sperre unterworfenen Thiere sofort zu tödten und zu verscharren, 
giftfangende Sachen aber zu vernichten oder zu desinficiren. 

§. 9. (Controlmaassregeln in den Grenzkreisen.) 

§. 12. Der Besitzer darf dann (d. h. wenn die Rinderpest in einem Orte 
ausgebrochen ist) die kranken Thiere nicht schlachten oder tödten, etwa 


1 ) Beyer: Viehseuchengesetze. Berlin, Paul Parev, 1886, S. 229. 


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207 


Ueber Abdecker und Abdeckereien. 

gefallene Thiere aber nicht verscharren oder sonst beseitigen, ehe die Natur 
der Krankheit festgestellt ist. Bis dahin sind todte Thiere so aufzubewahren, 
dass das Hinzukommen von Thieren und Menschen abgehalten wird. 

§. 13. (Feststellung der Seuche durch den competenten Thierarzt.) 

§. 17 bis 19. (Controle des Fleisch- und Viehmarktes.) 

§. 20 bis 24. (AbsperrungBmaassregeln.) 

§. 25. Alles an der Rinderpest erkrankte oder derselben verdächtige Vieh 
ist sofort zu tödten. 

Rinder gelten stets für verdächtig, sobald sie mit erkrankten Stücken in 
demselben Stalle gestanden, die Wärter, Futtergeräthschaften oder Tränke 
gemeinschaftlich gehabt haben, oder sonst mit erkrankten Stücken in eine 
mittelbare oder unmittelbare Berührung gekommen sind . . . 

In grösseren Städten und auf den unter regelmässiger veterinärpolizeilicher 
Controle stehenden Schlachtviehhöfen kann die Verwerthung der Häute und des 
Fleisches von Thieren, welche bei der Untersuchung im lebenden und ge¬ 
schlachteten Zustande gesund befunden worden sind, gestattet werden. Das 
Schlachten der betreffenden Thiere muss jedoch unter veterinärpolizeilicher 
Aufsicht in geeigneten Räumen stattfinden, auch dürfen das Fleisch und die 
inneren Theile erst nach dem Erkalten abgefahren und die Häute nur dann 
ausgeführt werden, wenn sie entweder vollkommen getrocknet sind, oder drei 
Tage in Kalkmilch (1 : 60) gelegen haben. 

§. 26. Die getödteten Thiere, bezüglich deren nicht die Bestimmung im 
letzten Absätze des §. 25 Anwendung findet, sind zu verscharren. Zu diesem 
Behufe sind geeignete Plätze, möglichst entfernt von Wegen und Gehöften, an 
solchen Stellen zu benutzen, wohin kein Rindvieh zu kommen pflegt. So weit 
möglich, sind wüste und gar nicht oder wenig angebaute,Stellen zu wählen. 
Die Verscharrungsplätze sind zu umzäunen und mit solchen Pflanzen zu be¬ 
setzen, welche schnell wachsen und tiefe Wurzeln treiben. 

Die Gruben müssen so tief gemacht werden, dass die Erde mindestens 2m 
hoch die Cadaver bedeckt. 

§. 27. TÖdten und Verscharren erfolgt, so weit möglich, durch die Einwohner 
des inßcirten Gehöftes. 

Personen aus anderen Orten, insbesondere auch ausserhalb des Ortes 
wohnende Abdecker, dürfen nur dann, wenn keine geeignete Ortseinwohner 
vorhanden sind, verwendet werden. Zur Verhütung der Verschleppung der 
Rinderpest durch solche Personen sind die geeigneten Maassregeln zu ergreifen. 

§. 28. Die Stelle, an der die Viehstücke getödtet werden sollen, hat der 
Ortscommissar unter Zuziehung des bestellten Thierarztes, unter Berücksichtigung 
der Vermeidung jeder Verschleppungsgefahr, zu bestimmen. 

(Beseitigung der sonstigen Abfallstoffe; Transportbestimmungen.) 

§. 29. (Abledern verboten; Bestimmungen in Betreff des Verscharrens; Be¬ 
schüttung der Cadaver mit Kalk; Ausstellen von Wachen.) 

§. 30 bis 35. (Sperrebestimmungen.) 

§. 36. (Bestimmungen für grosse Städte und Schlachthäuser.) 

§. 37 bis 46. (Maassregeln nach dem Erlöschen der Seuche.) 

5. Reichsgesetz, betreffend Zuwiderhandlungen gegen die 
zur Abwehr der Rinderpest erlassenen Vieheinfuhrverbote 

vom 21. Mai 187 8. 

(Enthält Strafbestimmungen.) 

6. Reichsgesetz, betreffend die Abwehr und Unterdrückung 
von Viehseuchen. Vom 23. Juni 1880, nebst: Instruction des 
Bundesrathes der §§. 19 bis 29 des Gesetzes vom 23. Juni 1880, 
betreffend die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen. 

Vom 12./24. Februar 1881. 


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Dr. Richard Wehmer, 


II. Unterdrückung der Viehseuchen im Inlande. 

1. Allgemeine Vorschriften, 
a. Anzeigepflicht. 

§. 9. Der Besitzer von Hausthieren ist verpflichtet, von dem Ausbruche 
einer der in §. 10 angeführten Seuchen . . . sofort der Polizeibehörde Anzeige 
zu machen .... 

Die gleichen Pflichten liegen demjenigen ob, welcher in Vertretung des 
Besitzers der Wirthschaft vorsteht .... 

Zur sofortigen Anzeige sind auch die Thierärzte und alle diejenigen 
Personen verpflichtet, welche sich gewerbsmässig mit der Ausübung der Thier¬ 
heilkunde beschäftigen, ingleichen die Fleischbeschauer, sowie diejenigen, welche 
gewerbsmässig mit der Beseitigung, Verwerthung oder Bearbeitung thierischer 
Cadaver oder thierischer Bestandtheile sich beschäftigen, wenn sie, bevor ein 
polizeiliches Einschreiten stattgefunden hat, von dem Ausbruche einer der 
nachbenannten Seuchen oder von Erscheinungen unter dem Viehstande, welche 
den Verdacht eines Seuchenausbruches begründen, Kenntniss erhalten. 

§. 10. Die Seuchen, auf welche sich die Anzeigepflicht (§. 9) erstreckt, sind 
folgende: 1) der Milzbrand; 2) die Tollwuth; 3) der Rotz (Wurm) der Pferde, 
Esel, Maulthiere und Maulesel; 4) die Maul- und Klauenseuche des Rindviehs, 
der Schafe, Ziegen und Schweine; 5) die Lungenseuche des Rindviehs; 6) die 
Pockenseuche der Schafe; 7) die Beschälseuche der Pferde und der Bläschen¬ 
ausschlag der Pferde und des Rindviehs; 8) die Räude der Pferde, Esel, Maul¬ 
thiere, Maulesel und Schafe. 

Der Reichskanzler ist befugt, die Anzeigepflicht vorübergehend auch für 
andere Seuchen einzuführen. 


c. Schutzmaassregeln gegen Seuchengefahr. 


§. 24 (6). Die Tödtung der von der Seuche erkrankten oder verdächtigen 
Thiere. 

Dieselbe darf nur in den Fällen angeordnet werden, welche in diesem 
Gesetze ausdrücklich vorgesehen sind . . . 

(d. h. in den Fällen: 

des §. 13, wo es sich um Zerlegung eines Thieres behufs der sicheren 
Ermittelung des Seuchenausbruches handelt; 

des §. 25, wenn Thiere in verbotwidpiger Benutzung u. 8. w. betroffen 
werden; 

der §§. 34, 37 und 38, welche wuthkranke oder der Tollwuth verdächtige 
Thiere betreffen; 

der §§. 40 und 42, welche von rotzkranken oder rotzverdächtigen Thieren 
handeln; 

des §. 45, welcher lungenseuchekrankes oder -verdächtiges Rindvieh betrifft; 

des §. 45, welcher von in Schlachtviehhöfen und Schlachthäusern aufgestelltem 
erkranktem oder verdächtigem Schlachtvieh handelt). 

§. 26 (7). Die unschädliche Beseitigung der Cadaver solcher Thiere, welche 
an der Seuche verendet, in Folge der Seuche oder in Folge des Verdachtes 
getödtet sind, und solcher Theile des Cadavers kranker oder verdächtiger 
Thiere, welche zur Verschleppung der Seuche geeignet sind (Fleisch, Häute, 
Eingeweide, Hörner, Klauen u. s. w.), endlich der Streu, des Düngers oder anderer 
Abfälle kranker oder verdächtiger Thiere. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


209 


A. Milzbrand. 

§. 31. Thiere, welche am Milzbrand erkrankt oder dieser Seuche verdächtig 
sind, dürfen nicht geschlachtet werden. 

§. 32. Die Vornahme blutiger Operationen an milzbrandkranken oder der 
Seuche verdächtigen Thieren ist nur approbirten Thierärzten gestattet. 

Eine Oeffnung des Cadavers darf ohne polizeiliche Erlaubnis nur von 
approbirten Thierärzten vorgenommen werden. 

§. 33. Die Cadaver gefallener oder getödteter milzbrandkranker oder der 
Seuche verdächtiger Thiere müssen sofort unschädlich beseitigt werden. 

Die Abhäutung derselben ist verboten. 

Die gleichen Vorschriften finden beim Ausbruche des Milzbrandes unter 
WildBtänden auf die Cadaver des gefallenen oder getödteten Wildes Anwendung. 
Hierzu: §. 8, Absatz 2 der Instruction zur Ausführung der §§. 10 bis 20 
genannten Gesetzes. — Publieirt am 24. Februar 1881. Jeder Verkauf 
oder Gebrauch einzelner Theile, der Haare, der Wolle, der Milch oder sonstiger 
Producte von milzbrandkranken oder der Seuche verdächtigen Thieren ist zu 
verbieten. 

Instruction §. 11, Die Cadaver gefallener oder getödteter milzbrandkranker 
oder der Seuche verdächtiger Thiere müssen durch Anwendung hoher Hitze¬ 
grade (Kochen bis zum Zerfall der Weichtheile, trockene Destillation, Ver¬ 
brennen) oder sonst auf chemischem Wege unschädlich beseitigt werden. Die 
hierdurch gewonnenen Producte können frei verwendet werden. 

Wo ein derartiges Verfahren nicht ausführbar ist, erfolgt die Beseitigung 
der Cadaver durch Vergraben, nachdem die Haut durch mehrfaches Zerschneiden 
unbrauchbar gemaoht und die Cadaver mit roher Carbolsäure, Theer oder 
Petroleum begossen worden sind, 

Zur Vergrabung der Cadaver sind solche Stellen auszuwählen, welche von 
Pferden, Wiederkäuern und Schweinen nicht betreten werden, und an welchen 
Viehfutter weder geworben noch vorübergehend aufbewahrt wird. 

Die Gruben sind von Gebäuden mindestens 30 m, von Wegen und Gewässern 
mindestens 3m entfernt und so anzulegen, dass die Oberfläche der Cadaver 
von einer unterhalb des Randes der Grube mindestens 1 m starken Erdschicht 
bedeckt wird. 

Die Abhäutung der Cadaver ist verboten. 

Instruction §, 12, Absatz 4. (Betrifft den Transport.) 

Instruction §. 13. Die Vorschriften der §§. 11 und 12 finden auch beim 
Ausbruche des Milzbrandes unter Wildständen auf die Cadaver des gefallenen 
oder getödteten Wildes Anwendung, 

Instruction §. 14. (Beseitigung der Excremente und sonstigen Abfälle.) 

B. Tollwuth. 

§. 34. Hunde oder sonstige Hausthiere, welche der Seuche verdächtig sind, 
müssen von dem Besitzer, oder demjenigen, unter dessen Aufsicht sie stehen, 
sofort getödtet oder bis zu polizeilichem Einschreiten in einem sicheren Be- 
hältniss ein gesperrt werden. 

§. 36. Das Schlachten wuthkranker oder der Seuche verdächtiger Thiere 
und jeder Verkauf oder Verbrauch einzelner Theile, der Milch oder sonstiger 
Erzeugnisse derselben ist verboten. 

§. 37. Ist die Tollwuth an einem Hunde oder an einem anderen Hausthiere 
festgestellt, so ist die sofortige Tödtung des wuthkranken Thieres und aller 
derjenigen Hunde und Katzen anzuordnen, rücksichtlich welcher der Verdacht 
vorliegt, dass sie von dem wuthkranken Thiere gebissen sind. 

Liegt rücksichtlich anderer Hausthiere der gleiche Verdacht vor, so müssen 
dieselben sofort der polizeilichen Beobachtung unterworfen werden 

Viertoljfthnaohrlfl für Gesundheitspflege, 1887. ] j 


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210 


Dr. Richard Wehmer, 

Zeigen sich Sparen der Tollwuth an denselben, so ist die sofortige Tödtung 
auch dieser Thiere anzuordnen. 

Ausnahmsweise kann die mindestens dreimonatliche Absperrung eines der 
Tollwuth verdächtigen Hundes gestattet werden etc. 

§. 39. Die Cadaver der gefallenen oder getödteten wuthkranken oder der 
Senche verdächtigen Thiere müssen sofort unschädlich beseitigt werden. 

Das Abhäuten derselben ist verboten. 

Die Ausführungsinstruction bestimmt hierzu: 

a. Hunde. 

§. 16, Absatz 3. (Einsperrung der Tollwuth verdächtiger Hunde zum Zwecke 
der Beobachtung.) 

§. 18. (Amtliche Section der getödteten oder gestorbenen Hunde.) 

§. 19. Ist die Tollwuth eines Hundes festgestellt, so ist die sofortige Tödtung 
desselben anzuordnen. 

c. Andere Hausthiere. 

§. 23. (Andere mit Wuthgift inficirte — gebissene — Hausthiere sind zur 
Beobachtung einzusperren.) 

Die Abschlachtung solcher Thiere ist gestattet (vergl. jedoch §. 29). Im 
letzteren Falle müssen vor weiterer Verwerthung des Thieres diejenigen Körper- 
theile, an welchen sich Bisswunden befinden, unschädlich beseitigt werden. 

C. Hotz (Wurm) der Pferde, Esel, Maulthiere und Maulesel. 

§. 40. Sobald der Rotz (Wurm) bei Thieren festgestellt ist, muss die un¬ 
verzügliche Tödtung derselben polizeilich angeordnet werden. 

§. 41. Verdächtige Thiere unterliegen der Absonderung und polizeilichen 
Beobachtung mit den nach Lage des Falles erforderlichen Verkehrs- und 
Nutzungsbeschränkungen oder der Sperre (§§. 19 bis 22). 

§. 42. (Betrifft die Tödtung verdächtiger Thiere.) 

§. 43. Die Cadaver gefallener oder getödteter rotzkranker Thiere müssen 
sofort unschädlich beseitigt werden. 

Das Abhäuten derselben ist verboten. 

Hierzu §. 39 der Instruction: Die Tödtung der rotzkranken Pferde muss 
an abgelegenen oder an anderen, von der Polizei für geeignet erachteten Orten 
erfolgen. Bei dem Transporte nach diesen Orten muss dafür Sorge getragen 
werden, dass jede Berührung der rotzkranken Pferde mit anderen Pferden ver¬ 
mieden wird. 

§. 40 derselben Instruction. Die Cadaver gefallener oder getödteter 
rotzkranker Pferde sind durch Anwendung hoher Hitzegrade (Kochen bis zum 
Zerfall der Weichtheile, trockene Destillation, Verbrennen) oder sonst auf 
chemischem Wege sofort unschädlich zu beseitigen. 

Wo ein derartiges Verfahren nicht ausführbar ist, sind die Cadaver an 
abgelegenen Orten zu vergraben, nachdem die Haut durch mehrfaches Zer¬ 
schneiden unbrauchbar gemacht ist. 

Die Gruben sind so tief anzulegen, dass die Oberfläche der Cadaver von 
einer mindestens 1 m starken Erdschicht bedeckt wird. 

Das Abhäuten der Cadaver, sowie die Benutzung der Haare und Hufe ist 
verboten. 

§§. 57 bis 64 des Gesetzes. (Entschädigung für getödtete Thiere.) 

III. Strafvorschriften (im Gesetze). 

§. 65. Mit Geldstrafe von 10 bis 150 Mark oder mit Haft nicht unter 
einer Woche wird bestraft: 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 211 

1) wer . . . Thiere einführt, welche an einer übertragbaren Seuche 
leiden; . . . 

2) wer ... die Anzeige . . . unterlässt ... 

3) wer den Vorschriften der §§. 31 bis 33 zuwider an Milzbrand erkrankte 
oder der Krankheit verdächtige Thiere schlachtet, blutige Operationen an 
denselben vornimmt, oder die Cadaver derselben abhäutet oder vorschriftswidrig 
eine Oeffnung derselben vornimmt, oder es unterlässt, dieselben sofort unschäd¬ 
lich zu beseitigen; 

4) wer den zum Schutze gegen die Tollwuth . . . ertheilten Vorschriften 
zuwider handelt; 

5) wer den Vorschriften ipi §. 43 zuwider die Cadaver gefallener oder 
getödteter rotzkranker Thiere abhäutet oder nicht sofort unschädlich beseitigt; 

7) Reichsgesetz, betreffend den Verkehr mit Nahrungs¬ 
mitteln, Genussmitteln und Gebrauchsgegenständen. Vom 
14. Mai 1879. 


Man sollte meinen, dass durch die vorstehenden Reichsgesetze die ganze 
Materie ziemlich klar geregelt sei. 

Es ist dies indessen keineswegs der Fall, da durch dieselben, besonders 
durch die Gesetze vom 17. März 1868 und 21. Juli 1869 (Gewerbegesetze), die 
in den einzelnen Staaten bestehenden besonderen Landesgesetze und örtlichen 
Bestimmungen noch nicht aufgehoben sind. 

Preussen 1 ). 

Das Gesetz vom 11. März 1850, welches die Verwaltungsbehörden 
ermächtigt, für ihre Bezirke gültige Polizeivorschriften zu erlassen, und 

das Gesetz vom 13. December 1872, betreffend die Kreisordnung, 
bestimmen im Allgemeinen die Competenzen der Aufsichtsbehörden, welche mit 
unserer Materie zu thun haben. 

Specieller gehören hierher: 

1. Die technische Anleitung zur Wahrnehmung der den 
Kreisau8schüs8en durch §. 135, Nr. 1 der Kreisordnung vom 

13. December 1872 hinsichtlich der Genehmigung gewerblicher 
Anlagen übertragenen Zuständigkeiten nach den Vorschlägen 
der technischen Deputation für Gewerbe, erlassen vom Mini¬ 
ster für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten unter dem 

14. April 1875. 


II. Einzelne Anlagen. 

26. Abdeckereien. 

Es ist eine bekannte Thatsache, dass der Betrieb von Abdeckereien Uebel- 
stände durch Verbreitung übelriechender Dünste hervorbringt. Uebelriechende 
Dünste entstehen beim Zerlegen der Thiercadaver, beim Trocknen der Felle, 
der Flechsen und anderer Theile der Thierkörper, entwickeln sich aus den 
Gruben, in welchen Thiercadaver verscharrt wurden, namentlich wenn dieselben 
nicht genügend tief angelegt worden sind. Da bisher keine zur Beseitigung 
dieser Uebelstände geeigneten Mittel existiren, so müssen Abdeckereien in 
möglichst entlegene Gegenden verwiesen werden. Bei der Beurtheilung der 


*) Unter theilweiser Benutzung von: B. Beyer, Geh. Ober - Regierungsrath, Vieh- 
seuchengesetze. Berlin, Paul Parey, 1886. 

Vergl. auch Dr. Ewald Woli'f, Regierungs- und Medicinalrath zu Breslau, die neuen 
Veterinärgesetze. Breslau, Wilh. Gottl. Korn, 1876. 

14* 


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212 


Dr. Richard VVehmer, 

Zulässigkeit einer solchen Anlage kommt es namentlich auf die Entfernung der 
nächsten Wohnhäuser und der in der Umgegend vorhandenen Wege an. Oeffent- 
liehe Verkehrsstrassen dürfen in nicht zu geringem Abstande vorhanden sein, 
weil die Passanten durch üble Gerüche belästigt werden, auch die Pferde leicht 
vor dem Aasgeruche scheuen. 

Ueber die einzuhaltenden Entfernungen lassen sich allgemeine Bestimmungen 
desshalb nicht vorschreiben, weil hierbei vorwiegend die localen Verhältnisse, 
die Beschaffenheit des Terrains, die vorherrschenden Windrichtungen etc. in 
Betracht kommen resp. bezüglich der Zulässigkeit derartiger Anlagen ent¬ 
scheidend sind. 

Um den Arbeitsplatz möglichst abzugrenzen* auch die Betriebsoperation den 
Augen der Passanten thunlichst zu entziehen, ist es zweckmässig, den Arbeits¬ 
platz mit einer mindestens 2*5 m hohen, dichten Umfriedigung (Wand- und 
Bretterzaun) zu umgeben. Ausserdem empfiehlt sich eine Umpflanzung dieser 
Umfriedigung mit einer Hecke. 

27. Poudrette- und Dungpulverfabriken. 

Dieser Gewerbebetrieb verursacht erhebliche Belästigungen, wenn in den 
Anstalten Latrinenstoffe oder thierische Abfälle, als Blut, Fleisch etc., verarbeitet 
werden. Da bisher keine Mittel bekannt geworden sind, durch welche die bei 
diesem Betriebe hervortretenden in der Verbreitung höchst übelriechender 
Dünste beruhenden Uebelstände beseitigt werden, so müssen solche Anlagen 
(wie auch die Abdeckereien) in möglichst abgelegene Gegenden verwiesen 
werden. 

Zu den Düngepulvern gehören auch gewisse chemische Präparate, wie 
Superphosphat, Düngesalze etc. Anstalten, welche derartige Producte herstellen, 
gehören zu den chemischen Fabriken, für deren Concessionirung die Bezirks- 
Regierung zuständig ist. 

Der Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten. 

2. Preussisches Gesetz, betr. die Ausführung des Reichs¬ 
gesetzes über die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen. 
Vom 12. März 1881. 

Der §. 25 des Gesetzes legt den Gemeinden und Gutsbezirken die Ausführung 
für die Seuchenmaassregeln auf ihre Kosten, ebenso die Beschaffung der 
nöthigen Hülfsmännschalten, Transportmittel etc. zur Beseitigung der Cada- 
ver etc., sowie die Beschaffung eines geeigneten Verscharrungsplatzes auf. 

3. Erlass des Ministers für Landwirthschaft, Domänen und 
Forsten an die Oberpräsidenten, Regierungspräsidenten und 
Landdrosten, betreffend die Ausführung des Reichsgesetzes 
vom 23. Juni 1880 und des preussischen Gesetzes vom 12. März 
1881, sowie der Instruction des Bundesraths vom 22. März 1881. 

4. Reglements derProvinzial- und Communalverbände über 
die Aufbringung der Entschädigung für rotzkranke Pferde 
und lungenseuchekrankes Rindvieh. 

Derartige Reglements, in Betreff deren hier auf das schon erwähnte 
Beyer’sche Werk verwiesen sei, sind, besonders in den letzten Jahren, in den 
verschiedenen Provinzen und Regierungsbezirken erlassen worden. 

Ihre Ergänzung in Betreff der Rinderpest bildet: 

5. Circularverfügung desMinisters der geistlichen-, Unter¬ 
richts- und Medicinalangelegenheiten, betreffend die Ueber- 
nahme der durch die Maassregeln gegen die Rinderpest er¬ 
wachsenden Kosten auf Reichsfonds vom 19. Januar 1872. 

6. Gesetz, betreffend die Errichtung öffentlicher aus¬ 
schliesslich zu benutzender Schlachthäuser. Vom 18. März 1868. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 213 

Von specielleren Verfügungen, wie solche wahrscheinlich auch anderwärts 
erlassen worden sind, seien erwähnt: 

Eine kurfürstlich-hessische Verordnung vom 26. Mai 1824 x ) 
für die Provinz Hessen-Nassau. 

§. 2. Das an einer ansteckenden Krankheit gefallene Vieh darf nicht von 
dessen Eigenthümer, sondern nur vom Wasenmeister fortgeschafft und ver¬ 
scharrt werden etc. 

Verfügung der königl. Regierung zuKönigsberg vom 3. April 
1820. „Insoweit nicht unzweifelhafte Privilegien oder sonstige gültige Ver¬ 
leihungen entgegenstehen, ist jeder Eigenthümer eines gefallenen Stückes Vieh 
befugt, solches selbst abzuledern oder durch seine Leute abledern und mit 
Beobachtung der polizeilichen Vorschrift verscharren zu lassen.“ etc. . . . 

Bekanntmachung der Landdrostei Stade vom 26. Juli 1844. 

Verfügung der königl. Regierung in Potsdam vom 5. Ma/z 1861, 
welche das Fortbestehen der alten Abdeckerei-Privilegien in Erinnerung bringt. 

Polizeiverordnung des königl. Polizei-Präsidiums zu Berlin, be¬ 
treffend das Abdeckereiwesen. Vom 28. September 1876. 

Polizeiverordnung 2 ), betreffend die gefallenen Hausthiere im 
Regierungsbezirk Minden; vom 28. September 1885. 

Polizei Verordnung 8 ), betreffend die Cada verbeseitigung bei 
Viehseuchen im Regierungsbezirk Minden, vom 19. Februar 1886. 

Eine Verfügung der königl. Regierung in Oppeln vom 6. März 1883, 
welche in Betreff des daselbst ausgebrochenen Milzbrandes die nöthigen Er¬ 
läuterungen und Belehrungen erlässt, empfiehlt als beste Methode der Beseitigung: 
das Verbrennen der Cadaver oder das Kochen bis zum völligen Zer¬ 
fall der Weichtheile 4 ). 

Verordnung 6 ), betreffend das Metzgergewerbe und den 
Fleisehhandel, sowie Dienstanweisung für Fleischbeschauer 
im Bezirk Unter-Elsass vom 31. Januar 187 6. 

Ferner zahlreiche andere, die Fleischschau und das Viehseuchengesetz 
betreffende Regierungs- und Polizeiverordnungen. 

Daneben findet sich eine ausserordentliche Menge von Reservatrechten 
und Privilegien der alten Abdeckereien, deren Ursprung oft noch Jahrhun¬ 
derte weit zurückreicht. — Dieselben sind besonders in jüngster Zeit, ebenso 
wie das Publicandum vom 29. April 1772, wieder vielfach hervorgesucht 
worden^, als es sich um die Einführung der Gewerbefreiheit und die Ab¬ 
lösung einzelner Abdeckereiprivilegien handelte. — Kam es hierbei zu 
gerichtlichen Verhandlungen, so fiel die Entscheidung sehr verschieden aus, 
je nachdem angenommen wurde, dass die betreffenden Privilegien als per¬ 
sönliche oder als reale aufzufassen seien. 

An manchen Orten, wie in Frankfurt a. d. Oder, waren diese Rechte 
im Grundbuche auf das Abdeckereigrundstück eingetragen. 

Da nun die Verhältnisse so ausserordentlich coraplicirt liegen, da 
fernerhin die Grundlagen für eine speciellere Ablösung, wie ordnungsmässig 


*) Das Nachstehende meist unter Benutzung von Prof. Orth’s Correferat in der 
Sitzung des Deutschen Landwirthschaftsrathes vom 18. Januar 1881. (A. d. d. Landwirth- 

schaftsrathes, V. Jahrg. 1881. Heft 6. S. 207 bis 215.) 

2 ) Grosser: Medicinalgesetzgebung 1885, S. 80. 

8 ) Grosser: Medicinalgesetzgebung 1886, 8. 60. 

4 ) Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege, Bd. XV (1883), S. 695 
bis 697. 

6 ) Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege, Bd. IX, S. 166 bis 167. 


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214 


Dr. Richard Wehmer, 

geführte Bücher der Abdecker, oft ganz fehlen, da weiter die Forderungen 
in einem solchen Falle ganz exorbitante sein können — so müsste z. B. der 
einzige Kreis Kassel eventuell mindestens 100 000 Mark auf bringen 1 ) — 
so ist die Ablösung nur an einzelnen Orten durchgeführt. — Bisweilen, 
z. B. auch in Frankfurt a. d. Oder, sind dann die alten Abdecker nach¬ 
träglich von der Polizei wieder auf Kündigung angestellt worden. 

Rechtlich stellt sich nun im Allgemeinen der Zustand folgender- 
maassen: 

In vielen Gegenden sind keinerlei Abdecker oder Abdeckereien vor¬ 
handen. So entbehrt, um einzelne beliebige Beispiele herauszugreifen, die 
grössere südliche Hälfte des Kreises Guben *), der ganze Landkreis Danzig s ) 
derselbe?. Gleiches gielt von vielen Landestheilen in Sachsen, in der Rhein¬ 
provinz, im früheren Herzogthum Nassau, in Hannover, in Lüneburg, in 
Westphalen 4 ) etc. 

Auch im Ober-Eisass fehlen vielfach die Wasenmeister, die bis zur 
französischen Revolution existirten, nachher aber ausgestorben sind 5 ). 

Am nächsten kommen diesen abdeckerlosen Bezirken die sehr grossen 
Abdeckereibezirke; so ist z. B. 4 ) in der Provinz Brandenburg ein Ab¬ 
deckereibezirk 40 Quadratmeilen gross, in Preussen einer über 18, ein 
anderer über 20 Quadratmeilen gross; ebenso bildet fast der ganze Kreis 
Landsberg a. W. 6 ) einen einzigen Abdeckereibezirk; Gleiches gielt vom 
Kreise Rummelsburg in Pommern, wo der eine Bezirk 72 Ortschaften um¬ 
fasst 7 ). 

In derartig grossen Bezirken ist es thatsächlich wegen der zu grossen 
räumlichen Entfernungen durchaus unmöglich, dass der eine Abdecker 
überall seine Rechte ausübe oder seinen Pflichten nachkomme. — Dann kom¬ 
men die kleineren Bezirke und Orte mit besonderen fabrikartigen Etablisse¬ 
ments. 

Im Allgemeinen wechseln die Gegenden mit Abdeckern ab mit solchen, 
welche derselben entbehren; viele der letzteren besitzen noch Wasen¬ 
plätze. — Noch sei erwähnt, dass in den Orten, wo grössere fabrikenartige 
Etablissements zur Verarbeitung mittelst thermochemischer Apparate sich 
befinden, meist der Besitzer oder Pächter derselben mit der betreffenden 
Stadt in einem die Verhältnisse regelnden contractlichen Verhältnisse steht.— 
So ist es z. B. in Berlin, in Leipzig, wie hier vorweggenommen werden mag, 
und anderwärts. 

Jedenfalls zeigt diese Schilderung die ausserordentliche Mannigfaltig¬ 
keit dieser Zustände, welche praktisch einer Rechtsunsicherheit rücksichtlich 
dessen, wer im entsprechenden Falle abzudecken hat, sehr nahe zu kommen 
scheinen. 


] ) Archiv des deutschen Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg. 1881. 6. Heft, S. 210. 
2 ) Mittheilung des Kreisphysicus Dr. Klamroth. 

8 ) Mittheilung des Kreisphysicus Dr. Freymuth. 

4 ) Correferat des Prof. Orth, 1. c. S. 207. 

6 ) Archiv des deutschen Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg. 1881, 6. Heft, S. 215. 

6 ) Mittheilung des Kreisphysicus Dr. Simon. 

7 ) Mittheilung des Kreisphysicus Dr. Kraft. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


215 


Bayern. 

Wir erwähnen hier als für unsere Materie von besonderer Wichtigkeit nur: 

Polizeistrafgesetzbuch vom 26. December 1871, §. 71. Io Gemäss- 
heit dieses Paragraphen sind besondere ober polizeiliche Vorschriften x ) für ein¬ 
zelne Regierungsbezirke erlassen, z. B. für Niederbayern und Oberbayern. — 
Es ist z. B. die Verscharrung nur auf Wasenplätzen vorzunehmen, an den Wasen¬ 
meister in 12 bis 18 Stunden, bei Seuchen in 6 Stunden Anzeige zu erstatten. 
Fleischverkauf und Viehmästung sind dem Abdecker verboten, derselbe hat eine 
Liste zu führen und erhält besondere Gebühren, kann aber zur Uebernahrae 
der öffentlichen Dienstleistungen gezwungen werden. 

Ausführungsgesetz zum Reichsviehseuchengetz vom 21. März 
1881. 

Oberpolizeiliche Vorschrift vom 12. Mai 1875, betreffend das Weg¬ 
schaffen etc. gefallener und getödteter Thiere etc. 

Von Wichtigkeit ist ferner die oberpolizeiliche Vorschrift vom 
28. April 1875 2 ), welche beim Ausbruche des Milzbrandes in den bayerischen 
Alpen die Verbrennung der Cadaver sowie ihrer Abfallmassen (Blut, Dünger, 
Streu) obligatorisch macht. Nur wenn die Verbrennung unausführbar ist, ist 
die Vergrabung mindestens 9 Decimeter tief gestattet. Am Milzbrand gefallene 
Thiere sind bis zu ihrer Beseitigung mit Erde wenigstens handhoch zu bedecken, 
damit der Zutritt von Fliegen unmöglich wird. Der zwangsweise Abtrieb der 
Heerden von den verseuchten Alpen kann als Strafe bei Nichtbeachtung der 
polizeilichen Bestimmungen verordnet werden. 

Die unschädliche Beseitigung von Thierleichen betr. ist 
von der königl. bayerischen Regierung von Schwaben und Neu¬ 
burg unterm 6. Juni 1881 auf Antrag des thierärztlichen Kreisvereins etc. 
an die königl. Bezirksämter der Auftrag ergangen, die Gemeinden zur Her¬ 
stellung von Verscharrungsplätzen für Thierleichen unter Beachtung der Be¬ 
stimmungen des §. 5 der oberpolizeilichen Vorschriften vom 12. Mai 1875 zu 
veranlassen, da solches nicht bloss im Interesse der Thierbesitzer gelegen ist, 
sondern auch mit den veterinärpolizeilichen Rücksichten im Einklänge steht 8 ). 

In Betreff der Fleischschau wurden die Verordnungen der königl. 
bayerischen Regierung von Schwaben und Neuburg vom 10. Ja¬ 
nuar 1857 und von der königl. bayerischen Regierung derPfalz 
vom 20. August 1869 erlassen 4 ) etc. 

Württemberg. 

Ministerial verfügun g vom 21. August 1879. 

Orth 5 ) führt hieraus folgende Paragraphen in seinem mehrfach erwähnten 
Correferate im Deutschen Landwirtschaftsrathe an: 

Im §. 2 heisst es: Von dem Umstehen oder der beabsichtigten Beseitigung 
abgängiger Pferde, Esel, Rindviehstücke, Ziegen, Schafe und Schweine sind die 
Eigenthümer verpflichtet, der Ortspolizei alsbald Anzeige zu machen, wenn sie 
die Thierleichen verscharren, oder ganz oder theilweise veräussern wollen. Im 


x ) Nach Orth’s Correferat, 1. c. 

2 ) Bollinger, Zeonofen in Ziemssen’s Handbuch, Bd. 111, S. 523. 

8 ) Wochenschrift f. Thierheilkunde von Adam, 1881, S. 243. 

4 ) Gerl ach, die Fleischkost des Menschen. Berlin 1875, Aug. Hirschwald, S. 122 
u. 127. 

5 ) Archiv des deutschen Landwirthschaftsrathes, V. Jahrgang, 1881, Heft 8, S. 213. 


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210 Dr. Richard Wehmer, 

§. 4: Das Abledern und Verscharren der an keiner ansteckenden Krankheit 
gefallenen Thiere kann auf dem Grunde der Eigenthümer stattfinden. 

§. 7. Bei ansteckenden Krankheiten muss die Beseitigung unter polizeilicher 
Aufsicht geschehen. 

§. 9. Bei Milzbrand und Wuth sind die Cadaver mit Fell zu verscharren. 

§. 10. Bei Rotz ist das Abledern gestattet. (Das Reichsviehseuchengesetz 
verbietet dies.) 

§. 21. Insoweit der Eigenthümer seine gefallenen oder getodteten Thiere 
selbst zu verwenden oder vorschriftsmässig zu beseitigen nicht im Stande ist, 
tritt die polizeiliche Fürsorge der Gemeinde ein. Zu diesem Zwecke hat sie 
dafür zu sorgen, dass für den allgemeinen Gebrauch der Gemeinde ein Wasen¬ 
platz mit den erforderlichen Einrichtungen — Abdeckerei — zur Verfügung 
steht. (Es ist hier also der Wasenplatz obligatorisch.) 

§. 23. Das Oberamt erkennt über die Errichtung der Wasenplätze nach 
der deutschen Gewerbeordnung. 

§. 24. Die Besorgung der Wasenplätze liegt zu verpflichtenden Personen 
(Wasenmeister) ob.... Er muss die erforderliche Tüchtigkeit haben. (Die Wasen¬ 
meister werden also in Eid genommen und sind Diener der Gemeinde.) 

§. 26. Die Gebühren sind von der Ortsbehörde festzustellen. 

In Betreff der Fleischschau besteht eine Verfügung des Ministe¬ 
riums des Inneren vom 14. März 18 60 l ). 

B a o h s e n. 

Hier herrscht nach Orth 9 ) völlige Freiheit betreffs der Verwerthung der 
Cadaver, ohne dass sich ein Bedürfnis nach Wiederherstellung des Abdeckerei¬ 
zwanges gezeigt haben soll. Als Missstand aber habe es sich gezeigt, dass bei 
Vorkommen von Rinderpest es an Abdeckereipersonal fehlte. 

Für Nothschlachtungen besteht die Bestimmung, dass hierzu die poli¬ 
zeiliche Genehmigung einzuholen ist 3 ). 

Baden 4 ). 

Hier sind von besonderer Wichtigkeit: * 

Die Verordnung vom 17. August 1865 betreffend die Behand¬ 
lung gefallener oder auf polizeiliche Anordnung getödteter 
Thiere. 

Nach derselben hat der Besitzer die Pflicht der Vergrabung binnen 24 
Stunden. 

Im §. 5. heisst es: Jede Gemeinde für sich oder mehrere Gemeinden haben 
für einen Wasenplatz zu sorgen. 

§. 6. Jede Gemeinde hat für das nöthige Abdeckereipersonal zu sorgen. 
Der Abdecker ist zu verpflichten . und hat veterinärpolizeiliche üebertretungen 
anzuzeigen. 

Allgemeine Dienstanweisung für die Abdecker vom 21. Aug. 
1865. 

Der Abdecker hat auf Verlangen der Besitzer die betreffenden Thiere ab¬ 
zuholen und zu vergraben; in der Regel muss dies bei Nacht geschehen. Je 
nach der Uebereinkunft mit dem Besitzer kann der Abdecker die todten Thiere 
technisch oder ökonomisch nutzen. Der Abdecker hat das öffentlich zum Ver- 


') Gerl ach, die Fleischkost etc., S. 127. 

a ) A. d. d. Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg., 1881, Heft 6, S. 215. 
8 ) Conf. Flinzer, V. f. g. Med. XL. Bd., S. 318 ff. 

4 ) A. d. d. Landwirthschaftsrathes, 1. c. S. 213 u. 214. 


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217 


Ueber Abdecker und Abdeckereien. 

kaufe gestellte ungeniessbare Fleisch zu beseitigen und muss bei ansteckenden 
Krankheiten dem Bezirksthierarzt Mittheilung machen. Ueber die zugebrachten 
Thiere hat er ein fortlaufendes Verzeichniss zu führen, unter Angabe der Zeit 
des Verbringens der Eigenthümer und der Ursache des Fallens und Tödtens. 

Rucksichtlich der Fleischschau gilt der Erlass des Grossherzogl. 
badischen Ministeriums des Inneren vom 17. August 1865 1 ). 

Hessen. 

InHessen gilt die in einem eigenthümlichen Verhältnisse rucksichtlich ihrer 
Bestimmungen zu denen der deutschen Gewerbeordnung stehende Ministe- 
rialverfügung vom 20. März 1880 a ). 

'Jede Gemeinde, besser mehrere, haben einen Wasenplatz anzulcgen und 
einen unbescholtenen Wasenmeister zu bestellen. Letzterer ist auf emc be¬ 
stimmte Instruction zu verpflichten. Zu Wasenmeistern dürfen Hirten nicht ge¬ 
nommen werden. Die Gebühren sind nach Verabredung zu entrichten. Der 
Transport der Cadaver für die Gemeinde ist an den Wenigstnehmenden zu ver¬ 
steigern. Wer concessionirt sein will, muss Wasenmeister werden. Durch Ver- 
werthung der Cadaver wird ein nicht unbedeutender Theil des Nationalver- 
vermögens erhalten, die Unschädlichmachung ist gründlicher und sind derartige 
Anlagen möglichst zu fördern. 

Oldenburg 3 ). 

Hier steht nach der Regierungsbekanntmachung vom 19. Fe¬ 
bruar 1859 das Tödten und Verscharren der Thiere Jedem frei. In 

Braunschweig 8 ) 
ist seit dem 1. Januar 1865 das Zwangsrecht aufgehoben. 

Bachsen-Altenburg 8 ). 

Verordnung vom 6. Februar 1865. 

Hier ist die Abdeckerei ein Concessionsgewerbe, welches für die Person 
ertheilt wird und es ist persönliche Zuverlässigkeit erforderlich, und sind be¬ 
sondere Kenntnisse durch Prüfung noch zu erweisen. Die Vergütung erfolgt 
nach freier Vereinigung. Bei jedem gefallenen Thiere ist Anzeigepflicht für 
den Besitzer vorgeschrieben. Die Verwendung zu gewerblichen Zwecken ist 
gestattet, wenn nicht von der Sanitätspolizei Ausnahmen vorgeschrieben werden. 
Das Selbstbenutzungsrecht des Besitzers ist gewahrt. 

TJebrige Staaten 4 ). 

Rücksichtlich der übrigen Staaten ist zu erwähnen, dass in Schwarzburg- 
Sondershausen, Reuse j. L., Sachsen-Coburg-Gotha und Sachsen- 
Meiningen die Abdeckereien im Allgemeinen abgelöst sind, während in 
Mecklenburg-Strelitz noch Realprivilegien ohne Voraussetzung einer per¬ 
sönlichen Qualification existiren. 

Im Fürstenthum Waldeck, wo das Ausführungsgesetz zum Reichsvieh- 
seuchengesetze am 28. December 1881 erlassen wurde, besteht noch eine ältere 


*) Gerl ach, die Fleischkost, 1. c. S. 131. 

2 ) Orth, im A. d. d. Landwirthschaflsrathes, 1. c. S. 216. 
8 ) Unter Benutzung von Orth’s Correferat (s. o.). 

4 ) Unter Benutzung von Orth’s Correferat (s. o.). 


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218 Dr. Richard Wehraer, 

Verordnung, nach welcher jeder Eigenthümer eines gefallenen Stückes Vieh 
dasselbe bei 160 Mk. oder 6 Wochen Freiheitsstrafe binnen 12 Stunden auf den 
Schindanger zu schaffen und gehörig einzuscharren hat. 

Die vorstehende Schilderung zeigt deutlich die ausserordentliche Ver¬ 
schiedenheit in Betreff der rechtlichen Bestimmungen über das Abdeckerei¬ 
gewerbe in den verschiedenen Gegenden Deutschlands. — Der mehrfach, 
z. B. auch von dem deutschen Veterin&rrathe und dem deutschen Land- 
wirthschaftsrathe ausgesprochene Wunsch nach einer einheitlichen 
gesetzlichen Regelung der Abdeckereiverhältnisse erscheint 
daher erklärlich. 


Ausübung des Abdeckereigewerbes. 

Rücksichtlich der Art und Weise, wie die Beseitigung der Thiercadaver 
thatsächlich erfolgt, kann man drei verschiedene Arten des Abdeckerei¬ 
betriebes unterscheiden, welche allerdings theils in einander übergehen, 
theils mehrfach neben einander an demselben Orte ausgeübt werden, nämlich: 
1) die Selbstabdeckerei durch die Viehbesitzer; 2) die Abdeckerei durch 
Abdecker vermittelst der gewöhnlichen mehr ländlichen, nicht mit beson¬ 
deren Dampf- und Kochapparaten versehenen Einrichtungen, denen als eine 
Abart die Winkelabdeckereien beizuzählen sein würden; 3) die Abdeckerei 
in Etablissements mittelst besonderer Dampf- etc. Apparate, die sog. tech¬ 
nische Vorwertbnng. 

1. Die Selbstabdeekerei durch die Viehbesitzer. 

Die Selbstabdeckerei durch die Viehbesitzer birgt unseres Erachtens 
im Allgemeinen die grössten und schwersten sanitären Nachtheile in sich. 

Sie wird in erster Linie dort ausgeübt, wo Abdecker überhaupt nicht 
vorhanden sind; ferner aber auch da, wo besondere Verträge mit den etwa 
vorhandenen Abdeckereien nicht existiren oder aufgehoben sind, oder aber 
da, wo die Bezirke der Abdecker so ausserordentlich gross sind, dass die¬ 
selben nur unter den erheblichsten Mühen erreichbar sind. 

Die specielleren diesbezüglichen Einzelheiten sind bereits bei Be¬ 
sprechung der rechtlichen Verhältnisse (S. 213 bis 214) dargelegt worden. 

Die Beseitigung selbst wird in verschiedener Weise bewirkt werden, 
je nachdem die betreffende Gemeinde einen für derartige Fälle bestimmten 
besonderen Wasenplatz, Schindanger, besitzt oder nicht. Aber auch im er- 
steren Falle werden sehr häufig aus irgend welchen Gründen die Wasen¬ 
plätze nicht benutzt. — Alsdann, sowie beim Nichtvorhandensein derartiger 
Einrichtungen, werden die betreffenden Aeser an irgend einer beliebigen 
Stelle, die allerdings in angemessener Entfernung von Wohnhäusern und 
Strassen liegen muss, beseitigt. — So lange es sich hierbei um Beseitigung 
von — sit venia verbo — Seucbenleichen handelt, werden hierbei, da dies 
unter Aufsicht deB Kreisthierarztes etc. geschieht, gewiss alle gesetzlich vor¬ 
geschriebenen Vorsichtsmaassregeln beobachtet; dass auch diese nicht durch- 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 219 

gehende als ausreichende nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft 
zu bezeichnen sind, wird weiter unten zu erörtern sein. 

Ganz anders ist es unter den gewöhnlichen Verhältnissen. — 
Hier hat im Allgemeinen nur die von dem Guts- oder Gemeindevorsteher 
(Schulzen) ausgeühte Dorfpolizei die Controle. — Dass die Ausübung der¬ 
selben hinter dem guten Willen der letzteren oft mit dem ganzen Dorfe 
verwandten Leute zurückbleibt, ist nicht zu verwundern. Welche Autorität 
dieselben in Folge dessen besitzen, besonders wenn es sich um Durchführung 
unbequemer sanitätspolizeilicher Maassregeln handelt, dürfte jeder Medicinal- 
beamte oft genug erfahren haben. Dass sie leider auch nicht immer zu¬ 
verlässig sind, dafür erzählt Nobbe 1 ) ein drastisches Beispiel. 

Und doch wird man die Mitwirkung dieser Personen kaum bei unserer 
in Frage stehenden Angelegenheit entbehren oder anderweit ersetzen können. 

Die Beseitigung der Thiercadaver ist daher — denn der Amtsvorsteher, 
der Landrath sind viel zu weit, um sich um jeden Einzelfall bekümmern 
zu können — thatsächlich schliesslich dem Gutdünken des betreffenden 
Viehbesitzers überlassen, der zunächst das an sich ganz gewiss gerecht¬ 
fertigte Bestreben hat, sein gefallenes Stück Vieh möglichst hoch zu ver- 
werthen. 

Wenn daher irgend möglich, sucht er überhaupt dem Missstande vor¬ 
zubeugen, dass ihm ein Vieh wirklich fällt. Er schlachtet es, — aber 
nicht zu einer Zeit der Krankheit, wo es noch durchaus vom sanitären 
Standpunkte zulässig wäre —, sondern er schlachtet es, wenn es in den 
letzten Zügen liegt, oder selbst, wenn es bereits wirklich verendet ist, um 
es noch als Schlachtvieh zu verwerthen. — Hierbei helfen ihm die sog. 
Kaltschlächter, die dann — meist zur Nachtzeit — das betreffende, ge¬ 
wöhnlich an Ort und Stelle zerlegte Stück Vieh heimlich zur Stadt schaffen 
und dort in den Verkehr bringen. 

Oder aber der betreffende Viehbesitzer thut dies selbst und verkauft 
es dann — meist zu einem gegen die Gewohnheit niedrigen Preise — an 
die übrigen Dorfbewohner, wo besonders die ärmeren Leute dann davon 
kaufen und gemessen 2 ). Die Verfolgung der weiteren Schicksale des hier 
in den Verkehr gebrachten und bald direct, bald in Form von Wurst ver¬ 
kauften Fleisches würde uns hier zu weit führen. 

Wir kommen an anderer Stelle (bei der sog. Luderschlächterei) da¬ 
rauf zurück. 

Hier sei nur an die ausserordentliche Gefährlichkeit derartigen 
Fleisches erinnert und an die unter Umständen sehr bedenklichen Krank¬ 
heiten, wie sie unter dem Namen der Wurstvergiftung 3 ), welcher die 
Fischvergiftung 4 ) analog ist, des Milzbrandes, der intestinalen 
Mycose, intestinalen Sepsis und der Fleisch Vergiftung überhaupt 


*) Archiv d. d. Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg., 1881, Heft 6 , S. 198. 
a ) Donf. V. f. ger. Med. XL. Bd., S. 318. 

8 )Xonf. Emanuel Roth, zwei Fälle von Wurstvergiftung. V. f. ger. Med. Bd. 39, 
S. 241 bis 254. 

4 ) Vergl. Deutsche Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundh. Bd. 16, S. 38 ; — ferner: 
San.’Rath Dr. Hirschfeld-Colberg, fünf Fälle von Fischvergiftung mit drei Todesfällen. 
V. f. ger. Med., N. F., XLI1I. Bd., S. 283 bis 293. 


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220 Dr. Richard Welimer, 

beschrieben werden. — Auch die Trichinose und die Bandwurm- 
Erkrankung würden hierher zu rechnen sein 1 ), und endlich dürfte gewiss 
eine nicht unbeträchtliche Zahl von Erkrankungen an Tuberculose 
auf den Genuss von mit Perlknoten durchsetztem Fleische (z. B. in Würsten) 
zu schieben sein 1 ). 

So schwer nun auch die Erscheinungen in Einzelfällen aufgetreten sein 
mögen, am beängstigendsten waren und sind doch immer derartige Massen- 
erkranknngen. 

Bollinger 2 ) hat die bekanntesten derselben zusammengestellt; wir führen 
dieselben hier kurz auf, ohne weiter auf ihre Gruppirung einzugehen. 

1) Die Fleischvergiftung in Fluntera bei Zürich 1867 (es erkrankten 27 Personen); 

2) in L. bei Bregenz im Juli 1874, von Bär beschrieben; 61 Personen; 

3) in Griessbeckerzell (Oberbayern) im Mai 1876; 22 Personen; 

4) bei Sonthofen 1878, von Albrecht beschrieben; 10 Personen. — (Nr. 1 bis 4 
sog. intestinale Sepsis); 

5) in Lahn im August 1866, von Kussmaul beschrieben; 70 Personen mit 
6 Proc. Mortalität; 

6) in Garmisch (Oberbayern) im Juni 1878 (17 Personen); 

7) in St. Georgen bei Friedrichshafen in Württemberg im August 1877; 18 Per¬ 
sonen.— (Nr. 5 bis 7 in Folge von Localerkrankuug der genossenen Eingeweide); 

8) in Nordhausen (Thüringen) im Juni 1876 von Grasenick und Gerl ach 
beschrieben ; 300 bis 400 Personen mit y 4 Proc. Mortalität; 

9) in Wurzen (Sachsen) im Juli 1877 von Butter und Huber beschrie¬ 
ben; 206 Personen mit 3 Proc. Mortalität; (nach Ansicht der Beobachter selber 
sind 8 und 9 als Intestinalmycose zu bezeichnen); 

10) in Chemnitz, von Flinzer beschrieben, im Juli 1879: 243 Personen 
von denen eine starb; (neue Epidemieen dort 1886); 

11) in Lockwitz und Niedersedlitz bei Dresden im Juli 1879: 40 Personen; 

12) in Middelburg (Holland) nach den Schilderungen von Tokker und van 
Berlekom im März 1874, ca. 349 Personen, von denen 6 starben; 

13) in Neubodenbach bei Nossen in Sachsen, von Siedamgrotzky be¬ 
schrieben im September 1879 87 Bahnarbeiter; 

14) in Weiherschneidbach (Mittelfranken) im Herbst 1880 : 71 Erkrankungen 
mit 4 Todesfällen; (Nr. 11 bis 14 durch Würste); 

15) in Zermann bei Venedig im Mai 1875: ca. 150 Personen; 

16) in Werdau (Sachsen) im Juni 1878: 30 Personen; 

17) in Andelfingen im Jahre 1841 etwa 450 Personen, von denen 10 starben, 
von Liebermeister, Biermer und Griesinger beschrieben; 

18) in Kloten (Canton Zürich) im Jahre 1878: 657 Personen, von denen 6 
starben; von Wälder beschrieben ; 

19) in Biermenstorf (Schweiz) im Juli 1879; kleinere von Iluguenin be¬ 
schriebene Epidemie mit 1 Todesfall; 

20) in Würenlos (Canton Zürich), von O. Wyss beschrieben (Fall 17 biß 20 
wurde von den Beobachtern als Typhus angesehen, wogegen Bollinger an¬ 
kämpft) 3 ). 


*) Vergl. Kr.-W.-A. Dr. A. Heidenhain-Köslin, sanitätspolizeiliche Betrachtungen 
über die §§.10 bis 14 des Nahrungsmittelgesetzes vom 14. Mai 1879. V. f. ger. Med. N. F. 
XLII. Bd., S. 137 bis 147. 

2 ) Ueber Fleischvergiftung, intestinale Sepsis und Abdominaltypbus. —- In „ZtR* Aetio- 
logie der Infectionskrankheiten mit besonderer Berücksichtigung der Pilztheorie München 
1881, J. A. Finsterlin, S. 367 bis 416. 

8 ) Vergl. ferner Flinzer, eine Fleischvergiftung. V. f. ger. Med., XL. Bd., S. 318 bis 322, 
ferner ebenda Bd. XL, S. 97 bis 99. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


221 


Nicht minder wichtig und erschreckend sind die Massenerkrankun¬ 
gen bei Trichinose. Gerl ach 1 ) giebt eine nach Provinzen und Ländern 
geordnete ausführliche Zusammenstellung der bis zum Jahre 1874 bekannt 
gewordenen Erkrankungen. Der zu grosse Umfang derselben macht die 
Wiedergabe unmöglich. Es sei nur hervorgehoben, dass die grosse Epidemie 
im Jahre 1865 in Hedersleben (Prov. Sachsen), bei welcher 337 Personen 
erkrankten und 101 starben, durch Fleisch von trichinösen Schweinen aus 
einer Abdeckerei entstand. 

Endlich ist hier eine kleine Epidemie zu nennen, die dadurch ent¬ 
standen war, dass in Schaffhausen Arsenik, wahrscheinlich Rattengift, in 
die Würste gerathen war, worauf 16 Personen erkrankten 2 ). 

Freilich Bucht man ja durch das Nahrungsmittelgesetz, ferner die 
amtliche Fleischschau, wo dieselbe besteht, und endlich die sog. Noth- 
ächlachtzeugnisse, wie sie an einzelnen Orten, z. B. in Sachsen, imUnter- 
Elsass, der Gemeindevorsteher 3 ) auszustellen hat, wenn ein erkranktes Thier 
geschlachtet wird, vorzubeugen. — Aber werden diese Gesetze auch immer 
strenge gehandhabt? — Und an wie vielen Orten fehlt noch jede Controle! 

Ist nun ein Cadaver in keiner Weise mehr als menschliches Genuss¬ 
mittel zu verwerthen, so wird zunächst vielfach immer noch gestrebt, dies 
bei den Thieren, besonders bei Schweinen, Hunden und Geflügel, zu ver¬ 
werthen, wodurch dann diese ihrerseits wieder erkranken, und besonders die 
als Nahrungsmittel selbst verwertbeten Thiere weiteres Unheil zu bereiten 
geeignet sind. 

Wenn auch eine solche Verwertung nicht mehr angeht, so pflegt 
manchmal noch die Unsitte Platz zu greifen, d^es man Fell und Hufen, 
allenfalls auch noch die Knochen an entsprechende Gewerbetreibende ver¬ 
kauft, nachdem sie vorher wochenlang, weithin einen kaum erträglichen 
Gestank verbreitend, irgendwo herumgehangen haben, während der Rest 
in dem Misthaufen ein Unterkommen findet und dabei nicht nur die Luft ver¬ 
pestet, sondern auch den Untergrund durchseucht und den meist nicht weit 
vom Misthaufen entfernten Brunnen des betreffenden Besitzers gründlichst 
vergiften hilft. — Selbst bei den intelligentesten Gutsbesitzern findet man 
die Leichen kleiner Thiere, von Hunden, Katzen, Lämmern, Ferkeln, ferner 
die ungeborenen Früchte von irgend welchen geschlachteten Thieren fast 
immer daselbst. 

So berichtet z. B. der Land- und forstwirtschaftliche Hauptverein Hannover 4 ), 
dass in jener Gegend „auf den Gütern die Cadaver zum Theil in die Jauche¬ 
gruben geworfen würden“. Der Departementsthierarzt Jordan schreibt über 
Lüneburg, dass die Cadaver daselbst „oft sehr oberflächlich verscharrt würden“, 
. . . dass „in gar vielen Fällen nicht die in den Gemeinden vorhandenen . . . . 
Plätze benutzt würden, sondern unmittelbar in der Nähe der Behausungen be¬ 
findliche Räumlichkeiten, z. B. Gärten“ B ). 


*) Gerlach, die Fleischkost, S. 78 bis 79. 

2 ) Bol 1 in ge r, über Fleischvergiftung etc., 1. c. S. 408. 

s ) Conf. Flinzcr, Y. f. g. M. XL. Bd., S. 318, ferner: Zündel, der Gesundheits¬ 
zustand der Hausthiere im Jahre 1878 bis 1879, S. 61. 

4 ) Archiv d. d. Landwirthschaftsrathes, 1. c., S. 210. 

B ) Ibidem S. 211 und 212. 


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222 


Dr. Richard Wehm er, 

Aehnlich berichtet Z ü n d e 1 J ) vom Unter-Elsass, dass noch dazu trotz des Vor¬ 
handenseins von Wasenplätzen — „allgemein die Thiercadaver von Privatleuten 
in der Nähe der Wohnung abgehäutet und die Fleischtheile im Garten, auf 
einem benachbarten Grundstücke oder gar im Düngerhaufen vergraben werden. 
Das Geschäft wird durch Schäfer, Sattler oder Handelsjuden ausgeführt, welche 
dann das Recht haben, für ihre Mühe die Haut zu verwerthen. Die Häute 
werden aber nicht immer frühzeitig genug in Gerbereien gebracht, oder gehörig 
eingekalkt oder sonst unschädlich gemacht. Die Fleischtheile werden nicht tief 
genug verscharrt, so dass sie oft noch von Hunden ausgegraben und verschleppt 
werden, wenn nicht sogar arme Leute sie im Geheimen holen“. 

„Ja manchmal kommt es sogar“, wie derselbe Gewährsmann an einer anderen 
Stelle a ) sagt, „wenn auch nur noch selten, vor, dass Thierleichen auf öffentlichen 
Strassen oder Wegen, oder in deren Gräben liegen bleiben, auch — ziemlich 
selten — in Bäche oder Teiche geworfen werden“. 

Natürlich soll nun, wenn dies hier Alles angeführt wird, nicht gesagt 
werden, dass es nicht auch ohne Abdecker möglich sei, in angemessener 
Weise die Cadaver zu beseitigen. • 

So werden z. B. in der Gegend von Köln a. Rh. die Cadaver von den Pri¬ 
vaten vielfach in die bei der genannten Stadt gelegene Poudrettefabrik geschafft 3 ). 
Ebenso schafft man sie in Hannover vielfach in die bei den grösseren Städten 
befindlichen Düngerfabriken 4 ) etc. 

Ein weiteres Beispiel für zweckmässige Beseitigung von Cadavern bietet 
nach einem Berichte des Professor Orth 6 ) ein bekannter Landwirth der Provinz 
Sachsen, „Herr Sombart auf Ermsleben, der früher eine längere Reihe von 
Jahren einen einfachen Kessel auf seinem Gute benutzt hat, um an Milzbrand 
gefallene Thiere durch Kochen mit Schwefelsäure chemisch unschädlich zu 
machen und diesen Krankheitsstoff zu tödten“ .... Der Apparat ist ein offener, 
geräumiger und Btarkwan^ger Kessel aus Gusseisen, welcher überall leicht auf¬ 
gestellt werden kann. Die mit Schwefelsäure gekochten Cadaver werden zu 
Compost verarbeitet. 

Endlich ist noch die Beseitigung der Milzbrandleichen in Lenggries zu 
erwähnen, welche — wie bereit« erwähnt — auf oberpolizeiliches Veran¬ 
lassen durch Verbrennen der Cadaver sehr zweckmässig und gründlich 
bewirkt wurde. 

Leider bilden aber diese zuletzt aufgeführten zweckmässigen Weisen 
der Beseitigung der Cadaver immer nur eine Ausnahme, wogegen die vor¬ 
her beschriebenen Missstände fast überall die Regel bilden. 

Wie bereits erwähnt, sind nun an vielen Orten, damit hierselbst nicht 
nur die Ablederung und sonstige Verarbeitung geschehen kann, sondern 
auch die Cadaver verscharrt werden, besondere 

Wasenplätze 

eingerichtet. — In diesen Fällen würde sich dann das Abdeckerei verfahren 
von dem Verfahren, wie es in den im nächsten Abschnitt zu beschreibenden 

*) Zündel, Gesundheitszustand der Hausthiere in Eisass - Lothringen ira Jahre 1880 
bis 1881. — Strassburg, 0. Fischbach, 1882, S. 110 bis 111. 

а ) Derselbe, Bericht über das Jahr 1876 bis 1877, S. 43. 

8 ) A. d. D. LandwirthschafUraths, 1. c. S. 209. 

4 ) Ebend. S. 210. 

б ) Orth, Maassregeln zur Vertilgung der Infectionsstoffe und Schmarotzer als 
Ursachen verschiedener thierischer Krankheiten. — Archiv des Deutschen Landwirthschafts- 
raths, IV. Jahrg., 1880, Heft. 8, S. 335. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 223' 

einfacheren Abdeckereien geübt wird, nur durch das Nichtvorhandensein 
eines besonderen Abdeckers unterscheiden. 

Es kann nicht geleugnet werden, dass diese Wasenplätze ganz be¬ 
deutende Vortheile mit sich bringen. — Einmal wird die Möglichkeit ver¬ 
ringert, durch die Abgänge eines zerlegten oder abgehäuteten 
Cadavers noch weitere Thiere zu inficiren, wie es bei einer Ver¬ 
arbeitung auf den Höfen der Viehbesitzer der Fall ist. Fernerhin werden 
alle die höchst unbequemen Belästigungen und Aergernisse, wie sie 
das Trocknen der Häute, das Ausschmelzen des Fettes, das Trocknen der 
Knochen und ähnliche Verrichtungen mit sich bringen, an eine von Woh¬ 
nungen und dem Verkehre so entlegene Stelle verlegt, dass sie hier Niemand 
stören. — Endlich aber wird auch, und hierauf wird in neuester Zeit ganz 
besonders Gewicht gelegt, bei dem schliesslichen Verscharren der letzten 
Reste oder bei dem Verscharren der Seuchencadaver überhaupt die Mög¬ 
lichkeit ganz ausgeschlossen, dass man das Vieh über diese Ver¬ 
scharrungsstellen treibt. Denn schon lange, besonders auf den in 
manchen Gegenden befindlichen sogenannten Milzbrandweiden, ist es beob¬ 
achtet worden, wie auf die soeben angeführte Weise die Seuchen weiter ver¬ 
breitet werden können. 

Der Grund hierfür liegt bekanntlich darin, dass, um als bestbekanntes 
Beispiel den Milzbrand beizubehalten, die Milzbrandbacillen, welche selbst 
zwar durch Fäulniss zerstört oder wenigstens ihrer Giftigkeit beraubt werden, 
nach R. Koch’s Beobachtungen im Stande sind, ausserordentlich resistenz- 
fähige Dauersporen zu bilden, welche sich Jahre lang halten können *). 

Daher erklärt sich eben die Gefährlichkeit der sogenannten Milzbrand¬ 
weiden, wie Bie sich besonders auf feuchtem humusreichem Erdboden, z. B. 
am Niederrhein, in den Niederungen des badischen Rheinthaies, in der 
Umgegend von Lüttich, von Toulouse und anderwärts finden; in Preussen 
gemessen in dieser Beziehung die Provinzen Posen und Schlesien (Regierungs¬ 
bezirk Breslau) ein besonderes Vorrecht. — Nächstdem würden dann nach 
ihrer Gefährlichkeit Sachsen, Preussen, Rheinland, dann Westphalen, Branden¬ 
burg (Havel-Land) und Pommern kommen 2 ). 

Wie entsetzlich aber die Verheerungen sind, welche der Milzbrand an¬ 
zurichten vermag, ersieht man am besten im russischen Gouvernement 
Nowgorod 8 ), wo in den Jahren 1867 bis 1870 allein neben 56 000 Pfer¬ 
den, Kühen und Schafen noch ausserdem 528 Menschen am Milzbrände zu 
Grunde gingen. 

Man wird daher aus allen diesen Gründen und besonders unter Berück¬ 
sichtigung der R.Koch’schen Entdeckungen praktisch und sanitätspolizeilich 
auch nur einen geringeren Werth auf die negativen Ergebnisse der Fes er* - 
sehen Versuche mit vergrabenen Milzbrandcadavern 4 ) legen, 


l ) Soyka, Abdeckereien in Eulenburg’s Realencykl. Wien u. Leipzig 1885, Bd. I, S. 13. 
a ) Anacker, Pathogenese des Milzbrandes. — „Thierarzt“ 1881, S. 73 bis 77. Vergl. 
ferner Bollinger, Zoonosen in Ziemssen’s Handb. (Bd. 111), S. 500. 

3 ) Orth, Referat über Maassregeln znr Vertilgung der Infectionsstoffe und Schmarotzer 
als Ursachen verschiedener thierischer Krankheiten. — Archiv des Deutschen Landwirth- 
schaftsraths, V. Jahrg. 1880, Heft 8, S. 338. 

4 ) Ztschr. f. Thiermed., 4. Bd., 1. bis 2. Heft. (Ref. im „Thierarzt“ 1878, S. 113 bis 115.) 


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224 Dr. Richard Wehmer, 

um so mehr aber dafür die folgenden Versuche Pasteur’s 1 ) zu berück¬ 
sichtigen haben. 

„Letzterer liess über zwei Gruben, von welchen die eine drei, die andere 
12 Jahre lang zum Eingraben aller Schafe eines Hofes, welche am Milzbrand 
gestorben waren, gedient hatten, sieben Schafe täglich einige Stunden herum, 
gehen. Hierauf wurden dieThiere wieder mit den übrigen in den Stall zurück¬ 
geführt und ausschliesslich im Stalle gefüttert. Nach 46 Tagen waren von diesen 
sieben Schafen zwei an Milzbrand gestorben, während unter der übrigen Heerde 
kein Fall vorgekommen war.“ 

Da sich nun Aehnliches auch von den übrigen Viehseuchen annehmen 
lässt, so ist es durchaus erklärlich, wie man derartigen Möglichkeiten da¬ 
durch aus dem Wege zu gehen suchte, dass man die Thiere nicht an be¬ 
liebigen Orten verscharrte, sondern zu diesem Zwecke die besagten Wasen¬ 
plätze (Schindanger, Schinderkuhlen oder Schinderkuten) einrichtete. 

Dabei war natürlich Bedingung, dass eben ein solcher Wasenplatz nur 
zur Abdeckerei benutzt, dass auf ihm weder Getreide gebaut, noch Vieh 
gehütet werden durfte, und dass diesem überhaupt der Zutritt durch mög¬ 
lichst hohe Zäune, Hecken u. dergl. unmöglich gemacht wurde; ferner war 
es selbstredend, dass die Plätze in bedeutenderen Entfernungen der Ort¬ 
schaften sowohl, sowie auch in bestimmten Entfernungen von Strassen, 
Flüssen, Quellen u. dergl. liegen mussten. 

Vielfach wurde denn auch den Gemeinden, welche über keinen eigenen 
Abdecker verfügten, die Anlegung solcher Wasenplätze aufgegeben. — 
Eine derartige Verfügung erliess z. B. die Koni gl. Regierung zu 
Coblenz am 13. Juli 1846 2 ), in welcher die soeben angegebenen Eigen¬ 
schaften von den Wasenplätzen dabei gefordert wurden. 

Aehnliche Forderungen wurden in vielen anderen Gegenden, z. B. in 
Sachsen, Hessen-Nassau, in Bayern, Baden, Württemberg 3 ) etc., gestellt und 
Wasenplätze daselbst eingerichtet. 

„Auch in Eisass-Lothringen ist, wie Zündel 4 ) schreibt, in vielen Kreisen, 
besonders des Unter-Elsass, in den meisten Gemeinden für einen Verscharrungs- 
platz gesorgt worden, welcher der Grösse des Viehstandes der Gemeinde ent¬ 
spricht, von Strassen und Gebäulichkeiten gehörig entfernt ist, und eine Boden- 
beschaffenheit hat, welche die Verwesung der Cadaver begünstigt und die 
Infection von Brunnen und Quellen durch die Fäulniss verhütet. Der Platz 
darf auch nicht Ueberschwemmungen ausgesetzt sein und niemals zum Weid¬ 
gang benutzt werden.“ 

Aber auch diese Plätze haben, selbst ihre gute Beschaffenheit vor¬ 
ausgesetzt, nur geringen Werth, wenn sie, wie Zündel auch von 
jenen Gegenden zugiebt, mit Ausnahme von Seuchenfallen, wo es in Folge 
des von Seiten der Veterinärbeamten ausgeübten gesetzlichen Zwanges ge¬ 
schehen muss, nur wenig oder gar nicht benutzt werden. 


1 ) Soyka, 1. c. S. 13, 14. 

2 ) Horn, Das preuss. Veterinär-Medicinalwesen. Berlin 1858, S. 179. 

8 ) Correferat des Prof. Orth in der Sitzung des Deutschen Landwirthschaflsrathes 
vom 18. Januar 1881. 

4 ) Zündel, Gesundheitszustand der Hausthiere in Elsass-Lothringen in der Zeit 1880, 
1881. — 1882, S. 110 u. 111. 


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Heber Abdecker und Abdeckereien. 


225 


Die letztere Klage, dass die Wasenplätze zwar vorhanden wären, aber 
gar nicht benutzt würden, wurde denn auch bei Gelegenheit der von dem 
Deutschen Landwirthschaftsrathe zum Zwecke seiner Berathung über das 
Abdeckereiwesen am 17. und 18. Januar 1881 angestellten Enquete von 
den verschiedensten landwirthschaftlichen Vereinen erhoben. — Meist wurde 
dabei gleichzeitig der Wunsch laut, diese Wasenplätze möchten wieder mehr 
in Benutzung gezogen werden. 

Wenn man indessen im Lichte unserer gegenwärtigen Klarheit über die 
Entstehung und Weiterverbreitung gerade der gefährlichsten Thierseuchen, 
z. B. des Milzbrandes, diese Wasenplätze betrachtet, wird man sich kaum 
allzu weitgehenden Hoffnungen über die Zweckmässigkeit derselben in ihrer 
alten Benutzung hingeben können. Denn in der That vermögen auch 
sie nicht die Möglichkeit der Ansteckung durch die auf ihnen be¬ 
seitigten Thiercadaver auszuschliessen. 

Ist es ja doch bekannt, welche Rolle die Insecten, besonders Fliegen 
und Bremsen, bei der Weiterverbreitung der Seuchen spielen können und 
z. B. 1874 in Lenggries l ) in der That gespielt haben. 

Welcher Zaun wäre hoch, welche Mauer dick genug, um sie fern zu 
halten! — Und ebenso ist derCadaver auch in der Erde eine Quelle weiterer 
Ansteckung. Denn jeden Augenblick kann er wieder ausgegraben 
und in denVerkehr gebracht werden; so wurden z. B. im Jahre 
1883/1884 im „Gr. Strelitzer Kreise“ 16 Personen wegen Aufgrabens von 
Milzbrandleichen bestraft 3 ). Mit Leichtigkeit vermögen ferner Ratten, 
Maulwürfe, Füchse etc. zu ihnen zu gelangen und die Ansteckungs- 
keime weiter zu tragen. Besonders bekannt ist dies ja bei den Trichinen 
geworden; und wie gefährlich dieselben werden können, ermisst sich be¬ 
sonders, wenn man bedenkt, dass diese selbst einer hunderttägigen Fäulniss 
Widerstand leisten 3 ). 

Fernerhin ist bekannt, wie Pasteur in den Regenwürmern eines 
Wasenplatzes Milzbrandbacillen nachgewiesen hat. Derselbe fand ferner 
1880 in der Erde eines alten seit 12 Jahren nicht benutzten Wasenplatzes 
noch keimfähige Milzbrandsporen, welche die Krankheit weiter verbreiteten, 
als er im Vereine mit Cagny und Robinain Impfungen von Meerschwein¬ 
chen vornahm 4 ). 

Und wie leicht kann diese sporenhaltige Erde nicht der Wind weit¬ 
hin forttragen, so dass sie eingeathmet oder zusammen mit der Nahrung, 
auf welche sie vielleicht niederfielen, genossen werden, wie leicht kann das 
durchdringende Meteorwasser nicht diese Sporen auswaschen und weiter 
mit sich nehmen, das Grundwasser und mit ihm im Zusammenhänge stehende 
Quellen vergiften? 


*) 0. Bollinger, Ueber die Gefahren, welche der Gesundheit des Menschen von 
kranken Hausthieren drohen. S. 52. 

2 ) Arch. f. wissenseh. u. prakt. Thierheilkunde, 12. Bd., 5. u. 6. Heft, S. 411. 
s ) Bollinger, Ebend. 

4 ) Revue für Tliierheilkunde und Thierzucht, Nr. 2 (1882); citirt im „Thierarzt“, 1882, 
S. 53, 54. Vergl. ferner: Soyka, „Der Boden“ in Pettenkofer und von Ziemssen’s Hand¬ 
buch der Hygiene. 1. Thl. 2. Abthl., 3. Heft, S. 208 ff. u. S. 224, 225. 

Vierteljahraschrift für Gcsoadheitspflege, 1887. 


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226 


Dr. Richard Wehmer, 

Alle diese Schädlichkeiten, auf welche besonders Bollinger 1 ) auf¬ 
merksam macht, werden uns daher veranlassen, auch die noch so gut und 
gesetzm&ssig eingerichteten Wasenplätze, sofern eben eine Verscharrung 
von Thiercadavern dort stattfindet, immer noch für eine hygienische Calami- 
tät zu halten. — Freilich ist sie gering zu nennen im Vergleich mit dem 
früher angeführten „wilden“ Verscharren; aber eine Calamität sind diese 
Verscharrungsplätze desshalb doch, und mit Recht sagt daher Lydtin: 
„Es sollte ein Preis für die Lösung der Frage ausgesetzt werden: Auf 
welche Weise können gemeingefährliche Thierleichen zu jeder Zeit und an 
jedem Orte ohne Verlochung unschädlich gemacht werden? *)“ 


2. Die gewöhnlichen Abdeckereien (ohne besondere Dampf- oder 

Kochapparate). 

Von den Abdeckereien, wie sie in der Mehrzahl der — besonders 
mittleren und kleineren — Städte sind, entwirft Adam (Augsburg) folgendes 
Bild 3) : 

„In den gewöhnlichen Abdeckereien ist die Verwendung der benutzbaren 
Theile der Thiercadaver, insoweit die seuchenpolizeilichen Bestimmungen das 
Vergraben etc. nicht vorschreiben, sehr einfach; hier wird nach Abnahme der 
Haut das am Cadaver befindliche Fett hinweggenommen und ausgeschmolzen, 
das Fleisch mitsammt den Sehnen in Streifen geschnitten, an der Luft getrocknet 
und als sogenanntes Leimleder an Leimfabriken verkauft; von den ausgelösten 
Knochen werden die Röhrenknochen zuweilen an Beinarbeiter abgesetzt und die 
übrigen Knochen klein zerhackt als Dünger verwendet, oder es werden die 
Knochen insgesammt zur Leimfabrik verkauft, während die Eingeweide entweder 
in Gruben (sog. Schwinggruben) geworfen und als Dünger verwendet oder in 
Composthaufen gebracht werden.“ 

In ähnlicher Weise wurden auch noch in den sechziger Jahren in Berlin 
auf der im Norden der Stadt belegenen Abdeckerei die abzudeckenden Thiere 
behandelt 4 ). 

Die Verarbeitung, bezw. Vorbereitung dieser Rohproducte sollte 
eigentlich Btets auf den in einer gewissen grösseren Entfernung vor der Stadt 
belegenen Wasenplätzen geschehen. — Da indessen keineswegs der 
Abdecker an diesen Plätzen selbst immer wohnt, so sind hiermit 
eine Reihe von Missständen verbunden. Bald werden die Vorarbeiten auf 
dem in der Stadt belegenen Grundstücke des Abdeckers (d. h. um historisch 
zu sprechen, dem Grundstücke des Scharfrichters) vorgenommen, bald liegen 
sie auf dem Wasenplatze längere Zeit, halb angefangen, unbewacht, keines¬ 
wegs gegen Berührungen von Seiten anderer Thiere, besonders Ratten, 
Fliegen, genügend sicher gestellt. — Wohnt dagegen der Abdecker 
auf dem Wasenplatze vor der Stadt, wo ja für den Wasenmeister, 
d.h. den Grossknecht des Scharfrichters, der historische Wohnplatz ist, so ist 


*) Bollinger, Zur Pathologie des Milzbrandes. München 1872, Rud. Oldenbourg. 
a ) Archiv des Deutschen Landwirthschaftsrathes, 1881, Heft 6, S. 214. 

3 ) Unschädliche Beseitigung von Thierleichen. Von Th. Adam. (Adam’s Wochenschr. 
f. Thierheilkunde u. Viezucht, 1883, S. 405.) 

4 ) Reclam, Gesundheit. Jahrg. 1, Nr. 8, S. 114. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


227 


zwar eine schnellere Aufarbeitung der einzelnen Gada vertheile gewährleistet, 
als wenn immer zu diesem Zwecke eine umständlichere kleine Reise oder 
mindestens ein weiterer Weg zurückgelegt werden muss. Dafür ist dann 
aber Über den Abdecker die polizeiliche Controle ungemein schwer; er kann 
sich die gröbsten Uebergriffe mit Leichtigkeit erlauben, und — erlaubt sie 
sich wohl gelegentlich auch. 

So ist nun vielfach gegen die Abdecker dieselbe Klage erhoben worden, 
welche auch gegen die Landviehbesitzer laut wird, dass die Abdecker das 
Bestreben hätten, das Fleisch des gefallenen Viehs noch als Nahrungsmittel 
zu verwerthen l ). 

Dieser Uebelstand ist, wenn in der That vorhanden, natürlich noch 
erheblich grösser bei dem Abdecker als bei einem beliebigen Viehbesitzer. 
Bei diesem findet meist nur einmal die Uebertretung statt, bei jenem ist es 
eine fortlaufende Quelle erneuter Infectionen. — Ganz besonders bedenk¬ 
lich wird dies daher, wenn die Abdecker das Fleisch von an ansteckenden 
Krankheiten verstorbenen Thieren verwerthen. — Es ist bekannt, welche 
schweren Verluste vor wenigen Jahrzehnten der jardin des plantes in Paris 
zu erleiden hatte, als ihm von der Abdeckerei das Fleisch seuchenkranker 
Thiere als Futter für die wilden Thiere geliefert worden war. 

Aehnlicher Fälle wurden mehrfach berichtet, wo das Fleisch rotziger 
Thiere, z. B. 1839 von Löwen in der A lsen’schen Menagerie, oder in Dres¬ 
den von einer Löwin, ferner in einem von Martin beobachteten Falle von 
einer Löwin und einem Tiger gefressen war und deren Tod bewirkt hatte 3 ). 

Aber ebenso bedenklich ist es, wenn die Abdecker das Fleisch bei sich 
selbst an ihre eigenenThiere, vorzüglich Hunde und Schweine s ), verfüttern 
und diese dann, besonders Schweine, weiter verkaufen. Vorzüglich wurde 
so die Trichinose verbreitet. Zenker bezeichnet daher „die Wasenmeiste- 
reien, in welchen Schweine gezüchtet werden, als die allerraffinirtesten 
Trichinenschweine-Züchtungsanstalten, die sich nur ausdenken lassen 4 ). 
Wie Recht er dabei hat, beweist die bereits erwähnte grosse Trichinen¬ 
epidemie 1865 in Hedersleben, wo bekanntlich die Trichinose von den 
Schweinen einer Abdeckerei ausgegangen war. 

Es ist daher ausserordentlich zweckmässig, wenn, wie dies in Oester¬ 
reich durch den Staatsministerialerlass vom 10. Mai 1866 geschehen ist, den 
Abdeckern überhaupt das Halten von Schweinen verboten wird 6 ). 

Auch auf die Frage der Unterbringung der eingefangenen 
Hunde in der Abdeckerei werfen diese Beobachtungen ein eigentüm¬ 
liches Streiflicht. — Werden die Abdecker nicht leicht in die Lage kommen, 
dies zu vernichtende Fleisch seuchenkranker Thiere den eingefangenen, in 
der Mehrzahl doch gesunden Hunden zu verfüttern? Dann würde der dem 
Einfangen der marken- und maulkorblosen Hunde innewohnende gute Zweck 


*) Nowak, Lehrbuch der Hygiene, S. 793. 

*) Hertwig, Die Uebertragung der Rotzwurmkrankheit auf andere Thiere und Men¬ 
schen. — Magazin für ges. Thierheilkunde, 1874, S. 257 bis 259. Ferner: Bollinger, 
Zoonosen in Ziemssen's Handbuch, Bd. 111, S. 470. 

8 ) Zundel, Generalbericht über 1877/1878, S. 44. 

4 ) Nowak, Lehrbuch der Hygiene, S. 794. 

6 ) Eulenberg, Gewerbehygiene, S. 591. Anm. 

15* 


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228 


Dr. Richard Wehmer, 

die Quelle einer Weiterverbreitung von Seuchen werden, und der Hunde¬ 
besitzer bekäme für sein früher gesundes Thier ein auf der Abdeckerei krank 
gemachtes zurück! 

Aber nicht allein den Thieren wird das Fleisch von Cadavern verfüttert; 
es wird gelegentlich direct als menschliche Nahrung in den Handel gebracht, 
und hier spielen ganz besonders die unreellen Pferdeschlächter, welche häufig 
mit den Abdeckern unter einer Decke stecken, eine gefährliche Rolle, indem 
sie jenen rotzige Pferde verkaufen, deren Fleisch dann wegen seines schönen, 
dunkelrothen Aussehens noch besonders gern von den unerfahrenen Con- 
sumenten aufgekauft wird. — Originell ist es auch, wenn der Abdecker 
officiell gleichzeitig Rossschlächter ist Exempla sunt odiosa , sed in promptu ! 

Ja selbst bereits vergrabene Cadaver wurden gelegentlich wieder aus¬ 
gescharrt und verwerthet, wie dies neulich in Raden geschehen ist 1 ). 

Ebenso beseitigen die Abdecker keineswegs, wie dies vorgeschrieben 
ist, vollständig die an den schweren auch auf den Menschen übertrag¬ 
baren Seuchen, wie Milzbrand, Rotz, verendeten oder desshalb getödteten 
Thiere. Auch hier besteht das Bestreben, die Häute, Haare etc. noch 
zu verwerthen und es ist bekannt, wie viele Milzbranderkrankungen 
z. B. dadurch entstanden sind. So erkranken oft die Gerber in den Gerbe¬ 
reien beim Zurichten milzbrandiger Häute. Bekannt sind die Arbeiter¬ 
erkrankungen in Montpellier in Folge des Verarbeitens von milzbrandiger 
Wolle, die Erkrankungen jener von Fränkel in Berlin beobachteten Leute, 
welche die Polsterhaare in einem Eisenbahnwaggon aufzupften 2 ). Auch die 
von Schlemmer, Reitböck, Lewy u. A. beobachteten Erkrankungen an 
der sogenannten Hadernkrankheit gehören hierher 8 ). Bekannt ist ferner, 
wie selbst Geschirre, welche aus dem Leder milzbrandiger Thiere gemacht 
waren, die Krankheit noch weiter verbreiteten 4 ). 

Wenn nun auch nicht in allen diesen Fällen mit Bestimmtheit nach- 
zuweisen sein wird, dass gerade die Abdecker hieran die Schuld hatten, so 
dürfte dies doch für eine grosse Anzahl zutreffen. 

Kommen ja doch die Abdecker oftmals gern den Yiehbesitzern ent¬ 
gegen, wenn es sich darum handelt, den stattgehabten Ausbruch einer 
Seuche in ihrem Viehbestände zu verdecken. So schreibt Dam mann: 

„Oft genug kommt es vor, dass die Besitzer, wenn sie den Rotz in ihrem 
Pferdeinventare entdeckt haben, die verdächtigen und kranken Stücke den Ab¬ 
deckern übermitteln, um den Unbequemlichkeiten zu entgehen, welche nach der 
Meldung bei der Behörde ihnen bevorstehen, und dass die Abdecker dem unbe¬ 
merkten Verschwinden dieser Thiere aus dem Verkehre den entsprechenden 
Vorschub leisten B ). tf 

Durch die historische Entwickelung ihrer Stellung erklärt sich ein 
weiterer der Person ausserordentlich vieler Abdecker zu machender Vor- 

*) Bollinger r Ueber die Gefahren, welche der Gesundheit des Menschen von kranken 
Hausthieren drohen und die zu ihrer Bekämpfung nöthigen Mittel. (Deutsche Zeitschr. 
für Thiermed. u. vergl. Pathologie, Bd. III, Heft 1 u. 2.) 

2 ) Bölling er, Zoonosen (in Ziemssen’s Handbuch, Bd. III), S. 527 bis 528. 

s ) Vierteljahrsschrift f. öff. Gesundheitspflege, Bd. IX, S. 350, 351 u. 716 bis 718. 

4 ) Dam mann, Die Nothwendigkeit und die Grundzüge eines einheitlichen Vieh¬ 
seuchengesetzes für das Deutsche Reich. Berlin, Wiegandt, Hempel & Parey, 1875, S. 77. 

6 ) Ebend. S. 62. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


229 


wurf; es ist der der Kurpfuscherei. Noch jetzt sind die Abdecker gern 
als „Ziehmänner u oder „Gliedereinrenker“ thätig. Auch das als Volks- 
mittel gegen Lungenschwindsucht so beliebte Hundefett ist fast nur durch 
die Abdecker zu beziehen; wie nahe liegt dabei die Versuchung für die¬ 
selben, auch noch weitere Rath schlüge in Betreff der Behandlung derselben zu 
ertheilen! Fast aller Orten giebt es ferner irgend eine alte „Schindersalbe“, 
ein „Scharfrichtereipflaster“ oder dergleichen alte, durch Generationen fort¬ 
geerbte Geheimmittel, deren sich das Publicum mit besonderer Vorliebe 
bedient. Die Grundsätze der antiseptischen Wundbehandlung stehen dabei 
in einem eigenthümlichen Verhältnis zu dem höchst wenig erfreulichen 
Zustande, in welchem sich die Abdeckereien selber, wo diese Balsame und 
Pflaster producirt werden, nicht selten befinden. Denn in sehr vielen Ab¬ 
deckereien herrscht eine ausserordentliche Unreinlichkeit. 

Irgend welche Desinfection wird meist nicht ausgeübt *), falls nicht etwa 
der beamtete Thierarzt dieselbe überwachen sollte. 

Dass die Leichen viel länger als nothwendig an der Luft 
liegen, dass die faulenden Knochen, die trocknenden aufgehängten Häute 
und Flechsen, dass die beim Auskochen und Leimsieden entstehenden Dämpfe 
weithin die Luft verpesten und so selbst, wenn sie weit ausserhalb der 
Städte liegen, ein öffentliches Aergerniss geben, davon will ich noch 
gar nicht sprechen. —Viel schlimmer ist die Sorglosigkeit, mit wel¬ 
cher man manchmal trotz der Seuchengesetze die Abgänge 
der an Seuchen erkrankten Thiere behandelt. — Da führt 
dann der Abdecker auf einem offenen Karren, nur mangelhaft oder auch 
gar nicht bedeckt, das vielleicht an Milzbrand umgestandene Vieh fort; Blut 
und Koth des getödteten Thieres bezeichnen den Weg, den er genommen. 
Gierig setzen sich eine grosse Anzahl Fliegen und Bremsen theils auf diese 
Abgänge, theils auf den Cadaver selbst. Und in wieviel erhöhterem Maass¬ 
stabe findet dies nicht noch in der Abdeckerei selber statt! — Dabei kann 
jede dieser Fliegen, wie es z. B. in Lenggries in den bayerischen Alpen 
beobachtet ist, die Seuche weiter verbreiten 2 ). 

Und doch sind alle gerügten Uebelstände und alle die mit ihnen be¬ 
hafteten Abdeckereien noch lange nicht so schlimm, als die 

Winkelabdeckereien. 

Jede, auch noch so schlecht verwaltete officielle Abdeckerei ist immer¬ 
hin noch bekannt; man kann sie controliren, wenn es auch umständlich 
und beschwerlich ist; man weiss, wo die Quelle für so mancherlei Unreinig¬ 
keiten und Missstände liegt. 

Bei den Winkelabdeckereien, welche sich meist nach aussen als Pferde¬ 
schlächtereien 9 ), Leimsiedereien, oder auch als Wurstschlächtereien 
manifestiren, ist dies nur in ganz seltenen Ausnahmefallen möglich, weil es 

1 ) Bölling er, Ueber die Gefahren, welche der Gesundheit des Menschen von kranken 
Hausthieren drohen. (Deutsche Zeitschr. f. Thiermed. u. vergl. Pathologie, Bd. III, Hefl 1 
n. 2, 1876. — Seperatabdrnck, S. 51.) 

2 ) Bollinger, Zoonosen (in Ziemssen’s Handbuch, Bd. III), S. 523. 

3 ) Bollinger, Zoonosen (in Ziemssen’s Handbuch, Bd. III), S. 487. 


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230 


Dr. Richard Wehmer, 

schwer wird, nachzu weisen, wie unter der Maske eines sonst anständigen 
Geschäftes und neben demselben eine Thätigkeit getrieben wird, die in 
hohem Grade die öffentliche Gesundheit zu schädigen geeignet ist. — Das 
Volk bezeichnet diese Art von Schlächtereien bekanntlich mit dem Namen 
von Kalt- oder Luderschlächtereien, auch wohl von Katzenschläch¬ 
tereien oder Polkaschlächtereien. 

Freilich sucht in diesen Dingen die Fleischsohau energisch Abhülfe 
zu schaffen. Aber sie kann es doch nur dort, wo sie eben eingeführt ist, 
und vermag am meisten fernerhin da zu leisten, wo alle Thiere unter Auf¬ 
sicht in öffentlichen Schlachthäusern geschlachtet werden. 

Um so schlimmer sieht es dafür dann oftmals in den Umgebungen 
solcher Orte, besonders also der grossen Städte, aus, wohin der Arm der 
städtischen Fleischschau nicht mehr zu reichen vermag. Wie die Pilze 
schiessen sie hier auf, die Winkelschlächtereien, und Alles, was in der 
grossen Stadt beanstandet oder zurückgewiesen wurde, ja was man nicht 
einmal wagte, dort nur zu zeigen, wird hier gern verarbeitet und gelangt 
dann besonders im Inhalt der Würste, da in dieser Form bekanntlich schäd¬ 
liche und ekelhafte Fleischtheile am schwersten nachzuweisen sind 1 ), in die 
Läden der Grossstadt. 

So erzählt Bölling er, dass in einer Stadt drei finnige Schweine für unge- 
niessbar erklärt wurden. Der betreffende Händler setzte die Schweine auf die 
Bahn, fuhr mit ihnen nach einer anderen Stadt, wo die finnigen Schweine in Form 
von Würsten verspeist wurden. Ebenso ist es vorgekommen, dass das Fleisch 
von rotzkranken Pferden in Form von Würsten verkauft wurde. 

Aehnlich berichtet Zündel vom Eisass 2 ): „Die Schweinehändler fürchten 
die in den Schlachthäusern bestehende Fleischbeschau. — Sobald sie durch 
Untersuchung unter der Zunge am lebenden Thiere die Finnenkrankheit be¬ 
merkt haben, verkaufen sie die Schweine nicht mehr in diese Städte, sondern 
schaffen sie nach kleinen Orten, von denen sie wissen, dass daselbst keine 
Fleischschau besteht.“ 

Professor Orth sagt 8 ): „Man behauptet, dass um Berlin viel Vieh verendet, 
resp. vorher noch abgestochen wird, um hier auf dem Fleischmarkt mit ver¬ 
kauft zu werden. . . . Ich mache Sie ferner auf die Wurstfabrikation aufmerk¬ 
sam, deren Ausdehnung im Interesse des Consums der grossen Städte zunimmt, 
und wobei ohne die entsprechende Controle immer Gefahr ist, dass Thiere, 
welche wegen Krankheit oder Abzehrung dem Abdecker zufallen sollten, zur 
Verarbeitung gelangen und mit eingehackt werden.“ 

In dieser Beziehung ist es nun in einem Falle ferner den dankenswerthen 
Bemühungen des Kreisphysicus Dr. Simon-Landsberg a. W. gelungen, der¬ 
artige Einrichtungen in seinem Bezirke aufzudecken und dann unschädlich zu 
machen. 

Es war demselben 4 ), insofern er als Physicus in sanitätspolizeilicher Bezie¬ 
hung sich vor Errichtung von Schlachtehäusern gutachtlich zu äussern hatte, 


1 ) Bollinger, Ueber die Gefahren, welche der Gesundheit des Menschen von kranken 
Hausthieren drohen. Sep.-Abdr. S. 50 und 51. 

2 ) Zündel, Die Gesundheit der Hausthiere in Eisass - Lothringen von l / A 1880 bis V 4 
1881. Strassburg 1882, S. 106. 

8 ) Correferat, erstattet über „das Abdeckereiwesen und seine Regelung“ in der IX. 
Plenarversammlung des deutschen Landwirthschaftsrathes 1881. (Archiv des Deutschen 
Landwirthschaftsrathes), V. Jahrg., Heft 6, S. 218. 

4 ) Briefliche Mittheilung des Kreisphysicus Dr. Simon an den Verfasser. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


231 


aufgefallen, „dass gerade aus der Nähe kleiner Eisenbahnstationen der Ostbahn 
(Dietz, Döllensradung, Dühringshof *) besonders häufige Gesuche um Genehmi¬ 
gung von Schlachthauseinrichtungen zu seiner Begutachtung kamen. In der 
Nähe von Dühringshof z. B. hatte sich die Zahl der Fleischer binnen wenigen 
Jahren verdreifacht. Der Exporthandel mit Fleisch von hier nach Berlin muss 
also ein sehr lohnender gewesen sein (da seit 10 Jahren weit über das Bedürf- 
niss der Kreiseingesessenen hinaus geschlachtet ist), um eine so starke Concur- 
renz zu ertragen. In einzelnen Gerichtsverhandlungen nun stellte sich heraus, 
dass das Fleisch von geschlachteten kranken Thieren bis zu 300 bis 400 Proc. 
Vortheil verwerthet wurde. Dass dies nicht mit rechten Dingen zuging, wurde 
durch die Gerichtsverhandlungen erwiesen, und weniger der Concurrenzneid, 
wie der Ehrgeiz der redlichen Fleischer führte zu Denunciationen, und deckte 
das unsaubere Treiben auf.“ — Derselbe Gewährsmann sagt in seinem officiellen 
Sanitätsberichte über das III. Quartal 1881 2 ): 

„Krankes Vieh wird zu einem billigen Preise aufgekauft und, nachdem es 
marktfähig gemacht, auf auswärtigen Plätzen (meist in Berlin) feil geboten. 
Ein hiesiger Viehhändler kauft eine kranke an Tuberculose und Kachexie lei¬ 
dende Kuh für 54 Mk. und verkauft sie an einen Luderschlächter für 75 Mk.; 
Letzterer bringt die zerlegten Theile nach Berlin, wo er wiederum Helfershelfer 
in dortigen Fleischern findet, welche die unansehnlichen Theile mit durchzu¬ 
schmuggeln verstehen. Selbst wenn die Polizei ziemlich rechtzeitig von dem 
Treiben unterrichtet wird, ist das Fleisch doch meist schon verpackt und nach 
Berlin gebracht; und wenn sich nun auch Zeugen über die verdorbene Beschaf¬ 
fenheit (allerdings meist mit gewisser Zurückhaltung) des Fleisches äussern, 
so hält es doch schwer, dass sich der Sachverständige und das Richtercollegium 
ein klares Bild von der Natur der Krankheit des geschlachteten Viehes machen 
können.“ 

Ebenso wurde daselbst im II. Quartale 1884 in Bechs Fällen verdorbenes 
Fleisch marktpolizeilich confiscirt und gegen die Fleischer, welche dasselbe 
zum Verkaufe gebracht hatten, die gerichtliche Untersuchung eingeloitet. 

Auch für die Stadt Hannover muss Aehnliches angenommen werden. 
Wanderten doch nach den Mittheilungen von Brandes 3 ) im Jahre 1873 nur 
zwei Kühe und im Jahre 1874 nur elf Kühe und zwei Ochsen in die als Ab¬ 
deckerei für Hannover und Umgegend fungirendeKunstdüngerfabrik zu Linden: 
Es kann also nur angenommen werden, dass das übrige crepirte Vieh als Nah¬ 
rungsmittel in die Küchen gewandert ist. — Allerdings War dies zu einer Zeit, 
wo Hannover noch kein öffentliches Schlachtehaus besass. 

Uebrigens war es in Hannover ebenfalls gelungen, in der Verhandlung des 
Schöffengerichtes am 10. December 1873 einen Fall von Luderschlächterei zur 
Verantwortung zu ziehen. 

Ueberhaupt gehören hierher die zahlreichen fast in jedem Zeitungs¬ 
blatt zu findenden Fälle, wo verdorbenes krankhaftes oder ekelerregendes 
Fleisch von der Marktpolizei confiscirt und die Bestrafung der betr. 
Schlächter bewirkt worden ist. 

Es ist nun vom hygienischen Standpunkte in hohem Grade beklagens¬ 
wert!^ dass es einmal so ausserordentlich schwer ist, derartigen empörenden 
MisBbräuchen nachzukommen, doppelt beklagenswerth aber, dass manchmal, 


*) Entfernung von Berlin 104*4 bez. 111*6 und 117*2 km nach dem Reichskursbuche. 
*) Pi stör, Generalbericht über das öffentl. Gesundheitswesen im Reg.-Bez. Frank¬ 
furt a. 0., im Jahre 1881. — Frankfurt a. 0., Trowitzsch & Sohn 1883, S. 42 bis 43. 

8 ) Brandes, Die Nothwendigkeit eines Schlachthauses für Hannover. Hannover ; 
Carl Meyer 1874, S. 12. 


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232 


Dr. Richard Wehmer, 

falls das wirklich gelungen ist, die gesetzlichen Bestimmungen es nicht er¬ 
möglichen, die Schuldigen zur Bestrafung zu ziehen. 

Einen diesbezüglichen Fall theilt Dieterich 1 ) mit: Hier hatte ein 
Schlächter eingestandener Maassen das Fleisch von vier theils crepirten, theils 
im Verlaufe einer inneren Krankheit abgestochenen Kühen als Nahrungsmittel 
verkauft. Als desshalb aus §. 10 des Gesetzes vom 14. Mai 1879 (Nahrungsmittel- 
gesetz) gegen ihn Anklage erhoben war, wurde er trotz eingelegter Revision 
beim Reichsgerichte freigesprochen, wobei das letztere folgende Rechts- 
grundsätze entwickelte: „Ein Nahrungsmittel erscheint dann als verdorben, 
wenn es in Folge von Veränderungen des normalen Zustandes nach all¬ 
gemeiner Ansicht zum Genüsse von Menschen ungeeignet ist . . . Zur Ver¬ 
setzung in die Kategorie eines verdorbenen Nahrungsmittels berechtigt nicht 
der blosse Umstand, dass das Thier, von welchem das Fleisch bez. Fett her¬ 
rührt , ohne Schlachtung gestorben ist. Entscheidend hierfür ist auch nicht 
ein blosser bezüglich des etwaigen Vorhandenseins einer inneren Krankheit aus 
der Untersuchzeit der Kuh vor ihrer Zertheilung sich ergebender Verdacht, 
da das Gesetz nicht schon an den blossen Verdacht mangelhafter Beschaffenheit 
oder die Unterlassung der Beobachtung etwaiger Vorschriften oder Regeln 
zur Prüfung der Mangelhaftigkeit den Begriff des Verdorbenseins des 
Nahrungsmittels geknüpft hat und auch nicht etwa die allgemeine Anschauung 
schon hierin ein Verdorbensein desselben erblickt.“ 

Dieterich führt dann weiter aus, wie der vom Reichsgericht in dem vor¬ 
stehenden PasBus geforderte positive Beweis des objectiven Verdorbenseins 
nachträglich fast nie mehr erbracht werden könne und äussert sich dann weiter: 
Wenn also der Beweis, dass das verkaufte Fleisch eines erkrankten oder ge¬ 
fallenen Thieres thatsächlich verdorben war, nachträglich fast niemals wird ge¬ 
führt werden können, wenn selbst in solchen Fällen, wo thatsächlich nach dem 
Genüsse solchen Fleisches Erkrankungen von Menschen in grösserem oder ge¬ 
ringerem Umfange erfolgt sind, der Beweis nicht wird geführt werden können, 
dass das Fleisch wirklich verdorben war, und dass die Erkrankung der Menschen 
eine Folge dieses Fleischgenusses war, so ergiebt sich als Folge davon in der 
Praxis, dass der Verkauf des Fleisches von gefallenem und er¬ 
kranktem Vieh straflos ist 2 ). 

Ausser den Luderschlächtereien sind auch als Winkelabdeckereien 
gelegentlich Leimsiedereien und dergleichen Anstalten zu bezeichnen, 
da in ihnen, wie Zipperlen in der Sitzung des Deutschen Veterinärrathes 
am 4. August 1878 in Hannover ausführte 8 ), „manche Thiere weggeschafft 
würden, von denen man wisse, dass sie mit ansteckenden Krankheiten be¬ 
haftet seien u . Ebenso spricht auch der Veterinärassessor Dr. Ulrich 4 ) 
davon, dass unter einer beliebigen Fabrikffrma (Düngerfabrik, Seifenfabrik, 
Leimsiederei etc.) reine Abdeckereigeschäfte betrieben würden, ohne dass 
diese veterinärpolizeilich controlirt und ohne dass sie zu der betreffenden 
Gewerbesteuer herangezogen werden könnten. — Auch von diesen Etablisse- 


*) Das Feilhalten des Fleisches von gefallenen und kranken Thieren. — Von Dr. L. 
Dieterich, Kreisphysicus und San.-Rath in Oels. V. f. ger. Med. und öffcntl. San.-Wes., 
N. F., XXXVII. Bd., S. 135 bis 139. 

2 ) Die Hervorhebung der letzten Worte durch anderen Druck findet sich nicht im Ori¬ 
ginale. Verf. 

8 ) Bericht über die V. Versammlung des deutschen Veterinärrathes. — Augsburg 
1879. W. Lüderitz, S. 37 bis 38. 

4 J Ibidem, S. 73. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 233 

mente ans vermag also niedere Gewinnsucht die gefährlichen Thierseuchen 
in weitere Kreise zu verbreiten. 

In einem erfreulichen Gegensätze zu den soeben geschilderten, leider 
nicht selten zu beobachtenden Verhältnissen stehen die Zustände in Baden, 
Württemberg und Sachsen-Altenburg, welche in Folge der dort 
bestehenden strafferen und zeitgemässeren Verordnungen (s. o.) als ein er¬ 
strebendes Vorbild für andere Gegenden Deutschlands aufgestellt und be¬ 
nutzt werden könnten. 

Doch soll auch nicht verkannt werden, dass einen nicht geringen An- 
theil an der Lässigkeit und Mangelhaftigkeit der Abdecker in den kleineren 
und mittleren Städten und Bezirken der relativ geringe pecuniäre 
Erfolg wegen der nicht ausreichenden Ergiebigkeit ihres Abdeckerei¬ 
gewerbes trägt. Die Abdecker sind eben desshalb zum Nachtheile der Sache 
und ihrer Brauchbarkeit meist gezwungen, neben ihrem Abdeckereigewerbe 
noch eine andere Thätigkeit, meist Landwirtschaft, zu treiben. 

Um hier einige Zahlen als Belege anzuführen, verarbeitete z. B. die 
Abdeckerei zu Frankfurt a. 0., welche ausser für die genannte Stadt noch 
für zwölf umliegende Dörfer bestimmt war, vor mehreren Jahren aber ab¬ 
gelöst worden ist, im Mittel der zehn Jahre 1863 bis 1872 im Durchschnitt 
jährlich 99*1 Pferde, 1*1 Fohlen, 4*8 Rinder, 1*3 Schweine und 0*3 Ziegen. 
Hierbei sind aber die bez. Pferde des in der Stadt garnisonirenden Cavallerie- 
regimentes und die von dem Abdecker freihändig gekauften Cadaver eben¬ 
falls mitgezählt. Uebrigens war daselbst die (abgelöste) Abdeckereiberech¬ 
tigung nur eine ausschliessliche Gewerbeberechtigung und nicht mit einem 
Zwangs- oder Bannrechte verbunden; das Recht selbst war auf das Ab- 
deckereigrundstück im Grundbuche eingetragen. 

Im Kreise Lebus finden Bich ausserdem noch in Lebus, Seelow und 
Müllrose Abdeckereien. — Orte, welche einer dieser oder der zu Frankfurt 
nicht angehörten, gab es im Kreise nicht. 

Die Abdeckerei in Guben 1 ) (Reg.-Bez. Frankfurt a. 0.) verarbeitet 
jährlich etwa 12 Schweine, 6 Rinder und 36 Pferde. 

Diejenige zu Fürstenberg a. 0. 2 ) (Kreis Guben), welche für die 
Stadt und 36 umliegende, früher zu dem alten in der Stadt befindlichen 
Klosterstift gehörende ländliche Ortschaften noch jetzt Zwangs- und Bann¬ 
rechte besitzt, verarbeitet jährlich etwa IGO Stück Grossvieh (Pferde und 
Rinder), 30 Fohlen und Kälber, 200 bis 300 Ziegen und Schweine und ca. 
30 Hunde.— Bei der einfachen Verwerthung der Abdeckereiproducte spielt 
die Fabrikation von Seife noch eine gewisse Rolle. — Ausserdem hat hier 
jeder Ort für sich oder mehrere gemeinschaftlich einen Schindanger für 
Rotz und Milzbrand. 

In Rummelsburg (Pommern) verarbeitet die noch mit Bannrechten 
ausgestattete, für 72 Ortschaften bestimmte Abdeckerei jährlich etwa 170 
Stück Vieh 3 ). 


1 ) Briefliche Mittheilung des Kreisphysicus Dr. med. Klamroth daselbst. 

2 ) Briefliche Mittheilung des Dr. med. Brann daselbst. 

3 ) Briefliche Mittheilung des Kreisphysicus Dr. Kraft daselbst. 


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234 


Dr. Richard Wehmer, 

Im Kreise Königsberg (N. M . l ) sind sämmtlichen Ortschaften Ab¬ 
deckereien zugewiesen, deren es für den Kreis vier giebt und zwar in 
Königsberg für die Stadt und 21 Dörfer, in Schönflies für die Stadt und 
9 Dörfer, in Bärwalde für diese Stadt, die Stadt Mohrin und 17 Dörfer 
und in Zehden für dies selbst und 27 Dörfer; ausserdem gehören eine An¬ 
zahl von Ortschaften auf dem linken Oderufer zur Abdeckerei Wriezen 
(Kreis Oberbarnim). 

Was die im Kreise selbst belegenen Abdeckereien betrifft, so besitzen 
dieselben sämmtlich Privilegien, die ihnen von Friedrich Wilhelm III. ver¬ 
liehen wurden, und zwar Zehden vom Jahre 1790, die übrigen vom 
Jahre 1798. 

Die Abdeckereien zu Königsberg und Schönflies, welche demselben Ab¬ 
decker gehören, verarbeiten im Mittel jährlich zusammen 110 Stück grosse 
Thiere und mehrere Hundert kleine, daVunter besonders Schweine. 

Im Kreise Calau befinden sich nach zuverlässigen Mittheilungen zwei 
Abdeckereien, in Calau und Drebkan. — Die erstere, welche gegenwärtig 
ausser Betrieb ist, umfasste die Stadt Calau und 42 Dörfer, die zweit¬ 
genannte die Stadt Drebkan und nächste Umgebung. Diese letzte ver¬ 
arbeitet jährlich im Durchschnitt nur zwei Pferde. 

Im Kreise Cottbus befinden sich zwei Abdeckereien, in Cottbus und 
Peitz, zu welchen auch die umgebenden Ortschaften und einige aus den 
Nachharkreisen gehören. Beide sind mit Privilegien, Cottbus vom Jahre 
1798, Peitz vom Jahre 1800 versehen. Der Abdecker in Cottbus, welcher 
die Berechtigung und Verpflichtung hat, alles in seinem Bezirke gefallene 
Vieh abzuholen und — soweit die Seuchengesetze zulassen — zu verwerthen, 
besitzt indessen nicht die polizeiliche Concession, da sein Grundstück 
innerhalb des Stadtweichbildes liegt. — Ausserdem befindet sich nordwest¬ 
lich von Cottbus ein Schindanger für Seuchencadaver. (Mittheilung des 
Sanitätsrath Dr. Liersch.) 


3. Abdeckereien mit besonderen Einrichtungen zur technischen 
Verwerthung der thierischen Abfallstoffe. 

Bei dem hohen Werthe, welchen die thierischen Abfallstoffe als Dünger 
für den Landwirth besitzen einerseits, und bei der nicht geringen Schwierig¬ 
keit, die Cadaver umgestandener Thiere in den grossen Städten auf eine 
angemessene Weise zu beseitigen andererseits, lag es nahe, Verfahrungs- 
weisen zu ersinnen, welche beiden Momenten gerecht wurden. 

Besitzen doch, wie Professor Orth in seinem mehrfach citirten Correferate 
in der Sitzung des Deutschen Landwirthschaftsrathes 2 ) nachwies, 1000 Pfund 
Lebendgewicht eines gefallenen Stückes Grossvieh 266 Pfund Stickstoff und 
18*6 Pfund Phosphorsäure. Rechnet man nun das Pfund Stickstoff zu 1 Mark 
und das Pfund Phosphorsäure zu 20 Pfennig, so ergiebt das rund einen Werth 
von 30 Mark für ein gefallenes Stück Grossvieh, und geht man nur von zehn 
Millionen Stück Grossvieh aus und rechnet nur 1 Proc. Verlust, so beträgt das 


*) Briefliche Mittheilung des Kreisphysicus Dr. Wiedner daselbst. 

2 ) Archiv des Deutschen Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg. 1881, Heft 6, S. 219. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. . 235 

100000 Stück im Werthe von 30 Mark pro Stück = drei Millionen Mark y bei 
2 Proc. sechs Millionen Mark und so fort. 

Zum Behufe der Erschliessung dieser so wichtigen Stoffe hat man nun, 
in Anlehnung an die bei der Poudrettefabrikation üblichen Einrichtungen 
zweierlei principiell verschiedene Methoden, welche Eulenberg in 
seiner „Gewerbehygiene“ folgendermaassen charakterisirt 1 ). 

a) Die Maceration: Man behandelt den ganzen, nicht zerkleinerten 
Cadaver mit siedenden Wasserdämpfen mit oder ohne Zusatz von Schwefelsäure 
oder kaustischer Lauge resp. Kalk. Diese Procedur geschieht in hölzernen, mit 
Blei ausgefütterten Gefässen, welche so gross sind, dass sie ein bis zwei Cadaver 
der grössten Sorte aufzunehmen vermögen. Man erhält in ähnlicher Weise 
wie beim Knochendämpfen (d. h. in Digestoren. W.) das Fett und den Leim, 
während die Knochen weiter verarbeitet werden; es sind aber hier in erhöhtem 
Grade die [früher] erwähnten Vorsichtsmaassregeln zu beobachten.“ 

b) Bei der trockenen Destillation benutzt man einen von Porion 
construirten Apparat, der aus einem Destillationsapparate besteht, um die 
Producte der trockenen Destillation und als Rückstand die Thierkohle zu 
gewinnen. Diese Methode empfiehlt sich vorzugsweise, da sie selbst bei an 
Rinderpest zu Grunde gegangenen Thieren angewandt werden kann; bei ihrer 
sorgfältigen Anwendung sind die Belästigungen auf ein Minimum reducirt. 

Meist sind bisher die betreffenden Etablissements für die erstgenannte 
Methode eingerichtet. Ziemlich das erstgegründete derselben ist die auf 
der Eutritzscher Feldmark bei Leipzig befindliche „Dampf- 
Kunst-Dünger-Fabrik“ von Jul. Gebhardt. Reclam, welcher 
bei Gelegenheit seiner Vorlesungen diese Anstalt seinen Zuhörern zu 
demonstriren pflegt — auf solche Weise hat auch Verfasser im Jahre 1873 
dieselbe kennen gelernt — giebt von ihr in der „Gesundheit“ eine ausführ¬ 
liche Beschreibung 2 ). 

Die Anstalt, deren erster wesentlicher Bestandtheil grosse eiserne Retorten 
(Papin’sche Töpfe) sind, behandelt in ihnen die zerstückten Cadaver mit Dampf 
bei 2% bis 3 Atmosphärendruck, wobei Leim und Fett für sich gewonnen und 
eventuell weiter verarbeitet werden. — Die eigentliche Fleischmasse nebst 
Knochen und getrocknetem Blute wird gedörrt und in einer Pochmühle zu 
„Pulver“ gemahlen, dann noch mit Schwefelsäure behandelt und zuletzt mittelst 
des „Desintegrators“ 3 ) pulverisirt. 

Gewonnen wird hierbei, abgesehen von den Häuten, welche in eine Gerberei 
wandern, und den ebenfalls zu gewerblichen Zwecken abgegebenen Haaren, 
Hufen und Hörnern (falls es sich nicht um Seuchen cadaver handelt): einmal 
Leim, der auch häufig verdickt und als „bone-size“ zu Appreturzwecken ver¬ 
kauft wird, sodann das Fett für Maschinenöle und Seifenfabrikation, endlich das 
„Leipziger Fleischmehl“ als Dungmittel. 

Die Fabrik, welche die Thierleichen abholt und für das Stück Grossvieh 
16 bis 55 Mark (im Durchschnitt 24 Mark) zahlt, verarbeitet ausserdem jährlich 
durchschnittlich 10000 Centner getrocknete Flechsen, die sie aus kleineren 
Abdeckereien aufkauft, und ausserdem frisches und trockenes Blut aus Schlacht¬ 
höfen. 

Sie beschäftigt durchschnittlich 60 Arbeiter. 

*) Eulenberg, Lehrbuch der Gewerbehygiene. Berlin 1876, Aug. Hirschwald, S. 592. 

a ) Gesundheit, 1. Jahrg., S. 178. 

3 ) Eulenberg, Handbuch des öffentl. Gesundheitswesens. Berlin 1881, Aug. Hirsch¬ 
wald, S. 54. („Abdeckereien“ von Esser.) 


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236 


Dr. Richard Wehmer, 

In ähnlicher Weise ist die Einrichtung und der Betrieb der am Wedding 
gelegenen industriellen Berliner Abdeckerei, welche für die Stadtbezirke 
Berlin und Charlottenburg bestimmt ist. Dieselbe beschäftigt 24 Mann und ver¬ 
arbeitete in den letzten Jahren des vorigen Jahrzehnts durchschnittlich 1000 Pferde, 
170 Rinder, 2000 Hunde, 150 Katzen, 110 Kälber, 600 Hammel, 400 Schweine 1 ). 

Im Durchschnitt der Jahre 1881 bis 1885 wurden ihr zufolge zuverlässiger 
Nachrichten zur Verarbeitung bezw. Vernichtung jährlich zugeführt: 1820 Pferde, 
282 Rinder, 2127 Schweine, 156 Kälber, 510 Schafe und 1175 Hunde und 
sonstige kleine Thiere. Für die ersten neun Monate des Jahres 1886 stellen 
die Ziffern sich zum Theil erheblich höher, da in dieser Zeit 1659 Pferde, 
520 Rinder, 1870 Schweine, 209 Kälber, 572 Schafe und 815 Hunde und sonstige 
kleinere Thiere ihr überwiesen wurden. — Ausserdem hat die Abdeckerei 
260 000 bis 300000 Kilo einzelner thierischer Theile zu verarbeiten, welche ihr 
als Confiscate von der Marktpolizei überwiesen werden. 

Ueber die Art und Weise der Verarbeitung wird Folgendes mitgetheilt: 
„Abgesehen von dem auf offenem Feuer stattfindenden Ausschmelzen des 
viel begehrten Hundefettes wird unter Benutzung eines Dampfkessels und 
zweier Digestoren und Kessel Leim und Fett gewonnen und in offenen Kesseln 
Fleisch gedämpft, das als Hundefutter bedeutenden Absatz findet. Diejenigen 
frischen Knochen, welche nicht bei Gelegenheit der Fettgewinnung in die 
Digestoren gelangt waren, sowie die Rückstände aus den Digestoren und Kesseln 
und ausserdem eine erhebliche Menge solcher thierischer Theile, die eine nur 
geringe Ausbeute an Leim und Fett ergeben würden, besonders Lungen, Lebern, 
Gebärmütter, ungeborene Thiere, werden einer dem Abdeckereipächter ge¬ 
hörigen Fabrik ausserhalb des Berliner Stadtbezirkes zugeführt.“ 

„Die Pferde- und Rinderhäute gelangen gesalzen in den Handel, die Hunde¬ 
felle werden meist nach Amerika exportirt.“ 

In Folge des rapiden WachBthumB der Stadt Berlin beginnen jetzt bewohnte 
Stadttheile und Gebäude die Abdeckerei, der ausserdem mehrere Kirchhöfe 
nahe liegen, mehr und mehr einzuschliessen. Die Frage einer eventuellen 
Verlegung der Abdeckerei nach ausserhalb ist daher neuerdings mehrfach 
erörtert worden 2 ). Dieselbe ist übrigens vom sanitären Standpunkte um so 
wünschenswerther, als die Ausdehnung der Stadt eine solche über kurz oder 
lang doch erforderlich machen dürfte. 

In Hamburg 8 ) ist der Abdecker, „Frohn“ genannt (vergl. S. 199 u. 238), 
städtischer Beamter, mit 3168 Mark Gehalt und freier Wohnung. — Die mit 
der Stadt telegraphisch verbundene, ausserhalb derselben liegende Abdeckerei 
ist ähnlich wie die Leipziger eingerichtet und gehört der Stadt. — Die Ein¬ 
nahmen fliesBen dem Frohn zu, der dafür aber Arbeitskräfte, Instrumente und 
Wagen zu stellen, sowie die kostenlose Wegschaffung der Thiercadaver zu 
besorgen hat. (Nebenbei ist der Frohn noch Henker.) — Im Jahre 1878 ver¬ 
arbeitete die Abdeckerei: 187 Pferde, 39 Stück Hornvieh, 5 Kälber, 41 Schafe, 
169 Schweine, 703 Hunde und 757 sonstige kleinere Thierleichen, 15 Tonnen 
verdorbene Fleischwaaren, 50kg verdorbene Fische, ausserdem verschiedenes 
Wild und Geflügel. — Im Jahre 1884 4 ) wurden daselbst die Cadaver von 
191 Pferden, 71 Stück Hornvieh, 6 Kälbern, 941 Schweinen, 67 Schafen, 
3289 Hunden, Katzen, sowie andere kleine Thierleichen, circa 2000 Kilo ver¬ 
dorbenes Fleisch, 83 Kilo Fische, 250 Kilo Geflügel beseitigt. 

Eine andere ähnliche industrielle Anlage ist vor wenigen Jahren für 
27 000 Mark bei Augsburg, 2 km von der Stadt entfernt, geschaffen worden. 


*) Esser in Euenberg’s „öffentl. Gesundheitswesen“, S. 55. 

2 ) Vossische Zeitung vom 3. November 1886 (Nr. 514). 

8 ) Esser, 1. c., S. 55. 

4 ) Veröffentlichung des Kaiserl. Gesundheitsamtes, X. Jahrg. Nr. 34 (24. August 
1886), S. 493. 


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237 


Ueber Abdecker und Abdeckereien. 

Sie besteht nach einer von dem dortigen Bezirksthierarzt Adam in dessen 
„Wochenschrift für Thierheilknnde“*) gemachten Beschreibung ausser dem 
Wohnhause mit Adnexen für den Wasenmeister aus einem Gebäude mit 
Contumazställen und einem hiervon 50m entfernt liegenden Gebäude, welches 
aus einer veterinärärztlichen Sectionshalle und dem Kesselhause besteht. Hier 
werden die zerstückelten Cadaver in grossen Cylindern mit Dämpfen von 5 bis 
6 Atmosphärendruck durch drei Stunden behandelt; der Process ist also dem 
in Leipzig geübten analog, die Wirkung dürfte nur des grösseren Atmosphären¬ 
druckes wegen eine noch gründlichere Bein. 

Die Anstalt verarbeitet jährlich etwa 40 Pferde, 50 Stück Rindvieh, 
20 Schweine, 100 Hunde, ausserdem eine grosse Menge einzelner kranker oder 
sonst ungeniessbarer Organe und Theile von Schlachtthieren. — Unter den 
verarbeiteten Rindern sind im Durchschnitt 40 Cadaver meist tuberculöser 
Rinder aus dem städtischen Schlachthause mit inbegriffen. 

Die Abdeckerei in Frankfurt a. M. 2 ) erhielt im Etatjahre 1883/84 ein¬ 
geliefert: 116 Pferdecadaver (davon 3 ungeniessbar von der Pferdeschlächterei, 
1 wegen Lungenrotz), 6 Ochsen, 31 Kälber, 71 Schweine, 7 Ziegen, 1 Schaf, 
1 Lamm, 190 Eingeweide von grossen Thieren, 2 Stück Rehe, IKorb confiscirter 
Schellfische, 5 krepirte Hunde, 7 Hunde zum Tödten; es wurden ausserdem 
181 Hunde eingefangen, von denen 67 getödtet wurden. 

Aehnliche, aber kleinere Anstalten bestehen ferner z. B. bei Köln 3 ), 
bei Metz 4 ), in Linden bei Hannover 5 ) etc. 

Auch diese anscheinend allen Ansprüchen genügenden Apparate 
zur chemischen und thermischen Vernichtung der Cadaver, 
sowie der in ihnen enthaltenen Ansteckungsstoffe sind jedoch nicht 
ganz einwandsfrei. 

Einmal ist meines Wissens für alle hier in Frage kommenden Apparate 
noch nicht positiv, d. h. durch entsprechende Experimente festgestellt 
worden, ob die Zerstörung der Ansteckungsstoffe, besonders der Sporen, 
von allen hier in Betracht kommenden Infectionsträgern und in allen Theilen 
der verarbeiteten Cadaver eine vollständige sei. 

Allerdings nimmt man ja an, dass siedendes Wasser und heisse 
Wasserdämpfe durch mindestens V 2 stündiges Kochen der zu desinficirenden 
Gegenstände bei einer Temperatur von mindestens 100° die Ansteckungs- 
stofife zerstören. — Und ganz gewiss hat Adam Recht, wenn er daraus 
folgert 6 ): „dass bei dem Verkochen der Cadaver mit einem. Dampfe von 
5 bis 6 Atmosphären Ueberdruck, wo eine Temperatur von 160 bis 166*5° C. 
durch drei Stunden auf die zu beseitigenden thierischen Theile einwirkt, 
hierdurch die Ansteckungsstoffe sicherer zerstört werden, als 
durch Vergraben. 4 


') „Unschädliche Beseitigung der Thierleichen von Th. Adam in Adam’s Wochenschrift 
für Thierheilkunde und Viehzucht 4 1883, S. 405 ff. 

2 ) Prof. Dr. Leonhardt im Archiv für wissenscbaftl. und prakt. Thierheilkunde. 
Bd. 12, Heft 5 u. 6, S. 409 u. 410. 

8 ) A. d. D. Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg. 1881, Heft 6, S. 209. 

4 ) Zündel, Der Gesundheitszustand der Hausthiere in Eisass - Lothringen vom 1. Apr il 
1879 bis 1. April 1880. S. 100 u. 101. 

°) Brandes, Die Nothwendigkeit eines Schlachthauses für Hannover. Hannover, 
Carl Meyer, 1874, S. 12. 

6 ) Adam, Wochenschr. für Thierheilkunde 1883, S. 405 ff. 


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238 


Dr. Richard Wehmer, 

Man wird ja daher auch mit dem erreichten Resultate in hohem Grade 
zufrieden sein können. Ja es ist vielleicht überhaupt einer nicht fernen 
Zeit Vorbehalten, auch den soeben erforderten Beweis positiv zu erbringen. 
Vorläufig erscheint es daher nothwendig, will man sich nicht in weiter¬ 
gehende Illusionen hüllen, sondern nüchtern auf dem Boden der Thatsachen 
stehen bleiben, dass alle Apparate, in welchen Gadaver von Seuchenleichen 
behandelt werden, einzeln ganz besonders rücksichtlich der Leistungs¬ 
fähigkeit ihrer desinficirenden Kräfte geprüft werden. Denn, falls sie 
dieselben nicht in genügendem Maasse besitzen, würden sie die allergrössten 
Gefahren für die betreffenden Fabrikarbeiter in sich tragen, Gefahren, 
welche viel grösser dann sind, als diejenigen der Leute, welche nach alter 
Gewohnheit einen Milzbrandcadaver z. B. verscharren. 

Der zweite wunde Punkt der industriellen Abdeckereien ist der Geld¬ 
punkt. 

Es ist ganz gewiss unrichtig, wenn man sich überall — ganz grosse 
Städte, z. B. Berlin, machen ja hiervon eine Ausnahme — sofort bedeutende 
pecuniäre Einnahmequellen aus einer derartigen Abdeckerei verspricht. Dazu 
sind die Apparate zu theuer, die Arbeitslöhne zu hoch, der Werth der 
gelieferten Dungmittel etc. ein zu geringer. In der That zieht z. B. die 
Stadt Hamburg nicht nur keinerlei Gewinn aus ihrer Abdeckerei, sondern 
sie überlässt denselben ihrem „Frohn“; ja sie muss demselben noch ein 
nicht unbeträchtliches Gehalt zuzahlen x ). 

Auch von der Augsburger industriellen Abdeckerei sagt 
Adam 9 ), dasB wahrscheinlich nicht nur die Feuerungskosten, sondern auch 
der Unterhalt des Wasen meistere aus den Erträgen gedeckt werden. 

Von einer Verzinsung oder gar einer Amortisation des Anlagecapitals 
ist hier also gar keine Rede. 

Es verhält Bich daher in dieser Beziehung mit den industriellen 
Abdeckereien ganz analog wie mit den Canalisationsanlagen, Rieselfeldern 
und dergleichen. Sie werden, eben ihrer bedeutenden Geldkosten wegen, 
vorläufig wohl immer ein Vorrecht der grösseren und reicheren Städte 
bleiben. 

Eine weitere sehr erhebliche Unbequemlichkeit dieser industriellem 
Etablissements ist ihre quantitativ beschränkte Leistungsfähigkeit. 
Dieselben sind, wie eben in der Natur der Sache liegt, nur im Stande, die 
gewöhnlichen Mengen der eingelieferten Cadaver zu beseitigen. Tritt nun 
aber plötzlich eine grosse Zufuhr ein, soll z. B. eine ganze Heerde milz¬ 
brandigen Rindviehs beseitigt werden, so wird die Einrichtung ebenso 
versagen, wie die Canäle mancher Städte bei einem plötzlichen Wolken¬ 
bruche für die Menge des Meteorwassers nicht ausreichen. Man kann ja 
allerdings in einem gewissen Grade diesen Uebelstand dadurch zu verringern 
suchen, dass man cementirte Gruben u. dergl. bei den Etablissements 
anlegt und in ihnen die im Augenblick nicht zu verarbeitenden Gadaver 
eine Zeit lang vorübergehend aufbewahrt. Einerseits ist dies aber 
auch mit hygienischen Nachtheilen verknüpft und andererseits auch nur in 


*) Conf. Esser in Eulenberg’s öffentl. Gesundheitswesen, Bd. 1, S. 55. 
2 ) „Unschädliche Beseitigung der Thierleichen.“ 1. c. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


239 


einem gewissen Grade ausreichend. Gerade also in solchen Fällen, wo es 
besonders darauf ankommen würde, energisch zu wirken, gerade dann lassen 
uns diese Einrichtungen im Stiche. 

Ebenso ist es auf der anderen Seite ausserordentlich störend, wenn 
längere Zeit überhaupt keine Cadaver eingeliefert werden. In früheren 
Jahren, z. B. in den ersten Jahren, als die Leipziger Anstalt arbeitete, 
war dies weniger störend. Hier waren die massenhaften derselben zu¬ 
wandernden Pferdecadaver oder zu tödtenden Pferde ein reichlicher Ersatz. 
Seitdem es aber Mode geworden, Pferdefleisch zu essen, wandern 
die meisten alten Pferde zum Rossschlächter und nicht zur Abdeckerei, 
deren Einnahmeausfall dadurch ein nicht unbeträchtlicher ist. 

Endlich sei noch erwähnt, dass auch diese industriellen Abdeckereien 
nicht geruchlos zu arbeiten vermögen, daher, was auch gesetzlich bereits 
bestimmt ist, ebenso gut wie die alten, in einer relativ grösseren Entfernung 
der Städte liegen müssen, wodurch andererseits ihr Betrieb erheblich 
erschwert ist. 


Schlussfolgerungen. 

Es ist in den vorstehenden Ausführungen sorgfältig jede Uebertreibung 
vermieden worden, vielmehr sind nur Dinge gebracht und beschrieben, für 
welche die Beweise beigefügt werden konnten. Aus diesen Ausführungen 
geht nun hervor, dass zwar in einzelnen Gegenden, z. B. in Baden und 
Württemberg, ferner auch in verschiedenen grossen Städten, der Ab¬ 
deckereibetrieb in einer den Forderungen der Gesetze sowohl wie auch 
besonders des gegenwärtigen Standes unserer Wissenschaft entsprechenden 
Weise betrieben wird, dass dagegen in weitaus dem grössten Th eile Deutsch¬ 
lands und in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle hiervon keineswegs die 
Rede sein kann. 

So sagt denn z. B. B o 11 i n g e r von den Abdeckereien *): „Wer diese An¬ 
stalten kennt, wird sich leicht überzeugen, dass sie polizeiwidrige Anstalten sind. u 

Professor Dam mann nennt sie die „Schlupfwinkel der Viehseuchen“ a ) 
und sagt weiter über das Abdeckereiwesen: „Bis zur Stunde ist der Zustand 
des Abdeckereiwesens fast aller Orten ein geradezu roher zu nennen. Hier 
fehlen über weite Strecken die Wasenmeistereien gänzlich; dort vermisst man 
wieder die Verpflichtung der Abdecker, die eingegangenen Cadaver und deren 
Herkunftsorte in ein Register einzutragen und von seuchenverdächtigen Stücken 
Anzeige zu erstatten.“ 

Zündel 8 ) sagt darüber: „Das Wasenmeisterwesen ist noch ein sehr wunder 
Punkt in den elsässisch - lothringischen veterinärpolizeilichen Einrichtungen, zu 


*) 0. Bollinger, Ueber die Gefahren, welche der Gesundheit des Menschen von 
kranken Säugethieren drohen. Zeitschr. für Thiermedicin und vergl. Pathologie. Bd. III, 
Heft 1 und 2, 1876. Separatabdruck S. 51. 

2 ) Die Nothwendigkeit und die Grundzüge eines einheitlichen Viehseuchengesetzes für 
das Deutsche Reich. Von Prof. Dr. Dam mann (Eldena). Berlin, Wiegandt, Hempel & 
Parey, 1875. 

3 ) Zündel, Landesthierarzt für Elsass-Lothringen: „Der Gesundheitszustand der Haus- 
thiere in Elsass-Lothringen vom 1. April 1879 bis 1. April 1880. Strassburg, R. Schultz 
u. Comp., S. 100. 


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240 Dr. Richard Wehmer, 

dessen Beseitigung aber eine besondere Gesetzgebung für das ganze Reich 
nöthig ist.“ 

Oekonomierath Nobbe-Niedertopfstedt*) nennt gelegentlich seines in der 
Sitzung des Deutschen Landwirthschaftsrathes am 18. Januar 1881 abgegebenen 
Referates den „thatsächlichen Zustand des Abdeckereiwesens einen völlig un¬ 
haltbaren und beklagenswerten“, und sagt weiter 2 ), „dass in den meisten 
Theilen des Landes die Selbstabdeckerei herrscht, oder wie er es genannt habe, 
die unerträglichste Blut- und Sudelwirthschaft. Die Seuchenfalle werden dem 
Gesetze zum Trotz verheimlicht, indem man einfach sagt: „wer beweist mir 
denn, dass das Thier an Seuche gefallen ist?“ und in einzelnen Wirthschafts- 
höfen wird die Abdeckerei so lüderlich betrieben, dass dadurch an einzelnen 
Orten der Milzbrand stationär geworden ist und dass wir ernstlich nach Mitteln 
und Wegen suchen müssen, um das zu ändern.“ 

In Folge dieser Umstände haben denn, wie bereits erwähnt, der 
Deutsche Veterinärrath sowohl wie der Deutsche Landwirth- 
schaftsrath besonders eingehend mit der Materie sich befasst und sind 
beide dabei zu dem Schlüsse gekommen, dass eine einheitliche gesetz¬ 
liche Regelung des Abdeckerei Wesens ein Bedürfniss sei. 

Der innere Grund nun, aus welchem einer derartigen Regelung und 
einem rationellen Abdeckereibetriebe überhaupt so viele Hindernisse sich 
entgegenstellen, ist der: dass sich hierbei das landwirtschaftlich- 
praktische und das hygienische Interesse gegenüberstehen. Während 
jenes fordert, dass die Cadaver pecuniär so hoch als irgend möglich ver¬ 
wertet werden, insbesondere Nichts für die Landwirtschaft gänzlich ver¬ 
loren gehe, liegt im hygienischen Interesse, möglichst gründlich die 
Cadaver und die in ihnen enthaltenen Ansteckungsstoffe zu beseitigen. 

Es würde daher theoretisch die zweckmässigste Methode diejenige sein, 
welche beiden Forderungen in gleicher Weise Rechnung zu tragen ver¬ 
möchte. Da es nun eine solche schlechthin nicht giebt, auch überhaupt 
nicht geben kann, so wird in nationalökonomischem Interesse sorgfaltigst 
zu erwägen sein, welches Interesse hierbei den Vorzug verdiene. 

Je mehr nun aber die öffentliche Gesundheitspflege darauf dringen 
muss, dass die von ihr als unumgänglich bezeichneten Forderungen, um 
schweren wirtschaftlichen Schädigungen vorzubeugen, erfüllt werden, in um 
so höherem Grade tritt an sie auch die Pflicht heran, diese ihre Forderungen 
ganz genau zu prüfen und auf das notwendigste und geringste Maass zu 
beschränken. Wollte sie weiter gehen, so würde sie einerseits die anderen 
Interessen (der Landwirtschaft) nicht nur sehr schädigen, sondern voraus¬ 
sichtlich auch zu gewärtigen haben, dass gerade ihre dringendsten Forde¬ 
rungen nicht genügend beachtet werden. 

Allerdings kommt der öffentlichen Gesundheitspflege hierbei eine ausser¬ 
ordentlich wichtige, bisher nicht erwähnte Einrichtung helfend zu Statten: 
Es sind dies die Entschädigungen, welche für das an Seuchen gefallene 
oder erkrankte und desshalb getödtete Vieh aus der Reichscasse oder 
von den Communalverbänden dem Besitzer, falls er sich dieses Rechtes nicht 
durch irgend welche Uebertretungen der gesetzlichen Bestimmung verlustig 
gemacht hat, zufliessen; darüber handeln ausführlich die §§. 57 bis 64 des 

') Archiv d. D. Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg. 1881, Heft 6, S. 195. 

2 ) Ibidem, S. 200. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 241 

ReichsViehseuchengesetzes, sowie besondere Gesetze und Verfügungen in 
Betreff der Rinderpest. 

Hierdurch wird es der öffentlichen Gesundheitspflege dem Einzelnen, 
dem ja fast der ganze Werth seines Verlustes vergütet wird, gegenüber leicht 
gemacht, ihre Forderungen zu betonen; der GeBammtheit des Staates und 
Reiches gegenüber bleibt aber die Verpflichtung, ihre Forderungen auf das 
nothwendige Minimalmaass zu beschränken, doch bestehen. 

Dies geschieht hier dadurch, dass sie in allen Fällen, wo dies nur irgend 
thunlich ist, eine lucrativere Verwerthung der Cadaver oder einzelnerTheile 
derselben zulässt, als dies mittelst der von den Abdeckereien geübten Me¬ 
thoden möglich ist. 

Man wird daher z. B. wenigstens auf der „Freibank“ den Verbrauch 
des Fleisches von solchen tuberculösen Thieren gestatten, bei denen 
die Tuberkeln selten und nicht käsig degenerirt sind, besonders wenn die 
Thiere selbst gut gemästet sind *). „Die Fleischbeschauer würden gestei¬ 
nigt werden, wenn sie alles von tuberculösem Vieh abstammende Fleisch 
mit Beschlag belegen und für den Genuss unbrauchbar machen wollten“, 
sagt Vallin bei Besprechung der Pariser Einrichtungen 2 ). 

Uebrigens schlösse auch schon die grosse Masse derartiger Thiere, in 
Paris 3*6 pr. mille 2 ), in Berlin gar nach Villaret 3 ) 6*0 Proc. der Rinder und 
1*4 Proc. der Schweine, ein derartig rigoroses Verfahren, wie man es z. B. 
jetzt in der Schweiz einzuführen beginnt, aus. 

Freilich ist dies Polizeigesetz des Cantons Wallis, betreffend 
denVerkauf der Nahrungsmittel und Getränke vom 21. Novem¬ 
ber 1882, nebBt dazu gehörigem Reglement, betreffend die Voll¬ 
ziehung desselben vom 16. Mai 1883 4 ), ganz gewiss das Ideal einer 
Fürsorge in Betreff des Fleischgenusses, wenn es im Artikel 20d. vor¬ 
schreibt: „Der Verkauf allen Fleisches, von einem kranken Thiere abstam¬ 
mend , ist verboten, gleichviel ob es der Gesundheit schädlich ist oder 
nicht r, ). u 

a Indessen werden wir bei uns schwerlich, obwohl dies ja früher stellen¬ 
weise ebenfalls geschehen ist 6 ), soweit gehen können, und Gleiches, wie von 
diesen tuberculösen Thieren, gilt auch von manchen anderen Krankheiten, 
auf welche wir gleich specieller eingehen werden. 

Jene Ausnutzung aber ist nur dann zulässig, wenn die Garantie vor¬ 
handen ist, dass durch gründlichstes Kochen, was eventuell unter Aufsicht 
vorgenommen werden müsste, jede Spur der Schädlichkeit zerstört wird. 
Und dies wiederum ist nur dann möglich, wenn der Käufer den wahren 
Charakter des Fleisches kennt. 


*) Zündel, Generalbericht über das Jahr vom 1. April 1876 bis 1. April 1877. 

а ) L’inspection des viandes de boucherie, par Vallin. Revue d’hygiene, Mars 1883. 
Ref. V. f. ger. Med., N. F., XLI. Bd., S. 165. 

3 ) Anmerkung zu letztgenanntem Referat. 

4 ) Veröffentlichungen des kaiserlichen Gesundheitsamtes zu Berlin, X. Jahrg., Nr. 46, 
S. 680. 

б ) Ibidem Nr. 50, S. 736. Vergl. ausserdem: Gerlach, Die Fleischkost des Menschen. 
Berlin 1875, Aug. Hirschwald, S. 105. 

6 ) Gerlach, 1. c. S. 104 u. 105. 

Vicrtcljahrsschrift Tür GceundbeitBi'flcgc, 1887. 1^* 


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242 


Dr. Richard Wehmer, 

Man sollte daher, wie Gerlach sagt, den Verkauf derartigen Fleisches 
nur unter allerstrengster Controle und niemals in Privatläden, sondern nur 
auf der sogenannten „Freibank“ gestatten. 

In Baden besteht hierbei eine ganz besonders zweckmässige Einrich¬ 
tung, insofern als mit der Freibank ein Schlachthaus zum Noth- 
schlachten verbunden ist, wo jeder Besitzer sein krankes Vieh unter 
Aufsicht schlachten kann, um eventuell dann das Fleisch desselben auf der 
Freibank verkaufen zu können 1 ). 

Als Krankheiten, bei denen noch das Fleisch auf die Frei¬ 
bank gebracht werden kann, führt Gerlach 2 ) folgende an: 

1 Die Rinderpest, bei welcher allerdings aus veterinärpolizei¬ 
lichen Gründen die kranken Thiere selbst durch den Abdecker zu 
beseitigen sind. Dagegen können die gesunden, nur der Ansteckung 
verdächtigen Rinder unbedenklich geschlachtet werden, um so mehr, 
als das Fleisch pestkranker Rinder unschädlich ist. — Die revidirte 
Instruction zum Rinderpestgesetz (§. 25) gestattet daher in grösse¬ 
ren Städten und auf den unter regelmässiger veterinärpolizeilicher 
Controle stehenden Schlachtviehhöfen unter Umständen („es ...kann .. 
gestattet werden“) das Schlachten derartiger Thiere, das aber unter 
veterinärpolizeilicher Aufsicht in geeigneten Räumen stattfinden 
muss; auch dürfen das Fleisch und die inneren Theile erst nach 
dem Erkalten abgefahren und die Häute nur dann ausgeführt werden, 
wenn sie entweder vollkommen getrocknet sind oder drei Tage in 
Kalkmilch (1: 60) gelegen haben. 

2. Die Lungenseuche, an der jährlich Tausende von Rindern 
erkranken und doch geschlachtet und ohne Schaden als Nahrungs¬ 
mittel verwdrthet werden. 

3. Der nicht-milzbrandige Rothlauf der Schweine (Schweine¬ 
seuche 3 ). 

4. Krankheiten, die zu der grossen Gruppe der Entzün¬ 
dungen gehören; ausgeschlossen sind aber alle septischen Ent¬ 
zündungen, besonders auch Darm- und Gebärmutterentzündungen, 
bei denen die Cadaver der Abdeckerei zuzufallen haben. 

5. Centrale Nervenkrankheiten, die nicht durch Krankheiten 
bedingt sind, welche Ungeniessbarkeit verursachen. 

6. Krankheiten, durch Parasiten bedingt, die nicht im 
Fleische sitzen und auf den Menschen überhaupt nicht 
übergehen, von denen also eine Invasion für den Menschen nicht 
zu fürchten ist. (Distomum hepaticum, Strongylus contortus, Str. 
filaria, Str. micrurus, Str. paradoxus, Coenurus cerebralis, Echino¬ 
coccus veterinorura.) Die kranken Organe der betreffenden Thiere 
müssen natürlich der Abdeckerei zuwandern. 


1 ) Gerlach, Die Fleischkost des Menschen. Berlin 1875, Aug. Hirschwald, S. 151. 

2 ) Ibidem S. 104 bis 117. 

3 ) Besser wäre es, besonders wegen der Schwierigkeit der Differentialdiagnose, dies 

Fleisch immer der Abdeckerei zuzuführen. Couf. S. 135. Vert*. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


243 


7. Alle Localleiden, die nicht von Zerstörungsprocessen begleitet 
sind, d. h. die keine Infectionsherde bilden (Verwundungen, Knochen¬ 
brüche etc.). 

8. Apoplexie bei schlachtbaren gesunden Thieren. (Hier ist 
aber, besonders in Milzbranddistricten, grosse Vorsicht nöthig, da 
bekanntlich auch Milzbrand apoplectiform au ft ritt.) 

Ein weiteres Zugeständnis wird darin zu bestehen haben, dass man 
auch die Häute, Knochen, Haare etc. von den durch die Abdeckerei besei¬ 
tigten Cadavern den sie verarbeitenden entsprechenden Werkstätten zuzu¬ 
führen gestattet, wenn sie in keiner Weise irgend im Stande wären, nach¬ 
theilig zu wirken. 

Ebenso ist es auch zulässig, dass die Abdeckereien Fleisch (ausgenom¬ 
men von Seuchencadavern) in sorgfältig gekochtem oder gedämpftem zer¬ 
kleinertem Zustande, niemals aber roh, als Hundefutter verkaufen. (Leider 
ist aber nicht zu controliren, ob nicht Menschen dieses ekelhafte Genuss- 
mittel selbst aufesBen.) 

Dagegen wird es eine unabänderliche Forderung der öffentlichen 
Gesundheitspflege sein, dass gewisse Dinge nur mittelst der Abdeckerei 
beseitigt werden dürfen. 


Material, welches nur mittelst Abdeckerei beseitigt werden 

darf. 

Wir nehmen hier den Begriff der Abdeckerei im weitesten Sinne und 
verstehen insbesondere auch die Selbstabdeckerei darunter. 

Mittelst Abdeckerei, und zwar auf einem unschädlichen Wege, 
welcher jede Möglichkeit ausschliessen soll, dass die betreffenden Cadaver 
in irgend einer Weise als Nahrungs- oder Gebrauchsmittel im weitesten 
Sinne des Wortes (ausgeschlossen nur die Benutzung als Dungmittel in 
Fleischmehl und ähnlichen Formen) noch Schaden stiften können, sind nun 
zu beseitigen: 

1. Die vollständigen Cadaver der an Rinderpest, Milzbrand, Rotz, Wuth- 
krankheit verendeten Thiere, bei denen allen die Reichsviehseuchen¬ 
gesetze ausdrücklich das Abhäuten verbieten. Ferner würden hier 
noch folgende Krankheiten anzufügen sein: die Wild- und Riuder- 
seuche (1878 bei München beobachtet 1 ), sodann der dem Milzbrände 
verwandte Schweinerothlauf 2 ). Fernerhin Pyämie, Septicämie und 
Pocken; Erysipel, Diphtheritis, eventuell Rauschbrand 3 ). 

*) Bollinger, Ueber eine neue Wild- und Rinderseurhe. München, Finsterlin, 1878. 

a ) Vergl.: l) Schütz, Ueber den Rothlauf der Schweine und seine Impfung; Arbeiten 
aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte, Bd. I, Heft 1 u. 2, 1885; ferner: 2) Löffler, Experi¬ 
mentelle Untersuchungen über Schweinerothlauf; Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheits¬ 
amte, 1885, S. 46. 3) Lydtin und Schottelius, Der Rothlauf der Schweine, seine 

Entstehung und Verhütung. 4) Schütz, Ueber die Schweineseuche; Archiv für wissen¬ 
schaftliche und praktische Thierheilkunde, Bd. XII, Heft 3 u. 4, S. 218 bis 270. 

®) Vergl. Lemcke’s Fütterungsversuche (Kef. in Ada in’s Wochcnschr. f. Thierheil¬ 
kunde, 1885, S. 319). 

16* 


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244 


Dr. Richard Wehmer, 

2. Die Cadaver ausschliesslich der benutzbaren Häute, Klauen, Haare etc. 
von Thieren, welche erkrankt oder gefallen waren an Lungenseuche, 
hochgradiger Tuberculose, an Typhen, schweren Entzündungskrank¬ 
heiten, an allgemeiner Carcinose oder Sarcomatose; auch die Cadaver 
ungeborener oder neugeborener Früchte, deren Hinzurechnung zu 
den „verdorbenen“ Nahrungsmitteln das Reichsgericht in der Sitzung 
seines Strafsenats vom 3. Januar 1882 ausdrücklich anerkannt hat 1 ), 
würden vielleicht hierher zu rechnen sein; endlich die Cadaver von 
Thieren, bei welchen Finnen oder Trichinen gefunden waren (das 
ausgeschmolzene Fett derselben darf aber beliebig, sogar als 
Nahrungsmittel, verwandt werden; conf. S. 246), sowie von ver¬ 
gifteten Thieren, besonders bei Vergiftungen mit Blei-, Kupfer-, 
Quecksilberpräparaten, ferner bei Phosphor und Arsenik u. A. 2 ). 

3. Die kranken Organe von Thieren, welche sonst noch minder-bank- 
werthiges Fleisch liefern und auf die Freibank gehören (siehe oben), 
also z. B. die Gehirne mit Coenurus cerebralis, Lebern mit Egeln 
oder Echinococcen, Lungen mit Tuberkeln, vereinzelte Krebs- oder 
Sarcom- oder Actinomycosegeschwülste etc. Ebenso auch diejenigen 
Theile, welche auf dem Fleischmarkte als zu den sub 1. und 2. auf¬ 
geführten Thieren gehörig constatirt werden, z. B. finnige und 
trichinöse Speckseiten, rotziges Fleisch etc. 

4. Alles faule und sonst verdorbene Fleisch, wohin auch gleich be¬ 
schaffene Conserven, Fische, Crustaceen und dergleichen Dinge 
gehören. 

5. Die Abgänge, Blut, Excremente etc. der sub 1. genannten Thiere. 

Methoden der Abdeckerei. 

Wenn nun alle vorgenannten Gegenstände auch durch Abdeckerei zu 
beseitigen sind, so bleibt für die Wege, auf welchen dies zu geschehen hat, 
doch immer noch eine gewisse Breite, welche von der Gefährlichkeit der 
einzelnen Stoffe abhängt. 

Die hierbei in jeder Beziehung vollkommenste Methode, welche 
beiden Interessensphären, sowohl der pecuniären sowie der hygienischen, 
Rechnung trägt, ist die Beseitigung der Cadaver etc. mittelst der sub 3. 
(S. 234 bis 230 ff.) beschriebenen Apparate, die sogenannte thermochemische 
Verarbeitung der Cadaver. Es ist indessen bereits ausgeführt, dass beson¬ 
ders zu diesem Zwecke eingerichtete Anstalten wohl nur grosse und reiche 
Städte werden besitzen können. 

Nobbe - Niedertopfstedt 3 ) wollte in seinem bereits mehrfach erwähnten 
Referate in der Sitzung des Deutschen Landwirthschaftsrathes nur diesen 
Etablissements mit thermochemischen Apparaten, welche er mit dem Namen 
von Abdeckereien erster Classe belegt, die Berechtigung zugestehen, Thiere, 

*) Vierteljahrsschrift f. ger. Med., N. F., Bd. XL, S. 149. Vergl. ausserdem S. 242 
dieser Arbeit. 

2 ) Ger lach, Die Fleischkost, S. 83. 

Areh. d. D„ Landwirthschaftsrathes, V. Jahrg. 1881, Heft 6, S. 191 u. 192. 


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245 


Ueber Abdecker und Abdeckereien. 

welche an Rinderpest, Milzbrand und Pockenkrankheit verendet, bezw. desshalb 
getödtet sind, zu verarbeiten (und zwar nur thermochemisch). Auch die an 
Rotz und Tollwuth verendeten Thiere sollten lediglich diesen Anstalten zufallen, 
wenn nicht ihre anderweitige Beseitigung von dem zuständigen Kreisthierarzte 
genehmigt wäre. 

Nächst diesen besonders zu diesem Zwecke eingerichteten Anstalten 
würden — aber nur unter der Voraussetzung der Ermöglichung einer 
strengen amtlichen Controle derselben und in der Voraussetzung des 
Besitzes angemessener Apparate — Knochen-, Leim- und Seifensiede¬ 
reien, sowie Poudrette- und Düngerfabriken kommen ] ). 

Unter Zuhülfeuahme dieser Einrichtungen würde sich allerdings ein 
Verwerthen vieler Cadaver ermöglichen lassen. 

„Denn es handelt sich dann“, wie Bollinger 2 ) sagt, „nur darum, dass die 
Stadt mit den Besitzern derartiger Anstalten Verträge abschliesst, worin die 
Fabrikanten sich verpflichten, gegen Lieferung der Cadaver dieselben sämmtlich 
unschädlich zu machen.“ 

Auch auf dem Lande würde dies nach dem genannten .Gewährsmanne sehr 
wohl möglich sein, wofür er Folgendes als Beweis anführt: „In einzelnen 
Theilen Schwabens und Badens haben sich mehrere Gemeinden zusammengethan 
und lassen ihre Thiercadaver in solche Fabriken transportiren oder sie legen 
grosse wasserdichte Gruben an, in welche sie die Thiercadaver bringen, chemisch 
vernichten, um sie dann zur DüQgerfabrikation zu verwenden.“ 

Leider aber existiren derartige Fabriken nicht überall. 

Indessen auch auf einfachere Weise lässt sich die chemische Ver¬ 
nichtung erreichen. 

Es ist dies in der von Sombart auf Ermsleben geübten Weise durch 
Kochen mittelst Schwefelsäure 3 ). Bekanntlich vernichtet nach den Unter¬ 
suchungen Davaine’s 4 ) die Schwefelsäure, im Verhältnisse von 1 : 1000 
bis 1: 5000 dem verdünnten Milzbrandblute «ugesetzt, dessen Infectiosität. 
Allerdings ist hierbei stillschweigende Bedingung, dass auch die Schwefel¬ 
säure wirklich mit allen Theilen der zu zerstörenden infectiösen Massen 
zusammenkomme. Dies wird aber nur bei einer gründlichen stunden¬ 
langen Durchkochung der betreffenden zerkleinerten Cadaver zu 
erreichen sein. In ähnlicher Weise sind auch Salzsäure, Aetznatron und 
Chilisalpeter angewandt, bezw. empfohlen worden 5 ). 

Ein einfaches Ueber giessen der Cadaver mit Schwefelsäure oder 
auch, wie dies vielfach üblich ist, eine einfache handhohe Ueberstreuung 
derselben mit frischem Kalk, Chlorkalk, Uebergiessen mit 
Petroleum, Carbolsäure, Sublimat etc. ist dagegen ganz unzureichend, 
wenn man auch nachher die Cadaver verscharrt. Denn in ihrem Inneren 
bleiben die infectiösen Stoffe doch unberührt; ja es ist sogar nur nöthig, 


*) Arch. d. D. Landwirthschaftsrathes, V. Jabrg., Heft 6, S. 192. 

2 ) O. Bollinger, Ueber die Gefahren, welche der Gesundheit des Menschen von kran¬ 
ken Hausthieren drohen. (Separatabdruck aus der Deutschen Zeitschr. f. Thiermedicin und 
vergleichenden Pathologie, Bd. III, Heft 1 u. 2, 1876, S. 52.) 

8 ) S. 222 dieser Arbeit. 

4 ) Bollinger, Zoonosen in Ziemssen’s Handbuch, Bd. III (1876), S. 523. 

ft ) Dr. E. Kopp, Leichenverbrennung und Leichenbestattung. Vierteljahrsschrift für 
öffentliche Gesundheitspflege. Bd. VII, S. 8. bis 10. 


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240 


Dr. Richard Welimer, 

dass man z. B. die Kalkniasse wegkratzt, vielleicht auch noch die oberfläch¬ 
lichsten Schichten des Cadavers entfernt, nm diesen dann in beliebiger 
Weise, selbst als Nahrangsmittel, verwerthen zu können. 

Und was hier von Milzbrand gesagt ist, gilt auch von den anderen 
Viehseuchen. 

Lässt sich nun aber eine thermochemische Verarbeitung nicht herbei¬ 
fuhren , oder aber reicht sie, wie bereits früher ausgefuhrt ist, quantitativ 
nicht aus, so müssen andere Methoden an ihre Stelle treten. 

Vom hygienischen Standpunkte ist in solchen Fällen als das gründ¬ 
lichste und Schädlichkeiten am besten beseitigende Mittel die Feuerver¬ 
brennung zu betrachten. 

Da indessen hierbei die Zerstörung eine derartige ist, dass bei der fast 
vollständigen Werthlosigkeit der Asche jede weitere Benutzung der Reste 
für die Zwecke der Landwirtschaft oder Industrie ausgeschlossen ist, so 
wird man die Feuerbestattung auch nur auf die Fälle beschränken, in 
welchen eine anderweitige Verarbeitung ernste Gefahren in sich schlösse. 

Es kann daher vom wissenschaftlichen Standpunkte aus keinerlei Be¬ 
denken unterliegen, dass z. B. von trichinösen und finnigen Schweinen das 
Fett durch Ausschmelzen für den Genuss gewonnen wird. 

Eulenberg 1 ) sagt hierüber: „Nach dem durch Verfügung des Ministeriums 
der geistlichen etc. Angelegenheiten vom 18. Januar 1876 mitgetheilten Gut¬ 
achten der wisBeuchaftlichen Deputation für das Medicinalwesen (Berl. klin. 
Wochenschr. 1876, Nr. 6) kann das ausgeschraolzene Fett (Schmalz) völlig frei 
gegeben werden, also auch für den Gebrauch als menschliches Nahrungsmittel; 
es bedarf dazu gar keines Zusatzes, weder der Schwefelsäure, noch eines anderen 
Mittels. Das Ausschmelzen oder Ausbraten ist dem Auskochen vorzuziehen, da 
höhere Hitzegrade dabei auf das Fleisch und Fettgewebe einwirken. Ebenso 
unterliegt es keinem Bedenken, anderweitige Verwendungen der trichinösen 
Schweine zur technischen Verart>eitung zuzulassen, z. B. zur Seifen- und Leim¬ 
bereitung. Die Verwendung der Borsten und der Haut bringt nicht die geringste 
Gefahr mit sich. Wo zweckmässige Anstalten zur chemischen Verarbeitung des 
ganzen Thieres bestehen, da ist es in jeder Beziehung ungleich besser, die 
Schweine ganz und gar in die Fabrik zu liefern und verarbeiten zu lassen, als 
sie zu vergraben, auch wenn sie vorher gekocht sind; denn erfahrungsmässig 
wird das Kochen häufig nicht lange genug fortgesetzt und das Vergraben 
schützt trotz des Bedeckens mit Kalk nicht ganz vor unterirdischen fleisch¬ 
fressenden Thieren. Jedenfalls wäre das Verbrennen dem Vergraben bei 
Weitem vorzuziehen. a 

Die beste und gründlichste Verbrennung wird zweifellos in einem 
Siemen8'solien Verbrennungsofen, sowie in analogen Apparaten, z. B. 
denen von Polli und Brunetti, bewirkt. — Da indessen derartige Appa¬ 
rate nur mit sehr grossen Kosten hergestellt werden können und in Folge 
dessen nur vereinzelt in Deutschland existiren, so ist es praktisch gegen¬ 
wärtig nicht sehr wahrscheinlich, dass diese Oefen, von manchen ander¬ 
weitigen, besonders kirchlichen Bedenken abgesehen, für unsere Frage in 
Betracht kommen könnten. — Ausserdem würden auch sie voraussichtlich 
den Mangel haben, für den Fall einer grösseren Epidemie nicht auszu¬ 
reichen. 


] ) Lehrbtnh der Gewerbehygiene. Berlin 1876, S. 871. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


247 


Den gleichen Nachtheil dürften auch transportable Verbrennungs¬ 
öfen haben, wie sie analog den in jüngster Zeit vielfach besprochenen 
transportablen Dampfdesinfectionsapparaten von Prof. Reclam *), Prof, von 
Rueff und — bei Gelegenheit der XL. Generalversammlung des Vereines 
Pfälzer Thierärzte zu Kaiserslautern am 26. 8. 1882 — von dem Bezirks¬ 
thierarzt Werner 2 ) vorgeschlagen worden sind. 

Diese Apparate würden dann wie bei einem Brande die Dorfspritzen 
von Dorf zu Dorf gefahren werden und vermuthlich die bekannten Uebel- 
stände derselben, im Gebrauchsfalle nicht zu functioniren etc., ebenfalls 
aufweisen. Ausserdem liegt auch die Befürchtung nahe, dass sie analog 
den alten Geburtsstühlen die Ansteckungsstoffe auf ihren Reisen von einem 
Orte zum anderen weiter tragen könnten. 

Es wird daher die einfache offene Verbrennung der Cadaver bei 
hellem Feuer sich erheblich mehr empfehlen. Bekanntlich ist dieselbe 
nicht nur in Lenggries 3 ) in Folge des oberpolizeilichen Gebotes bei den 
Milzbrandcadavern mit sehr günstigem Erfolge ausgeübt worden, sondern 
auch in Japan bei Choleraleichen von Menschen gebräuchlich 4 ). Ebenso 
sind auch Massenverbrennungen der Kriegerleichen auf den Schlachtfeldern 
der Jahre 1870 und 1871 von Seiten der belgischen Regierung nach Cr6- 
teur’s Verfahren mit günstigem Erfolge ausgeführt worden 5 ). 

Alle diese Verbrennungen, welche in Japan allerdings in grossen hallen¬ 
artigen Häusern angestellt werden, ebenso gut aber auch im Freien vor¬ 
genommen werden können, werden von Augenzeugen als sehr leicht vor¬ 
nehmbar und mit wenig Kosten verbunden dargestellt. So schreibt 
Dammann 6 ) über das in Lenggries geübte Verfahren: 

„Zur Ausführung der Verbrennung wird aus Holz uud Gesträuch ein Rost 
hergerichtet, der Cadaver zerstückelt, die einzelnen Theile desselben auf den 
Rost gelegt und angezündet. Bei genügendem Holzvorrath hat die Verbrennung 
gar keine Schwierigkeiten geboten, sich im Gegentheil als weit weniger mühsam 
und zeitraubend erwiesen als das Vergraben. Innerhalb 12 Stunden war der 
Cadaver eines grossen Rindes völlig verkohlt, kleinere und unerwachsene Thiere 
in viel kürzerer Zeit. (Bollinger), über die Milzbrandseuche in den bayeri¬ 
schen Alpen. Deutsches Archiv f. klin. Med. von Ziemssen und Zenker, 
Bd. XIV, Heft 3 und 4.) In holzreichen Gegenden verdient diese Maassregel 
sonach zweifellos die vollste Beachtung, weil sic eine sichere Vernichtung des 
AnBteckungsstoffes gewährleistet.“ 

Aehnlich günstige Erfolge werden von den Menschenverbrennungen aus 
Japan berichtet. 


*) Wernher, Die Bestattung der Todten. Giessen, J. Rickersehe Buchhandlung, 1880, 
S. 181. 

2 ) Adam’s Wochenschrift für Thierheilkunde 1882, S. 439. 

3 ) Bollinger, Zoonosen, in Ziemssen’s Handbuch, Bd. 111, S. 523. 

4 ) Aus dem Sanitary Record, April 1883, Ref. V. f. ger. Medicin, XL. Bd. (1884), 
S. 414 bis 415, ferner: Die Leiehenverbrennung in Japan, deren Geschichte und gegen¬ 
wärtiger Zustand. Nach Dr. T. W. Beukema, D. V. f. öff. Ges. Bd. 13, 8.592 bis 598. 

B ) Küchenmeister, Die verschiedenen Bestattuugsarten menschlicher Leichname. 
V. f. ger. Med. XLIII. Bd., 2. Heft, S. 335. 

6 ) Die Nothwendigkeit und die Grundzüge eines einheitlichen Viehseuchengesetzes für 
das Deutsche Reich. Von Prof. Dr. D a ra m an n - Eldena. Berlin, Wiegandt, Hempel u. 
Rarev, 1875. 


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248 


Di*. Richard Wehmer, 

Ueber das Creteur’sche auf den Schlachtfeldern bei Sedan geübte Ver¬ 
fahren schreibt Küchenmeister 1. c. Folgendes: 

„Auf die blossgelegten (ausgegrabenen) Leichen (in den Gruben) streute man 
zunächst Chlorkalk und liess so viel als möglich Theer in die Gruben zwischen 
die Leichen fliesseu. Dann zündete man durch in Petroleum getauchte Stroh¬ 
bündel die ganze Masse an vielen Orten zugleich an. Eine ungeheure schwarze 
durch den Zusatz von Chlorkalk geruchlos gewordene Rauchwolke entwickelte 
sich unter enormer Hitze aus den Gruben. In 55 bis 60 Minuten war in den 
grössten Gruben der Verbrennungs- (Reductions-) Process der Leichen be¬ 
endet. 

„Auf 250 bis 300 Menschenleichen brachte man in die grösseren Gruben 
5 bis 6, in kleineren mit 30 bis 40 Leichen verhältnissmässig mehr (2 Tonnen) 
Theer. Für einen Leichnam wurden etwa 15 ccm verwendet. 

„Aus den Gruben war aller Geruch verschwundeu. Hierauf deckte man die 
Knochen mit ungelöschtem Kalk, warf Erdhügel darüber auf und säete in diese 
Hanf oder Hafer.“ 

Etwas anders klingt freilich der Bericht Wernher’s 1 ) über diese Verbren¬ 
nungen. Derselbe sagt: „Nach zwei Stunden waren die dickeren Fleischtheile 
immer noch nicht verkohlt, sondern nur oberflächlich geröstet und mit einer 
Pechschicht bedeckt, welche das Eindringen der Verbrennung erschwerte. Auch 
tiefe Einschnitte halfen wenig. Das Verfahren erwies sich als zu zeitraubend 
und zu kostspielig.“ 

Unseres Erachtens würde auch ein derartiger Erfolg immer noch Vor¬ 
theile vor dem einfachen Vergraben bei Seuchencatfavern haben. 

Uebrigen8 wird diese ganze Frage, welche in das Gebiet der Leichen- 
verbrennung überhaupt überleitet, leider noch mit so grosser Animosität 
pro et contra behandelt, dass es nicht opportun für den gegenwärtigen 
Zweck erscheint, zu sehr in die Details einzugehen. — Ebenso erscheint es 
auch überflüssig, die complicirteren Methoden, z. B. 2 ) Verbrennung auf 
Platinrosten (E. II. Richter) mittelst Leuchtgases oder Knallgases noch 
zu behandeln, da für die Seuchencadaver doch nur die einfachsten und 
billigsten Methoden in Anwendung kommen könnten. 

Derartige Verbrennungen sind nun gegenwärtig nicht nur in Deutsch¬ 
land durch das Reichsseuchengesetz für Milzbrandcadaver, sondern auch 
für Jtalien 3 ), Holland 4 ) und andere Länder vorgeschrieben. 

Selbstredend sind diese Verbrennungen wegen ihrer Fenergefährlichkeit 
nicht überall anwendbar; jedenfalls sind die offeuen Verbrennungen niemals 
in grossen Städten oder in der Nähe von Gebäuden, grossen Waldungen 
und dergl. möglich; um so mehr passen sie für grosse und wenig bewohnte 
Gegenden, für das Gebirge etc. 

In den Städten wiederum wird es dafür nicht allzu schwer sein, wenig¬ 
stens die einfachsten chemischen Methoden (Kochen mit Schwefelsäure etc.) 
anzuwenden. 

Was endlich die gebräuchlichste und beliebteste, weil einfachste Me¬ 
thode anbetrifft, das Verscharren oder Vergraben, so ist bereits im 
Früheren ausführlich nachgewiesen worden, welche Nachtheile dieselbe mit 


*) Wernher, Die Bestattung der Todten, S. 182. 

2 ) Wernher, Die Bestattung der Todten, S. 88. 

3 ) tiiornule della soc. ital. dig. (Mailand) III, 538. 

4 ) Veröflfentl. des Kaiserl. Gesundheitsamtes, X. Jahrg. (1886), Nr. 34, S. 495. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


249 


sich bringt. — Das Reichsviehseuchengesetz nennt sie daher z. B. bei der 
Beseitigung der Milzbrandleichen auch erst in zweiter Linie, während auffal¬ 
lender Weise das Rinderpestgesetz, das allerdings vor bereits 17 Jahren 
erlassen ist, sie allein anführt. — Ueberdies ist sie vielfach wegen der 
Bodenverhältnisse gar nicht durchführbar. 

Es ist daher wünschenswerth, das Vergraben, besonders von 
Seuchencadavern, so sehr als irgend möglich, zu beschränken, 
jedenfalls dem Vergraben einen Verbrennungsact oder einen Vernichtungs¬ 
act durch Kochen mit Chemikalien (Schwefelsäure) vorauszuschicken, was, 
wie bereits gezeigt, nicht mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft ist 
und desshalb wohl immer durchführbar sein dürfte. 

Vollständig verbieten würde sich ja, selbst wenn die Bestim¬ 
mungen des Rinderpestgesetzes entsprechend geändert würden, wenigstens 
zunächst das einfache Vergraben leider nicht lassen. Vielleicht ist 
es einer späteren Zeit Vorbehalten, dies zu thun. 

Dagegen müssten in solchen Fällen alle nur denkbaren Vorsichts¬ 
maassregeln, Einhacken des zerstückelten Körpers in den Erdboden, Begiessen 
mit Carbolsäure, Theer, Petroleum und dergl., reichliches Umgeben mit 
frischem Kalk etc. angewandt werden. — Das Vergraben müsste auf den 
bereits früher besprochenen Wasenplätzen geschehen, welche bei Be¬ 
nutzung der von uns als besser angeführten Methoden als Verscharrungs¬ 
orte in Wegfall kommen könnten, da ja hier die letzten Reste durchaus 
unschädlich werden. — Auch die Eventualität, einmal grössere Wasenplätzo 
in der Tiefe zu drainiren, kann in Frage kommen J ). 

Die Person des Abdeckers. 

Wenngleich bei eventueller Neuregelung der Verhältnisse anscheinend 
die Abdecker vollständig überflüssig sind, da das Reichsgesetz, besonders 
für den Fall eines Viehseuchenausbruches, die Sorge für die Beseitigung 
der Cadaver den einzelnen Gemeinden auferlegt, so dürfte es doch praktisch 
empfehlenBwerth sein, wenn von Seiten derselben, bezw. den Polizeiver¬ 
waltungen, besondere Beamte dafür angestellt würden. 

Es erscheint dies desshalb nothwendig, da im Einzelfalle oft, besonders 
auf dem Lande, sich thatsächlich Niemand findet, der die nothwendigen 
Beseitigungsarbeiten vornehmen will. Ganz analoge Verhältnisse sind ja 


J ) Vergl. hierüber: Projet de creation d’un nouveau cimeti&re k Boulogne-sur-Seine 
par P. Brouardel (Ann. d’hyg. publ. et de med. 16g. 3. serie, tome XVI, Nr. 4, p. 289 

— 309). Ferner: Ueber die hygienischen Anforderungen an Anlage und Benutzung der 
Friedhöfe. Von Prof. Fr. Hof mann und Med. -Rath Siegel. D. V. f. öffentl. Ges. 
Bd. XIV, S. 11 bis 32. 

Weiter: Kuby, Die hygienischen Anforderungen an Anlage und Benutzung der Be- 
gräbnissplätze. (D. V. f. öff. Ges. Bd. XIV, S. 462 bis 480.) 

Breitung, Ueber neuere Leichenanstalten. Deutsche Med.-Zeitung, 1886, S. 221 
und 285, 531. 

Frank, Ueber die Mikro-Organismen des Erdbodens etc., ibidem, S. 1115 und 1123. 

Soyka, „Der Boden“ in Pettenkofer & Ziemssen’s Handbuch. 


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250 


Dr. Richard Wehmer, 

bekanntlich nur zu oft bei den gerichtlichen Sectionen der Medicinalbeamten 
zu beobachten, wo sich oftmals nur gegen unverhältnissmässig hohe Be¬ 
lohnungen Leute zum Transport etc. der Leichen herbeilassen. 

Die als Abdecker anznstellenden Personen würden dann auch den 
Thierärzten bei ihren Sectionen zu assistiren haben J ), da dieselben gegen¬ 
wärtig dabei wegen deB Mangels einer angemessenen Hülfe oft in die 
grösste Verlegenheit gerathen. 

Keineswegs können aber hierzu ohne Weiteres die bisherigen Abdecker 
mit ihren alten Zwangs- und Bannrechten oder sonstigen Privilegien benutzt 
werden, da die Polizei eben dieser Privilegien wegen nicht in der Lage ist, 
ihre Thätigkeit durchgehends in die richtigen Bahnen einzulenken. Die 
alten Privilegien müssten vielmehr abgelöst und die neuen 
Abdecker lediglich als besondere Beamte der Polizei künd¬ 
bar angestellt werden. 

Die Thätigkeit dieser neuen Abdecker würde durch eine genaue 
Instruction zu regeln sein. 

Von den wichtigsten, bisher nicht oder nur beiläufig erwähnten Punkten 
einer solchen sei hervorgehoben, dass die Abdecker nicht Schweine hal¬ 
ten, dass sie nicht Hunde bei Abholung irgend welcher Cadaver mit sich 
führen dürften, dass sie gezwungen wären, genaue Bücher zu führen, 
welche über den Verbleib der eingelieferten Cadaver Aufschluss gäben, dass 
sie, wie übrigens bereits für Seuchencadaver durch das Reichsviehseuchen¬ 
gesetz geschehen, die Anzeigepflicht auf das Strengste zu erfüllen hätten, 
dass der Transport der Thiercadaver nur in gut verschlossenen 
Kastenwagen stattznfmden hätte, dass sie die Milzbrandcadaver dabei 
stets mit Erde zu bedecken hätten, dass die Abholung, wenigstens an 
verkehrsreichen Plätzen, zur Nachtzeit zu geschehen hätte n. dergl. mehr. 
Stets müsste ferner der Abdecker, besonders nachdem er mit Seuchen- 
cadavern zu thun gehabt hat, sich und seine Kleidung sorgfältig desinficiren. 
Recht zweckmässig ist in dieser Beziehung die Mindener Polizeiverordnung 
vom 28. September 1885, welche den Abdeckern in §.16 verbietet, die 
Abdeckerei in ihren Arbeitskleidern zu verlassen, ferner die Berliner Polizei¬ 
verordnung vom 28. September 1876 u. A. 

Die Frage, für wie viele Orte je ein Abdecker anzustellen wäre, ebenso 
die Einrichtungen der Abdeckereien selbst müssten dem localen Bedürfniss 
entsprechend unter Berücksichtigung der vorstehend ausgeführten Normen 
geregelt werden. Hierbei würde aber dafür zu sorgen sein, dass die 
Herbeirufung des Abdeckers für das Publicum nicht mit allzu grossen 
Schwierigkeiten verknüpft ist, z. B. durch Verbindung der Abdeckereien mit 
Fernsprechapparaten ermöglicht wird u. A., sowie dass kleinere Thiere 
oder Cadaver, wie Hunde, Katzen, leicht selbst vom Publicum abgeliefert 
werden könnten. Hierfür würden in grossen Städten, wie dies bereits an 
einzelnen Orten der Fall ist, in der Mitte der Stadt oder auf dem Lande 
in jedem der zu einem Abdeckereibezirke gehörenden Dörfer Annahme¬ 
stellen einzurichten sein, die aber niemals zu einer vollständigen Ab- 


J ) Conf. Zündel, Der Gesundheitszustand der Hausthiere, 1882, S. 110 u. 111; 
1881, S. 100 u. 101. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 251 

deckerei Auswachsen dürften; vielmehr müsste dafür gesorgt sein, dass in 
wenigen Stunden die Cadaver von hier weiter geschafft würden. 

Dass die fortwährende sorgfältigste Controle dieser Annahmestellen, 
die eigentliche Seuchencadaver niemals würden aufnehmen 
dürfen, nothwendig wäre, ist selbstverständlich, da sie sonst leicht eine 
Quelle weiterer Infectionen bilden würden. Trotzdem würden sie nicht gut 
zu entbehren sein, da anzunehmen ist, dass das Publicum sonst überhaupt 
die Hülfe der Abdecker verschmäht, wenn ihm deren Erreichung zu schwer 
gemacht wird. 

Die anscheinenden Schwierigkeiten, welche die Bestimmungen 
über die Rinderpest und die Möglichkeit einer Verschleppung 
derselben durch die Person des Abdeckers bereiten könnten, 
dürften sich durch häufige und angemessene Desinfectionen desselben leicht 
beseitigen lassen. Ueberdies würden die Nachtheile reichlich aufgewogen 
durch die grössere Sachkenntniss und Geschicklichkeit, mit 
welcher die angestellten Abdecker im Gegensätze zu beliebigen anderen 
Personen die verschiedenen Verrichtungen ausführen würden, wodurch auch 
eine grössere Garantie für ordentliche Durchführung der bezw. Maassregeln 
gegeben wäre. 

Im Allgemeinen würde man sich sehr wohl an die in dieser Beziehung 
getroffenen und bereits bewährten neuen Einrichtungen in Baden und 
Württemberg anlehnen können. 


Fleischversorgung. 

Insoweit die Abdeckereifrage in die Frage von der Fleisch Versorgung 
hineinragt, würde sich Folgendes empfehlen: 

Zur Beseitigung der hygienischen Nachtheile, welche eventuell durch 
die gegenwärtige Lage der Gesetzgebung, betreffend den Verkauf des 
Fleisches von verstorbenen Thieren, in Folge des S. 232 citirten Resoluts 
des Reichsgerichtes entstehen könnten, wenn der Inhalt des letzteren in 
weitere Kreise dränge, schlägt Dieterich Folgendes vor: 

„Die Handhabe zur Beseitigung derselben ist in der Gesetzgebung geboten 
und zwar in §. 5, Nr. 3 des Gesetzes vom 14. Mai 1879, betreffend den Verkehr 
mit Nahrungsmitteln etc., welcher lautet: „Für das Reich können durch Kaiser¬ 
liche Verordnung mit Zustimmung des Bundesrath es zum Schutze der Gesund¬ 
heit Vorschriften erlassen werden, welche verbieten ... 3) das Verkaufen und 
Feilhalten von Thieren, welche an bestimmten Krankheiten leiden, zum Zwecke 
des Schlachtens, sowie das Verkaufen und Feilhalten des Fleisches von Thieren, 
welche mit bestimmten Krankheiten behaftet waren.“ Es bedürfte somit nur 
des Erlasses einer solchen Verordnung, wonach der Verkauf des Fleisches von 
gefallenem und krankem Vieh nur dann gestattet wird, wenn durch einen Sach¬ 
verständigen bescheinigt wird, dass der Genuss dieses Fleisches keinen Nach¬ 
theil für die menschliche Gesundheit hat.“ 

Beiläufig sei hier auch bemerkt, dass die Fleischschau häufig 
dem Wildpret eine verhältnissmässig zu geringe Aufmerk¬ 
samkeit schenkt. Man lässt z. B. oft genug beim Wilde ruhig die Fäulniss 
(haut goüt) zu; ausserdem aber sprachen z. B. die Trichinenschau-Verord- 


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252 


Dr. Richard Wehmer, 

nungen meist nur von „geschlachteten Schweinen“, während doch 
die „geschossenen Wildschweine“ ebenso gut die Trichinose verbreiten 
können *). 

Zur Hintanhaltung weiterer Nachtheile würde eine strenge Beob¬ 
achtung der Anzeigepflicht von besonderer Wichtigkeit sein. Doch 
müsste dieselbe nicht, wie jetzt schon durch das Reichsviehseuchengesetz 
vorgeschrieben ist, auf das an Seuchen verendete, sondern überhaupt auf 
alles gefallene Vieh sich erstrecken. 

Als ideales Endziel der ganzen Fleischversorgungsfrage würde Bchliess- 
lich immer die Einführung eines allgemeinen Schlaclitliauszwanges und 
einer allgemeinen ofüciellen Fleischschau zu erstreben sein. 

Vorläufig aber wiirde mindestens für alle Nothschlachtungen die 
Untersuchung des kranken Thieres durch einen Thierarzt oder eventuell 
durch einen empirischen Fleischbeschauer, wie dies z. B. im Unter-Eisass 
üblich ist, und die Genehmigung desselben zum Verkaufe des Fleisches als 
Nahrungsmittel erforderlich sein. 


Es werden sich daher, wenn man ein kurzes Resume noch einmal ziehen 
will, die verschiedenen von der Wissenschaft von einem rationell betriebenen 
Abdeckereigewerbe zu verlangenden Forderungen am besten ausdrücken 
lassen, wenn wir uns die Resolutionen des Deutschen Veterinärrathes und des 
Deutschen LanwirthBchaftsrathes noch einmal ins GedächtniBS zurückrufen. 

Der Deutsche Veterinärrath erklärte in seinerSitzung vom 4. August 
1878 zu Hannover 2 ): 

Die gesetzliche Regelung der unschädlichen Beseitigung thierischer 
Cadaver und Cadavertheile ist ein Bedürfniss. 

Bei dem Erlasse bezüglicher veteriuärpolizeilicher Vorschriften sind folgende 
Grundsätze zu beachten: 

1 . 

Jeder Thierbesitzer, welchem ein Hausthier fallt, hat innerhalb 12 Stunden 
nach eingetretenem Tode, jedenfalls vor Beseitigung des Cadavers, der Orts¬ 
polizeibehörde Anzeige darüber zu erstatten. 

Besteht der Verdacht einer ansteckenden Krankheit, so hat die Ortspolizei¬ 
behörde die Beiziehung des beamteten Thierarztes zu veranlassen. 

2 . 

Jedem Eigenthümer eines gefallenen oder getödteten Thieres ist, sofern er 
dasselbe nicht einem Abdecker oder einem Anderen überlassen will, gestattet, 
dessen Bestandtheile nach seinem Ermessen zu benutzen oder zu verwerthen, 
soweit nicht durch anderweitige Bestimmungen deren Benutzung ausgeschlossen ist. 


*) Vergl. Polizei Verordnung für die Provinz Brandenburg, betreffend die Untersuchung 
des Schweinefleisches auf Trichinen, vom 17. März 1886. 

2 ) Bericht über die am 3. und 4. August 1878 in Hannover statt gefundene IV. Ver¬ 
sammlung des Deutschen Veterinärrathes. Augsburg 1879, W. Lüderitz, S. 48 u. 49. 
Ferner: Dr. Ulrich, Die Regelung des Abdeckereiwesens in Bezug zum Viehseuchengesetz. 
Augsburg 1881, W. Lüderitz, S. 5 u. fi. 


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Ueber Abdecker und Abdeckereien. 


253 


3. 

Sofern der Eigenthtimer seine gefallenen oder getödteten Thiere selbst zu 
verwenden oder vorschriftsmässig zu beseitigen nicht in der Lage oder nicht 
gewillt ist, tritt diö polizeiliche Fürsorge der Gemeinde ein. Das letztere ist 
auch der Fall, wenn der Eigenthümer eines gefallenen Thieres nicht bekannt ist. 

4. 

Jede Gemeinde ist verpflichtet, für sich oder in Gemeinschaft mit benach¬ 
barten Gemeinden für einen entsprechenden Verscharrungsplatz (Wasenplatz) 
mit den erforderlichen Einrichtungen zu sorgen. 

Die Verscharrungsplätze der Gemeinden oder von Privaten sollen, soweit es 
thunlich, 200 m von Wohngebäuden, Quellen, Bäumen und wenigstens 100 m von 
öffentlichen Wegen, gemeinschaftlichen Tummel- oder Weideplätzen entfernt sein. 

5. 

Die Beseitigung der Cadaver von Thieren, welche an einer ansteckenden 
Krankheit nicht gelitten haben, soll nicht über 24 Stunden verschoben werden. 

Am zweckmässigsten werden die Cadaver durch chemische Zerstörung oder 
hohe Hitzegrade (z. B. Kochen, Verbrennen) unschädlich gemacht. Die Ver¬ 
grabung der Cadaver ist nur dann für statthaft zu erachten, wenn die erstbezeichnete 
Verwerthung unausführbar ist. 

6 . 

Das Abledern, Oeffnen und Zerlegen von Cadavern solcher Thiere darf, in- 
soferne die Vorschriften der Seucheordnung nicht anders bestimmen, ausser in 
geschlossenen Räumen nur auf der Wasenstätte oder dem Verscharrungsplatze 
vorgenommen werden. 

7. 

Die Gemeinden oder Gemeindeverbände haben für die geeigneten Arbeits¬ 
kräfte zum Abledern, Oeffnen u. s. w. der Cadaver Sorge zu tragen. (Hier 
würde ich eventuell für einen Zusatz der Worte „durch Anstellung eines Ab¬ 
deckers“ sein. Verf.) 

8 . 

Die Verpflichtung zur Anzeige ansteckender Kranheiten bei gefallenen oder 
getödteten Thieren liegt sowohl den Thiereigenthümern als auch allen jenen ob, 
welche sich mit der Ausnutzung und Verwerthung der Cadaver gefallener oder 
getödteter Thiere befassen. (Ist jetzt gesetzliche Bestimmung. Verf.) 

9. 

Auf die Cadaver von Lämmern, jungen Ziegen, Saugferkeln, Geflügel, Katzen 
und Hunden, sowie auf todtgeborene Hausthiere jeder Art finden vorstehende 
Grundsätze keine Anwendung. 

Der Deutsche Landwirthschaftsrath beschloss am 18. Januar 1881 
Folgendes: 

„Der Deutsche Landwirthschaftsrath erklärt eine einheitliche Regelung des 
Abdeckereiwesens in ähnlicher Weise, wie es bei dem Reichsviehseuchengesetze 
geschehen ist, durch die Reichsgesetzgebung, bezw. Landesgesetzgebung aus 
sanitäts- und veterinärpolizeilicben, sowie aus wirtschaftlichen Gründen für ein 
Bedürfhiss. 

I. Bei dem Erlass eines bezüglichen Gesetzes ist ganz besonders darauf 
Rücksicht zu nehmen: 

1. Dass die polizeiliche Anzeigepflicht der Viehbesitzer nicht auf die an der 
Seuche gefallenen resp. getödteten oder der Seuche verdächtigen Thiere 
beschränkt, sondern auch auf den Abgang oder die Nothtödtung sämmt- 
licher zu landwirtschaftlichen Zwecken benutzten grösseren Hausthiere 
(einschliesslich Schafe und Schweine) ausgedehnt werde. 


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254 Dr. Richard Wehmer, Ueber Abdecker uud Abdeckereien. 

2. Dass das abgehende Vieh eine entsprechende möglichst hohe Verwerthung 
im Interesse des Besitzers finde, soweit es mit Rücksicht auf die sanitäts- 
polizeilichen Vorschriften möglich ist. 

II. Die in einzelnen Staaten für Abdeckereien noch bestehenden Zwangs¬ 
und Bannrechte sind aufzuheben resp. zur obligatorischen Ablösung zu bringen 1 ). a 

Wie man sieht, ergänzen sich beide Resolutionen in gewisser Weise 
und geben so zusammen ein kurzes und prägnantes Bild der ganzen An¬ 
gelegenheit. 

Es ist bereits erwähnt, dass in Baden und Württemberg in letzter Zeit 
das Abdeckereiwesen gesetzlich neu geregelt ist; die dortigen Einrichtungen 
dürften daher bei Regelungen in auderen Gegenden werthvolle Anhalts¬ 
punkte geben. — Fernerhin würden solche in den Entwürfen von Ab¬ 
deckereiordnungen zu finden sein, wie sie für den Veterinärrath von 
dem Veterinärassessor Dr. Ul rieh-Breslau *) und für den Landwirthschafts- 
rath von dem Oekonomierath N o b b e - Niedertopfstedt 8 ) ausgearbeitet 
worden sind. 

Ein genaueres Eingehen auf dieselben würde aber zu weit führen. 

Hoffen wir, dass auch in diesen Dingen eine nicht allzu ferne Zukunft 
unserem deutschen Vaterlande die gewünschte Einheit und Regelung der 
Verhältnisse bringen möge! 


l ) Archiv des Deutschen Landwirthschaflsraths, V. Jahrg. 1881, Heft 6, S. 238. 
a ) Bericht über die Verh. d. D. Veterinärrathes, 1. c. S. 66 bis 74. 

3 ) A. d. D. Landwirthschaftsrathes, I. c. S. 188 bis 193. 


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Di'. Pullniami, Verunreinigung des Wassers etc. 


255 


Zur Frage der Verunreinigung des Wassers durch 
bleierne Leitungsröhren. 

Von Dr. Pullmann (Offenbach a. M.). 


Unter dem Titel „Bleiröhren zur Wasserleitung“ veröffentlicht 
E. Reichardt (Jena) im 4. Hefte des XVII. Bandes der Deutschen Viertel¬ 
jahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege eine Abhandlung, die er selbst 
als Entgegnung auf die von A. Hamon in Paris unter der Ueberschrift 
„Hygiene publique (Etüde sur les eaux potables et le plomb , Paris 188 l) u 
herausgegebene, dasselbe Thema behandelnde Broschüre bezeichnet, und 
womit er beabsichtigt, „diese hygienisch so wichtige Frage wiederum klar 
zu stellen“. — Ob dieser beabsichtigte Zweck erreicht wird, muss ich nach 
Kenntnissnahme untenstehender Erfahrungen und Versuche dem Urtheile 
der Fachmänner überlassen, stehe aber nicht an, vom Standpunkte des 
praktischen Arztes aus es zu verneinen. 

Die Literatur über unser Thema schwillt von Jahr zu Jahr an * v de facto 
bestehen seit Jahrhunderten Wasserleitungen, zu denen Bleirohre ohne 
merklichen Schaden für die Gesundheit der das betreffende Wasser Geniessen¬ 
den benutzt wurden und werden (z. B. in Altenburg, Berlin, Bochum, Dan¬ 
zig, Dortmund, Essen, Frankfurt a. M., Halle, Hannover, London, Paris, 
Posen, Rostock, Steele u. a. 0.); wenn trotzdem die Meinungen über die 
Zulässigkeit dieses Materials zu dem bewussten Zwecke differiren, so 
geschieht dies doch wahrscheinlich nicht einzig und allein aus Neigung zu 
Widerspruch. 

Mehrere mir in der Praxis vorgekommene Fälle chronischer Blei- 
intoxicationen waren geeignet, mich in meinem Glauben an die Unschäd¬ 
lichkeit der Verwendung von Bleiröhren zu Wasserleitungszwecken wankend 
zu machen. Die Ursache dieser Intoxicationen konnte in keinem einzigen 
Falle in der Beschäftigung mit Blei gesucht werden, fand sich vielmehr 
unzweifelhaft im Leitungswasser. 

Um zunächst für mich in der Frage klarer zu werden, vertiefte ich 
mich in die diesbezügliche Literatur. Anstatt nun hier die gesuchten 
sicheren Thatsachen zu finden, musste ich sehr bald erfahren, wie recht 
Bolley 0 hat, wenn er sagt, „vielleicht giebt es in der chemischen Technik 
keine Frage, welche so voller Widersprüche ist, wie die des Verhaltens des 
Bleies gegen Wasser“. 

Im Handbuche der Hygiene und Gewerbekrankheiten (herausgegeben 
von Prof. v. Pettenkofer und v. Ziemssen) äussert sich Regierungs- 


] ) Bolley, Chem. Technologie des Waders, S. U5. 


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256 


Dr. Pullmann. 


rath Dr. Wolffhügel za unserer Frage. Nach seinen hier gemachten 
Angaben sind die Autoren F. Fischer, Christison, Solly, Faiszt, 
v. Pettenkofer, Besnon und Robierre, Dumas, Balard, Lissauer 
und Andere der Ansicht, „dass das gewöhnliche Brunnen- und Leitungs¬ 
wasser kein Blei löse, und hebt auch die englische Commission zur Ver¬ 
hütung der Flussverunreinigung hervor (in ihrem sechsten Berichte S. 224), 
dass jedenfalls die Furcht vor Bleivergiftung durch Bleiröhren als über¬ 
trieben zu erachten sei“. 

Bei Dr. Wolffhügel (l.c.) lesen wir weiter S. 239: „Sicherlich ist die 
Schädlichkeit der Bleiröhren nicht zu fürchten, wenn dieselben für ge¬ 
schlossene Rohrleitungen Verwendung finden, in welchen die Mitwirkung 
der Luft durch einen ununterbrochenen Betrieb, d. h. eine fortwährende 
Füllung mit Wasser ausgeschlossen ist.“ 

Bei Dr. E. Reichardt (Grundlagen etc.) fand ich S. 106: „Die Unter¬ 
suchungen über die Abnutzung der Bleiröhren durch Lösung des Metalls 
haben sehr beruhigende Ergebnisse gerade für Wasserleitung mit Hoch¬ 
druck ergeben.“ 

Im Handbuche der Hygiene von Dr. Wiel und Prof. Dr. Gnehm fand 
ich S. 477 die Worte: „In hygienischer Beziehung verdienen die Bleiröhren 
die grösste Beachtung. Es ist keinem Zweifel unterstellt, dass das Trinken 
von bleihaltigem Wasser auch bei äusserst geringem Bleigehalt sehr gefähr¬ 
lich werden kann. Dagegen ist die Art, wie das Wasser Blei aufnimmt, 
keineswegs mit der erwünschten Bestimmtheit aufgeklärt. Nur ein Trink¬ 
wasser mit grossem C0 2 - Gehalt (wie es höchstens bei Heilquellen vor¬ 
kommt l?d. V.]) kann durch Bildung von doppeltkohlensauren Salzen die 
Löslichkeit des Bleies fördern. Immerhin muss also die Hygiene die An¬ 
wendung gewöhnlicher Bleiröhren verwerfen.“ 

Ferner fand ich im Archiv der Pharmacie, Bd. 215, S. 54, von Reichardt 
folgenden Satz: „Bei Wasser der gewöhnlichen Quellen findet ein Angriff auf 
Blei überhaupt nicht statt, wenn die Röhren gänzlich mit Wasser gefüllt sind.“ 

Was sind nun aber „gewöhnliche Quellen“ und was ist „gewöhnliches 
Wasser“, und entstammt unser hiesiges Wasserleitungs-Quellwasser gewöhn¬ 
lichen oder ungewöhnlichen Quellen? 

Im Gegensätze zu den oben erwähnten beruhigenden Versicherungen 
steht auch die Zusatzbemerkung von Dr. Wolffhügel zu seinem oben an¬ 
gezogenen Urtheile. 

„Vorsichtshalber sollte man das längere Zeit, z. B. über Nacht in der 
Leitung gestandene Wasser unbenutzt abfliessen lassen und eine derartige 
Ausspülung der Bleiröhre auch unmittelbar nach einer zu Reparatur- oder 
Anschlussarbeiten stattgehabten Entleerung der Leitung vornehmen, bevor 
Wasser zu Genusszwecken wieder entnommen wird.“ 

S. 79 (1. c.) sagt derselbe Autor: „Das Tränkwasser führt zu schweren 
Schädigungen der Gesundheit, wenn es giftige Bestandtheile aus metallischen 
Leitungsröhren der Wasserversorgung aufgenommen hat, am meisten giebt 
davon Blei zu sanitären Bedenken Anlass, wie praktisch und experimentell 
bewiesen.“ 

Dazu kommt das fortwährende Suchen nach brauchbaren Ersatzmitteln 
für die wenigstens zweifelhaften Bleiröhren, oder nach Mitteln, welche durch 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröhren. 257 

ihre chemische Wirkung geeignet wären, die unvermeidlichen Bleiröhren im 
Inneren mit einem unlöslichen Ueberzuge zu bekleiden (Schwarz) und 
dadurch den Angriffen von Seiten des Wassers zu entziehen. 

Nachdem ich nun vergebens bei Wolffhügel, Reichardt, Wiel und 
im Archiv für Pharmacie Aufklärung zu finden gesucht, stand ich immer 
noch vor der Frage: was ist Wahrheit; wie kommt es, dass in einer Frage, 
welche doch schon von den Römern ventilirt worden, noch heute so direct 
widersprechende Ansichten herrschen ? Ist die verschiedene Qualität des 
zu den Röhren verwendeten Bleies daran schuld, oder die wechselnde Zu¬ 
sammensetzung des Fluidums, welches hier allgemein als Wasser bezeich¬ 
net wird? 

Dies zu eruiren, stellten wir denn unsere unten stehenden Versuche an, 
deren Ergebnisse wir später in Uebereinstimmung fanden mit den Resul¬ 
taten früherer Experimentatoren, wie sie in der uns leider erst nachträglich 
zugänglich gewordenen Literatur niedergelegt sind. Indem ich nun beim 
Studium der letzteren weniger auf abstracte Urtheilsäusserungen, als auf 
durch directe Versuche und Beobachtungen gewonnene Gewicht legte, glaube 
ich auch dort so viel gefunden zu haben, dass ich annehmen darf, im Zu¬ 
sammenhalt mit meinen eigenen, unten näher zu beschreibenden Versuchen 
einer befriedigenderen Lösung dieser wichtigen Frage näher gekommen 
zu sein. 

Zunächst mögen hier einige mir gewichtig erscheinende Aeusserungen 
und Beobachtungen bedeutender Forscher Platz finden, deren Mehrzahl ich 
im Auslände vertreten fand. 

Armand Gautier sagt in seinem „ Lecuhre et le plomb dam Talimen - 
tation etc., Paris , J. B. Bailliere , 1883“, dass die Gefahren der Bleivergif¬ 
tungen gewöhnlich unterschätzt würden. Letzteres Metall sei in relativ 
kleinen, aber wiederholt genommenen Dosen, wenn es sich auch 
geraume Zeit indifferent zu verhalten scheine, zu fürchten. Der Genuss 
von Wasser, welches längere Zeit in Bleibehältern stehe, aus denen es Blei 
löst, könne Intoxicationserscheinungen her vorrufen. In noch viel höherem 
Grade geschähe dies, wenn das Wasser Kohlensäure enthält. — 

Erschöpfender spricht sich, derselbe Autor in den Annates dhygienc 
publique, tom VII, 3. ser., p. 30, aus: „On sait aussi, que les eaux, les plus 
pures, quelques eaux de surces, les eaux de pluie, et tout particulierement 
l’eau distillee, lorsqu’elles sejournent dans les reservoirs de plomb, attaquent 
ce metal, gräce au concours de Toxygene et de l’acide carbonique et peuvent 
le dissoudre en assez grande quantite pour produire quelquefois des acci- 
dents graves. u 

Zur Lösung dieser so wichtigen Frage stellte er folgende drei Ver¬ 
suche an: 

1. Verweilen von Trinkwasser in neuem Bleirohre; 

2. Verbleiben von Trinkwasser in Bleiröhren, welche schon lange zur 
Leitung gedient haben ; 

3. einfache Passage dieses Wassers durch diese Röhren. 

Ad 1. Eine neue Bleischlange von 80 m Länge, in Spiralen auf¬ 
geschichtet, enthielt etwa 20 Liter Wasser und konnte an beiden Enden 
durch Messinghähne verschlossen werden. Behufs vollständiger Reinigung 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1887. 


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258 


Dr. Pullmann, 

derselben wurde während mehrerer Stunden Seinewasser durcbgelassen, 
dann das Rohr gefüllt, geschlossen und so zehn Tage gelassen. Daun 
wurden 20*75 Liter Wasser abgelassen, filtrirt, zum Sieden gebracht, auf 
10 Liter eingedampft und der gebildete Niederschlag sorgfältig gesammelt. 
Die Mutterlauge wurde nach Ansäuerung mit Salzsäure eingedampft und 
auf V« Liter nach Abscheidung der Krystalle reducirt. Der oben erwähnte 
Niederschlag, der bei dem Verdampfen des Wassers entstanden war, wurde 
in heisser Salzsäure gelöst und ohne Filtration zu den saueren Mutterlaugen 
zugegeben. Nun war alles Blei entweder als Chlorür oder als Sulfat in 
letzterer (Mutterlauge) enthalten. Es wurde durch Schwefelsäure aus¬ 
gefällt. Nach zwei Tagen wurde der Niederschlag gesammelt, wieder auf¬ 
gelöst und das Blei elektrolytisch niedergeschlagen und gewogen. 

Gautier fand nun bei Seinewasser, zehn Tage im Bleirohre gestanden, 
0*13 mg Blei im Liter, oder 0*11; bei Wasser von der Dhuis, zehn Stunden 
im Bleirohre gestanden, 0*1 mg im Liter. Also lösen diese Wasser inner¬ 
halb zehn Stunden bis zehn Tagen ungefähr 1 ding Blei pro Liter, und 
zwar um so schneller, je reiner es ist. 

Dieses Blei war gut gelöst, denn die vorstehenden Wägungen waren 
mit Wasser vorgenommen, die durch gutes schwedisches Filtrirpapier filtrirt 
waren. Dieses hatte die sehr feinen Partikelchen von Bleisalzen gesammelt, 
welche in dem 20*75 Liter analysirten Wasser suspendirt bleiben konnten. 
Die Bestimmung des Bleies, welches auf dem Filter blieb, ergab 0*001 g, 
oder 0*048 mg pro Liter. Daraus ist ersichtlich, dass unter den ungünstig¬ 
sten Bedingungen Quell- oder Flusswasser, fliessend oder stehend, in neuen 
Bleiröhren kaum mehr als 1 dmg Blei pro Liter gelöst oder suspendirt 
enthält. 

Ad 2. Das als sehr rein und vorzüglich bekannte Wasser der Vanne 
wurde zehn Tage in Bleiröhren stehen gelassen, welche bereits ein Jahr im 
Gebrauche waren. Dann wurden 9 Liter davon entnommen, das auf Blei 
verdächtige Wasser in einen grossen Ballon gebracht und mehrere Stunden 
lang kochend erhalten, während man Schwefelwasserstoff durchleitete. Blei, 
Kupfer und erdige Carbonate wurden niedergeschlagen und auf ein kleines 
Filter gegeben. Das Bleisulfid wurde in Sulfat verwandelt und wie gewöhn¬ 
lich bestimmt. Gautier fand nun auf 9 Liter Wasser: Bleisulfat 5*0mg, 
davon metallisches Blei 3*416 mg und pro Liter 0*379 mg und 0*601 mg 
Bleicarbonat. 

Folglich kann Trinkwasser durch seinen Aufenthalt in Bleiröhreu, 
selbst wenn solche innen durch eine allmälig gebildete Kalkkruste bekleidet 
sind, mehr als */* nog Bleicarbonat pro Liter gelöst oder suspendirt erhalten, 
wenigstens gilt dies für das Wasser der Vanne; ein Verhalten, welches 
aber sicher differiren mmss bei verschiedenen Trinkwässern. 

Bekanntlich greift das Wasser die Reservoire von Blei um so stärker 
an, je weniger Kalksalze es enthält, und die aufgelöste Menge Blei 
nimmt noch zu, wenn die Wässer auf natürlichem oder künstlichem Wege 
zugeführte Luft enthalten. 

Im Schlosse Claremont trank man 30 Jahre ohne Schaden Wasser, 
welches durch Bleiröhren zugeführt und in mit Blei überzogenen Cysternen 
aufgefangen war. Intoxicationserscheinungen traten erst auf, als man die 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leituugsröliren. 259 

Cysternen reinigen liess und das Wasser über eine Sandlage filtrirte, welche 
dessen Luftaufnahme begünstigte. Hieraus folgt, dass die Trinkwasser den 
Bleiröhren, selbst wenn diese mit Blei incruBtirt sind, eine im Allgemeinen 
sehr geringe Menge toxischen Metalls entnehmen. Diese wechselt aber 
mit der Natur der Wässer, mit deren Reinheit und Luftgehalt, sie kann 
gefährlich werden bei Regen- und destillirtem Wasser. — Es ist also unklug, 
Wasser zu trinken, welches einige Zeit in alten oder neuen Bleiröhren 
gestanden, besonders in Gegenwart von Luft. 

Ad 3. Wie verhält sich Wasser, wenn es einfach durch Bleirohr 
durchfliesst? Beim Versuche waren 26 m Rohr zu durchlaufen, 10 Liter 
Wasser der Vanne enthielten keine bemerkbaren Spuren Blei, um so 
weniger noch ein weniger reines Wasser, z. B. das der Seine. Diese 
Schlüsse scheinen richtig. Thatsäcblich hatte man die Bleiröhren in Ver¬ 
dacht, welche zu Anschlussleitungen dienen. Man konnte fürchten („et 
nous n’etions pas sans avoir quelques apprehensions ä ce sujet tt ), dass durch 
das einfache Durchüiessen durch diese Bleiröhren das Wasser Bleipartikelchen 
lösen oder suspendiren könnte. Ein schwerwiegender Vorschlag wurde in 
diesem Sinne dem Municipalrath von Paris gemacht, es handelte sich darum, 
alle Bleiröhren der Anschlussleitungen durch solche zu ersetzen, welche 
innen mit Zinn doublirt seien. Diese Frage zu lösen wurden obige Versuche 
gemacht. „Elles (ces experiences) montrent, que dans les conditions ordi- 
naires les plus favorables, des eaux d’une purete exceptionelle, com me celle 
de la Vanne, ne dissolvent pas de quantite de plomb appreciable en par- 
courant simplement les tuyaux de conduite de plomb, que les eaux les plus 
pures dissolvent ä peine 4 dmg. de plomb par litre; que cette quantitö doit 
etre encore bien diminuee pour les eaux plus chargees de sels calcaires 
(Seine), qu’il n’y a pas lieu, en general de se preoccuptr par consequent 
de la distribution des eaux potables par des branchements de plomb par¬ 
tout de la rue, mais ä la condition, que les eaux ne sejournent pas dans 
le tuyaux, qu’elles ne viennent pas s’accumuler dans les bassins etc. de 
plomb, qü 1’acces de lair favoriserait la dissolution du rnetal toxique; enfin 
que les eaux ainsi distribuees ne proveniennent pas d’eaux de pluie, n’aient 
pas ete artificiellement aerees par leur passage prealable ä travers des filtres 
favorisant Faeces de Fair, enfin qu’elles conlent ä pleins tuyaux sans pouvoir 
s’y fouetter avec Fair.“ 

Ich habe im Vorstehenden Gautier’s Versuche und Schlussfolgerungen 
absichtlich etwas detaillirt citirt, weil gerade seine mit weichem Flusswasser 
angestellten Versuche geeignet sind, meine später folgenden und zu begrün¬ 
denden Behauptungen zu stützen, und weil die Methode, vermittelst deren 
er zu seinen Resultaten kam, kaum etwas an Zuverlässigkeit vermissen 
lassen wird. 

Calvert fand *), „dass das aus einem kleinen Speiseröhre fliessende 
Wasser vier Tage lang beträchtliche Bleiinengen enthielt ( 2 / 10 : 70 000). 
Sechs Wochen hindurch nahm dann die Bleimenge ab und schwand. Nach 
zwölfstündigem Stehen im Rohre war jedoch das Wasser wieder blei¬ 
haltig.“ 


J ) Schmidt’« Jahrbücher 1686, Bd. 130, S. 18. 


17 * 


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2 GO 


Dr. Pullmann, 

Nach Kersting 1 ) nimmt salpetersaures Alkali enthaltendes Wasser 
24 Standen mit Bleiröhren in Berührung leichter Blei auf, als kohlensaures 
Alkali enthaltendes. 

Theodor Clemenz*) betont: „Ueberhaupt sind alle bleiernen Gerät¬ 
schaften ganz zu verwerfen, und am allerersten gehören hierher die bleier¬ 
nen Wasserleitungen. Diese gepressten Röhren geben zwar, so lange ihre 
Flächen glatt und polirt sind, kaum nachweisbare Bleispuren ab, jedoch 
die Zeit wirkt hier sehr bald zerstörend ein, und je kohlensäurehal¬ 
tiger ein Trinkwasser ist, desto schneller werden die Flächen rauh, 
an denen sodann der Oxydationsprocess unaufhaltsam fort6chreitet. Diese 
zerstörenden Eigenschaften des Wassers an bleiernen Brunnenröhren kom¬ 
men nach meinen Beobachtungen namentlich dem sogenannten harten 
Wasser zu und empfehle ich diesen vergessenen Punkt sehr den Sanitäts¬ 
behörden zur Unheil verhütenden Aufmerksamkeit. So habe ich an dem 
Pumpwerke einer Dampfmaschine, welche ein hartes kohlensäurehaltiges 
Wasser Tag und Nacht durch gepresste Bleiröhren zog, diese Bleiröbren 
nach einem nur fünfjährigen Gebrauche rauh und stellenweise angefressen 
gefunden, ja ich habe in diesem Falle sogar in dem mehrmonatlichen, aus 
jenem Speisewasser gebildeten Kesselsteine Blei chemisch nachgewiesen.“ 

M. X. Rocques*) gelangt auf Grund zahlreicher Versuche zu folgenden 
Schlüssen: „Zink, Blei und Kupfer werden von gewöhnlichem Wasser und 
von Salzlösungen (Chloride, Bicarbonate) sehr allmälig angegriffen; die 
stärkste Zersetzung findet statt, wenn Sauerstoff zugegen ist.“ 

Mayencon und Bergeret (de S.-L.) 4 ) suchten noch einen Bleigehalt 
des Wassers zu constatiren, der vermöge seiner Geringfügigkeit durch 
Schwefelwasserstoff nicht mehr nachgewiesen werden kann, und zwar durch 
Elektrolyse. Hierdurch gelang ihnen der Nachweis von Blei in mehr oder 
weniger kalk- und gypsbaltigem Flusswasser; aber dieses erst durch Elektro¬ 
lyse nachweisbare Bleiquantum wurde von den Schülern und den Kranken 
in St. Etienne, in Paris und allen Städten, in denen es Wasserleitungen 
giebt, ohne Schaden für die Gesundheit mit dem Wasser consumirt. 

Der römische Baumeister Vitruvius unter Augustus und Tiberius 
machte bereits auf die Nachtheile der bleiernen Wasserleitungsröhren auf¬ 
merksam 5 ). 

Docent Dr. Popper sagt mit Bezug auf die Bleiröhren in seinem 
Referat im Prager städtischen Gesundheitsrathe 1882: „Die Frage wegeu 
der Zulässigkeit ist wohl alt, aber noch nicht vollkommen befriedigend 
beantwortet. Glaubwürdige Fälle in der Literatur erweisen die Thatsache 
des schädlichen Einflusses der Bleiröhren. Bezüglich der zu Claremont 
gemachten Erfahrungen siehe oben. Eine amerikanische Enquete 6 ) ergab, 
dass y 4 der befragten Aerzte die von ihnen beobachteten Fälle von Satur- 


*) Schmidt’s Jahrbücher 1866, Bd. 130, S. 18. 

2 ) Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin 1853, Bd. IV, S. 192. 

3 ) Industrieblätter 1881, S. 230; Referat aus Bull. Soc. Chim. XXXIII, p. 499 — 501. 

4 ) Mayencon et Bergeret (de Saint - Läger), De l’action des eaux douces sur le 
plomb roetallique. Recherche» par la mcthode electrolytique, Nr. 7, p. 484. 

ß ) Siehe Eulenberg, Handbuch des öffentlichen Gesundheitswesens, I. Bd., S. 7. 

6 ) Siehe zweiten Jahresbericht des Gesundheitsamtes von Massachusetts. 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsrüliren. 2G1 

nismus dem Genüsse von Wasser aus Bleiröhren zuschreiben. Dagegen 
beruft man sich auf die Erfahrungen in Berlin, London, Paris etc.“ 

„Im Jahre 1873/74 eiferte man in Paris gegen die Bleiröhren. Damals 
erklärte Champouillon dieselben für unschädlich, da er in den Casernen 
und Militärspitälern von Paris keinen Fall von Bleiintoxication gesehen. 
Die angestellten Experimente ergaben verschiedene Resultate und bestätig¬ 
ten, dass es von bestimmten Bedingungen abhängt, ob Blei in das 
Wasser übergeht. Eine Bedingung ist die Beschaffenheit des Leitungs¬ 
wassers. Destillirtes und weiches, an Chloriden, Nitraten und organisch- 
thierischen Stoffen reiches Wasser ist der Aufnahme von Blei günstig." 

„Eine andere Bedingung ist Einwirkung der Atmosphärischen Luft 
(i intermiitent supply in England). Dritte Bedingung: ob das Wasser im 
Rohre immer fliesst oder steht." 

Chandler in New York fand im Wasser nach sechsstündigem Stehen 
0*0024 mg Blei pro Liter, dagegen im durchgeflossenen Wasser keines. Er 
machte weiter geltend, dass kleinste Mengen Blei dauernd ein¬ 
geführt schaden, jvesshalb die Bleiröhren nie unbedenklich. Das englische 
Gesundheitsamt hat sie geradezu für unzulässig erklärt. 

Der innere Zinnmantel ist selten bleifrei und wird nach Popper leicht 
rissig. Nach Reichardt’s Versuchen greift destillirtes Wasser Bleiröhren 
mit Zinnmantel ebenso wie geschwefelte an, hartes Wasser nicht. Da das 
Wasser der Moldau weich (Analyse siehe unten) und an Chloriden relativ 
reich ist, war sein Verhalten gegen Blei vorauszusehen, wesshalb bei der 
neuen Nutzwasserleitung (Prags) Versuche angestellt wurden. Diese fanden 
bleifreies oder bleihaltiges Wasser je nach Bewegung oder Stillstehen des 
Wassers, wesshalb Bleiröhren widerrathen wurden. 

Prof. Stolba (Prag) fand bei geschwefelten und verzinnten Bleiröhren 
keinen Bleigehalt des Wassers, wenn dieses nur durchfloss, doch giebt er 
zu, dass das Wasser der Moldau reines Blei auffallend angreife und ebenso 
schon, wenn der Mantel des Rohres mit einem Nagel geritzt werde. Auf 
Grund vorstehender Beobachtungen und Urtheile gutachtete Dr. Popper: 
„Die Verwendung von Bleiröhren zu Hauswasserleitungen ist 
nicht zu empfehlen.“ 

Fordos 1 ) fand bei seinen Untersuchungen über Einwirkung von 
Schrot auf Wasser, dass im Anfänge zwar das Bleioxyd mit der Kohlen¬ 
säure der im Wasser befindlichen, doppeltkohlensauren Kalk- und Magnesia¬ 
salze einen unlöslichen Niederschlag von Bleicarbonat bildete, dass aber 
bei weiterer Einwirkung die im Wasser vorhandenen Chloride und Sulphide, 
was er durch mehrere Versuche beweist, einen Theil des Bleies löslich machten 
und eine alkalische Reaction des Wassers bewirkten. Ein Zeitraum von sechs 
Tagen genügte, um diese Wirkung hervorzubringen. Er hält es daher für 
gut, das aus Blcileitungen kommende Wasser vor dem Gebrauche jedesmal zu 
flltriren und das, was längere Zeit in den Röhren verweilt hat, wegzugiessen. 

Der Bericht von Boudet*) über den Gebrauch von Bleiröhren zur 
Wasserleitung in Paris resumirt dabin, dass die Verwendung derselben für 

*) Du röle des sels dans Paction des eaux potables sur le plomb, Kr. 16, p. 1108. 

2 ) L’extrait d’un raport au conseil de salubrit£ de la Seine sur Pemploi des tuyaux 
de plomb pour la distribution des eaux de Paris. 


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2G2 


Dr. Püllmann, 

Regen- und ähnliche salzfreie Wasser gefährlich und zu häuslichem Ge¬ 
brauche zu verbieten, für das gewöhnliche salzhaltige Trinkwasser aber 
ungefährlich sei; indess müsste man nach kürzerer oder längerer Unter¬ 
brechung des Abflusses das erste Wasser, gleichviel ob aus reinen Blei¬ 
röhren oder aus solchen von verzinntem Blei, unbenutzt ablaufen lassen. 
Den Concessionären müsse es überlassen bleiben, ob sie die Arme der 
Leitungen aus Schmiedeeisen oder aus gut verzinntem Blei hersteilen lassen 
wollen. Uehrigens würden die noch vorhandenen 3 km Bleiröhren (von 
13S6 km der Pariser Canäle) aller Wahrscheinlichkeit nach auch bald 
schwinden. Nur für die circa 40 m für jeden Concessionär betragenden 
Arme von den Hauptröhren zu den Häusern werde das Blei beibehalten. 
Bei der Discussion erklärt Gobley, dass sich bald das in neuen Bleiröhren 
sich bildende kohlensaure Bleioxyd zusammen mit kohlensaurem Kalk an 
den inneren Wänden niederschlägt und festsetzt. Die anfangs mit fort¬ 
gerissenen Theile findet man abgeschieden auf den Filtern, deren sich die 
Pariser in ihren Haushaltungen bedienen. 

Roussel erklärt das Filter für überflüssig, zum Beweis dafür führt er 
das Städtchen Meude im Süden Frankreichs mit einer sehr alten, grössten- 
theils’aus reinem Blei bestehenden Wasserleitung an, wo sich nie ein Unfall 
oder Krankheit eingestellt hätte. Allerdings kommt das Wasser aus Jura¬ 
kalk. Zweitens habe er auf seinem Landgute mit Granitboden vor 20 Jahren 
eine 100 m lange Wasserleitung aus Bleiröhren legen lassen und nie hätte 
einer von seinen Arbeitern, die das gute Wasser gierig tränken, den gering¬ 
sten Nachtheil verspürt. Da das Quellwasser sofort in die Bleiröhre ein- 
tritt, so könne hier kein Schutz des kohlensauren Kalkes geltend gemacht 
werden. 

Der Artikel der Union medicale *) über Blei und Trinkwasser etc. 
erzählt zwei Fälle von Bleivergiftung nach Chevalier. In einem Dorfe 
ira westlichen England erkrankten die Einwohner unter Bleisymptomen und 
zwar durch den Genuss von Flusswasser, in welchem man 1:500000 Blei¬ 
carbonat fand, herrührend aus einer jüngst entdeckten Bleimine oberhalb 
des Dorfes. Der Genuss von nur 3 bis 4 Gran Blei pro Woche (bei täg¬ 
lichem Verbrauche von einer Gallone Wasser) hatte also auf die Länge ver¬ 
giftend gewirkt. Der andere Fall, welcher sich auf eine Vergiftung bezieht, 
die in Folge von in der Flasche zurückgebliebenen Schrotkörnern zu Stande 
kam, gehört nicht hierher. 

Balard*) hat nach der Ursache geforscht, wesshalb salzhaltiges 
Wasser, welches durch Bleiröhren flicsst, kein Blei aufnimrat, während 
bekanntlich destillirtes lufthaltiges Wasser das Blei stark angreift und mehr 
oder weniger starken Gehalt an kohlensaurem Blei zeigt. Wenu man eine 
reine, mit freier metallischer Oberfläche versehene Bleiplatte in destillirtes 
Wasser hängt, welchem 4 bis 5 Hunderttheile einer saturirten Lösung von 
schwefelsaurem Kalk zugesetzt sind (dieses Verhältniss soll genügen, um 
das Uebergehen von Blei in das Wasser zu hindern), so findet man aller- 

*) Le plomb et lea eaux potables; danger de rincer les bouteilles avec des grains de 
plomb, Nr. 88, p. 247. 

2 ) Remarques relatives k la coramuniention de Robierre. Compt. rend. LXXY1I1, Sr. 1, 
p. .T21. 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröhren. 2G3 

dings auch nach geraumer Zeit bei Anwendung der gewöhnlichen Unter¬ 
suchungsmethoden kein Blei im Wasser, die Bleiplatte ist aber verändert, 
wie beschlagen. Dies geschieht auch, wenn man mehr Gypslösung dem 
Wasser zusetzt, ja selbst, wenn man unverdünnte Gypslösung verwendet. 
Schüttelt man nun das Gefäss stark, so erhält man dann eine deutliche 
Bleireaction, wenn man einige Tropfen weinsteinsaures Ammoniak zusetzt, 
kocht und dann erst Schwefelwasserstoff hindurchleitet. Der schwefelsaure 
Kalk hat mit dem Blei eine unlösliche Verbindung gebildet, welche ziemlich 
fest an der Bleiplatte haftet, dieselbe vor weiterer Einwirkung schützt und 
den Uebergang von Blei in das Wasser hindert. Dasselbe Verhalten zeigten 
die übrigen Salze, welche wie schwefelsaurer Kalk die Lösung des Bleies in 
Wasser hindern. Andere Salze, namentlich die Nitrate, Nitrite und die 
Formate, begünstigen im Gegentheil die Lösung des Bleies; will man daher 
zu Wasserleitungen Bleiröhren verwenden, so muss das Wasser genau unter¬ 
sucht und auf seine Beschaffenheit Rücksicht genommen werden. 

Professor Belohoubek 1 ) sagt: Geschwefelte und verzinnte Bleiröhren 
scheinen bei gehindertem Luftzutritte dem destillirten Wasser zu wider¬ 
stehen, während im umgekehrten Falle und bei längerem Gebrauche sich 
nicht geringe Mergen von Blei im Wasser zeigen. Wenn das Wasser die 
Rohren durchfloss, war das Resultat ein günstigeres, aber selbst in diesem 
Falle war die Anwesenheit von Blei und Zinn zu constatiren, wenn 10 bis 
12 Liter des betreffenden Wassers eingedampft und untersucht wurden. In 
Bezug auf das Verhalten beider Arten von Röhren gegen Moldauwasser 
fand er, dass bei Gegenwart der Luft unter dem Einflüsse von destillirtem 
Wasser oder von Moldauwasser weder der Schwefelüberzug noch der Zinn¬ 
überzug einen Schutz gewährt und dass in allen Fällen nicht unerheb¬ 
liche Mengen von Blei im Wasser nachgewiesen worden sind. Der Zinn¬ 
mantel war eine Zinnlegirung. Wir lassen die Analyse des Moldauwassers 
folgen: 


Ein Liter enthält Abdampfrückstand (bei 140° C. getrocknet) 72*6200 mg 
Glühverlust. 20*4700 „ 


Glührückstand also 


so a 


5*843 

P s 0 5 

— 

0*408 

so, 


5*823 

CI 

— 

6*877 

n 2 0 5 


0*713 

Fe a 0 3 -f- A1 2 0 3 

= 

2*235 

CaO 

= 

11*232 

MgO 

= 

5*279 

K 2 0 

== 

4725 

Na 2 0 


8*062 

C0 2 geb. 

= 

14*780 

Organ. Stoffe 

= 

4*782 


52*1500 mg 


C0 2 frei = 9*645 

Härte = 1*86 deutsche Grade 

Ein Liter enthielt ferner suspendirt 
flüchtige u. organische Stoffe 1*052 
mineralische Stoffe .... 7*467 

zusammen . . . 8*492 


Mit einer Serie von bereits im Jahre 1879 veröffentlichten Versuchen 
beabsichtigte Reichardt die Frage der Klärung näher zu bringen und 


*) Ueber das Verhalten verzinnter und geschwefelter Bleiröhren gegen destillirtes 
Wasser. 


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2G4 


Dr. Pulhnann, 

untersuchte den Effect, welchen destillirtes Brunnenwasser und kohlensäure¬ 
haltendes Wasser auf die umgebende und durchflossene Bleiröhre ausübte. 
Das Resultat war: Destillirtes wie kohlensäurehaltiges destillirtes Wasser 
gaben nach wenig Tagen Bleireaction, dagegen das Jenenser Brunnenwasser 
(18 Härtegrade) nach wochenlangem Stehen im Bleirohre nicht, ausser 
wenn neben dein Brunnenwasser noch Luft im Lumen des Rohres ein¬ 
gesperrt war. Aus diesen Versuchen zieht Reichardt den Schluss: „Blei¬ 
röhren sind unter allen Umständen zu verwerfen als Material bei Pump¬ 
brunnen oder Wasserleitungen, die nicht ununterbrochen mit Wasser erfüllt 
sind.“ Zu demselben Schlüsse kam J. Smith 1857 und v. Pettenkofer 
1864; Robierre 1873. 

„Daneben machte Beigrand auf die grosse Fläche der Wasserbehälter 
aufmerksam, die selbst abwechselnd der Einwirkung von Luft und Wasser 
ausgesetzt kein Blei abgaben, wie es die Erfahrung von 500000 Häusern 
in London lehre. In Paris hatten nach des Letzteren Angaben von 30000 
Häusern die Hälfte Wasserleitungen, in London hatten sämmtliche Häuser 
solche und die in 20 Minuten gefüllten Reservoirs entleerten sich im Laufe 
des Tages, trotzdem wäre dort nie Blei in den öffentlichen Gewässern nach- 
gewiesen; eine Beobachtung, die auch den Erfahrungen von Robierre 
nicht widerspreche, welcher das Wasser acht Tage lang mit dem Blei in 
Berührung lässt. Aus dem von ihm angeführten Briefe von Letheby, dem 
er sein Referat über Londoner Wasserverhältnisse entnommen, erhellt, dass 
die Hauptleitungsröhren aus Gusseisen, die zu den Häusern führenden 
Röhren und die in diesen befindlichen dagegen aus Blei bestehen; die 
Reservoire der Häuser bestehen fast alle aus Holz mit Bleibekleidung. Die 
Erfahrung hat nun gelehrt, dass mit fünf und mehr Theilen Kalksalzen auf 
100000 Theile versehenes Wasser auch bei längerem Verweilen Blei nicht 
angreift. Das Wasser von London enthält aber 25 bis 40 Theile Salze auf 
100000 Theile Wasser (!) und ist seines Wissens der Gesundheit der Ein¬ 
wohner nie nachtheilig geworden.“ 

Nach Balard „verhindern die meisten Salze die Einwirkung von Blei 
auf destillirtes Wasser, dagegen ist dies nicht der Fall, wenn salpetersaures 
Kali, Chlorkalk und Chlorbaryt, essig- und ameisensaures Natron darin ent¬ 
halten sind. Er möchte fast annehmen, dass Wasser mit Salzen, deren 
Säuren mit Bleioxyd unlösliche Verbindungen eingehen, das Blei nicht 
an greift“. 

Besnon’s 1 ) Erfahrungen seien an dieser Stelle, weil auf Destillir- und 
Kühlapparaten, also unter abweichenden Bedingungen gewonnen, nicht 
genauer angeführt. 

Weiter mit Bezug auf unser Thema theilt Reichardt noch folgende 
Data mit: Orfila betone die Mitwirkung der Luft. Bezüglich der Blei¬ 
vergiftung in Windsor durch Trinkwasser aus Bleiröhrenleitung meint 
Reichardt kurz: „Leider fehlen dabei die näheren und hier allein ent¬ 
scheidenden Umstände“. 


*) Besnon, Artion des enux economiques ordinaires et distill£es, ainsi quc de l’eau 
de mer distillee, sur le plomb et les s6frigerants en 6tain des divers appareils dislillatoires, 
p. 322. 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröhren. 265 

Beigrand habe die Bleiröhren bald überkalkt von dem kalkreichen 
Wasser in Paris gefunden. 

Fodor habe das Blei in den Ablagerungen in den Röhren und Reser¬ 
voirs gefunden; .Balard bestätige dies, schreibe aber die Einwirkung auch 
dem Luftgehalte des Wassers zu. 

Hamon gebe Beispiele von Bleivergiftungen, „und diese Vergiftungs¬ 
fälle sind jedenfalls wichtigste Belege der Schädlichkeit der Bleiröhren“, 
aber die Fälle seien buntes Durcheinander der verschiedenen zusammen¬ 
gesetzten Leitungen und „ein solches Gemenge der verschiedenen Metalle“ 
könne schon durch Berührung wesentlich die Angreifbarkeit des einzelnen 
verstärken. 

Auf die Einzelheiten der Beispiele einzugehen sei nicht nöthig (?), 
weil diesbezügliche Erfahrungen völlig bekannt seien. 

Prof. Hirt sagt unter „Metallvergiftungen“ durch Wasser veranlasst: 
„In erster Reihe ist hier Blei zu erwähnen. Der vom sanitären Stand¬ 
punkte nicht zu billigende Missbrauch, die Zweigröhren der Wasserwerke 
aus Blei herzustellen etc. Würde besonders der erste Punkt von den 
beschäftigten Praktikern mehr berücksichtigt, so gewännen nicht bloss die 
Aetiologie der Bleivergiftungen um Vieles an Klarheit, sondern es würde 
sich auch höchst wahrscheinlich so manche bis dahin als Magendarmkatarrh, 
Magenkrampf etc. behandelte Affection bei eingehenderer Untersuchung als 
chronische Bleivergiftung entpuppen.“ 

S. Steiner untersuchte Wasser der Budapester zehn Jahre alten 
Leitung. Das Wasser war als bleifrei in den eisernen Hauptröhren con- 
statirt, ergab aber, nachdem es ohne Stillstand 39 in Bleirohr durchlaufen, 
1 mg Blei in 11*8 Liter Wasser, ja bei langsamer laufendem Wasser 1*04 mg, 
im Rohre gestanden nach 24 Stunden 1'224, nach 48 Stunden 1*7, nach 
sieben Tagen 3*25, nach einem Monat 4*7 rag Blei im Liter Wasser. 


Sind nun die Ansichten über die Zweckmässigkeit oder Gesundheits¬ 
gefährlichkeit der Bleiröhren bei Benutzung derselben als Material für Haus¬ 
leitungen, wie wir gezeigt, noch nicht fest begründet, stehen vielmehr die 
Beobachtungen und Erfahrungen der Autoren sich so schroff gegenüber, 
so dürfte eine Mittheilung einiger bei der hiesigen Leitung gemachten 
Erfahrungen und mehrerer dadurch veranlassten Versuche gewiss von all¬ 
gemeinem Interesse sein. 

Die Zahl der wirklichen Beobachtungen von Bleiintoxicationen, welche 
lediglich in Folge eines fortgesetzten Genusses von Rohrleitungswasser, 
welches aus den Bleiröhren Blei aufgenommen hatte, hervorgerufen wurden, 
ist verhältnissmäsBig sehr gering, und es sind wiederum nur einzelne Städte, 
welche in Folge dieses Uebelstandes zu leiden hatten. Während viele und 
grosse Städte (siehe oben) nie Veranlassung hatten, dem Bleirobre ein 
anderes Material zu substituiren, sah man sich für einige wenige genöthigt, 
die Benutzung von Bleiröhren geradezu gesetzlich zu verbieten (Wolff- 
hügel). Je nach der Qualität des durch eine Leitung zu geführten Wassers 
führten die Beobachtungen zu verschiedenen Erfahrungen und die rein 
theoretischen Raisonnements konnten keine allgemeine Gültigkeit erlangen. 


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266 


Dr. Pullraann, 

Die nächste Veranlassung zu vorliegender Studie gaben mir einige 
Erkrankungen, deren Ursache ich auf den Genuss von bleihaltigem Leitungs¬ 
wasser zurflckführen musste, so dass für Offenbach wenigstens die Harmlosig¬ 
keit der Benutzung von Bleiröhren zu Wasserleitungszwecken gewiss nicht 
behauptet werden kann. Der Widerspruch der Erfahrung verschiedener 
Städte mit den Bleiröhren stempelt die Frage wegen der Zulässigkeit dieses 
Materials zu einer rein localen, die Versuche müssen vor Benutzung 
desselben in jedem Falle wiederholt werden, denn nicht alle Wässer 
lösen Blei in dem Maasse, welches ausreicht, um bei fortgesetztem Gebrauche 
toxische Wirkungen hervorzubringen, vielmehr sind es nur gewisse, nach¬ 
weisbare Bestandtheile des Wassers, welche die Aufnahme von Blei fördern 
oder hindern. Hätte man vor Installirung der hiesigen Leitung im Jahre 
1872, nachdem man über die chemische Zusammensetzung der vorgesehenen 
Quellen durch die Analyse von Dr. Peterseu vergewissert, unser Wasser 
als ein ganz vorzügliches, fast chemisch reines Trink- und Brauchwasser 
anerkennen musste, auch sein Verhalten zu Bleiröhren geprüft, so würde 
man sich die Ueberraschung des Jahres 1884 gespart haben und es würden 
innerhalb des vierzehnjährigen Bestehens der hiesigen Leitung gewiss 
manche als saturnine erkannte oder übersehene Gesundheitsstörungen ver¬ 
mieden worden sein. Man brauchte eben nur das Verhalten unseres Wassers 
zu neuen Bleiröhren bekannt zu geben, so lag es in der Hand des Inter¬ 
essenten, sich dem schleichenden Gifte zu entziehen, indem er das Quantum 
Wasser, welches längere Zeit im Bleirohre gestanden hatte, nicht zu Nahrungs¬ 
zwecken benutzte. 

Bleiintoxicationen sind bei der hiesigen Fabrikbevölkerung (Arbeiter 
der ScbriftgiesBer-, Schriftschleiferbranche, der Stanniol- und Metallkapsel¬ 
fabrik, Bleiweissfabrik, Maler- und Anstreichergewerbe) nicht seltene Fälle, 
aber Bleiintoxicationen bei Einwohnern, die jenen Gewerben fern stehen, 
Bleiintoxicationen, die als Folgen des Genusses von in den Bleiröhren blei¬ 
haltig gewordenem Trinkwasser nachgewiesen werden konnten, wurden hier 
bis zum Sommer 1884 nach Aussage der Herren Collegen nicht beobachtet. 
Die hiesige vorzüglich functionirende Quellwasserleitung wurde, wie bemerkt, 
im Jahre 1872 ausgeführt, die Hauptleitungsröhren derselben sind aus Guss¬ 
eisen bis an die zu versorgenden Gebäude. Zur Leitung durch die Funda¬ 
mente und oberhalb des Erdbodens nach dem Inneren der Gebäude sind 
Bleiröhren benutzt worden, nachdem man auf diesbezügliche Anfragen in 
Städten, welche früher schon bei Anlage ihrer Wasserversorgung diese 
Materialien benutzt und damit Erfahrungen gemacht haben konnten, sich 
von der Ungefährlichkeit derselben überzeugt zu haben glaubte. Da, nach 
zwölfjährigem Betriebe der hiesigen Leitung, werden mehrere Fälle von Blei- 
iutoxicationen in derselben Familie beobachtet, einige Monate später wird 
ein weiterer Fall constatirt und im August und September desselben Jahres 
hatte ich Gelegenheit, fünf Fälle aus vier verschiedenen, entfernt von einander 
wohnenden Familien festzustellen, die vermöge ihres Berufes und ihrer Lebens¬ 
stellung den mit Blei verkehrenden Gewerben fern standen und bei denen 
die Untersuchung des bis dahin benutzten Trinkwassers aus der allgemeinen 
Leitung starken Bleigehalt des Wassers ergab. Nach Ausschaltung der causa 
morbi erfolgte in sämmtlichen Fällen prompte und dauernde Genesung. 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröhren. 2G7 

Die erste Beobachtung von Bleiintoxication iu Folge der erwähnten 
Ursache in unserer Stadt machte College Köhler im Sommer 1884 in der 
Familie eines am äussersten Ende der Stadt wohnenden Octroi-Erhebers. 
Der Anschluss an die Hauptleitung war auf Antrag der Familie kürzlich 
vollzogen worden und nur eine Familie entnahm ihr Genusswasser dieser 
Leitung. 

Die zweite Beobachtung geschah im Herzen der Stadt bei einer Leitung 
älteren Datums, doch waren die bleiernen Leitungsröhren hier besonders lang 
und die diese Leitung benutzende Familie bestand nur aus zwei Personen. 

Die dritte Beobachtung machte ich ebenfalls bei einer Familie von 
zwei Personen. Diese bezogen in einem neuerbauten Hause die dritte 
Etage, und da in der ersten und zweiten Etage kein Wasser entnommen 
wurde, mussten auch hier zwei Personen die volle Schädlichkeit der neuen 
Leitung erproben. Die viel Wasser zum Trinken consumirende junge Frau 
erkrankte sehr schwer an Bleivergiftung. 

Die vierte Beobachtung machte ich bei ganz analogen Verhältnissen, 
nur dass die ebenfalls von zwei jungen Eheleuten bewohnte Wohnung mit 
Wasserleitung eine Etage tiefer am Ostende der Stadt gelegen. 

Die fünfte, sechste und siebente hiesige Beobachtung machte ich in einem 
älteren Hause, welches aber eben erst der Hauptleitung angeschlossen 
worden. Auch das Wasser kostet Geld, und desshalb drang die Besitzerin 
des an mehrere kleine Familien vermietbeten Hauses auf äusserste Sparsam¬ 
keit bei der Wasserentnahme. Zuerst erkrankte hier ein junger Kaufmann, 
der wegen anderweitiger Erkrankung mehrere Wochen sein Comptoir nicht 
frequentirte f vielmehr sich in der parterre liegenden Familienwohnung 
auf hielt. Fast gleichzeitig erkrankte dessen Frau und ein Fräulein der 
ersten Etage. 

Bei allen den genannten Gesundheitsschädigungen wurde das durch 
Bleiröhren zugeführte und bleihaltig gewordene Trinkwasser als einzige 
causa morbi constatirt, bei allen ist das Gemeinsame eine Vertheilung des 
zugeführten Wassers und des darin enthaltenen toxischen Metalls auf wenige 
Personen und mit Ausnahme der sub 2 mitgetheilten Beobachtung waren 
alle Leitungen ganz neu. Im Falle 2 aber handelte es sich um eine beson¬ 
ders weit gestreckte Leitung des Wassers durch Bleirohr. 

Gleichzeitig konnte bei einer neu angelegten Hausleitung constatirt 
werden, dass bei besonders reichlichem Verbrauche von Wasser und einer 
davon abhängigen Verminderung des relativen Bleigehaltes auch die erste 
Zeit der Benutzung einer Bleiröhrenleitung ohne merkliche Gesundheits- 
Schädigung der Consumenten geschehen kann. Im Verlaufe mehrerer Wochen 
wurde Wasser einer neuen Leitung untersucht, das einem stark bewohnten 
Hause zugeführt wurde und abnehmend bleihaltig gefunden, nachdem es 
längere Zeit im Rohre gestanden. Doch wurde bei den zahlreichen Be¬ 
wohnern dieser Hofraithe kein Fall von Saturnisraus gefunden. 

Die bei der Gelegenheit sich zunächst aufdrängende Frage ist: 

Welche Umstände veranlassen den Bleigehalt des Wassers aus 
den betreffenden Hausleitungen? 

Nach der chemischen Analyse von Dr. Petersen aus dem Jahre 1871 
ist das Wasser von zwei wesentlichen Quellen der hiesigen Leitung sehr 


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2G8 


Dr. Pullmann, 

weich, sehr arm an mineralischen Stoffen und verdankt seinen „recht an¬ 
genehmen Geschmack der nicht unerheblichen Menge freier Kohlen¬ 
säure“. Von sehr schwach saurer Reaction (von der freien Kohlensäure 
herrührend) giebt es einen festen Rückstand in 100 Thln. Wasser, bei 160°C. 
ausgetrocknet, von 0*09, wovon V 3 organische Substanz. Die mineralischen 
Bestandtheile sind hauptsächlich kohlensaurer Kalk, wenig Gyps, Magnesia 
und Alkalisalze, wenig Chlorverbindungen. Schwefelwasserstoff fast 0, Sal¬ 
petersäure merklich, doch im Ganzen gering. 

Unser verstorbener Stadtchemiker Herr Winter constatirte 1882: Bläu¬ 
liche Färbung (durch Thonerde), Gesammthärte 3‘6, permanente Härte 1*5, 

fixe Bestandtheile (bei 140° ausgetrocknet) . . . 0*090 

Glührückstand.0*060 

Verlust als organische Substanz.0*030 

Mineralische Bestandtheile in 1000 Theilen: 

Kohlensaurer Kalk. 0*0460 

Schwefelsaurer Kalk .... 0*0102 

Kohlensäure Magnesia .... 0*0017 

Chlornatrium. 0*0021 

0*0600 

Thonerde.Spuren 

Salpetrige Salze 
Ammoniaksalze . 

Versuch I. Der Bleigehalt im Wasser der resp. Hausleitungen, welche 
also bis auf eine sämmtlich innerhalb der letzten Monate gelegt 
waren, war leicht zu constatiren, mit jeder Gasblase von Schwefelwasser¬ 
stoff, welche aus dem Darstellungsapparate in der Tiefe des verdächtigen 
Wassers austrat, sah man eine neue Wolke von dunkler Färbung aus 
Schwefelblei sich bilden und langsam niedersinken. 

Versuch II. Das Wasser älterer Leitungen, ebenso behandelt, erwies 
sich bleifrei. 

Befand sich nun dieses Blei im Wasser gelöst oder suspendirt? 

Versuch III. Das bleihaltige Wasser auf ein Filter von doppeltem Filtrir- 
papier gebracht und nach der Filtration der Einwirkung von Schwefelwasser¬ 
stoff ausge8etzt, erwies dasselbe fast bleifrei; ganz sicher und vollständig 
ging aber die Reaction auf Blei verloren, nachdem zu dem doppelten Filter 
Kohle hinzugefügt wurde und das Wasser dadurch glanzhell filtrirt erschien. 

Das in dem Wasser vorher enthalten gewesene Blei konnte also nur 
darin suspendirt gewesen sein. 

Nun ist eine nach dem Vorhergehenden bekannte Thatsache, dass Blei 
nicht von jedem Wasser angegriffen wird, von weicherem (zu dem das 
hiesige gehört) leichter, von hartem gar nicht. Dass aber der Härtegrad, 
resp. der Gehalt an erdigen Bestandteilen des Wassers nicht ausschliesslich 
die Intensität seines Angriffes bestimmt, ist theils ebenfalls aus den oben 
gegebenen Citaten, theils aus Versuch VIII. zu deduciren. Auch das Vor¬ 
handensein von Chloriden, Nitraten, Nitriten oder Aramoniakverbindungen, 
sowie der Gehalt an Luft und Kohlensäure steigert die Angriffsfahigkeit 



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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröliren. 269 

des Wassers auf Blei. Möglicher Weise konnte der in der Leitung herrschende 
Druck mit im Spiele sein. 

Dagegen begünstigt ein Gehalt des Wassers an kohlensauren und 
schwefelsauren Erdsalzen das Zustandekommen von schwerlöslichen Blei¬ 
verbindungen auf der Berührungsfläche, und indem diese das ganze Innere 
des Bleirohres überziehen, halten sie weitere Angriffe von Seiten des Wassers 
zurück — machen das Bleirobr unschädlich. 

Welche Ingredienzien und Umstände befähigen nun das hiesige 
LeitungswasBer zu der genannten Wirkung auf Blei? 

Versuch IV. Um zunächst die etwaige Wirkung des Druckes zu 
constatiren, unter dem die Wassersäule innerhalb der Röhre steht, wurde 
eine neue 10m lange Bleiröhre mit 20cm lichter Weite, wie solche bei 
der hiesigen Leitung in Anwendung sind, in horizontaler Lage unter dem 
Drucke der Leitung nach sorgfältigem Ablassen der Luft, mit bis dabin 
bleifreiem Wasser gefüllt belassen. Nach vier Stunden war der Inhalt der 
Röhre deutlich bleihaltig und nach 24 Stunden war das Wasser stark 
bleihaltig. Doch steigerte sich in diesem und den folgenden Versuchen 
keineswegs der Bleigehalt des Wassers in gleichem Verhältnisse mit der 
Zeit der stattgehabten Einwirkung des Wassers auf das Metall. 

Versuch V. Dieselbe Röhre entleert, ausgespült und ohne Druck 
gefüllt, ergab nach 24 Stunden im Inhalte starke Bleireaction, wenn auch 
geringer als im Versuche IV. 

Sonach konnte der Druck als wesentliche Ursache des Verhaltens des 
Wassers gegen Blei ausgeschlossen und nur als begünstigende Nebenursache 
angenommen werden. 

Es konnte weiter die Qualität der Bleiröhren in der uns interessirenden 
Frage wesentlich sein. 

Zur Zeit wurden hier zu Wasserleitungszwecken benutzt ein sogenanntes 
hartes und ein sogenanntes weiches Bleirohr. Letzteres, auch geschwefeltes 
Bleirohr genannt, soll im Inneren mit einem Ueberzuge von Schwefelblei 
(durch Ausspülen mit einer Schwefelkaliumlösung) versehen sein. Das oben 
zu den Versuchen IV. und V. benutzte Rohr war von der sogenannten 
harten Qualität, es erübrigte also noch, das Verhalten der sogenannten 
weichen oder geschwefelten Qualität gegen unser Wasser festzustellen. 

Versuch VI. und VII. Dieselbe ergab, unter dieselben Bedingungen 
gebracht, wie die zu den Versuchen IV. und V. benutzte harte Qualität, 
dieselben Resultate und bestätigte damit die auch von anderer Seite bei 
demselben Material gemachte Erfahrung. 

Es konnte also der Umstand, dass von den Privatinstallateuren (die 
Installationsarbeiten oberhalb des Erdbodens sind hier Privatsache) in letzter 
Zeit die billigere harte Qualität Rohrmaterial bevorzugt wurde, nicht die 
mehrgenannten Befunde verschuldet haben. 

Wie verhalten sich nun in unserem Wasser jene Stoffe, von denen 
oben angegeben worden, dass ihre Gegenwart in einem Wasser dasselbe 
besonders geeignet mache, die Bleiröbren anzugreifen? 

Unser Wasser steht dem chemisch reinen, destillirten sehr nahe. Von 
letzterem weiss man aber, dass es Blei rasch angreift und zwar, wie beob¬ 
achtet ist, durch seinen Gehalt an Sauerstoff und durch die darin enthaltene 


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270 


Dr. Pullmann, 

freie Kohlensäure. Da nun aber in hiesigem Wasser ebenfalls ein Gehalt 
an freier Kohlensäure nachgewiesen ist (4*89 Theile in 100 000 Wasser), 
so lässt sich auch bei seinem so geringen Gehalt an (möglicher Weise za 
beschuldigenden) fixen Bestandtheilen seine Eigenschaft, Blei rasch anza¬ 
greifen, leicht erklären. Sicherer Nachweis hierüber folgt unten durch 
Versuch. 

Verschiedene Wässer verhalten sich also verschieden gegen Blei, und 
je mehr sich die von anderen Städten zur Wasserversorgung benutzten 
Wasser in ihrer chemischen Zusammensetzung bezüglich der hier inter- 
essirenden Bestandtheile von unserem hiesigen unterscheiden, um so weniger 
konnten die dort gemachten Erfahrungen hier auf Bestätigung rechnen. 
Das Wasser der Offenbacher Quellwasserleitung greift neue Bleirohre rasch 
an und es dauert wenigstens sechs Monate lang, bis die Bleirohre durch 
einen sie a]lmälig im Inneren auskleidenden schwerlöslichen Ueberzug sich 
weiteren Insulten des geleiteten Wassers entziehen können. 

Nach Vorstehendem drängt sich die Frage auf: 

Was ist zu thun, um das Publicum im Allgemeinen und das 
hiesige im Besonderen vor den thatsächlich vorhandenen Gefahren 
der Bleiintoxitation durch das Rohrleitungswasser za schützen? 

Zu verschiedenen Zeiten hat man verschiedene Materialien als Haus¬ 
leitangsröhren benutzt, versucht und vorgeschlagen, sie waren za wenig 
dauerhaft, oder zu ungefügig. Auch Zinnrohre mit Bleimantel (Hamon) 
scheinen sich nur in der Theorie zu eignen, Schmiedeeisen, das sich den 
bei Hausleitungen erforderlichen Biegungen anbequemen Hesse, wird eben¬ 
falls von Wasser angegriffen und verleiht demselben einen widerlichen 
Geschmack. 

Es haben sich alle Surrogate für Bleirohre nicht bewährt und das Blei 
blieb das souveräne Material für Anschlussleitungen, deren Wünschen vom 
bautechnischen Standpunkte aus es ja auch ganz zu entsprechen geeignet 
ist. Bis heute haben wir nichts Besseres an seine Stelle zu setzen. 

Gelingt es nun nicht, den Fehler von Seiten des Rohrmaterials zu 
paralysiren, so versuchen wir es bei der Gegenpartei, einen Ausgleich an¬ 
zubahnen! Unsere hiesigen Hausleitungen älteren Datums liefern blei¬ 
freies Wasser, das Leitungsmaterial und das zugeleitete Wasser sind aber 
hier immer derselben Qualität gewesen, die jetzt alten Rohre müssen 
anfangs bleihaltiges Wasser geliefert haben. Warum es nicht beobachtet 
wurde? Die anfänglichen Consumenten waren gegen Bleiintoxicationen 
wohl so wenig gefeit als die heutigen, der Wasserconsum pro Kopf wird 
sich in den wenigen Jahren des Bestehens der hiesigen Leitung nicht 
wesentlich verändert haben, es dürfte desshalb mit Sicherheit angenommen 
werden, dass sich die aus den Röhren der hiesigen Leitung mitgeriesene 
Bleiverbindung in den Eingeweiden der Consumenten ab und zu in un¬ 
angenehmer Weise geltend gemacht hat. Beschränkend auf die Zahl dieser 
Patienten mag der Umstand gewirkt haben, dass in neuen Häusern die 
Hausleitungen schon Monate lang der Hauptleitung angeschlossen waren, 
ehe die dazu gehörigen Wohnungen bezogen wurden, und dass die der 
Leitung angeschlossenen alten Häuser stark bevölkert sind, das pro Kopf 
entfallende Bleiquautum sich daher sehr verminderte. 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsrühren. 271 

Bei den während des Sommers 1884 constatirten Fällen benutzte 
viermal eine einzelne kleine Familie von zwei bis vier Personen eine ganz frisch 
gelegte Hausleitung allein, and in einem der Häuser war die Entnahme 
des Leitungswassers, weil es pro Cubikmeter bezahlt werden muss, auf das 
Dringlichste beschränkt, ln unseren Beobachtungen vertheilte sich also 
das aus einer eben gelegten Leitung mitgerissene differente Metall auf 
zwei bis vier Personen, während anderwärts bei schon länger fuhctionirenden 
Leitangen leicht die vier- bis fünffache Anzahl Personen an dem mitgerissenen 
Bleiquantum participirte, und durch den stärkeren Wasserconsum über¬ 
haupt weniger Blei in dasselbe gelangen konnte. 

Dass eine minimale Quantität von Blei längere Zeit ohne besonderen 
Schaden für den Consumenten dem Organismus einverleibt werden kann, 
ist eine tägliche Erfahrung in der Praxis und je älter die Leitung, desto 
mehr wird sich das Innere der Bleiröhre mit einer Schicht unlöslichen 
Bleisalzes überzogen haben, mit deren Completirung dann auch die nicht 
als solche erkannte colica saturnina der Consumenten verschwindet. Doppelt 
interessant ist hier die Notiz von Dr. E. Reichardt über den Befund bei 
einer 300 Jahre in Benutzung gewesenen Bleiröhre aus der Leitung von 
Andernach. Das dortige Wasser ist ebenfalls noch ein weiches (5*25°) und 
nahm aus der fraglichen Röhre zur Zeit der Herausnahme kein Blei auf. 
Die Innenfläche der Bleiröhre zeigte nach dem Jahrhunderte langen Ge¬ 
brauche an keiner Stelle einen Ueberzug von über 0*5 mur Dicke, bestehend 
aus basisch - phosphorsaurem Bleioxyd mit Chlorblei. 

Phosphorsäure ist auch im hiesigen Leitungswasser in Spuren vor¬ 
handen, an Reinheit und Weichheit wird das Andernacher vom hiesigen 
übertroffen, es könnte desshalb hiernach mit einem hohen Grade von Wahr¬ 
scheinlichkeit angenommen werden, dass auch die Bleiröhren der hiesigen 
Leitung nach längerer Dienstzeit sich gegen weitere Insulte von Seiten des 
Wassers durch Auskleidung mit jenem unlöslichen Bleisalze schützen. 

Doch dürfte dieser Trost dem Wasser bedürfenden Publicum nicht 
ausreichen, vielmehr ist es Sache der Commune, dem Einzelnen seinen 
Bedarf auch an Wasser in genussfahigem Zustande zu bieten. — Wir haben 
oben gesagt, dass das Blei in hiesigem Wasser nur suspendirt gefunden 
werde und durch Filtration leicht und sicher daraus zu entfernen sei. Ein 
Filter über den Erahnen jeder neuen Hausleitung gesetzt, würde nach Ver¬ 
such III. das Gewünschte leisten, doch machen die damit verbundenen Un¬ 
bequemlichkeiten und Umständlichkeiten dasselbe zum allgemeinen Gebrauche 
ungeeignet. Durchgreifend und für alle der Leitung angeschlossenen 
Wohngebäude das Erforderliche leistend, würde voraussichtlich eine Vor¬ 
richtung sein, welche dem Wasser unserer Leitung die Kohlensäure entzöge, 
bevor es mit derselben an die Bleiröhren heranträte. Unser diesbezüglicher 
Versuch bestätigte die daran geknüpften Erwartungen. 

Versuch VIII. Wir beraubten einer Quantität bleifreien Wassers einer 
älteren hiesigen Leitung eines Theiles seiner Kohlensäure vermittelst Filtration 
durch feingepulverten Marmor (kohlensaurer Kalk), das Filtrat zeigte jetzt 
den Härtegrad 5*5 (gegen 3*5) und enthielt noch in 100 000 Theilen 
1*25 Theile freie Kohlensäure, blieb also weiches Wasser, zeigte aber nach 
248tüudigem Stehen im Bleirohre nur schwachen Bleigehalt; das Filtrat, 


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272 Dr. Pullmann, 

durch Aufkochen auch des letzten Restes von Kohlensäure beraubt und 
unter den uöthigen Cautelen in die Bleiröbre eingefüllt, zeigte nach 24stün- 
digem Stehen keinen Bleigebalt mehr. 

Versuch IX. Auch nachdem wir das bleifreie Leitungswasser durch 
Zusatz von kohlensaurem Kalk auf den Härtegrad 8 brachten, zeigte sich 
(im Gegensatz zu Kersting’s und Napier’s Ansicht) nach 24ständigem 
Stehen in der Bleiröhre das Wasser ohne Bleigehalt. Es ist sonach mehr 
als wahrscheinlich, dass es vermittelst künstlicher Filtereinrichtungen im 
Grossen, welche wohl den Härtegrad unseres Wassers erhöhen, aber dem¬ 
selben noch lange nicht den Charakter des weichen rauben, welche gleich¬ 
zeitig die Farbe unseres Wassers verbessern (indem auch die Thontheilchen 
auf dem Filter bleiben), ohne den Geschmack zu stören, erreicht werden 
kann, dass auch das hiesige Quellwasser - Leitungswasser neue Bleiröhren 
nicht mehr angreift. 

Nur schade, dass das aus dieser Operation resultirende Wasser den 
Zwecken und Wünschen der Industrie nicht mehr entspricht, und wir leben 
hier doch in einer Industriestadt. 


Kommen wir nun zu der eingangs erwähnten Abhandlung Reich ardt’s 
zurück, welche ja überhaupt durch die Bestimmtheit, mit der sie Urtbeile 
ausspricht, die uns nicht bestätigt erscheinen, die Veröffentlichung obiger 
Versuche veranlagte! 

Reichardt sucht Hamon's Angaben über den schädlichen Einfluss 
der Bleiröhren auf das von ihnen geführte Wasser zu entkräften. Eine 
Controle der hierher gehörigen beiderseitigen Angaben würde über den 
Rahmen dieser kleinen Arbeit hinausführen, nur eins sei erwähnt. S. 567 1. c. 
beleuchtet Reichardt das Gutachten Hofmann’s, bezüglich der Bleiver¬ 
giftung in Claremont, die Familie Orleans betreffend, indem er dessen 
eigene Worte anzieht und sagt darauf: „Hier werden demnach Bleiröhren 
und Reservoirs genannt;“ das thut aber Hof mann gar nicht, sondern er 
sagt wörtlich: „L’eau qui traverse de conduites en plomb, ou qui sejourne 
dans des reservoirs de meine metal“ etc., also nicht Bleiröhre und Reservoirs 
gleichzeitig, sondern eins oder das andere genügt nach Hofmann's 
Meinung. 

Was die Reservoirs betrifft, wo der Luftzutritt mitwirkt, so wird deren 
Schädlichkeit nirgends angezweifelt, aber zur Kritik der Harmlosigkeit der 
Bleiröhren zu gedachtem Zwecke möchte ich das Wörtchen „ou“ doch betonen 
und nicht mit „und“ übersetzen. 

S. 568 und 569 theilt Reichardt den Bleigehalt der an verschiedenen 
Orten von verschiedenen Forschern bleihaltig gefundenen Wasser mit und 

rechnet einen solchen heraus, der einem Verhältnis von — 

entspricht, „d. h. um ein Milligramm Blei in Form 


1 


1162 800 


2 083 300 


dieser Lösungen aufzunehmen, müssen 9 bis 20 Liter Wasser genossen 
werden“. 

Bei den oben referirten Gautier’sehen Versuchen fand sich schon, 
wie auch Reichardt S. 569 mittheilt, ein Theil Blei in 769 240, 909 600, 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröhren. 273 

1000 000 Theilen Seinewasser, oder ein Milligramm in 7*7 bis 10 Liter; 
beim Wasser der Vanne 1 mg in 2*2 Liter. 

Reicbardt experimentirte mit Wasser der Jenaer Leitung von 
17*5 Härtegraden und fand, wenn das Wasser ununterbrochen floss, keinen 
Bleigehalt, dagegen bei dem zuerst nach Oeffnung des Hahnes entnommenen 
Wasser (wie lange war der Hahn geschlossen, wie lange diente das Rohr 
schon, wenn es auch die letzten 14 Tage wasserleer war?) 1mg Blei in 
24*3 Liter Wasser. 

Aus einer älteren Leitung entnahm Reichardt Wasser, ohne vorher 
welches abgelassen zu haben (wie lange war der Hahn geschlossen?), und 
konnte Blei nur qualitativ nachweisen. 

Reichardt untersuchte „Wasser aus einer Leipziger Hausleitung, 
Pumpbrunnen, sofort aus einer Bleiröhre entnommen u , und fand bei 5 Liter 
nur qualitativ nachweisbares Blei. Dies Wasser hatte eine Härte von 17*3. 
Nachdem dasselbe Wasser 12 Stunden in der Bleiröhre gestanden, constatirte 
Reichardt 1mg Blei auf 69 Liter Wasser. Bei dem Leipziger Wasser 
betont Reichardt die vom Jenenser Wasser abweichende Zusammensetzung 
in Bezug auf Nitrate etc. Wir erlauben uns, auf das Gemeinsame des 
hohen Härtegrades beider Wässer (17*5 : 17*3) hinzuweisen, den auch 
Gautier, Ghampouillon, Boudet als wesentlich ansprechen. Denselben 
Befund berichtet Reichardt auch bei der Altenburger Leitung, deren 
„Wasser ein dem Ealkgebiete angehörendes härteres ist“. Diese Leitung 
war ziemlich neu und das Resultat 1 mg Blei auf 162 Liter Wasser. 

Aus diesen Ergebnissen dieser Versuche resumirt nun Reichardt: 
„Diese letzten Versuche bestätigen sonach die hier in Jena erhaltenen 
Ergebnisse vollständig, ebenso stimmen auch die mit Wasser aus Leipzig 
erhaltenen in dem Beweise überein, dass die bei geschlossener Leitung 
aufgenommenen Mengen Blei von gar keiner Bedeutung sind und 
sicher ohne jeden Nachtheil genossen, oder mit den Speisen aufgenommen 
und dann auch wieder abgegeben werden können.“ Wenn Reichardt 
dies mit Bezug auf die Jenenser, Leipziger und Altenburger und alle 
harten Wässer sagt, so kann ich das Gegentheil nicht beweisen, wenn 
dieser Satz aber allgemeine Gültigkeit beansprucht, so muss ich, gestützt 
auf meine eigenen Versuche und Beobachtungen in der Praxis, energisch 
dagegen protestiren, denn wenn auch das Wasser von Jena und Leipzig 
in Bezug auf Nitrate und „im bewohnten Boden vorkommende Verun¬ 
reinigungen“ differirt, so sind dies doch nicht die einzigen und mit Bezug 
auf unser Thema wesentlichen Componenten. 

Steiner’s hohe Zahlen von Bleigehalt im Wasser fallen Reichardt 
auf, die Versuche mit hiesigem Wasser bestätigen aber diese Zahlen voll¬ 
kommen. Das Gemeinsame beider Wässer (der Budapester und der hiesigen 
Leitung) ist der geringe Härtegrad und das Verhältnis der freien Kohlen¬ 
säure, ein Verhältnis, das ja auch von Gautier, Clemenz, Reichardt, 
Wiel als wesentlich bezeichnet wurde. 

Beide Wässer sind in ihrer Analyse wesentlich verschieden von dem 
Wasser, welches Reichardt und Andere zu ihren Versuchen benutzten; 
wenn nun die Bedingungen sich ändern, warum soll es erstaunlich sein, 
dass auch der Effect des Experimentes ein anderer wird? Die Wässer, die 

Vicrtcljaliraschrift für Gesundheitspflege, 1887. jg 


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274 


Dr. Pullmami, 

sich Blei gegenüber als inoffensiv erwiesen (die Reichardt’sehen Brunnen, 
Spree, Havel, Themse, Seine, Dhuis, Vanne), besitzen theils hohen, theils 
sehr hohen Gehalt an Kalk- nnd anderen Salzen, das Wasser der Moldau 
und der hiesigen Leitung sind weiche Wässer, letzteres auf einen mittleren 
Härtegrad gebracht und der freien Kohlensäure beraubt, wird Bleiröhren 
gegenüber indifferent, folglich bedingen die freie Kohlensäure und die Armuth 
an ErdBalzen die Angriffsfähigkeit unseres Wassers gegenüber den Bleiröhren. 

Seite 574 1. c. sagt nun Re ich ard t: „Es ist sehr schwer, Versuche 
Anderer auf die eigenen zu übertragen, da die Umstände örtlich zu ver¬ 
schieden sein können.“ Ich bin damit einverstanden, würde sogar noch 
weiter gehen und sagen, es ist dies ganz unstatthaft und falsch, denn „die 
Umstände“ — hier das Wasser — sind örtlich höchst verschieden, aber 
ich begreife nach dieser Resignation nicht, wie Reichardt auf der folgenden 
Seite Hamon zumuthen kann, dass dieser trotz der örtlich verschiedenen 
Umstände bei seinen Versuchen zu den Schlussfolgerungen hätte kommen 
müssen, „dass geschlossene Bleirohrleitungen nur minimale, nicht zu be¬ 
anstandende Mengen Blei an das Wasser abgeben und hierauf die zahlreich 
beobachteten Bleivergiftungsfälle sich nicht beziehen können“. 

Und weiter unten „gerade die von Hamon mit vorgeführten Unter¬ 
suchungen bestätigen die bekannte Thatsache, dass bei geschlossener Leitung 
Bleiröhren ohne Bedeuken zur Wasserleitung gebraucht werden können“. 

Ich erlaube mir nach meinen Erfahrungen in der ärztlichen Praxis 
und gestützt auf meine Versuche zu behaupten, dass dies durchaus keine 
Thatsache, vielmehr eine Täuschung, dass es vielmehr erforderlich 
ist, bei jeder zu installirenden Leitung vor deren Inbetrieb¬ 
setzung das WasBer zu analysiren und (besonders, wenn es 
weiches ist) sein Verhalten auf Bleirohr experimentell zu 
constatiren und dann dem consumirenden Publicum die Er¬ 
gebnisse und die daraus zu folgernden Maassnahmen resp. 
Vorsichtsmaassregeln mitzutheilen. 

Wenn Graham und Calvert für unschädliches Trinkwasser 0*7ing Blei 
im Liter zulassen wollen, so ist das ihre ganz individuelle Ansicht, die kein 
Arzt theilen dürfte, oder können uns die beiden Herren vielleicht sagen, 
wie viel Zehntel Milligramm Blei der Mensch in den verschiedenen Lagen 
und Perioden des Lebens durch seine Nieren regelmässig täglich ausscheiden 
kann und auf Wunsch ausscheiden muss? Dass Blei eine cumulative 
Wirkung ausübt, ist bekannt, und die Ablagerung von Blei in menschlichen 
Organen nachgewiesen. Der blaugraue Saum von Bleialbuminat an den 
Zahnfleischrändern, die Verfärbung der Hautdecken bei Bleikranken sind 
tägliche Beobachtungen. 

Gr eh aut wies in den blauen Lippen Schwefelblei nach. 

Troisier und Lagrange fanden Blei in einem Gehirne, nachdem 
dessen Besitzer x / 2 Jahr vorher sich der Schädlichkeit entzogen. Das lang¬ 
same Schwinden der Bleisymptome und die träge Reconvalescenz der 
Patienten deuten allgemein auf sehr allmälige Ausscheidung des toxischen 
Metalls, und die Beobachtung in der Praxis beweist ein ganz verschiedenes 
Verhalten gegen Blei bei den verschiedenen Geschlechtern und Entwickelungs¬ 
stufen des Menschen. 


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Verunreinigung des Wassers durch bleierne Leitungsröhren. 275 

Wenn also bei Aufnahme von Blei in den menschlichen Körper die 
Ausscheidung desselben nicht gleichen Schritt hält, so muss sich doch bei 
länger fortgesetzter Aufnahme allmälig ein toxisch wirkendes Quantum 
ansammeln, selbst wenn die von Graham und Calvert beliebte untere 
Grenze noch um eine ganze Decimalstelle vermindert würde. Es handelt 
sich in unserer Frage durchaus nicht darum, wie viel Blei geht aus den 
Bleiröhren auf das geführte Wasser über, sondern geht überhaupt solches 
über, und in letzterem Falle ist es Pflicht, die Consumenten auf die ihnen 
drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Natürlich sehe ich dabei ab von 
einem Gehalte an Blei in jenen minimalen Spuren, wie sie Mayencon und 
Bergeret noch elektrolytisch nachzuweisen suchten, und der ihrer Erfahrung 
nach für die Consumenten irrelevant war, sonst müssten wir schliesslich 
auch noch das Kupfer in Betracht ziehen, das sich durch den Ausflusshahn 
dem Wasser mittheilt und auf demselben Wege noch nachweisbar ist. Wir 
capricirten uns desshalb auoh bei unseren Versuchen nicht darauf nachzu¬ 
weisen, wie viel Blei übergeht, sondern darauf, dass Blei übergeht in einem 
Quantum, wie es durch Schwefelwasserstoffgas leicht, gleichsam makroskopisch, 
nachweisbar ist; ein Quantum, dem wir eben toxische Wirkungen Zutrauen 
müssen, so lange bis uns das Gegentheil bewiesen wird. 

Dürfen wir nun das Ergebniss unserer Studie resumiren, so kommen 
wir zu folgenden Thesen: 

1. Bleiröhren verhalten sich gegen verschiedene durch sie geleitete 
Wässer verschieden. 

2. Geschwefelte und ungeschwefelte Röhren differiren nicht wesentlich 
in ihrem Verhalten gegen das eingeleitete Wasser. 

3. Der Druck, unter dem das Wasser in der Leitung steht, beeinflusst 

nicht dessen Verhalten gegen Blei. * 

4. Hohe Härtegrade des Leitungswassers schützen das Bleirohr vor 
stärkeren Insulten. 

5. Ein Gehalt an freier Kohlensäure, sowie niedriger Härtegrad 
(unter VIII.) des Wassers unterstützen dessen agressives Verhalten 
dem bleiernen Leitungsmaterial gegenüber. 

6. Es sollte desshalb in allen Fällen von Installirung einer Leitung von 
GenusBwasser dessen Verhalten zu den event. beliebten Bleiröhren 
geprüft und die daraus zu folgernden Schlüsse dem consumirenden 
Publicum bekannt gegeben werden. 

7. Längere Benutzung (6 Monate) macht die Bleiröhren auch gegen 
weiches und kohlensäurehaltiges Wasser unempfindlich. 

8. Durch einfaches, ununterbrochenes Passiren einer Bleiröhre erwirbt 
das Wasser keine toxischen Eigenschaften. 

9. Bei den meist cumulativ sich äussernden Folgen von Bleiintoxication 
scheint es unstatthaft, für ein Trinkwasser einen unteren Grenzwerth 
zulässigen Bleigehaltes festzusetzen, vielmehr ist alles Wasser vom 
Genüsse auszuschliessen, welches so viel Blei enthält, dass solches 
durch Schwefelwasserstoff 1 nachweisbar wird. 


18 * 


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27C 


Dr. M. Schulz, 


Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung 

aus dem König]. Impf'Institute zu Berlin. 

Von Dr. M. Schulz. 


Während in manchen anderen deutschen Städten die öffentlichen 
Impfungen in der Hanptsache mit animaler Lymphe ausgefährt werden, ist 
die Verwendung dieses Impfstoffes zu gleichem Zwecke in Berlin bisher 
immer nur eine vereinzelte gewesen. Eine tiefer gehende Abneigung gegen 
die Menschenlymphe besteht hier unter denjenigen Classen, welche von den 
öffentlichen Impfungen Gebrauch machen, nicht; das Verlangen nach animaler 
Vacoination ist mehr unter den besser Situirten verbreitet und desshalb 
waren es bisher auch hauptsächlich Privatärzte, welche sich derselben be¬ 
dienten. Die öffentlichen Impfärzte finden im Allgemeinen bei der Lymph- 
abnahme wenig Widerstand und sind somit in der Lage, sich ein präcise 
wirkendes Material ohne besondere Unbequemlichkeiten zu verschaffen. 
Auch bestand hier bisher kein öffentliches Institut, welches in der Lage 
gewesen wäre, ihnen ihren ganzen Bedarf an Thierlymphe zu liefern. Dem 
Königl. Impf-Institut hierselbst sind seit 1881 fortlaufend Gelder zur Er¬ 
zeugung von solcher Lymphe gewährt worden, und es sind in dieser Be¬ 
ziehung auch zahlreiche Versuche angestellt, von welchen in den Generäl¬ 
berichten über das Sanitäts- und Medicinalwesen der Stadt Berlin aus den 
Jahren 1881 und 1882 ausführlichere Mittheilungen gemacht ist, die auch 
in den Uebersichten über die Thätigkeit der preussischen Impf-Institute in 
Eulenberg’s Vierteljahrsschrift Nr. 42, Heft 1 u. Nr. 43, Heft 2 erwähnt sind. 

Ein Versuch aber, die animale Impfung in den öffentlichen Terminen 
der Königl. Impfanstalt in weiterer Ausdehnung zur Ausführung zu bringen, 
ist in früherer Zeit nicht gemacht worden. Es geschah dies im Sommer 
1885 zum ersten Male. Nachdem von Mitte Juni bis Ende Juli zum Zwecke 
der Information und der Erlernung der Technik die Vaccinationen der 
Erstimpflinge an einem Arme mit humanisirter, am anderen Arme mit 
animaler Lymphe vollzogen waren, wurden von August bis Ende des Jahres 
die sämmtlichen Impfungen und Wiederimpfungen mit animaler Lymphe 
ausgeführt. Es gelangten in dieser Zeit 959 Erstimpflinge mit 98 Proc. 
personellem und 68 Proc. Schnitterfolg zur Ausführung. — Bei 738 Wieder¬ 
impfungen war der personelle Erfolg 82 Proc., Scbnitterfolg 50 Proc. Es 
wurden 1885 450 Röhrchen zu je 7 Impfungen an andere Aerzte ab¬ 
gegeben, von denen diejenigen, welche über ihre Resultate einen übersicht¬ 
lichen Bericht einschickten, 511 junge Kinder mit 99 Proc. personellem und 
75 Proc. Schnitt erfolg impften, und 337 Schulkinder mit 97 Proc. personellem 
und 70 Proc. Schnitterfolg revaccinirten. 


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277 


Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung. 

Die Impfmethode, welche hier geübt und auch anderen Aerzten em¬ 
pfohlen wurde, besteht bei Erstimpfungen und bei Wiederimpfungen mit 
ganz frischer Lymphe in einfachen flachen Längsschnitten mit nachherigem 
Einstreichen des Impfstoffes in die Wunden, bei Wiederimpfungen und 
etwas älterer Lymphe in Kritzelschnitten. 

Der verwendete Impfstoff war im Kuhstalle der Königl. Thierarznei- 
schule gewonnen. Es ist dies ein grosser für das Mustervieh der Anstalt 
bestimmter Raum, der im Winter nicht geheizt wird, aber doch eine behag¬ 
liche Temperatur zeigt, im Sommer hingegen sehr warm ist. 

Die Kosten der Lympheerzeugung sind in Berlin ziemlich hoch. Das 
Leihgeld für das Thier, Ernähren, Abwarten und Rasiren beträgt jedesmal 
etwa 50 Mark. Dabei fällt der Umstand ins Gewicht, dass der Viehmarkt, 
auf welchem der Lieferant die Thiere allein beschaffen kann, sich auf dem 
von der Thierarzneischule fern gelegenen Viehhof befindet, dass also die 
Thiere zum Impfen nach der Stadt gebracht und zum Schlachten nach dem 
Viehhofe zurück transportirt werden müssen. Die Umständlichkeiten und 
höheren Kosten, welche mit diesen Verhältnissen verknüpft sind, lassen cs 
in hohem Grade wünschenswerth erscheinen, dass ein in grösserer Aus¬ 
dehnung einzurichtendes Impf-Institut auf dem Viehhofe oder in der Nähe 
desselben angelegt würde. Im Allgemeinen soll damit einer Verbindung 
zwischen Schlachthof und Kälberimpfanstalt nicht das Wort geredet werden. 
Die Frage muss eben für andere Orte in jedem einzelnen Falle nach den 
localen Verhältnissen und Einrichtungen entschieden werden. 

Der hier erzeugte Impfstoff war vorwiegend Retrovaccine, welche durch 
Flächenculturen mittelst vieler sich nach allen Richtungen durchkreuzender 
Schnitte gewonnen wurde. Die einzelnen Impfwunden wurden ziemlich tief 
angelegt; die Abnahme erfolgte nach 5 X 24 Stunden mit dem Kücheu- 
messer resp. Blechlöffel. Gereinigt wurde die Fläche sehr genau mit Wasser 
und Seife. 

Bei den tieferen Impfschnitten, die hier im Allgemeinen gemacht wurden, 
liess sich die Lymphe nur in der oberen Schicht blutfrei abnehmen, der den 
tieferen Schichten entnommene Impfstoff enthielt aber Blut und auch ein¬ 
zelne kleine Gewebstheilchen der Lederhaut. Der Blutfarbstoff konnte 
unbeschadet der Wirksamkeit der Lymphe mit erkaltetem, vorher gekochtem, 
destillirtem Wasser ausgezogen werden. Es ist dies aber durchaus nicht 
nöthig und er wurde in der übergrossen Mehrzahl der Fälle in der Lymphe 
belassen. Von den gebräuchlichen Präparaten wurde ausschliesslich die 
Glycerinemulsion verwendet. Man hat nun gewisse Bedenken gegen den 
den Flächenculturen entstammenden Impfstoff geäussert, die namentlich 
darin bestehen, dass dem ausgeschabten Materiale eine grössere Menge von 
thierischen Substanzen beigemengt wäre, als bei der Impfung einzelner 
Pocken. Diese Substanz sollte nun die Fäulnissfähigkeit der Lymphe ver¬ 
mehren, andererseits aber durch ihre Anwesenheit die relative Menge des 
in einem Quantum enthaltenen wirksamen Stoffes vermindern und so die 
Wirksamkeit der Lymphe herabsetzen. 

Diese Gefahren sind in der Praxis nicht vorhanden. Eine Fäulniss 
des mit Glycerin vermischten Impfstoffes tritt nicht ein. Es wurde hier ein 
Quantum präparirter bluthaltiger Emulsion während des Sommers vier 


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278 


Dr. M. Schulz, 

Wochen offen in eine Stube gestellt, ohne irgend welche Fäulnisserscheinungen 
zu zeigen. In Capillaren wurde bluthaltige Lymphe über ein Jahr auf¬ 
gehoben, war nach dieser Zeit noch unzersetzt, hatte ihre Farbe bewahrt 
und zeigte noch eine — wenn auch geringe — Wirksamkeit. Manchmal 
trocknet der Stoff in den Capillaren etwas ein, behält aber seine Brauchbar¬ 
keit längere Zeit. Nur in einzelnen schlecht verschlossenen Röhrchen zeigt 
sich auf der offenen Seite beginnend eine grünliche Verfärbung der Flüssig¬ 
keit, die ins Braune übergeht und sich nach und nach auf den ganzen 
Inhalt verbreitet. Die so veränderte Lymphe zeigt zwar keinen Fäulniss- 
geruch, die Farbe entstammt somit wohl einer blossen chemischen Ver¬ 
änderung des Blutfarbstoffes; wir haben dieselbe aber nicht verwendet. 

Was noch die Haltbarkeit der Lymphe Temperatureinflüssen gegenüber 
anbetrifft, so zeigt sich dieselbe, so lange sie nicht gerade der Sonne aus¬ 
gesetzt wird, bei der hiesigen Sommerwärme wochenlang gut wirksam. Da 
bei der Versendung im Winter auch Kältetemperaturen auf den Stoff ein¬ 
wirken, so haben wir wiederholt Röhrchen während der kalten Zeit 24 Stunden 
ins Freie gelegt. Das Tagesminimum betrug bei dem Auslegen 7°C., doch 
hatte diese Temperatur keinen schädigenden Einfluss auf die Wirksamkeit 
der Lymphe. 

Für Erstimpfungen ist also die Brauchbarkeit des Stoffes wochenlang 
die gleiche. Nur wurde hier bemerkt, dass die einfache Schnittmethode bei 
Wiederimpfungen nur bei ganz frischer Lymphe, bis etwa zu 10 Tagen, 
gute Resultate ergab; nach dieser Zeit musste der Kritzelschnitt eintreten, 
um den Erfolg auf gleicher Höhe zu erhalten. Derselbe dürfte aber kein 
besonderes Hinderniss für die öffentlichen Impfungen sein, da die Kritzel¬ 
methode für ein Kind bei einiger Uebung nur etwa Vj Minute in Anspruch 
nimmt; bei Erstimpflingen ist er freilich nicht in den öffentlichen Terminen 
verwendbar. 

Das Aussehen der bluthaltigen dicken Emulsion findet bei einzelnen 
Aerzten, welche an die klare, durchsichtige Beschaffenheit der humanisirten 
Lymphe gewöhnt sind, noch Anstoss, doch ist das Auf hören dieser Ab¬ 
neigung nur eine Frage der Zeit. 

Die Beimischung organischer Substanz ist auch bei der Flächencultur 
nur eine unerhebliche. Selbst der aus den tieferen Schichten herausgeschabte 
Theil des Impfstoffes zeigt eine weisslich rothe Färbung. Wird er aber 
nachher mit Glycerin verrieben, so tritt durch die stark röthende Wirkung 
des mit Glycerin vermischten Blutes eine Färbung ein, welche den wirk¬ 
lichen Gehalt an organischer Substanz stark überschätzen lässt. 

Sind im Ganzen auch die Erfolge der animalen Impfungen als relativ 
günstig zu bezeichnen, so erschwert doch ihre Einführung die eigentliche 
Aufgabe des hiesigen Institutes — nämlich die Production humanisirter 
Lymphe — in hohem Grade. Am 7. Tage, an welchem hier die Abimpfungen 
erfolgen, sind die aus Kälberlymphe erzeugten Blattern oft unentwickelt 
und klein, sie ergeben daher nur einen geringen Ertrag. Hierzu kommt 
noch, dass der Schnitterfolg bei animaler Vaccination hinter demjenigen der 
Impfung mit Menschenlymphe, der fast unwandelbar 100 Proc. beträgt, 
zurückbleibt. 


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279 


Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung. 

Ungeachtet dieser Schwierigkeiten gelang es während des Jahres 1885, 
das nöthige Lymphequantum trotz animaler Impfung zu beschaffen und 
ausserdem noch so viel Stoff zu gewinnen, wie er zu den unten zu erwähnen¬ 
den Culturversuchen nöthig war. 

Als aber zum Beginne der diesjährigen Impfperiode die Bundesraths¬ 
beschlüsse vom 18. Juni 1885 Gültigkeit erlangt hatten, als mit diesen 
sämmtliche erstgeborenen Kinder von der Abimpfung ausgeschlossen wurden, 
als ferner die Bestimmung beachtet werden musste, nach der bei jedem 
Kinde zwei Blattern uneröffnet bleiben sollen, war es unmöglich, durch 
animale Impfung dasjenige Quantum an Menschenlymphe zu gewinnen,* 
welches trotz der grösseren Verbreitung der Thierlymphe in der Provinz 
noch von dem hiesigen Institute beschafft werden muss. Auch bei einer 
grösseren Zahl von Impflingen kann man nicht mit Sicherheit mehr darauf 
rechnen, dass man in jedem Impftermine bei animaler Vaccination wirklich 
Lymphe gewinnt. Wenn der Zufall es mit sich bringt, dass bei den ver¬ 
einzelten Kindern, die jetzt noch zur Lympheentnahme ausgewählt werden 
können, sich Blattern in geringerer Zahl und Ausdehnung entwickelt haben, 
so geschieht es, dass eine Ausbeute ganz ausbleibt. Auch ist es nicht leicht, 
namentlich bei unruhigen Kindern, den Impfstoff der kleinen Blattern ganz 
blutfrei zu entnehmen und, da in Preussen das Mischen der Menschenlymphe 
neuerdings verboten wurde, hatte man meist kleine Quantitäten derselben 
zu verarbeiten, aus denen das Blut nur schwierig zu entfernen ist. Wir 
haben uns unter diesen Umständen schliesslich immer so geholfen, dass wir 
die jedem einzelnen Kinde entnommene Vaccine mit Glycerin gründlich ver¬ 
mischten und sie in Capillaren füllten, welche dann verschlossen genau 
senkrecht aufgestellt wurden. Hierdurch sinkt das Blut in den unteren 
Theil des Röhrchens hinab, den man ganz einfach abbricht. Alsdann erhält 
die Capillare einen mikroskopisch vollkommen blutfreien Impfstoff, wie er 
den Beschlüssen der Impfcommission entspricht. Um nun das zur Ausgabe 
nöthige Quantum von Menschenlymphe zu erhalten, verfahren wir jetzt so, 
dass wir am Impftage schon diejenigen Kinder, welche sich zur Abnahme 
des Stoffes eignen, aussuchen und mit humanisirter Lymphe impfen, während 
bei den anderen Kindern animale Vaccination stattfindet. — Aehnliche 
Schwierigkeiten werden aber auch für ein Thierlympheerzeuguugs-Institut 
nicht ganz ausbleiben, wenn die Kälberimpfung allgemein eingeführt sein 
wird. Man wird, da die Fortpflanzung der animalen Lymphe von Thier zu 
Thier nicht in allen Fällen gelingt, nicht ohne Erzeugung von Retrovaccine, 
also auch nicht ohne die Gewinnung von Menschenlymphe, auskommen. Da 
im Durchschnitt auf 30 Impflinge ein Kind kommt, von welchem Lymphe 
abgenommen werden kann, andererseits aber die Lymphe von 3 bis 4 Kindern 
zu einem Kalbe gebraucht wird, so würde man, um Retrovaccine für 1000 
bis 1500 Personen, welchen Ertrag man auf ein Kalb rechnen kann, zu 
erzeugen, etwa 100 Impflinge haben müssen. Es würden also der Stadt 
Berlin, in welcher ca. 50000 Kinder jährlich zur Impfung gelangen, allein 
eine Auswahl unter 3000 Erstimpflingen zu Gebote stehen müssen, um die 
nöthige Menge von Retrovaccine zu gewinnen. Der Bedarf für die ganze 
Provinz ist aber ein noch ungleich grösserer und würde unter den gegen¬ 
wärtigen Verhältnissen vom hiesigen Institute nicht beschafft werden können. 


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280 


Dr. M. Schulz, 

Es wird demnach nichts übrig bleiben als einen anderen Weg einzuschlagen. 
Es sind hier zwar keine fortlaufenden Versuche der Verimpfung von Kalb 
zu Kalb gemacht worden, aber unsere Experimente haben immer das gleiche 
Resultat ergeben, dass frische Retrovaccine auf Kälber verimpft guten Er¬ 
trag giebt. Wenn man nun die gewonnene Retrovaccine nicht zu den 
Menschenimpfungen ausgiebt, sondern sie nur zur Erzeugung derjenigen 
Kälberlymphe benutzt, welche zur Ausgabe gelangen soll, so wird man 
voraussichtlich die vorhandenen Schwierigkeiten umgehen können. Freilich 
muss auch den Impfinstituten immer ein möglichst grosser Impfbezirk zu 
Gebote gestellt werden. 


Vom Herbste 1885 an bis zum September 1886 wurden hierselbst 
eine Reihe von Versuchen gemacht, welche die Herstellung einer reinen, 
d. h. von fremdartigen Bacterien freien Lymphe zum Zwecke hatten. Sie 
wurden auf Anregung des Herrn Prof. Koch begonnen und im Anfänge 
unter seiner persönlichen Mitwirkung durchgeführt, später hatte Herr Stabs¬ 
arzt Plagge die Güte, denselben theilweise beizuwohnen und die Probe- 
culturen zu machen. Es ist schon in früherer Zeit vielfach der naheliegende 
Gedanke ausgeführt worden, die Impffläche durch Verbände vor Ver¬ 
unreinigungen zu schützen. Dieses Bestreben erfuhr einen neuen Auf¬ 
schwung, nachdem man durch das Platten verfahren gelernt hatte, die animale 
Lymphe zu analysiren und in ihr grosse Mengen der verschiedenartigsten 
Keime vorfand, die auch sowohl in der Luft der Kuhställe wie auch auf dem 
Haare der Rinder vorhanden waren. Es ist jedenfalls eine grosse Zahl von 
Versuchen nach dieser Richtung hin gemacht, aber nachher wegen ihrer 
Resultatlosigkeit aufgegeben. Andererseits liegt aber auch ein dringendes, 
praktisches Bedürfniss, diese Frage zu lösen, nicht vor, da erfahrungsgemäss 
auch die stark keimhaltige Lymphe ohne Schaden verimpft wird. 

Die Aufgabe, eine reine Lymphe auf Kälbern zu erzeugen, ist eine sehr 
complicirte und hat Vorbedingungen, welche theilweise zur Zeit noch als 
unerfüllbar betrachtet werden müssen. 

Die auf die Impffläche des Kalbes übertragenen Pilzkeime entstammen 
zunächst der Lymphe, welche als Aussaatsmaterial benutzt wird, ferner dem 
Kalbe selbst, dann den Instrumenten, Händen etc. des Impfenden und end¬ 
lich der Luft des Impfstalles, aus der sie nicht nur während der ganzen 
langen Zeit der Operation, sondern auch nachher auf die beschickte Fläche 
fallen. Es ist nun hier versucht worden, diese Fragen in Versuchen zu 
prüfen. 

Der verwendete Impfstoff soll rein, d. h. frei von solchen Keimen sein, 
welche nicht unbedingt zur Erzeugung der Blattern nothwendig sind. Da 
aber Reinculturen der Vaccine bisher noch nicht erzeugt werden konnten, 
so bleibt nichts anderes übrig, als den Versuch zu machen, auf Umwegen zu 
einem reinen Impfstoffe zu gelangen. Im Gegensätze zur animalen Vaccine, 
welche — wie oben erwähnt — meist viele fremde Pilzkeime enthält, zeigt 
die Kinderlymphe bekanntlich ein sehr verschiedenartiges Verhalten. 
Manchmal findet man bei Gelatineplatten-Culturen, dass sich aus der aus- 
gesäeten Menschenlyraphe viele Colonieen entwickeln, in anderen Fällen 


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Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung. 

erweist sich eine bei der Impfung sehr wirksame Lymphe auf Gelatine fast 
keimfrei. Schon dieser Umstand lässt nur die Annahme zu, dass der eigent¬ 
lich wirksame Keim der Menschenlymphe auf der gewöhnlichen Fleisch¬ 
peptongelatine und bei gewöhnlicher Temperatur nicht wächst. Es wurde 
von mir nun der Versuch gemacht, diesen Umstand zur Ausschaltung von 
verunreinigenden Pilzkeimen aus der Menschenlymphe zu benutzen. Grössere 
Mengen derselben wurden in relativ kleinen Quantitäten von Gelatine aus- 
gesäet und zur Auskeimung gebracht. Die Stellen der Gelatineplatten, auf 
welchen sich Golonieen entwickelten, wurden täglich mit ausgeglühten In¬ 
strumenten entfernt, so dass nach etwa 8 Tagen nur diejenigen Theile der 
Gelatine übrig blieben, auf denen keine Keime ausgewachsen waren. Diese 
wurden noch einmal mit dem Mikroskop durchmustert, um alle auch die 
kleinsten Colonieen aufzufinden und dann der rein gebliebene Nährboden 
zur Impfung verwendet. Man muss aber, weil viele Platten durch Ver¬ 
flüssigen der Colonieen zu Grunde gehen, sehr viele derartige Aussaaten 
machen, um ein Resultat zu haben, und somit bedarf man sehr grosser 
Mengen von Lymphe, welche tadellosen Kindern entstammt und welche man 
weiter verimpfon kann. Günstiger sind die Verhältnisse bei Benutzung von 
Agar-Agar. Dasselbe wird durch Keime in geringerem Maasse verflüssigt, 
auch schrumpft es beim Eintrocknen nachher zu einem feinen Häutchen 
zusammen, welches dann das wirksame Agens in einem relativ concentrirteren 
Verhältnisse enthält als die Gelatine, welche sich beim Trocknen weniger 
zusammenzieht. Freilich macht Agar-Agar nachher Schwierigkeiten beim 
Zerkleinern dieses Häutchens. Das so erzeugte Impfmaterial ist auf Menschen 
mittelst der Kritzelung und auch auf Thiere verimpft worden. Es trat 
dabei einzelne Male wirklich Blatternbildung ein, doch geschah dies nur in 
der grossen Minderzahl der Fälle. Dies erklärt sich aus der hochgradigen 
Verdünnung, welche die Lymphe in der Gelatine erfahrt. Die grosse Menge 
disponiblen Impfstoffes, deren man zu solchen Versuchen bedarf, hat später 
nicht beschafft werden können, demnach sind dieselben zunächst noch nicht 
wiederholt worden. Sollte sich aber bei ferneren Versuchen die Brauchbar¬ 
keit des Verfahrens bestätigen, so würde man ein Impfmaterial gewinnen, 
welches wenigstens frei von denjenigen Bacterien ist, die auf Gelatine 
wachsen. Diese Versuche sind ausschliesslich mit humanisirter, nicht aber 
mit animaler Lymphe gemacht worden. 

Es wird aber — wie oben erwähnt ist — stark mit Pilzkeimen ver¬ 
mischte Kälberlymphe erfahrungsgemäss ohne Schaden verimpft. Praktisch 
würde es demnächst darauf ankommen, hauptsächlich die wirklich schäd¬ 
lichen Keime aus dem Impfstoffe auszuschliessen. Da durch Auswahl der 
Stammimpflinge und der Impfkälber die meisten dieser Schädlichkeiten zu 
vermeiden sind, so handelt es sich noch in der Hauptsache um die Keime des 
Rothlaufes und der Wundkrankheiten. Wenn man einem Kinde, das an 
keiner dieser Krankheiten vor der Abimpfung litt und auch nach derselben 
nicht daran erkrankt ist, die reifen Pusteln an ihrer Oberfläche sorgsam 
durch Befeuchten mit Sublimatlösung durchtränkt, den hervorqnellenden 
Impfstoff, der nach hiesigen Erfahrungen trotz der Desinfection wirksam 
bleibt, sofort in erhitzt gewesene Capillaren anfnimmt, so kann man, sofern 
wirklich das Sublimat die Oberfläche vollkommen desinficirt, annehmen, dass 


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282 Dr. M. Schulz, 

man ein Aussaatsmaterial zur Impfung gewinnt, welches frei von schädlichen 
Pilzkeimen ist. 

Die Verunreinigungen, welche die ausgesäete Lymphe erfahren kann, 
finden sich zuerst auf dem Kalbe selbst. Demnach wird das Thier einem 
sorgfältigen ReinigungsproceBse unterzogen werden müssen. Die weitere 
Umgebung der rasirten Fläche wird mit Wasser und Seife gründlich ge¬ 
waschen und die feuchten Stellen mit 1 pro Mille Sublimatlösung durch¬ 
trankt. Die Impffläche selbst kann man, wie ein auf Veranlassung des 
Herrn Prof. Koch angestellter Versuch zeigte, mit einer starken Sublimat¬ 
lösung befeuchten, die Flüssigkeit eintrocknen lassen und nachher mit vollem 
Erfolgo mit Lymphe beschicken. Für den übrigen Theil der Kalbshaut ist 
es Hauptsache, dass dieselbe während des Impfprocesses feucht gehalten 
wird, alsdann kann sich aus ihr kein Staub erzeugen und die Wunde inüciren 
Selbstverständlich ist es, dasB die Hände des Operateurs sowie die Instru¬ 
mente gereinigt und desinficirt werden. 

Die Procedur der Flächenimpfung ist von sehr langer Dauer, da eine 
Person etwa 1 1 / 2 Stunden auf dieselbe verwenden muss und es fällt während 
dieser Zeit natürlich eine grosse Menge von Keimen aus der Luft auf die 
vorher desinficirte Fläche nieder. Demnach wäre es zunächst nothwendig, 
diese Schädlichkeit durch Auswahl eines möglichst staubfreien Raumes zu 
verringern. Für Impfungen würden sich demnach Localitäten eignen, welche 
Terrazzofussböden, geölte Wände und Decken haben und ebenso wie die 
Ovariotomienzimmer der Frauenkliniken nur die nothwendigsten Gebrauchs¬ 
gegenstände enthalten. 

Auch auf die Abkürzung der zum Impfen noth wendigen Zeit muss 
Bedacht genommen werden. Nach dieser Seite hin sind hier mehrfach Ver¬ 
suche gemacht worden, die Schnittmethode durch Aufkratzen der Impffläche 
mittelst eines scharfen Löffels zu ersetzen und dann den Impfstoff auf die 
wund gemachte Fläche zu bringen. In einzelnen Fällen, namentlich dann, 
wenn die Kratzwunden oberflächlich waren und strichweise neben einander 
lagen, ward auch hier Erfolg erzielt. Es entwickelten sich reichliche aber 
zerstreut liegende Blattern, welche freilich mit den dicht besäeten Blattern¬ 
flächen, die die Schnittimpfung erzeugt, an Ertragsfähigkeit nicht zu ver¬ 
gleichen waren. Vielleicht ist es möglich, durch weitere Erfahrung, event. 
durch eine Aenderung der Instrumente, auch nach dieser Richtung hin 
besseren Erfolg zu erzielen. Es würde jedenfalls durch solche Kratzmethode 
erreicht werden, dass die ganze Impfung einer grossen Fläche auf etwa 
15 Minuten reducirt wird. Die Impfzeit aber derartig abzukürzen und einen 
so staubfreien Raum herzustellen, dass gar keine Keime auf die Fläche 
niederfallen, ist unmöglich. Es wurde aus diesem Grunde folgendes Ver¬ 
fahren versucht: die Bauchfläche ward mit den geglühten aber mit Lymphe 
nicht benetzten Instrumenten zuerst vollkommen scarificirt. Alsdann wurde 
die wunde Fläche gründlich mit 1 pro Mille Sublimatlösung gereinigt. 
Das Desinfectionsmittel ward mit destillirtem Wasser abgespült oder mit 
trockener, sterilisirter Watte gründlich abgewischt. Endlich wurde die 
Lymphe mit einem Glasstabe genau aber schnell in die Fläche eingerieben, 
und diese dann mit einem undurchlässigen vorher desinflcirten Stoffe be¬ 
deckt. Auf den Erfolg der Impfung ist dies Verfahren, wie eine ganze 


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Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung. 

Reihe von Versuchen ergeben hat, ohne Einfluss. Die Blatternbildnng erfolgt 
nachher in durchaus befriedigender Weise. Nur einmal wurde bei sehr 
ausgiebiger Anwendung des Desinfectionsmaterials, bei der die scarificirte 
Fläche fortwährend unter Sublimat gehalten wnrde, ein Ausfall der Impfung 
constatirt. Doch ist hier auch nicht ausgeschlossen, dass das bezügliche 
Thier überhaupt immun gegen den Blatternstoff gewesen sei. Ob dieses 
Verfahren den Erfolg hat, in Wirklichkeit die Fläche bis zur Anlegung des 
Verbandet vor den auffallenden Keimen zu schützen, hängt wesentlich von 
der desinficirenden Wirkung der Sublimatlösung ab. Es wurden daher, um 
dieselbe unter den gegebenen Verhältnissen zu prüfen, Theile der Fläche 
mit Menschenlymphe geimpft und nachher mit Sublimatlösung ausgewaschen. 
In einem Falle blieb die Impfang an einer solchen Stelle erfolglos, obwohl 
der verwendete Impfstoff sonst vollkommen wirksam war. In einem anderen 
Falle wurde die mit Lymphe geimpfte Fläche genau mit Sublimatlösung 
gereinigt und dann mit derselben noch überspült. Mit einer geglühten 
Platinnadel wurden gleich nachher Theile der in den kleinen Impfschnitten 
stehenden Flüssigkeit entnommen und in Gelatine geimpft. Es entwickelte 
sich an dem Impfstiche des Reagenzgläschens eine ganze Reihe von kleinen 
Colonieen, auch gingen die Blattern auf der geimpften Stelle fort. Hieraus 
ergiebt sich, dass eine sichere Desinfcction in der angegebenen Weise nicht 
mit Sublimat erzielt wird und es muss anerkannt werden, dass ein Ver¬ 
fahren, die Impfstelle vor dem Auffallen von Keimen während der Impfung 
sicher zu schützen, damit noch nicht gefunden ist. 

Den Schluss stellt nun die Anlegung des Verbandes dar, der, wie hier 
gleich bemerkt wird, nur bei weiblichen Kälbern verwendbar ist. 

Die zur Impfung benutzte Stelle hat unter verschiedenen Verhältnissen 
eine verschiedene Gestaltung, sie wechselt mit der Füllung des Unterleibes 
und mit der Stellung des Thieres. Ferner ist das Kalb gegen einen die 
Kreuzgegend treffenden Druck sehr empfindlich, so, dass sich dabei eine 
lähmungsartige Schwäche der Hinterbeine einstellt. Diese Verhältnisse sind 
bei der Anlegung eines Verbandes zu berücksichtigen, ausserdem muss der¬ 
selbe wegen der relativ bedeutenden Kräfte des Thieres auch eine relativ 
grosse Festigkeit besitzen. Es sind hiÄr und auch anderweitig eine ganze 
Reihe von Verbänden probirt worden; am besten bewährte sich nur die 
Anlage eines Verbandkissens, das durch Collodium befestigt .ward. Das 
Kissen bestand entweder aus einem undurchlässigen Gummistoffe mit darauf 
gepackter Salicylwatte oder es war aus Leinwand, die mit gereinigter Watte 
gefüllt und durchsteppt war, hergestellt. Im letzteren Falle wird das Kissen 
im Wärmschranke vor der Anlegung sterilisirt — die Befestigung erfolgt 
durch breite Gazestreifen, die reichlich mit Collodium durchtränkt waren. 
Dieselben hafteten während der kühleren Jahreszeit, wenn sie in einer 
Breite von 4 cm auf die rasirte Bauchfläche geklebt waren, genügend, um 
das Kissen fünf Tage lang auf der Blatternfläche zu erhalten. Nothwendig 
war es nur, die Haut, auf welche die Collodiumstreifen geklebt wurden, 
vollkommen trocken zu machen, die Streifen auf dieselbe anzudrücken und 
durch Pusten die Verdunstung des Aethers und Alkohols zu beschleunigen. 
Nachher ist es unumgänglich, alle Tage zu revidiren und Streifen, welche 
sich abzulösen beginnen, durch neue zu ersetzen. Auf das Ganze kam dann 


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Dr. M. Schulz, 

ein grosses Luftkissen mit einem Ausschnitte, auf welchem das Thier beim 
Liegen ruhte, dies hat sich aber nicht als absolut nöthig erwiesen. 

Mit dem beschriebenen, nach und nach herausgebildeten Verfahren 
sind seit dem Herbste 1885 Versuche des Impfflächenschutzes gemacht Die 
Haut wurde desinficirt, die Impfstelle trocken scarificirt, alsdann die Lymphe 
nach nochmaliger Desinfection eingerieben und der Verband angelegt 
Während der kühleren Jahreszeit, etwa bis Ende April dieses Jahres, zeigten 
sich dann am 5. Tage folgende Erscheinungen: 

Auf der Impffläche lag die Epidermis, welche gelockert, gelblich ver¬ 
färbt und verdickt erschien. An einzelnen Stellen fanden sich röthliche 
Auflagerungen, die dem bei der Impfung und dem Einreiben der Lymphe 
ausgeflos8enen Blute entstammten. Die bräunliche Kruste, welche sonst auf 
der Impffläche zu lagern pflegt, wär nicht bemerkbar. Die Epidermis liess 
sich mit der Pincette in Fetzen von der Unterlage abziehen und zeigte an 
ihrer unteren Fläche eine dünne, weisse Schicht des weiter unten beschriebenen 
eigentlichen Impfstoffes. Es wurde die Oberhaut, welche keine Schmutz¬ 
anhänge besass, nun für sich zur Glycerinemulsion verrieben und probeweise 
verimpft; dieselbe besass gar keinen Impfwerth. Unter dieser Oberhaut 
befindet sich eine ziemlich dicke Schicht einer Masse von Butterconsistenz, 
die eine fast weisse Farbe zeigt. Dieselbe liegt locker auf der Unterlage 
auf und lässt sich mit einem Löffel von derselben abheben; des Ausschabens 
bedarf es nicht. Sie enthält Impfstoff, der ganz leicht zur Emulsion ver¬ 
rieben werden kann, und dessen Wirksamkeit eine gute ist. Unter dieser 
befindet sich die eigentliche Lederhaut, welche roth erscheint, von grauen 
Streifen, den mit dem Impfstoffe ausgefüllten Impfschnitten, durchzogen ist 
und ihrerseits noch wirksame Vaccine birgt. 

Wurde nun auch dieser Impfstoff zu Glycerinemulsion verarbeitet, so 
zeigte er eine gute Wirksamkeit, welche der ohne Verband erzeugten Lymphe 
gleichkam. Durch Culturversuche auf Nährgelatine wurde im Allgemeinen 
ein grosser Bacterienreichthum der Lymphe festgestellt. In einem Falle 
jedoch war die Beimischung von fremden Keimen nur eine sehr geringe. 
Der in reichlicher Menge im Hygienischen Institute ausgesäete Impfstoff ent¬ 
hielt nur sehr wenige Colonieeu dlner weissen Hefe. Dieser Fall war es, 
welcher besonders zur Fortsetzung der Versuche ermunterte. 

Während nun so die Ergebnisse der Anlegung der Verbände während 
der kälteren Jahreszeit nicht ungünstig zu nennen waren, so gestalteten sie 
sich ganz anders während der wärmeren Periode. Bei der Abnahme am 
5. Tage waren jedes Mal die Epidermis und die darunter liegende Schicht 
in eine flüssige Masse verwandelt. Dieselbe zeigte eine Neigung zu schneller 
Zersetzung und war nicht verwendbar. Die darunter liegende Lederhaut¬ 
schicht hatte dagegen das oben beschriebene Aussehen, war absolut gesund 
und gab, wenn die obere flüssige Schicht sorgfältig entfernt wurde, durch 
Ausschaben einen Impfstoff, welcher, zu Lymphe verrieben, zwar wirksam 
war, aber doch nicht ganz die gleichen Erfolge zeigte wie die sonst erzeugte 
Vaccine. Mit der fortschreitenden Jahreszeit zeigten sich weitere Miss¬ 
stände. Schon gegen Ende Mai erhielten wir auch durch Verarbeiten des 
Infiltrats der Lederhaut eine Lymphe, welche zwar das Aussehen und 
sonstige Verhalten einer guten Glycerinemulsion zeigte, sich aber bei der 


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Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung. 

Verimpfung als beinahe unwirksam erwies. Bei dem nächstfolgenden Falle 
war der Erfolg ein noch schlechterer, insofern, als das ganze Product eine 
Neigung zu schneller Zersetzung zeigte und absolut unverwendbar war. 
Wir waren somit schliesslich gerade zu dem Gegentheile von den erstrebten 
Resultaten gelangt, da ja die Verbände eine antiseptische Wirkung haben 
sollten. Es war gleichgültig, ob der Verband mit durchlässigen oder 
undurchlässigen Stoffen hergestellt wurde. Vergleicht man nun diese 
Resultate mit denjenigen, welche bei der unbedeckten Impffläche erzielt 
werden, so ergiebt sich, dass der Verband von einem sehr bedeutenden Ein¬ 
flüsse auf die Blatternbildung ist. Während bei freigelassener Impffläche 
eine braune, trockene Kruste sich vorfindet, nach deren Entfernung die 
einzelnen Bläschen zu Tage treten, zeigte sich bei den im Winter hier beob¬ 
achteten Verhältnissen im Wesentlichen eine Ausdehnung und Lockerung 
der oberen Schichten, wie sie einer serösen Durchtränkung entspricht. Es 
ist mir aus einer mündlichen Mittheilung des Herrn Geheimrath v. Koch 
bekannt, dass in Württemberg die Impffläche nach der Reinigung und vor 
der Abnahme mit einem heissen, feuchten Tuche bedeckt wurde. Dadurch 
wird ebenfalls der Impfstoff in einen Zustand der Quellung versetzt und 
lässt sich leicht von den Unterlagen entfernen. Die Analogie mit den durch 
den Verband erzeugten Verhältnissen liegt ja auf der Hand. Es handelt 
sich in beiden Fällen um eine Durchfeuchtung des producirten Stoffes, die 
seine Entfernung erleichtert. 

Die beschriebenen Ergebnisse legten nun die Vermuthung nahe, dass 
unter den Einflüssen der Verbände der ganze Blatternprocess einen schnelleren 
Verlauf nehme als ohne dieselben. Namentlich hatte es den Anschein, als 
ob die am 5. Tage beobachtete Verflüssigung der oberen Schichten der 
Impffläche der unter normalen Verhältnissen später eintretenden Eiterung 
entspräche und durch die Wärme resp. Schweissbildung erzeugt werde. 

Die hier während des letzten Septembers herrschende, grosse Hitze 
gewährte Gelegenheit, diese Frage zu prüfen. Wir impften zunächst ein 
Kalb, ohne andere Maassregeln zu ergreifen als die Desinfection der Impf¬ 
fläche, und ohne einen Verband anzulegen. Das Resultat war am 5. Tage 
45 ccm einer voll wirksamen Glycerinemulsion, von welcher hier und an 
anderen Orten etwa 2000 Kinder mit dem günstigsten Erfolge geimpft 
wurden; ausserdem blieben noch 8 ccm Lymphe übrig. Ein zweites Kalb 
wurde so behandelt, dass die Impffläche in verschiedene Abschnitte getheilt 
ward, von welchen der eine offen blieb, der andere mit kleinen Verbänden 
bedeckt wurde. Vom Abend des 3. Tages an wurde nun alle 12 Stunden 
einer dieser Verbände entfernt und die darunter liegenden Blattern mit 
denen der offenen Abschnitte verglichen. Es zeigte sich aber kein schnellerer 
Verlauf an den bedeckten Tbeilen. Dieselben waren feucht, frei von Kruste 
und zeigten schliesslich die vorhin beschriebene Beschaffenheit, wie sie 
während des Winters am 5. Tage hier beobachtet wurde. Eine Verflüssigung 
war aber auch an diesem Tage nicht eingetreten. Die Vermuthung schnellerer 
Entwickelung hat sich somit durch diesen Versuch nicht bestätigt. Da aber 
die kleinen partiellen Verbände jedenfalls nicht in gleicher Weise wärmend 
wirken, wie ein grosses über die ganze Fläche hinwegreichendes Verband¬ 
kissen, so ist es möglich, dass eventuelle spätere Versuche dennoch die 


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286 Dr. M. Schulz, Einige Versuche in Bezug auf Kälberimpfung. 

Richtigkeit dieser Annahme nachweisen. Alsdann würde die Abnahme der 
Lymphe an einem früheren Tage als dem fünften vorgenommen werden 
müssen. Erwähnen will ich noch, dass bei der grossen Hitze, wenn die 
Hant des Thieres zu schwitzen beginnt, auch das Collodium auf der nassen 
Fläche nicht mehr haftet. Bei einer mittleren Temperatur geschieht dies 
jedoch nicht und man kann, sobald man das oben erwähnte Gummikissen 
weglässt und einen Stall benutzt, in welchem sich eine mittlere Temperatur 
erhalten lässt, darauf rechnen, dass der Verband haftet. 

Die Bemühungen, eine von fremden Bacterien freie Lymphe zu erhalten, 
stossen also auf Hindernisse, welche zur Zeit nicht zu überwinden sind. 

Wir besitzen keinen bacterienfreien Stoff zur Aussaat; wir sind ferner, 
wie sich nachweisen lässt, ausser Stande, die Impffläche, so lange sie bei 
der Impfung offen bleiben muss, vor auffallenden Keimen zu schützen. 
Bedenkt man nun, dass jeder einzelne dieser Keime in der Wuudfläche einen 
guten Nährboden findet, dass er Millionen von Abkömmlingen erzeugt, die 
bei der Abnahme des Stoffes mit entnommen, bei der Bereitung der Lymphe 
verrieben werden und bei neuer Impfung sich wieder vermehren, so erhellt, 
dass es mit den gegenwärtig zu Gebote stehenden Mitteln nicht möglich ist, 
einen bacterienfreien Impfstoff zu produciren, noch weniger ihn zu erhalten. 

Ausserdem aber muss es noch zweifelhaft bleiben, ob die angelegten 
Verbände in Wirklichkeit einen absoluten Schutz gegen das Eindringen von 
Keimen gewähren, da es kein Kriterium für die Beurtheilung dieses 
Punktes giebt. 

Demnach leisten die Verbände unter den jetzigen Verhältnissen nichts 
Positives. Der Zeitaufwand, den sie bei der Anlage und bei den täglichen 
Revisionen beanspruchen, überwiegt das Quantum an Zeit bedeutend, welches 
am Abnahmetage durch sie gespart wird. Sie gestatten ferner nicht eine 
so ausgiebige Ausnutzung der Hautfiäche des Thieres wie die einfache 
Impfung. Endlich ist die Brauchbarkeit des unter ihnen erzeugten Impf¬ 
stoffes eine sehr fragliche. Einen praktischen Nutzen haben sie demnach 
noch nicht, sie befinden sich vielmehr im Stadium des Experimentes. Ein 
Institut wie das hiesige, welches in der Hauptsache nur huraanisirte Lymphe 
producirt und nur nebenbei geringere Summen zu Versuchen erhält, kann 
wohl nach dieser Richtung hin experimentiren; eine Lympheerzeugungs- 
Anstalt jedoch, die grosse Kreise mit Kälberlymphe versorgen soll, muss 
auf die Verbände verzichten. Wenn aber die Antiseptik bei der Kälber¬ 
impfung nichts leistet, so kann andererseits die Reinlichkeit bei der Impfung 
und Abimpfung bis ins Kleinste durchgeführt werden. Dies gilt sowohl für 
die Flächenculturen als auch für die Production einzelner Pocken, und damit 
ist den nothwendigen Ansprüchen für die Praxis für jetzt Genüge geleistet. 


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Dr. Iteimann, Ueber die Vaccination in Russland. 


287 


Ueber die Vaccination in Russland. 

Einige Bemerkungen zu dem Aufsätze des Dr. Ucke 1 ). 

Von Dr. Beimann in Kiew (Russland). 


Ein Artikel in der in russischer Sprache geschriebenen „Medicinischen 
Rundschau“, in welchem Dr. Ucke heftig angegriffen wird, machte mich auf 
seinen Aufsatz im 3. Hefte des 18. Bandes der „Vierteljahrsschrift für Ge¬ 
sundheitspflege“ aufmerksam. 

Ich bin weit davon entfernt, den Ton zu billigen, in welchem die 
russische Fachzeitung den Artikel und das „System Ucke“ bespricht; was 
inde